Cornelius a Lapide, S.J.
Vorbemerkungen
Inhaltsverzeichnis
KOMMENTARE ZUR HEILIGEN SCHRIFT Von dem ehrwürdigen Pater Cornelius a Lapide aus der Gesellschaft Jesu, ehemals Professor der Heiligen Schrift zu Löwen, sodann zu Rom, sorgfältig durchgesehen und mit Anmerkungen versehen von Augustinus Crampon, Priester der Diözese Amiens. ERSTER BAND Enthaltend die wörtliche und moralische Auslegung des Pentateuch des Mose, Genesis und Exodus PARIS Verlegt bei Ludwig Vivès, Buchhändler und Verleger, Straße Nr. 13, gemeinhin Delambre genannt, 13. 1891
DEM HOCHWÜRDIGSTEN UND ERLAUCHTESTEN HERRN
HEINRICH FRANZ VAN DER BURCH,
ERZBISCHOF UND HERZOG VON CAMBRAI,
FÜRST DES HEILIGEN RÖMISCHEN REICHES, GRAF VON CAMBRAI.
Es fügte sich zur rechten Zeit durch Gottes vorsehende Fügung, erlauchtester Herr, daß gerade zu dem Zeitpunkt, da Ihr als Erzbischof und Fürst des Heiligen Römischen Reiches zu Cambrai eingesetzt wurdet, dieser mein Moses — Euch von seiner ersten Empfängnis an zugedacht und Euch aus vielen Gründen geschuldet — ans Licht gebracht wurde.
Alle wissen, wie eng die Verbindung unserer Seelen seit vielen Jahren gewesen ist — ein Band, das ein Gleichklang der Natur, gemeinsame Neigungen und verwandte Studien zuerst geknüpft, das die Vertrautheit vermehrt und das die Gnade Gottes im nahezu gleichen Lebensmuster unser beider bestätigt und vollendet hat. Aus diesem Grunde von Euch von Mecheln an die Metropolitankirche, der Ihr als Dekan vorstandet, als Beichtvater für die feierlicheren Feste des Jahres berufen, machte ich viele Jahre lang von Eurer Gastfreundschaft und Tischgemeinschaft freimütigen und reichlichen Gebrauch, bis unsere Gesellschaft in jener Stadt sowohl ein Noviziat als auch ein Kolleg errichtete.
Was aber der heilige Johannes der Täufer von Christus sprach — „Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen“ — dies sah ich seit langem bezüglich Eurer erlauchtesten Herrschaft und meiner selbst voraus, obwohl ich kein Prophet bin; und wir alle sehen, daß es eingetroffen ist, und wir freuen uns darüber.
Denn in der Tat, wem könnte dieser mein Moses besser zugehören als Eurer erlauchtesten Herrschaft, die Ihr dem Volke Gottes als kirchlicher und zugleich weltlicher Herzog vorsteht, als Bischof und zugleich als Fürst — so wie Mose die Kirche der Hebräer nicht weniger als ihren Staat formte, lenkte und leitete und sie aus Ägypten durch weglose Wüsten und an zahllosen Feinden vorbei, unversehrt und sogar siegreich, in das Gelobte Land führte. Denn er errichtete und regierte die Kirche durch die zeremoniellen Vorschriften des von Gott empfangenen Dekalogs, den Staat durch die richterlichen Vorschriften und beide durch die sittlichen Vorschriften. In Mose also, ebenso wie in Melchisedech, Abraham, Isaak, Jakob und den übrigen alten Erzvätern, waren beide höchsten Gewalten — nämlich die des Fürsten und die des Priesters — vereint, so daß er als eine Art Fürst die bürgerlichen Angelegenheiten und als eine Art Priester, Pontifex und Hierarch die heiligen Angelegenheiten verwaltete, bis er das eine Amt, nämlich das Priestertum, auf seinen Bruder Aaron übertrug und ihn zum Hohenpriester weihte. Mose war daher ein Hirte — zuerst der Schafe, dann der Menschen, die er sowohl mit seinem Hirtenstab, dem Werkzeug so vieler Wunder, von Pharao befreite als auch mit den heiligsten Gesetzen sowohl des kirchlichen als auch des bürgerlichen Bereichs lenkte; denn ein König und Fürst muß nicht weniger als ein Priester und Pontifex ein Hirte sein.
Homer nennt den König den Hirten der Völker, weil er sie nähren soll, wie ein Hirte die Schafe nährt, und sie nicht scheren.
Seid daher, erlauchtester Herr, unser niederländischer Mose; blickt auf diesen unseren Mose und drückt ihn, wie Ihr es schon tut, mehr und mehr in Eurem Leben und Wandel aus — so werdet Ihr das Volk Gottes nicht in das Land der Kanaaniter, das den Juden verheißen war, führen, sondern in das Land der Lebendigen und derer, die im Himmel triumphieren; ja Ihr werdet sie ganz dorthin geleiten, was Mose selbst nicht vermochte.
Der hl. Basilius war der Mose seines Zeitalters, sagt sein Gefährte, der selige Gregor von Nazianz, in seiner Lobrede auf den hl. Basilius, und er lernte von Mose selbst, wie Mose zu handeln. Der hl. Basilius selbst bekennt dies in Brief 140 an den Sophisten Libanius: „Wir verkehren in der Tat, o vortrefflicher Mann, mit Mose und Elija und solchen seligen Männern, die uns ihre Lehre in einer fremden Sprache überliefern; und was wir von ihnen gehört haben, sprechen wir — der Bedeutung nach wahr, den Worten nach ungeschliffen.“ Wie gründlich der hl. Basilius seinen Mose durchgearbeitet hat, zeigt allein schon das Hexaemeron — jene Werke, die er als Kommentar zur Genesis des Mose so mühsam abgefaßt hat, daß der hl. Ambrosius sie übersetzte und den lateinischen Ohren nicht so sehr sein eigenes Werk als vielmehr das des hl. Basilius darbot in seiner Abhandlung Über das Sechstagewerk.
Rufinus bezeugt, daß der hl. Basilius und der hl. Gregor von Nazianz, nachdem sie in Athen Beredsamkeit und Philosophie studiert hatten, dreizehn Jahre der Lektüre und Betrachtung des Mose und der Heiligen Schrift widmeten. Alle wissen, erlauchtester Herr, wie sehr Ihr Euch an Mose und der Heiligen Schrift erfreut, wie eifrig Ihr sie, wenn es Eure Pflichten erlauben, zu lesen, zu durchforschen und zu ergründen pflegt. Ihr erinnert Euch, wieviel unser Tischgespräch, als ich Euer Gast war, ihr gewöhnlich gewidmet war; Ihr erinnert Euch, daß wir bei einer einzigen Mahlzeit zehn oder zwölf Kapitel der Genesis miteinander durchlasen und Ihr mir viele schwierige Fragen darüber vorlegtet, die ich aus dem Stegreif beantwortete, so gut das Gedächtnis es zuließ — in diesem Werk aber werdet Ihr sie von Anfang an entfaltet, in ausführlicher Prüfung erklärt, vollständig dargelegt und in zusammenhängendem Faden behandelt sehen.
Mose entstammte dem edlen Geschlecht der Erzväter und war ein Ururenkel Abrahams. Denn Abraham zeugte Isaak, Isaak Jakob, Jakob Levi, Levi Kaath, Kaath Amram und Amram Mose.
Auch der hl. Basilius stammte von Eltern ab, die durch Frömmigkeit nicht weniger als durch Geburt hervorragten — Basilius und Emmelia —, und seine Mutter folgte ihrem Sohn sogar, als er sich in die Wüste zurückzog. Euer Geschlecht, erlauchtester Herr, das durch Tugend nicht weniger als durch Blut hervorleuchtet, wird von Euren Mitbürgern in hohen Ehren gehalten. Euer Großvater war Präsident des Rates von Flandern und versah dieses Ehrenamt zu seinem großen Ruhm und zur Dankbarkeit des Gemeinwesens. Euer Vater, ein Mann von höchstem Urteil und größter Klugheit, war zuerst Präsident des großen Parlaments von Mecheln, sodann des Geheimen Rates; er stand in der Treue zu seinem Fürsten inmitten der wundersamen und schweren Erschütterungen und Stürme dieser Niederlande fest und unerschütterlich, und aus diesem Grunde war er dem katholischen König Philipp II. seligen Angedenkens überaus teuer. Und obwohl er diese überaus großen Ehren und Ämter viele Jahre lang bekleidete, in deren Verlauf er ungeheure Reichtümer hätte anhäufen können, vermehrte er doch nicht das Familienvermögen, stets auf das Gemeinwohl bedacht, so daß er seine eigenen privaten Angelegenheiten zu vernachlässigen schien.
Dasselbe vollbrachte jener berühmte Kanzler von England und Märtyrer, der selige Thomas Morus, der fünfzig Jahre im öffentlichen Leben verbracht und die höchsten Ämter bekleidet hatte und dennoch sein Jahreseinkommen nicht auf siebzig Goldstücke steigerte. Im Gegenteil, Euer Vater verminderte sein eigenes Vermögen und erlitt schwere Verluste an Gütern, gerade weil er in seiner Treue zu seinem Fürsten beständig und standhaft blieb. Denn im Jahre 1572, als die Häretiker Mecheln überraschend einnahmen, wurde er in ein entwürdigendes Gefängnis geworfen, vielen Bedrängnissen ausgesetzt und erlitt auch einen schweren Vermögensverlust; und wäre nicht der Herzog von Alba plötzlich mit seinem Heer eingetroffen, so war er bereits zum Tode bestimmt. Sodann im Jahre 1580, als dieselbe Stadt abermals von den Häretikern besetzt wurde, wurde sein Haus erneut geplündert und alle seine Habe geraubt, und überdies wurde er gezwungen, viele tausend Gulden für die Auslösung seiner Frau zu zahlen, die sich nicht durch Flucht hatte retten können.
Mose stieg nicht sogleich zur Macht auf, sondern erlangte die Führung stufenweise. In den ersten vierzig Jahren wurde er am Hofe Pharaos in aller Weisheit der Ägypter erzogen und lernte, mit den Großen umzugehen. In den zweiten vierzig Jahren gab er sich, die Schafe hütend, der Betrachtung hin; und dann, im Alter von achtzig Jahren, übernahm er das Hirtenamt und die Führung des Volkes. Ebenso handelte der hl. Basilius, von dem der hl. Gregor von Nazianz sagt: „Nachdem er zuerst die heiligen Bücher gelesen und ihr Ausleger geworden war, wurde er von Hermogenes, dem Bischof von Cäsarea, zum Priester geweiht“ und so weiter.
In gleicher Weise lobt der hl. Cyprian den hl. Cornelius, Bischof von Rom, im vierten Buch, Brief 2 an Antonianus: „Dieser Mann (Cornelius), sagt er, gelangte nicht plötzlich zum Episkopat, sondern wurde durch alle Ämter der Kirche befördert und verdiente sich oft um den Herrn in den göttlichen Diensten; er stieg zur erhabenen Höhe des Priestertums empor durch jede Stufe des geistlichen Lebens. Sodann suchte er den Episkopat selbst weder, noch begehrte er ihn, noch ergriff er ihn, wie es andere tun, die vom Schwulst ihrer Anmaßung und ihres Stolzes aufgebläht sind; sondern ruhig und bescheiden und so, wie es diejenigen zu sein pflegen, die göttlich für diesen Platz erwählt werden, zwang er sich aus der Bescheidenheit seines jungfräulichen Gewissens und aus der Demut seiner ihm angeborenen und sorgfältig bewahrten Zurückhaltung nicht, wie es manche tun, dazu, Bischof zu werden, sondern erlitt selbst den Zwang, den Episkopat anzunehmen.“
Ist es nicht mit ebenjenen Worten, mit denen er Cornelius schildert, daß der hl. Cyprian auch Euch, erlauchtester Herr, und Euren makellosen Charakter schildert? Ihr stiegt Stufe um Stufe zum Gipfel des Priestertums empor. Zunächst erfülltet Ihr die Aufgaben des Kanonikers und Priesters — nicht in Müßiggang und Untätigkeit, sondern indem Ihr Eurem Haushalt eine fromme Ordnung gabt, Euch dem Hören der Beichten widmetet, Euch dem Studium hingabt, ohne Unterlaß am Psalmengesang teilnahmt, den Bedürftigen mit Rat nicht weniger als mit Almosen beistandetet und in Werken der Gastfreundschaft und Barmherzigkeit beharrtet. Dieses unschuldige und reine Leben, ebenso voll Liebe und Eifer wie voll Tugend, rief die Stimmen aller zusammen, so daß sie Euch zum Dekan der Metropolitankirche von Mecheln wählten — und was Ihr in jenem Amte geleistet habt, verkünden der Chor und der Klerus von Mecheln, die für ganz Belgien ein Spiegel der Tugend und Frömmigkeit sind, noch jetzt auch ohne mein Wort. Bald darauf wurdet Ihr vom erlauchtesten Erzbischof von Mecheln zum Generalvikar ernannt; in welchem Amte Ihr die gesamte praktische Kirchenverwaltung mit solcher Treue, solchem Eifer, solcher Anmut und Geschicklichkeit überschautet und lenktet, daß Ihr allerorten die kirchliche Disziplin wiederherstelltet, vermehrtet und befestigtet — ein würdiger Schüler eines so großen Meisters. Und dabei war es besonders bemerkenswert, daß Ihr beiden Ämtern mit solcher Genauigkeit gerecht wurdet, daß weder der Chor je seinen Dekan noch die Diözese ihren Vikar vermißte. Ihr waret stets der Erste im Chor, selbst im tiefsten Winter, in der bittersten Kälte, selbst wenn Ihr von einer auswärtigen Pastoralvisitation ermüdet nach Hause kehrtet und Eurem Leibe keine Ruhe gönntet. Durch diese Stufe wurdet Ihr zum Bischofssitz von Gent von unserem allerdurchlauchtigsten Erzherzog berufen, der bei der Auswahl der Prälaten ein scharfes und einzigartiges Urteil anlegt, der Gunst und Geblüt nichts, der Tugend aber alles zugesteht — in welcher Stellung Ihr Euch ihm und ganz Belgien so empfohlen habt, daß Ihr nun nicht bloß zum Erzbistum eingeladen, sondern beinahe dazu gezwungen werdet.
Mose, von Gott ein drittes und viertes Mal berufen, die Führung zu übernehmen, lehnte ab und entschuldigte sich so weit, daß er den Zorn Gottes erregte, und wies sowohl die Ehre als auch die Last zurück. Im Buch Exodus, Kapitel IV, spricht er: „Ich bitte dich, Herr, ich bin nicht beredt, weder von gestern und vorgestern, noch seitdem du zu deinem Knecht gesprochen hast; schwer von Mund und schwer von Zunge bin ich: ich bitte dich, Herr, sende, wen du senden willst.“ Ebenso floh der hl. Basilius vor dem Bischofssitz von Neocäsarea, wie er selbst in Brief 164 schreibt. Desgleichen, nachdem er seinem Freund Eusebius, Bischof von Cäsarea, treu in dessen Krankheit bis zum Tode beigestanden hatte, verbarg er sich, sobald Eusebius gestorben war, sogleich; entdeckt, verstellte er Krankheit; und nur widerstrebend, unter großem Widerstand wurde er zum Bischof gemacht.
Als Ihr als Vikar amtiertet, wolltet Ihr die Last abschütteln, Euch zurückziehen und für Euch selbst und für Gott leben; und Ihr hättet dies in der Tat verwirklicht, hätte nicht unser ehrwürdiger Pater Provinzial — einst Euer Lehrer in der Philosophie — Euch von diesem Vorsatz abgebracht und Euch überredet, den Nacken abermals unter die fromme Last zu beugen.
Als überdies seine allerdurchlauchtigste Hoheit, der Erzherzog, Euch vom Bistum Gent zu versetzen erwog und Euch als Erzbischof von Cambrai vorgeschlagen hatte, du gütiger Gott! wie tief trauerten Ihr, wie lange widerstritttet Ihr, wie viele Auswege suchtet Ihr — und nur von den unablässigen Bitten vieler, von Drohungen und beinahe Gewalt getrieben und genötigt, damit Ihr nicht dem Anschein erwecktet, Gott zu widerstehen, der Euch durch so viele Zeichen berief, nahmt Ihr zuletzt wider Willen das Amt an.
Dasselbe tat im vorangegangenen Jahrhundert, zum Staunen der ganzen Welt, Johann Fisher, Bischof von Rochester, der berühmte Märtyrer Englands, der wegen seiner unvergleichlichen Gelehrsamkeit und Reinheit des Lebens auf den Bischofsstuhl von Rochester erhoben wurde. Und als diese Pfründe hernach für die Verdienste eines so großen Mannes zu bescheiden erschien und Heinrich VIII. ihn zu Höherem befördern wollte, konnte er niemals dazu bewogen werden, seine eigene Braut — bescheiden war sie zwar, doch die erste durch Gottes Berufung, und von ihm selbst durch die Mühen vieler Jahre so gut wie möglich gepflegt — um irgendeines reicheren Bischofssitzes willen aufzugeben. Er fügte hinzu: „daß er sich überaus glücklich schätzen werde, wenn er am Tage des Herrn wenigstens für diese kleine ihm anvertraute Herde und für die nicht sonderlich großen daraus empfangenen Einkünfte recht Rechenschaft ablegen könne; denn eine strengere Abrechnung werde dann sowohl für die wohlversorgten Seelen als auch für die recht ausgegebenen Gelder verlangt werden, als die Sterblichen gemeinhin annehmen oder sich zu bedenken pflegen.“
Die Heilige Schrift erteilt Mose dieses Lob: daß er der sanftmütigste aller Sterblichen gewesen sei. Der hl. Basilius, der christliche Mose, besiegte seine Widersacher durch seine beständige Güte, wie der hl. Gregor von Nazianz von ihm schreibt.
Eure Leutseligkeit, erlauchtester Herr, wird von allen bewundert — jene Leutseligkeit, mit der Ihr jeden freundlich empfangt, ehrenvoll begrüßt und allen ein heiteres Antlitz, ein bereitwilliges Wort und einen freigebigen Sinn zeigt. Auf diese Weise habt Ihr die Herzen des Volkes von Gent zur Liebe für Euch gezogen, Ärgernisse beseitigt, die kirchliche Disziplin wiederhergestellt, Pfarrer von zügellosem Lebenswandel entweder gebessert oder entfernt, so daß ein neuer Glanz — ja eine Herrlichkeit — wie ein neuer Strahl von der Kirche von Gent auf ganz Belgien scheint. Denn wie Belgien das Kleinod der Welt ist, so ist Gent das Kleinod Flanderns und Belgiens, nicht zuletzt berühmt als Geburtsort Karls V., des unbezwungenen Kaisers. Daher jene geflüsterten Worte des Volkes, wenn Ihr durch die Straßen schreitet: „Seht, ein Engel geht vorüber. Seht, unser Engel.“ Jene allerweiseste Vorsehung Gottes, die die ganze Welt göttlich regiert, bezeugt der Weise: „Sie reicht mit Macht von einem Ende zum andern und ordnet alles mit Milde.“ Diese Vorsehung ahmt Ihr nach: durch Milde erweicht und durchdringt Ihr Schwierigkeiten, durch Stärke überwindet Ihr sie. Und so bringt Ihr, was immer Ihr Euch vornehmt, glücklich zustande und führt es zu Ende. Mit Recht sei daher Euer Wahlspruch: Mild und stark.
Mose hegte eine mütterliche Liebe zu seinem halsstarrigen Volk und liebte es so sehr, daß er wünschte, aus dem Buche des Lebens getilgt zu werden. So nährte er wie eine Amme jenes Volk vierzig Jahre lang in der Wüste mit himmlischem Brot — nämlich dem Manna; und noch mehr mühte er sich, ihre Seelen zur Furcht und Liebe Gottes zu entflammen, wie sich aus dem gesamten Deuteronomium ergibt. Den Eifer und die Wohltaten des hl. Basilius gegenüber seinem Volk berichtet Rufinus, Buch II, Kapitel 9: „Basilius, sagt er, durchzog die Städte und das Land von Pontus und begann, die trägen Gemüter jenes Volkes — die wenig um ihre künftige Hoffnung besorgt waren — mit seinen Worten aufzurütteln und durch seine Predigt zu entflammen und die Schwiele langer Vernachlässigung von ihnen abzulösen. Er brachte sie dazu, ihre eitlen und weltlichen Sorgen beiseitezulegen, sich selbst zu erkennen, sich zusammenzuschließen, Klöster zu errichten; er lehrte sie, sich Psalmen, Hymnen und Gebeten hinzugeben, für die Armen zu sorgen, Häuser für Jungfrauen zu gründen, und machte ein keusches und reines Leben beinahe allen begehrenswert. So wurde in kurzer Zeit das Antlitz der ganzen Provinz verwandelt.“
Während der hl. Basilius predigte, sah der hl. Ephrem eine Taube, die ihm die Predigt ins Ohr flüsterte — eine Taube, sage ich, die das Zeichen und Sinnbild des Heiligen Geistes ist, wie Gregor von Nyssa bezeugt. Bedenkt also, welcher Art seine Predigt war und wie glühend und inbrünstig! Der hl. Gregor von Nazianz bezeugt, daß eine öffentliche Hungersnot durch das Wirken des hl. Basilius gelindert wurde: „Er nährte alle, sagt er, doch auf welche Weise? Hört. Indem er durch seine Rede und Ermahnung die Kornkammern der Reichen öffnete, tat er, was die Schrift sagt: Er bricht Brot für die Hungernden, sättigt die Armen mit Broten, nährt sie in der Hungersnot und füllt hungrige Seelen mit Gutem. Aber wie genau? Nachdem er die Ausgehungerten an einem Ort versammelt hatte — manche, die kaum noch Atem hatten —, Männer, Frauen, kleine Kinder, Greise, jedes Alter, des Mitleids würdig: sammelte er jegliche Art von Speise, die den Hunger zu vertreiben pflegt, stellte Töpfe voll Gemüse vor sie hin; und dann, den Dienst Christi nachahmend, der sich mit einem leinenen Tuch gürtete und es keineswegs verschmähte, die Füße seiner Jünger zu waschen, wobei er auch den Dienst seiner Bediensteten oder Mitknechte zu diesem Zwecke in Anspruch nahm, sorgte er für die Leiber und die Seelen der Armen. Solcherart war unser neuer Verwalter und zweiter Joseph“ und so weiter. Aber Basilius' eigener Bruder Gregor von Nyssa fügt hinzu, daß der hl. Basilius damals auch sein eigenes persönliches Erbe an die Armen verteilte.
Eure Nächstenliebe, Fürsorge, Euren Eifer und Euren Dienst an allen verkünden all Eure Hirten, Kleriker wie Laien. Ihr habt viele Kirchen, Güter und Bischofsresidenzen wiederhergestellt, und für diese und ähnliche Werke der Nächstenliebe habt Ihr nicht nur die Einkünfte der Kirche, sondern auch Euer eigenes Erbgut aufgewendet. Alle Armen, Betrübten und Bedrängten preisen Eure Mildtätigkeit; die Natur treibt Euch dazu an und die Gnade drängt Euch vorwärts; wahrhaftig mögt Ihr jene Worte des heiligen Hiob sprechen: „Von meiner Kindheit an wuchs das Erbarmen mit mir auf, und vom Mutterschoße ging es mit mir hervor.“
Ihr habt mir mehr als einmal gesagt — und ich habe es aus Erfahrung als wahr befunden —, daß es nichts gibt, was Ihr lieber tut, nichts Angenehmeres, als Hospitäler und die Häuser der Armen und Elenden zu besuchen, sie zu trösten, ihnen mit Almosen beizustehen und sie mit jedem Dienst der Barmherzigkeit zu erquicken. Eben dies erfuhren in diesem Jahr die Leute des Hennegaus und von Mons. Denn als sie von einer überaus schweren Pest heimgesucht wurden, die viele Tausende von ihnen dahinraffte, und kein Mittel mehr blieb, um das Übel aufzuhalten, sandtet Ihr ihnen die Reliquien — den Leib des hl. Makarius, einst Erzbischof von Antiochien in Armenien —, und sobald er in die Stadt gebracht wurde, begann die Seuche, gleichsam vom Himmel zurückgeschlagen, zu weichen und abzunehmen, und sie hörte nicht auf abzunehmen, bis sie gänzlich erloschen war. Alle Leute von Mons bekennen dies und feiern es öffentlich, und zum Dank errichteten sie dem hl. Makarius auf freigebige Kosten einen silbernen Reliquienschrein.
Mose stiftete die Nasiräer und gab ihnen Gesetze im Buch Numeri, Kapitel V. Der hl. Basilius, der Mose der Zönobiten, rief im ganzen Orient Klöster ins Leben und schrieb ihnen klösterliche Satzungen vor. Die Häretiker griffen ihn deswegen an, als habe er sich als Erfinder von Neuerungen erwiesen; ihnen antwortete er in Brief 63: „Wir werden angeklagt, sagt er, auch dieser Lebensweise wegen, daß wir Männer haben, die Mönche sind, der Frömmigkeit ergeben, die der Welt entsagt haben und allen ihren Sorgen, die der Herr mit Dornen verglichen hat, welche die Fruchtbarkeit des Wortes hindern; solche Männer tragen die Abtötung Jesu am Leibe, und ein jeder nimmt sein Kreuz auf sich und folgt dem Herrn nach. Ich meinesteils möchte mein ganzes Leben dafür aufwenden, daß mir diese Vergehen zur Last gelegt werden und daß ich Männer bei mir habe, die unter meiner Anleitung dieses Studium der Frömmigkeit bisher angenommen haben“ und so weiter. Sodann fügt er hinzu, daß Ägypten, Palästina und Mesopotamien voll sind von solchen, die dieser christlichen Philosophie folgen; und daß selbst Frauen, die demselben Streben nacheifern, glücklich eine gleiche Lebensregel erreicht haben. Da diese erhabene Lebensweise bei seinem eigenen Volke bereits Wurzeln zu schlagen begonnen hatte, äußerte er den Wunsch, sie möge sich so weit wie möglich ausbreiten; und dieses Unternehmen zu beneiden, erklärt er in den folgenden Worten, sei nichts anderes, als den Teufel selbst an Bosheit übertroffen zu haben: „Dies versichere und bekräftige ich euch: daß, was der Vater der Lüge, Satan, bisher nicht zu sagen gewagt hat, verwegene Herzen nun unablässig und mit völliger Zügellosigkeit aussprechen, durch keinen Zügel der Mäßigung zurückgehalten.“ Aus diesen Worten ermesset, für welche Art von Menschen die Häretiker und verdorbenen Christen, die Feinde der Ordensleute, zu halten sind.
Ihr, erlauchtester Herr, seid kein Ordensmann durch förmliche Profeß oder durch Zugehörigkeit zu einem Ordenshaus; aber was schwieriger ist, Ihr führt ein klösterliches Leben in der Welt. Euer Haushalt, Eure Familie sind so geordnet, so fromm, daß es ein Kloster zu sein scheint. Woher dies? Offenbar, weil das, was Gregor von Nazianz über den hl. Basilius sagt — „das Leben des Basilius war für alle eine Richtschnur des Lebens“ — ebenso auf Euch zutrifft. Ihr seid ein Freund unserer Gesellschaft und aller Ordensleute, die wahrhaft Ordensleute sind, und besonders derer, die nicht für sich allein leben, sondern auch für andere, und ihre Bemühungen darauf verwenden, Seelen zum Heile zu führen.
Die Frauenklöster in der gesamten Erzdiözese Mecheln in früheren Zeiten und nun in der Diözese Gent sind von Euch so häufig visitiert, reformiert, mit heiligen Verordnungen aufgerichtet und geleitet worden, daß alle Euch wie einen Vater verehren, lieben und auf Euch ihr Vertrauen setzen.
Mose widerstand dem Pharao und seinen Zauberern mit wunderbarer Standhaftigkeit; er hielt die Feinde des Gottesvolkes allenthalben auf, besiegte und unterwarf sie. Der hl. Basilius überwand und erschlug den abtrünnigen Kaiser Julian: denn so schreibt Damascenus nach Helladius in seiner ersten Rede Über die Bilder: „Basilius, sagt er, der Fromme, stand vor dem Bilde Unserer Herrin, auf dem auch die Gestalt des Merkurius, des berühmten Märtyrers, dargestellt war, und stand dort im Gebet, daß der gottlose Apostat Julian beseitigt werde. Und von diesem Bilde her erfuhr er, was geschehen werde. Denn er sah den Märtyrer zunächst dunkel und undeutlich, doch nicht lange danach einen blutbefleckten Speer haltend.“
Wie ruhmvoll sodann waren die Kämpfe des hl. Basilius gegen Valens und die Arianer? Modestus, der Präfekt des Valens, bedrängte, wie Gregor von Nazianz bezeugt, den Basilius, der Religion des Kaisers zu folgen. Er weigerte sich. Da sagte der Präfekt: „Wir, die wir dies befehlen — was scheinen wir euch am Ende?“ — „Gar nichts, sagte Basilius, solange ihr solches befehlt; denn das Christentum wird nicht durch den Rang der Personen, sondern durch die Lauterkeit des Glaubens ausgezeichnet.“ Da erhob sich der Präfekt, vor Zorn entbrannt: „Was, sagte er, fürchtest du diese Macht nicht?“ — „Und warum sollte ich sie fürchten? sagte Basilius; was wird geschehen? was werde ich leiden?“ — „Was wirst du leiden? erwiderte jener. Eines von den vielen Dingen, die in meiner Macht stehen.“ — „Und welche sind das? fügte Basilius hinzu: laßt es mich wissen.“ — „Einziehung der Güter, sagte jener, Verbannung, Folter, Tod.“ Darauf Basilius: „Wenn du etwas anderes hast, drohe mir damit; denn von dem, was du eben genannt hast, berührt uns nichts.“ — „Wie so?“ sagte der Präfekt. — „Weil, sagte Basilius, wer nichts besitzt, der Einziehung der Güter nicht unterworfen ist — es sei denn, du brauchst vielleicht diese zerlumpten und abgetragenen Fetzen hier und diese wenigen Bücher, in denen mein ganzes Hab und Gut besteht. Die Verbannung aber kenne ich nicht, denn ich bin an keinen bestimmten Ort gebunden; ich nenne nicht einmal dieses Land, das ich jetzt bewohne, mein eigen, und wohin auch immer ich verschlagen werde, rechne ich zu dem Meinen; oder richtiger gesagt, ich weiß, daß die ganze Erde Gottes ist, dessen Fremdling und Pilgrim ich bin.“ Hört noch Größeres und einen noch größeren Geist. „Was die Folter betrifft, was kann ich empfangen, da mir die Leibeskraft fehlt? — es sei denn, du meinest den ersten Schlag: denn über diesen allein liegt die Entscheidung und Macht bei dir. Der Tod aber wird mir zur Wohltat sein: er wird mich schneller zu Gott senden, für den ich lebe und in dessen Dienst ich stehe, und dessen Tod ich zum größten Teil schon gestorben bin, und zu dem ich schon lange eile. Feuer und Schwert, wilde Tiere und Klauen, die das Fleisch zerreißen, sind uns eher Lust und Wonne als Schrecken. Darum häufet Schmähungen auf uns, drohet, tut, was euch beliebt, genießet eure Macht; auch der Kaiser möge dies hören — ihr werdet uns nimmermehr besiegen, noch es bewirken, daß wir der gottlosen Lehre zustimmen, und drohtet ihr auch Schlimmeres als dies.“
Von solchem Freimut gebrochen, ging der Präfekt zum Kaiser und sprach: „Wir sind vom Bischof dieser Kirche besiegt; er steht über Drohungen, ist fester im Wort, stärker als schmeichelnde Reden. Irgendein Zaghafterer muß versucht werden.“ Mit Recht also verspottete Cyrus Theodorus diesen Präfekten — der später, als er erkrankte, genötigt war, die Hilfe des Basilius zu erbitten — mit folgenden Versen:
Du bist Präfekt zwar über alle andern, Modestus,
doch unter Basilius dem Großen ordnest du dich ein.
So sehr du auch zu herrschen trachtest, du fügst dich;
eine Ameise bist du, magst du auch brüllen wie ein Löwe.
Theodoretus, Buch IV, Kapitel 17, fügt dies hinzu: Es war auch, sagt er, ein gewisser Mann namens Demosthenes anwesend, Vorsteher der kaiserlichen Küche, der auf ganz barbarische Weise Basilius, den Lehrer des ganzen Erdkreises, tadelte. Aber der hl. Basilius sprach lächelnd: „Wir haben einen ungebildeten Demosthenes gesehen.“ Und als jener, in noch größerem Zorn entbrennend, zu drohen begann, sagte Basilius: „Eure Aufgabe ist es, für die Würzung der Brühen zu sorgen; denn da eure Ohren mit Schmutz verstopft sind, könnt ihr die heilige Lehre nicht hören.“
Eure Standhaftigkeit in der Verteidigung des Glaubens und der Disziplin, erlauchtester Bischof, wird allerorten gepriesen; denn alle sehen, daß Ihr nicht ablaßt, bis Ihr sie bekräftigt und die Widerspenstigen sanft unter das Joch des Herrn zurückgeführt habt, so daß sie selbst hernach staunen, sich ergeben zu haben und so gewandelt zu sein. Manche sagen, Ihr besäßet einen magischen Zauber der Anziehung und Bezauberung, weil Ihr jedermann von allem überzeugen könnt und nicht ruht, bis Ihr wen auch immer auf Eure Seite — das heißt, zur gesunden Vernunft — gezogen habt. Viel Hartes habt Ihr in diesem Werke verschluckt; Härteres noch werdet Ihr verschlucken, aber Gott wird dabei sein und Euch geben, es zu überwinden.
Mose hinterließ, als er zu den Vätern ging, ein unermeßliches Sehnen nach ihm im Volk — „und die Kinder Israels beweinten ihn in den Steppen von Moab dreißig Tage.“
Beim Tod und Begräbnis des hl. Basilius, schreibt der hl. Gregor von Nazianz, war der Andrang der Trauernden — selbst der Juden und Heiden — so groß, daß mehrere im Gedränge erdrückt und getötet wurden.
Welchen Schmerz Eure Leute von Gent bei Eurem Weggange empfinden, den sie als den Tod eines Vaters betrauern, davon spricht die ganze Stadt. Durch die Straßenkreuzungen hört man diese Stimmen: „Ach! eines so großen Mannes waren wir nicht würdig; unsere Sünden entreißen uns diesen Bischof. Wir halten dies für eine große Geißel Gottes. Unser Engel geht fort — wer wird uns behüten? wer wird uns leiten?“ Auf der anderen Seite, so groß wie die Trauer derer in Gent ist, die Euch verlieren, so groß ist die Freude derer in Cambrai, die Euch empfangen; die Gegend von Mons frohlockt, Valenciennes jubelt, Cambrai ruft laut vor Freude.
Eine große Ernte erhebt sich hier vor Euch, mit großer Mühe zu ernten: nahezu achthundert Pfarreien zu verwalten; wieviele Tausende von Gläubigen zu weiden? wieviele Tausende von Seelen zu retten? Hier wird Euer Fleiß geschärft, Eure Nächstenliebe angefacht, Euer Eifer entflammt werden — zumal Ihr jenen Ausspruch des hl. Gregor von Nazianz bedenkt und nun bedenkt: „Basilius erleuchtete durch die eine Kirche von Cäsarea die ganze Welt.“
Ihr werdet in den Annalen der Kirche von Cambrai — die überaus alt und unter den vornehmsten in Belgien ist — finden, daß sehr viele ihrer Bischöfe in das Verzeichnis der Heiligen aufgenommen worden sind, deren jeder durch wunderbare Heiligkeit mittels seiner eigenen besonderen Tugend und Übung hervorstrahlte.
Der hl. Vindicianus wandte große Mittel und Mühen an für den Bau heiliger Stätten und ihre Zurichtung für die Versammlung der Gläubigen: er errichtete vor allem Klöster und Kirchen.
Der hl. Lietbert „vermied Unrecht überaus vorsichtig, ertrug es überaus gleichmütig und beendete es überaus schnell, sagt der Verfasser seines Lebens; die Liebe zum Geld hielt er für das sicherste Gift all seiner Hoffnungen; seine Freunde nutzte er, um Güte zu erwidern, seine Feinde, um Geduld zu üben, und die übrigen, um Wohlwollen zu pflegen.“ Als er nach Jerusalem aufbrach, zog er dreitausend Männer mit sich, die ihn auf der Pilgerfahrt begleiteten. Seine Heiligkeit wurde durch ein Wunder offenbar: denn seine grauen Haare kehrten nach seinem Tode zur Farbe und Schönheit jugendlicher Frische zurück.
Authert leuchtete unter dem Volk von Cambrai und dem Hennegau mit wunderbarer Demut und Heiligkeit hervor. Unter ihm begann der Hennegau im christlichen Glauben zu blühen, wobei viele Gefährten zu Hilfe gerufen wurden, wie der hl. Landelin, der hl. Ghislain, der hl. Vinzenz, Graf von Hennegau, und die hl. Waldetrudis, Gemahlin des Vinzenz. Aus diesem Grunde kam König Dagobert der Franken nicht selten, um den Rat des hl. Authert zu empfangen. Er brannte vor solchem Eifer, einen einzigen Sünder zu bekehren, daß er sich beinahe in Tränen und Bußübungen verzehrte. Auch schmückte er die Reliquien der Heiligen auf das anständigste.
Der hl. Gaugericus war schon als Knabe den heiligen Dingen überaus zugeneigt: er befreite auf wunderbare Weise sehr viele Gefangene aus Kerkern und Ketten, in welcher Gnade er besonders hervorragte. Er erbaute viele Kirchen in den neununddreißig Jahren, in denen er seinem Stuhl vorstand.
Ihm nahezu gleich war der hl. Theoderich, dessen Tugenden Hinkmar, Erzbischof von Reims, preist.
Desgleichen der hl. Johannes, sein Nachfolger, von demselben Hinkmar gefeiert.
Der hl. Odo, Bischof von Cambrai, war von solchem Glauben und solcher Standhaftigkeit gegenüber Gott und der Kirche, daß er, als er von Kaiser Heinrich IV. von seinem Stuhl vertrieben wurde, weil er den Stab und den Ring, die er bei seiner Weihe von der Kirche empfangen hatte, nicht abermals als Geschenk von ihm annehmen wollte, den Rest seines Lebens im Exil zu Anchin verbrachte und in jenem Exil starb.
Diese werden Euch häusliche Spiegel sein, diese die Ansporne zu ruhmreichen Mühen, die für ebenjene Kirche auf sich zu nehmen sind, zu ruhmreichen Kämpfen, die tapfer für sie zu bestehen sind. Fahrt fort, wie Ihr begonnen habt: aufrichtige und tatkräftige Mitarbeiter werden nicht fehlen; wählt sie klug und ladet sie ein und nehmt sie als Genossen in dieses heilige Werk auf. Ahmt Mose in allem nach; drückt Basilius aus. Ich bitte die göttliche Güte und werde nicht aufhören zu bitten, daß sie den Geist beider — reichlich und doppelt — über Euch ausgieße, damit Ihr die Tausende von Euch anvertrauten Seelen in der Furcht, dem Dienst und der Liebe Gottes weidet und sie zur seligen Ewigkeit geleitet. Hierzu treibt mich meine Liebe zu Euch und meine Sorge um Eure Angelegenheiten, die Ihr wohl kennt.
In Stunden, die von anderen Pflichten freigehalten werden, werdet Ihr dieses Werk mit Muße durchlesen können: ich hoffe, daß die Vielfalt und Anmut der Geschichten, Beispiele, alten Bräuche und Zeremonien Euch erfreuen wird und daß Ihr daraus, Mose besser kennenlernend, um so mehr angespornt werdet, ihm nachzueifern. Meine Methode ist hier dieselbe wie in den Paulinischen Kommentaren, nur daß ich hier in den Worten kürzer und in der Sache umfangreicher bin. Denn hier ist die Vielfalt und Weite des Stoffes größer, ebenso seine Zugänglichkeit und Anmut — denn vieles ist geschichtlich, anderes typologisch, mit schönen Figuren und Sinnbildern geschmückt —, und diese beiden Dinge zwangen mich, mit Worten zu sparen, damit das Werk nicht zu sehr anschwelle; aus demselben Grunde ersparte ich mir auch die Darstellungen der Bundeslade, der Cherubim, des Altars, der Stiftshütte und des übrigen.
Ich habe hier niedergelegt, was ich im Laufe von zwanzig Jahren beim Kommentieren des Pentateuchs und beim zweiten und dritten Vortrag desselben Stoffes gesammelt habe. Ich habe durchweg gediegene und angenehme Allegorien der alten Zeremonien eingeflochten, gewürzt mit ausgewählten Aussprüchen, Beispielen und Apophthegmen der Alten. Mich bewegte jenes Wort des Dichters:
Jede Stimme gewinnt, wer das Nützliche mit dem Süßen mischt.
Doch damit ich das Maß eines Briefes nicht überschreite, werde ich über Mose und meine Methode in der Vorrede mehr sagen.
Empfangt daher, erlauchtester Herr, dieses Zeichen und Pfand der Liebe und Ehrerbietung, die ich, das Kolleg von Löwen und unsere ganze Gesellschaft Euch entgegenbringen; und da ich nun anderswohin abberufen werde und Eure erlauchteste Hochwürden in dieser Welt vielleicht nie wiedersehen werde, sei dies ein dauerndes Andenken an mich in Eurem Herzen, so daß wir, dem Leibe nach eine Zeitlang abwesend, dem Geiste nach stets gegenwärtig, nach diesem kurzen und elenden Leben in der himmlischen Herrlichkeit in Christus unserem Herrn vereinigt werden — zu dessen Ehre all unsere Mühe schwitzt und strebt —, und ein jeder von uns empfange, Ihr reichlich, ich nur nach meinem geringen Maße, was durch Daniel verheißen ward: „Die Weisen werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die, welche viele zur Gerechtigkeit führen, wie die Sterne in alle Ewigkeit.“ Amen.
MUTIUS VITELLESCHI.
GENERALOBERER DER GESELLSCHAFT JESU.
Da drei Theologen unserer Gesellschaft, denen diese Aufgabe anvertraut wurde, die Kommentare zum Pentateuch des Paters Cornelius Cornelii a Lapide, Theologen unserer Gesellschaft, durchgesehen und als druckreif befunden haben, erteilen wir die Erlaubnis, sie in den Druck zu geben, sofern es denen, die darüber zu befinden haben, so gut scheint. Zur Beglaubigung dessen haben wir dieses Schreiben eigenhändig unterschrieben und mit unserem Siegel versehen, zu Rom, am 9. Januar 1616.
MUTIUS VITELLESCHI.
GENEHMIGUNG DES HOCHWÜRDIGEN PATER PROVINZIALOBEREN
DER PROVINZ FLANDRO-BELGICA.
Ich, Charles Scribani, Provinzialoberer der Gesellschaft Jesu in der Provinz Flandro-Belgica, erteile kraft der mir zu diesem Zweck vom Hochwürdigsten Pater General Mutius Vitelleschi verliehenen Vollmacht den Erben des Martin Nutius und dem Jan Moretus, Druckern zu Antwerpen, die Erlaubnis, die Kommentare zum Pentateuch des Mose, verfaßt von Pater Cornelius Cornelii a Lapide, Theologen unserer Gesellschaft, in den Druck zu geben. Zur Beglaubigung dessen habe ich dieses Schreiben eigenhändig verfaßt und mit dem Siegel meines Amtes versehen, zu Antwerpen, am 23. August, im Jahre 1616.
CHARLES SCRIBANI.
GUTACHTEN DES ZENSORS.
Dieser Kommentar des Hochwürdigen Paters Cornelius Cornelii a Lapide, Theologen der Gesellschaft Jesu, ist gelehrt und fromm und in jeder Hinsicht der Veröffentlichung würdig, auf daß er alle Wißbegierigen unterrichte und in der Frömmigkeit fördere. Dies bezeuge ich am 9. Mai, im Jahre 1615.
EGBERT SPITHOLDIUS,
Lizentiat der Heiligen Theologie, Kanoniker und Pfarrer zu Antwerpen, Bücherzensor.
Die Anmerkungen, mit denen Aug. Crampon, Priester der Diözese Amiens, die Kommentare des Paters Cornelius a Lapide zum Pentateuch erläutert und bereichert hat.
Nichts steht ihrem Druck entgegen.
Gegeben zu Amiens, am 2. Mai im Jahre 1852.
JACOBUS ANTONIUS
Bischof von Amiens.
DAS LEBEN DES CORNELIUS A LAPIDE.
Cornelius Cornelii a Lapide, seiner Nationalität nach Belgier, gebürtig aus Bocholt in der Gegend von Eupen, aus ehrbaren Eltern geboren, begann vom ersten Gebrauch der Vernunft an Gott im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe zu verehren. Als junger Mann trat er am 8. Juli im Heilsjahre 1592 in die Gesellschaft Jesu ein; in ihr wurde er noch vor dem Ende seiner Jugend zum Priester geweiht und brachte täglich die heilige Hostie als immerwährendes Opfer dar, bis an das äußerste Ende seines Lebens. Er lehrte die Heilige Sprache und die Heilige Schrift an der Universität zu Löwen öffentlich mehr als zwanzig Jahre lang und wurde dann von seinen Oberen nach Rom berufen, wo er dieselben Fächer viele Jahre lang mit dem größten Ruhm seines Namens auslegte, bis er, der Anstrengung dieser Arbeit nachgebend, sich gänzlich dem privaten Schreiben zuwandte. Welche Lebensweise er zu jener Zeit einschlug, kann ich mit keinen treffenderen Worten erklären als mit seinen eigenen; zu Gott sprechend drückte er es so aus: „Diese meine Arbeiten und ihre Früchte, alle meine Studien, alle meine Gelehrsamkeit, meine gesamte Auslegung habe ich Deiner Ehre geweiht, o heiligste Dreifaltigkeit und dreifache Einheit, und ich habe gewünscht, daß all mein Tun, all mein Leiden und mein ganzes Leben nichts anderes sei als Dein beständiges Lob. Du hast Dich meinem Geiste vor langer Zeit offenbart, auf daß ich Dich allein schätze und suche, und alles andere als gering, leer und flüchtig erachte und verachte. Darum fliehe ich Höfe und Küsten: ich suche eine Einsamkeit und Zurückgezogenheit, die mir angenehm und anderen nicht unnütz ist, in Gesellschaft des hl. Basilius, Gregor und Hieronymus, dessen heiliges Bethlehem, das er in Palästina so eifrig suchte, ich hier in Rom gefunden habe. Einst in meinen jüngeren Tagen spielte ich Martha; nun am absteigenden Hang des Alters spiele und liebe ich mehr die Rolle der Maria Magdalena, der Kürze des Lebens eingedenk, Gottes eingedenk, der herannahenden Ewigkeit eingedenk. Meiner Zelle allein — die mir treuer und teurer ist als die ganze Erde, ja mir ein Himmel auf Erden scheint — und der Stille allein bin ich Bewohner; als Bewohner meiner Zelle, als Besucher meines heiligen Studierzimmers strebe ich danach, ein Bewohner des Himmels zu sein; ich verfolge die Muße, ja vielmehr das Geschäft der heiligen Betrachtung, des Lesens und Schreibens. Ich gebe mich Gott hin, dem Einen und Dreieinen, um Seine Orakelsprüche und Eingebungen zu empfangen, zu bedenken und zu feiern; ich sitze zu den Füßen Christi und hänge an Seinen Lippen, um die Worte des Lebens zu trinken, die ich dann über andere ausgießen kann.“
Dies tat er als alter Mann, beladen mit den Verdiensten einer langen Heiligkeit; denn vom ersten Augenblick seines Eintritts in die Gesellschaft Jesu an war er durch die unablässige Betrachtung der seligen Ewigkeit so zur Verachtung der menschlichen Dinge und zur Sehnsucht nach den himmlischen entflammt, daß er von da an nichts anderes erstrebte als den beständigen Willen, das Lob und die Ehre Christi, im Leben und im Tode, in der Zeit und in der Ewigkeit; er strebte und mühte sich, dies allein zu feiern und zu fördern, mit allen seinen Gelübden und Studien, mit allen Kräften des Leibes und der Seele; er erwartete nichts von irgendeinem Sterblichen in dieser Welt, begehrte nichts; er verweilte nicht bei den Urteilen und dem Beifall der Menschen; allein Gott zu gefallen wünschend und fürchtend, Ihm zu mißfallen, hatte er dieses eine Ziel vor Augen, diese eine Bitte, auf dieses eine Ziel lief all sein Lesen und Schreiben, all seine mühsam aufgewandte Arbeit hinaus: daß Sein heiliger Name geheiligt und Sein heiliger Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Das glühendste Verlangen, das Martyrium zu erleiden, das ihm von Gott von seinem ersten Noviziat an eingepflanzt war, bewahrte er stets so beharrlich, daß er unablässig mit allen seinen Gelübden jene Krone für sich erflehte. Er hätte sie beinahe schon in den Händen gehalten im Jahre 1604, als er sich in der Nähe des Heiligtums Unserer Lieben Frau von Aspromont aufhielt, das durch Wunder berühmt war und nicht weit von Löwen lag, und den Scharen von Gläubigen, die aus religiösen Gründen kamen, durch Beichten, Predigten und andere heilige Dienste beistand; da fiel ein holländisches Reitergeschwader unvermutet am Festtag der Geburt Unserer Lieben Frau selbst über den Ort her und verwüstete alles mit Schwert und Feuer; er wurde umzingelt und fast gefangengenommen und niedergemetzelt. Doch durch die Hilfe der Allerheiligsten Eucharistie, die er aus der Kirche trug, damit sie nicht von den Häretikern entweiht werde, und durch den Beistand Unserer Lieben Frau, die er mit einem dringenden Gelübde anflehte, wurde die Gefahr zerstreut, nicht ohne den Anschein eines Wunders; er selbst wurde durch eine wunderbare Vorsehung unversehrt bewahrt. Wie das Verlangen nach dem Martyrium ihn aber niemals verließ, zeigen jene Worte hinlänglich, mit denen er nach Vollendung seines Kommentars zu den vier Propheten die heiligen vier Propheten so anspricht: „O Propheten des Herrn, ihr habt mich an eurer Prophetie und an eurem Doktorlorbeer teilhaben lassen; laßt mich, ich bitte, auch am Martyrium teilhaben, auf daß auch ich mit meinem Blute die Wahrheit besiegle, die ich von euch geschöpft, andere gelehrt und niedergeschrieben habe. Denn mein Doktorat wird nicht vollkommen und vollendet sein, wenn es nicht gleichermaßen mit diesem Siegel verschlossen wird. Fast dreißig Jahre lang habe ich willig und frei mit euch und für euch das beständige Martyrium des Ordenslebens getragen, das Martyrium der Krankheiten, das Martyrium der Studien und des Schreibens: erlangt mir, ich beschwöre euch, als Krönung auch das vierte Martyrium, das des Blutes. Ich habe für euch meine Lebens- und Geisteskräfte verausgabt; ich werde auch mein Blut verausgaben. Für all die Mühe, die ich all diese Jahre hindurch aufgewandt habe, um euch durch Gottes Gnade auszulegen, zu erleuchten und in einer neuen Sprache sprechen und prophezeien zu lassen, so daß ich gewissermaßen mit euch prophezeite — erlangt mir als den Lohn eures Propheten das Martyrium, sage ich, vom Vater der Lichter, so wie ihr Barmherzigkeit erlangt.“ Sogleich wandte er sich an die allerseligste Gottesmutter, der er sich und alles, was er hatte, verdankte, von der er, obwohl unwürdig, in die heilige Gesellschaft ihres Sohnes berufen worden war, in der sie ihn auf wunderbare Weise geleitet, unterstützt und unterwiesen hatte; er fleht sie an, ihm das Martyrium zu erlangen; dann beschwört er dringlich den Herrn Jesus, seine Liebe, durch die Verdienste seiner Mutter und der Propheten, daß er kein müßiges Leben führen und keinen müßigen Tod im Bett sterben möge, sondern einen, der durch Holz oder Eisen herbeigeführt werde. Im Einklang mit diesen Wünschen standen die Zierden seiner übrigen Tugenden, die hier weiter zu verfolgen zu weit führen würde. Nichts hätte sanfter als er erscheinen können, nichts bescheidener, nichts maßvoller. So demütig war seine Meinung von sich selbst inmitten einer so gewaltigen Gelehrsamkeit und eines solchen Umfangs aller menschlichen und göttlichen Weisheit, daß er bekräftigte: „Wahrhaftig und vor meinem Gewissen, ich bin der törichtste unter den Menschen, und die Weisheit der Menschen ist nicht bei mir; ich bin ein kleines Kind, das seinen Ausgang und seinen Eingang nicht kennt.“ An anderer Stelle erklärt er ebenso: „Seit nun fast vierzig Jahren widme ich mich diesem heiligen Studium, seit dreißig Jahren tue ich nichts anderes, ja ich höre nicht auf, die Heilige Schrift zu lehren, und dennoch spüre ich, wie wenig ich darin vorangekommen bin.“ Er hielt so fest an der Strenge des Ordenslebens, daß er, um ihr seinetwegen keinen Schaden zuzufügen, sich nichts Besonderes bei den Mahlzeiten vorsetzen lassen wollte, obwohl seine Gesundheit stets gebrechlich war, durch das Alter belastet und in Studien aufgezehrt, die der Kirche Gottes zugutekommen sollten, und er die Speisen, die den übrigen vorgesetzt wurden, nicht bewältigen konnte. Der Gehorsam war ihm stets teurer als das Leben, und die Liebe zur Wahrheit. Die Wahrheit stellte er in all seinem Schreiben an die erste Stelle, und der Gehorsam war es, der ihn dazu führte, seine Schriften an das öffentliche Licht zu bringen — Schriften, die er sonst zu ewigem Schweigen verdammt hätte. In diesen Bestrebungen der Heiligkeit aufgehend, zahlte er nach mehr als siebzig Lebensjahren endlich den Tribut der Natur in der Heiligen Stadt, wo er stets gewünscht hatte, seine Gebeine mit denen der Heiligen zu vereinen, am 12. März im Jahre 1637. Sein Leichnam wurde auf Anordnung seiner Oberen in einem eigenen Sarg eingeschlossen, damit er eines Tages erkennbar sei, und beigesetzt. Das Verzeichnis seiner Werke ist folgendes: Kommentare zum Pentateuch des Mose, Antwerpen 1616, erneut 1623 in Folio; zu den Büchern Josua, Richter, Rut, Könige und Chronik, Antwerpen 1642, in Folio; zu den Büchern Esra, Nehemia, Tobit, Judit, Ester und Makkabäer, Antwerpen 1644; zu den Sprichwörtern Salomons, Antwerpen und Paris, bei Cramoisy, 1635; zum Prediger, Antwerpen 1638, Paris 1639; zur Weisheit; zum Hohen Lied; zu Jesus Sirach; zu den vier Großen Propheten; zu den zwölf Kleinen Propheten; zu den vier Evangelien Jesu Christi; zur Apostelgeschichte; zu sämtlichen Briefen des Apostels Paulus; zu den Katholischen Briefen; zur Offenbarung des Apostels Johannes.
Er hinterließ seine Kommentare zu den Büchern Ijob und der Psalmen unvollendet.
DEKRETE DES KONZILS VON TRIENT
(IV. SITZUNG).
ÜBER DIE KANONISCHEN SCHRIFTEN.
Das heilige, ökumenische und allgemeine Konzil von Trient, im Heiligen Geist rechtmäßig versammelt, unter dem Vorsitz der drei Legaten des Apostolischen Stuhles, beständig vor Augen haltend: daß, nachdem die Irrtümer beseitigt sind, die Reinheit des Evangeliums selbst in der Kirche bewahrt werde; welches Evangelium, zuvor durch die Propheten in den heiligen Schriften verheißen, unser Herr Jesus Christus, der Sohn Gottes, zuerst mit eigenem Munde verkündigt und dann durch Seine Apostel als die Quelle aller heilbringenden Wahrheit und sittlichen Lehre jeder Kreatur zu predigen befohlen hat: da es erkennt, daß diese Wahrheit und Lehre in geschriebenen Büchern und in ungeschriebenen Überlieferungen enthalten sind, die, von den Aposteln aus dem Munde Christi selbst empfangen oder von den Aposteln selbst auf Eingebung des Heiligen Geistes gleichsam von Hand zu Hand weitergegeben, bis zu uns gelangt sind: so nimmt es, den Beispielen der rechtgläubigen Väter folgend, alle Bücher sowohl des Alten als auch des Neuen Testamentes — da der eine Gott der Urheber beider ist — sowie auch die besagten Überlieferungen, die sich sowohl auf den Glauben als auch auf die Sitten beziehen, als entweder vom Munde Christi selbst oder vom Heiligen Geiste diktiert und in der katholischen Kirche durch ununterbrochene Nachfolge bewahrt, mit gleicher Regung der Frömmigkeit und Ehrfurcht an und verehrt sie.
Es hat für angemessen erachtet, ein Verzeichnis der heiligen Bücher diesem Dekret beizufügen, damit kein Zweifel darüber aufkomme, welche Bücher vom Konzil angenommen werden. Es sind die folgenden:
Vom Alten Testament: die fünf Bücher des Mose, nämlich Genesis, Exodus, Levitikus, Numeri, Deuteronomium; Josua, Richter, Rut; vier Bücher der Könige; zwei der Chronik; das erste und zweite Buch Esra, von denen das letztere Nehemia genannt wird; Tobit, Judit, Ester, Ijob, der Davidische Psalter von hundertfünfzig Psalmen; die Sprichwörter, der Prediger, das Hohe Lied, die Weisheit, Jesus Sirach, Jesaja, Jeremia mit Baruch, Ezechiel, Daniel; die zwölf kleinen Propheten, nämlich Hosea, Joel, Amos, Obadja, Jona, Micha, Nahum, Habakuk, Zefanja, Haggai, Sacharja, Maleachi; zwei Bücher der Makkabäer, das erste und das zweite.
Vom Neuen Testament: die vier Evangelien, nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes; die Apostelgeschichte, verfaßt von dem Evangelisten Lukas; vierzehn Briefe des Apostels Paulus: an die Römer, zwei an die Korinther, an die Galater, an die Epheser, an die Philipper, an die Kolosser, zwei an die Thessalonicher, zwei an Timotheus, an Titus, an Philemon, an die Hebräer; zwei des Apostels Petrus; drei des Apostels Johannes; einer des Apostels Jakobus; einer des Apostels Judas; und die Offenbarung des Apostels Johannes.
Wer aber die besagten Bücher nicht vollständig mit allen ihren Teilen, wie sie in der katholischen Kirche gelesen zu werden pflegen und wie sie in der alten lateinischen Vulgata-Ausgabe enthalten sind, als heilig und kanonisch annimmt und die vorgenannten Überlieferungen wissentlich und vorsätzlich verachtet, der sei mit dem Anathema belegt.
II.
ÜBER DIE AUSGABE UND DEN GEBRAUCH DER HEILIGEN BÜCHER.
Ferner bestimmt und erklärt dasselbe heilige Konzil in der Erwägung, daß der Kirche Gottes nicht geringer Nutzen erwachsen könne, wenn unter allen lateinischen Ausgaben der heiligen Bücher, die im Umlauf sind, bekannt werde, welche als authentisch zu gelten habe: daß eben jene alte und Vulgata-Ausgabe, die durch den langen Gebrauch so vieler Jahrhunderte in der Kirche selbst erprobt ist, in öffentlichen Lesungen, Disputationen, Predigten und Auslegungen als authentisch gelte; und daß niemand es wage oder sich anmaße, sie unter irgendeinem Vorwand zu verwerfen.
Ferner verordnet es, um mutwillige Geister in Schranken zu halten, daß niemand, auf seine eigene Klugheit gestützt, in Sachen des Glaubens und der Sitten, die zur Erbauung der christlichen Lehre gehören, die Heilige Schrift nach seinem eigenen Sinne verdrehend, es wage, die Heilige Schrift gegen jenen Sinn auszulegen, den die heilige Mutter Kirche — der es zukommt, über den wahren Sinn und die Auslegung der heiligen Schriften zu urteilen — festgehalten hat und festhält; oder auch gegen die einmütige Übereinstimmung der Väter; selbst wenn solche Auslegungen niemals ans Licht gebracht werden sollten. Die Zuwiderhandelnden sollen von den Ordinarien festgestellt und mit den gesetzlich festgesetzten Strafen bestraft werden.
Ferner will es auch den Druckern in dieser Sache, wie es sich gebührt, eine Grenze setzen, die nun ohne jedes Maß — das heißt, in der Meinung, es sei ihnen erlaubt, was immer ihnen beliebt — die Bücher der Heiligen Schrift selbst und Anmerkungen und Auslegungen beliebiger Verfasser dazu drucken, oft unter Verschweigung der Druckerei, oft sogar unter falscher Angabe, und, was schwerer wiegt, ohne den Namen des Verfassers; und auch anderswo gedruckte Bücher solcher Art leichtfertig feilhalten: es verordnet und bestimmt, daß fortan die Heilige Schrift und zumal eben jene alte und Vulgata-Ausgabe so korrekt wie möglich gedruckt werde; und daß es niemandem erlaubt sei, irgendwelche Bücher über heilige Gegenstände ohne den Namen des Verfassers zu drucken oder drucken zu lassen; noch sie künftig zu verkaufen oder auch bei sich zu behalten, wenn sie nicht zuvor vom Ordinarius geprüft und gebilligt worden sind, bei Strafe des Anathemas und der im Kanon des jüngsten Laterankonzils festgesetzten Geldbuße. Und wenn es sich um Ordensleute handelt, sind sie über diese Prüfung und Billigung hinaus auch verpflichtet, die Erlaubnis ihrer Oberen einzuholen, nachdem die Bücher von diesen gemäß der Form ihrer Ordnungen durchgesehen worden sind. Diejenigen, die sie schriftlich verbreiten oder veröffentlichen, ohne sie zuvor prüfen und billigen zu lassen, sollen denselben Strafen unterliegen wie die Drucker. Und diejenigen, die sie besitzen oder lesen und die Verfasser nicht angeben, sollen als die Verfasser selbst angesehen werden. Die Billigung solcher Bücher aber soll schriftlich erteilt werden und deshalb authentisch auf der Vorderseite des Buches erscheinen, sei es handschriftlich oder gedruckt; und das Ganze, das heißt sowohl die Billigung als auch die Prüfung, soll unentgeltlich geschehen, damit das Billigenswerte gebilligt und das Verwerfliche verworfen werde.
Danach will es, um jene Verwegenheit zu unterdrücken, durch die die Worte und Sätze der Heiligen Schrift zu profanen Dingen verkehrt und verdreht werden — nämlich zu possenhaften, fabelhaften, eitlen, schmeichlerischen, verleumderischen, gottlosen und teuflischen Beschwörungen, Wahrsagereien, Losentscheidungen und sogar Schmähschriften —, es befiehlt und ordnet an, daß zur Beseitigung solcher Ehrfurchtslosigkeit und Verachtung fortan niemand es wage, die Worte der Heiligen Schrift auf irgendeine Weise zu diesen und ähnlichen Zwecken zu mißbrauchen, damit alle derartigen Menschen, verwegene Schänder und Entweiher des Wortes Gottes, von den Bischöfen mit den Strafen des Rechts und nach ihrem Ermessen in Schranken gehalten werden.
VORREDE AN DEN LESER (1)
Unter den vielen und großen Wohltaten, die Gott Seiner Kirche durch die heilige Tridentinische Synode erwiesen hat, scheint diese besonders an erster Stelle gezählt werden zu müssen: daß Er unter so vielen lateinischen Ausgaben der göttlichen Schriften durch ein feierlichstes Dekret allein die alte und Vulgata-Ausgabe — die durch den langen Gebrauch so vieler Jahrhunderte in der Kirche erprobt war — für authentisch erklärt hat.
Denn — um davon abzusehen, daß nicht wenige der neueren Ausgaben zur Bestätigung der Häresien dieser Zeit eigenmächtig verdreht worden zu sein schienen — hätte gewiß jene große Vielfalt und Verschiedenheit der Übersetzungen große Verwirrung in der Kirche Gottes anrichten können. Denn es steht nunmehr fest, daß in unserem Zeitalter beinahe eben das geschehen ist, was der hl. Hieronymus als in seiner Zeit geschehen bezeugte: nämlich daß es so viele Exemplare gab wie Handschriften, da ein jeder nach seinem eigenen Gutdünken hinzufügte oder wegnahm.
Das Ansehen dieser alten und Vulgata-Ausgabe aber war stets so groß und ihre Vorzüglichkeit so hervorragend, daß billige Richter nicht bezweifeln konnten, daß sie allen anderen lateinischen Ausgaben bei weitem vorzuziehen sei. Denn die in ihr enthaltenen Bücher (wie sie uns gleichsam von Hand zu Hand von unseren Vorfahren überliefert worden sind) wurden zum Teil aus der Übersetzung oder Verbesserung des hl. Hieronymus übernommen und zum Teil aus einer gewissen sehr alten lateinischen Ausgabe beibehalten, die der hl. Hieronymus die Gemeine und Vulgata, der hl. Augustinus die Itala und der hl. Gregor die Alte Übersetzung nennt.
Und was die Reinheit und Vorzüglichkeit dieser Alten (oder Itala-)Ausgabe betrifft, so besteht das glänzende Zeugnis des hl. Augustinus im zweiten Buch Über die christliche Lehre, wo er urteilte, daß unter allen lateinischen Ausgaben, die damals in großer Zahl im Umlauf waren, die Itala vorzuziehen sei, weil sie — wie er selbst sagt — „wortgetreuer bei Wahrung der Klarheit des Sinnes“ sei.
Über den hl. Hieronymus aber bestehen viele hervorragende Zeugnisse der alten Väter: denn der hl. Augustinus nennt ihn einen höchst gelehrten und in drei Sprachen höchst bewanderten Mann und bestätigt selbst durch das Zeugnis der Hebräer, daß seine Übersetzung wahrheitsgetreu sei. Derselbe hl. Gregor rühmt ihn so sehr, daß er sagt, seine Übersetzung, die er die neue nennt, habe alles wahrheitsgetreuer aus der hebräischen Sprache übertragen, und sei daher höchst würdig, daß man ihr in allem vollen Glauben schenke. Der hl. Isidor aber stellt an mehr als einer Stelle die Hieronymianische Übersetzung allen anderen voran und bekräftigt, daß sie von den christlichen Kirchen allgemein angenommen und gebilligt werde, weil sie klarer in den Worten und wahrhaftiger im Sinn sei. Auch Sophronius, ein höchst gelehrter Mann, der bemerkte, daß die Übersetzung des hl. Hieronymus nicht nur bei den Lateinern, sondern auch bei den Griechen hoch geschätzt wurde, hielt sie so hoch, daß er den Psalter und die Propheten aus der Hieronymianischen Fassung in ein elegantes Griechisch übertrug.
Ferner haben die gelehrtesten Männer, die danach kamen — Remigius, Beda, Rabanus, Haymo, Anselm, Petrus Damiani, Richard, Hugo, Bernhard, Rupert, Petrus Lombardus, Alexander, Albert, Thomas, Bonaventura und alle übrigen, die in diesen neunhundert Jahren in der Kirche geblüht haben — die Übersetzung des hl. Hieronymus derart benutzt, daß die übrigen Übersetzungen, die beinahe unzählig waren, gleichsam den Händen der Theologen entglitten und gänzlich in Vergessenheit gerieten.
Daher feiert die katholische Kirche nicht unverdient den hl. Hieronymus als den größten Kirchenlehrer und als einen, der von Gott zur Auslegung der heiligen Schriften erweckt wurde, so daß es nun nicht schwer ist, das Urteil all jener zu verurteilen, die entweder die Arbeiten eines so hervorragenden Kirchenlehrers nicht annehmen oder gar vertrauen, sie könnten etwas Besseres — oder zumindest Gleichwertiges — hervorbringen.
Damit jedoch eine so getreue und für die Kirche in jeder Hinsicht so nützliche Übersetzung weder durch den Zahn der Zeit noch durch die Nachlässigkeit der Drucker noch durch die verwegene Kühnheit jener, die leichtfertig verbessern, in irgendeinem Teil verfälscht werde, hat dasselbe heilige Konzil von Trient seinem Dekret weislich hinzugefügt, daß eben diese alte und Vulgata-Ausgabe so korrekt wie möglich gedruckt werde und daß es niemandem erlaubt sein solle, sie ohne Genehmigung und Billigung der Oberen zu drucken. Durch dieses Dekret hat es zugleich der Verwegenheit und Zügellosigkeit der Drucker Grenzen gesetzt und den Eifer und die Sorgfalt der Hirten der Kirche geweckt, ein so großes Gut mit größter Sorgfalt zu bewahren und zu erhalten.
Und obwohl die Theologen ausgezeichneter Akademien mit großem Lob daran arbeiteten, die Vulgata-Ausgabe in ihrem einstigen Glanz wiederherzustellen, so konnte doch in einer so großen Sache keine Sorgfalt zu groß sein, und es waren auf Befehl des Papstes mehrere ältere Handschriftencodices aufgesucht und in die Stadt gebracht worden, und schließlich, weil die Ausführung der Beschlüsse der allgemeinen Konzilien und die Unversehrtheit und Reinheit der Schriften selbst bekanntlich vor allem in die Obsorge des Apostolischen Stuhles fallen: so betraute Pius IV., der Papst, mit seiner unglaublichen Wachsamkeit über alle Teile der Kirche einige auserlesene Kardinäle der heiligen Römischen Kirche und andere sowohl in den heiligen Schriften als auch in verschiedenen Sprachen höchst kundige Männer mit der Aufgabe, die lateinische Vulgata-Ausgabe unter Heranziehung der ältesten Handschriftencodices, unter Einsichtnahme in die hebräischen und griechischen Quellen der Bibel und schließlich unter Befragung der Kommentare der alten Väter aufs sorgfältigste zu verbessern.
Ebenso führte Pius V. dasselbe Unternehmen fort. Doch jene Versammlung, die wegen verschiedener und schwerwiegendster Geschäfte des Apostolischen Stuhles lange unterbrochen gewesen war, berief Sixtus V., durch göttliche Vorsehung zum höchsten Pontifikat berufen, mit glühendster Begeisterung wieder ein und ordnete an, das vollendete Werk in den Druck zu geben. Als es bereits gedruckt war und derselbe Papst dafür Sorge trug, es ans Licht zu bringen, bemerkte er, daß durch einen Fehler der Presse nicht weniges in die heilige Bibel eingedrungen war, das erneuter Sorgfalt zu bedürfen schien, und urteilte und beschloß, das gesamte Werk erneut zu überarbeiten. Da er aber durch den Tod daran gehindert wurde, dies auszuführen, unternahm es Gregor XIV., der nach dem zwölftägigen Pontifikat Urbans VII. auf Sixtus gefolgt war, dessen Absicht ausführend, das Werk zu vollenden, wobei wiederum einige herausragende Kardinäle und andere höchst gelehrte Männer zu diesem Zweck bestellt wurden.
Als aber auch dieser und sein Nachfolger Innozenz IX. in kürzester Zeit aus diesem Licht abberufen worden waren, wurde endlich zu Beginn des Pontifikats Klemens' VIII., der nun das Steuer der Gesamtkirche hält, das Werk, das Sixtus V. angestrebt hatte, mit Gottes gnädiger Hilfe vollendet.
Empfange daher, christlicher Leser, mit Billigung desselben Klemens, des Papstes, aus der Vatikanischen Druckerei die alte und Vulgata-Ausgabe der Heiligen Schrift, mit so großer Sorgfalt verbessert, wie sie nur angewandt werden konnte: von der es zwar bei menschlicher Schwäche schwer zu behaupten ist, daß sie in jeder Hinsicht vollkommen sei, von der aber keineswegs zu bezweifeln ist, daß sie verbesserterer und reiner ist als alle anderen, die bis auf den heutigen Tag erschienen sind.
Und obwohl bei dieser Durchsicht der Bibel kein geringer Eifer auf den Vergleich von Handschriftencodices, hebräischen und griechischen Quellen und den Kommentaren der alten Väter selbst verwendet wurde, so wurde doch in dieser weitverbreiteten Ausgabe, wie einiges mit Bedacht geändert, so auch anderes, das der Änderung zu bedürfen schien, mit Bedacht unverändert gelassen: teils weil der hl. Hieronymus mehr als einmal ermahnte, so solle man verfahren, um ein Ärgernis beim Volk zu vermeiden; teils weil zu glauben ist, daß unsere Vorfahren, die aus dem Hebräischen und Griechischen lateinische Fassungen herstellten, über einen Vorrat besserer und korrekter Bücher verfügten als jene, die nach ihrer Zeit auf uns gekommen sind, die vielleicht durch so häufiges Abschreiben über einen so langen Zeitraum weniger rein und unversehrt geworden sind; und schließlich, weil es nicht die Absicht der heiligen Kongregation der hochwürdigsten Kardinäle und anderer höchst gelehrter Männer war, die vom Apostolischen Stuhl für dieses Werk bestellt wurden, eine neue Ausgabe herzustellen oder den alten Übersetzer in irgendeinem Teil zu berichtigen oder zu verbessern; sondern vielmehr die alte und Vulgata-Ausgabe selbst — von den Fehlern alter Abschreiber und von den Mängeln verdorbener Emendationen gereinigt — so weit wie möglich in ihrer ursprünglichen Unversehrtheit und Reinheit wiederherzustellen und, einmal wiederhergestellt, mit allen Kräften dafür zu sorgen, daß sie gemäß dem Dekret des Ökumenischen Konzils so korrekt wie möglich gedruckt werde.
Ferner schien es in dieser Ausgabe angemessen, nichts hinzuzufügen, was nicht kanonisch ist, nichts Unechtes, nichts Fremdes. Und dies ist der Grund, weshalb die als III. und IV. Esra bezeichneten Bücher (die das heilige Tridentinische Konzil nicht unter die kanonischen Bücher gezählt hat) und auch das Gebet des Königs Manasse (das weder auf Hebräisch noch auf Griechisch vorhanden ist, sich nicht in den älteren Handschriften findet und nicht Teil eines kanonischen Buches ist) außerhalb der Reihe der kanonischen Schrift gestellt worden sind. Und keine Konkordanzen (die später dort hinzugefügt zu werden nicht verboten sind), keine Anmerkungen, keine verschiedenen Lesarten, keinerlei Vorreden und keine Inhaltsangaben zu Beginn der Bücher sind an den Rändern zu sehen.
Wie aber der Apostolische Stuhl den Fleiß derer nicht verurteilt, die in anderen Ausgaben Stellenkonkordanzen, verschiedene Lesarten, Vorreden des hl. Hieronymus und anderes dergleichen eingefügt haben: so verbietet er auch nicht, daß in einer anderen Druckgestalt eben dieser Vatikanischen Ausgabe Hilfsmittel dieser Art künftig zur Bequemlichkeit und zum Nutzen der Studierenden hinzugefügt werden, jedoch unter der Bedingung, daß verschiedene Lesarten nicht am Rande des Textes selbst vermerkt werden.
PAPST KLEMENS VIII.
ZUM IMMERWÄHRENDEN GEDÄCHTNIS DER SACHE.
Da der Text der Vulgata-Ausgabe der heiligen Bibel, mit den größten Mühen und Wachsamkeit wiederhergestellt und aufs sorgfältigste von Fehlern gereinigt, mit dem Segen des Herrn aus Unserer Vatikanischen Druckerei ans Licht tritt: so wollen Wir zeitgemäß dafür Sorge tragen, daß derselbe Text fortan, wie es sich gebührt, unverfälscht bewahrt werde, und verbieten kraft Apostolischer Autorität durch den Tenor der vorliegenden Urkunde aufs strengste, daß er innerhalb von zehn Jahren, gezählt vom Datum dieser Urkunde, sowohl diesseits als auch jenseits der Berge von irgendjemandem anderswo als in Unserer Vatikanischen Druckerei gedruckt werde. Nach Ablauf des genannten Jahrzehnts ordnen Wir an, daß folgende Vorsicht beachtet werde: daß niemand es wage, diese Ausgabe der Heiligen Schriften in den Druck zu geben, wenn er nicht zuvor ein in der Vatikanischen Druckerei gedrucktes Exemplar erworben hat, und daß die Gestalt dieses Exemplars unverletzlich eingehalten werde, ohne auch nur das kleinste Teilchen des Textes zu ändern, hinzuzufügen oder davon wegzunehmen, es sei denn, es begegne etwas, das offenkundig einem Druckfehler zuzuschreiben ist.
Wenn irgendein Drucker in welchen Reichen, Städten, Provinzen und Orten auch immer, die der weltlichen Gerichtsbarkeit Unserer Heiligen Römischen Kirche unterworfen oder nicht unterworfen sind, es auf irgendeine Weise wagen sollte, eben diese Ausgabe der Heiligen Schriften innerhalb des vorgenannten Jahrzehnts, oder nach Ablauf des Jahrzehnts in anderer Weise als nach einem solchen Exemplar, wie oben genannt, zu drucken, zu verkaufen, feilzuhalten oder sonst herauszugeben oder zu verbreiten; oder wenn irgendein Buchhändler es wagen sollte, nach dem Datum dieser Urkunde gedruckte Bücher dieser Ausgabe, oder zu druckende, die in irgendeiner Hinsicht von dem vorgenannten wiederhergestellten und verbesserten Text abweichen, oder die von einem anderen als dem Vatikanischen Drucker innerhalb des Jahrzehnts gedruckt worden sind, ebenso zu verkaufen, feilzubieten oder zu verbreiten: so soll er neben dem Verlust aller Bücher und anderen nach Unserem Ermessen zu verhängenden zeitlichen Strafen auch die Strafe der großen Exkommunikation ohne weiteres auf sich ziehen, von der er nur vom Römischen Papst losgesprochen werden kann, es sei denn, er befinde sich in Todesgefahr.
Wir befehlen daher allen und jedem einzelnen der Patriarchen, Erzbischöfe, Bischöfe und übrigen Prälaten der Kirchen und Orte, auch der Ordensgemeinschaften, daß sie dafür sorgen und bewirken, daß diese Urkunde in ihren jeweiligen Kirchen und Jurisdiktionen von allen unverletzlich und für immer beachtet werde. Zuwiderhandelnde sollen sie durch kirchliche Zensuren und andere geeignete Rechts- und Sachmittel unter Ausschluß der Berufung in Schranken halten und nötigenfalls auch die Hilfe des weltlichen Armes anrufen, ungeachtet Apostolischer Konstitutionen und Verordnungen sowie der in allgemeinen, Provinzial- oder Synodalkonzilien erlassenen allgemeinen oder besonderen Satzungen und Gewohnheiten welcher Kirchen, Orden, Kongregationen, Kollegien und Universitäten auch immer, einschließlich der Generalstudien, die durch Eid, Apostolische Bestätigung oder jede andere Bekräftigung bestärkt sind, sowie der Privilegien, Indulte und Apostolischen Schreiben, die in irgendeiner Weise dagegen erlassen worden sind oder erlassen werden mögen: all diese setzen Wir für diesen Zweck im weitesten Umfang außer Kraft und erklären sie für außer Kraft gesetzt.
Wir wollen ferner, daß Abschriften dieser Urkunde, auch wenn sie in den Bänden selbst gedruckt sind, überall vor Gericht und außerhalb desselben derselbe Glaube geschenkt werde, der der Urkunde selbst geschenkt würde, wenn sie vorgezeigt oder vorgelegt würde.
Gegeben zu Rom, bei St. Peter, unter dem Fischerring, am 9. November 1592, im ersten Jahre Unseres Pontifikates.
M. VESTRIUS BARBIANUS.