Cornelius a Lapide, S.J.

Prooemium et Encomium Sacrae Scripturae

(Vorrede und Lob der Heiligen Schrift)


Erster Abschnitt

Über ihren Ursprung, ihre Würde, ihren Gegenstand, ihre Notwendigkeit, ihre Frucht, ihre Weite, ihre Schwierigkeit, Beispiele, Methode und Anordnung.

Jener berühmte ägyptische Theologe, beinahe ein Zeitgenosse des Mose, Merkur, nach Meinung der Heiden Trismegistus genannt, lange bei sich selbst erwägend, auf welche Weise er das Weltall am treffendsten beschreiben könne, brach zuletzt in diese Worte aus: „Das Weltall”, sprach er, „ist ein Buch der Gottheit, und dieses halbdunkle Zeitalter ist ein Spiegel der göttlichen Dinge.” In der Tat hatte er aus diesem Buche durch langes Nachsinnen seine eigene Theologie erlernt. „Denn die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes, und das Firmament verkündet die Werke seiner Hände;” und: „Aus der Größe der Schönheit der Geschöpfe kann ihr Schöpfer erkannt werden, und seine ewige und unsichtbare Kraft und Gottheit;” so dass man in diesen großen Tafeln der Himmel, in den Seiten der Elemente und den Bänden der Zeiten mit scharfsichtigem Auge gleichsam öffentlich die Lehre der göttlichen Unterweisung lesen kann: So nämlich ermessen wir aus den Anfängen der Welt selbst und aus dem Unterfangen, sie aus dem Nichts zu erschaffen, die allmächtige Kraft und Energie ihres Urhebers; aus der vielfältigen, zwar widerstreitenden, doch buntschillernden Harmonie der geschaffenen Dinge seinen wohltätigen Abgrund; aus jener weiten Umfassung aller übrigen Geister, Körper, Bewegungen und Zeiten die Ewigkeit und Unermesslichkeit des Schöpfers, und wir nehmen sie gewissermaßen wahr. So darf man aus dem Gewicht, der Zahl und dem Maß ebendieser Dinge die weiseste Vorsehung dieses großen Baumeisters und die zahlreiche und wunderbar wohlklingende Harmonie und Idee jeder Natur in ihm bewundern und bestaunen, die sowohl anfänglich jeden Teil dieses Weltalls in festen und gänzlich unbeweglichen Maßen mit sich selbst und mit jedem anderen vergleichbaren Teil auf das freundschaftlichste verband, als auch dieses freundschaftliche Band durch ihren beständigen Einfluss untrennbar bewahrt und beschützt, damit sie in beständiger Treue einträchtig ihre Wechsel vollziehen. Dies verkündete die ewige Weisheit selbst mit öffentlicher Stimme über sich, Sprüche 8,22: „Als er die Himmel bereitete, war ich dabei; als er die Abgründe mit festem Gesetz und Kreis umschloss; als er den Äther oben befestigte und die Quellen der Wasser abwog; als er dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern ein Gesetz gab, dass sie ihre Grenzen nicht überschritten; als er die Grundfesten der Erde legte, war ich bei ihm und ordnete alles,” gleichsam andeutend, dass sie in dieser Zusammensetzung gewisse Zeichen ihrer selbst eingeschrieben habe.

2. Wiewohl nun aber dieser schöne Mikrokosmos das Urbild, nach dem er von seinem Urheber gestaltet wurde — nämlich die heilige göttliche Macht und die ungeschaffene Sphäre der höchsten Gottheit — enthüllt und den Augen vorlegt, so ist dieses Buch dennoch in vielen Hinsichten unvollkommen und bietet nur grobe Anfangsgründe, Spuren, sage ich, eher, an denen man gleichsam aus der Klaue den Löwen erkennen mag, als eine klare und vollständige Beschreibung seines Verfassers. Zudem enthält es, da es allein im Schriftzeichen der Natur abgefasst ist, nichts von jenen Dingen, die die Grenzen der Natur übersteigen und durch die wir zum Himmel der Heiligen Dreifaltigkeit und zu unserem ewigen Gut, das wir mit allen Wünschen durch Leben und Tod verfolgen, gelangen könnten.

3. Es gefiel also der göttlichen und grenzenlosen Güte — nämlich dem weisesten Schreiber, der schnell und mit wunderbarer Herablassung schrieb — eine andere Feder zu gebrauchen, uns andere Tafeln vorzulegen, ganz andere Schriftzeichen seiner selbst zu zeichnen: die nicht ein stummes Abbild, sondern deutliche Stimmen für die Augen, Klänge für die Ohren, Bedeutungen für den Verstand und lebendige Bilder der göttlichen Dinge einfügen sollten, durch die er sowohl sich selbst als auch die himmlischen Geister und alle Geschöpfe und alles, was uns zum rechten und seligen Leben an der Hand führt, so klar wie wohlwollend und weise beschriebe. Darüber staunend rief unser Mose, als er dem Volk Israel das Gesetz Gottes vortragen wollte, Deuteronomium 4,7, aus: „Seht, ein weises und verständiges Volk, ein großes Volk; und es gibt kein anderes Volk, so groß, das Götter hätte, die ihm so nahe wären: denn welches andere Volk ist so berühmt, dass es Zeremonien und gerechte Satzungen und das ganze Gesetz hätte, das ich euch heute vor Augen stellen werde?”

Fürwahr, wie wunderbar ist es, die heiligen Bücher der göttlichen Schrift — die eigenhändigen, sage ich, von Gott an uns gerichteten Briefe und die unzweifelhaften Zeugen des göttlichen Willens — stets zur Hand zu haben, sie immer wieder zu lesen, zu wenden und abermals zu wenden! Wie süß, wie fromm, wie heilsam, ein häusliches Orakel zu besitzen, das man befragen kann, wo man nicht den Apollon vom Dreifuß, sondern Gott selbst hört, weit klarer und gewisser als aus der alten Bundeslade und den Cherubim sprechend!

Dies bedachte der hl. Karl Borromäus, als er die Heilige Schrift, gleichsam als Orakel Gottes, nur mit entblößtem Haupt und gebeugtem Knie ehrfürchtig zu lesen pflegte.

Aus diesem Grunde gab es einstmals in den Kirchen zwei Schreine, an der rechten und linken Seite der Apsis aufgestellt: in dem einen wurde die heilige Eucharistie aufbewahrt, in dem anderen die heiligen Bände der göttlichen Schrift. Daher ließ der hl. Paulinus (wie er selbst im 42. Brief an Severus bezeugt) in der Kirche zu Nola, die er erbaut hatte, zur Rechten folgende Verse anbringen:

Hier ist der Ort, die ehrwürdige Kammer, in der aufbewahrt wird und wo
Die nährende Pracht des heiligen Dienstes ruht;

zur Linken aber diese:

Wen ein heiliges Verlangen hält, über das Gesetz nachzusinnen,
Der kann hier sitzen und sich den heiligen Büchern widmen.

So bewahren auch heute noch die Juden in ihren Synagogen das Gesetz des Mose gleichsam als Orakel prächtig in einem Tabernakel auf, ebenso wie wir die heilige Eucharistie, und stellen es öffentlich aus; sie hüten sich, die Bibel mit ungewaschenen Händen zu berühren; sie küssen sie, sooft sie sie öffnen und schließen; sie setzen sich nicht auf die Bank, auf der die Bibel liegt; und wenn sie zu Boden fällt, fasten sie einen ganzen Tag — was es umso erstaunlicher macht, dass diese Dinge von manchen Christen nachlässiger behandelt werden.

Der hl. Gregor tadelt im IV. Buch, Brief 84, den Theodorus, obgleich dieser ein Arzt war, dafür, dass er die Heilige Schrift nachlässig las: „Der Kaiser des Himmels, der Herr der Engel und Menschen, hat dir seine Briefe für dein Leben gesandt, und du vernachlässigst es, sie eifrig zu lesen! Denn was ist die Heilige Schrift anderes als ein Brief des allmächtigen Gottes an sein Geschöpf?” Daher werde ich etwas ausführlicher über die Heilige Schrift handeln: erstens über ihre Vortrefflichkeit, Notwendigkeit und Frucht; zweitens über ihren Gegenstand und ihre Weite; drittens über ihre Schwierigkeit; viertens werde ich Urteile und Beispiele der Kirchenväter zu diesem Thema anführen; fünftens werde ich zeigen, mit welcher Vorbereitung des Geistes und mit welcher Anstrengung dieses Studium aufgenommen werden muss.


Kapitel I: Über die Vortrefflichkeit, Notwendigkeit und Frucht der Heiligen Schrift

I. Die Philosophen lehren, dass man die Grundsätze der Beweise und Wissenschaften vor eben diesen Wissenschaften und Beweisen kennen muss. Denn es gibt in den Wissenschaften, wie in allen anderen Dingen, eine Ordnung; und jede Wahrheit ist entweder eine erste und jedem offenkundige, oder sie fließt von einer ersten Wahrheit durch gewisse Kanäle her, die, wenn man sie abschneidet, gleichsam die Kanäle einer Quelle durchtrennend, alle daraus entspringenden Bächlein der Wahrheit vernichtet. Nun enthält die Heilige Schrift alle Anfänge der Theologie. Denn die Theologie ist nichts anderes als eine Wissenschaft der Schlussfolgerungen, die aus glaubensgewissen Grundsätzen gezogen werden, und daher ist sie die erhabenste aller Wissenschaften ebenso wie die gewisseste: die Grundsätze des Glaubens aber und den Glauben selbst umfasst die Heilige Schrift. Daraus folgt offensichtlich, dass die Heilige Schrift die Fundamente der Theologie legt, aus denen der Theologe durch die Vernunfttätigkeit des Geistes, gleichwie eine Mutter Nachkommen, neue Beweise erzeugt und hervorbringt. Wer daher meint, die scholastische Theologie durch ernsthafte Beschäftigung von der Heiligen Schrift trennen zu können, der stellt sich Nachkommen ohne Mutter vor, ein Haus ohne Fundament und gleichsam eine in der Luft schwebende Erde.

Dies erkannte jener göttliche Dionysius, den das gesamte Altertum als Gipfel der Theologen und als den „Vogel des Himmels” (πετεινὸν τοῦ οὐρανοῦ) bestaunte, der überall, wenn er über Gott und die himmlischen Dinge disputierte, bekannte, gestützt auf die Heilige Schrift als Grundsatz und leuchtende Fackel voranzuschreiten. Ein einziges Beispiel stehe für alle: Gleich zu Beginn seines Werkes Über die göttlichen Namen, Kapitel 1, leitet er ungefähr so ein: „Auf keine Weise”, sagt er, „darf man es wagen, über die überwesentliche und geheimste Gottheit etwas zu sagen oder zu denken, außer dem, was uns die heiligen Aussprüche überliefert haben: denn das höchste und göttliche Wissen jener Unkenntnis (nämlich des göttlichen Geheimnisses) ist ihr selbst zuzuschreiben, und nur insoweit ist es erlaubt, nach Höherem zu streben, als der Strahl der göttlichen Aussprüche sich herabzulassen geruht, während das Übrige als Unaussprechliches mit keuschem Schweigen zu ehren ist: etwa, dass die uranfängliche und quellhafte Gottheit der Vater ist, und dass der Sohn und der Heilige Geist, wenn man so sagen darf, von Gott gepflanzte Sprösslinge der fruchtbaren Gottheit sind und gleichsam Blüten und überwesentliche Lichter — dies haben wir aus den heiligen Schriften empfangen. Denn jener Geist ist allen Wesenheiten unzugänglich, aber von ihm werden wir, soweit es ihm gefällt, mit ausgestreckter Hand durch die heiligen Schriften emporgetragen, um jene höchsten Strahlen einzufangen, und von diesen werden wir zu göttlichen Hymnen hingelenkt und zu heiligen Lobgesängen geformt.” Und wiederum lehrt er im Buch Über die mystische Theologie, dass die geistliche und mystische Theologie, die ohne Symbole durch Verneinung alles Geschaffenen zum Überwesentlichen, zum Verborgenen und zur Finsternis Gottes vordringt, eng und so zusammengedrängt sei, dass sie zuletzt verstumme; die symbolische Theologie hingegen, die, indem Gott in der Schrift zu unseren Worten herabsteigt, uns seine sinnlich wahrnehmbaren Bilder vorlegt, sich zu einer angemessenen Weite erstrecke; und aus diesem Grunde habe der hl. Bartholomäus zu sagen gepflegt, die Theologie sei zugleich sehr groß und sehr klein, und das Evangelium zugleich weit und groß und wiederum knapp: mystisch nämlich, und aufsteigend, klein und knapp; symbolisch aber, und herabsteigend, groß und weit.

Fürwahr, wenn uns das Symbolische fehlte, wenn Gott in den heiligen Büchern keinerlei Bilder seiner selbst und seiner Eigenschaften gegeben hätte, wie gänzlich sprachlos, wie stumm wäre alle unsere Theologie! Wenn die Schrift über die Heilige Dreifaltigkeit — ein und dieselbe Monade und Wesenheit — geschwiegen hätte, würde dann nicht bei den Scholastikern in einem so weiten Gegenstand ein tiefes und ewiges Schweigen herrschen über Relationen, Ursprung, Zeugung, Hauchung, Notionen, Personen, das Wort, das Abbild, die Liebe, die Gabe, die Macht und den notionalen Akt und alles Übrige? Wenn die göttlichen Aussprüche unsere Seligkeit nicht in die Gottesschau setzten, wer von den Theologen hätte sie — ich sage nicht zu erhoffen, sondern auch nur von ferne zu erahnen vermocht? Wenn die heiligen Propheten und die Schriftsteller des Neuen Testaments den Glauben, die Hoffnung, die Frömmigkeit, das Martyrium, die Jungfräulichkeit und jede andere Kette von die Natur übersteigenden und göttlichen Tugenden verschwiegen hätten — wer hätte sie durch Scharfsinn, wer durch Wünsche und Willen verfolgt? Freilich blieben diese Dinge den alten Weisen verborgen, obwohl sie mit einer fast wundersamen und erstaunlichen Kraft des Verstehens begabt waren; die Akademie Platons wusste nichts davon, hier schweigt die ganze Schule des Pythagoras, hier sind Sokrates, Pimander, Anaxagoras, Thales und Aristoteles Kinder. Ich übergehe, wie die göttlichen Schriften klarer und gewisser als jede Ethik die der Natur verwandten Tugenden behandeln, das Gesetz und die dem Menschen, soweit er Vernunft besitzt, würdigen Pflichten, und die ihnen entgegengesetzten Laster und die gesamte Moralphilosophie — so dass auf sie allein jene Lobpreisungen Ciceros auf die Philosophie oder Ethik aufs trefflichste passen und sie mit vollem Recht genannt werden dürfen: „Licht des Lebens, Lehrmeisterin der Sitten, Arznei der Seele, Richtschnur des rechten Lebens, Nährerin der Gerechtigkeit, Fackel der Frömmigkeit.”

Dies hat der hl. Justinus, Philosoph und Märtyrer, gelernt und zu seinem großen Heil erfahren. Wie er selbst zu Beginn seines Dialogs gegen Tryphon bezeugt, durchstreifte er, begierig nach Philosophie und jener wahren Weisheit, die zu Gott führt, in einem wundersamen Kreislauf die berühmteren Schulen der Philosophen wie eine Irrfahrt des Odysseus — vergeblich, bis er endlich in der christlichen Ethik der Heiligen Schrift, als dem einzig festen Grund, Ruhe fand. Zuerst gab er sich als Schüler einem gewissen Stoiker hin, doch da er von diesem nichts über Gott vernahm, wählte er einen peripatetischen Lehrer, den er verachtete, weil dieser die Weisheit für Geld feilbot; dann geriet er an einen Pythagoreer, doch da er weder Sterndeuter noch Geometer war (welche Künste jener als Vorstufen zum seligen Leben forderte), glitt er von diesem zu einem Platoniker ab, von allen durch eine eitle und flüchtige Hoffnung auf Weisheit getäuscht; bis er unerwartet auf einen gewissen göttlichen Philosophen stieß, sei es Mensch oder Engel, der ihn sogleich überredete, jede jene kreisförmige Wissenschaft abzulegen und die Bücher der Propheten zu lesen, deren Autorität jeder Beweisführung überlegen und deren Weisheit die heilsamste sei — auf diese solle er all sein Verlangen nach Erkenntnis schärfen. Und jener ging davon und wurde von ihm nicht mehr gesehen, aber ein so brennendes Verlangen nach diesem heiligen Studium und der Lektüre der göttlichen Bücher war ihm eingegeben, dass er alsbald aller anderen Gelehrsamkeit Lebewohl sagte und allein dieser mit größtem Eifer nachstrebte und ihr mit größter Beständigkeit folgte, mit so reicher Frucht, dass sie uns Justinus zugleich als Christen, als Philosophen und als Märtyrer hervorgebracht hat. Es lohnt sich für uns alle, diesem Rat jenes göttlichen Philosophen zu folgen, wenn wir den wahren Sinn Gottes und der Frömmigkeit, christliche Sitten und den Geist eines heiligen Lebens einzusaugen und in uns aufzunehmen begehren.

Denn trügerisch ist jene Meinung, die vielen den Blick des Geistes blendet, nämlich dass die Heilige Schrift nicht für einen selbst, sondern nur für andere zu erlernen sei, damit man den Lehrer oder den Prediger spiele — das heißt, dass man sich selbst um das Gut betrüge, das man für andere sucht, und wie ein Tagelöhner einen so edlen Schatz nicht für sich, sondern für andere ausgräbt oder schürft. Die göttlichen Aussprüche selbst denken nicht so: „Wir haben”, sagt der selige Petrus, Erster Brief, Kapitel 1, Vers 19, „das umso festere prophetische Wort, auf das ihr wohl daran tut zu achten als auf eine Leuchte, die an einem dunklen Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern in euren Herzen aufgeht.” Auf diese Fackel also gebührt es sich, dass du dich zuerst richtest, dass du ihr folgst, damit der Morgenstern, der in deinem Herzen aufgegangen ist, dann auch anderen voranleuchte.

Der königliche Sänger nennt nicht den selig, der die Worte Gottes über andere ausgießt, sondern den, der über sein Gesetz Tag und Nacht nachsinnt; ein solcher, sagt er, sei wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit. Zu diesem Zweck vor allem wollte Gott, dass die heiligen Bücher für uns geschrieben würden, und er setzte sein Wort als Leuchte für unsere Füße und als Licht für unsere Pfade, damit wir, in diesen Gärten der strahlendsten Wonne — mehr als in den Gärten des Alkinoos — wandelnd, durch den lieblichsten Anblick himmlischer Früchte genährt würden und ihren Geschmack genössen. Und fürwahr, gleichwie es in einem Paradies, unter den grünenden Sprösslingen der Bäume und Blumen oder den leuchtenden Gesichtern der Äpfel, unvermeidlich ist, dass ein Vorübergehender wenigstens durch Duft und Farbe erquickt werde; und gleichwie wir sehen, dass einer, der in der Sonne spaziert, sei es auch nur zum Vergnügen, dennoch warm wird und eine rötliche Färbung annimmt: so werden die Gedanken, Sinne, Ratschlüsse, Wünsche und Sitten derer, die die göttlichen Schriften fromm und beständig lesen, hören und lernen, notwendigerweise gleichsam mit einer gewissen Farbe der Göttlichkeit getönt und mit heiligen Empfindungen entzündet.

Denn wer würde sich nicht in keusche Reinheit der Seele kleiden, wenn er die keuschen Worte des Herrn hört, gleich im Feuer geläutertem Silber, die sie mit so vielen Lobpreisungen erheben und mit so großen Belohnungen anraten? Welches Herz wäre so kalt, dass es nicht vor Liebe erglühte, wenn es den von Liebe brennenden Paulus hört, der überall feurige Flammen der göttlichen Liebe schleudert? Wessen Geist spränge nicht auf bei der Lesung der himmlischen Güter in den Schriften, um diese niedrigen Güter zu verachten und gering zu achten? Wer, mit dieser Hoffnung der Himmelsbürger, würde nicht danach trachten, ihr Leben im menschlichen Leibe nachzuahmen und als Mensch-Engel zu leben? Wer würde nicht seine männliche Brust stärken für Glauben und Frömmigkeit gegen selbst die gewaltigsten Wellen der Übel und einen schönen Tod durch Wunden suchen, wenn er diese heiligen Posaunen, die so lieblich und kraftvoll Tapferkeit und Standhaftigkeit erklingen lassen, mit gespitzten Ohren und Herzen in sich aufnimmt und empfängt? So rühmen sich die Makkabäer, 1 Makkabäer 12,9, die allein die heiligen Bücher zum Trost hatten, mit unbesiegter Tugend standzuhalten und allen Feinden undurchdringlich zu bleiben. Und der Apostel, der die Gläubigen für jede Härte und Prüfung wappnet, Römer 15,4: „Was immer geschrieben wurde”, sagt er, „wurde zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch die Geduld und den Trost der Schriften Hoffnung haben.” Fürwahr, ich weiß nicht, welchen Lebensgeist die göttlichen Worte den Lesenden durch einen verborgenen Einfluss einhauchen, so dass, wenn man sie mit den Schriften der gelehrtesten und heiligsten Menschen, wie glühend auch immer, vergleicht, man urteilen würde, diese seien leblos, jene aber lebend und Leben atmend.

Eine einzige Stimme des Evangeliums vermochte — „Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen” — den großen Antonius, damals einen jungen Mann, berühmt durch Adel und Reichtum, mit solcher Liebe zur evangelischen Armut zu entzünden, dass er sich augenblicklich aller jener Güter entäußerte, nach denen blinde Sterbliche so begierig gieren, und ein himmlisches Leben auf Erden durch das klösterliche Gelübde umfasste. So schreibt der hl. Athanasius in dessen Lebensbeschreibung. Die göttliche Schrift vermochte den Victorinus, damals einen aufgeblähten Rhetor der Stadt, vom heidnischen Aberglauben und Hochmut zum christlichen Glauben und zur Demut hinzuwenden. Die Lesung des Paulus vermochte nicht nur den häretischen Augustinus den Rechtgläubigen zuzugesellen, sondern ihn auch, aus dem schändlichsten Abgrund täglicher Wollust herausgerissen, zur Enthaltsamkeit und Keuschheit zu treiben und voranzubringen — nicht bloß zur ehelichen, sage ich, sondern zur klösterlichen, zur gänzlich zölibatären und unberührten. Siehe Bekenntnisse VIII, 11; VII, 21. Eine einzige Lesung des Evangeliums vermochte — „Selig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich; selig, die da trauern, denn sie werden getröstet werden!” — den Simeon den Styliten sogleich zu bekehren und ihn so weit voranzubringen, dass er achtzig ununterbrochene Jahre auf einem Fuß auf einer Säule stand, dass er sich Tag und Nacht dem Gebet widmete, fast ohne Nahrung und Schlaf lebte, so dass er als ein Wunder der Welt erschien und nicht so sehr als Mensch denn als ein in das Fleisch herabgestiegener Engel. Warum also, wirst du fragen, empfinden wir, die wir so oft die Heilige Schrift lesen, diese Glut, diese Wandlungen des Lebens nicht? Weil wir sie nur flüchtig und gähnend lesen, so dass wir mit Recht jenes Wort des hl. Markian bei Theodoret im Philotheos anführen können, der, von den Bischöfen gebeten, ein Wort des Heils zu sprechen, sagte: Gott spricht täglich zu uns durch seine Geschöpfe und durch die Heilige Schrift, und dennoch ziehen wir daraus nur geringen Nutzen — wie soll ich also, der ich euch anrede, euch nützen, da ich doch mit den anderen diesen Nutzen verliere?

Einst sah jener geheimnisvollste aller Propheten, Ezechiel, einen großen Strom unter der Schwelle des Hauses des Herrn hervortreten, den er nicht durchschreiten konnte, „weil die Wasser des tiefen Stromes angeschwollen waren”, sagt er, „der nicht durchwatet werden kann; und als ich mich umwandte, siehe, am Ufer des Stromes waren auf beiden Seiten überaus viele Bäume.” Aber was waren diese? Fürwahr alle Heiligen, sowohl die alten als auch die neuen, sowohl des Gesetzes als auch des Evangeliums, die, an den Strömen der Evangelisten, Apostel und Propheten sitzend, wie die schönsten Bäume immerdar grünen und in einer lieblichen und süßen Fülle aller Arten von Früchten prangen. Denn derselbe Strom nährt und speist beide Ufer; derselbe, sage ich, Heilige Geist, der Urheber der Schrift, webte ein und dieselbe, durch verschiedene Zeitalter hindurch strebende Schrift und flößte durch das neue wie das alte Testament allen Frommen lebenspendenden Saft ein, wenn wir ihn nur schöpfen wollen.


Kapitel II: Über den Gegenstand und die Weite der Heiligen Schrift

II. Um nun die Dinge von einem höheren Grundsatz her aufzugreifen, wollen wir sehen, was und wie groß der Gegenstand der Heiligen Schrift ist und was ihre Materie. Wollt ihr, dass ich es in einem Wort sage? Die Heilige Schrift hat alles Wissbare zum Gegenstand, umfasst alle Disziplinen und was immer gewusst werden kann in ihrem Schoß: und daher ist sie eine Art Universität der Wissenschaften, die alle Wissenschaften entweder formal oder auf eminente Weise in sich enthält. Origenes bemerkt in seinem Kommentar zu Kapitel 1 des hl. Johannes: Die göttliche Schrift ist eine geistige Welt, aus ihren vier Teilen gleichsam wie aus vier Elementen gebildet; deren Erde gleichsam in der Mitte wie ein Mittelpunkt liegt, nämlich die Geschichte; um die herum sich in der Ähnlichkeit mit Gewässern der Abgrund der sittlichen Einsicht ergießt; um Geschichte und Sittenlehre, gleichsam die beiden Teile dieser Welt, dreht sich die Luft der Naturwissenschaft; jenseits aber von allem und darüber hinaus umgibt die ätherische und feurige Glut des Empyreums, das heißt die höhere Betrachtung der göttlichen Natur, die man Theologie nennt: so Origenes. Daraus kannst du wiederum, wie du den historischen Sinn der Erde und den tropologischen dem Wasser zuordnest, so zurecht den allegorischen der Luft und den anagogischen dem Feuer und dem Äther zuordnen.

Ich aber behaupte darüber hinaus, dass die Heilige Schrift ihrem Sinne nach — nicht nur dem mystischen, sondern auch allein dem wörtlichen, der den Vorrang hat und der vor allem verfolgt werden muss — alle Erkenntnis und alles Wissbare umfasst.

Um dies zu beweisen, setze ich eine dreifache Ordnung der Dinge voraus, auf die Philosophen und Theologen alle Dinge beziehen: die erste ist die der Natur, das heißt der natürlichen Dinge; die zweite die der übernatürlichen Dinge und der Gnade; die dritte die des göttlichen Wesens mit seinen Eigenschaften, sowohl den wesentlichen als auch den notionalen. Die erste Ordnung der Natur erforscht die Physik und die anderen Disziplinen der Naturphilosophie; die zweite und dritte in diesem Leben die geoffenbarte Lehre, die zum Glauben und zur Theologie gehört; im anderen Leben die Schau der Gottheit, die die Heiligen und Engel beseligt. Dass nun die Heilige Schrift auch die erste Ordnung der natürlichen Dinge behandelt, lehrt der hl. Thomas gleich an der Schwelle der Summa Theologica: denn in Artikel 1 der ersten Quaestio, wo er fragt, ob neben den philosophischen Disziplinen eine andere Lehre notwendig sei, antwortet er mit einer doppelten Schlussfolgerung. Die erste lautet: „Für das Heil des Menschen ist eine gewisse von Gott geoffenbarte Lehre über die philosophischen Disziplinen hinaus notwendig,” nämlich um jene Dinge zu erkennen, die den Verstand und die natürlichen Kräfte des Menschen übersteigen; die zweite: „Dieselbe geoffenbarte Lehre ist auch in jenen Dingen notwendig, die durch das natürliche Licht mittels der Philosophie erforscht werden können.” Er fügt den Grund hinzu: weil diese Wahrheit durch die Philosophie nur von wenigen, über lange Zeit und mit Beimischung vieler Irrtümer erworben wird; daher bedarf es der geoffenbarten Lehre, die die Philosophie leite, berichtige und sie leicht und sicher an alle weitergebe.

Ein glänzendes Beispiel liefern die Fürsten der Philosophen, Platon und Aristoteles, die durch bemerkenswerten Scharfsinn zwar vieles erreichten, aber auch vieles so zweideutig, so dunkel hinterließen, dass der Fleiß griechischer, lateinischer und arabischer Kommentatoren über viele Jahrhunderte mit deren Erklärung sich abmühte. Ich übergehe die Irrtümer und Fabeln, „aber nicht wie dein Gesetz.” Diese wahre und gediegene Weisheit „ist nicht vernommen worden in Kanaan, noch gesehen in Teman”, sagt Baruch III, 22; „auch die Söhne Hagars, die die Klugheit suchen, die von der Erde ist, die Kaufleute von Merrha und Teman, die Fabelerzähler und die Sucher der Klugheit und Einsicht, haben den Weg der Weisheit nicht gekannt und sich ihrer Pfade nicht erinnert; doch der alles weiß, kennt sie, der die Erde bereitet hat für alle Zeit, der das Licht aussendet und es geht, dieser ist unser Gott; er hat jeden Weg der Erkenntnis gefunden und sie Jakob, seinem Knecht, und Israel, seinem Geliebten, übergeben; danach:” um nämlich diese Erkenntnis gründlich zu lehren, „ist er auf Erden erschienen und hat mit den Menschen gewandelt.”

Du wirst also fragen, an welcher Stelle Physik, Ethik und Metaphysik in der Heiligen Schrift gelehrt werden? Ich sage: die Physik, auch in ihrer urtümlichen Gestalt und von ihrem Ursprung an, wird überliefert in der Genesis, im Prediger und im Buch Ijob; die Ethik durch kürzeste Sinnsprüche und Sentenzen in den Sprichwörtern, der Weisheit und dem Buch Jesus Sirach; die Metaphysik besonders im Buch Ijob und in den Psalmen, in denen durch Hymnen die Macht, Weisheit und Unermesslichkeit Gottes samt seinen Werken — nämlich den Engeln und allen anderen Dingen — gepriesen werden. Geschichte und Chronologie vom Anfang der Welt bis beinahe zu den Zeiten Christi kannst du aus keiner anderen Quelle gewisser, ergötzlicher oder mannigfaltiger schöpfen als aus der Genesis, dem Exodus, den Büchern Josua, der Richter, der Könige, Esra und der Makkabäer. Dass die Heilige Schrift die Sophistik verurteilt und sich einer gediegenen Beweisführung und Logik bedient, lehrt der hl. Augustinus im II. Buch Über die christliche Lehre, Kapitel 31. Über das aus den Zahlen gewonnene mathematische Wissen lehrt derselbe im III. Buch Über die christliche Lehre, Kapitel 35. Die Geometrie liegt offen zutage im Bau der Stiftshütte und des Tempels, sowohl des salomonischen als auch jenes so wunderbar vermessenen bei Ezechiel. Mit Recht sagte daher der hl. Augustinus am Ende des II. Buches Über die christliche Lehre: „So viel geringer die Menge an Gold, Silber und Kleidung war, die das hebräische Volk aus Ägypten mit sich nahm, im Vergleich zu den Reichtümern, die es hernach in Jerusalem, besonders unter Salomon, erlangte: so viel geringer ist alle Erkenntnis, auch die nützliche, die aus den Büchern der Heiden gesammelt wird, wenn man sie mit der Erkenntnis der göttlichen Schriften vergleicht: denn was immer ein Mensch anderswo gelernt hat, wenn es schädlich ist, wird es dort verurteilt; und wenn jemand dort alles findet, was er anderswo nützlicherweise gelernt hat, wird er dort weit reichlicher jene Dinge finden, die sich nirgendwo sonst überhaupt finden, sondern allein in der wunderbaren Höhe und wunderbaren Demut jener Schriften gelernt werden.”

Denn alle freien Künste, alle Sprachen, alle Wissenschaften und Künste — die jede für sich in gewissen Grenzen eingeschlossen sind — dienen der Heiligen Schrift als Mägde, als ihrer Herrin und Königin. Diese heilige Wissenschaft aber umfasst alles, umschließt die gesamte Wirklichkeit und beansprucht mit Recht den Gebrauch von allem für sich: so dass sie, als gleichsam die vollkommenste von allen, als Ziel und Zweck aller, an letzter Stelle erlernt werden soll.

So behandelt die Heilige Schrift die erste Ordnung der Dinge — nämlich die Ordnung der Natur — besonders insoweit sie Gott und Gottes Eigenschaften, die Unsterblichkeit und Freiheit der Seele, Strafen, Belohnungen und alle geschaffenen Dinge berührt, gewisser und gediegener als die Naturwissenschaften sie erforschen, und führt diese auf den rechten Weg zurück, wo immer sie abirren.

Die gröbsten Irrtümer Platons nämlich sind acht an der Zahl: zum Beispiel, dass Platon lehrt, Gott sei körperlich; Gott sei die Seele der Welt, die sich mit seinem großen Leib vermische; es gebe gewisse jüngere und geringere Götter; die Seelen hätten vor dem Leib existiert und büßten im Leib wie in einem Kerker die Vergehen eines früheren Lebens; unsere Erkenntnis sei nur Wiedererinnerung; im Staate sollten die Frauen gemeinsam sein; man dürfe zuweilen die Lüge als Heilmittel wie den Nieswurz gebrauchen; es werde eine Wiederkehr der Menschen, Tiere, Zeitalter und aller Dinge geben, so dass nach zehntausend Jahren dieselben Leute hier als Studenten, Lehrer und Zuhörer säßen: so werde es eine Rückkehr und Wiedergeburt der Seelen geben, nämlich:
„Wenn sie tausend Jahre lang das Rad gedreht haben,
Beginnen sie wieder, in Leiber zurückkehren zu wollen.”

Ja sogar, wie aus derselben Quelle Pythagoras meinte, wandern die Seelen von Leib zu Leib, bald eines Menschen, bald eines Tieres; daher pflegte er über sich selbst zu sagen: Ich selbst, ich erinnere mich — wer würde es nicht glauben? Er selbst hat es gesagt! — Ihr Zugelassenen als Zuschauer, könntet ihr euer Lachen zurückhalten? —
„Ich selbst, ich erinnere mich, zur Zeit des Trojanischen Krieges
War ich Euphorbus, Sohn des Panthoos, in dessen Brust einst
Der schwere Speer des jüngeren Atriden steckte.”

Ist hier nicht jenes wohlbekannte hebräische Sprichwort höchst wahr: ascher ric core lemore lo omen lebore, das heißt: „Wer leicht und voreilig einem Lehrer glaubt, misstraut dem Schöpfer”?

Aristoteles aber — in dessen Geist die Natur das Äußerste ihres Vermögens zeigte, wie Averroes sagt — fesselt den Ersten Beweger an den Osten; behauptet, er bewege sich durch Schicksal und Naturnotwendigkeit; diese Welt sei von Ewigkeit her; es gebe keine bestimmte Wahrheit zukünftiger Zufälligkeiten; Gott erkenne sie nicht bestimmt; was aber die Unsterblichkeit der Seele betrifft, die Vorsehung Gottes gegenüber den Menschen und den Dingen unter dem Mond, künftige Strafen und Belohnungen — diese leugnet er entweder geradeheraus oder verdunkelt sie so, dass man sie, wie einen Tintenfisch, in seine eigenen Windungen gehüllt, nicht erkennen und entwirren kann, und er wurde deshalb von vielen wegen seiner gesuchten Dunkelheit ein Henker der Geister genannt und dafür gehalten.

Diese Finsternisse des natürlichen Lichtes durchschauend, bekannten Demokrit und Empedokles freimütig, dass von uns nichts wahrhaft gewusst werden könne. Sokrates pflegte zu sagen, er wisse nur dies: dass er nichts wisse; Arkesilaos, dass nicht einmal dies gewusst werden könne; Anaxagoras hielt mit seinen Anhängern dafür, all unsere Erkenntnis sei bloße Meinung, es scheine uns nur so — ja, dass man nicht sicher wisse, ob der Schnee weiß sei, sondern es uns nur so scheine — denn alle Sinne könnten getäuscht werden, gleichwie das Gesicht, das sicherste von allen, getäuscht werde, wenn es den Hals der Taube wegen gebrochener Lichtstrahlen mit himmlischen Farben buntschillernd sieht, obwohl in Wirklichkeit keine solchen Farben an der Taube vorhanden sind.

In dieser Nacht also unseres getrübten Blickes, in diesem Meer und Abgrund, bedürfen wir der Leuchte der geoffenbarten Lehre als eines Leuchtturms. „Dein Wort ist eine Leuchte meinen Füßen”, sagt der königliche Sänger, Psalm 118,105, „und ein Licht auf meinen Pfaden: die Gottlosen erzählten mir Fabeln, aber nicht wie dein Gesetz.”

8. Was die zweite Ordnung, die der Gnade, und die dritte, die der Gottheit betrifft, so sieht jedermann mit dem hl. Thomas, dass diese den Philosophen unbekannt waren (da sie das Licht der Natur übersteigen) und ohne Gottes Offenbarung, ohne das Wort Gottes nicht gewusst werden können. Siehst du also, wie die Heilige Schrift alle Ordnungen der Dinge umfasst, sich in alle einschleicht und gleich einer Sonne der Weisheit die Strahlen aller Wahrheit von sich aussendet?

Aristoteles, oder wer auch immer der Verfasser sein mag, fragt in seinem Buch Über die Welt, was Gott sei: „Das ist Gott in der Welt”, sagt er, „was der Steuermann im Schiff, der Wagenlenker im Wagen, der Chorführer im Chor, das Gesetz im Staat, der Feldherr im Heer” — nur dass in jenen Fällen die Herrschaft mühsam, unruhig und angstvoll ist; in Gott ist sie am leichtesten, am freiesten und am geordnetsten.

Dasselbe würdest du von der Heiligen Schrift sagen, die den anderen Wissenschaften Führerin, Gesetz, Herrscherin und Lenkerin ist. Empedokles aber antwortete auf die Frage, was Gott sei: Gott ist eine unbegreifliche Sphäre, deren Mittelpunkt überall und deren Umfang nirgends ist. So würdest du auf die Frage, was die Heilige Schrift sei, mit Recht antworten: Sie ist eine unbegreifliche Sphäre der Gelehrsamkeit, deren Mittelpunkt überall und deren Umfang nirgends ist — denn die Heilige Schrift ist das Wort Gottes. Wie daher das Wort unseres Geistes den Geist selbst und alle seine Vorstellungen widerspiegelt, so drückt die Heilige Schrift, das Wort des göttlichen Geistes, in sich einzig und dem göttlichen Verstand und der göttlichen Erkenntnis gleichsam angemessen (durch die Gott sich selbst und alle Dinge, natürliche und übernatürliche, in einem einzigen Blick seines Geistes erkennt), viele und verschiedene Dinge aus, um den engen Grenzen unseres Verstandes — der jene einzige, unermesslich weite Wirklichkeit nicht auf einmal erfassen kann — das Ganze zwar, aber gleichsam stückweise wie Kindern, durch verschiedene Sätze, Beispiele und Gleichnisse allmählich einzuflößen.

Und aus diesem gleichsam Meer leiten dann die Scholastiker die Ströme theologischer Schlussfolgerungen ab. Nimm die Heilige Schrift von der scholastischen Theologie weg, und du wirst nicht Theologie, sondern Philosophie hervorbringen; du wirst ein Philosoph sein, kein Theologe. Verbinde beide, miteinander verflochten, und du wirst jeden Vorzug sowohl des Theologen als auch des Philosophen erringen.

9. So ist alles, was im Ersten Teil über das Wesen und die Eigenschaften Gottes, über die Vorherbestimmung, über die Engel, über den Menschen und über das Sechstagewerk (das offensichtlich ganz aus Genesis Kapitel 1 geschöpft ist) vom hl. Thomas und den Scholastikern behandelt wird, aus dem geschöpft und abgeleitet, was wir durch die Offenbarung der Heiligen Schrift gelernt haben. Daher eröffnet der hl. Dionysius, mit dem Finger auf die Quellen weisend, seine Himmlische Hierarchie folgendermaßen: „Lasst uns nach Kräften zur Erkenntnis der Heiligen Schriften fortschreiten, so wie wir sie von den Vätern empfangen haben, um sie zu betrachten, und lasst uns, soweit wir können, über die Unterscheidungen und Ordnungen der himmlischen Geister nachsinnen, die sie uns entweder durch Zeichen oder durch die Geheimnisse eines heiligeren Verständnisses überliefert haben.” Denn wenn die Heiligen Schriften uns die Engel nicht darstellten, welcher Apelles, welches Auge, welcher Scharfsinn hätte ihre Umrisse zu zeichnen vermocht?

Derselben Meinung ist der hl. Klemens, der Gefährte und Schüler des seligen Petrus, in seinem 5. Brief.

Was im Dritten Teil über die Menschwerdung untersucht wird, ist alles aus den vier Evangelien geschöpft, die das Leben Christi erzählen; was die alten Sakramente betrifft, aus dem Levitikus; was die Sakramente des neuen Gesetzes betrifft, ist an verschiedenen Stellen aus dem Neuen Testament entnommen. Was in der Prima Secundae über die Seligkeit, die menschlichen Handlungen, die Freiheit, das Freiwillige, die Leidenschaften, die Erbsünde, die lässliche und die Todsünde, die Gnade, die Verdienste und Missverdienste behandelt wird — woher, frage ich, stammt dies, wenn nicht aus der Offenbarung Gottes? Was in der Secunda Secundae über Glaube, Hoffnung und Liebe erörtert wird, stützt sich derart auf die Heilige Schrift, dass das gesamte Verständnis davon auf diese drei zurückgeführt wird, wie der hl. Augustinus sagt, II. Buch Über die christliche Lehre, Kapitel 40. „Denn das Ziel des Gebotes”, sagt der Apostel, „ist die Liebe aus reinem Herzen und einem guten Gewissen und einem ungeheuchelten Glauben.” „Ungeheuchelter Glaube” — da hast du den aufrichtigen Glauben; „ein gutes Gewissen” — da hast du die Hoffnung, denn ein gutes Gewissen hofft und ein schlechtes verzweifelt; „Liebe aus reinem Herzen” — da hast du die Liebe.

Was die Theologen über Gerechtigkeit, Tapferkeit, Klugheit, Mäßigung und die damit verbundenen Tugenden lehren, das umfasst auch Mose im Exodus und Deuteronomium mit seinen Rechtsvorschriften, durch die er jedem sein Recht spricht; desgleichen Salomon in den Sprichwörtern, im Prediger und in der Weisheit; und das Buch Jesus Sirach umfasst dies ebenfalls — daher wurde es Panaretos genannt, als wollte man sagen: „alle Tugend”.

Denn die Heilige Schrift ist vom Heiligen Geist so harmonisch zusammengewoben, dass sie sich allen Orten, Zeiten, Personen, Schwierigkeiten, Gefahren, Krankheiten anpasst, um Übel zu vertreiben, Gutes herbeizurufen, Irrtümer zu vernichten, Glaubenssätze aufzustellen, Tugenden einzupflanzen und Laster abzuwehren; so dass der hl. Basilius sie mit Recht einer bestens ausgestatteten Werkstatt vergleicht, die Arzneien jeder Art gegen jede Krankheit bereitstellt. So schöpfte die Kirche aus der Schrift ihre Standhaftigkeit und Tapferkeit, als die Zeiten die der Märtyrer waren; die Lichter der Weisheit und die Ströme der Beredsamkeit, als die Zeiten die der Kirchenlehrer waren; die Bollwerke des Glaubens und den Sturz der Irrtümer, als die Zeiten die der Häretiker waren; im Glück lernte sie daraus Demut und Bescheidenheit; im Unglück Großmut; in der Lauheit Eifer und Sorgfalt; und wenn sie schließlich im Laufe so vieler vergehender Jahre durch Alter, Flecken und Makel entstellt wurde, gewann sie aus dieser Quelle die Wiederherstellung der verlorenen Sitten und die Rückkehr zu ihrer ursprünglichen Würde und ihrem Stand.

So sagt der hl. Bernhard zu jenen Worten Christi: „Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben”: „Dies sind die Worte, die in der ganzen Welt die Weltverachtung und die freiwillige Armut überredet haben; dies sind die Worte, die den Mönchen die Klöster und den Einsiedlern die Wüsten füllen.”

So beginnt auch das heilige Konzil von Trient die Erneuerung der Kirche mit der Heiligen Schrift und schreibt in seinem gesamten ersten Dekret Über die Erneuerung so sorgfältig wie ausführlich vor, dass die Lesung der Heiligen Schrift allerorten entweder eingeführt oder wiederhergestellt werde.

10. Wie nützlich, ja wie notwendig eben dieses Studium der Heiligen Schrift für diejenigen ist, die nicht für sich allein leben, sondern einen Teil ihres Lebens dem Wohl anderer widmen — und besonders für jene, die heilige Lehrstühle innehaben — das bezeugt die Sache selbst, auch ohne mein Zutun, und die allgemeine Gepflogenheit aller Kirchenmänner bestätigt es. Und dies ist keine Neuerung: Wer die Alten untersucht, wird in jenen frühen Zeiten eine weit umfassendere Kenntnis der heiligen Schriften wahrnehmen, und zwar so reichlich, dass ihre gesamte Rede oft nicht so sehr mit der Schrift durchsetzt als vielmehr durch sie wie durch eine kunstvolle Kette zusammengewoben erscheint; und er wird sich nicht wundern, wenn er liest, dass Origenes, Antonius und Vinzenz Orakel, Tempel und Bundeslade genannt wurden.

Vortrefflich erklärt der hl. Gregor im XVIII. Buch der Moralia, Kapitel 14, jene Stelle aus Ijob: „Das Silber hat die Anfänge seiner Adern”: „Das Silber”, sagt er, „ist der Glanz der Rede oder der Weisheit; die Adern sind die Heilige Schrift, als wollte er offen sagen: Wer sich auf die Worte der wahren Predigt vorbereitet, muss die Ursprünge seiner Beweisführungen den heiligen Seiten entnehmen; damit er alles, was er sagt, auf das Fundament der göttlichen Autorität zurückführe und darauf das Gebäude seiner Rede fest errichte.”

Und der hl. Augustinus an Volusianus: „Hier werden verkehrte Geister heilsam zurechtgewiesen, kleine Geister genährt und große Geister erfreut; jene Seele ist eine Feindin dieser Lehre, die entweder durch Irrtum nicht weiß, dass sie die heilsamste ist, oder die, krank, die Arznei hasst.”

Mit Recht ist daher auch in unserem Zeitalter zu beklagen, was der hl. Hieronymus im Helm-Prolog den Menschen seiner Zeit zum Vorwurf macht: dass, während in allen anderen Künsten die Menschen zu lernen pflegen, bevor sie lehren, in der Heiligen Schrift die meisten lehren wollen, was sie nie gelernt haben. „Allein die Kunst der Schriften”, sagt er, „ist es, die sich überall jeder anmaßt, und wenn sie die Ohren des Volkes mit geschliffener Rede gestreichelt haben, meinen sie, was immer sie gesagt haben, sei das Gesetz Gottes; und sie geruhen nicht zu wissen, was die Propheten und Apostel gemeint haben, sondern passen unpassende Zeugnisse ihrem eigenen Sinn an — als wäre es etwas Großes und nicht die verderblichste Art des Lehrens, die Aussagen zu verdrehen und die Schrift, die sich sträubt, dem eigenen Willen zu unterwerfen.”

In der Tat ergreift viele die unheilbare Sucht zu lehren, wenige aber die Liebe zum Lernen, und diese Liebe ist gering: daher kommt es, dass sie die Schrift wie Wachs in jede Richtung biegen, sie durch eine wundersame Verwandlung in jede Gestalt umformen und wie Glücksspieler mit den göttlichen Worten spielen, wie das Los es bringt, ihr oft Gewalt antun und — gegen die gewichtigsten Beschlüsse der heiligen Väter, der Kanones, der Konzilien und besonders des Konzils von Trient — in fremde Bedeutungen verdrehen, was im Falle Vergils die Dichter nicht geduldet hätten. Doch woher kommt all dies? Ich glaube, aus einer gewissen gähnenden und allzu verbreiteten Trägheit: Sie haben ihre Wissenschaft schlecht gelernt, es verdrießt sie, sorgfältig zu lernen, was sie lehren sollen, und eben diese Trägheit breitet Finsternis über ihren Geist, so dass sie die Heilige Schrift für leicht und jedem durch seinen eigenen Verstand zugänglich halten, und meinen zu wissen, was sie nicht wissen, und nicht wissen, dass sie nicht wissen. Dies ist die Wurzel allen Übels, die ausgerissen werden muss — eine Seuche, die, weit und breit um sich greifend, viele angesteckt und sich aufs weiteste verbreitet hat.


Kapitel III: Über die Schwierigkeit der Heiligen Schrift

21. III. Untersuchen wir also, was an dritter Stelle vorgeschlagen wurde, wie leicht die göttlichen Bücher sind. Und um kurz vorauszuschicken, was ich denke und was ich zu beweisen mich bemühe: Ich behaupte, dass die Heilige Schrift weit schwieriger zu verstehen ist als alle profanen Schriften — griechische, lateinische, hebräische und welche anderen auch immer. Ob dem so ist, wollen wir sehen.

Die Heilige Schrift übertrifft nach allgemeinem Urteil alle anderen in vielen Hinsichten, insbesondere aber darin, dass die anderen Schriften nur eine einzige Bedeutung in einem einzigen Ausdruck aussagen, diese aber mindestens vier Bedeutungen: denn sie hat eine Bedeutung nicht allein der Worte, sondern auch der durch sie bezeichneten Dinge; daher ergibt sich, dass der wörtliche Sinn das Verständnis des geschichtlichen Ereignisses oder der Sache wiedergibt, die unmittelbar durch die heiligen Worte ausgedrückt wird; dieses geschichtliche Ereignis oder diese Sache aber kündet darüber hinaus im allegorischen Sinn prophetisch etwas über Christus den Herrn an; im tropologischen Sinn empfiehlt es etwas, das zur Bildung der Sitten geeignet ist; und sich in dritter Weise noch höher erhebend, legt es durch die Anagogie die himmlischen Geheimnisse zur Betrachtung im Rätsel vor.

Und von diesen erreichst du kaum einen einzigen echten Sinn; wie willst du also die anderen drei so leicht und voreilig versprechen?

Aber, wirst du sagen, der historische Sinn hat den Vorrang; diesen allein suche ich und erschließe und messe ihn hinreichend aus den scholastischen Grundsätzen; um den symbolischen Sinn, der unsicher ist und den jeder leicht erfinden könnte, bekümmere ich mich nicht ängstlich. Doch sieh zu, dass du nicht wie jener Neoptolemus des Ennius, der „sagte, er wolle philosophieren, aber nur ein wenig, denn im Ganzen gefalle es ihm nicht”, den Theologen nur dem Namen oder der Oberfläche nach spielst.

Denn erstens, was den mystischen Sinn betrifft — dass dieser der vornehmste Sinn der Schrift ist, bezeugt das gesamte Alte Testament, das zunächst zwar die Taten jener Zeit oder das, was zu tun war, berichtet, vor allem aber Christus überall symbolisch bezeichnet. Dasselbe Urteil gilt für die anderen Sinne.

Und gleichwie Jonatan, 1. Buch der Könige Kapitel 20, um die Sache an einem vertrauten Beispiel zu betrachten, dem David heimlich ein Zeichen zur Flucht geben wollte: indem er nach Verabredung einen Pfeil abschoss und den Knaben, der ihn aufsammeln sollte, anwies, weiter voranzugehen, bezeichnete er zweierlei — das Erste unmittelbar, nämlich dass der Knabe den Pfeil aufheben solle; das Zweite entfernter, aber weit mehr beabsichtigt, nämlich dass David, durch dieses Zeichen gewarnt, die Flucht ergreifen solle. Ganz ebenso verhält es sich hier: der historische Sinn der Schrift ist der vordere, der mystische aber der gewichtigere; und aus diesem, wie aus jenem, darf der Theologe das kräftigste Argument zur Befestigung seiner Lehre ziehen, vorausgesetzt, es steht fest, dass es der echte Sinn ist, wie denn Christus der Herr und die Apostel sehr oft höchst wirksame Schlüsse daraus ziehen; wenn es aber nicht feststeht, sondern zweifelhaft ist, ob der mystische Sinn jener Stelle der wahre ist — was Wunder, wenn aus einer zweifelhaften Prämisse ein zweifelhafter Schluss gezogen wird? Denn auch aus dem historischen Sinn, der am Buchstaben haftet, wirst du, wenn er unsicher und zweifelhaft ist, niemals etwas Gewisses hervorbringen.

22. Ferner ist es eine verderbliche Meinung — und noch gefährlicher, sie in die Tat umzusetzen —, zu meinen, die geistlichen Sinne seien bloße Erfindungen und jeder könne sie nach eigenem Gutdünken jeder beliebigen Stelle anpassen — als wollte jemand die Proba Falconia (die eine lateinische Sappho war) nachahmen, die Vergils Aeneis, oder die Kaiserin Eudokia, die Homers Ilias auf Christus bezogen, und die Heilige Schrift seiner eigenen frommen Erfindung anpassen.

Denn wenn der mystische ein wahrer Sinn der Schrift ist, wenn der Heilige Geist ihn ganz besonders zu diktieren beabsichtigte, mit welchem Recht wird es dann einem jeden freistehen, ihn nach Belieben auszulegen? Mit welcher Stirn wird jemand die Erfindung seines eigenen Gehirns den Sinn des Heiligen Geistes nennen und sich und seine Ware wie ein Schwärmer des Heiligen Geistes anpreisen?

Diejenigen unter den Kirchenvätern, die sich am meisten mit der Allegorie befassten, sahen dies und hüteten sich sorgfältig davor; vom selben Geist erfüllt, drängten sie die Allegorie nicht voreilig auf, wo sie zu lächeln schien, oder um ihre eigenen Vorstellungen zu stützen, noch legten sie, wie man so sagt, ungeschickt das Beinschild auf die Stirn oder den Helm ans Bein; sondern sie banden sie so an die Sache, dass sie in allem treffend übereinstimmte.

Denn wie im historischen Sinn die Worte die geschehenen Ereignisse bezeichnen, so bezeichnen im allegorischen Sinn die Ereignisse andere, verborgenere Wirklichkeiten: so dass die Allegorie, wenn sie nicht der Geschichte entspricht, ganz und gar falsch und nichtig ist. Deshalb lehrt der hl. Hieronymus, als er über Hosea Kapitel 10 schreibt, es sei gottlos, das, was überall vom König von Assyrien gesagt wird, nach der Tropologie auf Christus zu beziehen — was er selbst einmal unvorsichtigerweise getan hatte; und im Vorwort zu Obadja tadelt er sich selbst dafür, dass er einst diesen Propheten allegorisch erklärt hatte, ohne noch dessen historischen Sinn erfasst zu haben.

23. Was aber den historischen Sinn betrifft, selbst wenn dieser allein dir genügen sollte: wie vieler und wie großer Hilfsmittel bedarf es! Wie oft ist er verborgen! Wie tief verhüllt in der hebräischen oder griechischen Ausdrucksweise, in einer Redeform, die neu und von allen anderen verschieden ist! Wie hoch schwingt er sich oft zu den größten Höhen empor!

Und das ist nicht verwunderlich. Denn wenn die Worte der Weisen die Gedanken eines weisen Geistes kundtun und die Rede der Auffassung des Geistes entspricht: wo diese himmlisch und göttlich ist, wie notwendig muss dann der Ausdruck gleichfalls himmlisch und göttlich sein? Niemand aber zweifelt, dass die heiligen Bücher in ihren Worten die Gedanken des Heiligen Geistes und die Weisheit des ewigen Wortes umfassen: so dass man nicht am Boden kriechen, sondern sich in die Höhe erheben muss, wenn man durch diese göttlichen Aussprüche zu den göttlichen Gedanken und zur Ersten Wahrheit emporfliegen will.

Ich gestehe gerne zu, dass die scholastischen Gelehrten vieles scharfsinnig aus den Schriften herbeiholen und dies gelegentlich erörtern; aber sie setzen sich selbst ihre Grenzen in den theologischen Quästionen, die ihnen reichlich den für einen Theologen höchst nützlichen und wahrhaft notwendigen Stoff und die Arbeit liefern, so dass sie keine Gelegenheit haben, etwas anderes von Berufs wegen zu betreiben — ebenso wie einer, der die Heilige Schrift erläutert, gelegentlich die in den heiligen Texten eingehüllten theologischen Schlussfolgerungen sorgfältiger entfaltet, aber, um nicht über seinen Leisten hinauszugehen, sich alsbald in sein eigenes Gebiet zurückzieht.

Aber es ist eines, etwas zu kosten, und ein anderes, denselben Stoff in einer gewissen und fortlaufenden Ordnung zusammenzufügen; eines, einen bestimmten Satz zu untersuchen, ein anderes, ein ganzes Buch und alle seine Aussagen mit sorgfältiger und genauer Prüfung des Vorangehenden und Folgenden, mit Erforschung der hebräischen und griechischen Quellen und mit der Lektüre der heiligen Väter zu entfalten, seine Ausdrucksweise in sich aufzunehmen und in ihm wie zu Hause zu verkehren. Wer dies vernachlässigt und sich mit gewissen schwierigeren, hier und dort ausgewählten und erklärten Stellen begnügt, wird niemals zum heiligen Innersten — nämlich zum verborgenen Sinn der heiligen Worte — vordringen, sondern wird auch leicht von der Wahrheit und der Absicht des Verfassers abirren.

Dies kann man bei einigen älteren Schriftstellern sehen, an sich nicht ungelehrten Männern, die in theologischen Dingen bisweilen so leichtfertig irgendeinen heiligen Grundsatz ergreifen und missbrauchen, dass sie bei unseren Häretikern Gelächter und bei den Katholiken Galle erregen.

24. Vortrefflich mahnt der hl. Gregor den Leser im Vorwort zu den Büchern der Könige, dass er die Geschichte bisweilen anders erkläre, als es die Väter getan haben: denn wenn jene, sagt er, der Reihe nach alles darlegten, was sie nur zum Teil berührten, hätten sie die Abfolge der Darstellung, der sie zu folgen schienen, keineswegs einhalten können. Vieles nämlich wird eingefügt, geht voraus oder folgt nach, was mit der behandelten Stelle verglichen werden muss; die Art des heiligen Ausdrucks muss auch an anderen Stellen erforscht, die Redeweise untersucht werden. Wenn diese nicht mit der Auslegung zusammenstimmen, ist jenes keineswegs der echte Sinn der Stelle, keineswegs die Kraft, Macht und Bedeutung der Rede: so dass man oft im Zweifel sein mag, was größer ist — die Dunkelheit der Sache selbst oder des Ausdrucks.

Ich übergehe die vielfältige und gleichsam allumfassende Weite des Gegenstandes: denn was wird im gesamten Alten und Neuen Testament nicht behandelt oder berührt?

25. Als Beispiel mag dienen: Um die Bücher der Könige, der Makkabäer, des Esra, des Daniel und der anderen Propheten zu verstehen, wie viel verschiedenartige heidnische Geschichte muss man kennen! Wie viele Monarchien — der Assyrer, Meder, Perser, Griechen und Römer — müssen gründlich erlernt werden! Wie viele Sitten der Völker, Gebräuche bei Bündnissen, Kriegen, Opfern und Eheschließungen müssen erforscht werden! Wie viele Lagen von Städten, Flüssen, Bergen und Landschaften aus der gesamten ältesten Chorographie und Kosmographie müssen durchforscht werden!


Kapitel IV: Urteile und Beispiele der Kirchenväter

IV. Damit aber kein Zweifel in dieser Sache bestehen bleibe, wohlan, lassen wir die Sache von ihrem Ursprung her verfolgen und sehen wir, wie zu jeder Zeit die Schwierigkeit nicht weniger als die Würde der Heiligen Schrift sowohl die Ehrfurcht vor ihr schärfte als auch den Eifer der Heiligen entflammte.

Bei den Hebräern ist eine weit verbreitete Überlieferung bekannt, der aus unseren eigenen Schriftstellern der hl. Hilarius zu Psalm 2 und Origenes in der fünften Homilie über die Bücher Numeri beipflichten, dass Mose auf dem Berg Sinai von Gott nicht nur das Gesetz, sondern auch die Erklärung des Gesetzes empfangen habe und dass ihm geboten worden sei, das Gesetz niederzuschreiben, dessen verborgene Geheimnisse und Bedeutungen aber Josua zu offenbaren, und dieser den Priestern, und diese wiederum ihren Nachfolgern im Amt, unter dem strengen Siegel der Verschwiegenheit.

Daher berichtet Anatolius, von Eusebius im siebten Buch seiner Geschichte, Kapitel 28, angeführt, dass die Siebzig Übersetzer die vielen Fragen des Ptolemäus Philadelphus, des Königs von Ägypten, aus den Überlieferungen des Mose beantworteten. Und Esra — oder wer auch immer der Verfasser von 4 Esra ist (welches, obwohl nicht kanonisch, seine Autorität dadurch beglaubigt sieht, dass es den kanonischen Büchern beigefügt ist) — berichtet in Kapitel 14 den an Mose ergangenen Befehl: „Diese Worte sollst du öffentlich kundtun, und jene sollst du verborgen halten.” Ihm selbst gleichermaßen — das heißt Esra —, nachdem er auf Eingebung Gottes 204 Bücher diktiert hatte, wurde ein ähnlicher Befehl erteilt: „Die früheren Schriften, die du verfasst hast,” sagt er, „stelle sie öffentlich auf, und sowohl die Würdigen als auch die Unwürdigen mögen sie lesen; die letzten siebzig aber sollst du bewahren, damit du sie den Weisen deines Volkes übergeben kannst; denn in ihnen ist die Quelle des Verstehens und der Brunnen der Weisheit und der Strom der Erkenntnis — und so tat ich.”

Daher wollte Mose immer wieder, besonders im Deuteronomium, dass jede zweifelhafte und schwierige Rechtssache des Volkes bezüglich des Gesetzes an die Priester verwiesen werde; denn, wie Maleachi 2,7 sagt: „Die Lippen des Priesters werden die Erkenntnis bewahren, und das Gesetz” — nämlich die zweifelhaften Bestimmungen des Gesetzes, über die Streit besteht, wie der hl. Bernhard sagt — „werden sie aus seinem Munde suchen.” Aus diesem Grund gebietet der Herr den Priestern im Buch Levitikus das Studium desselben und spricht sie in Kapitel 10 mit diesen Worten an: „Damit ihr die Erkenntnis habt, zwischen Heiligem und Unheiligem, zwischen Unreinem und Reinem zu unterscheiden, und die Kinder Israels alle meine Satzungen lehrt, die der Herr zu ihnen durch die Hand des Mose gesprochen hat.” Und um den Hohepriester ganz besonders an diese Pflicht zu erinnern, wollte er, dass er auf dem Brustschild seines hohepriesterlichen Gewandes Lehre und Wahrheit — oder, wie es auf Hebräisch heißt, אורים ותמים Urim we-Tummim, Erleuchtung und Lauterkeit — zwei Zierden des priesterlichen Lebens, durch bestimmte Symbole bezeichnet, trage und stets vor Augen habe. Doch lasst uns weiter fortschreiten.

26. Der königliche Prophet, der selbst einen bedeutenden Teil der heiligen Schriften verfasste — jenes göttliche Werkzeug des Heiligen Geistes, sage ich —, der in eben diesen Schriften jene erhabenen und geheimnisvollen Dunkelheiten erkannte, betet überaus häufig mit immer neuen Worten, Psalm 119: „Öffne meine Augen, damit ich die Wunder deines Gesetzes betrachte,” wobei es im Hebräischen heißt: גל עיני ואביטה gal enai we-abbita — wälze von meinen Augen (den Schleier der Blindheit nämlich) ab, und ich werde die Wunder deines Gesetzes klar schauen. „Wenn ein so großer Prophet,” sagt der hl. Hieronymus an Paulinus, „die Finsternis der Unwissenheit bekennt, von welcher Nacht des Unwissens glaubst du, sind wir Kleinen und gleichsam noch Säuglinge umgeben? Dieser Schleier aber liegt nicht nur auf dem Antlitz des Mose, sondern auch auf den Evangelisten und Aposteln; und wenn nicht alles, was geschrieben steht, aufgetan wird von dem, der den Schlüssel Davids hat, der öffnet und niemand schließt, der schließt und niemand öffnet, so wird es durch keinen anderen erschlossen und enthüllt werden.”

Jeremia hört in Kapitel 1: „Ehe ich dich im Mutterleib bildete, habe ich dich erkannt, und ehe du aus dem Schoße hervorgingst, habe ich dich geheiligt und dich zum Propheten unter den Völkern bestellt;” und dennoch ruft er aus: „Ach, ach, ach, Herr und Gott, siehe, ich verstehe nicht zu reden, denn ich bin ein Knabe.”

Jesaja erblickte in Kapitel 6 einen Seraph, der zu ihm herabflog und ihm mit einer glühenden Kohle den Mund zum Weissagen öffnete.

Ezechiel schaute in Kapitel 2 die Gestalt des vierfachen Lebewesens und der Herrlichkeit des Herrn, fiel auf sein Angesicht nieder und schwieg, nachdem er vom Geist aufgerichtet worden war, bis auch ihm der Mund geöffnet wurde.

Daniel bewahrt in Kapitel 7,8 das Wort Gottes in seinem Herzen, wird aber von Gedanken verwirrt, und sein Angesicht verändert sich, und er staunt über die Vision, weil ihm der Ausleger fehlt. Und wir wollen uns ein leichteres Verständnis eben jener Weissagungen, Gleichnisse, Rätsel und Sinnbilder — leichter als es ihren Verfassern selbst zuteil wurde — oder eine größere Beredsamkeit, sie auszulegen, als wäre sie uns natürlich und angeboren, versprechen?

27. Ganz anders zeichnet Jesus Sirach den Weisen und fordert sein unermüdliches Studium verbunden mit frommem Gebet: „Die Weisheit aller Alten wird der Weise erforschen, und in den Propheten” — oder, wie die griechische Quelle hat, in den Prophetien — „wird er sich üben; die Erzählung” — griechisch διήγησιν, die Auslegung, Erklärung — „berühmter Männer wird er bewahren und in die Feinheiten, die Schärfe der Gleichnisse wird er zugleich eindringen; die verborgenen Sinnsprüche wird er erforschen und in den Geheimnissen der Gleichnisse wird er heimisch sein; er wird seinen Mund im Gebet öffnen und für seine Sünden flehen. Denn wenn der große Herr will, wird er ihn mit dem Geist des Verstehens erfüllen, und er selbst wird die Worte seiner Weisheit wie Regengüsse senden; er selbst wird die Lehre seiner Unterweisung offenbar machen und sich im Gesetz des Bundes des Herrn rühmen.”

Die alten Rabbinen der Juden gaben sich ganz den heiligen Schriften hin; daher wurden sie סופרים Sopherim, γραμματεῖς und Schriftgelehrte genannt. Nach Christus aber weiß jedermann, dass die Rabbinen der Hebräer nichts anderes als die Heilige Schrift behandeln und im Übrigen ungebildet sind.

Bekannt ist das Wort jenes Rabbiners, der, von seinem wissbegierigen Enkel gefragt, ob ihm erlaubt sei oder er ihm rate, sich auch den griechischen Autoren zu widmen, ironisch antwortete, es sei erlaubt — vorausgesetzt, dass er es weder am Tage noch in der Nacht tue; denn es stehe geschrieben, man müsse über das Gesetz des Herrn Tag und Nacht nachsinnen.

28. Gehen wir nun zum Neuen Bund über: Der hl. Petrus fügt, als er die Briefe des hl. Paulus erwähnt, hinzu, dass sich in ihnen einiges finde, „das schwer zu verstehen ist, was die Unwissenden und Ungefestigten verdrehen, wie auch die übrigen Schriften, zu ihrem eigenen Verderben,” 2. Petrus 3. Und zuvor in Kapitel 1: „Keine Weissagung der Schrift ist Sache eigener Auslegung; denn niemals wurde eine Weissagung durch menschlichen Willen hervorgebracht, sondern vom Heiligen Geist getrieben haben die heiligen Menschen Gottes geredet.”

Sein leiblicher Bruder im Amt und in der Krone des Martyriums, der hl. Paulus, bezeichnet nicht die Kräfte des natürlichen Geistes, sondern die verschiedenen Gnadengaben desselben Geistes, dass „dem einen durch den Geist das Wort der Weisheit gegeben wird, dem anderen das Wort der Erkenntnis, einem anderen der Glaube, einem anderen die Gabe der Heilungen, einem anderen die Wirkung von Wunderkräften, einem anderen die Prophetie, einem anderen die Unterscheidung der Geister, einem anderen verschiedene Arten von Sprachen, einem anderen schließlich die Auslegung der Reden,” 1 Korinther 12, und dass deshalb Gott in der Kirche die einen als Apostel eingesetzt habe, andere als Propheten, andere als Lehrer. Anderswo aber rühmt er sich, zu Füßen Gamaliels im Gesetz unterrichtet worden zu sein; anderswo ermahnt er die Hirten und Bischöfe, sich als untadelige Arbeiter zu erweisen, die das Wort der Wahrheit recht handhaben, damit sie mit der gesunden Lehre ermahnen und die Widersprechenden widerlegen können. Doch was verweilen wir?

29. Hören wir Christus: „Erforscht die Schriften,” spricht er. Ja, diese Gabe hat Christus ebenso wie die Wundertätigkeit und die Macht über alle Arten von Wundern seiner Kirche testamentarisch hinterlassen, als er, im Begriff in den Himmel aufzufahren und von den Aposteln Abschied nehmend, ihnen den Sinn öffnete, damit sie die Schriften verstünden.

In dieser Absicht gründete der hl. Markus in eben jenem Zeitalter zu Alexandria diese christliche Schule der Erklärung der heiligen Schriften. Man kann bei dem jüdischen Schriftsteller Philo als Augenzeugen im Buch Über das beschauliche Leben und bei Eusebius im vierzehnten Buch seiner Geschichte über die Essener nachlesen, wie unablässig die Essener — jene ersten Christen Alexandrias, sage ich — von der Morgenröte bis in die Nacht hinein den ganzen Tag damit verbrachten, die heiligen Bücher zu lesen, zu hören und die erhabeneren allegorischen Bedeutungen aus den Kommentaren ihrer Väter zu ergründen. Von da an wurden die Anfänge der alexandrinischen Schule gelegt, die hernach wuchs und wunderbar heranreifte und in den folgenden Jahrhunderten Scharen von Märtyrern, einen erlauchten Chor von Kirchenlehrern und Bischöfen sowie Leuchten der Welt hervorbrachte. Und um von einem auf die übrigen zu schließen und zu sehen, wie eifrig und unermüdlich sie den Lauf der göttlichen Worte durcheilten: Von Origenes berichtet Eusebius als Gewährsmann, dass er bereits als Knabe diesen Lauf begonnen habe; er habe seinem Vater täglich etliche heilige Sprüche aus dem Gedächtnis gleichsam als tägliche Aufgabe aufgesagt und vorgetragen; und damit nicht zufrieden, habe er auch begonnen, deren tiefste Bedeutungen und Sinne zu erforschen und zu erfragen. Als er dann älter geworden und den Lehrstuhl erlangt hatte, setzte er Tag und Nacht das Begonnene fort; einzig zu diesem Zweck erlernte er die hebräische Sprache von Grund auf, sammelte aus der ganzen Welt die Übersetzungen verschiedener Dolmetscher zusammen und erarbeitete als Erster nach neuem Vorbild die Hexapla und Octapla in unermesslicher Mühe und erläuterte sie in Scholien.

Diesen folgten im Orient gleichermaßen das goldene Lehrerpaar Griechenlands, Basilius und Gregor der Theologe, die sich in die Einsamkeit, Ruhe und Muße des Klosters zurückzogen und volle dreizehn Jahre lang, nachdem sie alle weltlichen Bücher der Griechen beiseitegelegt hatten, sich allein der göttlichen Schrift widmeten, „und die göttlichen Bücher,” sagt Rufinus im elften Buch seiner Geschichte, Kapitel 9, „wälzten sie kommentierend um, nicht aus eigener Vermessenheit, sondern aus den Schriften und der Autorität der Älteren, von denen feststand, dass sie ihrerseits aus der apostolischen Nachfolge die Regel des Verstehens empfangen hatten.” Haben also so große Männer, mit solcher Weisheit, solchem Genie und solcher Beredsamkeit begabt, es für nötig befunden, so viele Jahre den Anfangsgründen der Heiligen Schrift zu widmen — und uns sollen die heiligen Schriften so leicht erscheinen, dass es uns verdrießt, drei oder vier Jahre ihnen zu widmen, oder, wenn es mehr sein müssen, dass wir meinen, alle Mühe und Arbeit verloren zu haben?

Ein Zeitgenosse des hl. Basilius war der hl. Ephräm der Syrer, und wie eifrig er in der Heiligen Schrift war, bezeugen seine gelehrten Werke.

Von den Schulen der Heiligen Schrift, die zu Nisibis zur Zeit des Kaisers Justinian eingerichtet wurden, zeugt Junilius Africanus, Bischof, in seinem Buch an Primasius. Dieselben in Rom unter demselben Kaiser einzuführen bemühte sich Papst Agapetus, wie Cassiodor im Vorwort seines Buches der göttlichen Lesungen berichtet: „Ich habe mich bemüht,” sagt er, „zusammen mit dem seligsten Agapetus der Stadt Rom, dass — wie es in Alexandria lange Zeit hindurch als Einrichtung bestanden haben soll und nun auch in der syrischen Stadt Nisibis den Hebräern eifrig dargelegt wird — unter Zusammenlegung der Mittel in der Stadt Rom besoldete Lehrer einer christlichen Schule besser angestellt würden, von der die Seele das ewige Heil empfinge und die Zunge der Gläubigen in reiner und lauterster Beredsamkeit gebildet würde.”

Die Schriften, damit auch sie ihrerseits ihre Jünger darin unterwiesen und sie an die Nachkommen in ununterbrochener, von Hand zu Hand weitergegebener Überlieferung weitergäben. So bezeugen der hl. Dionysius, ein Schüler des Apostels Paulus, und Clemens, ein Schüler des hl. Petrus, dass ihnen die Schriften auf diese Weise überliefert worden seien.

Unter den Lateinern aber gebührt der erste Rang mit Recht dem hl. Hieronymus, dem Phönix seiner Zeit, der sich so ganz diesem Werke widmete, dass er in diesen Schriften bis ins hohe Greisenalter tätig war und der Kirche die lateinische Bibelübersetzung aus dem Hebräischen hinterließ; daher bezeichnet ihn die Kirche als den größten Lehrer in der Auslegung der Heiligen Schrift. Berühmt ist auch jenes Wort des hl. Hieronymus: „Lasst uns auf Erden lernen, was als Wissen mit uns in den Himmeln fortbestehen wird;” und: „Studiere so, als würdest du ewig leben; lebe so, als würdest du stets sterben.” Aus diesem Grunde erlernte er selbst die hebräische Sprache im Alter, wie Cato die griechische; aus diesem Grunde begab er sich nach Bethlehem und an die heiligen Stätten; aus diesem Grunde hatte er, nach dem Zeugnis des hl. Augustinus, alle alten griechischen und lateinischen Kommentatoren gelesen, von denen er die meisten, denen er folgen wollte, in den Vorreden fast aller seiner Kommentare voranstellt; und er pflegt jene scharf zu tadeln, die sich ohne die Gnade Gottes und die Lehre der Vorfahren die Kenntnis der Schriften anmaßen.

Ferner nahm der hl. Augustinus jene Schärfe des Geistes, mit der er die Kategorien des Aristoteles allein durchdrungen hatte — sodass er nichts zu lesen pflegte, ohne es sogleich zu begreifen — und griff, als er gleich nach seiner Bekehrung auf Anraten des hl. Ambrosius (Bekenntnisse, Buch IX, Kapitel 5) den Propheten Jesaja in die Hand nahm, sofort von der Tiefe seiner Worte abgeschreckt zurück; da er die erste Lesung nicht fassen konnte, trat er zurück und verschob ihn, bis er in den Worten des Herrn geübter wäre. Aber auch viel später, als er an Volusianus schrieb (Brief 1), sagt er: „So groß ist die Tiefe der christlichen Schriften, dass ich täglich in ihnen Fortschritte machen würde, wenn ich sie allein von frühester Jugend” — man beachte die Worte — „bis ins hohe Greisenalter, mit größter Muße, höchstem Eifer und besserem Talent zu erlernen suchte. Denn abgesehen vom Glauben bleibt so vieles und so vielfach in Schleier der Geheimnisse Gehülltes für die Fortschreitenden zu verstehen, und eine so große Tiefe der Weisheit liegt verborgen nicht nur in den Worten, sondern auch in den Dingen, dass den Ältesten, Scharfsinnigsten und am heißesten nach Erkenntnis Dürstenden das widerfährt, was dieselbe Schrift an einer Stelle sagt: ‚Wenn der Mensch vollendet hat, dann fängt er erst an.'”

Die Schwierigkeit wird noch vermehrt durch die überall verstreuten hebräischen und griechischen Redewendungen, zu deren gründlichem Verständnis die Kenntnis beider Sprachen nötig ist, wie der hl. Augustinus lehrt im zweiten Buch Über die christliche Lehre, Kapitel 10. Denn aus zwei Gründen wird das Geschriebene nicht verstanden: wenn es entweder durch unbekannte oder durch zweideutige Zeichen und Worte verhüllt wird — beides ist nicht selten in jeder Übersetzung, durch die etwas aus der einen Sprache in eine andere übertragen wird. Ferner: „Gegen die unbekannten Zeichen,” sagt Augustinus in Kapitel 11 und 13, „ist das große Heilmittel die Kenntnis der Sprachen.” Denn es gibt gewisse Wörter, die durch Übersetzung nicht in den Gebrauch einer anderen Sprache übergehen können; und mag der Übersetzer noch so gelehrt sein und vom Sinn des Verfassers nicht abirren, so zeigt sich der eigentliche Sinn nicht, wenn man nicht in jener Sprache nachschlägt, aus der übersetzt wird. Unter anderem führt er folgendes Beispiel an: „Uneheliche Setzlinge werden keine tiefen Wurzeln schlagen,” Weisheit 4,3; denn der Übersetzer gräzisiert und leitet gleichsam von μόσχος die μοσχεύματα ab, das heißt von ‚Kalb' die ‚Kälblinge'; μοσχεύματα aber sind Schösslinge, das heißt Ableger und neue, vom Baum abgeschnittene und in die Erde gepflanzte Triebe. Wie sehr die heiligen Bücher in lateinischer Fassung von hebräischen und griechischen Redewendungen wimmeln, ist sonnenklar, sodass derselbe Augustinus nicht ohne Grund in den Retractationes, Buch II, Kapitel 5,54, berichtet, er habe in sieben Büchlein, die noch vorhanden sind, die Ausdrucksweisen der Heiligen Schrift gesammelt. Dem folgte hernach Eucherius von Lyon in seinem Buch Über die geistlichen Formen, und nach ihm in diesem Jahrhundert noch mehrere andere.

Mit dem hl. Augustinus stimmt der hl. Chrysostomus überein, wenn er in seinem Kommentar zur Genesis, Homilie 21, nicht zu behaupten zögert, dass es in den heiligen Schriften keine Silbe und kein Strichlein gebe, in dessen Tiefen nicht ein gewaltiger Schatz verborgen liege — und dass wir daher der göttlichen Gnade bedürfen und, vom Heiligen Geist erleuchtet, an die göttlichen Worte herantreten müssen.

Noch kühner spricht Gregor der Große, zugleich Papst und Kirchenlehrer: Denn so viele und so verborgene Geheimnisse erkennt er, als er den Ezechiel kommentiert, in den heiligen Büchern, dass er versichert, einiges sei den Sterblichen noch nicht enthüllt und stehe allein den himmlischen Geistern offen.

Sollen wir uns noch wundern, dass Gregor, Augustinus, Ambrosius, Eusebius, Origenes, Hieronymus, Cyrill und der gesamte Chor der heiligen Väter so eifrig Tag und Nacht über den heiligen Büchern gebrütet haben? Sollen wir uns wundern, dass die Ersten und Vornehmsten in dieser Wissenschaft darin alt geworden sind und dass sie kein anderes Ende ihres Studiums kannten als das Ende des Lebens? Sollen wir uns wundern, dass Hieronymus sich Gregor von Nazianz und Didymus, Ambrosius sich Basilius, Augustinus sich Ambrosius, Chrysostomus sich Eusebius als Lehrer bediente und andere die ihren? Sollen wir uns wundern, dass von Anbeginn der Kirche Schulen der heiligen Schriften errichtet wurden? Denn über die alexandrinische, die Mutter so vieler Kirchenlehrer und Bischöfe, besteht kein Zweifel; über die übrigen zeugen hinreichend die gelehrten Werke der Kirchenväter, die, viele Jahrhunderte bevor die scholastische Theologie in methodischer Form gelehrt wurde, beinahe ausschließlich in diesem Gegenstand, in dieser einen Materie sich bewegen.

In Konstantinopel war einst jenes berühmte Kloster, das nach seinem Gründer und nach dem Studium der heiligen Schriften und des vollkommeneren Lebens den Namen „Studion” erhielt und dem der hl. Plato vorstand. Nach ihm hinterließ Theodor der Studite, um das Jahr des Herrn 800, so viele Denkmäler seines Geistes und seiner Frömmigkeit aus den heiligen Schriften, indem er seine Jünger nach der Sitte der alten Mönche mit deren Abschreiben beschäftigte; mit ihnen trat er, sowohl abwesend als auch persönlich anwesend, mit den bilderstürmerischen Kaisern Konstantin Kopronymus und Leo dem Isaurier in tapferen Kampf und Wettstreit, besiegte die Häresie und weihte dem ewigen Gedächtnis die siegreichen Trophäen des heiligen Glaubens.

Aus England höre den ehrwürdigen Beda in seiner englischen Geschichte: „Ich,” sagt er, „trat mit sieben Jahren ins Kloster ein und habe dort mein ganzes Leben dem Nachsinnen über die Schriften gewidmet; und neben der Beobachtung der klösterlichen Regel und der täglichen Pflicht des Singens in der Kirche habe ich es stets als süß empfunden, entweder zu lernen, zu lehren oder zu schreiben.” Daher sind von Beda Kommentare zu beinahe allen Büchern der Heiligen Schrift vorhanden, und nicht einmal durch Krankheit ließ er davon ab; ja vielmehr arbeitete er in seiner letzten Krankheit am Evangelium des hl. Johannes, und beinahe schon den Geist aufgebend, rief er, um das Werk zu vollenden, einen Schreiber herbei: „Nimm den Griffel,” sagte er, „und schreibe eilends,” und schließlich: „Gut, es ist vollbracht;” und seinen Schwanengesang anstimmend: „Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist,” hauchte er aufs friedlichste seinen Geist aus, der für die Mühe des Glaubens mit der Anschauung Gottes belohnt werden sollte, im Jahre der Jungfrau 731.

Ein Zeitgenosse des ehrwürdigen Beda war Albinus oder Alcuin Flaccus, der Karls des Großen Lehrer war, oder vielmehr sein Vertrauter; dieser lehrte in York in England öffentlich die heiligen Schriften; daher reiste der hl. Liudger aus Friesland nach York, um ihn zu hören, und machte solche Fortschritte, dass er, zu den Seinen zurückgekehrt, den Namen des Apostels der Friesen verdiente. Zeugen sind die Annalen Frieslands und der Verfasser des Lebens des hl. Liudger.

Bei den Belgiern trug der hl. Bonifatius, als er mit den Seinen das Gesetz Christi verbreitete, beständig ein Exemplar des heiligen Evangeliums bei sich, sodass er es nicht einmal im Martyrium losließ; ja vielmehr, als im Jahr des Herrn 755 die Friesen das Schwert gegen sein Haupt schwangen, hielt er dieses Buch gleichsam als geistlichen Schild entgegen, und durch ein erhabenes Wunder, obwohl das Buch mit dem scharfen Schwert mitten durchgeschnitten wurde, ging dennoch kein einziger Buchstabe durch diesen Schnitt verloren.

Bei den Franken gründete König und Kaiser Karl der Große — ja, dreimal der Größte: an Gelehrsamkeit nämlich, an Frömmigkeit und an Kriegsruhm — Schulen der heiligen Schriften sowohl andernorts als auch in Paris (so alt ist diese Akademie, die die Mutter der Kölner und die Großmutter der Löwener ist). Ja, Karl selbst — so bezeugt Einhard in dessen Lebensbeschreibung — verbesserte die Übung des Lesens und Psalmsingens aufs sorgfältigste. Derart war er den heiligen Schriften ergeben, dass er gleichsam in ihnen gestorben ist. Der Gewährsmann Thegan berichtet im Leben Ludwigs, dass Karl sich kurz vor seinem Tod, nachdem er seinen Sohn Ludwig in Aachen gekrönt hatte, ganz dem Gebet, den Almosen und den heiligen Schriften hingab — nämlich die vier Evangelien nach dem Griechischen und Syrischen vortrefflich berichtigte, als er beinahe schon den Geist aufgab. Mit Recht also wird Karls Codex ehrfurchtsvoll in Aachen aufbewahrt, wie ich selbst gesehen habe.

Daher ist das, was auf dem Laterankonzil unter Innozenz III. über den Lehrstuhl der heiligen Schriften beschlossen wurde, nicht als neue Verordnung, sondern als eine den alten Brauch erneuernde und befestigende Satzung anzusehen. In gleicher Weise hat das Konzil von Trient mit ebenso sorgfältiger Fürsorge dafür gesorgt, dass diese Sitte nirgends ins Wanken gerate, indem es in der fünften Sitzung ausführlich über die Vorlesung der Heiligen Schrift bestimmt und verordnet, dass in allen Kollegiatstiften, auch der Mönche und Ordensleute, und in allen öffentlichen Schulen dieselbe eingerichtet, ausgestattet und gefördert werde, und dass sowohl die Lehrenden als auch die Lernenden, die mit kirchlichen Pfründen ausgestattet sind, den nach gemeinem Recht gewährten Genuss der Einkünfte auch in Abwesenheit genießen sollen. Und fürwahr: Da all der Eifer unserer häretischen Gegner sich hierauf richtet, sodass sie nichts als die Schriften im Munde führen, möge es dem christlichen und rechtgläubigen Theologen zur Schande gereichen, ihnen auch nur ein Weniges nachzugeben; es soll ihm zur Schande gereichen, von ihnen besiegt und übertroffen zu werden. Ja vielmehr sollen sie nicht nur die Worte der Heiligen Schrift im Munde führen, sondern auch den echten Sinn erforschen. So werden sie die Waffen der Häretiker gegen diese selbst zurückwenden und aus der Schrift alle Häresien widerlegen und zunichtemachen. Dies hat gründlich und genau der erlauchte Bellarmin getan, der Schildträger des Glaubens und Bezwinger der Häresien, in seinen Kontroversen: ein Werk, das daher undurchdringlich und unvergleichlich ist; seit den Zeiten Christi hat die Kirche in dieser Gattung nichts Gleiches gesehen, sodass es zu Recht die Mauer und das Bollwerk der katholischen Wahrheit genannt werden kann.


Kapitel V: Über die für dieses Studium erforderlichen Geisteshaltungen

V. Und aus all dem lässt sich leicht erkennen, mit welch brennendem und beständigem Eifer man sich diesem Studium widmen und mit welchen Hilfsmitteln man sich wappnen muss. Die erste Vorbereitung nämlich, damit jemand Frucht aus diesem Studium ernten kann, ist die häufige Lektüre der Heiligen Schrift, häufiges Hören, die lebendige Stimme des Lehrers und Beständigkeit in all dem; denn die Weissagung ist im Munde des Lehrers, und in der Lehre wird sein Mund nicht irren. Plutarch lehrt im Buch Über die Erziehung der Kinder, dass das Gedächtnis die Vorratskammer der Wissenschaften sei. Platon versichert im Theaitetos, dass das Gedächtnis die Mutter der Musen sei und die Weisheit die Tochter des Gedächtnisses und der Erfahrung. Dies gilt — wie überall, so vor allem in der Heiligen Schrift, nach dem Zeugnis des hl. Augustinus im zweiten Buch Über die christliche Lehre, Kapitel 9 —, die aus einer solchen Vielfalt der Dinge, aus so vielen Büchern und Sinnsprüchen besteht. Deshalb hat die Kirche, um hier unserem Gedächtnis aufzuhelfen, uns im täglichen Vollzug sowohl des Messopfers als auch des Stundengebets das Pensum der Heiligen Schrift so eingeteilt, dass wir es jährlich ganz durchlaufen. Demselben Zweck dienen auch andere fromme Bräuche der Geistlichen und Ordensleute, wie die Sitte, bei der Abend- und Mittagstafel jeweils ein Kapitel aus der Bibel vorzulesen und nach alter Vätersitte die Speisen mit den heiligen Schriften zu würzen. So verordnet das Konzil von Trient gleich zu Beginn der zweiten Sitzung, dass an den Tafeln der Bischöfe die Lesung der göttlichen Schriften beigemischt werde. Überdies sollen die Theologen nicht jene Vorschrift der gelehrtesten Männer versäumen, sich die Schrift durch tägliche Lesung vertraut zu machen.

So der hl. Augustinus im zweiten Buch Über die christliche Lehre, Kapitel 9: „In allen diesen Büchern,” sagt er, „suchen die Gottesfürchtigen und in Frömmigkeit Sanftmütigen den Willen Gottes; die erste Regel bei diesem Werk oder dieser Mühe ist, wie wir gesagt haben, diese Bücher zu kennen, und wenn noch nicht dem Verständnis nach, so sie doch durch Lesen entweder dem Gedächtnis einzuprägen oder wenigstens nicht gänzlich unbekannt zu lassen; sodann den Sinn eines jeden sorgfältiger und gründlicher zu erforschen.” Und der hl. Basilius in seinem Vorwort zu Jesaja: „Es bedarf,” sagt er, „der beständigen Übung in der Schrift, damit die Erhabenheit und das Geheimnis der göttlichen Worte durch unablässiges Nachsinnen dem Geist eingeprägt werde.”

Zweitens ist eine hervorragende Disposition dazu die demütige Bescheidenheit des Geistes, von der der hl. Augustinus im Brief 56 an Dioscorus sagt: „Bahne dir keinen anderen Weg, die Wahrheit und die heilige Weisheit zu erfassen und zu erlangen, als den, der gebahnt ist von dem, der als Gott die Schwäche unserer Schritte sieht. Der erste ist Demut, der zweite Demut, der dritte Demut; und sooft du fragtest, würde ich dasselbe sagen. Wie daher Demosthenes in der Beredsamkeit dem Vortrag den ersten, zweiten und dritten Rang gab, so werde ich in der Weisheit Christi den ersten, zweiten und dritten Rang der Demut geben, die unser Herr zu lehren sich erniedrigte” — in der Geburt, im Leben und im Sterben.

Derselbe im zweiten Buch Über die christliche Lehre, Kapitel 41: „Der Schrifteifrige bedenke,” sagt er, „jenes Wort des Apostels: ‚Das Wissen bläht auf, die Liebe erbaut,' und jenes Christi: ‚Lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen,' damit wir, in demütiger Liebe verwurzelt und gegründet, mit allen Heiligen begreifen können, welches die Breite, die Länge, die Höhe und die Tiefe sei, das heißt das Kreuz des Herrn: durch dessen Zeichen des Kreuzes alles christliche Handeln beschrieben wird — in Christus Gutes tun und beharrlich an ihm festhalten und das Himmlische erhoffen. Durch dieses Tun gereinigt, werden wir auch die alles überragende Erkenntnis der Liebe Christi erkennen können, der dem Vater gleich ist, durch den alles geschaffen ist, damit wir erfüllt werden in alle Fülle Gottes;” denn wo Demut ist, da ist Weisheit, sagt Salomo, Sprüche 11; und Christus selbst: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast; ja, Vater, denn so war es wohlgefällig vor dir.”

Und fürwahr: Wenn du dich selbst erkennst, wirst du einen Abgrund der Unwissenheit erkennen. Und was ist, frage ich, die Wissenschaft des Menschen im Vergleich zur Weisheit Gottes, zur Weisheit des Engels — des Menschen, der weniges von Gott gelernt hat und Unendliches nicht weiß? Aristoteles und nach ihm Seneca pflegten zu sagen, kein großes Genie sei jemals ohne eine Beimischung von Wahnsinn gewesen, und nichts Großes und über die anderen Hinausragendes könne gesprochen werden, wenn der Geist nicht erregt sei; und zu diesem Zweck lobt er die Trunkenheit, aber nur eine seltene. Siehe da den wahnsinnigen Verstand — sei es des Aristoteles, sei es jedes herausragenden Genies —, auf dass es aufs tiefste philosophiere. Daher sagt schön der hl. Bernhard in der 37. Predigt zum Hohelied: „Es ist notwendig,” sagt er, „dass die Erkenntnis Gottes und seiner selbst unserer Wissenschaft vorangehe; säet euch zur Gerechtigkeit und erntet die Hoffnung des Lebens, und dann erst wird euch das Licht der Erkenntnis erleuchten; dazu also tritt es nicht recht hervor, wenn nicht der Keim der Gerechtigkeit der Seele vorangeht, aus dem das Korn des Lebens gebildet wird, nicht die Spreu des Ruhmes.” Und der hl. Gregor im Vorwort zu den Moralien, Kapitel 41: „Das göttliche Wort der Heiligen Schrift,” sagt er, „ist ein Fluss, flach und tief zugleich, in dem ein Lamm waten und ein Elefant schwimmen kann.”

Aus dieser Demut folgt die Sanftmut und der Frieden des Geistes, die für alle Weisheit am empfänglichsten sind: Denn gleichwie die Gewässer, wenn sie durch keinen Hauch des Windes oder der Luft bewegt werden, sondern regungslos stehen, am klarsten sind und jedes ihnen vorgehaltene Bild aufs deutlichste empfangen und dem Betrachter gleichsam einen vollkommensten Spiegel darbieten — so sieht der Geist, der frei von Stürmen und Leidenschaften ist, in dieser ruhigen Stille des Friedens klar und scharf, begreift alle Wahrheit aufs deutlichste und durchschaut sie mit ungestörtem, scharfem Urteil. Der hl. Augustinus, Über die Bergpredigt des Herrn, zu dem Wort „Selig die Friedfertigen, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden”: „Die Weisheit,” sagt er, „gebührt den Friedfertigen, in denen bereits alles geordnet ist und keine Regung gegen die Vernunft aufbegehrt, sondern alles dem Geist des Menschen gehorcht, da auch er selbst Gott gehorcht.”

Die Gefährtin des Friedens ist die Reinheit des Geistes, die die dritte Disposition ist, die für diese Wissenschaft am geeignetsten ist. „Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen!” Wenn Gott — warum dann nicht auch die Worte Gottes? Im Gegenteil: „In eine übelwollende Seele wird die Weisheit nicht eingehen, noch wird sie wohnen in einem Leib, der der Sünde unterworfen ist. Denn der Heilige Geist der Zucht wird den Falschen fliehen und sich von Gedanken zurückziehen, die ohne Verstand sind, und wird gestraft werden vom Herannahen der Ungerechtigkeit,” Weisheit 1,4. Der hl. Augustinus hatte in den Selbstgesprächen gesagt: Gott, der nur die reinen Herzens sind, Wahres wissen lassen wollte; das widerruft er in den Retractationes I, Kapitel 4. Denn viele, sagt er, die unreinen Herzens sind, wissen vieles wahrhaft; aber wenn sie reinen Herzens wären, würden sie mehr, klarer und leichter wissen; und nur die reinen Herzens werden jene wahre Weisheit erlangen, die aus der genussvollen Erkenntnis in den Affekt und die Praxis überströmt und die die Wissenschaft der Heiligen ist.

Der hl. Antonius sagt bei Athanasius: Wenn jemand auch vom Verlangen getrieben wird, die Zukunft zu wissen, so habe er ein reines Herz; denn ich glaube, dass eine Seele, die Gott dient, wenn sie in jener Lauterkeit verharrt, in der sie wiedergeboren wurde, mehr wissen kann als die Dämonen. Daher wurde auch dem Antonius selbst alles, was er wissen wollte, alsbald von Gott offenbart.

Dasselbe lehrte mit Wort und Beispiel der große hl. Johannes der Anachoret, bei Palladius in der Historia Lausiaca, Kapitel 40.

Dem hl. Gregor von Nazianz erschienen, als er sich nach dem Bericht des Rufinus in Athen den Studien widmete, im Traum zwei anmutige Frauen, die sich dem Sitzenden und Lesenden zur Rechten und zur Linken beigesellten. Er blickte sie, getrieben vom Instinkt der Keuschheit, mit strengem Auge an und fragte, wer sie seien und was sie wollten. Doch jene umarmten ihn vertraulicher und inniger und sagten: „Nimm es nicht übel, junger Mann; wir sind dir wohlbekannt und vertraut: Die eine von uns heißt Weisheit, die andere Keuschheit; und wir sind vom Herrn gesandt, bei dir zu wohnen, denn du hast uns in deinem Herzen eine liebliche und reine Wohnstatt bereitet.” Siehe die Zwillingsschwestern: Keuschheit und Weisheit.

Diese Reinheit hat den hl. Thomas zum Engelgleichen Kirchenlehrer geweiht; er selbst deutete dies an, als er im Sterben zu seinem Reginald sagte: „Ich sterbe voll Trost, denn alles, was ich vom Herrn erbeten habe, habe ich erlangt: erstens, dass keine Neigung zu Fleischlichem oder Zeitlichem die Reinheit des Geistes beflecke oder die Standhaftigkeit schwäche; zweitens, dass ich nicht aus dem Stand der Demut zu Prälatenämtern und Bischofswürden erhoben würde; drittens, dass ich das Schicksal meines Bruders Reginald erführe, der so grausam erschlagen wurde: Denn ich sah ihn in der Herrlichkeit, und er sprach zu mir: ‚Bruder, deine Sache steht gut; zu uns wirst du kommen, aber eine größere Herrlichkeit ist dir bereitet.'”

Der hl. Bonaventura berichtet, dass der hl. Franziskus — obwohl ein einfacher Mann ohne Gelehrsamkeit, aber reinsten Geistes — von Kardinälen und anderen bisweilen über die erhabensten Schwierigkeiten der Heiligen Schrift und der Theologie befragt, so treffend und erhaben geantwortet habe, dass er die gelehrten Theologen weit übertraf.

Was nämlich im Leben des hl. Zenobius gesagt wird, ist vollkommen wahr: „Am meisten von allen blühen die Geistesgaben der Heiligen, und die Reinheit der Seele selbst sammelt aus den geringsten Anzeichen die Ausgänge, sogar die zukünftigen;” denn, wie Philo, wiewohl ein Jude, treffend sagt: „Die rechtmäßigen Verehrer Gottes sind geistesmächtig; denn der wahre Priester Gottes ist zugleich auch ein Seher; darum ist ihm nichts unbekannt; er hat in sich die geistige Sonne,” nämlich, wie Boethius treffend sagt: „Jener Glanz, von dem der Himmel gelenkt wird und erblüht, meidet die finsteren Abgründe der Seele und folgt dem reinen Geist.”

So war es auch bei Kardinal Hosius, dem Vorsitzenden des Konzils von Trient, einem Mann von höchster Rechtschaffenheit und einem herausragenden Bekämpfer Luthers: Unter anderem wurde, als Andreas Duditsch, Bischof von Tinnin, als Gesandter des ungarischen Klerus beim Konzil von Trient auftrat und den anderen wegen seiner Beredsamkeit Verehrung und Bewunderung einflößte, er allein dem Hosius verdächtig. Denn dieser sagte immer wieder, Duditsch drohe die Gefahr des Glaubensabfalls und er werde ein Häretiker werden. Und so geschah es: Jener floh als Abtrünniger in das Lager Calvins. Als Hosius gefragt wurde, woher er dies vorausgesehen habe, antwortete er: Allein aus dem Hochmut des Mannes; denn da er hartnäckig an seinem eigenen Urteil festhielt, ahnte sein Geist, dass er in diese Grube stürzen werde.

Viertens bedarf es hier des Gebetes, gleichsam als einer himmlischen Röhre und eines Werkzeugs, durch das wir von Gott selbst den Sinn des Wortes Gottes schöpfen. Der hl. Augustinus schrieb das Buch Über den Lehrer, in dem er zeigt, dass jenes Wort Christi vollkommen wahr ist: „Einer ist euer Lehrer: Christus;” und in den Retractationes I, Kapitel 4, widerruft er, was er anderswo gesagt hatte, es gebe mehrere Wege zur Wahrheit, da es doch nur einen gebe, nämlich Christus, den Weg, die Wahrheit und das Leben. Die Wissenschaft und die Vorhersage der Propheten war daher göttlich; und weil göttlich, darum auch sicherste, erhabenste, umfassendste und voraussichtigste.

Der hl. Gregor berichtet in den Dialogen, Buch II, Kapitel 35, dass der selige Benedikt, als er eines Abends am Fenster betete, ein Licht sah, das so groß war, dass es den Tag besiegte und alle Finsternis vertrieb; und in diesem Licht, sagt er, war die ganze Welt gleichsam unter einem einzigen Sonnenstrahl gesammelt und vor seine Augen gebracht; und unter anderem sah er in dem Glanz dieses strahlenden Lichtes die Seele des Germanus, Bischofs von Capua, in einer Feuerkugel von Engeln in den Himmel getragen. Dann fragt Petrus, wie die ganze Welt vor seinen Augen habe sichtbar werden können.

Dass dem hl. Gregor dem Großen, als er schrieb und kommentierte, der Heilige Geist in Gestalt einer Taube zur Seite saß — dessen erstes Lob in der Tropologie liegt —, bezeugt als Augenzeuge der Diakon Petrus.

Daher gab jener göttliche Lehrer des hl. Justinus des Märtyrers, als er ihm die Lektüre der heiligen Schriften empfahl, auch diese Anweisung: „Du aber begehre vor allem durch Bitten und Flehen, dass dir die Pforten des Lichtes geöffnet werden; denn dies wird von niemandem erfasst und verstanden, wenn nicht Gott und Christus das Verständnis geschenkt haben.” Nicht zu Unrecht also setzte der hl. Thomas, der Fürst der scholastischen Theologie und in den Schriften bestens bewandert, als er die heiligen Bücher auslegte, so große Hoffnung auf die Besänftigung Gottes, dass er, um eine schwierigere Stelle der Schrift zu verstehen, neben dem Gebet auch das Fasten zu gebrauchen pflegte. Daher muss man sich vor allem auf Gebete und auf Gott stützen, damit er selbst uns in sein Heiligtum einführe und die heiligen Orakel zu erschließen geruhe.

Und daraus wird sich zuletzt ergeben, was für diese Wissenschaft am nützlichsten ist: dass nämlich unser Geist, gereinigt vom irdischen Bodensatz und befreit von den Nebeln der Leidenschaften, heilig und erhaben gemacht, fähig und tauglich wird, diese himmlischen Lehren zu empfangen. Denn wie Gregor von Nyssa schön sagt: Niemand kann jenes göttliche und verwandte Licht, das mit dem Geist selbst geschaut wird, mit freiem und ungetrübtem Sinn betrachten, wenn er seinen Blick durch eine falsche und im unerfahrenen Geist vorgefasste Meinung auf Niedriges und Schmutziges richtet. Daher muss, wer in die Adern und das Mark der himmlischen Worte eindringen und deren tiefe und verborgene Geheimnisse klar betrachten will, ein erhabenes und heiliges Auge des Herzens besitzen.

Der hl. Bernhard zögert nicht zu versichern (im Brief an die Brüder vom Mont-Dieu), dass niemand in den Sinn des Paulus eindringen wird, der nicht zuvor seinen Geist in sich aufgenommen hat, und dass niemand den Gesang Davids verstehen wird, der nicht zuvor die heiligen Empfindungen der Psalmen angezogen hat; und dass überhaupt die Heiligen Schriften in demselben Geist verstanden werden müssen, in dem sie geschrieben worden sind. Und vortrefflich sagt er im Kommentar zum Hohelied: „Diese wahre und echte Weisheit,” sagt er, „wird nicht durch Lesen gelehrt, sondern durch Salbung; nicht durch den Buchstaben, sondern durch den Geist; nicht durch Gelehrsamkeit, sondern durch Übung in den Geboten des Herrn. Ihr irrt, ihr irrt, wenn ihr meint, von den Lehrmeistern der Welt zu finden, was allein die Jünger Christi, das heißt die Verächter der Welt, durch Gottes Gabe erlangen.”

Cassian berichtet, dass Theodorus, ein heiliger Mönch, so ungebildet, dass er nicht einmal das Alphabet kannte, aber in den göttlichen Büchern so bewandert, dass er von den Gelehrtesten um Rat gefragt wurde, zu sagen pflegte: Man müsse sich mehr um die Ausrottung der Laster bemühen als um das Durchblättern der Bücher; denn wenn jene vertrieben seien, beginne das Auge des Herzens, das himmlische Licht einzulassen, und nach Abhebung des Schleiers der Leidenschaften fange es von Natur aus an, die Geheimnisse der Schrift zu betrachten. Ja, diese Heiligkeit des Lebens lehrte Franziskus, Antonius und Paulus — einfache, ungelehrte Menschen — die erhabensten Geheimnisse und Arkana der Worte Gottes vor allen anderen.

Auf ähnliche Weise erlangte der hl. Bernhard durch Betrachtung das Verständnis der heiligen Schriften und daraus jene Weisheit und jene Beredsamkeit honigfließender Rede; und deshalb pflegte er bisweilen selbst zu sagen, er habe beim Studium der Heiligen Schrift keine anderen Lehrmeister gehabt als Buchen und Eichen, zwischen denen er nämlich betend und meditierend die ganze Heilige Schrift sich vorgelegt und ausgelegt sah, wie der Verfasser seines Lebens berichtet, Buch III, Kapitel 3, und Buch I, Kapitel 4.

Genau dasselbe widerfuhr den Propheten. Es gibt jenen bekannten Ausspruch des Jamblichus: Die Lehre des Pythagoras könne, da sie göttlich überliefert sei (wie er selbst seinen Jüngern fälschlich eingeredet hatte), nur mit einer Art göttlicher Auslegung verstanden werden; daher müsse der Schüler die Hilfe Gottes, deren er so dringend bedürfe, anflehen.

Die Juden, von Gott verstoßen, kriechen auf dem Boden und haften so fest an der trockenen Rinde der heiligen Bücher, dass sie nichts von der Süßigkeit des Marks kosten — bloße Schwätzer und Fabeldichter. Die Häretiker, weil sie ein so weites und ungewisses Meer allein auf die Ruder und Segel ihres eigenen Geistes vertrauend durchqueren, ohne den Blick auf den Polarstern oder irgendein himmlisches Gestirn zu heften, gelangen niemals zum Hafen, sondern werden stets mitten in den Wellen umhergeworfen; und was sie bis zum Überdruss lesen, verstehen sie nicht — es sei denn, dass sie als Sklaven des Bauches das über die Freiheit des Magens und die Vergnügungen des Unterleibs ergreifen und raubend an sich reißen. Nicht eines delischen Schwimmers also bedarf es hier, sondern unter der Führung des Heiligen Geistes und der Himmelsbewohner, und mit auf Maria, den Stern des Meeres und dessen Erleuchterin, gerichteten Augen muss man diese Fahrt antreten: Sie wird uns die Fackel vorantragen.

Daniel, der Mann der Sehnsucht, erlangte den Traum des chaldäischen Königs und die bei Jeremia verzeichnete Zahl der siebzig Jahre der Verbannung Israels durch Gebet, und vom Engel Gabriel wurde er belehrt.

Ezechiel wurde mit geöffnetem Munde (nämlich auf Gott gerichtet) von Gott gespeist aus einem Buch, in dem Klagen, Lieder und Wehe innen und außen geschrieben standen.

Gregor der Wundertäter, ein Verehrer der seligen Jungfrau, empfing auf deren Ermahnung und Geheiß im Traum vom hl. Johannes die Erklärung des Anfangs seines Evangeliums in einem von Gott geschenkten Glaubensbekenntnis, das er den Origenisten entgegenstellte; Gewährsmann ist Gregor von Nyssa in dessen Lebensbeschreibung, der auch das Glaubensbekenntnis anführt.

Dem hl. Chrysostomus, dessen Verehrung für den hl. Paulus so groß war, erschien, als er die Kommentare zu dessen Briefen diktierte, einer in Gestalt des hl. Paulus an seinem Ohr stehend und ihm zuflüsternd, was er schreiben solle.

Ambrosius wurde, wenn wir dem hl. Paulinus in seiner Lebensbeschreibung glauben, als er in der Predigt die Schriften behandelte, von einem Engel unterstützt.

Wenn du also mit heiliger Seele, auf Gebete und auf Gott vertrauend an dieses Werk herantrittst, und wenn emsiger Fleiß angewandt wird, sodass kein Tag vergeht, an dem du nicht — wie der hl. Hieronymus von Tertullian berichtet, den der hl. Cyprian täglich las — jenes Wort sprichst: „Gib mir den Meister!” — so wirst du mit flinker Leichtigkeit alles, was hier an Schwierigkeit besteht, überwinden; und was auf der Rinde der Weisheit erglänzt, wird dich erquicken, was im Mark himmlischen Reichtums liegt, wird dich lieblicher nähren. Und du wirst schließlich nicht einmal den feigsten Häretiker fürchten, selbst wenn er das ganze biblische Werk auswendig kennt; denn dies ist beinahe ihr ganzes Studium, mit dem sie uns angreifen. Es ist gerecht, ihnen mit denselben Waffen zu begegnen und das Unsere von diesen unrechtmäßigen Besitzern zurückzufordern, damit wir, auf diese Weise kühn mit ihnen die Klingen kreuzend, sie mit ihren eigenen Waffen schlagen. Noch wirst du den Lehrstuhl des Professors, so gelehrt und berühmt er auch sei, fürchten, sondern sicher und zuversichtlich, reich an gelehrten Aussprüchen und an gediegenen, echten heiligen Lehren ausgerüstet, wirst du den Prediger machen. Ja, die Scholastische Theologie wird dies keineswegs als Nachteil betrachten, sondern freiwillig, gleichsam einer Schwester als Helferin die Rechte reichend, die Mühen zum Wohl beider teilen.


Die Methode des Autors (Absatz 48)

48. Was mich betrifft, so weiß und empfinde ich, welch große Last ich trage und wie unwegbar der Weg ist, den ich beschreiten muss: Denn es ist etwas ganz anderes, weitschweifige Kommentare von ungewissem Ertrag durchzublättern, als kurz und bündig aus den Kirchenvätern den Sinn wiederzugeben, den historischen mit dem allegorischen Sinn zu verbinden und den einen vom anderen zu unterscheiden. Ich weiß, dass man — mit Gregor von Nazianz als Führer (2. Rede über Ostern) — den Mittelweg einschlagen muss zwischen denen, die mit gröberem Verstand am Buchstaben haften, und denen, die sich allzu sehr an der bloß allegorischen Betrachtung ergötzen; jenes nämlich ist jüdisch und niedrig, dieses töricht und eines Traumdeuters würdig, beides gleichermaßen der Kritik wert. Und wie der hl. Augustinus lehrt (Über den Gottesstaat, Buch XVII, Kapitel 3): Die Kühnsten scheinen mir jene, die behaupten, alles in der Schrift sei in allegorische Bedeutungen gehüllt — so wie Origenes hierin das Maß überschritt, der, indem er die historische Wahrheit flieht, ja zerstört, oft etwas Symbolisches an deren Stelle setzt: so will er die Bildung Evas aus der Rippe Adams geistlich, die Bäume des Paradieses als engelhafte Kräfte und die ledernen Gewänder als menschliche Leiber verstanden wissen; und vieles Ähnliche deutet er mystisch und „macht sein Genie, ja sein allzu herausragendes, zu den Geheimnissen der Kirche,” wie Hieronymus sagt (Buch V zu Jesaja). Daher scheint er sich jenes Urteil zugezogen zu haben: „Wo Origenes gut ist, ist niemand besser; wo er schlecht ist, ist niemand schlechter.” So Cassiodor. Doch wer wird uns ein Ödipus sein, der dies unterscheidet und bestimmt? Was der hl. Hieronymus von den Priestern sagte — „Viele Priester, wenige Priester” —, das sage ich wahrhaftig hier von den Auslegern: Viele Ausleger, wenige Ausleger. Ambrosius und Gregor geben fast nur den mystischen Sinn wieder; Augustinus, Chrysostomus, Hieronymus und die übrigen Väter verweben bald den historischen, bald den mystischen Sinn im selben Redefluss, sodass man mehr als den lydischen Prüfstein braucht, um den historischen Sinn — der das Fundament ist — in den Vätern aufzuspüren. Und wie wenige gibt es, die, in den griechischen und hebräischen Quellen bewandert, deren echte Ausdrucksweise wiedergegeben und sie genau mit unserer Ausgabe in Einklang gebracht haben? Was also tun? Ich sehe, dass hier gearbeitet und sich angestrengt werden muss, um durch vieles Lesen und vieles Fragen, den Bienen nachahmend, aus einer erlesenen Untersuchung ein Honigwerk aus den für den Zweck geeignetsten Blüten hervorzubringen: um den historischen Sinn zuerst in genauer Forschung aufzuspüren; wo er bei verschiedenen Autoren verschieden ist, dies anzuzeigen; und in einer solchen Vielfalt der Meinungen, die die Hörer oft ratlos und schwankend hält und verwirrt, die mit dem Text am besten übereinstimmende vorzuziehen und auszuwählen. Hierbei habe ich stets daran festgehalten, dass die Vulgata-Ausgabe gemäß dem Beschluss des Konzils von Trient zu verteidigen ist. Wo aber der hebräische Text abzuweichen scheint, werde ich zu zeigen versuchen, dass er mit der Vulgata übereinstimmt, damit wir den Häretikern antworten können; und wenn sie eine andere fromme oder gelehrte, der unseren nicht widersprechende Deutung vorschlagen, werde ich sie anführen — aber so, dass ich den hebräischen Text in lateinischen Worten wiedergebe, damit die, die des Hebräischen nicht kundig sind, es verstehen, und die, die es beherrschen, die Quellen nachschlagen; doch dies nur sparsam und wo die Sache es erfordert.

Was die Rabbinen betrifft, so werde ich keinen Verkehr mit ihnen pflegen, es sei denn insofern sie mit den katholischen Lehrern übereinstimmen oder die Christen — und besonders den hl. Hieronymus — unter verborgenem Namen stillschweigend befolgen, wie es an vielen Stellen festgestellt worden ist. Im Übrigen ist dieses Menschengeschlecht gewöhnlich, niedrig, stumpfsinnig und aller Gelehrsamkeit entblößt, seitdem Jerusalem zerstört wurde, wodurch das ganze Volk des Reiches, der Stadt, des Gemeinwesens, des Tempels und der Wissenschaften beraubt daniederliegt und verlassen ist, gemäß der Weissagung des Hosea: ohne König, ohne Fürsten, ohne Opfer, ohne Altar, ohne Ephod, ohne Teraphim. Was den mystischen Sinn betrifft, so werde ich ihn niemals selbst erdichten, sondern stets seinen Urhebern zuschreiben und, wo er hervorragend ist, kurz darlegen; andernfalls werde ich mit dem Finger auf die Quellen weisen, wo er zu suchen ist. Ferner werde ich all dies mit größerer Kürze als bei den Paulinischen Briefen durchführen, damit ich in wenigen Jahren und Bänden (wenn Gott Kraft und Gnade verleiht) den gesamten biblischen Kurs vollende. Wie unermüdliche Arbeit und welch unermüdliches Studium aber hier erforderlich ist — mit scharfem Urteil Griechisch, Hebräisch, Latein, Syrisch, Chaldäisch und die Lesarten verschiedener Handschriften zu vergleichen; die griechischen und lateinischen Kirchenväter und die neueren Ausleger, die in die verschiedensten Richtungen gehen und so weitschweifig sind, durchzuarbeiten; über jeden ein Urteil zu fällen; was Irrtum, was Glaubwürdiges, was Sicheres, was Wahrscheinliches, was Unwahrscheinliches, was wörtlich, was der echte Sinn, was allegorisch, tropologisch, anagogisch ist, zu bestimmen; und alles zu destillieren und in drei Worte zusammenzupressen; oft den echten Literalsinn selbst zu finden und als Erster das Eis zu brechen — das glaube niemand, der es nicht selbst erfahren hat.


Schlussrede und Abschluss des Ersten Abschnitts

Glücklich der Hörer und Leser, der all diese Mühe im Kompendium des Lehrers genießt! Dem Lehrer sei das Martyrium zu wünschen: für das Blut seine edelsten Gaben Gott zu weihen und hinzugeben, und mit ihnen die Augen, das Hirn, den Mund, die Gebeine, die Finger, die Hände, das Blut, jeden Tropfen Lebenskraft und das Leben selbst, und in langsamem Martyrium dem zurückzugeben, der das Seine zuerst gegeben hat — Gott, für uns elende Sterbliche. „Meine Kraft will ich für dich bewahren”: Nicht Gewinn werde ich suchen, nicht Beifall, nicht den Rauch des Ruhmes; mögen sie tadeln, mögen sie loben, mögen sie Beifall klatschen, mögen sie auszischen — es wird mich nicht kümmern. Nicht so töricht bin ich, nicht so kleinmütig, dass ich für so eitle Nichtigkeit Mühen und Leben verkaufe. Wer, wenn er mit dem hl. Thomas der Welt Lebewohl sagend von Christus am Kreuz hört: „Du hast gut über mich geschrieben, Thomas; welchen Lohn also wirst du empfangen?” — würde nicht sogleich mit ihm antworten: „Keinen anderen als dich, Herr” — mein Lohn ist übergroß? Mir ist die Welt gekreuzigt und ich der Welt; meine Werke sind nicht mein, sondern deine Gaben; dir gebe ich zurück, was dein ist; du hast meine Kindheit gelehrt, du hast den Weg gezeigt, wo kein Weg war, du hast die Schwäche meines Geistes wie meines Leibes gestärkt, du hast die Finsternis durch dein Licht vertrieben: Denn das Schwache der Welt erwählst du, um das Starke zuschanden zu machen; und das Unedle der Welt und das Verachtete und das, was nichts ist, um das, was etwas ist, zunichtezumachen, damit sich kein Fleisch vor dir rühme, sondern wer sich rühmt, sich allein in dir rühme. Was also? Alle Früchte, neue und alte, mein Geliebter, habe ich dir aufbewahrt: Ich gehöre meinem Geliebten und mein Geliebter gehört mir, der unter den Lilien weidet; lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm, denn stark wie der Tod ist die Liebe, hart wie die Unterwelt die Eifersucht; ein Bündel Myrrhe ist mir mein Geliebter, zwischen meinen Brüsten wird er ruhen; und nach dieser Myrrhe: Eine Traube von Zypern ist mir mein Geliebter in den Weinbergen von En-Gedi. Dass er dies reichlich gewähre, werde ich alle Heiligen, besonders aber meine Schutzpatrone, die jungfräuliche Mutter der ewigen Weisheit, den hl. Hieronymus und Mose, den ich gerade in Händen habe, unablässig bitten, dass — wie der hl. Paulus dem hl. Chrysostomus — so er selbst mir ein engelgleicher Lehrmeister beistehe und mir beim Schreiben, den anderen beim Lesen, uns beiden beim Verstehen, und beim Haben, Wollen, Vollbringen und anderen Lehren und Einprägen derselben Weisheit Führer und Meister sei, zur Vollendung der Heiligen, zum Werk des Dienstes, zur Erbauung des Leibes Christi, damit wir alle gelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollkommenen Mann, zum Maß des vollen Wuchses der Fülle Christi — der unsere Liebe, unser Ziel, unser Zweck und das Endziel des ganzen Laufes, Studiums, Lebens und der Ewigkeit ist.

Amen.


Zweiter Abschnitt: Über den Nutzen und die Frucht des Pentateuch und des Alten Testaments

Es gibt einige, die meinen, das Alte Testament sei gleichsam den Juden eigen und für die Christen weder gleichermaßen nützlich noch notwendig; und es genüge einem Theologen, wenn er die Evangelien kenne, wenn er die Briefe lese und verstehe. Diese Überzeugung ist, weil sie praktischer Natur ist, ein praktischer Irrtum; denn wäre sie spekulativer Natur, so wäre sie eine Häresie; beides ist schädlich, beides muss beseitigt werden.


Häresien gegen das Alte Testament

51. Es war die Häresie Simons des Magiers und seiner Anhänger, sodann Markions und des Persers Kurbikus (den die Seinen Mani und Manichäus nannten, gleichsam als einen, der Manna ausgießt, ehrenhalber), und der Albigenser, und jüngst der Libertiner sowie auch gewisser Wiedertäufer, die das Alte Testament zusammen mit Mose verwarfen — jedoch aus verschiedenen Gründen. Simon, die Manichäer und die Markioniten lehrten, das Alte Testament sei von einer finsteren Macht und bösen Engeln hervorgebracht worden: Denn dieses Testament, sagen sie, beschreibt einen gewissen Gott, der von Ewigkeit her vor dem Licht in der Finsternis gewohnt habe, der dem Menschen verboten habe, vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen, der sich in einem Winkel des Paradieses verborgen habe, der Wächterengel für das Paradies benötigt habe, der von Zorn, Eifer und sogar Eifersucht bewegt werde — zornig, rachsüchtig, unwissend und fragend: „Adam, wo bist du?” Die Libertiner stellten nicht den Buchstaben, sondern ihre eigene Vernunft und Neigung als Richtschnur des Glaubens und der Sitten auf. Die Wiedertäufer rühmen sich, vom Enthusiasmus des Geistes bewegt und belehrt zu werden. Unser Zeitalter — das jede Art von Ungeheuerlichkeit gesehen hat — hat einen Fanatiker gesehen, der ein Triumvirat der Gotteslästerung über die drei Betrüger der Welt ans Licht brachte: Mose, Christus und Mohammed (ich schaudere fortzufahren).

Erträglicher ist die Überzeugung jener unter den Unsrigen, die entweder Zeitmangel oder Mühe oder Nutzlosigkeit als Entschuldigung vorbringen, um das Alte Testament zu vernachlässigen; doch in Wahrheit irren sie, und der Irrtum aller läuft am Ende auf dasselbe hinaus — ein Irrtum, sage ich, weil er im Widerspruch steht zu Mose, zu den Propheten, zu den Aposteln, zum Sinn der Kirche, zu den Kirchenvätern, zur Vernunft, zu Christus, zu Gott dem Vater und dem Heiligen Geist.


Argumente für das Alte Testament

Mit Mose, Deuteronomium 17,8: „Wenn,” sagt er, „du erkennst, dass ein schwieriges und zweifelhaftes Urteil bei dir entstanden ist usw., so sollst du tun, was immer jene sagen, die dem Ort vorstehen, den der Herr erwählt hat, und was sie dich gemäß seinem Gesetz lehren.” Wer sieht hier nicht, dass Streitfragen des Glaubens, der Sitten und der Riten, sowohl neue als auch alte, nach dem Gesetz Gottes beurteilt werden müssen, und dass Priester und Theologen, um sie zu schlichten, das Gesetz gleichsam als lydischen Prüfstein gebrauchen müssen? Daher müssen sie sich dem Gesetz widmen, sowohl dem alten als auch dem neuen.

Mit den Propheten. Denn Jesaja, Kapitel 8, Vers 20, ruft aus: „Zum Gesetz vielmehr und zum Zeugnis.” Und Maleachi, Kapitel 2, Vers 7: „Die Lippen des Priesters sollen die Erkenntnis bewahren, und das Gesetz sollen sie aus seinem Munde suchen.” Und David, Psalm 118,2: „Selig, die seine Zeugnisse erforschen.” Und Vers 18: „Öffne meine Augen, und ich will die Wunder deines Gesetzes betrachten.”

Mit den Aposteln. „Wir haben,” sagt der hl. Petrus, Zweiter Brief, Kapitel 1, Vers 19, „das prophetische Wort, das fester geworden ist, auf das ihr wohl tut zu achten, wie auf eine Leuchte, die an einem dunklen Ort scheint.” Und Paulus lobt Timotheus, Zweiter Brief, Kapitel 3, Vers 14, weil er von Kindheit an die Heiligen Schriften (die alten natürlich, die damals allein vorhanden waren) gelernt hat, „die dich,” sagt er, „unterweisen können zum Heil durch den Glauben, der in Christus Jesus ist. Alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nützlich zur Belehrung, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werk ausgerüstet.”

Mit Christus. „Erforschet die Schriften,” sagt er, Johannes 5,39. Er sagte nicht, bemerkt der hl. Chrysostomus, „Leset die Schriften,” sondern „Erforschet” — das heißt, grabt mit Mühe und Fleiß die verborgenen Schätze der Schriften aus, gleich jenen, die in den Erzadern Gold und Silber sorgfältig suchen.

53. Mit dem Sinn der Kirche. Denn sie stellt in den heiligen Riten, bei Tisch, in den Bibliotheken, auf den Lehrstühlen das Alte Testament gleichermaßen wie das Neue dar und legt es vor, als deren treueste Hüterin. Sie gebietet im Konzil von Trient, im gesamten ersten Kapitel über die Reform, dass die beständige Lesung der Heiligen Schrift überall wiederhergestellt und eingerichtet werde. Sie verpflichtet die Bischöfe, als künftige Vorsteher der Kirche, vor der Weihe das Gelöbnis abzulegen, dass sie das Alte und Neue Testament kennen — welche Antwort und welches Gelöbnis, obwohl Silvester und andere es mit milderer Auslegung abschwächen, dennoch einigen klügeren Männern, die die Worte selbst sorgfältig abwogen, ein Gewissensbedenken einflößte, sodass sie deshalb das Bischofsamt ablehnten, um sich nicht durch ein falsches Gelöbnis zu binden.

Mit dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist. Denn wozu bewahrte die Heilige Dreifaltigkeit das Alte Testament viertausend Jahre lang so unversehrt und vollständig durch so viele Stürme von Kriegen und Reichen — wenn nicht, weil sie wollte, dass es von uns gelesen werde, wie in Josua, Kapitel 1, Vers 8: „Es weiche das Buch dieses Gesetzes nicht von deinem Munde,” sagt er, „sondern du sollst Tag und Nacht darüber nachsinnen.” Wozu bestrafte er jene, die es entweihten, mit so scharfer Rache?

Josephus und Aristeas berichten im Buch Über die siebzig Übersetzer, dass der berühmte Theopompos, als er etwas aus den göttlichen hebräischen Bänden in griechischer Rede ausschmücken wollte, von Verwirrung und Verstörung des Geistes geschlagen wurde und gezwungen war, von seinem Vorhaben abzulassen. Und als er betend von Gott zu erfahren suchte, warum ihm dies widerfahren sei, empfing er eine göttliche Antwort: dass es geschehen sei, weil er die göttlichen Schriften entweiht habe. Und dass Theodektes, ein Tragödiendichter, als er einiges aus den jüdischen Schriften auf die Bühne übertragen wollte, diese Verwegenheit mit Blindheit büßte: denn er wurde sogleich geschlagen und seines Augenlichts beraubt — bis beide, die Schuld ihrer Kühnheit erkennend, sowohl Reue über das Getane empfanden als auch Verzeihung von Gott erlangten, und der eine seinen Augen, der andere seinem Verstand zurückgegeben wurde.


Die Septuaginta-Übersetzung und die griechischen Übersetzer

Wozu gab er 250 Jahre vor Christus dem Ptolemäus Philadelphus, dem Sohn des Ptolemäus Lagus (der seinem Bruder Alexander dem Großen in der Herrschaft über Ägypten nachgefolgt war), ins Herz, durch den Hohenpriester Eleazar sechs der gelehrtesten Männer aus jedem Stamm der Hebräer — das heißt 72 Übersetzer — auszuwählen, damit sie das Alte Testament aus dem Hebräischen ins Griechische übertrugen, und er stand ihnen so bei, dass sie in 70 Tagen, mit vollkommener Übereinstimmung aller, das Werk vollbrachten und nicht nur in denselben Bedeutungen, sondern sogar in denselben Worten übereinkamen — und dies, wenn wir Justin, Cyrill, Klemens von Alexandrien und Augustinus glauben, als jeder seine eigene Fassung gesondert in einer anderen Zelle schmiedete? Wozu sorgte Philadelphus dafür, dass diese Septuaginta-Fassung durch Demetrius, den Vorsteher der alexandrinischen Bibliothek, zusammen mit den hebräischen Handschriften in seiner Bibliothek hinterlegt und sorgfältig bewahrt werde? In der Tat bezeugt Tertullian in seinem Apologeticum, dass sie dort bis zu seinen eigenen Zeiten bewahrt wurde. Offensichtlich wollte Gott, dass diese Dinge den griechischen Völkern anvertraut würden und durch sie den Lateinern — uns, sage ich, und unseren Theologen — und über alle Teile der Welt, über die Akademien und Städte verbreitet würden.

54. Wozu gab oder verschaffte er nach Christus so viele andere Übersetzer, Zeugen und Hüter derselben alten Schrift? Der zweite Übersetzer der Heiligen Schrift aus dem Hebräischen nach den Siebzig war, nach dem Zeugnis des hl. Epiphanius, Aquila von Pontus, der im 12. Jahr des Kaisers Hadrian die hebräische Schrift ins Griechische übertrug; doch weil er von den Christen zu den Juden abfiel, ist seine Zuverlässigkeit nicht hinreichend vertrauenswürdig.

Nach ihm kam mit größerer Treue Theodotion, ein jüdischer Proselyt, zuvor Markionit, unter Kaiser Commodus, dessen Fassung im Buch Daniel die Kirche annahm und befolgt. Als Vierter folgte unter Kaiser Severus Symmachus, zuerst Ebionit, dann Jude. Der Fünfte war ein anonymer Übersetzer, dessen Fassung in gewissen Krügen in der Stadt Jericho gefunden wurde, im 7. Jahr Caracallas, der seinem Vater Severus nachfolgte. Der Sechste war ebenfalls ein anonymer Übersetzer, ähnlich in Krügen in Nikopolis gefunden, unter Kaiser Alexander, dem Sohn der Mammäa. Diese beiden werden gemeinhin als fünfte und sechste Ausgabe bezeichnet.

Origenes sammelte alle diese und ordnete aus ihnen seine Tetrapla, Hexapla und Oktapla; er verbesserte auch die verdorbene Septuaginta, und zwar so gut, dass seine Ausgabe von allen angenommen und als die „allgemeine” betrachtet und bezeichnet wurde. Der Siebte war der hl. Lukian, Priester und Märtyrer unter Diokletian, der eine neue Ausgabe vom Hebräischen ins Griechische unternahm.

Schließlich übertrug der hl. Hieronymus, die Sonne der lateinischen Kirche, auf Geheiß des seligen Damasus die alte Schrift aus dem Hebräischen ins Lateinische, dessen Fassung, nun seit tausend Jahren Vulgata genannt, die Kirche öffentlich befolgt und billigt, mit wenigen Ausnahmen. Wozu, frage ich, hat Gott dies alles so mühevoll, so eifrig bereitgestellt, wenn nicht, um uns diesen heiligen Schatz der alten Bücher, unbefleckt, zum Lesen, Lehren und Studieren zu übergeben?


Die Verteidigung des Alten Testaments durch die Kirchenväter

55. Diese Überzeugung steht im Widerspruch zu den Kirchenvätern; denn der hl. Augustinus schrieb, zur Verteidigung der Wahrheit und Nützlichkeit des Pentateuch und des Alten Testaments, nicht weniger als 33 Bücher Gegen Faustus und wiederum zwei Bücher Gegen den Widersacher des Gesetzes und der Propheten. Tertullian schrieb für dieselbe Sache vier Bücher Gegen Markion. Alle ohne Ausnahme arbeiteten daran, dessen Bücher zu entfalten und zu erklären. Der hl. Basilius und sein Nachfolger oder Ausleger, der hl. Ambrosius, schrieben Hexaemeron-Bücher über die Genesis, über die Psalmen und über Jesaja. Origenes schrieb 46 Bücher über die Genesis, der hl. Chrysostomus 32 Homilien.

Über den Pentateuch schrieb der hl. Cyrill 17 Bücher Über die Anbetung in Geist und Wahrheit; aus demselben gaben der hl. Augustinus, Theodoret, Beda, Prokopius und der hl. Hieronymus Fragen und Erklärungen heraus. Und mit Recht: denn, wie der hl. Ambrosius in Brief 44 sagt, ist die göttliche Schrift ein Meer, das in sich tiefe Bedeutungen birgt, und die Tiefe der prophetischen Rätsel, das heißt des Alten Testaments.

Der hl. Hieronymus, im Vorwort zum Epheserbrief, Über das Studium der Heiligen Schrift: „Niemals,” sagt er, „habe ich von meiner Jugend an aufgehört, entweder zu lesen oder Gelehrte über das zu befragen, was ich nicht wusste; niemals machte ich mich (wie die meisten tun) zu meinem eigenen Lehrer. Schließlich begab ich mich ganz kürzlich, vor allem aus diesem Grund, nach Alexandrien, um Didymus zu sehen und ihn über alle Zweifel zu befragen, die ich in den Schriften hatte.” Der hl. Augustinus lehrt in Buch II von Über die christliche Unterweisung, Kapitel 6, dass es von Gott so vorgesehen war, dass das Studium einer so verwickelten und schwierigen Heiligen Schrift den Menschen sowohl vom Hochmut als auch von der Langeweile zurückrufen sollte. „Wunderbar,” sagt derselbe, Buch XII der Bekenntnisse, Kapitel 14, „ist die Tiefe deiner Worte, Herr, deren Oberfläche, siehe, vor uns liegt und die Kleinen anlockt; doch wunderbar ist die Tiefe, mein Gott, wunderbare Tiefe; es ist erschreckend, in sie hineinzublicken: ein Erschrecken der Ehrfurcht und ein Zittern der Liebe.” Daher auch in Brief 119: „Ich,” sagt er, „bekenne, dass ich in den Heiligen Schriften selbst weit mehr nicht weiß, als ich weiß.”

Und um dieses Thema abzuschließen: Der hl. Thomas, der Fürst der Scholastiker, gab uns ein leuchtendes Beispiel, dass wir die scholastische Theologie mit der Heiligen Schrift, gleichsam als Schwestern, untrennbar verbinden sollen. Ihr alle wisst, welches seine Hingabe an die Schrift war, welches sein Studium, welches seine Gebete, welches sein Fasten, welches seine Kommentare zu den Propheten, zum Hohelied, zu Ijob und zu anderen Büchern des Alten Testaments: unter denen jene zu unserer Genesis (wenn sie denn wirklich von ihm stammen, worüber ich später sprechen werde) hervorragend und gelehrt sind.


Heilige Beispiele des Schriftstudiums

Und als Erster aus seiner Ordensfamilie lehrte der hl. Antonius von Padua, als der hl. Franziskus selbst noch lebte und zusah, diese Wissenschaften — ein Mann, der in der Schrift, sowohl der alten als auch der neuen, so bewandert war, dass er, als er vor dem Papst predigte, von diesem als die Bundeslade begrüßt wurde. Ich übergehe den hl. Bernhard, der, was immer er sagt, mit den Worten der Schrift spricht; ich übergehe den seligen Alfons Tostado, Bischof von Ávila, der über diesen Dekateuch und über die einzelnen Bücher der alttestamentlichen Geschichte einzelne Bände verfasste, wahrlich großartige, mit scharfem Urteil und Fleiß, sodass er mir, der ich ihn einst durchgearbeitet und nun sorgfältiger wiederlese, nicht weniger Mühe als Hilfe bereitet.

Der hl. Edmund, Erzbischof von Canterbury, verwandte im Jahr des Heils 1247 Tage und Nächte auf die heiligen Schriften, wobei er die Nächte selbst schlaflos zubrachte, mit solcher Ehrfurcht, dass er, sooft er die Heilige Bibel öffnete, sie zuerst mit einem Kuss ehrte. Von ihm gibt es folgenden denkwürdigen Bericht: Als er auf einer Gesandtschaftsreise nachts, wie es seine Gewohnheit war, die Heilige Bibel las, wurde er vom Schlaf übermannt; die Kerze fiel auf das Buch und die Flamme ergriff es. Aufwachend seufzte er, da er das Buch verbrannt wähnte, wischte die am Buch haftende Asche ab — und siehe, er bestaunte den Kodex völlig unversehrt und unbeschädigt.

Der hl. Karl Borromäus verweilte beständig in der Heiligen Schrift wie in einem Paradies der Wonnen und pflegte zu sagen, ein Bischof brauche keinen Garten, sondern sein Garten sei die Heilige Bibel.

56. Und dies war nicht allein die Überzeugung des alten Zeitalters der Kirchenväter, sondern auch dieser Jahrhunderte, als die scholastische Theologie bereits blühte und gedieh. Der hl. Dominikus, Doktor der Heiligen Theologie, studierte häufig sowohl das Alte als auch das Neue Testament: in Rom und anderswo lehrte er öffentlich viele seiner Bücher: daher wurde er zum ersten Magister des Heiligen Palastes ernannt; und von jener Zeit an verblieb diese Würde beim Predigerorden. Höre den Verfasser seiner Lebensbeschreibung, Buch IV, Kapitel IV, in schlichtem, aber ernstem Stil: „Weil,” sagt er, „ohne die Kenntnis der Schriften niemand ein vollkommener Prediger sein kann, ermahnte er die Brüder, stets das Alte und Neue Testament zu studieren: denn die Erdichtungen der Philosophen achtete er gering; daher trugen die zum Predigen ausgesandten Brüder nur die Bibel bei sich und bekehrten viele zur Buße.”

Dass der hl. Vinzenz Ferrer, der im Gedenken unserer Urgroßväter durch Italien, Frankreich, Deutschland, England und Spanien reisend, mindestens hunderttausend Menschen bekehrte, nur ein einziges Brevier und die Bibel zum Predigen mit sich herumtrug.

Der hl. Jordan, in der Tat ein Doktor und nach dem hl. Dominikus zweiter Generalmeister seines Ordens, antwortete, als er von seinen Predigern gefragt wurde, „ob es besser sei, sich dem Gebet oder dem Studium der Heiligen Schrift zu widmen,” nach seiner Gewohnheit geistreich: „Ist es besser, immer zu trinken, oder immer zu essen? Gewiss, wie man beides im Wechsel braucht, so geziemt es sich, im Wechsel zu beten und die Heilige Schrift zu studieren;” und, wie der hl. Basilius sagt: „Dem Gebet folge die Lesung, und der Lesung folge das Gebet.”

57. In gleicher Weise gewährte der hl. Franziskus, von den Seinen gebeten, ihnen das Studium der heiligen Wissenschaften, jedoch unter der Bedingung, dass sie den Geist des Gebets und der Andacht nicht auslöschen sollten.


Die heiligen Schriftsteller als Federn des Heiligen Geistes

58. Schließlich überzeugt uns die Vernunft von der Nützlichkeit und Notwendigkeit des Alten Testaments. Mose, David, Jesaja, ebenso wie Petrus, Paulus und Johannes, gleichsam in die Versammlung der Engel aufgenommen, schöpften Weisheit aus dem Quell der Wahrheit selbst; und, wie der selige Gregor und Theodoret mit Recht sagen, waren die Zungen und Hände dieser heiligen Schriftsteller nichts anderes als die Federn desselben Heiligen Geistes, dergestalt, dass sie nicht so sehr verschiedene Schriftsteller als vielmehr verschiedene Federn eines einzigen Schreibers gewesen zu sein scheinen: Daher muss Mose dieselbe Wahrheit, Autorität, Ehrfurcht, derselbe Eifer und dieselbe Sorgfalt zugeschrieben werden wie Paulus, oder vielmehr dem Heiligen Geist, der durch Mose und durch Paulus spricht; denn was immer von ihm geschrieben wurde, wurde zu unserer Belehrung geschrieben. Ja, er hat alle seine Weisheit, die dem Menschengeschlecht notwendig oder nützlich war und die er uns aus dem Abgrund seiner Gottheit mitteilen wollte, in beiden Testamenten, dem Alten wie dem Neuen, umschlossen. Dieses Buch ist das Buch Gottes, das Buch des Wortes, das Buch des Heiligen Geistes, in dem nichts überflüssig, nichts überschüssig ist, sondern wie in der Mannigfaltigkeit der Schriftsteller, so auch in der Mannigfaltigkeit der Gegenstände und in der schönsten Harmonie aller seiner Teile alles miteinander übereinstimmt und dieses gesamte Werk Gottes vollendet und vervollkommnet; sodass, wenn man einen Teil wegnähme, man das Ganze verstümmelte. Daher muss, wie der Philosoph den ganzen Aristoteles, der Arzt Galen, der Redner Cicero, der Rechtsgelehrte den ganzen Justinian durcharbeiten muss, um so viel mehr der Theologe dieses ganze Buch Gottes wenden, prüfen und abnutzen; und wie einer, der die Metaphysik verstümmelt, die Philosophie verstümmelt, so verstümmelt, wer die Heilige Schrift verstümmelt, die Theologie: denn wie die Metaphysik der Philosophie, so gibt die Heilige Schrift der Theologie ihre Grundsätze. Dies eben ist es, was Christus meinte, als er sprach: „Jeder Schriftgelehrte,” das heißt jeder Doktor, jeder Theologe, „der für das Himmelreich unterrichtet ist, holt aus seinem Schatz Neues und Altes hervor.”


Die sechs Nutzen des Alten Testaments

I. Das Alte Testament begründet den Glauben

59. Doch um die Sache klar vor Augen zu legen und einige der hervorragenderen Früchte des Alten Testaments aufzuzählen: Vor allem begründet das Alte Testament, ebenso wie das Neue, den Glauben. Woher, frage ich, kennen wir den Anfang der Welt, die Schöpfung und den Schöpfer, wenn nicht, weil wir durch den Glauben erkennen, dass die Zeitalter durch das Wort Gottes gefügt wurden? Durch welches Wort? Gewiss durch jenes aus Genesis, Kapitel 1: „Es werde Licht, es werden Lichter, lasst uns den Menschen machen” usw. Woher erfuhren wir von der unsterblichen Seele, vom Fall des Menschen, von der Erbsünde, von den Cherubim, vom Paradies, wenn nicht aus ebendieser Genesis, die dies berichtet? Eusebius lehrt in seinem gesamten Buch XI der Vorbereitung auf das Evangelium, dass Platon, dem der hl. Augustinus und alle Kirchenväter vor ihm als einem Göttlichen vor Aristoteles und allen anderen folgten — Platon, sage ich, seine Lehren über Gott, über das Wort Gottes, über den Anfang der Welt, die Unsterblichkeit der Seele, die künftige Auferstehung und das Gericht, über Strafen und Belohnungen aus Mose geschöpft hat. Woher erkannten wir Gottes Vorsehung, wenn nicht aus der Abfolge so vieler Zeitalter? Woher zogen wir die Ausbreitung der Völker, Könige und Reiche, die Sintflut der ganzen Welt, die Auferstehung und die Hoffnung auf das ewige Leben, wenn nicht aus der alten Geschichte und aus der Geduld Ijobs und der Alten, aus der immerwährenden Pilgerschaft der Patriarchen? „Durch den Glauben,” sagt der Apostel, „weilte Abraham im Land der Verheißung wie in einem fremden Land, indem er in Zelten wohnte mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung: denn er erwartete die Stadt, die feste Grundlagen hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.” Und daraus wird unsere Hoffnung geschärft, unser Geist erhoben, damit man, eingedenk, dass man hier ein Gast und Fremdling ist, nach dem himmlischen Vaterland strebe, nichts auf dieser Welt begehre, über nichts staune, sondern alles mit Füßen trete und für Unrat halte, und mit dem hl. Hieronymus sich beständig jenes sokratische Wort vorsinge: „Ich wandle durch die Lüfte und blicke herab auf die Sonne.” Ich steige empor zu den Himmeln; ich verachte diese Erde, ja den Himmel selbst und die Sonne. Nicht der Erde, sondern des Himmels Erbe und Herr bin ich eingeschrieben; dorthin strebe ich mit dem Geist, mit der Hoffnung, mit jedem Gedanken, und ich schwinge mich über die Sterne; ich bin Bürger der Heiligen, Hausgenosse Gottes, Bewohner des Paradieses: alles Übrige, als Niedrigstes, meiner Unwürdiges, Geringes und Gemeines, trete ich mit Füßen.

Wer in der ganzen Schrift begründet klarer die Natur, das Amt, den Schutz und die Anrufung der Engel als das Buch Tobit? Wer begründet ausdrücklicher das Fegfeuer und die Gebete für die Verstorbenen als die Bücher der Makkabäer? Derart, dass unsere Neuerer, als sie keinen anderen Ausweg sahen, an einem Sieg verzweifelten und gewiss waren, eher besiegt zu werden als zu siegen, von der Not zum Zorn getrieben, sie aus dem heiligen Kanon strichen.

Doch umgekehrt, wie viele Häresien suchen in diesen Büchern Unterschlupf! Die Juden behaupten aus jener Stelle Deuteronomium 23,19, „Du sollst deinem Bruder nicht auf Zinsen leihen, wohl aber dem Fremden,” hartnäckig, dass sie rechtmäßig Wucher gegen Christen treiben dürften. Magier führen zur Verteidigung der Magie als Zeugen die Magier des Pharao an und preisen sie, die durch die plötzliche Kraft der Magie Schlangen in Stäbe und Stäbe in Schlangen verwandelten, wie es Mose tat. Zur Verteidigung der Nekromantie führen sie die Totenbeschwörerin an, die Samuel aus den Toten heraufbeschwor, der Saul mit einem wahren Orakel des bevorstehenden Todes und Unheils schlug. Zur Verteidigung der Chiromantie bringen sie jene Stelle aus Ijob 37 bei: „Er drückt ein Siegel auf die Hand jedes Menschen, damit alle seine Werke erkennen.”

Calvin beweist (wie er meint) aus jenem Wort Davids: „Der Herr hat ihm (Schimi) geboten, David zu verfluchen,” 2 Könige 16,10, dass Gott der Urheber, ja der Gebieter böser Taten sei; aus jener Stelle des Exodus: „Ich werde das Herz des Pharao verhärten, und: Eben dazu habe ich dich erweckt, damit ich meine Macht an dir erweise,” errichtet er das unausweichliche Verhängnis seiner Verwerfungslehre; die Knechtschaft des Willens begründet er daraus, dass Jeremia uns wie Ton in der Hand Gottes setzt, gleichsam eines Töpfers (Jeremia 18,6).

Die sächsischen Lutherologen und Schwätzer setzten vor einigen Jahren in der Regensburger Disputation das ganze Gewicht ihrer Sache — zur Verwerfung der Überlieferungen und zur Aufstellung des alleinigen Wortes Gottes als letztem Richter über Glaubensstreitigkeiten — auf jene Stelle aus Deuteronomium 4,2: „Ihr sollt dem Wort, das ich zu euch spreche, nichts hinzufügen und nichts davon wegnehmen;” und Kapitel 12,32: „Was ich dir gebiete, das allein sollst du für den Herrn tun; du sollst nichts hinzufügen und nichts vermindern.”

Was wirst du hier tun, wenn du hier nicht zu Hause bist? Wie wirst du dich bei ihnen zum Gespött machen, zum Ärgernis der Kirche, wenn du hier strauchelst, wenn du diese Dinge nicht liest, hörst, lernst, wenn du nicht oft die Quellen selbst befragst? Denn der hl. Augustinus lehrt, dass dies notwendig sei. Ja, wer nicht weiß, was das hebräische tsava bedeutet, das heißt „Gott gebot dem Schimi” usw., wird Calvins Schlingen nicht entkommen; wer aber den Hebraismus kennt, nämlich dass tsava ordnen, vorsehen, verfügen bedeutet und alle Vorsehung Gottes bezeichnet, sowohl die positive als auch die negative und zulassende, wird dieses Geschoss wie ein Spinnennetz wegblasen. Ähnliche Hebraismen werde ich oft in einzelnen Kapiteln aufzeigen, die ihr niemals verstehen werdet, es sei denn aus der hebräischen Sprache.

II. Der Reichtum des Alten Testaments

60. Dieser erste Nutzen der Alten Schrift ist ein doppelter: der zweite steht ihm nicht nach, nämlich dass das Alte Testament weit reicher ist als das Neue. Man sehe die reichliche Ethik in den Sprichwörtern, im Prediger und im Buch Jesus Sirach: die bewundernswerte Politik in den Taten und den richterlichen und zeremoniellen Gesetzen des Mose, von denen die Kirche vieles entlehnt hat, ebenso die Verfasser des Kirchenrechts; und auch einiges des bürgerlichen Rechts: Orakel in den Propheten; Predigten im Deuteronomium und den Propheten; und, was für die gegenwärtige Sache von Belang ist, die Geschichte von der Gründung der Welt bis zu den Zeiten der Richter, der Könige und Christi — höchst gewiss, höchst geordnet, höchst mannigfaltig und höchst erfreulich — sehe man im Dekateuch.

Es gibt ein vierfaches Gesetz: das der Unschuld, das der Natur, das mosaische und das evangelische: die drei ersten und ihre Geschichten umfasst der Pentateuch. „Die Genesis,” sagt der hl. Hieronymus im Prologus Galeatus, „ist das Buch, in dem wir lesen von der Erschaffung der Welt, dem Ursprung des Menschengeschlechts, der Aufteilung der Erde, der Verwirrung der Sprachen und Völker, bis zum Auszug der Hebräer.”

Die lateinischen und griechischen Geschichtsschreiber der Heiden fabeln vom Deukalionischen Flut, von Prometheus, von Herkules; und in der gesamten profanen Geschichte ist alles vor den Olympiaden voll von der Finsternis der Unwissenheit und der Fabeln. Die Olympiaden aber begannen entweder zu Beginn der Regierung Jotams oder am Ende der Regierung Usijas, das heißt nach dem dreitausendsten Jahr seit der Erschaffung der Welt und darüber hinaus: sodass man für dreitausend Jahre keine sichere Weltgeschichte hat außer dieser einen des Mose und der Hebräer. Die Geschichte ist wahrhaft die Lehrmeisterin, Führerin und das Licht des menschlichen Lebens, in der man wie in einem Spiegel den Aufstieg, den Fall und den Niedergang der Reiche, der Gemeinwesen und des menschlichen Lebens, Tugenden und Laster erkennen und alle Klugheit und den Weg zum Glück aus dem Beispiel anderer lernen kann, sei es im Glück oder im Unglück.

Hinzu kommt, dass in keiner Geschichte, ja nicht einmal im Neuen Testament, so viele, so mannigfaltige und so heldenmütige Beispiele jeder Art von Tugend vorhanden sind wie im Pentateuch und dem Alten Testament.

61. Die Römer preisen ihre berühmten Ruhmeshändler, deren wächserne Schatten — das heißt ihre Porträtmasken — der Efeu umrankt, während ihre Leiber und Seelen vom ewigen Feuer geleckt und verzehrt werden. Sie preisen die Manlier Torquatus, die ihre Söhne, die entgegen dem Befehl des Feldherrn und Vaters gegen den Feind gekämpft hatten, obwohl sie gesiegt hatten, mit dem Schwert erschlugen, um die Kriegszucht aufrechtzuerhalten. Doch wer möchte manlische Befehle? Sie preisen Junius Brutus, den Rächer der römischen Freiheit, den ersten Konsul, der seine eigenen Söhne und die Söhne seines Bruders, weil sie sich mit den Aquilliern und Vitelliern verschworen hatten, die Tarquinier wieder in die Stadt aufzunehmen, mit Ruten schlagen und dann mit dem Beil enthaupten ließ: ein unglücklicher und schmachvoller Vater mit solchen Nachkommen. Wer wollte nicht lieber Abraham und Isaak preisen, jene Unschuldigen, die beschlossen, den Gott geschuldeten Gehorsam mit der Schlachtung und dem Opfer eines Vaters zu besiegeln, und die Mutter der Makkabäer, die sich mit ihren sieben Söhnen Gott für die Gesetze des Vaterlandes darbrachte?

Sie preisen die drei Brüder, die Horatier, die die drei kuriatischen Brüder aus Alba im Einzelkampf besiegten, mehr durch List als durch Stärke, und die Herrschaft Albas nach Rom übertrugen. Wer wollte nicht lieber den Mut und die Stärke Davids preisen, der im Einzelkampf mit der Schleuder jenen Turm aus Fleisch und Knochen, Goliath, niederstreckte und Israels Herrschaft über die Philister festigte?

Sie preisen die Enthaltsamkeit Alexanders, der nach dem Sieg über Darius seine gefangene Gattin und die wunderschönen Töchter nicht anblicken wollte und wiederholt sagte, persische Frauen seien ein Schmerz für die Augen. Wer wollte nicht lieber Joseph preisen, der bereits im Verborgenen von der anstiftenden Herrin ergriffen, fliehend und seinen Mantel zurücklassend, sich freiwillig in jede Gefahr des Kerkers, des Rufes und des Lebens stürzte, um seine Keuschheit zu bewahren?

62. Sie preisen Lukretia, keusch nach der Schändung, und doch eine späte Rächerin des Verbrechens — und Selbstmörderin: wir feiern Susanna, eine weit tapferere Verteidigerin sowohl der Keuschheit als auch des Lebens und des guten Rufes.

Sie bewundern den Zenturionen Virginius, der, als er seine Tochter Claudia Virginia nicht aus der Gewalt und Begierde des Dezemvirn Appius Claudius befreien konnte, um ein letztes Wort mit ihr bittend, sie heimlich tötete, eine tote Tochter einer geschändeten vorziehend. Sie bewundern die Decier, Vater und Sohn, die für das römische Heer durch die Pontifizes Valerius und Liberius mit feierlichem Gebet die lateinischen und samnitischen Feinde zusammen mit sich selbst den Göttern der Unterwelt weihten und den Sieg mit ihrem eigenen Tod besiegelten. Wer wollte nicht lieber den Anführer Jephta bewundern, der für den Sieg seines Volkes seine einzige jungfräuliche Tochter und ihre Jungfräulichkeit dem wahren Gott weihte und die Gelobte opferte? Wer wollte nicht Mose bewundern, der sich nicht dem zeitlichen, sondern dem ewigen Verderben für das Volk weihte?

63. Sie preisen die militärische Tapferkeit und das Kriegsglück des Julius Cäsar, des Pompeius, des Publius Cornelius Scipio, des Hannibal und Alexanders. Doch wie viel größer waren Simson, Gideon, David, Saul, die Makkabäer und Josua, die nicht mit menschlicher, sondern mit himmlischer Stärke und göttlichem Erfolg ausgestattet, mit wenigen gegen viele, selbst die mächtigsten, in die Flucht schlugen; denen Sonne, Mond und Sterne wie Soldaten gehorchten und gegen den Feind kämpften? Wem, frage ich, wenn nicht etwa Theodosius, ja vielmehr Judas dem Makkabäer und Josua, würdest du jenen Vers singen?

O du, von Gott überreich Geliebter, dem aus seinen Höhlen Äolus bewaffnete Stürme entsendet, dem der Himmel Kriegsdienst leistet und die verschworen Winde auf den Trompetenstoß herbeikommen.

64. Und diese Beispiele sind für uns beständige Ansporne zu jeder Höhe der Tugend, zu aller Heiligkeit und Unschuld, damit wir als ihre Nacheiferer, gleichsam als irdische Engel und himmlische Menschen, im evangelischen Licht vor den Augen der göttlichen Majestät wandeln, die uns beständig beobachtet, und ihm in Heiligkeit und Gerechtigkeit dienen. Sodann, damit wir in unseren eigenen und öffentlichen Bedrängnissen, in diesen belgischen und europäischen Stürmen, mit den Makkabäern die heiligen Bücher zum Trost habend, durch die Geduld und den Trost der Schriften Hoffnung haben und unseren Mut erheben, wissend, dass Gott für uns sorgt, und durch seine Liebe und die Liebe zu den himmlischen Dingen gestärkt, nichts fürchten, ja selbst den Tod und die Martern verachten, und sollte die Welt zerbrechen und zusammenstürzen, mögen die Trümmer uns unerschrockene treffen.

So entflammt der Apostel im gesamten Kapitel 11 des Hebräerbriefs durch das Beispiel der Väter sie mit einer herrlichen Predigt zur Standhaftigkeit und zum Martyrium, damit sie mit einem Becher Blut die selige Ewigkeit erkaufen: „Sie wurden gesteinigt,” sagt er — gewiss Mose, Jeremia und andere Heilige des Alten Testaments — „sie wurden zersägt, sie wurden versucht, sie starben durch die Schärfe des Schwertes; sie gingen umher in Schafspelzen, in Ziegenfellen, bedürftig, bedrängt, misshandelt, deren die Welt nicht wert war, und irrten umher in Wüsten, auf Bergen und in Höhlen und in den Klüften der Erde;” und dies, „damit sie eine bessere Auferstehung fänden; und darum lasst auch uns, da wir eine so große Wolke von Zeugen um uns haben, mit Geduld den Wettlauf laufen, der uns vorgelegt ist.”

III. Das Neue Testament kann ohne das Alte nicht verstanden werden

65. Der dritte Nutzen besteht darin, dass ohne das Alte Testament das Neue nicht verstanden werden kann: Die Apostel und Christus zitieren es häufig und spielen noch häufiger darauf an, selbst als er seinen Jüngern das letzte Lebewohl sagte. „Dies sind,” sagt er, Lukas, letztes Kapitel, Vers 44, „die Worte, die ich zu euch gesprochen habe: dass alles erfüllt werden muss, was im Gesetz des Mose und in den Propheten und in den Psalmen über mich geschrieben steht; dann öffnete er ihnen den Verstand, damit sie die Schriften verstünden.”

Ja, der Hebräerbrief ist aus diesem einen Grund äußerst gewichtig und äußerst dunkel, weil er ganz aus dem Alten Testament und seinen Allegorien gewebt ist.

IV. Das Alte Testament übertrifft das Neue an allegorischem Reichtum

66. Der vierte Nutzen ist folgender: Da Christus das Ziel des Gesetzes ist, bezieht sich alles, was im Alten Testament gesagt wird, auf Christus und die Christen, entweder im wörtlichen oder im allegorischen Sinn; und darin übertrifft das Alte Testament das Neue, weil das Alte überall neben dem wörtlichen Sinn einen allegorischen Sinn hat und oft auch einen anagogischen und tropologischen: dem Neuen fehlt der allegorische Sinn fast gänzlich. „Unsere Väter,” sagt der Apostel, 1 Korinther 10,1, „waren alle unter der Wolke und alle gingen durch das Meer und alle wurden auf Mose getauft, in der Wolke und im Meer, und alle aßen dieselbe geistliche Speise usw. Dies aber geschah als Vorbilder für uns: und es wurde um unsertwillen geschrieben, über die das Ende der Zeitalter gekommen ist.” Daher lehrt wiederum derselbe Apostel, dass das Verständnis des Alten Testaments den Juden genommen wurde und auf uns übergegangen ist. „Bis auf den heutigen Tag,” sagt er, „bleibt dieselbe Hülle bei der Lesung des Alten Testaments unaufgedeckt, welche Hülle in Christus aufgehoben wird; doch bis auf den heutigen Tag, wenn Mose gelesen wird, liegt die Hülle auf ihrem Herzen,” 2 Korinther 3,14.

Denn der Heilige Geist, der aller Zeitalter bewusst und kundig ist, hat die Heilige Schrift so eingerichtet, dass sie nicht den Juden allein, sondern den Christen aller Zeitalter diene. Ja, Tertullian hält in seinem Buch Über die Kleidung der Frauen, Kapitel 22, dafür, dass es keinen Ausspruch des Heiligen Geistes gebe, der nur auf die gegenwärtige Angelegenheit gerichtet und bezogen werden könne und nicht auf jede Gelegenheit des Nutzens.

Wahrhaftig sagt der hl. Augustinus, Gegen Faustus, Buch XIII, am Ende: „Wir,” sagt er, „lesen die prophetischen und apostolischen Bücher zur Erinnerung an unseren Glauben, zum Trost unserer Hoffnung und zur Ermahnung unserer Liebe, wobei die Stimmen miteinander zusammenklingen; und mit diesem Zusammenklang, gleichsam einer himmlischen Posaune, erwecken wir uns aus der Trägheit des sterblichen Lebens und strecken uns nach dem Kampfpreis der himmlischen Berufung aus.”

Aus diesem Grund wählt die Kirche in der Heiligen Liturgie überall Lesungen aus dem Alten Testament und verbindet während der heiligen Fastenzeit stets eine Epistel aus dem Alten Testament passend mit dem Evangelium, wie der Schatten dem Leib, das Bild dem Urbild antwortet. Ich selbst sah einst berühmte Prediger, die in ihren Predigten im ersten Teil eine Geschichte oder etwas Ähnliches aus dem Alten Testament und im zweiten Teil etwas aus dem Neuen auslegten, unter großem Zulauf des Volkes, Beifall und Frucht.

Schließlich durchforschen und nutzen nicht nur Häretiker, sondern auch rechtgläubige Männer von Gewicht, die in Konzilien, Rechtsfällen und Gerichten tätig sind, die heiligen Schriften, sowohl die alten als auch die neuen, nach altem Brauch.

Francesco Petrarca berichtet, dass vor 250 Jahren Robert, König von Sizilien, so sehr an den Wissenschaften, besonders den heiligen, seine Freude fand, dass er ihm unter Eid sagte: „Ich schwöre dir, Petrarca, dass mir die Wissenschaften weit lieber sind als mein Königreich, und wenn ich auf eines von beiden verzichten müsste, würde ich leichter die Krone als die Wissenschaften entbehren.”

Panormitanus berichtet, dass Alfons, König von Aragonien, sich zu rühmen pflegte, dass er selbst inmitten der Regierungsgeschäfte die gesamte Bibel mit Glossen und Kommentaren vierzehnmal durchgelesen habe. Es ist daher nichts Neues, wenn nun Fürsten, Räte und andere führende Männer überall bei Tisch, bei Gastmählern und in Gesprächen Fragen aus dem Alten und Neuen Testament aufwerfen; wo der Theologe, wenn er schweigt, für ein Kind gehalten wird: wenn er ungeschickt antwortet, für unwissend oder dumm beurteilt werden wird.

V. Bilder, Beispiele und Leitsätze aus dem Alten Testament

67. Fünftens hat Gott für die Fülle der Lesungen, Disputationen und Predigten vorgesorgt, dass man aus dem Alten Testament eine so große Mannigfaltigkeit von Bildern, Beispielen, Leitsätzen und Orakeln schöpfen kann, nicht nur für den Glauben, sondern für jede Unterweisung in einem ehrbaren Leben. So weckt Christus die Trägen zur Wachsamkeit durch das Beispiel Noachs und der Frau Lots, Lukas 17,32: „Denket,” sagt er, „an Lots Frau;” wiederum erschreckt und erschüttert er die verstockten Gemüter der Juden durch die Erinnerung an Sodom, die Niniviten und die Königin des Südens. So ruft er die Nachahmer jenes in der Hölle begrabenen Reichen zur Buße zurück, mit den Worten Abrahams, Lukas 16,27: „Sie haben Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören.” Und Paulus sagt, 1 Korinther 10,6 und 11: „Alles geschah ihnen als Vorbilder, das heißt als Beispiele für uns; dass wir nicht nach bösen Dingen begehren und nicht Götzendiener sein sollen,” noch Unzüchtige, noch Schlemmer, noch Murrende, noch Versucher Gottes, damit wir nicht umkommen wie jene, die unter dem alten Gesetz für solche Vergehen umkamen.

VI. Das Alte Testament als Vorläufer des Neuen

68. Und daraus ergibt sich der sechste Nutzen: Denn das Alte Testament war ein Vorspiel zum Neuen und legte für es Zeugnis ab, ebenso wie der hl. Johannes der Täufer für Christus den Herrn: denn er, ebenso wie Mose und die übrigen Propheten, „ging vor dem Angesicht des Herrn her, seine Wege zu bereiten, seinem Volk die Erkenntnis des Heils zu geben; die zu erleuchten, die in Finsternis und im Schatten des Todes sitzen, unsere Füße auf den Weg des Friedens zu lenken.” Als Sinnbild hierfür erschienen bei der Verklärung Christi Mose und Elija, sowohl um ihm Zeugnis zu geben als auch um von dem Ausgang zu sprechen, den er in Jerusalem vollbringen sollte. Denn wer hätte Christus, wer dem Evangelium geglaubt, wenn es nicht durch so viele Zeugnisse der Väter, so viele Orakel, so viele Vorbilder bestätigt, vorhergesagt und vorgebildet worden wäre? Wie wirst du die Juden überzeugen, wie sie zu Christus führen, wenn nicht aus den Weissagungen des Mose und der Propheten? Unter Politikern, Heiden, Sarazenen und allen Menschen überhaupt ist es, wie Eusebius sagt, ein großer Beweis für die Wahrheit des Evangeliums, dass es durch das gesamte Alte Testament hindurch, durch so viele Zeitalter, verheißen und vorgebildet wurde.

Aus diesem Grund beruft sich Christus so oft auf Mose, Johannes 1,17: „Das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit sind durch Jesus Christus geworden.” Johannes 5,46: „Es ist einer, der euch anklagt, Mose: denn wenn ihr Mose glaubtet, würdet ihr vielleicht auch mir glauben: denn er hat über mich geschrieben; wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?” Lukas 24,27: „Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen in allen Schriften aus, was sich auf ihn bezog.” Daher auch Philippus zu Nathanael, Johannes 1,45: „Den, von dem Mose im Gesetz geschrieben hat und die Propheten, haben wir gefunden — Jesus.” Denn die Übereinstimmung beider Testamente — das heißt die Übereinstimmung des Mose und Christi, der Propheten und der Apostel, der Synagoge und der Kirche — legt ein großes Zeugnis für Christus und die Wahrheit ab, wie Tertullian überall gegen Markion lehrt. Und zum Abschluss: Lerne von Mose selbst, wie groß und wie mannigfaltig die Weisheit ist, die hier zu finden ist.


Dritter Abschnitt: Wer und wie groß war Mose?

Die drei Perioden von je vierzig Jahren im Leben des Mose

71. Wahrhaftig sage ich: Seit vielen Jahrtausenden hat die Sonne keinen größeren Mann erblickt; er wurde von frühester Jugend an am königlichen Hof als Königssohn und bestimmter Erbe erzogen, unterrichtet in aller Weisheit der Ägypter, volle 40 Jahre lang. Dann verleugnete er, der Sohn der Tochter des Pharao zu sein, und zog es vor, Bedrängnis mit dem Volke Gottes zu erleiden, als die Annehmlichkeit eines zeitlichen Königtums und der Sünde zu genießen, und floh nach Midian. Hier weidete er Schafe, sprach mit Gott im brennenden Dornbusch und schöpfte durch Betrachtung volle 40 Jahre lang alle göttliche Weisheit. Schließlich, zum Anführer des Volkes erwählt, stand er ihm eine dritte Periode von 40 Jahren vor als oberster Hohepriester, oberster Feldherr, Gesetzgeber, Lehrer, Prophet, Christus am ähnlichsten und dessen Vorbild. „Einen Propheten”, spricht der Herr, Deuteronomium 18,15, „werde ich ihnen aus der Mitte ihrer Brüder erwecken, einen wie dich”; und „Einen Propheten aus deinem Volk und aus deinen Brüdern, wie mich, wird der Herr, dein Gott, dir erwecken: Auf ihn sollt ihr hören”, nämlich Christus.

Hier zeigte das Amt den Mann, als er drei Millionen Menschen — das heißt dreißigmal hunderttausend — von so hartnäckigem Wesen durch dürre Wüsten 40 Jahre lang führte, sie mit himmlischer Speise nährte, sie in der Furcht und Verehrung Gottes unterwies, sie in Frieden und Gerechtigkeit erhielt, als Schiedsrichter und Vermittler aller Streitigkeiten auftrat und sie gegen alle Feinde beschützte.


Die Tugenden des Mose

72. Man möge die unzähligen Tugenden des Mose bewundern; er war Musiker und Psalmist: Der hl. Hieronymus bezeugt, Band III, Brief an Cyprian, dass Mose elf Psalmen verfasst habe, nämlich von Psalm 89, dessen Überschrift lautet „Gebet des Mose, des Knechtes Gottes”, bis zu Psalm 100, der mit „Zum Lobpreis” überschrieben ist.

Mose wurde gewürdigt, von Gott die Gesetzestafeln zu empfangen. Mose hatte als Wegführer eine Wolkensäule, ja einen Erzengel, der der Säule vorstand. Im Gebet schien Mose wie ein Engel genährt zu werden und zu leben. Als er die Gesetzestafeln auf dem Sinai empfangen sollte, stand er zweimal 40 Tage und Nächte fastend und mit Gott redend: wobei ihm auch Hörner des Lichtes aufgesetzt wurden. An der Tür des Zeltes besprach er täglich alle Angelegenheiten des Volkes vertraulich mit Gott. „Mein Knecht Mose”, spricht der Herr, Numeri 12,7, „ist der treueste in meinem ganzen Haus: denn von Mund zu Mund rede ich mit ihm, und offen, und nicht durch Rätsel und Gleichnisse schaut er den Herrn.” Denn der Herr zeigte ihm alles Gute, Exodus Kapitel 33, Vers 17. Man könnte Mose den Geheimsekretär Gottes nennen, den Sekretär, sage ich, der göttlichen Weisheit, und was Wunder, wenn Amalek nicht durch die Waffen Josuas, sondern durch die Gebete des Mose geschlagen wurde? Und was Wunder, „wenn kein Prophet mehr in Israel aufstand wie Mose, den der Herr von Angesicht zu Angesicht kannte”? Deuteronomium 34,10. Was Wunder, wenn er mit der Hilfe und Kraft Gottes als Wundertäter Ägypten mit Plagen und Zeichen beinahe zerstörte, und das Rote Meer, Fleisch und Manna vom Himmel herabrief, Korach, Datan und Abiram lebendig in die Unterwelt stürzte und durch seine gewaltigen Taten jeden einzelnen Wundertäter übertraf?

73. Wer sieht nicht die ausgezeichnete politische und häusliche Klugheit des besten Fürsten in solch großer Geschicklichkeit, ein so großes Volk von eherner, ja diamantener Stirn zu regieren? Seine herausragende Liebe und Fürsorge für das Volk leuchtete hervor, sowohl in dem Eifer, mit dem er sich für sein Israel gleichsam als Sühneopfer und Sühnung weihte, als auch in jener feurigen Rede des gesamten Deuteronomiums, mit der er Himmel und Erde, die Mächte droben und drunten zu Zeugen anrief und das Volk zur Befolgung des Gesetzes Gottes antrieb; so dass er mit Recht sprach: „Warum, Herr, hast du die Last dieses ganzen Volkes auf mich gelegt? Habe ich denn diese ganze Menge empfangen oder geboren, dass du mir sagen solltest: Trage sie an deinem Busen, wie eine Amme einen Säugling zu tragen pflegt, und bringe sie in das Land, das du ihren Vätern geschworen hast?” Numeri Kapitel 11, Vers 11. Wahrhaftig sprach der hl. Chrysostomus, Homilie 40 zum Ersten Brief an Timotheus: „Ein Bischof muss ein Engel sein, keiner menschlichen Erschütterung oder Leidenschaft unterworfen”; und an anderer Stelle: „Es geziemt dem, der die Führung anderer übernimmt, durch solchen Glanz der Tugend zu überragen, dass er wie die Sonne alle anderen, gleich den Funken der Sterne, in seinem Glanz verdunkle.” Wenn also ein Bischof, ein Prälat, ein Fürst im Volk sein muss wie ein Mensch unter unvernünftigen Tieren, wie ein Engel unter Menschen, wie die Sonne unter den Sternen: dann bedenke, welcher Art und wie groß Mose war, der unter so vielen Menschen diese Aufgabe mehr als reichlich erfüllte — der nach dem Urteil Gottes würdig befunden, ja vielmehr durch Gottes Berufung und Gnade würdig gemacht wurde, der nicht Christen, sondern halsstarrigen und widerspenstigen Juden vorstand, nicht bloß als Bischof, sondern als Hohepriester und Fürst in einer Person.


Die Demut und Sanftmut des Mose

Und um das Übrige mit Schweigen zu übergehen: Auf solch erhabener und göttlicher Höhe der Autorität bewundere ich am allermeisten seine tiefe Demut und Sanftmut. Oft vom Murren des Volkes, von Verleumdungen, Schmähungen, Abfall und Steinen bedrängt, blieb er mit unbewegtem und mildem Antlitz stehen und rächte sich nicht mit Drohungen, sondern mit Gebeten, die er für das Volk zu Gott emporschickte. Mit Recht daher preist Gott ihn mit diesem Lob, Numeri 12,3: „Denn Mose war der sanftmütigste Mensch auf dem Angesicht der Erde.” Woher so sanftmütig? Weil er, großmütig im Himmel weilend, alle Schmähungen und Kränkungen der Menschen als irdische und geringfügige Dinge verachtete. „Der Weise”, sagt Seneca in seiner Schrift Über den Weisen, „ist durch eine größere Entfernung von der Berührung mit den Niederen abgerückt, als dass irgendeine schädliche Kraft ihre Wirkung bis zu ihm tragen könnte: wie ein Geschoss, das von einem Toren gegen den Himmel und die Sonne geschleudert wird, zurückfällt, ehe es die Sonne erreicht. Glaubst du, Neptun hätte durch in die Tiefe hinabgelassene Ketten gefesselt werden können? Wie die himmlischen Dinge den menschlichen Händen entgehen und von denen, die Tempel oder Götterbilder einschmelzen, der Gottheit kein Schaden zugefügt wird: so wird alles, was gegen den Weisen frech, unverschämt oder hochmütig unternommen wird, vergeblich versucht.”


Mose und die beseligende Gottesschau

74. Wegen dieser Sanftmut sind viele der Meinung, dass Mose in diesem Leben die Schau des göttlichen Wesens gewährt wurde; über diese Sache und anderes, was Mose betrifft, wird bei Exodus Kapitel 2, 32 und folgende mehr gesagt werden.

Es ist gewiss, dass Mose nach seinem Tod auf dem Berg Abarim von Engeln begraben wurde; weshalb „kein Mensch sein Grab kannte”, Deuteronomium 34,6. Und dies war der Grund, warum der Erzengel Michael mit dem Teufel über den Leib des Mose stritt, wie der hl. Judas in seinem Brief sagt.


Lobpreisungen des Mose aus der Schrift und den Kirchenvätern

Willst du schließlich Mose kennenlernen? Höre Jesus Sirach, Buch Sirach Kapitel 45: „Geliebt von Gott und den Menschen war Mose, dessen Andenken im Segen steht. Er machte ihn der Herrlichkeit der Heiligen gleich; er verherrlichte ihn durch die Furcht seiner Feinde, und durch seine Worte beschwichtigte er Ungeheuer; er verherrlichte ihn vor dem Angesicht der Könige”, nämlich des Königs Pharao (von dem der Herr zu ihm sprach, Exodus Kapitel 7, Vers 1: „Siehe, ich habe dich zum Gott des Pharao gemacht”), „und gab ihm Gebote vor seinem Volk und zeigte ihm seine Herrlichkeit; in seinem Glauben und seiner Sanftmut heiligte er ihn und erwählte ihn aus allem Fleisch. Denn er hörte seine Stimme und führte ihn in die Wolke und gab ihm Gebote von Angesicht zu Angesicht und das Gesetz des Lebens und der Erkenntnis, um Jakob seinen Bund und Israel seine Satzungen zu lehren.”

75. Höre den hl. Stephanus, Apostelgeschichte Kapitel 7, Verse 22 und 30: „Mose war mächtig in seinen Worten und in seinen Taten; es erschien ihm in der Wüste des Berges Sinai ein Engel in einer Feuerflamme im Dornbusch; diesen Mann sandte Gott als Anführer und Erlöser mit der Hand des Engels, der ihm erschienen war; dieser Mann führte sie heraus, indem er Wunder und Zeichen im Land Ägypten wirkte; dieser ist es, der in der Versammlung in der Wüste mit dem Engel war, der auf dem Berg Sinai zu ihm sprach, der die Worte des Lebens empfing, um sie uns zu geben.”

Höre den hl. Ambrosius, Buch 1 Über Kain und Abel, Kapitel 11: „In Mose”, sagt er, „war das Vorbild des kommenden Lehrers, der das Evangelium verkünden, das Alte Testament erfüllen, das Neue begründen und den Völkern himmlische Speise geben sollte: daher überstieg Mose die Würde des menschlichen Standes in solchem Maße, dass er mit dem Namen Gottes gerufen wurde: ‚Ich habe dich', spricht er, ‚zum Gott des Pharao gemacht.' Denn er war der Besieger aller Leidenschaften, noch wurde er von irgendwelchen Lockungen der Welt gefangen, der diese ganze Wohnung nach dem Fleisch mit der Reinheit eines himmlischen Lebenswandels überdeckt hatte, seinen Geist beherrschend, sein Fleisch unterwerfend und es mit gleichsam königlicher Vollmacht züchtigend; er wurde mit dem Namen Gottes gerufen, zu dessen Gleichnis er sich durch die Fülle vollkommener Tugend gebildet hatte; und daher lesen wir von ihm nicht, wie von anderen, dass er durch Schwäche gestorben sei, sondern er starb durch das Wort Gottes: denn Gott erleidet weder Schwäche noch Verminderung; weshalb auch hinzugefügt wird: ‚Weil niemand sein Grab kennt', er, der eher entrückt als verlassen wurde, so dass sein Fleisch Ruhe empfing statt eines Scheiterhaufens.” Ambrosius scheint hier anzudeuten, dass Mose nicht gestorben sei, sondern wie Elija und Henoch entrückt wurde; worüber ich am letzten Kapitel des Deuteronomiums sprechen werde.

Höre den Apostel, Hebräer 11,24: „Durch den Glauben weigerte sich Mose, als er herangewachsen war, ein Sohn der Tochter des Pharao genannt zu werden; er zog es vor, mit dem Volk Gottes Bedrängnis zu erleiden, als zeitweilige Freude an der Sünde zu haben; die Schmach Christi hielt er für größeren Reichtum als die Schätze der Ägypter: denn er blickte auf die Belohnung. Durch den Glauben verließ er Ägypten, ohne die Wildheit des Königs zu fürchten: denn er hielt standhaft aus, als sähe er den Unsichtbaren; durch den Glauben feierte er das Pascha und die Besprengung mit Blut, damit der, der die Erstgeborenen schlug, sie nicht berühre; durch den Glauben zogen sie durch das Rote Meer wie durch trockenes Land, was die Ägypter versuchten und verschlungen wurden.”

Höre den hl. Justin in seiner Ermahnung oder Paränese an die Griechen, in der er durchgehend lehrt, dass die Griechen ihre Weisheit und Gotteserkenntnis von den Ägyptern schöpften, und diese von Mose. Insbesondere: „Als ein gewisser Mann”, sagt er, „wie ihr selbst bekennt, das Orakel der Götter befragte, was für der Frömmigkeit ergebene Männer es je gegeben hätte, sagt ihr, sei diese Antwort erteilt worden: ‚Die Weisheit hat nur den Chaldäern nachgegeben: die Hebräer verehren mit ihrem Geist den Ungeborenen König und Gott.'”

Er fügt hinzu: „Mose schrieb seine Geschichte auf Hebräisch, als die Buchstaben der Griechen noch nicht erfunden waren. Denn Kadmos war der erste, der diese später aus Phönizien brachte und den Griechen übergab. Daher schrieb auch Platon im Timaios, Solon, der Weiseste der Weisen, habe, als er aus Ägypten zurückgekehrt war, zu Kritias gesagt, er habe einen ägyptischen Priester gehört, der ihm sagte: ‚O Solon, ihr Griechen seid immer Kinder; es gibt keinen alten Mann unter den Griechen.' Und wiederum: ‚Ihr seid alle jung in eurem Geist; denn ihr habt in ihm keine alte, durch alte Überlieferung weitergegebene Meinung, noch irgendeine vom Alter ergraute Lehre.'” Und etwas weiter unten lehrt er aus Diodor, dass Orpheus, Homer, Solon, Pythagoras, Platon, die Sibylle und andere, als sie in Ägypten gewesen waren, ihre Meinung über viele Götter änderten, weil sie nämlich von Mose durch die Ägypter lernten, dass es einen Gott gibt, der im Anfang Himmel und Erde erschuf. Daher sang Orpheus:

Jupiter ist einer, Pluto, Sonne, Bacchus sind eins,
Es ist ein Gott in allen Dingen: warum sage ich dir dies zweimal?

Derselbe wiederum: Ich rufe dich zum Zeugen, o Himmel, Ursprung des großen Weisen,
Und dich, das Wort des Vaters, das Erste, was er aus seinem Munde hervorgebracht,
Als er das Gefüge der Welt nach seinem eigenen Ratschluss erschuf.

Schließlich fügt er hinzu, dass Platon von Mose über Gott lernte, weshalb er ihn gleichfalls „to on” nannte, das heißt „das, was ist”, wie Mose ihn „ehyeh” nennt, das heißt „der ist” oder „ich bin, der ich bin”. Wiederum lernte er von derselben Quelle über die Erschaffung der Dinge, das göttliche Wort, die Auferstehung der Leiber, das Gericht, die Strafen der Gottlosen und die Belohnungen der Gerechten und den Heiligen Geist, den Platon für die Weltseele hielt; denn er verstand Mose nicht hinreichend, sondern verdrehte ihn nach seinen eigenen Einbildungen; weshalb er in Irrtümer verfiel.

Und in gleicher Weise zeigt der hl. Kyrill, Buch 1 Gegen Julian, dass Mose älter war als die frühesten Heroen der Heiden, die diese selbst für die allerältesten hielten.

Höre seine gelehrte Chronologie des Mose und der Heiden: „Von den Zeiten Abrahams also bis zu Mose herabsteigend, wollen wir wieder mit neuen Ausgangspunkten der Jahre beginnen, indem wir die Geburt des Mose an den Anfang der Zählung stellen. Im siebten Jahr des Mose, sagt man, seien Prometheus und Epimetheus geboren worden, und Atlas, der Bruder des Prometheus, und außerdem Argus, der Allsehende. Im fünfunddreißigsten Jahr des Mose regierte als erster Kekrops in Athen, der den Beinamen Diphyes trug: man sagt, er sei der erste unter den Menschen gewesen, der einen Ochsen opferte, und er nannte Jupiter den höchsten der Götter bei den Griechen. Im siebenundsechzigsten Jahr des Mose, sagt man, sei die Sintflut des Deukalion in Thessalien gewesen; und außerdem sei in Äthiopien der Sohn der Sonne, wie sie sagen, Phaethon, vom Feuer verzehrt worden. Im vierundsiebzigsten Jahr des Mose gab ein gewisser Mann namens Hellen, der Sohn des Deukalion und der Pyrrha, den Griechen die Benennung nach seinem eigenen Namen, während sie zuvor Griechen hießen. Im hundertzwanzigsten Jahr des Mose gründete Dardanus die Stadt Dardania, als Amyntas bei den Assyrern regierte, Sthenelos bei den Argivern und Ramses bei den Ägyptern; er selbst wurde auch Ägyptus genannt, der Bruder des Danaos. Im hundertsechzigsten Jahr nach Mose regierte Kadmos in Theben, dessen Tochter Semele war, von der Bacchus, wie sie sagen, von Jupiter geboren wurde. Es lebten auch zu jener Zeit Linos aus Theben und Amphion, Musiker. Zu jener Zeit übernahm auch Pinhas, der Sohn Eleasars, des Sohnes Aarons, das Priestertum bei den Hebräern, nachdem Aaron gestorben war. Im 195. Jahr nach Mose, sagt man, sei die Jungfrau Proserpina von Aidoneus geraubt worden, das heißt von Orcus, dem König der Molosser; dieser soll einen sehr großen Hund namens Kerberos aufgezogen haben, der Pirithous und Theseus ergriff, als sie zum Raub seiner Gattin kamen: Als aber Pirithous umgekommen war, kam Herkules und befreite Theseus aus der Todesgefahr in der Unterwelt, wie sie fabeln. Im 290. Jahr tötete Perseus den Dionysos, das heißt Liber, dessen Grab, wie sie sagen, in Delphi beim goldenen Apollon ist. Im 410. Jahr nach Mose wurde Ilion erobert, als bei den Hebräern Esebon richtete, bei den Argivern Agamemnon, bei den Ägyptern Vaphres und bei den Assyrern Teutamos.”

„Von der Geburt des Mose bis zur Zerstörung Trojas werden also 410 Jahre gezählt.”

76. Höre den hl. Augustinus, Buch 22 Gegen Faustus, Kapitel 69: „Mose”, sagt er, „der treueste Diener Gottes, demütig im Ablehnen eines so großen Dienstes, gehorsam im Übernehmen, treu im Bewahren, tatkräftig im Ausführen, wachsam im Leiten des Volkes, streng im Zurechtweisen, glühend im Lieben, geduldig im Ertragen; der sich für jene, denen er vorstand, vor Gott stellte, wenn er zu Rate zog, und sich ihm entgegenstellte, wenn er zürnte: fern sei es von uns, einen solchen und so großen Mann nach dem schmähsüchtigen Mund des Faustus zu beurteilen, sondern vielmehr nach dem wahrhaft wahrhaftigen Mund Gottes.”

Höre den hl. Gregor, Teil 2 der Pastoralregel, Kapitel 5: „Daher tritt Mose häufig in das Zelt ein und geht wieder hinaus, und er, der drinnen zur Betrachtung entrückt wird, wird draußen von den Geschäften der Schwachen bedrängt; drinnen erwägt er die Geheimnisse Gottes, draußen trägt er die Lasten der fleischlichen Menschen und gibt den Leitenden ein Vorbild, dass sie, wenn sie draußen unsicher sind, was sie anordnen sollen, den Herrn durch Gebet befragen mögen.”

Derselbe sagt, Buch 6 zu 1 Könige Kapitel 3, dass Mose so voll des Geistes war, dass der Herr von seinem Geist nahm und ihn den siebzig Ältesten des Volkes mitteilte. Derselbe stellt, Homilie 16 zu Ezechiel, Mose in der Gotteserkenntnis über Abraham. Und das ist nicht verwunderlich. Denn zu Mose spricht Gott: „Ich bin Abraham, Isaak und Jakob erschienen, und meinen Namen Adonai (Jahwe) habe ich ihnen nicht kundgetan”, den ich dir, o Mose, kundtue und offenbare.


Mose und Christus: Neunzehn Parallelen

Überdies war Mose ein ausdrückliches Zeichen und Vorbild Christi; und so wie die Sonne den Tag und der Mond die Nacht erleuchtet, so erleuchtete Christus die Christen im neuen Gesetz und Mose die Juden im alten. Weshalb Ascanius treffend Christus mit der Sonne und Mose mit dem Mond vergleicht (Martinengus zur Genesis, Band 1, Seite 5). Denn erstens war Mose der Gesetzgeber des Pentateuch, Christus des Evangeliums; zweitens hatte Mose zwei einzigartige Begegnungen mit Gott: die erste, als er die ersten Gesetzestafeln von Gott auf dem Sinai empfing, die zweite, als er die zweiten empfing, und dann kehrte er mit strahlendem und gleichsam gehörntem Antlitz zurück. Diese Zeugnisse gab Gott ihm. Zwei ähnliche gab er Christus: das erste bei seiner Taufe, als der Heilige Geist in Gestalt einer Taube auf ihn herabkam und eine Stimme vom Himmel gehört wurde; das zweite, als er auf dem Tabor verklärt wurde und Mose und Elija ihm Zeugnis gaben, das heißt das Gesetz und die Propheten. Drittens wirkte Mose erstaunliche Plagen und Wunder in Ägypten: Christus wirkte noch größere. Viertens sprach Mose mit Gott, aber im Dunkel, und sah ihn von hinten; Christus aber von Angesicht zu Angesicht. Fünftens hörte Mose von Gott: „Du hast Gnade gefunden vor mir, und ich habe dich beim Namen gekannt”; Christus hörte vom Vater: „Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; auf ihn sollt ihr hören.”

78. Höre Eusebius, Buch 3 der Demonstratio Evangelica, der aus den Taten des Mose und Christi eine wunderbare Gegenüberstellung zusammenstellt, deren ausführliche Worte ich in wenige zusammenfasse:

1. Mose war der Gesetzgeber des jüdischen Volkes, Christus des ganzen Weltalls. 2. Mose nahm den Hebräern die Götzenbilder, Christus vertrieb sie aus beinahe jeder Gegend der Welt. 3. Mose gab das Gesetz mit wunderbaren Zeichen, Christus begründete das Evangelium mit noch größeren. 4. Mose befreite sein Volk in die Freiheit, Christus schüttelte das Joch des Menschengeschlechts ab. 5. Mose erschloss ein Land, das von Milch und Honig fließt, Christus öffnete das vortrefflichste Land der Lebenden. 6. Als winziger Säugling erlitt Mose, kaum geboren, durch die Grausamkeit des Pharao, der die männlichen Kinder des jüdischen Volkes zum Tode verurteilt hatte, Lebensgefahr; Christus, als Kind von den Weisen angebetet, wurde wegen der Wildheit des Herodes, der die Kinder ermordete, gezwungen, nach Ägypten zu fliehen. 7. Mose war als Jüngling berühmt für seine Gelehrsamkeit in allen Wissenschaften; Christus versetzte im Alter von zwölf Jahren die gelehrtesten Gesetzeslehrer in Staunen. 8. Mose wurde, vierzig Tage fastend, vom göttlichen Wort genährt; ebenso vierzig Tage lang widmete sich Christus, ohne zu essen und zu trinken, der göttlichen Betrachtung. 9. Mose bot den Hungernden in der Wüste Manna und Wachteln dar; Christus sättigte in der Wüste fünftausend Männer mit fünf Broten. 10. Mose durchquerte unversehrt die Wasser des Arabischen Meerbusens; Christus wandelte auf den Wellen des Meeres. 11. Mose teilte mit ausgestrecktem Stab das Meer; Christus bedrohte den Wind und das Meer, und es ward eine große Stille. 12. Mose erschien auf dem Berg strahlend mit leuchtendem Antlitz; Christus wurde auf dem Berg mit glänzendster Erscheinung verklärt, und sein Antlitz leuchtete wie die Sonne.

13. Auf Mose konnten die Kinder Israels den Blick ihrer Augen nicht richten; vor Christus fielen die Jünger erschreckt auf ihr Angesicht. 14. Mose stellte die aussätzige Mirjam in ihre frühere Gesundheit wieder her; Maria Magdalena, von den Flecken der Sünden überhäuft, wusch Christus mit himmlischer Gnade rein. 15. Die Ägypter nannten Mose den Finger Gottes; Christus sagte von sich selbst: „Wenn ich aber durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe”, usw.

16. Mose wählte 12 Kundschafter aus; Christus wählte ebenfalls 12 Apostel. 17. Mose setzte 70 Älteste ein; Christus 70 Jünger. 18. Mose bestimmte Josua, den Sohn Nuns, zu seinem Nachfolger; Christus erhob Petrus nach sich zum höchsten Pontifikat. 19. Von Mose steht geschrieben: „Kein Mensch kannte sein Grab bis zum heutigen Tag”; von Christus bezeugten die Engel: „Ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten? Er ist auferstanden, er ist nicht hier.”

Höre den hl. Basilius, Homilie 1 zum Hexaemeron: „Mose war sogar, als er noch an der Brust seiner Mutter hing, Gott liebwert und wohlgefällig; er selbst zog es vor, Drangsale und Mühseligkeiten mit dem Volk Gottes zu erfahren, als zeitweilige Freude mit der Sünde zu genießen. Er war der glühendste Liebhaber und Beobachter der Gerechtigkeit und Billigkeit, der grimmigste Feind der Bosheit und Ungerechtigkeit; in Äthiopien (in Midian) widmete er vierzig Jahre der Betrachtung; im Alter von achtzig Jahren sah er Gott, soweit ein Mensch ihn sehen kann; daher sagt Gott von ihm: ‚Von Mund zu Mund werde ich mit ihm reden in einer Schau und nicht durch Rätsel.'”

Höre den hl. Gregor von Nazianz, Rede 22, in der er den hl. Basilius und dessen Bruder Gregor von Nyssa mit Mose und Aaron vergleicht: „Wer war der erlauchtetste der Gesetzgeber? Mose. Wer war der heiligste der Priester? Aaron. Brüder nicht weniger in der Frömmigkeit als dem Leibe nach: oder vielmehr, jener war der Gott des Pharao und der Vorsteher und Gesetzgeber der Israeliten, und der in die Wolke Eintretende, und der Erforscher und Richter göttlicher Geheimnisse, und der Erbauer jenes wahren Zeltes, das von Gott, nicht von Menschen erbaut wurde; er war der Fürst der Fürsten und der Priester der Priester, der Aaron als seine Zunge gebrauchte, usw. Beide Ägypten bedrängend, das Meer teilend, Israel leitend, Feinde ertränkend, Brot von oben herabziehend, die Wasser betretend, den Weg zum verheißenen Land weisend. Mose war also der Fürst der Fürsten und der Priester der Priester”, usw.

Höre den hl. Hieronymus, der am Anfang seines Kommentars zum Brief an die Galater lehrt, dass Mose nicht nur ein Prophet, sondern auch ein Apostel war, und dies nach der allgemeinen Meinung der Hebräer.

Höre Philon, den gelehrtesten der Hebräer: „Dies ist das Leben, dies ist der Tod des Mose, des Königs, Gesetzgebers, Hohepriesters, Propheten”, Buch 3 Über das Leben des Mose, am Ende.

Höre die Heiden. Numenius, wie von Eusebius in Buch 9 der Praeparatio Evangelica, Kapitel 3 zitiert, behauptet, dass Platon und Pythagoras den Lehren des Mose folgten, und so fragt er: Was ist Platon anderes als ein attisch sprechender Mose?


Mose als ältester Theologe, Philosoph, Dichter und Geschichtsschreiber

Hierzu füge Eupolemus und Artapanus hinzu, die (wie von Eusebius an derselben Stelle, Kapitel 4 zitiert) sagen, dass Mose den Ägyptern die Buchstaben überlieferte und vieles andere zum Gemeinwohl einrichtete und wegen seiner Auslegung der Heiligen Schriften Merkur genannt wurde, und daher kam es, dass er von ihnen als Gott verehrt wurde.

Ptolemaios Philadelphus (wie Aristeas in seinem Werk über die 72 Übersetzer bezeugt) sagte, nachdem er das Gesetz des Mose gehört hatte, zu Demetrius: „Warum hat kein Geschichtsschreiber oder Dichter ein so großes Werk erwähnt?” Worauf Demetrius antwortete: „Weil jenes Gesetz heilige, göttlich gegebene Dinge betrifft; und weil einige, die es versuchten, durch eine göttliche Plage erschreckt, von ihrem Vorhaben abließen.” Und sogleich fügt er die Beispiele des Geschichtsschreibers Theopomp und des Tragödiendichters Theodektes hinzu, die ich oben erwähnt habe.

Diodor, der angesehenste aller Geschichtsschreiber, sagt der hl. Justin in seiner Ermahnung an die Griechen, führt sechs alte Gesetzgeber auf, und zuerst von allen Mose, den er als einen Mann von großem Geist bezeichnet, berühmt für sein äußerst rechtschaffenes Leben, über den er ferner erklärt: „Bei den Juden fürwahr Mose, den sie Gott nennen, entweder wegen der wunderbaren und göttlichen Erkenntnis, die, wie er urteilt, der Menge der Menschen nützen wird, oder wegen der Vorzüglichkeit und Macht, durch die das gewöhnliche Volk dem empfangenen Gesetz bereitwilliger gehorcht. Sie berichten, der zweite unter den Gesetzgebern sei ein Ägypter namens Sauchnis gewesen, ein Mann von bemerkenswerter Klugheit. Den dritten, sagen sie, sei der König Sesonchusis gewesen, der nicht nur unter den Ägyptern in militärischen Angelegenheiten hervorragte, sondern auch ein kriegerisches Volk durch die Aufstellung von Gesetzen zügelte. Den vierten bezeichnen sie als Bachoris, gleichfalls einen König, von dem sie berichten, er habe den Ägyptern Vorschriften über die Art des Regierens und der Hausverwaltung gegeben. Der fünfte war König Amasis. Der sechste soll Darius gewesen sein, der Vater des Xerxes, der den ägyptischen Gesetzen hinzufügte.”

Schließlich berichten Josephus, Eusebius und andere, dass Mose der erste von allen, deren Schriften noch erhalten sind oder deren Name in den Schriften der Heiden überliefert ist, als Theologe, Philosoph, Dichter und Geschichtsschreiber galt. Daher war die Verehrung des Mose bemerkenswert, nicht nur bei den Juden, sondern auch bei den Heiden. Josephus berichtet, Buch 12, Kapitel 4, dass ein gewisser römischer Soldat die Bücher des Mose zerriss und sofort die Juden zum römischen Statthalter Cumanus liefen und forderten, er solle nicht ihre eigene Beleidigung, sondern die dem verletzten göttlichen Wesen zugefügte Schmach rächen. Deshalb schlug Cumanus den Soldaten, der das Gesetz geschändet hatte, mit dem Beil.

Überdies war Mose älter und ging alle Weisen Griechenlands und der Heiden um einen weiten Zeitraum voraus, nämlich Homer, Hesiod, Thales, Pythagoras, Sokrates und die noch Älteren — Orpheus, Linos, Musaios, Herkules, Äskulap, Apollon und sogar Hermes Trismegistos selbst, der der allerälteste von allen war. Denn dieser Hermes Trismegistos, sagt der hl. Augustinus, Buch 18 Über den Gottesstaat, Kapitel 39, war der Enkel des älteren Hermes, dessen Großvater mütterlicherseits Atlas der Sterndeuter war, und ein Zeitgenosse des Prometheus, und er blühte zu der Zeit, als Mose lebte. Hier bemerke man, dass Mose den Pentateuch einfach schrieb, in der Art eines Tagebuchs oder von Annalen; Josua jedoch oder jemand Ähnliches ordnete dieselben Annalen des Mose, brachte sie in eine Reihenfolge und fügte gewisse Aussagen hinzu und verwob sie. Denn so wurde am Ende des Deuteronomiums der Tod des Mose, da er ja sicherlich tot war, von Josua oder einer anderen Person hinzugefügt und beschrieben. Ebenso wurde nicht von Mose, sondern von einer anderen Person, wie es scheint, das Lob der Sanftmut des Mose bei Numeri 12,3 eingefügt. Ebenso wird bei Genesis 14,15 die Stadt Laisch Dan genannt, obwohl sie erst lange nach den Zeiten des Mose Dan genannt wurde, und daher wurde dort der Name Dan für Laisch eingesetzt, nicht von Josua, sondern von einem anderen, der später lebte. Ebenso wurden bei Numeri 21 die Verse 14, 15 und 27 in gleicher Weise von einem anderen hinzugefügt. Auf dieselbe Weise wurde der Tod Josuas von einem anderen hinzugefügt, im letzten Kapitel des Buches Josua, Vers 29. Auf dieselbe Weise wurde die Prophetie Jeremias von Baruch geordnet und in eine Reihenfolge gebracht, wie ich im Vorwort zu Jeremia zeigen werde. Ebenso wurden die Sprüche Salomos nicht von ihm selbst, sondern von anderen aus seinen Schriften zusammengestellt und geordnet, wie aus Sprüche 25,1 hervorgeht.

Überdies lernte und empfing Mose diese Dinge teils durch Überlieferung, teils durch göttliche Offenbarung, teils durch eigenen Augenschein: denn was er in Exodus, Levitikus, Numeri und Deuteronomium berichtet, war er selbst gegenwärtig und sah und führte es aus.

Überdies wurde diese Verehrung sowohl durch Martyrien als auch durch Wunder bezeugt. Als Maximian und Diokletian durch ein Edikt befahlen, ihnen die Bücher des Mose und die anderen Bücher der Heiligen Schrift zur Verbrennung auszuliefern, widerstanden die Gläubigen und zogen den Tod der Auslieferung vor. Daher bestanden viele für die heiligen Bücher einen ruhmreichen Kampf und erlangten den siegreichen Lorbeer des Martyriums.

Als aber Fundanus, vormals Bischof von Alutina, aus Todesfurcht die heiligen Bücher ausgeliefert hatte und der gotteslästerliche Beamte sie dem Feuer übergab, ergoss sich plötzlich bei heiterem Himmel ein Regen, das Feuer, das an die heiligen Bücher gelegt worden war, erlosch, Hagel folgte, und die ganze Gegend selbst wurde von wütenden Elementen für die heiligen Bücher verwüstet, wie die Akten des hl. Saturninus berichten, die sich bei Surius unter dem 11. Februar finden.


Gebet an Mose

Blicke auf uns herab, wir bitten dich, heiliger Mose, der du einst aus der Ferne auf dem Sinai ein Betrachter der Herrlichkeit Gottes warst und aus der Nähe auf dem Tabor der Herrlichkeit Christi, nun aber beider von Angesicht zu Angesicht genießest. Strecke deine Hand aus der Höhe, leite die Ströme deiner Weisheit auf uns herab und teile uns durch deine Hilfe, deine Gebete und deine Verdienste auch nur einen Funken jenes ewigen Lichtes mit. Erlange vom Vater der Lichter, dass er uns, seine kleinen Würmer, zu diesen heiligen Hallen des Pentateuch führe; gib, dass wir ihn in seinen Schriften erkennen; gib, dass wir ihn so sehr lieben, wie wir ihn erkennen: denn wir begehren ihn nicht zu erkennen, es sei denn um ihn zu lieben, und dass wir, von Liebe zu ihm entflammt, wie Fackeln sowohl andere als auch die ganze Welt entzünden. Denn dies ist die Erkenntnis der Heiligen; denn er selbst ist unsere Liebe und unsere Furcht, auf ihn allein schauen alle unsere Anliegen, ihm weihen wir uns und alles, was unser ist. Führe uns schließlich zu Christus, der das Ziel deines Gesetzes ist; damit er selbst alle unsere Studien und Bemühungen zur Herrlichkeit dessen, dem jedes Geschöpf Lob sagt — eine Herrlichkeit, die im Reich seiner Kirche, die jetzt noch streitet, zu verkünden ist und einst im triumphierenden Chor der Seligen im Himmel von uns allen, die wir dir ergeben sind, mit dir, in alle Ewigkeit, wie ich hoffe, aufs lieblichste und glückseligste zu singen sein wird — lenke, begünstige und zum Ziel führe. Dort werden wir auf dem gläsernen Meer stehen, wir alle, die wir das Tier besiegt haben, „und das Lied des Mose und das Lied des Lammes singen und sprechen: Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, Gott, Allmächtiger; gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, König der Zeiten; wer wird dich nicht fürchten, Herr, und deinen Namen verherrlichen? Denn du allein bist heilig”, Offenbarung 15,3; weil du uns erwählt hast, weil du uns zu Königen und Priestern gemacht hast, und wir werden herrschen in alle Ewigkeit.

Amen.