Guigo I.

Meditationes

(Betrachtungen)


Kapitel I. Über die Wahrheit und den Frieden, und wie der Friede allein durch die Wahrheit erlangt wird.

Die Wahrheit muss in die Mitte gestellt werden wie etwas Schönes. Urteile nicht, wenn jemand vor ihr zurückschreckt, sondern habe Mitleid. Du aber, der du zur Wahrheit zu gelangen begehrst — warum weist du sie zurück, wenn du wegen deiner Laster getadelt wirst? Sieh, wie viel die Wahrheit erduldet. Zum Trinker wird gesagt: Du bist ein Trinker; und ebenso zum Wollüstigen, zum Hochmütigen und zum Schwätzer. Und dies ist wahr. Dennoch werden sie sogleich rasend und verfolgen und töten die Wahrheit in ihrem Verkünder. Sieh, wie sehr die Lüge geehrt wird. Zu den schlimmsten Menschen, Sklaven aller Laster, wird gesagt: Gute Herren. Sie werden besänftigt, sie freuen sich und verehren die Lüge in dem, der so spricht.

Ohne Gestalt und Schönheit, ans Kreuz genagelt, muss die Wahrheit angebetet werden.

Je edler und mächtiger ein Geschöpf ist, desto bereitwilliger unterwirft es sich der Wahrheit; ja, es ist gerade deshalb mächtig und edel, weil es sich ihr unterwirft.

Zeitliche Dinge stechen dich — warum fliehst du nicht zu anderen Dingen, das heißt zur Wahrheit?

Darum ist die Wahrheit uns bitterer als alle Widrigkeiten: weil die einzelnen Widrigkeiten jeweils eine oder mehrere Freuden angreifen; die Wahrheit aber klagt sie alle zugleich an.

Wenn du alle Farben und alles andere, was durch die Augen erfahren werden kann, erfahren hättest, oder durch die übrigen leiblichen Sinne erfahren hättest, wenn du alle Berichte erzählen oder anhören würdest — was wäre der Nutzen? Ebenso verhält es sich mit all den vielen Dingen, die du erfahren oder gehört hast.

Du kannst niemanden hassen, außer durch deine eigene Ungerechtigkeit. Denn es ist Sache der Heiligen, auch den Bösen Gutes zu wünschen. Man soll nur die Wahrheit lieben und den Frieden, der aus ihr hervorgeht.

Der Diener der Wahrheit liebe das, was er dient, und den, dem gedient wird. Und wenn ihm dasselbe von einem anderen dargeboten wird, so empfange er es mit Danksagung als das, was er liebt.

Die Liebe sei dir der Grund, die Wahrheit auszusprechen, gleichsam als zu heilen. Und wenn jemand sie nicht annimmt, so hast du entweder Mitleid mit ihm, oder du liebst ihn nicht, oder du hältst das, was er verschmäht, für gering — so als ob ein Kranker eine heilsame Arznei zurückwiese.

Der Wahrheit folgt Friede ohne Ende, gemeinsam mit den Engeln; der Lüge folgen Mühsal und Schmerz, gemeinsam mit dem Teufel. Die Wahrheit braucht nicht verteidigt zu werden — vielmehr bedarfst du ihrer.

Die Wahrheit ist deinesgleichen überaus bitter und unangenehm, nicht durch ihre eigene Schuld, sondern durch deren Schuld — so wie helles Licht schwachen Augen. Sieh daher zu, dass du sie nicht noch bitterer machst, indem du sie nicht aussprichst, wie du sollst, nämlich in Liebe. Denn gleichwie ein gütiger Arzt, der einem Kranken einen heilsamen, aber bitteren Trank gibt, den Rand des Bechers mit Honig bestreicht, damit das Süße bereitwillig genommen und das Heilsame leicht in demselben Zuge geschluckt werde — so ist dein ganzer Dienst, den Menschen zu nützen.

Wenn du die Wahrheit nicht aus Liebe zur Wahrheit sprichst, sondern aus dem Verlangen, einen anderen zu verletzen, wirst du nicht den Lohn dessen empfangen, der die Wahrheit spricht, sondern die Strafe eines Lästerers.

Sieh, wie viel Qual du erleiden wirst, wenn das wahre Licht dich dir selbst vollkommen offenbart hat — wenn schon der so gequält wird, dem du durch ein einziges Wort etwas von seinen Übeln zeigst. Denn dann werden die Ratschlüsse der Herzen offenbar werden.

Du sündigst gleichermaßen, ob du einen anderen schmähst oder von einem anderen geschmäht wirst; denn in beiden Fällen nimmst du die Wahrheit entweder schlecht an oder fügst sie als Übel zu. Wer dich also geißeln will, der ergreife dein Leben, das heißt die Wahrheit; er schlage und quäle dich durch sie.

Die Wahrheit ist Leben und ewiges Heil. Du sollst also Mitleid haben mit dem, dem sie missfällt. Denn insoweit ist er tot und verloren. Du aber, in deiner Verkehrtheit, würdest ihm die Wahrheit nur sagen, wenn du glaubtest, sie sei ihm bitter und unerträglich. Denn du misst die anderen an dir selbst. Das Schlimmste aber ist, wenn du, um den Menschen zu gefallen, die Wahrheit sagst, die sie lieben und bewundern, gerade so wie du Lügen oder Schmeicheleien sagen würdest. Darum soll die Wahrheit weder deshalb gesagt werden, weil sie missfällt, noch weil sie gefällt, sondern damit sie nütze. Verschwiegen werden soll sie nur, damit sie nicht schade, wie Licht schwachen Augen schadet.

Das Brot, das heißt die Wahrheit, stärkt das Herz des Menschen, damit es nicht den leiblichen Gestalten erliege.

Selig ist der, dessen Geist nur durch die Erkenntnis und Liebe der Wahrheit bewegt oder berührt wird, und dessen Leib nur durch den Geist selbst bewegt wird. Denn so wird auch der Leib allein durch die Wahrheit bewegt. Denn wenn es keine Regung im Geist gibt außer der der Wahrheit, und keine im Leib außer der des Geistes, dann gäbe es auch keine Regung im Leib außer der der Wahrheit, das heißt Gottes.

Um des Friedens willen tust du alles, zu dem der Weg allein durch die Wahrheit führt — die in diesem Leben dein Widersacher ist. Unterwirf also entweder die Wahrheit dir oder dich der Wahrheit. Denn nichts anderes bleibt dir übrig.

Die Widrigkeit mahnt dich, den Frieden zu begehren. Du aber, verblendet, begehrst das, was es, solange du es liebst und begehrst, dir schlechterdings unmöglich macht, Frieden zu haben.

Warum reißt du das an dich, was dir am anderen so missfällt, nämlich den Zorn? Du zürnst also, weil jener zürnt. Zürne vielmehr dir selbst, weil du zürnst. Wenn der Zorn dir wahrhaft missfiele, würdest du ihn nicht zulassen, sondern vor ihm fliehen. Dies gelingt allein dadurch, dass man den Frieden bewahrt.

Ein Teich rühmt sich nicht, dass er Wasser im Überfluss hat, denn es stammt aus der Quelle. So verhält es sich mit deinem Frieden. Denn immer ist etwas anderes die Ursache des Friedens. Daher ist dein Friede ebenso schwach und trügerisch, wie das wandelbar ist, woraus er entspringt. Wie gering ist er also, wenn er aus der Lieblichkeit eines menschlichen Antlitzes entspringt!

Jeder Mensch begehrt sicher zu sein. Diese Sicherheit ist aber umso geringer, je mehr man beunruhigt werden kann. Und man kann umso mehr beunruhigt werden, je eher die Dinge, die man liebt, bereit sind, anders zu sein, als man es wünscht. Es sage also jemand zu dir: Ich werde dir Böses antun; ich werde dir den Frieden nehmen. Ich werde in der Tat Böses über dich denken oder sagen. Sieh, wie bereit du bist, verwundet und beunruhigt zu werden.

Zeitliche Dinge sollen nicht die Ursache deines Friedens sein, denn er wird ebenso gering und zerbrechlich sein wie sie. Einen solchen Frieden wirst du mit den unvernünftigen Tieren teilen; der deine sei mit den Engeln, das heißt der Friede, der aus der Wahrheit hervorgeht.

Was immer du um des Friedens und des Glücks willen festgehalten und geliebt hattest, verachte es — es sei denn, du willst Frieden und Glück gänzlich verlieren.

Der Friede ist ein Gut der Seele, in der er wohnt. Er soll also um seiner selbst willen begehrt werden, wie ein wohlschmeckender Geschmack. Er sei so groß in dir, dass du nicht einmal die Bösen ausschließt.

„Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht” (Johannes 14,27). Dies ist der wahre Sabbat. Ihn feiert, wer weder verlockt noch gezwungen wird; dieser hat sich selbst in seiner Gewalt; dieser kann von sich selbst ein Almosen geben, so dass er, wie ein anderer es für angebracht hält, zürnen oder besänftigt sein mag.

Die Liebe zum zeitlichen Frieden gebiert notwendig Unruhe des Geistes. Wer also diesen Frieden hat und liebt, dem fehlt notwendig der Friede.

Wenn du denen, die dir Böses tun, nicht neidest, wirst du Frieden mit ihnen haben.

Gleichwie alle Dinge durch Ähnlichkeit und Frieden bestehen, so gehen durch Unähnlichkeit und Zwietracht alle Dinge zugrunde.


Kapitel II. Über das heilsame Missfallen an sich selbst und über das demütige Bekenntnis der Sünde.

Der Anfang der Rückkehr zur Wahrheit ist, sich selbst in der Falschheit zu missfallen. Der Besserung geht der Tadel voraus. Denn man kümmert sich nicht darum, das zu ändern, was nicht missfällt. Weil du also immer der Änderung bedarfst, bedarfst du immer des Missfallens an dir selbst.

In all der Sorge, die du für dein Heil trägst, gibt es keinen Dienst und kein Heilmittel, das dir nützlicher wäre, als dich selbst zu tadeln und zu verachten. Wer immer dies also tut, ist dein Helfer. Denn er tut, was du tatest oder hättest tun sollen, um gerettet zu werden.

Du gefällst dir selbst, weil du nicht erkennst, dass du kein Gut aus dir selbst hast. Von dir selbst hast du nichts als Böses. Du schuldest dir also keinen Dank. Alles Böse kommt dir von dir selbst. Darum schuldest du große Strafen zur Vergeltung.

Der Weg zu Gott ist leicht, denn man reist, indem man sich entlastet; er wäre schwer, wenn man reiste, indem man sich belüde. Entlaste dich also so sehr, dass du, nachdem du alles abgelegt hast, dich selbst verleugnest.

Wer sich als gering erkennt, empfängt Tadel ruhig und demütig, gleichsam als wären es seine eigenen Urteile. Lob aber weist er zurück, da es nicht seine eigenen Urteile sind.

Wenn jemand Böses über dich spricht: Ist es nicht wahr, so schadet es ihm, nicht dir — gleichwie wenn er Gold Kot nennte, was schadete es dem Gold? Ist das Böse, das über dich gesagt wird, wahr, so wirst du belehrt, was du meiden sollst. Wer aber Gutes sagt, nützt nicht dem, den er lobt, sondern sich selbst. Wenn dir Gutes über dich gesagt wird — wozu werden Gerüchte erzählt, die du besser kennst? Tadle allein dich selbst.

Ein jeder fliehe seine eigenen Laster; denn die Laster der anderen werden ihm nicht schaden. Deine Kleidung und deine Krone sind eine beständige Lüge, denn sie bedeuten, was fehlt.

Wenn jemand trauert, dass er einen Diebstahl begangen hat, wegen der Schande, die daraus erwuchs, bereut er nicht den Diebstahl, sondern trauert darüber, in Schande gefallen zu sein. Er scheut es nicht und hält es nicht für ein Übel zu sündigen, sondern bestraft zu werden. Für die Gerechten aber sind Sündigen und Bestraftwerden nicht zweierlei. Sie halten die Sünde selbst für die grausamste Strafe, und glauben darum, dass keine Ungerechtigkeit ungestraft bleiben kann, weil die Ungerechtigkeit der Sünde selbst eine große Strafe ist und niemandem Schlimmeres widerfahren kann. Und deshalb urteilen sie, dass sie vor allen Übeln gemieden und geflohen werden muss, selbst wenn kein anderes Übel aus ihr folgen würde.

Wenn du jemanden hassen sollst, so hasse niemanden so sehr wie dich selbst. Denn niemand hat dir so viel geschadet.

Wenn nichts gebessert wird, das nicht zuvor getadelt wurde, dann will, wer nicht getadelt werden will, auch nicht gebessert werden. Denn es steht geschrieben: „Wer Zurechtweisung hasst, ist töricht” (Spr. 12,1); „Wer aber auf Mahnung hört, erwirbt Einsicht” (Spr. 15,32).

Über das Bekenntnis.

Für den Zöllner hätte es keine Rückkehr zum Heil geben können, hätte er nicht demütig bekannt, was der Pharisäer ihm hochmütig vorwarf.

Allein darin bist du gerecht: wenn du anerkennst und aussprichst, dass du um deiner Sünden willen verdammt zu werden verdienst. Wenn du dich gerecht nennst, bist du ein Lügner und wirst vom Herrn, der die Wahrheit ist, als sein Widerpart verurteilt. Nenne dich einen Sünder, damit du, wahrhaftig seiend, mit dem Herrn, der die Wahrheit ist, übereinstimmst und befreit werdest.

Es ist Sache der Großen, für die Bekennenden Fürsprache einzulegen, damit ihnen vergeben werde; aber es ist Sache der noch Größeren, auch für jene gütig zu bitten, die ihre Schuld noch nicht erkennen, damit sie sie erkennen, und für jene, die entweder aus Scham oder weil sie ihre Schuld lieben, nicht bekennen, damit sie bekennen.

Jede vernünftige Seele, die sich rächen will, fügt einem anderen zu, was sie für sich selbst fürchtet und verabscheut und für ein Übel hält. Nichts aber ergreift sie eifriger zur Rache als die Wahrheit, und kein Übel fügt sie mit heftigerem Eifer zu. Darum verabscheut sie nichts mehr, als dass die Wahrheit über sie selbst gesagt werde. Denn was der Gegner über einen anderen sagt, ist von solcher Art, dass, wenn der, zu dem es gesagt wird, es demütig anerkennt, er das ewige Heil verdienen kann. Denn wer einen Ehebrecher einen Ehebrecher nennt, sagt ihm als Übel, was der Ehebrecher selbst um seines Heiles willen freiwillig bekennen müsste. Darum empfange er dies bereitwillig und achte nicht auf die Absicht, mit der es gesagt wird, sondern auf das, was ihm gesagt wird.

Wer wahrhaftig nicht scheinen, sondern sein will, und wahrhaftig nicht zu scheinen, sondern ein Lügner zu sein fürchtet — sobald er merkt, dass er gelogen hat, widerspricht er sich selbst, und keine Schmähungen oder Verluste halten ihn davon ab. Denn der Wahrhaftige will lieber sterben, als als Lügner leben — wenn denn ein Lügner lebt, da geschrieben steht: „Der Mund, der lügt, tötet die Seele” (Weish. 1,11).

Das, was du verbergen willst, nämlich deine Sünde — verurteile sie, und es wird nichts mehr geben, was du verbergen müsstest. Denn du kannst sie tilgen, aber du kannst sie nicht verbergen. Denn nichts ist verdeckt, was nicht offenbar wird, noch verborgen, was nicht bekannt wird. Warum also ziehst du es vor, die Krankheit zu verheimlichen, statt sie zu heilen? Gleichwie du die Krankheiten deines Leibes bereitwillig anderen zeigst, damit sie Mitleid haben, und wenn sie es nicht glauben wollen, dich für elend hältst, und der Schmerz zunimmt, und du sogar zornig wirst — so verfahre ebenso mit den Krankheiten deiner Seele.


Kapitel III. Über die Vergnügungen und niedrigen Freuden der fünf Sinne.

Betrachte zwei Erfahrungen: die der Aufnahme und die der Ausscheidung. Was macht dich seliger — das, was du durch die eine, oder das, was du durch die andere erfährst? Jene belastet mit Unnützem, diese entlastet. Bedenke, was dir jede von beiden nützt. Dies heißt, alles durch Erfahrung verschlungen zu haben. Keine weitere Hoffnung bleibt. So verhält es sich mit allen sinnlichen Dingen. Sieh daher, welches Glück dir alle Dinge dieser Art, sei es in der Hoffnung oder in der Wirklichkeit, gebracht haben, und denke entsprechend über die Zukunft. Bedenke, sage ich, die vergangenen Annehmlichkeiten und beurteile so die künftigen. Alles, was du erhoffst, wird vergehen. Und du — was dann? Liebe und erhoffe etwas, das nicht vergeht.

Du willst mit Farben Holz bemalen, das vom Feuer verzehrt werden wird, wenn du willst, dass das, was du verzehrst, schön sei, ob Speisen oder Gewänder. Der Kleidung bedarfst du gegen die Kälte, nicht dieser oder jener Farbe; ebenso der Speise gegen den Hunger, nicht dieses oder jenes Geschmacks.

Tierische Lust kommt von den Sinnen des Fleisches; teuflische Lust von allem Hochmut, Neid und Trug; philosophische Lust von der Erkenntnis der Schöpfung; englische Lust von der Erkenntnis und Liebe Gottes.

Was unter den vergänglichen Vergnügungen mehr erfreut, ist auch tödlicher.

Es ist dieselbe oder eine schlimmere Torheit, die Art der Dinge zu verfolgen, die du selbst gemacht hast, und die Seele zu Dingen hinzuneigen, die du zerstörst, das heißt zu Geschmäcken und anderen sinnlich wahrnehmbaren Dingen.

„Er sammelte sie aus den Ländern” — das heißt, indem er die heiligen Seelen von Geschmäcken, Gerüchen und fleischlichen Berührungen losreißt, sammelt er sie in sich.

So versuchen die Menschen, wahre Freude oder Seligkeit zu schaffen, als ob sie entweder nicht bestünde oder geschaffen werden könnte, wo sie doch allein wahrhaft besteht, aber auf keine Weise geschaffen werden kann. Dies zu versuchen heißt, sich selbst einen Gott und eine Seligkeit zu machen und anzunehmen, dass die Seligkeit nicht besteht und dass Gott nicht besteht.

Sieh, wenn alle Menschen alles andere, womit sie sich befassen, aufgäben und sich ganz einer einzigen Farbe oder einem einzigen Geschmack widmeten, wie elend, hässlich und töricht sie wären. Genauso sind sie jetzt, da sie sich so vielen und verschiedenen Eigenschaften der Dinge widmen. Denn viele Geschöpfe oder alle Geschöpfe zusammen sind um nichts mehr unser Gott oder unser Heil als jedes einzelne von ihnen.

Wenn wir uns an denselben Dingen erfreuen wie die unvernünftigen Tiere — das heißt an der Wollust wie die Hunde, an der Völlerei wie die Schweine, und so weiter — wird unsere Seele der ihren gleich, und wir schaudern nicht davor. Und doch hätte ich lieber den Leib eines Hundes als seine Seele. Und doch, wenn unser Leib in eine so große Ähnlichkeit mit dem Leib eines Hundes überginge, wie unsere Seele durch die Wollust in die Ähnlichkeit mit der Seele eines Hundes übergeht — wer würde uns ertragen? Wer würde nicht erschaudern? Es wäre besser und erträglicher, wenn unser Leib in ein Tier verwandelt würde, während die Seele in ihrer Würde verbliebe, das heißt im Bilde Gottes, als wenn die Seele tierisch würde, während der Leib menschlich bliebe. Und diese Verwandlung ist umso schrecklicher und beklagenswerter, je mehr die Seele den Leib übertrifft. Daher sagt David: „Werdet nicht wie Ross und Maultier, die ohne Verstand sind” (Psalm 31,9). Denn dies darf man nicht von leiblicher Ähnlichkeit verstehen, damit es nicht lächerlich sei.

Etwas, wie Speise oder Trank, nur dazu herzurichten, dass es mehr Freude bereite, heißt mit dem Teufel zu unserem Verderben zusammenzuwirken und ein Schwert zu schärfen, damit es leichter und tiefer in unser Innerstes eindringe. Denn je mehr wir uns an diesen Dingen erfreuen, desto schwerer und tiefer werden wir verwundet.


Kapitel IV. Über die eitlen Ängste, Schmerzen und Qualen der Kinder dieser Welt, die sie sich durch die Begierde und Liebe zu vergänglichen Dingen zuziehen.

Der Mensch verstrickt sich bereitwillig in die Liebe zu den Leibern und zur Eitelkeit, aber, ob er will oder nicht, wird er von Furcht und Schmerz über deren Untergang gequält, sei es wenn die Leiber selbst ihm genommen werden, sei es wenn er selbst getadelt wird. Denn die Liebe zu vergänglichen Dingen ist gleichsam eine Quelle unnützer Ängste, Schmerzen und aller Sorgen. Darum befreit der Herr den Armen vom Mächtigen, indem er ihn vom Band der weltlichen Liebe löst. Denn wer nichts Vergängliches liebt, hat keine Stelle, an der er von irgendeinem Mächtigen verletzt werden könnte, und ist gänzlich unverletzlich, weil er nur Unverletzliches so liebt, wie es geliebt werden soll.

Wenn jemand dir alle Haare vom Haupte abschnitte, würde er dir nicht wehtun, außer wenn er die berührt, die noch an der Kopfhaut haften. So tut dir nichts weh, es sei denn, jemand berührt die Dinge, die durch die Begierde in dir Wurzel geschlagen haben. Je zahlreicher und geliebter diese sind, desto zahlreicher und heftiger werden die Schmerzen sein, die sie hervorbringen.

Lösche entweder die Begierde gänzlich aus oder mache dich darauf gefasst, beunruhigt zu werden — das heißt, Dinge zu fürchten und zu betrauern, die du nicht fürchten und betrauern solltest.

Die menschliche Seele wird so lange in sich selbst gequält, wie sie gequält werden kann, das heißt solange sie etwas außer Gott liebt. Denn Gott kann sie nicht gegen ihren Willen verlieren. Sie kann ihn verlassen, aber nicht verlieren. Denn niemand wird geschädigt außer durch sich selbst.

Von so vielen Liebesbindungen an Dinge — Dinge, die für dich vergehen würden oder für die du vergehen würdest — wie der Herr dich befreit hat, von ebenso vielen Ängsten, Traurigkeiten und Schmerzensqualen hat er dich losgesprochen.

Während die Erscheinungen oder Gestalten der Leiber, durch deren Anhaften du befleckt wirst, vergehen (wie Silben zu ihren bestimmten Zeiten, da Gott die Melodie führt), wirst du gequält. Denn der Rost, der angewachsen war, wird abgekratzt.

Nichts ist mühsamer für dich, als nicht zu arbeiten, das heißt alle Dinge zu verachten, aus denen Mühen entstehen, nämlich alles Wandelbare.

Sieh, welch große Menge deinesgleichen sich für die Welt abgemüht hat, und nicht nur haben sie sie nicht erlangt, sondern sie haben sich obendrein selbst verloren. Du aber, wenn du dich einsetzt, wirst über allen Vergleich mehr gewinnen als das, wofür alle sich mühen oder gemüht haben.

Die törichte Beunruhigung der Seele ist selbst das Elend. Diese ist beinahe immer in dir, wenn Gott die Ursachen deines Todes verdirbt — das heißt die Dinge, an die du dich zu Unrecht geklammert hattest — damit du sie aufgibst und lebst.

Du liebst die Magd auf schändliche Weise, das heißt das Geschöpf; darum wirst du so sehr gequält, wenn ihr Herr, das heißt dein Gott, mit ihr verfährt, wie er mit Recht will.

Du hast dich an eine Silbe eines großen Liedes geklammert; darum wirst du beunruhigt, wenn der allerweiseste Sänger in seinem Gesang fortfährt. Denn die Silbe, die du allein geliebt hast, wird dir genommen, und andere folgen in ihrer Ordnung. Denn er singt nicht für dich allein, noch nach deinem Willen, sondern nach dem seinigen. Und die Silben, die folgen, sind dir nur deshalb zuwider, weil sie jene verdrängen, die du fälschlich geliebt hast.

Was eine Silbe in einem Lied ist, das nimmt jedes Ding an Ort oder Zeit im Lauf der Welt ein. Darum wirst du gequält werden, weil du an Niederem gehangen hast, und es vergeht in seiner Ordnung wie Silben in einem Lied.

All das, was Widrigkeiten genannt wird, ist nur für die Bösen Widrigkeit, das heißt für jene, die das Geschöpf anstelle des Schöpfers lieben.

Wenn dieser oder jener sich ebenso für Gott abmühte, wie er sich für die Welt abmüht, würde sein Geburtstag wie der eines Märtyrers gefeiert.

Gleichwie die Kälte vom Eis kommt, so dringt aus der Liebe zu zeitlichen Dingen unnütze Furcht in die Seele, samt allem anderen Elend. Entferne von dir alles, was eine Ursache der Furcht ist, gleichwie du die Ursachen der Kälte entfernen würdest. Entferne sie, sage ich, nicht vom Orte, sondern von der Seele. Denn gefürchtet werden soll nur das, was gemieden werden kann und soll, nämlich die Sünde. Und was immer zu meiden nützlich ist, kann auch gemieden werden, mit Gottes Hilfe — das heißt die Ungerechtigkeit.

Sieh, wie sehr du in der Gewalt der Menschen bist, beunruhigt und gequält zu werden. So leicht, wie sie dich mit Worten tadeln oder mit einem Gedanken oder einer Meinung, so leicht können sie dich beunruhigen. Was also? Wenn du ihnen missfällst, wirst du beunruhigt. Also bist du in ihrer Gewalt. Ob jemand dies tut oder nicht — du bist durch die Beschaffenheit deines Geistes dennoch ausgesetzt. Wenn du ihnen in dem missfällst, was gut ist, schadet dies ihnen, nicht dir. Arbeite dann daran, ihre Herzen zu ändern, nicht dein Gut. Wenn du ihnen in dem missfällst, was böse ist, schadet dir nicht das Missfallen selbst — es nützt dir vielmehr —, sondern dein Böses.

Die Märtyrer sagen zu Gott: „Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag” (Psalm 43,22); du sagst zu beliebigen Nichtigkeiten: Um euretwillen werde ich beunruhigt den ganzen Tag.

Halte dich zurück und sammle dich von jeder Seite, damit der Wirbel der wandelbaren Dinge dich nicht unter ihnen finde und du gequält werdest.

Welche Art der Qual du auch erleidest, sei es durch Furcht, Zorn, Hass oder irgendeine Art von Trauer — schreibe sie allein dir selbst zu, das heißt deiner eigenen Begierde, Unwissenheit oder Trägheit. Wenn aber jemand dir schaden will, so schreibe es seiner Begierde zu. Deine Verwundung und dein Schmerz sind ein Zeichen deiner Sünde — nämlich dass du etwas Verletzbares geliebt hast, nachdem du Gott verlassen hattest.

Wenn die Schauspiele, die du liebst, beschädigt werden, trauerst du. Schreibe dies dir selbst und deinem Irrtum zu, weil du an Dingen gehangen hast, die beschädigt werden können. Denn der Mensch ist so gewohnt, alles Übel auf etwas anderes abzuwälzen, dass er, wenn er an einen Stein stößt oder vom Feuer verbrannt wird, es wagt, Gottes eigene Geschöpfe zu beschuldigen und zu verfluchen — die, wenn sie dies nicht täten, mit Recht als kraftlos und leblos getadelt würden, anstatt dass er das Elend seiner eigenen Schwachheit beklagen sollte.

Obgleich die Amme weiß, dass das kleine Kind sich freuen wird, wenn es einen Sperling bekommt, fürchtet sie dennoch über alle Maßen, dass es einen erhalte, und dies umso mehr, je mehr sie glaubt, dass es sich darüber freuen wird. Gewiss wünschen alle Menschen, dass sie selbst und diejenigen, die sie lieben, sich freuen mögen. Warum also wünscht die Amme dies dem Kind nicht nur nicht, sondern hütet sich sogar davor wie vor einem großen Übel? Gewiss will sie, dass es sich freue. Warum also entzieht sie ihm das, wovon sie weiß, dass es ihm Freude bereiten wird? Warum, wenn nicht deshalb, weil sie die kommende Trauer voraussieht, deren Ursache sie in eben dieser Freude erkennt? Denn sie weiß mit Gewissheit, dass die Trauer, die hernach das Herz des Kindes überfallen wird, umso schwerer sein wird, je heftiger die vorangegangene Freude war, indem sie die Größe der künftigen Trauer an der Größe der gegenwärtigen Freude bemisst. Was anderes rät diese Frau durch solches Handeln, als dass alle jene Freuden, denen Wehklagen folgt, wie Pest und Gift gemieden werden müssen? Man soll nicht beachten, welche Süße sie in der Gegenwart besitzen, solange sie andauern, sondern welche Bitterkeit sie in uns erzeugen, wenn sie vergehen. So sind alle zeitlichen Freuden. Warum sollte ich also nicht mit derselben vorausschauenden Vorsicht den Besitz eines Weinbergs meiden, einer Wiese, eines geräumigen Hauses, eines Ackers; warum nicht Gold und Silber, warum nicht die Meinungen und das Lob der Menschen und anderes dergleichen? Oh, wer wird dem hinfälligen und doch törichten Kind — das heißt dem ganzen Menschengeschlecht, über den Erdkreis verbreitet — eine große, eine höchst weise Amme geben, die mit solcher Sorgfalt und Beflissenheit ihm jene Freuden entziehe oder es von ihnen zurückrufe, die der Samen künftiger Schmerzen sind? Doch woher kommt so großes Stöhnen der Tränen in der ganzen Welt, wenn nicht daher, dass diese liebevollste und mächtigste Amme niemals aufhört, sei es durch sich selbst oder auf andere Weise, dem Menschengeschlecht die Ursachen des Schmerzes — das heißt die zeitlichen Dinge — zu entziehen oder vorzuenthalten, wie man einem Kind einen Sperling wegnimmt.


Kapitel V. Über die Begierde, die Liebe und das Rühmen an irdischen und zeitlichen Dingen, und wie durch sie das wahre Elend nicht beseitigt, sondern vermehrt wird.

Auf zweierlei Weise kann, wenn zwei Dinge gleich sind, das eine größer werden als das andere: entweder durch eigenen Zuwachs oder durch Verminderung des anderen. Auf diese letztere Weise freuen sich alle Fürsten und Mächte dieses Zeitalters oder streben danach, größer als alle anderen zu sein — nämlich durch die Erniedrigung und Verminderung der anderen, nicht durch die eigene Erhebung oder Vermehrung an Leib oder Geist. Denn weder ihre Leiber noch ihre Gemüter werden in irgendeiner Weise verbessert; vielmehr scheinen sie sich nur deshalb entwickelt und gewachsen zu haben, weil andere versagt und abgenommen haben. Wenn aber alles so vermindert würde, dass es zu nichts zusammenschrumpfte — in welcher Weise würde deine Seele oder dein Leib dadurch wachsen?

Gleichwie einer, der Ziegel herstellen will, einen Platz vorbereitet, wo er sie einstweilen hinstellt — nicht damit sie dort bleiben, sondern um anderswohin gebracht zu werden, sobald sie getrocknet sind; und so ist jener Platz nicht für bestimmte Ziegel bereitet, sondern gleichermaßen für alle, die hergestellt werden sollen — so hat Gott diesen Ort menschlicher Behausung geschaffen, um Menschen zu erschaffen und sie, wenn ihre Zeit vollendet ist, anderswohin zu versetzen. Und gleichwie ein Töpfer die einen wegnimmt, damit neugeschaffene deren Platz einnehmen, so bereitet Gott durch den Tod, gleichsam durch die Versetzung der Früheren, den Nachfolgenden einen Platz. Töricht und unsinnig ist also, wer am Platz mit der Liebe seines Herzens haftet und nicht vielmehr ängstlich darüber nachsinnt, wohin er versetzt werden soll. Noch soll es den Ziegeln ungerecht oder hart erscheinen, wenn sie fortgenommen werden, da sie ja in dieser Absicht dorthin gesetzt wurden. Und es wird nur denen so erscheinen, die nicht bedenken, dass sie notwendigerweise versetzt werden müssen, und die durch unsinnige Begierde das als ihr Eigentum beanspruchen, was allen gemeinsam ist und niemandem gehört, sondern ungezählten Künftigen gemeinschaftlich zugewiesen wurde. Sieh in derselben Sache einen anderen Wahnsinn, der nicht geringer ist: Denn obwohl diese Ziegel beinahe alle von derselben Größe sind, ist doch kaum einer von ihnen mit dem Raum eines einzigen zufrieden; vielmehr beansprucht jeder einzelne, nachdem er so viele Ziegel wie möglich hinausgeworfen oder zerbrochen hat, den Platz vieler für sich allein.

Was hältst du von einem, der seine ganze Aufmerksamkeit und Zeit darauf verwendet, ein Haus zu stützen, das unmöglich mit den vorhandenen Mitteln gestützt werden kann — Mitteln, mit denen überhaupt nichts gestützt werden kann — oder wenn es doch könnte, bräuchten die Stützen selbst ebenso viele andere Stützen wie das Haus, das sie tragen sollen; und jene Stützen wiederum ebenso viele, und so fort ins Unendliche? Dieses Leben ist das Haus; du bist der Stützende; die Stützen sind die zeitlichen Dinge, die niemals im selben Zustand verharren und weder stützen noch gestützt werden können.

Wer um ein langes Leben bittet, bittet um eine lange Versuchung. Denn das Leben des Menschen auf Erden ist eine Prüfung (Ijob 7,1).

Was Gott an seinen Freunden oder Verwandten nicht geliebt hat — nämlich Macht, Adel, Reichtümer, Ehren — das liebe auch du nicht an den deinen.

Du isst Schlingen, du trinkst Schlingen, du kleidest dich in Schlingen, du schläfst auf Schlingen; alles ist Schlinge.

Du bist ein Verbannter in Liebe, in Lust, in Zuneigung — nicht dem Ort nach. Du bist ein Verbannter im Land der Verderbnis, der Leidenschaften, der Finsternis, der Unwissenheit, der bösen Lieben und des Hasses.

Wie sehr du auch dich selbst liebst — das heißt dieses zeitliche Leben — so sehr musst du notwendig die vergänglichen Dinge in gleichem Maße lieben, da du ohne sie nicht bestehen kannst. Und umgekehrt, wie sehr du dieses Leben und seinen Unterhalt verachtest.

Es schmerzt dich, dies oder jenes verloren zu haben. So suche denn nicht zu verlieren. Denn wer Dinge liebt und erwirbt, die nicht behalten werden können, der sucht zu verlieren.

Alles Elend liegt darin. Jeder liebt etwas vornehmlich, worauf er stets seine Aufmerksamkeit gerichtet hält. Du aber — was? Siehe, alle ergreifen, als hätten sie einen Schatz gefunden, ein jeder einzelne Teile der Welt und richten ihre Aufmerksamkeit darauf, oder sie werden zwischen mehreren hin und her gerissen, wie ein Hund, der zwischen zwei Stücken Fleisch liegt und nicht weiß, welchem er sich zuerst nähern soll, aus Furcht, das andere zu verlieren.

Wenn die Dinge, auf die du vertraust oder an denen du dich erfreust, sich selbst antäten, was sie tun — du würdest sie als töricht verlachen, oder vielmehr sie als verloren beweinen. Und wenn alle so wahnsinnig sind, ist es dann jemals gut für dich, wahnsinnig zu sein? Wenn du dich selbst so unrein erträgst, warum dann nicht jeden anderen? So vielen Unglücksfällen die Dinge, die du liebst, unterworfen sind, so vielen ist auch dein Gemüt unterworfen.

Wer liebt, was nicht geliebt werden soll, ist elend und töricht, selbst wenn weder er noch das Geliebte jemals zugrunde geht. Denn ist der Götzendiener nur deshalb elend, weil das, was er anbetet, zugrunde gehen wird? Dann wäre er also nicht elend, wenn es nicht zugrunde ginge? Gewiss, solange sein Götze besteht, ist der Anbeter höchst elend, obwohl sein Leib unverletzt und er voll zeitlicher Güter ist.

Widrigkeiten machen dich nicht elend; sie zeigen und lehren, dass du es bereits warst. Glückliche Umstände aber verblenden die Seele, indem sie das Elend verdecken und vermehren, nicht indem sie es beseitigen.

Sieh, wie die Seele von leiblichen Dingen eingefangen wird, und einmal eingefangen, gequält wird — wie etwa bei einem Kind. Denn sie wird beim Anblick eines Spatzen eingefangen, und sobald sie ihn empfangen hat, ist sie ebenso vielen Unglücksfällen unterworfen wie der Spatz selbst. Wie aber ist sie sicher, bevor sie von solchen Dingen eingefangen wird? Denn die Dinge, die ihr gefallen, halten sie fest, damit sie durch Widrigkeiten bestraft werden kann.

Da uns ein Schiff gegeben ward, wurden wir von den Winden getrieben, um uns an den wechselnden Gestalten, die uns begegneten, zu freuen oder zu trauern.

Wie könnte ein Mensch sich nicht seiner Stärke oder Schönheit rühmen, wenn er sich sogar seiner Schwäche und Hässlichkeit rühmt? Denn er rühmt sich, wenn er ein Pferd reitet, oder wenn seine Hässlichkeit durch feine Kleider verhüllt wird — während er vielmehr sich eher rühmen können schiene, wenn er selbst das Pferd durch seine eigene Kraft trüge, oder zumindest keines bedürfte, und wenn er selbst seine Kleider mit eigenem Glanz schmückte, oder wenigstens ihrer Zierde nicht bedürfte. Denn diese und ähnliche Dinge verkünden seine Bedürftigkeit und Hässlichkeit.

Wie gerne würde ein Mensch seine eigene Schönheit zeigen, wenn er eine hätte, da er so gerne eine fremde zeigt — nämlich in Gewändern, sei es aus Pelz oder welcher Art auch immer!

Man muss um den, der sich über den Erwerb zeitlicher Dinge freut, nicht weniger trauern als um den, der über ihren Verlust klagt. Denn beide werden von einem Fieber geplagt, nämlich der Liebe zur Welt.


Kapitel VI. Über das nutzlose und niedrige Verlangen nach Lob, Ruhm und Gunst.

Wenn du die Natur und Macht der menschlichen Meinung oder Gunst wohl kenntest, würdest du niemals auch nur im Geringsten für sie arbeiten, dich freuen oder betrüben. Denn sie nützen dem, dem sie erwiesen werden, nichts — gleichwie Farben und andere Formen, Körper oder die Dinge, denen sie innewohnen, diese verunstalten und den Dingen selbst weder nützen noch schaden. Denn was nützte es der Sonne oder dem Mond, dass die Heiden sie für Götter hielten? Oder was schadet es ihnen, dass du sie als Geschöpfe erkennst? Und wenn du sie für Dung hieltest, was schadete es ihnen? Erforsche daher die Natur und Macht dieser Dinge ebenso, wie du die jenes oder jenes Krautes oder Holzstückes erforschtest. Mit Gottes Hilfe wirst du dies leicht vermögen, und daran alle anderen Meinungen und Gunstbezeigungen messen.

Darin erkennst du, was Gott allein geschuldet wird: dass, wenn es irgendeinem Ding erwiesen wird, es nichts nützt — wie Erkenntnis, wohlwollende Liebe, Furcht, Ehrerbietung, Bewunderung und dergleichen. Denn eben dadurch, dass sie dem, dem sie erwiesen werden, nichts nützen, zeigen sie, dass sie ihm allein geschuldet werden, der nichts bedarf. Denn wenn Gelobt-, Erkannt- oder Bewundertwerden nützlich wäre, wer würde dann nicht täglich Arbeiter anwerben, die ihm dies beständig erwiesen, damit er ohne Unterlass voranschreite? Welche Mutter würde dies ihren Kindern nicht unaufhörlich gewähren? Wer würde nicht seine Kleider, seine Güter, seine Tiere und sich selbst Tag und Nacht gut nennen, um sie durch Loben besser zu machen?

Diese Dinge nützen also dem, dem sie erwiesen werden, nichts. Wer sie aber erweist, wird durch das Erweisen entweder schlechter oder besser. Wenn er liebt, bewundert oder fürchtet, was er soll, wird er besser; wenn, was er nicht soll, gewiss schlechter. Und ebenso in den übrigen Fällen. Wie barmherzig ist also der Herr, der nichts von uns zu seinem eigenen Nutzen verlangt und es für einen großen Dienst hält, wenn wir stets tun, was uns selbst nützlich ist.

Wie du die Naturen von Wurzeln, Kräutern und anderen Dingen abwägst, so wäge die von Meinung, Gunst, Lob und Tadel ab.

Die Liebe jedes einzelnen Menschen gehört allen. Denn jeder soll alle lieben. Wer also will, dass diese Liebe besonders ihm erwiesen werde, ist ein Räuber und macht sich dadurch gegen alle schuldig.

Siehe, mit diesem Leib vermischt, warst du elend genug, denn du warst allen seinen Verderbnissen unterworfen bis hin zum Flohbiss oder einer Eiterbeule. Doch das genügte dir nicht. Du vermischtest dich mit anderen Dingen, als wären sie Leiber — mit der Meinung der Menschen, mit Bewunderung, Liebe, Ehre, Furcht und anderen dergleichen — und wie du durch die Verletzung des Leibes leidest, so leidest du durch die Verletzung dieser Dinge Schmerz. Du selbst hast das Holz angelegt, durch das du verbrannt wirst. Denn deine Ehre wird verwundet, wenn du verachtet wirst, und so bei allem Übrigen. Denke ebenso auch über die Formen der Körper.

Durch dasselbe Laster, durch das dich dieser oder jener verachtet hat, durch eben dasselbe Laster hast du als ängstlicher Mensch über die Verachtung getrauert — nämlich den Hochmut. Und durch dasselbe Laster, durch das er dir nahm, hast du über das Genommene getrauert — nämlich die Liebe zu Vergänglichem.

Wenn du nicht verachtest, was auch immer die Menschen durch Widerstand oder durch Hilfe vermögen, wirst du ihre Zuneigungen, das heißt ihren Hass oder ihre Liebe, nicht verachten können; und folglich auch nicht ihre guten oder schlechten Meinungen.

Sieh, wie du die Liebe und die übrigen Regungen deiner Seele für kleine Münzen verkaufst, wie Wein in einer Schenke. Sieh umgekehrt, wie du die Meinungen, die Lieben und die übrigen Regungen oder Bewegungen menschlicher Seelen für kleine Münzen kaufst, wie Wein in einer Schenke.

Dieser Mensch gab alle seine Habe für Lob; jener für die Lust des Bauches und der Kehle hin. Welcher von beiden hat Schlimmeres getan? Das weiß ich nicht, aber ich weiß, dass der eine von schweinischer Lust, der andere von teuflischer Lust getrieben war.

Willst du von den Menschen geliebt werden? Natürlich, damit sie mir beistehen — das heißt, diesem meinem Leben beistehen. Also weil du fühlst, dass du schwach bist und ihrer Gewalt zu erliegen bereit. Es ist, als wolltest du sagen: Wenn die Menschen wollen, werde ich sterben; wenn sie wollen, werde ich leben. Was falsch ist. Denn du wirst notwendig sterben, ob sie wollen oder nicht. Denn was wirst du tun, um nicht zu sterben? Also wünschst du, dass die Menschen Großes oder Gutes von dir denken, damit sie dich lieben oder fürchten. Und dich lieben oder fürchten, damit sie dir nützen oder wenigstens nicht schaden. Umgekehrt fürchtest du oder verabscheust es, dass die Menschen Niedriges oder Böses von dir denken, damit sie dich nicht hassen oder verachten, dir nicht schaden oder wenigstens nicht unterlassen, dir zu helfen. Dies aber kommt von der Schwäche, die du dir zugezogen hast, indem du von Gott wichst und dich an Unstetes und Schwaches klammertest und darauf stütztest. Denn wenn du ihre Wertlosigkeit und Schwäche nicht spürtest, würdest du nicht um sie fürchten und trauern. Aber du fürchtest und trauerst um sie, nämlich wenn sie zugrunde gehen oder weggenommen werden. Also erkennst du ihre Wertlosigkeit und Schwäche. Deshalb kannst du schlechterdings keine Entschuldigung dafür vorbringen, dass du sie liebst oder dich auf sie stützt. Und doch ist es wahrhaft erstaunlich, die Schwäche einer Sache zu spüren und sich dennoch auf sie zu stützen, ihre Wertlosigkeit zu kennen und sie dennoch zu lieben oder zu bewundern. Wenn du also deshalb trauerst oder fürchtest, zeigst du, dass zwei Dinge in dir sind, die nicht zusammen bestehen zu können scheinen — nämlich dass du zugleich ihre Schwäche und Wertlosigkeit kennst und spürst, und sie dennoch liebst und dich auf sie stützt. Denn wenn nicht eines von diesen beiden in dir wäre — das heißt, wenn du sie entweder nicht liebtest oder ihre Wertlosigkeit nicht kenntest — würdest du in keiner Weise um sie trauern, wenn sie zugrunde gehen.


Kapitel VII. Über das wahre Lob der Gerechten und den Tadel der Bösen, und wer des Lobes würdig oder unwürdig ist.

Sei ein solcher, der gelobt werden kann; denn niemand wird mit Recht gelobt, es sei denn, er ist gut, was der nicht ist, der nach Lob giert; folglich wird er nicht gelobt. Wenn du also deinem Lobpreiser gefällig bist, bist du nicht deinem eigenen Lobpreiser gefällig; denn es bist nicht mehr du, der gelobt wird, da du so eitel bist.

Wenn gesagt wird „Wie gut, wie gerecht” — so wird der gelobt, der es ist, nicht du, der du es nicht bist. Ja, du wirst nicht wenig getadelt, da du so böse und so ungerecht bist. Denn das Lob des Gerechten ist der Tadel des Ungerechten. Also dein Tadel, als eines Ungerechten. Wenn du also dem Lobpreiser des Gerechten Beifall spendest, spendest du deinem wahrhaftigsten Tadler Beifall, weil du ungerecht bist. Denn gerecht ist nicht, wer sich selbst für gerecht hält — nicht einmal ein Kind von einem Tag.

Wer sich an Lob freut, verliert das Lob. Wenn du das Lob liebst, trachte nicht danach, gelobt zu werden — das heißt, wenn du gelobt werden willst, wolle nicht gelobt werden. Denn wer gelobt werden will, kann nicht wahrhaft gelobt werden. Gelobt wird der, dessen gute Taten verkündet werden. Wer aber gelobt werden will, ist nicht nur leer an allem Guten, sondern überdies voll eines großen und teuflischen Übels, nämlich großer Anmaßung. Daher wird er nicht gelobt. Der Gerechte hingegen wird stets gelobt; ein Tadel gegen ihn ist unmöglich. Denn Tadel ist die Missbilligung von Übeln; was aber der Gerechte nicht hat, kann ihm nicht vorgeworfen werden, und daher kann er nicht getadelt werden. Und ganz allgemein ist alles Lob der Gerechten Tadel der Ungerechten, und aller Tadel der Ungerechten wahres Lob der Gerechten. Wenn aber jemand für etwas Gutes gelobt wird, nützt es nicht dem Gelobten, sondern dem Lobenden.

Jemand lobt dich für deine Heiligkeit — er strebt nach oben. Denn was ihm gefällt, liegt über dir, nämlich die Heiligkeit. Wenn du ihn aber liebst, nicht als einen, dem die Heiligkeit gefällt, dann strebst du nach unten.

Wer trauert oder zürnt über den Verlust von etwas Zeitlichem, zeigt eben dadurch, dass er verdiente, es zu verlieren. Ebenso zeigt, wer über eine empfangene Schmähung zürnt oder trauert, dass er sie verdient hat. Denn er wollte in dem Maße gelobt werden, in dem er nicht geschmäht werden wollte.

Du hast getrauert, verachtet oder gering geachtet zu werden; eben dadurch zeigst du, dass du Verachtung und Geringschätzung verdient hast, und dass es daher mit Recht geschah. Denn wenn du Verachtung und Geringschätzung nicht verdient hättest, hättest du niemals gefürchtet oder getrauert, verachtet oder missachtet zu werden. Denn eben dadurch allein, oder vornehmlich, verdienst du Verachtung und Geringschätzung, dass du es fürchtest oder darüber trauerst. Kurzum: Niemand fürchtet, für wertlos gehalten oder verachtet zu werden, es sei denn, er ist wertlos und der Verachtung würdig.


Kapitel VIII. Über jene, die geliebt und bewundert werden wollen, und wie durch solches Verlangen der Mensch dem Teufel gleich wird und sich selbst zum Götzen der anderen macht.

Nur der verehrt Gott wahrhaft, der sich wahrhaft auf Gott mit der Regung der Furcht, der Liebe, der Ehre, der Ehrerbietung und der Bewunderung ausrichtet. Denn dies allein ist wahre und vollkommene Verehrung. Wer also dies irgendetwas anderem als Gott erweist, ist ein wahrer Götzendiener. Und wer will, dass dies ihm selbst erwiesen werde — wessen Stelle nimmt er wahrlich ein, wenn nicht die des Teufels, der mit allen Mitteln danach trachtet, den Menschen dies abzupressen? Und so laufen alle Klagen der Menschen darauf hinaus: Entweder gehen ihre Götter zugrunde oder werden ihnen genommen — das heißt die Geschöpfe, denen sie diese wahre und göttliche Verehrung darbrachten — oder aber eine solche Verehrung wird ihnen selbst nicht erwiesen.

Sieh also, wie sehr die Götzendienerei noch in dir und in der ganzen Welt herrscht.

Kein Ding soll geliebt werden wollen als ein Gut, es sei denn, es macht eben dadurch, dass es geliebt wird, seinen Liebhaber selig. Nichts aber tut dies außer dem, was keinen Liebhaber braucht — das heißt dem, für das es keinen Nutzen hat, weder von einem anderen geliebt zu werden noch ein anderes zu lieben. Die grausamste Sache ist daher die, welche will, dass jemand seine Aufmerksamkeit, seine Zuneigung und seine Hoffnung auf sie richtet, obwohl sie selbst ihm keinen Nutzen bringen kann. Dies tun die Dämonen, die wollen, dass die Menschen mit ihrem Dienst statt mit dem Dienst Gottes beschäftigt seien. Rufe daher deinen Liebhabern zu: „Hört nun auf, ihr Elenden, mich zu bewundern, zu verehren oder auf irgendeine Weise zu ehren, da ich Elender weder mir noch euch irgendeine Hilfe bringen kann — ja, ich bedarf der euren.”

Soweit es in deiner Macht stand, hast du alle Menschen ins Verderben gestürzt, denn du hast dich zwischen Gott und sie gestellt, damit sie, ihren Blick auf dich gerichtet und Gott verlassend, dich allein bewunderten, anschauten und lobten — und dies war dir und ihnen gänzlich nutzlos, um nicht zu sagen verderblich.

Nichts ist würdiger unter den vernünftigen Geschöpfen, besonders frommen Gemütern; nichts niedriger als die Verderbnisse der Leiber. Wenn du also von den Menschen bewundert werden willst, sieh, von eben diesem Hochmut geblendet, in welche beklagenswerte Tiefe du gefallen bist. Sieh also die Gerechtigkeit Gottes. Denn du hast dich als Gott aufgestellt — das heißt als bewundernswürdig für den vortrefflichsten Teil der Schöpfung — und er hat dich dem niedrigsten unterworfen. Denn du wolltest und bewirktest, soweit es an dir lag, von allen Menschen erkannt, gesehen, gelobt, bewundert, verehrt, geliebt, gefürchtet und geehrt zu werden — all dies gebührt vom vortrefflichsten Teil der gesamten Schöpfung, nämlich allein den vernünftigen Geistern, allein Gott. Also geschah es mit Recht, dass du, der du dich den würdigsten Teilen der Schöpfung an Gottes Statt voranstelltest, das Niedrigste an ihr als deinen Gott empfingest, und dass du, der du vom Vortrefflichsten durch verkehrte Anmaßung erpressen wolltest, was allein Gott geschuldet ward, dem Niedrigsten — das heißt den verdorbenen Kadavern der Leiber — all das zuwendetest, was du selbst allein Gott schuldest. Denn alles, was oben aufgezählt wurde und allein Gott geschuldet wird — die Liebe und so weiter —, das erweist du diesen von ganzem Herzen. Indem du also anmaßt, was Gottes ist — gelobt zu werden und so weiter —, hast du verloren, was des Menschen ist: Gott zu loben, wozu du geschaffen wurdest, und so weiter. Und da es keinen Ort über dem Höchsten gibt, noch unter dem Niedrigsten, so bist du, indem du über das Höchste hinausgreifst, abermals unter dem Niedrigsten. Denn wer an etwas gebunden ist, muss ihm durch die Liebe untertan sein. Du aber genießest das Niedrigste. Also bist du unter das Niedrigste gestoßen, wo es überhaupt keinen Ort gibt.

Die Freundschaft dieser Welt ist, wie der selige Jakobus sagt, Feindschaft gegen Gott. Denn wer ein Freund dieser Welt sein will, macht sich zum Feind Gottes (Jak 4,4). Wer aber auch nur eine einzige Fliege in dieser Welt liebt, muss notwendigerweise die ganze Welt lieben. Denn die ganze Welt ist für das, was er liebt, notwendig. Überdies besteht, solange es Liebe zu dieser Welt gibt, Feindschaft zwischen Gott und den Menschen. Wenn du also von ihnen geliebt werden willst, willst du, dass sie zu Feinden Gottes werden. Du aber predigst, dass alles Geschaffene verachtet werden solle, damit sie mit Gott versöhnt werden. Wirst du dann dich allein ausnehmen und den Menschen sagen: „Verachtet alles um Gottes willen außer mir” — so dass das Einzige, was die Versöhnung der Menschheit mit Gott verhinderte, du wärest, und um deinetwillen allein die Feindschaft zwischen Gott und den Menschen fortdauerte, und niemand gerettet würde, da sie, indem sie dich liebten, gezwungen wären, die ganze Welt als ihnen notwendig zu lieben? Denn es ist ein Unterschied, die Menschen in der Welt oder um der Welt willen zu lieben, und sie in Gott oder um Gottes willen zu lieben; ein Unterschied, aus Begierde oder aus Barmherzigkeit zu lieben.


Kapitel IX. Über die Seele, die durch den Genuss und die Liebe zeitlicher Dinge von Gott abweicht und von Dämonen geschändet wird.

Die zeitlichen Güter mögen sprechen: Wenn Gott uns von der Krankheit der Verderbnis heilte, was würdest du tun? Bedenke im Gebrauch selbst, auf welche Weise du durch uns besser wirst, oder was du dir davon in Zukunft erhoffst. Du hast uns erprobt. Was nun? Willst du in uns verwandelt werden, oder wir in dich? Was hast du mit uns zu schaffen? Warum trauerst du über unser Vergehen? Wir zogen es vor, nach dem Willen des Herrn zugrunde zu gehen, als nach deiner Begierde zu bestehen. Wir schulden dir keinen Dank für diese deine Liebe; vielmehr verspotten wir dich als einen Toren. Denn wem sollten wir vornehmlich gehorchen — Gott oder dir? Sag, wenn du es wagst: Ist nicht dies im Grunde dein ganzes Geschäft — uns zu verschlingen und in Fäulnis zu verwandeln?

Das ist dein Nutzen, deine Macht: dass durch dich unsere Verderbnis reichlich fließe; denn du kannst dieses dein Geschäft nicht dauern lassen. Das ist deine Seligkeit: unseres Unrats nicht zu ermangeln, dem du willig erliegst, während der Teufel dich durch ihn verdirbt und schändet, nicht ohne seine eigene große Lust und Freude an deiner Täuschung und deinem Verderben.

Welche Form auch immer du genießest, sie ist gleichsam ein Gemahl für deinen Geist. Denn er weicht ihr und unterwirft sich ihr; und nicht die Form wird dir gleichförmig, sondern du wirst ihr gleichförmig und ähnlich gemacht. Und das Bild eben dieser Form bleibt eingeprägt wie ein Götzenbild in seinem Tempel, dem du nicht einen Ochsen, nicht eine Ziege, sondern eine vernünftige Seele und einen Leib opferst — das heißt dich ganz und gar —, wenn du sie genießest.

Sieh, wie du in einer Schenke gleichsam deine Liebe wie eine Ware feilgeboten und sie den Menschen nach dem Maß ihrer Gaben zuteilest. In dieser Schenke empfängt niemand etwas, der nichts gibt oder von dem nicht erwartet wird, dass er gebe. Und doch hättest du nichts zu verkaufen, wenn es dir, der du nichts gabst, nicht umsonst von oben gegeben worden wäre. Du hast also deinen Lohn empfangen.

Die Entleerung von Gott und die Entfernung von ihm bereitet zur Begierde vor.

Wer dich in dir selbst genießen will, verdient von dir denselben Dank wie Fliegen und Flöhe, die dein Blut saugen.

Wenn diese Dinge (durch deren Eindruck auf deinen Geist mittels der Bewunderung und Liebe, die den allein Gott geschuldeten Kult ausmacht, du erliegst) — wenn du sie, geschnitzt oder gemalt in irgendeinem Winkel deines Hauses, mit Bewunderung oder Liebe oder leiblicher Verneigung verehrtest, und das Volk es erführe, was würde es mit dir tun?

Die Frau, die sich vom Ehebruch enthält und ihren eigenen Mann nicht verlässt, allein weil sie keinen Ehebrecher findet, der lange bleibt, meidet den Ehebruch nicht, sondern sucht einen dauerhaften. Du aber hast, um das Übel zu häufen, die Schenkel deines Geistes jedem Vorübergehenden weit gespreizt, damit du wenigstens flüchtige Ehebrüche genießest, da du keine dauerhaften oder ewigen haben konntest.

Dies ist im Grunde die ganze Summe menschlicher Verdorbenheit: das aufzugeben, was besser ist als man selbst, das heißt Gott; und sich dem zuzuwenden, was geringer ist als man selbst, daran im Genuss zu haften, das heißt den zeitlichen Dingen.

Der Mistkäfer fliegt, indem er alles überfliegt und alle Dinge betrachtet, an nichts Schönem, Heilsamem oder Dauerhaftem vorbei, das er erwählte; doch sobald er stinkenden Dung findet, lässt er sich sofort darauf nieder und verschmäht so viele schöne Dinge. So klammert sich deine Seele, die mit ihrem Blick über Himmel und Erde fliegt und über die großen und kostbaren Dinge in ihnen, an nichts; und alle Dinge verachtend, umfängt sie bereitwillig das viele Wertlose und Schmutzige, was ihr in den Sinn kommt. Erröte darüber.


Kapitel X. Über die Schamlosigkeit und Dreistigkeit der buhlenden Seele, die Gott bittet, sie in ihrer Schlechtigkeit zu trösten.

Wenn du Gott bittest, dir nicht zu nehmen, woran du gierig gehangen hast, ist es so, als ob eine Frau, von ihrem Mann im Ehebruch selbst ertappt, statt um Vergebung ihres Verbrechens zu flehen, ihn vielmehr bittet, die Lust des Ehebruchs nicht zu unterbrechen.

Es genügt dir nicht, von Gott weg zu buhlen, wenn du ihn nicht auch dazu bringst, die Dinge, durch deren Genuss du verdorben wirst, zu vermehren, zu bewahren und zu ordnen — das heißt die Formen der Körper, die Geschmäcker und Farben.

Welche Frau ist so schamlos, zu ihrem Mann zu sagen: „Finde mir diesen oder jenen Mann zum Beischlafen, denn er gefällt mir mehr als du — sonst werde ich keine Ruhe finden”? Und doch tust du dies deinem Bräutigam, das heißt dem Herrn, wenn du, etwas anderes neben ihm liebend, eben dies von ihm erbittest.

Wenn du zu Gott sagst: „Gib mir dies oder jenes” — so heißt dies: „Gib mir etwas, womit ich dich beleidigen und von dir weg buhlen kann.” Denn wenn du etwas anderes als ihn selbst von ihm erbittest, offenbarst du ihm durch deine Bitte selbst deine Schuld und deine Buhlerei von ihm weg, und du merkst es nicht.

Es ist eine barmherzige Vergeltung, wenn der Bräutigam, der seine Braut beim Ehebruch ertappt, ihr lediglich die Dinge wegnimmt, mit denen sie gebuhlt hat. Wie schamlos und dreist aber ist sie, wenn sie dies als Kränkung auffasst! Beinahe die einzige Ursache, die du zum Trauern hast, ist von dieser Art — nämlich über deine weggenommenen Buhlereien. Daher überführen dich deine eigenen Schmerzen deiner Buhlereien, so dass es keiner weiteren Zeugen bedarf.

Selbst die dreisteste und schamloseste Frau verbirgt gewöhnlich vor den Augen ihres Bräutigams die Tränen, die sie über die Verluste vergießt, die ihren Liebhaber treffen, und über die Kränkungen, die ihr der erzürnte Liebhaber zufügt; und ebenso die Kränkungen selbst und auch ihre Freuden.

Sieh nun, ob du wenigstens dies gegenüber Gott tust — ob du nicht offen vor ihm trauerst über die Verluste deines Ehebruchs, das heißt dieser Welt, und über ihr Glück frohlockst. „Darum hast du die Stirn einer Buhlerin” (Jer 3,3).


Kapitel XI. Über die Selbstunkenntnis, durch die der Mensch, über sich selbst hinaus durch die Liebe zu irdischen Dingen ausgegossen, sich selbst nicht betrachten kann.

Die Armut des inneren Schauspiels, das heißt Gottes (nicht weil er nicht innerlich gegenwärtig wäre, sondern weil er von dir, der du innerlich blind bist, nicht gesehen wird), bewirkt, dass du gerne aus deinem Inneren hinausgehst, oder vielmehr in dir selbst wie in Finsternis nicht verweilen kannst, und dich damit beschäftigst, die äußeren Formen der Körper oder die Meinungen der Menschen zu bewundern. Klage nicht die körperlichen Formen an, dass sie dich fesseln oder schrecken oder auf irgendeine Weise bewegen, sondern klage deine eigene Blindheit an und deine Leere am höchsten Gut.

Sieh, wie wenig du dich selbst kennst. Denn es gibt keine Gegend, so abgelegen und dir unbekannt, über die du einem, der Falsches erzählt, leichter glaubtest.

Bisweilen missfällt das Böse ohne den Lohn des Guten — zum Beispiel wenn zwei Männer in einem Haus beide ihren eigenen Willen hochmütig durchsetzen wollen; beide wollen das Böse. Wenn ihre Willen einander missfallen, geschieht es nicht aus Hass gegen den Hochmut, sondern aus Liebe zu ihm. Denn dieser, der seinen eigenen Hochmut liebt, hasst den des anderen, weil er durch ihn gehindert wird. Dies ist eine sehr verborgene Schlinge.

Du verhältst dich in dieser Welt, als wärest du hierhergekommen, um die Formen der Körper anzuschauen und zu bestaunen.

Wenn es dir nicht an inneren Schauspielen mangelte, würdest du niemals zu äußeren hinausgehen oder dich mit ihnen beschäftigen.

Wie in der Fabel das Mädchen verging, als es die Sonne anschaute, so ergeht es dir mit den notwendigerweise vergänglichen Formen der Körper und den menschlichen Meinungen.

Dieses Schauspiel — nämlich wie sehr deine Seele sich über die Körper, ihre Formen, die menschlichen Meinungen und Gunstbezeigungen erhebt oder ihnen unterworfen ist — liegt in diesem Leben keines Menschen Augen offen, außer zuoberst den Augen Gottes und den deinen nach deinem Fassungsvermögen.

Sieh, wie du, von Gott abgewandt, in diese Welt eingetreten bist, mit aufgesperrtem Mund nach allem begierig außer nach ihm.


Kapitel XII. Über den wahren Nutzen des Menschen, und wie der Nutzen aller Menschen ein und derselbe ist.

Selig ist, wer es wählt, sicher zu arbeiten. Dies ist die sichere Wahl und die nützliche Arbeit: allen nützen zu wollen, und zwar so, dass du für sie ein solcher sein willst, dass sie deiner Hilfe nicht bedürfen. Denn je mehr die Menschen sich um ihre eigenen Vorteile zu kümmern scheinen, desto weniger tun sie, was zuträglich ist. Denn der eigentliche Vorteil eines jeden ist es, allen nützen zu wollen. Doch wer versteht dies? Wer also seinen eigenen Vorteil zu verfolgen sucht, findet nicht nur keinen eigenen Vorteil, sondern zieht sich auch großen Schaden an seiner Seele zu. Denn indem er das Eigene sucht, das nicht bestehen kann, wird er vom gemeinsamen Gut verstoßen, das heißt von Gott. Denn wie alle Menschen eine Natur haben, so auch einen Nutzen.

Glücklich ist jeder, der nichts will, was ihm selbst nützt. Kann ein Mensch denn wollen, was ihm entweder nicht nützt oder ihm schadet? Wenn du doch auch nur ein einziges Mal in deinem ganzen Leben das Zuträgliche wolltest, so wie es gewollt werden soll! O elendes Los — das Schädliche nicht ablehnen zu können!

Wenn du die Menschen fragst, warum sie elend sind — ob sie nicht wollen, was ihnen nützlich ist, oder weil sie nicht haben, was sie wollen — werden sie sogleich antworten, dass sie nicht haben können, was sie wollen. Dies aber heißt sagen: Wir sind erleuchtet, und wir wissen wohl, was uns nützlich ist, und wir lieben es, aber wir sind zu schwach. Was falsch ist. Denn wer unter allen Weltmenschen liebt etwas, das ihn besser machen kann? Die Menschen begehren nichts, was nicht wertloser wäre als sie selbst. Und wie kann das Bessere, Kostbarere und Würdigere durch das Schlechtere, Wertlosere und Unwürdigere verbessert werden? Ach, wie viele gibt es, die tun, was sie wollen, und wie wenige, die wollen, was ihnen, einmal erlangt, wahrhaft nützt! Und doch: wer wird dies je den Kindern Adams überreden können? Wann wird man ihnen glauben, dass sie ihren eigenen Vorteil nicht lieben, da sie bereit sind zu schwören, dass sie sich nichts Böses wünschen, und alles, was sie in so vielen Mühen erdulden, um ihres Vorteils willen erdulden? Es ist, als ob du einem Götzendiener sagtest, er verehre Gott nicht. Sofort würde er aufspringen und schwören, er verehre Gott, aufzählen, wie viel er für seinen Kult aufwende, und sogar mit dem Finger auf eben den Gott zeigen, den er verehrt. Und doch verehrt er nicht Gott, sondern, durch Irrtum getäuscht, behandelt er etwas anderes als Gott. So lieben oder wollen die Menschen zweifellos nicht ihren wahren Vorteil, sondern das, was sie irrtümlich für ihren Vorteil halten. Und deshalb meinen sie, was immer sie für eine solche Sache tun oder leiden, für ihren Vorteil zu tun oder zu leiden. Doch seinen wahren Vorteil will oder liebt niemand außer dem, der Gott liebt. Denn er allein ist der ganze und einzige Vorteil der menschlichen Natur. Denn es steht geschrieben: „Wer in der Liebe bleibt — das heißt wer Gott liebt —, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm” (1 Joh 4,16). So beschaffen ist also der menschliche Vorteil, dass ihn niemand lieben kann außer dem, der ihn hat, und er in keiner Weise von dem getrennt werden kann, der ihn liebt. Dass also die Menschen sagen, sie liebten ihren Vorteil (denn wer ist nicht bereit, dies zu beschwören?), ihn aber nicht haben — eben dies, sage ich, ist ein Zeugnis dafür, dass sie etwas anderes lieben, nicht ihren wahren Vorteil. Denn der Mensch braucht nichts anderes zu tun, um seinen Vorteil zu haben, als zu lieben. Doch die Menschen versuchen beständig, ihn herzustellen, als bestünde er nicht — so wie die Heiden Gott herzustellen versuchen. Denn wenn allein Gott der Vorteil des Menschengeschlechts ist und seiner niemand entbehren kann außer dem, der ihn überhaupt nicht liebt, dann braucht dieser Vorteil nicht hergestellt zu werden, da er ewig ist, sondern nur geliebt. Dies allein ist schlechthin die ganze Ursache all unseres Elends: dass wir unseren Vorteil entweder nicht kennen und nicht lieben, oder nicht so sehr oder so, wie er erkannt und geliebt werden müsste, erkennen und lieben.


Kapitel XIII. Über die kluge Vorsicht, die zu eigenem Nutzen bei jeder Art von Glück oder Unglück angewandt werden muss.

Siehe, du bist betrübt und beunruhigt, und du beklagst dich über diesen oder jenen Menschen, er habe schmähende und hasserfüllte Worte zu dir gesprochen. Du trauerst also, entweder dass dir solches gesagt wurde oder dass es in solchem Geiste gesprochen wurde. Wohl und gut, wenn du um seinetwillen trauerst. Denn das nützt ihm nicht. Wenn aber um deinetwillen, ist es falsch. Denn nichts so Heiliges und Gutes hätte dir so heilig und gut gesagt werden können, das dir nützlicher wäre als diese Worte sein werden, wenn du sie recht gebrauchst. Denn ob Gutes oder Böses, ob dir jemand Gutes oder Übles sagt oder tut: es wird für dich so sein, wie du es gebrauchst. Für denjenigen aber, der es tat oder sagte, wird es so sein, wie die Gesinnung war, mit der er es tat oder sagte. Denn gleichwie die Bosheit nur sich selbst belügt, nicht dich (wenn du nicht einwilligst und wenn du sie zurechtweist), so tut und sagt sie alles Böse sich selbst — das heißt zu ihrem eigenen Verderben —, wenn du nicht einwilligst, sondern fromm und mitleidend zurechtweist. Du sollst also um den trauern, der dir Böses tat oder sagte, nicht um dich, dem sogar die Übel anderer zum Guten gereichen werden, wenn du sie recht gebrauchst — und zu einem so großen Guten, als du sie recht gebrauchst. Also werden sie auch zu einem so großen Übel, als du sie schlecht gebrauchst, sei es, dass dir Böses, sei es, dass dir Gutes getan oder gesagt wurde; denn „denen, die Gott lieben, gereicht alles zum Guten” (Röm 8,28) — und zwar alles in dem Maße, dass sogar die Übel anderer. Denen aber, die Gott hassen, gereicht umgekehrt alles zu ihrem Übel — und zwar in dem Maße, dass sogar das Gute. Wende daher deine ganze Klage gegen dich selbst, der du die Dinge schlecht gebrauchst.

Denn selbst wenn das, was dir getan oder gesagt wurde, wahrhaft böse war, kann es für dich auf keine Weise böse sein, wenn du es nicht schlecht gebrauchst; ebenso wird dir Gutes nicht gut sein, wenn du es nicht recht gebraucht hast.

Stets muss darauf geachtet werden, was in deiner Seele geschieht; nicht was andere tun, sei es Gutes oder Böses, sondern was du mit ihren Taten tust — das heißt, wie du ihr Gutes und Böses gebrauchst und wie viel du daraus gewinnst, sei es durch Ermutigen und Helfen, sei es durch Mitleiden und Zurechtweisen. Denn dann handelst du recht in Bezug auf alle Taten der Menschen, wenn du durch keines ihrer Wohltaten zur Parteilichkeit verlockt und durch keine ihrer üblen Taten von der Liebe abgeschreckt wirst. Denn dann liebst du frei. Denn es ist kein Verdienst, Frieden zu haben, außer mit denen, die keinen Frieden mit uns haben.

Was auch immer dir geschieht: solange deine Seele nicht in die Regung des Zorns, des Hasses, der Traurigkeit oder der Furcht fällt noch in deren Ursachen, wird es dir im zukünftigen Zeitalter nichts schaden.

Stelle zwei Kugeln in einen Sonnenstrahl, eine aus Ton, die andere aus Wachs; obwohl der Strahl ein und derselbe ist, kann er doch nicht in beiden dasselbe bewirken, sondern wirkt in ihnen verschieden gemäß ihren Beschaffenheiten — die eine härtend, die andere schmelzend; denn er kann Erde nicht schmelzen noch Wachs härten. Ebenso erregt eine einzige Art von Metall — nämlich Gold —, wenn es von vielen erblickt wird, verschiedene Bewegungen in ihnen gemäß der Verfassung ihrer Gemüter. Der eine wird entflammt, es zu rauben, ein anderer, es zu stehlen, ein anderer, es den Armen zu geben. Der Tor nennt seinen Besitzer selig; der Weise beweint seinen Liebhaber. Es vermag in einem guten Gemüt keinen bösen Willen und in einem bösen Gemüt keinen guten Willen zu erregen, sondern es bewegen all diese und alle anderen Erscheinungen oder Ursachen von Körpern oder anderen Dingen die menschlichen Gemüter gemäß deren Verfassungen. Und deshalb muss die ganze Ursache unserer Bosheiten uns selbst zugeschrieben werden, nicht den Dingen, an denen wir sündigen. Sie tun uns also nichts anderes als uns zu prüfen. Denn sie offenbaren, was wir im Verborgenen waren; sie machen uns nicht dazu. Denn der Blick anderer Männer prüft, wie fest und unbeweglich die Braut ihrem Bräutigam in Liebe anhängt. Wenn sie nämlich wahrhaft keusch ist, wird sie durch die Schönheit keines anderen bewegt. Ebenso würdest auch du, wenn du Gott mit festestem Gemüt anhingst, durch den Anblick keines Geschöpfes verlockt. Denn all diese Dinge prüfen, wie groß deine Keuschheit gegenüber Gott ist.


Kapitel XIV. Über die Widrigkeiten dieses Zeitalters, wie sie ertragen werden sollen, weil wir durch sie heilsam zur Rückkehr zu Gott genötigt werden.

Sieh, wie Gott dich sticht, wohin auch immer du dich über ihn hinaus durch Begierde nach den Geschöpfen ausstreckst — gleich einer Amme, die den aus der Wiege gestreckten Arm eines Kindes sticht, damit es nicht vor Kälte umkomme.

Gott sei dir gnädig, auf dass der Fuß deines Geistes keinen Ort finde, wo er ruhen könnte; damit du wenigstens genötigt, o Seele, zur Arche zurückkehrst, wie die Taube Noachs.

Die Armut selbst oder die Härte zwingt uns anstelle eines zeitlichen Peinigers, Güter und von diesen verschiedene Dinge zu begehren. Weil wir aber nur an zeitliche Dinge gewöhnt sind und nichts anderes kennen, begehren wir nicht Dinge, die von dem, was wir erleiden, sehr verschieden wären, und wünschen entweder, ihren Zorn — das heißt ihre Härten — durch eine gewisse Mäßigung, gleichsam durch eine Art Versöhnung, für einen Augenblick zu unterbrechen, oder wir ziehen es vor, Dinge auf uns zu nehmen, die von ihnen nicht sehr verschieden sind.

O Mensch, der du Schmerzen leidest, willst du sie lindern? Ja. Zeitlich oder ewig? Ewig. So begehre denn die ewige Salbe, das heißt Gott; denn er hat dich geschlagen, damit du ihn begehrst — nicht Kräuter, nicht Verbände.

Ein einziges Fieber nimmt alles hinweg, wogegen du ankämpfst — nämlich die Ergötzungen der fünf Sinne. Was bleibt also, als Gott zu danken für den gewährten Sieg? Du aber suchst im Gegenteil jemanden, dem du dich unterwerfen kannst, und hassest die Freiheit.

Welche Hoffnung bleibt, wenn du dich freiwillig auf die Schlingen und Geschosse des Feindes stützt, wenn du dich nicht nur nicht vor ihnen hütest, sondern sie sogar bereitwillig umarmst und dich ihnen aussetzt, von einem zum anderen fliehst? Du hältst sie für ein Heilmittel, für einen Trost; du begehrst sie und kannst es nicht ertragen, ohne sie zu sein.

Das Glück ist eine Schlinge; das Messer, das diese Schlinge durchschneidet, ist die Widrigkeit. Das Glück ist der Kerker der Gottesliebe; der Sturmbock, der ihn niederbricht, ist die Widrigkeit.

Die Widrigkeit spricht zu dir: Du mühst dich, dass ich weiche. Dies könntest du gewiss nicht verhindern; wenn du recht willst, vermagst du es.

Denn ich kann nicht bleiben, wenn der Herr die Melodie lenkt, da ich nur eine Silbe bin.

Wenn du gegenüber den schlimmsten Menschen wie ein Lamm sein sollst, wie viel mehr dann gegenüber Gott, wenn du von ihm mit einer Geißel gezüchtigt wirst?

Sieh, wie du gleichsam im Krieg stehst: Durst versengt, du setzest ihm den Trank entgegen; Hunger quält, du setzest ihm die Speise entgegen; gegen Kälte Kleidung oder Feuer; gegen Krankheit die Arznei. Gegen all dies bedarf es der Geduld und der Weltverachtung, damit du nicht im anderen Krieg, der hieraus entsteht, unterliegst — nämlich durch die Scharen der Laster.

Da du allein durch die Lust gefangen wirst, muss man sich allein vor dem Lustvollen hüten. Daher ist die christliche Seele nirgends sicher als in Widrigkeiten.

Aus den Dingen, die du liebst, hat Gott dir Ruten gemacht. Du wirst gepeinigt, indem du das Glück fliehst und in die Widrigkeit stürzt. Alles sind Geißeln, ausgenommen der, der die Geißel zerbricht — wie ein Sohn, der die Rute des ihn schlagenden Vaters zerbricht.

Der Leib, von stärkeren Kräften bezwungen, wird entweder gestoßen oder gezogen; ebenso der Wille. Doch sorge nicht dafür, was den Leib durch Überwältigung bewegt, sondern was den Geist und den Willen bewegt.

Wehe nicht denen, die zeitliche Güter verloren haben, sondern denen, die die Geduld verloren haben. Denn keine Leidenschaft wird überwunden außer durch die Geduld selbst. Denn der Hunger wird nicht durch Essen gezügelt, sondern ihm wird gedient, wie dem Durst durch Trinken gedient wird. Denn diese Leidenschaften zielen darauf ab, die Seele zum Genuss der äußerlichen leiblichen Formen zu neigen. Wenn dies geschieht, werden sie nicht überwunden, sondern herrschen, da sie ihr Ziel erlangt haben — nämlich die Neigung der Seele und deren Bereitschaft zu einer leichteren und stärkeren Neigung.

Die einzige Arznei gegen alle Schmerzen und Qualen ist die Verachtung der Dinge, die Schaden genommen haben, und die Hinwendung des Geistes zu Gott.

So viele fleischliche Lüste du verschmähst und wie heftig sie auch sein mögen, so viele und so mächtige Schlingen des Teufels meidest du. So viele Trübsale du fliehst, besonders um der Wahrheit willen, so viele heilsame Arzneien verschmähst du.


Kapitel XV. Über die wahre Geduld, durch die Sünder und Schwache ertragen und geliebt werden sollen, indem man fromm auf ihre Besserung hofft.

Sieh, wie du das Korn lieben kannst, solange es noch im Halm steht — den Weizen, der sich noch beugt: so liebe jene, die noch nicht gut sind. Sei gegenüber allen so, wie die Wahrheit gegen dich war. Wie sie dich ertrug und liebte, um dich besser zu machen, so ertrage und liebe andere, um sie besser zu machen.

Du lästerst den Arzt, indem du am Kranken verzweifelst. Denn seine Heilung ist so leicht, wie des Arztes Macht und Güte im Heilen groß ist.

Sieh zu, dass du das Werk Gottes nicht wegen des Werkes des Menschen verachtest. Denn das Werk des Menschen ist Mord, Ehebruch und dergleichen; das Werk Gottes aber ist der Mensch selbst. Wer etwas liebt, wie ein Haus oder dergleichen, liebt auch den Stoff, aus dem es gemacht werden kann — nämlich Holz oder Steine. Wer also die Guten liebt, muss notwendig auch die Bösen lieben, da die Guten niemals aus etwas anderem hervorgehen. Denn warum liebst du nicht das, woraus ein Engel werden kann, wenn du das liebst, woraus ein Becher werden kann? Denn über die Menschen steht geschrieben: „Sie werden den Engeln Gottes gleich sein” (Lk 20,36).

Welch schöne Kunst ist es, das Böse durch das Gute zu überwinden; denn Gegensätze werden durch Gegensätze besiegt.

Du bist als Zielscheibe aufgestellt, um die Geschosse des Feindes abzustumpfen — das heißt, um das Böse durch die Entgegensetzung des Guten zu vernichten. Niemals sollst du Böses mit Bösem vergelten, es sei denn etwa als Heilmittel, was dann nicht mehr Böses mit Bösem, sondern Gutes mit Bösem vergelten heißt.

Die, welche die Welt lieben, erlernen mühsam die Kunst, durch die sie erlangen oder genießen, was sie lieben; du willst Gott erlangen und verachtest die Kunst, durch die er erlangt wird — nämlich Gutes für Böses zu erstatten.

Geh entweder von hier fort, oder tue, wozu du hierher gestellt wurdest — nämlich zu heilen und zu ertragen.

Dieser ist töricht — das heißt der feindliche Mensch; jener ist listig — nämlich der Teufel, der dich durch ihn angreift. Gegen diesen sei sanft, um ihn zu befreien; gegen jenen sei wachsam.

Du bist aufgebracht, weil ich aufgebracht bin; aufgebracht tadelst du den Aufgebrachten. O welche Schande! Der Gerade verspotte den Krummen, der Helle den Dunkelhäutigen. Ich meinerseits will mich bessern und dieses Übel nicht mehr tun. Was aber wirst du mit diesem deinem Laster machen, durch das du nicht nur mich nicht zu heilen vermagst, sondern nicht einmal das Heil zu bringen?

Warum willst du jenen Bruder fortschicken? Weil er voller Zorn und aller Laster ist? Dann möge Gott dir ebenso tun. Aus deinem eigenen Mund hast du bewiesen, dass du ihn nicht fortschicken darfst. „Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken” (Mt 9,12). Wenn du eine Mutter fragst, warum sie ihren Sohn verlässt, und sie antwortet, weil er schwach und krank sei, dann frage, ob sie wolle, dass ihr Sohn dasselbe mit ihr tue. Und wenn sie sagt: Nein, so füge hinzu: Dann hassest du aus schlechtem Grund. So verhält es sich auch mit dem Arzt.

Wer um Vergebung bittet, soll nicht Rache fordern.

Wenn du dich selbst so unrein erträgst, warum nicht auch jeden anderen?

Andere mögen nach Jerusalem gehen; du gehe bis zur Geduld oder Demut. Denn dies heißt für dich, aus der Welt hinauszugehen; jenes heißt, in ihr zu verbleiben.

Welche Gesinnung du auch immer wünschest, dass Gott und die Menschen dir gegenüber haben mögen, wie sehr oder auf welche Weise auch immer du sie beleidigst — dieselbe zeige gegenüber anderen, wie sehr oder auf welche Weise auch immer sie fehlen.


Kapitel XVI. Über die mitleidende Fürsorge und Heilung der Schwachen, und wie man unter ihnen mit unverdorbenem Geist leben soll.

Eine Mutter, die von ihrem Sohn verletzt wurde, sucht nicht seine Verletzung als Rache, weil sie seinen Schmerz als den ihren betrachtet. Wenn daher jemand sie rächen will und ihren Sohn verletzt, so soll man nicht meinen, er habe sie gerächt, sondern die Verletzung wiederholt. So soll jeder Christ gegenüber allen Menschen sein: Erbarmen zeigen wollend, die gewissesten Ursachen seines Schmerzes kennend — nämlich die vergänglichen Dinge.

Es ist ebenso leicht, zwischen deinem Bruder und seinem Laster zu unterscheiden wie zwischen Gut und Böse. Denn wer zürnt, wer empört sich beim Anblick eines Menschen? Aber bei dem Anblick seines Lasters — wer ist nicht empört, es sei denn ein sehr Weiser und Guter, der weiß, dass dies dem Menschen selbst mehr schadet als jedem anderen, und dass man daher mit ihm Mitleid haben soll?

Dein Bruder ist voll Liebe und Weisheit, und du hast keinen Anteil daran; er ist voll Zorn, Hass und Wut, und du kannst nicht umhin, daran Anteil zu haben. Der Wahnsinnige braucht den Gesunden, damit dieser ihn entweder festhalte oder heile.

Das Einzige, was du dir von Gott erweisen lassen willst — nämlich Güte —, das erweise allen Menschen, sei es durch die Rute oder durch Milde. Was beschimpfst du die Blinden und Schwachen? Du bist ebenso; oder wenn du etwas anderes bist, so nicht durch dich selbst noch von dir selbst.

Bedenke, wenn alle Menschen immerfort so von Wahnsinn getrieben würden, was du tun müsstest. Solltest du dich deshalb aufregen? Warum also regst du dich auf, wenn ein einzelner Mensch bisweilen aufgebracht ist? Du schuldest ihm Arznei, nicht Aufregung. Denn wie kann Wahnsinn durch Wahnsinn geheilt werden?

Warum gefallen dir die Qualen deinesgleichen? Ist es, weil es gerecht ist? Dann mögen auch deine Qualen Gott gefallen, weil es gerecht ist. Dieses Urteil aber übergibt dich dem ewigen Feuer.

Ein törichter Arzt, der seinen Ruf nicht schmälern will, schreibt den Kranken selbst zu, was schief geht, obwohl es seine eigene Schuld ist. So tust du es mit denen, die dir anvertraut sind.

Welche Gesinnung du gegenüber allen Menschen hättest, wenn du von ihnen entfernt wärest und über ihre Sünden und ihr Elend nachdächtest — wenigstens diese Gesinnung habe jetzt, wenn du mit eigenen Augen siehst, dass sie zugrunde gehen, sei es durch Blindheit, sei es durch Schwäche; denn sie werden entweder vom Teufel durch die zeitlichen Dinge getäuscht oder überwältigt.

Erschauere vor den unerforschlichen Urteilen Gottes über dich. Denn was immer du den anderen voraus hast, du weißt nicht, warum sie nicht dir voraus waren. Sei daher gegen sie so, wie du siehst, dass sie gegen dich hätten sein sollen, wenn sie dir voraus gewesen wären.

Dein Lohn wird nicht nach dem Fortschritt deiner Untergebenen bemessen, sondern nach deinem Verlangen und deiner Anstrengung, ob sie Fortschritte machen oder nicht.

Wenn du wohl erkannt hast, dass jener ein Frevler ist, dann wird es dir obliegen, seine Sünde zu beweinen, weil auch der Herr die deine beweint hat. Denn warum erforschest du die Krankheit des Kranken, wenn du nach Erkenntnis der Krankheit nicht nur nicht mit ihm trauerst und ihn heilst, sondern ihn sogar verspottest?

Wenn du die Übel anderer siehst oder hörst, blicke in deine eigene Seele, um zu prüfen, wie viel wahre Liebe zu den Menschen in ihr ist.

Du sollst dich nicht freuen, wenn es sich ergibt, dass du besser bist als andere, sondern vielmehr trauern, dass sie weniger von der Güte besitzen, und dies als einen eigenen Mangel anrechnen.

Versetze dich zuerst in die Person dessen, den du richten oder zurechtweisen willst, damit du ihm so tust, wie du es für zweckmäßig erkennen würdest, wenn du an seiner Stelle wärest. Denn „mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden, und mit welchem Urteil ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden” (Mt 7,2), denn auch Christus hat zuerst die Menschheit angezogen, bevor er richtete.

Du sollst nicht danach streben, dass deine Herren — in deren Dienst du von ihrem Vater, das heißt dem Herrn, deinem Gott, bestellt wurdest — tun, was du willst, sondern was ihnen nützt. Denn du musst dich zu ihrem Vorteil beugen, nicht sie nach deinem Willen, weil sie dir nicht anvertraut wurden, damit du über sie herrschest, sondern damit du ihnen nützest — wie auch ein Kranker dem Arzt anvertraut wird, nicht damit der Arzt über ihn herrsche, sondern ihn heile. Der Arzt ist nicht gegen den Kranken, sondern für ihn — das heißt gegen seine Krankheit —, und er findet seine volle und hinreichende Genugtuung für alles, was er vom Kranken erleidet, in dessen Gesundheit. Denn er rechnet nichts dem Menschen an, sondern der Krankheit selbst, und daher ist seine volle Vergeltung die Auslöschung der Krankheit.

Vier Menschen wurden zwei Ärzten anvertraut: ein Gesunder und ein Kranker einem jeden. Ein Lohn wurde versprochen für die Sorge um die Bewahrung oder Wiederherstellung der Gesundheit. Der eine von ihnen tat alles, was für die Bewahrung oder Wiederherstellung der Gesundheit seiner Anvertrauten getan werden musste, und dennoch starben beide. Der andere tat nichts von dem, was hätte getan werden sollen, und dennoch blieb der Gesunde gesund, und der Kranke genas. Welcher von diesen verdient den Lohn — derjenige, dessen Anvertraute beide starben, oder derjenige, dessen Anvertraute leben und gedeihen? Ohne Zweifel ist derjenige, der mit frommem Willen tat, was getan werden musste, des Lobes und Lohnes nicht weniger würdig, als wenn jene gelebt hätten und gediehen wären. Und derjenige, der nicht tun wollte, was er sollte, ist der Strafe nicht weniger würdig, als wenn jene gestorben wären.

Zweierlei also macht den Arzt aus: ein guter Wille und vollkommenes Wissen. Denn alle zu heilen, für die er sorgt — das steht nicht in seiner Macht. Denn niemand kann wissen, wer hoffnungslos und wer mit Aussicht auf Genesung krank ist. Und daher muss allen Sorge zuteilwerden, und mit aller Güte muss die ganze Kunst an jedem Einzelnen angewandt werden. Denn so werden wir vor dem Vater aller nicht weniger Gnade und Lohn für die Verstorbenen als für die Gesunden verdienen.

Bereite dich darauf vor, mit den Schlechten zu wohnen und dabei deinen Geist unverderbt zu bewahren — das ist engelhaft. Welcher Ruhm aber liegt darin, dies unter Heiligen zu tun?

Es ist die Tugend der Engel, unter den Lasterhaften zu leben und von ihren Lastern nicht verdorben zu werden. Es ist das Zeichen der größten Ärzte, unter den Kranken und Wahnsinnigen zu weilen und nicht nur nicht im geringsten verdorben zu werden, sondern ihnen die Gesundheit wiederzugeben.


Kapitel XVII. Über die Kraft und Wirkung der Liebe zu Gott und zum Nächsten, und wie die Liebe ersehnt und erwiesen werden soll.

Wer an irgendeiner leiblichen Gestalt Freude hat, rechnet das, was ihm an ihr gut erscheint, nicht sich selbst, sondern dieser Gestalt selbst zu, und lobt und liebt sie deshalb in seinem Geiste. Nicht sich selbst hält er für gut, sondern die Gestalt; sich aber hält er nur um ihretwillen für gut. Er verbleibt nicht in sich selbst, sondern streckt sich nach ihr aus und geht in sie über — mit umso größerer Anstrengung des Geistes und Bewegung des Willens, je mehr er sie im Genuss bewundert und liebt. Und daher, wenn jemand diese Gestalt verletzt oder wegnimmt, meint er, das Unrecht sei nicht ihm, sondern der Gestalt angetan. Und weil es sein Paradies und seine Seligkeit war, ihr anzuhangen, so ist es seine Hölle und sein Elend, von ihr getrennt zu sein. So sei auch du gegenüber Gott.

Wenn ein Gut begehrt wird, das eines anderen Gutes bedarf, wird das Elend nicht ausgeschlossen, sondern der Mangel wird gehäuft und vermehrt. Begehre daher das Gut, das keines anderen Gutes bedarf. Alle Dinge aber sind durch die Güte gut. Daher bedürfen alle Dinge der Güte, um gut zu sein. Die Güte aber bedarf keines Dinges; denn sie ist gut durch sich selbst. Liebe also diese, und du wirst selig sein.

Sieh, von welcher Art das Gut sein muss, dessen letzte Spuren von Spuren — das heißt die zeitlichen Dinge — von so vielen vernünftigen und vernunftlosen Wesen unter so vielen und so großen Gefahren der Mühsal und des Irrtums erstrebt werden.

Du sollst dich über nichts freuen, weder in dir selbst noch in einem anderen, außer über Gott.

Alle Laster und Sünden, weil sie um des Geschöpfes willen — das heißt um des niedrigsten Gutes willen — begangen werden, widerstreiten der Güte des Schöpfers — das heißt dem höchsten Gut.

Wenn der Wind unseres Geschlechts — das heißt Meinung oder Lob — so eifrig gesucht wird, wie viel mehr sollte das Heil unseres Geschlechts — das heißt der Schöpfer — gesucht werden! Wenn es so süß ist, gut genannt zu werden, dass sich sogar die Bösen, die nicht gut sein wollen, darüber freuen — wie viel süßer ist es, gut zu sein! Und wenn es so bitter und schmachvoll ist, böse genannt zu werden, dass selbst die, die „sich freuen, wenn sie Böses getan haben, und frohlocken über die schlimmsten Dinge” (Spr 2,14), es nicht ertragen können — wie viel schlimmer ist es, böse zu sein!

Der Mensch begehrt etwas Geschaffenes oder hängt ihm mit dem leiblichen Sinn an und vergisst sich selbst — wann aber handelst du so gegenüber dem Schöpfer?

Der Herr gebietet dir die Seligkeit, das heißt die vollkommene Liebe seiner selbst, aus der es kommt, weder zu fürchten noch sich zu beunruhigen — das heißt Frieden und Sicherheit.

Nur die Wahrheit weiß vom Bösen abzuweichen, und nur die Liebe zur Wahrheit vermag es. Daher ist die Abkehr vom Bösen keine Sache des Ortes.

Liebe das, was dir durch Lieben nicht fehlen kann — das heißt Gott.

Wenn Gott anhangen dein ganzes und einziges Gut ist, dann ist von ihm getrennt sein dein ganzes und einziges Übel, und nichts anderes. Dies ist deine Gehenna, dies ist deine Hölle.

Entwöhne dich jetzt von diesen leiblichen Gestalten; es schäme dich, ohne sie nicht sein zu können. Und da du sie, ob du willst oder nicht, eines Tages verlieren wirst, tue jetzt freiwillig mit großem Lohn oder großer Gnade, was du eines Tages nicht ohne große Qual tun wirst. Denn selbst wenn niemand sie dir nimmt, wirst du nicht dieses Leben und alles, was dazu gehört, verachten? Siehe, besitze alles; wirst du nicht eines Tages all dessen beraubt werden? Tue also jetzt, was du tun wirst, wenn du alles verloren hast — das heißt, lerne ohne diese Dinge zu sein, lerne zu leben und dich am Herrn zu erfreuen.

Über die uneigennützige Nächstenliebe.

Wer alle liebt, wird ohne Zweifel gerettet werden; wer aber von den Menschen geliebt wird, wird deshalb nicht gerettet. Wie der Hass gegen dich allen ein Hindernis zum Leben ist, so der Hass aller dir. Es ist daher gut für dich, alle zu lieben; und es ist auch ihnen nützlich, dich zu lieben.

Die Liebe soll um ihrer selbst willen ersehnt werden — das heißt um ihrer eigenen Süße willen, wie der süßeste Nektar; selbst wenn alle in Wahnsinn verfielen, sollte sie um keinen Preis verkauft werden. Denn sie ist uns nützlich und macht uns selig, was auch immer andere tun mögen.

Wenn du liebst, weil du geliebt wirst, oder um geliebt zu werden, liebst du nicht so sehr, als dass du Gegenliebe übst, Liebe für Liebe erstattend; du bist ein Wechsler — du hast deinen Lohn empfangen.

Dem gegenüber, der dir Unrecht zugefügt hat, zeige dich freundlicher und vertrauter; dem gegenüber, dem du Unrecht getan hast, zeige dich demütig und beschämt.

So wie du alles Gute, das dir von Menschen erwiesen wird, als Gaben Gottes betrachtest und glaubst, ihm aller Dank gebühre, so rechne auch alles Gute, das du den Menschen erweisest, als seine Wohltaten, nicht als die deinen.

Wenn du jemanden als Freund liebst, ihm aber Reichtümer als ein Gut wünschst, liebst du die Reichtümer vorzüglicher als ihn selbst. Denn ihn liebst du als einen Bedürftigen, die Reichtümer aber als Genüge — eher bereit, auf ihn als auf sie zu verzichten.

Wer in seiner Ungerechtigkeit den Gottlosen tötet, weil er die Ungerechtigkeit hasst und sie vernichten will, der täuscht sich. Denn wenn der Gottlose in seiner Ungerechtigkeit stirbt, ist die Ungerechtigkeit ewig. Wer also die Ungerechtigkeit hasst, soll darauf hinwirken, dass der Gottlose sich bessert, und so wird seine Ungerechtigkeit untergehen.

„Gott ist die Liebe” (1 Joh 4,8). Wer also jemandem Liebe erweist, es sei denn um ihrer selbst willen, der verkauft Gott, der verkauft seine eigene Seligkeit; denn es ist ihm nur wohl, wenn er liebt.

Wenn die Liebe und ihre Zeichen — das heißt die Fröhlichkeit und dergleichen — dir an einem anderen so gefallen, warum ist sie nicht in deiner eigenen Seele weit süßer?

Wer jemandem etwas gibt, sei es weil dieser etwas gab, sei es weil er etwas geben wird, der hat keine Gnade von Gott; ebenso verhält es sich mit dir in Bezug auf Frieden und Liebe.

Wenn du so sehr liebst, wenn du von der Liebe selbst genötigt wirst, so tadle, so schlage; wenn du anders handelst, verdammst du dich selbst. Tue alles gegenüber anderen mit derselben Gesinnung, mit der du willst, dass Gott es dir tue.

„Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben worden ist” (Röm 5,5). Du aber liebst weder Gott noch den Nächsten außer um zeitlicher Vorteile willen. Also wird durch zeitliche Dinge in dich ausgegossen, nicht durch den Heiligen Geist. Was so ausgegossen wird, ist nicht Liebe, sondern Begierde.

Siehe, dein Amt ist kein anderes jetzt, als es war, bevor du Prior wurdest. Denn durch Gelübde, Bitten und Gesinnungen tatest du, was du nun durch Taten zu tun begonnen hast — nämlich den Menschen zu nützen. Die Werke aber sollen die Gesinnungen selbst nicht vermindern, sondern anspornen und vermehren.

In welcher Sache auch immer du die Keuschheit gegenüber Gott bewahrst, in derselben Sache wirst du auch die Gerechtigkeit gegenüber deinem Nächsten bewahren können, die darin besteht, nicht zu begehren.

Die Menschen glauben nur schwer, dass das, was ihnen lästig ist, aus Liebe geschieht.


Kapitel XVIII. Über die vollkommene Gerechtigkeit der Engel, und worin der Unterschied zwischen ihrer Gerechtigkeit und der unseren besteht.

Wenn jemand irgendetwas vollkommen genießt und sich selbst vergisst, streckt er sich nach dem Gegenstand aus, als hätte er sich selbst verlassen und verachtet, und achtet nicht darauf, was in ihm selbst, sondern was in jenem geschieht — nicht wie er selbst, sondern wie jenes beschaffen ist. Daher verachten die Engel sich selbst mehr als wir. Denn da sie sich mit ganzer Kraft nach Gott ausstrecken, lassen sie sich selbst mitsamt allen übrigen Geschöpfen mit ganzer Aufmerksamkeit hinter sich zurück; sie würdigen es nicht einmal, auf sich selbst zurückzublicken — so gering achten sie sich selbst. Da sie sich mit ganzem Geist verachten und ihrer selbst vergessen, gehen sie ganz zu ihm hin und achten nicht darauf, was oder wie sie selbst sind, sondern was er ist. Und je mehr sie sich verachten, sich von sich selbst abwenden und ihrer selbst vergessen, desto ähnlicher werden sie ihm und daher desto besser.

Christus führt die Engel in die Umarmung ihres Bräutigams; uns reißt er vom Ehebrecher los, das heißt von der Welt. Sie macht er stark und standhaft zum Genuss des Bräutigams; uns zum Entbehren des Ehebrechers, das heißt der Welt. Sie hält er in Anschauung und Wirklichkeit; uns in Glaube und Hoffnung. Ihnen gibt er vollkommene Freude in der wahren Seligkeit; uns Ausdauer in der Trübsal. Ihnen das selige Leben; uns bestenfalls einen kostbaren Tod. Ihnen, sich selbst zu leben, das heißt Gott; uns, der Welt abzusterben. Ihnen, sich an ihren Gütern zu freuen; uns, über unsere Übel zu trauern. Ihnen frohe Herzen; uns zerknirschte. Ihnen die Gerechtigkeit; uns die Buße. Ihnen die Vollendung; uns den Anfang des Guten. Ich schwöre zuversichtlich, dass die Engel von Gott kein Geschenk empfangen haben, das größer oder würdiger, kostbarer oder nützlicher und daher begehrenswerter, noch schöner wäre als die Liebe. Wer kann dies verstehen oder glauben? Denn Gott ist die Liebe. Und daher, wer etwas Größeres oder Besseres als die Liebe besitzt, der besitzt etwas Größeres oder Besseres als Gott.


Kapitel XIX. Über die wahre und innere Schönheit der Seele, und worin die wahre Vollkommenheit eines jeden Menschen besteht.

Du siehst kein Ding, das nicht in seiner Art eine gewisse natürliche Schönheit und Vollkommenheit besäße. Wenn diese in irgendeiner Weise gemindert ist und fehlt, missfällt es dir mit Recht — wie wenn du zum Beispiel einen Menschen mit abgeschnittener Nase erblickst und sogleich missbilligst. Denn du spürst, was ihm zur natürlichen Vollkommenheit der menschlichen Natur fehlt. So ist es bei allen Dingen, bis hin zum Blatt eines Baumes oder jedem Kraut. Wer wollte in der Tat leugnen, dass der menschliche Geist eine gewisse natürliche und ihm eigene Schönheit und Vollkommenheit besitzt? Diese wird, insofern sie vorhanden ist, mit Recht gebilligt; insofern sie fehlt, wird sie mit Recht getadelt. Erwäge daher mit Gottes Hilfe, wie viel von dieser Schönheit und Vollkommenheit deinem Geist fehlt, und höre nicht auf, diesen Mangel zu verurteilen. Was also ist die natürliche Schönheit der Seele? Gott ergeben zu sein. Und in welchem Maße? „Von ganzem Herzen und von ganzer Seele und mit allen deinen Kräften” (Lk 10,27). Ferner gehört zu derselben Schönheit, gütig gegen den Nächsten zu sein. In welchem Maße? Bis zum Tode. Und wenn du dies nicht bist — wessen wird der Verlust sein? Gottes — gar keiner. Des Nächsten — vielleicht einiger. Der deine aber — ohne Zweifel der größte. Denn der natürlichen Schönheit und Vollkommenheit beraubt zu werden, kann für kein Ding ohne Schaden sein. Denn wenn die Rose aufhörte rot zu sein oder die Lilie gut zu duften, so wäre der Verlust für den, der solche Freuden liebt, gewiss nicht unbedeutend; für die Rose oder die Lilie selbst aber, ihrer natürlichen und eigentümlichen Schönheit beraubt, wäre er weit größer und weit schmerzlicher.

Die wahre Vollkommenheit des vernünftigen Geschöpfes besteht darin, jedes Ding so hoch zu schätzen, wie es geschätzt werden soll. Denn es höher oder niedriger zu schätzen ist ein Irrtum. Ferner steht jedes Ding von Natur aus entweder über ihm, neben ihm oder unter ihm. Darüber: Gott. Daneben: der Nächste. Darunter: alles Übrige. Man muss daher Gott so hoch schätzen, wie er geschätzt werden soll. Und er soll so hoch geschätzt werden, wie er ist. Niemand aber kann ihn so hoch schätzen, wie er ist, wenn er nicht weiß, wie groß er ist. Wie groß er aber ist, kann niemand vollkommen wissen außer er selbst. Denn so sehr sein Wesen das unsere übersteigt, so sehr übersteigt sein Wissen von sich selbst das unsere. Daher ist, wie unser Wesen verglichen mit dem seinen ein Nichts ist, so unser Wissen verglichen mit seinem Wissen von sich selbst Blindheit und Unwissenheit. Sein allein ist daher das vollkommene und ihm ebenbürtige Wissen von sich selbst. Daher sagt der Herr: „Niemand kennt den Vater als nur der Sohn” (Mt 11,27). Wie daher sein allein das vollkommene Wissen von sich selbst ist, so ist auch sein allein die gleiche und vollständige Liebe seiner selbst. Denn er allein, weil er vollkommen weiß, wie groß er ist, liebt sich vollkommen, so groß wie er ist.

Kehre nun zu jener Begriffsbestimmung zurück, die ich zu Beginn aufgestellt habe. Denn bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass sie nicht dem vernünftigen Geschöpf, sondern allein Gott zukommt. Denn — um das Übrige zu übergehen — wie gezeigt wurde, kennt und liebt sich niemand außer er selbst aus dem Ganzen, so groß wie er ist. Was also ist die Vollkommenheit des vernünftigen Geschöpfes? Sie besteht darin, alle Dinge — sowohl was darüber steht, das heißt Gott, als auch was gleich steht, das heißt den Nächsten, als auch was darunter steht, das heißt die vernunftlosen Wesen und dergleichen — so hoch zu schätzen, wie sie von einem vernünftigen Geschöpf geschätzt werden sollen. Wie sie geschätzt werden sollen, entnimm dem Folgenden: Gott wird nichts vorgezogen, nichts gleichgestellt, nichts als Hälfte, Drittel oder irgendein Bruchteil bis ins Unendliche verglichen. Daher soll nichts höher, nichts ebenso hoch, nichts als Hälfte oder irgendein Bruchteil bis ins Unendliche gehalten werden. Nichts soll mehr, nichts ebenso, nichts als irgendein Bruchteil im Vergleich mit ihm geliebt werden. Daher der Herr selbst: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen und von ganzer Seele und mit allen deinen Kräften und mit all deinem Verstand” (Lk 10,27) — das heißt, liebe nichts anderes zum Genuss, zum Vertrauen. Dies betrifft das Obere.

Von Natur gleich aber — das heißt, was die Natur betrifft — sind alle Menschen. Daher muss man sie alle so hoch schätzen wie sich selbst. Wie man also hinsichtlich des Oberen, das heißt hinsichtlich Gottes, in der Liebe weder etwas vorziehen noch gleichstellen noch in irgendeinem Teil vergleichen darf, so muss man auch für das ewige Heil eines jeden Menschen, und was immer man für das eigene ewige Heil tun oder leiden soll, gänzlich dasselbe für das ewige Heil eines jeden Menschen tun oder leiden. Denn daher sagt der Herr: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.” Dies betrifft das Ebenbürtige.

Das Untergeordnete aber ist alles, was nach dem vernünftigen Geist kommt — das heißt das sinnliche Leben, das mit den Tieren gemeinsam ist, das vegetative Leben des Leibes, das mit den Kräutern und Bäumen gemeinsam ist, und die leibliche Substanz mit ihren Formen und Eigenschaften, die mit den Metallen und Steinen gemeinsam ist. Wie man daher nichts mehr als das Obere, nichts ebenso hoch im Vergleich mit ihm lieben soll, so soll man nichts geringer als das Untere schätzen, nichts so billig halten, nichts im Vergleich mit dem Unteren auch nur für den kleinsten Bruchteil bis ins Unendliche für wertlos halten. Und dies ist es, was geschrieben steht: „Liebet nicht die Welt noch was in der Welt ist” (1 Joh 2,15). Dies betrifft das Untere.

Ein solcher Mensch wird daher das Obere zur Freude, das Gleiche zur Gemeinschaft, das Untere zum Dienst haben. Er wird fromm gegen Gott, gütig gegen den Nächsten, mäßig gegen die Welt sein; Diener Gottes, Gefährte des Menschen, Herr der Welt. Unter Gott stehend, nicht über den Nächsten erhaben, nicht der Welt unterworfen; das Niedere dem Nutzen des Mittleren zuordnend und das Mittlere der Ehre des Oberen. Weder gottlos noch lästerlich noch frevelhaft gegen das Obere; weder hochmütig noch neidisch noch zornig gegen das Gleiche; weder rasend noch ausschweifend gegen das Untere. Nichts vom Niederen empfangend, nichts von den Gleichen, sondern alles vom Oberen. Vom Oberen geprägt, das Untere prägend. Vom Oberen bewegt, das Untere bewegend. Vom Oberen ergriffen, das Untere ergreifend. Dem Oberen folgend, das Untere nachziehend. Von jenem besessen, dieses besitzend. Von jenem in dessen Ähnlichkeit verwandelt, dieses in die eigene Ähnlichkeit verwandelnd.

Auf diese Vollkommenheit streben wir in diesem Leben hin, doch werden wir sie erst im künftigen vollkommen erlangen. Dann werden wir sie umso voller erlangen, je glühender wir sie jetzt ersehnen. Dann wird es keine Regung im Geist geben außer von Gott; keine im Leib außer von der Seele; und so weder in der Seele noch im Leib eine Regung außer von Gott. Es wird keine Sünde geben — das heißt keine Verkehrtheit des Willens — und keine Strafe der Sünde — nämlich Verderbnis, Schmerz und Tod des Fleisches. Der nackte Geist wird der nackten Wahrheit anhangen, keiner Worte, keiner Sakramente, keiner Gleichnisse, keiner Beispiele bedürfend, um zu ihr zu gelangen. Denn dort wird „niemand seinen Bruder belehren und sagen: Erkenne den Herrn. Denn alle vom Kleinsten bis zum Größten werden mich erkennen, spricht der Herr” (Jer 31,34); denn alle werden „von Gott gelehrt” sein (Joh 6,45).


Kapitel XX. Über die Menschwerdung des Wortes, und wie es uns die genannte Vollkommenheit in sich selbst auf vollkommenste Weise dargelegt hat.

Diese Tugenden oder Linien der Gerechtigkeit würde die Seele, auch jetzt noch in diesem sterblichen Leben, wenn sie sehr rein wäre, durch sich selbst in der Wahrheit und Weisheit Gottes schauen. Sie würde auch sehen, nicht nur dass sie — das heißt die menschliche Seele — unsterblich und ewig sein wird, sondern auch dass ihr Fleisch in der Auferstehung so sein wird. Denn sie würde auch die Auferstehung selbst dort — das heißt in Gottes Wort und Weisheit — klar erblicken. Weil aber die Seele dies wegen ihrer Unreinheit nicht vermochte, wurde dem Wort ein menschlicher Geist verbunden, der Gottes Wort auf das vollkommenste empfing und ihm gänzlich gleichgestaltet und ähnlich gemacht wurde und allein von ihm ganz und gar geprägt war — wie geschrieben steht: „Setze mich wie ein Siegel auf dein Herz” (Hld 8,6) —, ganz in dessen Ähnlichkeit verwandelt, wie Wachs in die Ähnlichkeit eines Siegels gepresst wird, und so ihn uns in sich selbst zum Schauen und Erkennen darbot.

Wir aber waren so blind, dass wir nicht nur Gottes Wort, sondern nicht einmal die menschliche Seele sehen konnten; und daher wurde auch ein menschlicher Leib hinzugefügt. Denn bedenke diese drei: Gottes Wort, der menschliche Geist, der menschliche Leib. Wenn wir das erste gut sehen könnten, bedürften wir des zweiten nicht. Wenn wir wenigstens das zweite sehen könnten, bedürften wir des dritten nicht. Da wir aber weder das erste noch das zweite sehen konnten — das heißt weder Gottes Wort noch den menschlichen Geist —, wurde das dritte hinzugefügt, das heißt der menschliche Leib. Und so „ist das Wort Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt” (Joh 1,14), in unserem äußeren Bereich, damit es uns durch diesen eines Tages in sein Inneres führe. Daher wurde dem Wort eine vernunftbegabte Seele mit Fleisch verbunden, damit sie durch dieses Fleisch alles lehre, tue und leide, was zu unserer Belehrung und Besserung nötig war. In ihr allein fand sich auf vollkommenste Weise, was wir oben erörtert haben — nämlich die Ergebenheit gegenüber Gott, die Güte gegenüber dem Nächsten, die Mäßigkeit gegenüber der Welt. Denn sie zog nichts Gott vor, stellte nichts ihm gleich, verglich nichts als irgendeinen Teil, nicht einmal den kleinsten Bruchteil. Daher sagt er: „Ich tue allezeit seinen Willen — das heißt des Vaters” (Joh 8,29). Und er liebte seinen Nächsten auf vollkommenste Weise wie sich selbst. Denn er schonte nichts von dem, was unter ihm war — das heißt unter dem vernünftigen Geist —, sondern wandte alles zum Nutzen des Nächsten: sowohl das sinnliche Leben, das vegetative Leben, das das Fleisch erhält, als auch das Fleisch selbst. Denn er ertrug für uns die schärfsten Schmerzen, und den Tod gegen das vegetative Leben, und Wunden gegen das Fleisch selbst.

Gegenüber der Welt aber hatte er eine solche Mäßigkeit und eine solche Verachtung, dass der Menschensohn nicht einmal hatte, wo er sein Haupt hätte hinlegen können. Nichts empfing er von den niederen Dingen, nichts von den mittleren, sondern alles von dem, was darüber steht — das heißt von Gottes Wort, mit dem er in der Einheit der Person verbunden war. Nicht durch Sakramente, nicht durch Worte, nicht durch Beispiele, sondern allein durch die Gegenwart des Wortes Gottes wurde er belehrt, um zu erkennen, und entzündet, um zu lieben. Durch diese Seele hat uns Gottes Wort und Weisheit auf dreifache Weise — das heißt durch Sakramente, Worte und Beispiele — gezeigt, was getan werden muss, was erduldet werden muss und durch welche Mittel. Denn der Mensch sollte niemandem folgen als Gott, konnte aber niemandem folgen als einem Menschen. Daher wurde ein Mensch angenommen, damit er, indem er dem folgt, dem er folgen kann, zugleich dem folge, dem er folgen soll. Ebenso konnte er niemandem gleichgestaltet werden als Gott, nach dessen Bild er geschaffen war; doch konnte er sich nur einem Menschen gleichgestalten. Und so wurde Gott Mensch, damit der Mensch, indem er dem Menschen gleichgestaltet wird, dem er folgen kann, zugleich auch Gott gleichgestaltet werde, dem nachzufolgen ihm zum Heile gereicht.