Cornelius a Lapide

Genesis I


Inhaltsverzeichnis


Einleitung

Dieses Buch wird im Hebräischen nach Gewohnheit mit dem ersten Wort des Buches betitelt: bereshit, das heißt „im Anfang”; im Griechischen und Lateinischen heißt es Genesis. Denn es erzählt die Entstehung, das heißt die Erschaffung oder Geburt der Welt und des Menschen, seinen Fall, seine Vermehrung und seine Taten, besonders die der Patriarchen Noach, Abraham, Isaak, Jakob und Joseph. Die Genesis umfasst die Taten von 2.310 Jahren. Denn so viele Jahre verstrichen von Adam und von der Erschaffung der Welt bis zum Tod Josephs, mit dem die Genesis endet, wie ersichtlich wird, wenn man die Lebensjahre der Patriarchen in folgender Chronologie zusammenzählt:

Chronologie der Genesis

Von Adam bis zur Sintflut verstrichen 1.656 Jahre. Von der Sintflut bis Abraham 292 Jahre. Im 100. Lebensjahr Abrahams wurde Isaak geboren, Gen. Kap. 21, V. 4. Im 60. Lebensjahr Isaaks wurde Jakob geboren, Gen. 25,26. Im 91. Lebensjahr Jakobs wurde Joseph geboren, wie ich bei Gen. 30,25 zeigen werde. Joseph lebte 110 Jahre, Gen. 50,25. Zähle diese Jahre zusammen, und du wirst von Adam bis zum Tod Josephs 2.310 Jahre finden.

Die Genesis lässt sich in vier Teile gliedern, die Pererius in ebenso vielen Bänden gegliedert und behandelt hat. Der erste umfasst die Taten von Adam bis zur Sintflut, Gen. 7. Der zweite enthält die Taten von Noach und der Sintflut bis Abraham, nämlich das, was von Kapitel 7 bis Kapitel 12 erzählt wird. Der dritte enthält die Taten Abrahams von Kapitel 12 bis zu Abrahams Tod, Gen. 25. Der vierte umfasst von Kapitel 25 bis zum Ende der Genesis die Taten Isaaks, Jakobs und Josephs und endet mit dem Tod Josephs.

Schriftsteller über die Genesis

Über die Genesis schrieben Origenes, hl. Hieronymus, Augustinus, Theodoret, Prokopius, Chrysostomus, Eucherius, Rupert und andere. Der hl. Ambrosius schrieb nach dem hl. Basilius sein Buch Hexameron, ferner Bücher über Noach, Abraham, Isaak, Jakob, Joseph usw. Der selige Cyrillus schrieb fünf Bücher, denen man dessen Glaphyra hinzufüge, das heißt „geschliffene Edelsteine”, gleichsam: weniges aus vielem ausgewählt, worin er nicht den Wortsinn, sondern zumeist den mystischen Sinn verfolgt. Diese sind als Handschriften erhalten, die ich selbst benutzt habe, und die hernach unser Pater Andreas Schottus zusammen mit anderen Werken herausgab. Auch Albinus Flaccus schrieb Quaestiones zur Genesis. Ebenso schrieb Junilius, ein afrikanischer Bischof, über die früheren Kapitel der Genesis; er findet sich in Band VI der Bibliothek der heiligen Väter. Überdies schrieb Anastasius Sinaita, Mönch und später Bischof von Antiochien und Märtyrer, im Jahre des Herrn 600 elf Bücher des Hexameron zur Genesis, in denen er die ersten Kapitel der Genesis allegorisch über Christus und die Kirche auslegt. Sie finden sich im Anhang der Bibliothek der heiligen Väter.

Auch Thomas der Doktor schrieb — nicht der heilige Doctor Angelicus, sondern der englische, nämlich der Doktor von York, um das Jahr Christi 1400. Dass diese Werke vom englischen und nicht vom Engelgleichen Doktor stammen, bezeugen der hl. Antoninus und Sixtus von Siena im vierten Buch der Bibliotheca Sancta; obwohl Antonius von Siena, der sie zuerst herausgab, sie dem hl. Thomas von Aquin zuzuschreiben versucht. Und weil diese gemeinhin unter dem Namen des hl. Thomas angeführt werden, werden auch wir so sprechen, damit niemand meine, wir führten einen anderen an. Viele neuere Autoren schrieben ebenfalls über die Genesis nach Lyra, Hugo und Dionysius dem Kartäuser, unter denen Pererius durch die Vielfalt seiner Gelehrsamkeit herausragt. In früherer Zeit schrieb Alphonsus Tostatus, Bischof von Ávila, ausführlicher als alle anderen, mit großer Prüfung und Urteilskraft zu jedem einzelnen Punkt, und ihm wird zu Recht diese Lobrede gegeben:

„Hier ist das Staunen der Welt, der alles Wissbare durchforscht.”

Denn er starb in seinem vierzigsten Lebensjahr. Schließlich schrieb kürzlich Ascanius Martinengus aus Brescia zwei gewaltige Bände über Kapitel 1 der Genesis, die er die Große Glosse zur Genesis betitelt, in der er eine Kette aus den Vätern und Doktoren flicht und alle sich ergebenden Fragen ausführlich erörtert.

Weil aber über die Heilige Schrift jenes Wort überaus wahr ist: „Die Kunst ist lang, das Leben kurz”, werde ich aus diesem Grund, was andere ausführlich gesagt haben, in wenige Worte zusammendrängen, und ich werde ernstlich nach Kürze ebenso wie nach Gründlichkeit und Methode streben. Daher werde ich nur die herausragenderen moralischen Lehren einflechten und von Zeit zu Zeit die Leser an Autoren verweisen, die diese Dinge ausführlicher behandeln. Und hier möchte ich ein für alle Mal die Prediger und alle, die begierig nach moralischen Lehren suchen, ermahnen, den hl. Chrysostomus, Ambrosius, Origenes, Rupert, Rabanus, Hieronymus ab Oleastro, Pererius, Hamerus, Caponius und Johann Ferus zu lesen — der jedoch mit einem Körnchen Salz gelesen werden muss, denn er preist den Glauben sehr, was wegen Luther und Calvin in diesen Zeiten gefährlich ist. Schließlich mögen sie Dionysius den Kartäuser lesen, der beinahe alles moralisch anwendet und erklärt, sowie Antonio Honcala, Kanoniker von Ávila, der die Genesis mit ebensolcher Frömmigkeit wie Gelehrsamkeit kommentiert.

Wenn ich schließlich die soeben genannten Autoren anführe, werde ich die genaue Stelle nicht angeben; denn ich setze voraus — was jedem offensichtlich ist zu denken —, dass sie dies zu der Stelle sagen, die ich gerade behandle. Anderenfalls werde ich gewöhnlich die Stelle angeben. Beim Werk über das Hexameron, Gen. 1, werde ich die Stellen nicht angeben, weil jedermann weiß, dass die Kommentatoren dieses Thema an derselben Stelle behandeln und die Scholastiker im zweiten Buch der Sentenzen, Distinktion 12 und folgende, oder Teil I, Frage 66 und folgende. Da nun manche Väter und Doktoren wortreich und weitschweifig sind, ich aber kurzgefasst bin, damit das Werk nicht zu sehr anwächst und der Leser ermüdet, schneide ich aus diesem Grunde gelegentlich ihre überflüssigen und wiederholten Worte weg; und mit Auslassung mancher Zwischenbemerkungen wähle ich das aus und verbinde es, was größere Kraft und Gewicht hat. So ziehe ich all ihren Saft heraus und verdichte ihn in wenige ihrer eigenen Worte, um der Zeit, dem Geschmack und der Bequemlichkeit der Leser zu dienen.


Erstes Kapitel


Übersicht des Kapitels

Es wird die Erschaffung der Welt und das Werk der sechs Tage beschrieben: Am ersten Tag wurden nämlich Himmel, Erde und Licht geschaffen. Am zweiten Tag, V. 6, wurde die Feste geschaffen. Am dritten Tag, V. 9, wurden Meer und trockenes Land mit Kräutern und Pflanzen geschaffen. Am vierten Tag, V. 14, wurden Sonne, Mond und Sterne geschaffen. Am fünften Tag, V. 20, wurden Fische und Vögel hervorgebracht. Am sechsten Tag, V. 24, wurden Vieh, Kriechtiere und wilde Tiere hervorgebracht, und Gott segnet sie, weist ihnen Nahrung zu und setzt den Menschen über die übrigen als ihren Herrn.


Vulgata-Text: Genesis 1,1-31

1. Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. 2. Die Erde aber war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Fläche des Abgrundes; und der Geist Gottes schwebte über den Wassern. 3. Und Gott sprach: Es werde Licht, und es ward Licht. 4. Und Gott sah das Licht, dass es gut war; und er schied das Licht von der Finsternis. 5. Und er nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht: und es ward Abend und Morgen, ein Tag. 6. Und Gott sprach: Es werde eine Feste inmitten der Wasser, und sie scheide die Wasser von den Wassern. 7. Und Gott machte die Feste und schied die Wasser, die unter der Feste waren, von denen, die über der Feste waren. Und es geschah also. 8. Und Gott nannte die Feste Himmel: und es ward Abend und Morgen, der zweite Tag. 9. Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser, das unter dem Himmel ist, an einen Ort, und das Trockene erscheine. Und es geschah also. 10. Und Gott nannte das Trockene Erde, und die Ansammlung der Wasser nannte er Meere. Und Gott sah, dass es gut war. 11. Und er sprach: Es lasse die Erde grünes Kraut aufsprossen und solches, das Samen trage, und den Fruchtbaum, der Frucht bringe nach seiner Art, dessen Same in ihm selbst sei auf der Erde. Und es geschah also. 12. Und die Erde brachte grünes Kraut hervor und solches, das Samen trägt nach seiner Art, und den Baum, der Frucht bringt, und jegliches hat seinen Samen nach seiner Gattung. Und Gott sah, dass es gut war. 13. Und es ward Abend und Morgen, der dritte Tag. 14. Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels, um den Tag von der Nacht zu scheiden, und sie seien zu Zeichen und zu Zeiten, zu Tagen und zu Jahren: 15. auf dass sie leuchten an der Feste des Himmels und die Erde erleuchten. Und es geschah also. 16. Und Gott machte zwei große Lichter: ein größeres Licht, um den Tag zu regieren, und ein kleineres Licht, um die Nacht zu regieren; und die Sterne. 17. Und er setzte sie an die Feste des Himmels, damit sie über die Erde leuchteten 18. und den Tag und die Nacht regierten und das Licht von der Finsternis schieden. Und Gott sah, dass es gut war. 19. Und es ward Abend und Morgen, der vierte Tag. 20. Gott sprach auch: Es wimmle das Wasser von lebendigen Wesen, die da kriechen, und Vögel sollen fliegen über die Erde unter der Feste des Himmels. 21. Und Gott schuf die großen Seeungeheuer und alles lebendige und sich regende Getier, das die Wasser hervorbrachten nach ihren Arten, und alle geflügelten Vögel nach ihrer Art. Und Gott sah, dass es gut war. 22. Und er segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Wasser des Meeres; und die Vögel sollen sich mehren auf der Erde. 23. Und es ward Abend und Morgen, der fünfte Tag. 24. Und Gott sprach: Es bringe die Erde hervor lebendige Wesen nach ihrer Art, Vieh und Kriechtiere und wilde Tiere der Erde nach ihren Arten. Und es geschah also. 25. Und Gott machte die wilden Tiere der Erde nach ihren Arten, und das Vieh, und alles, was auf der Erde kriecht, nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war. 26. Und er sprach: Lasset uns den Menschen machen nach unserem Bild und Gleichnis; und er herrsche über die Fische des Meeres und die Vögel des Himmels und die Tiere und die ganze Erde und alles Kriechende, das sich auf der Erde regt. 27. Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild; nach dem Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie. 28. Und Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische des Meeres und die Vögel des Himmels und alle lebendigen Wesen, die sich auf der Erde regen. 29. Und Gott sprach: Seht, ich habe euch alles samentragende Kraut auf der Erde gegeben und alle Bäume, die in sich selbst den Samen ihrer Art tragen, euch zur Speise; 30. und allen Tieren der Erde und allen Vögeln des Himmels und allem, was sich auf der Erde regt und worin lebendiger Odem ist, damit sie sich davon nähren. Und es geschah also. 31. Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und es war sehr gut. Und es ward Abend und Morgen, der sechste Tag.


Vers 1: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde

Im Anfang: Neun Auslegungen

Erste Auslegung: „Im Anfang der Zeit”

1. IM ANFANG. — Erstens, der hl. Augustinus, Buch I von Über die wörtliche Auslegung der Genesis, Kap. 1; Ambrosius und Basilius, Homilie 1 über das Hexameron: „Im Anfang”, sagen sie, das heißt im ersten Ursprung oder Beginn, nicht der Ewigkeit, nicht des Aevums, sondern der Zeit und der Welt, als nämlich die Dauer der Welt, das heißt die Zeit, zugleich mit der Welt begann. Denn obwohl am Anfang der Welt nicht eine solche Zeit bestand, wie sie jetzt besteht — denn unsere jetzige Zeit ist das Maß der Bewegung des Primum Mobile, der Sonne und der Himmel —, so bestanden doch damals das Primum Mobile, die Sonne und die Himmel noch nicht, und folglich auch nicht deren Bewegung, die durch die Zeit hätte gemessen werden können. Gleichwohl bestand damals die Dauer eines körperlichen Dinges, nämlich des Himmels und der Erde, die unserer Zeit ähnlich und gleichmäßig war und daher in Wirklichkeit Zeit war. Denn ein körperliches Ding wird durch die Zeit gemessen, ob es sich bewegt oder ruht: denn die Zeit ist das Maß der Körper, gleichwie das Aevum das der Engel und die Ewigkeit das Gottes ist. Im aristotelischen Sinne aber ist die Zeit zumindest der Natur nach der Bewegung und dem beweglichen Körper nachgeordnet.

Welche Art von Zeit vor der Welt?

Daher der hl. Augustinus in seinen Sentenzen, Nr. 280: „Als die Geschöpfe gemacht waren”, sagt er, „begannen die Zeiten in ihren Bewegungen zu laufen. Daher werden vor der Schöpfung die Zeiten vergebens gesucht, als ob sie vor der Zeit selbst gefunden werden könnten. Denn wenn es keine Bewegung gäbe, weder eine geistige noch eine körperliche eines Geschöpfes, durch die das Künftige dem Vergangenen durch die Gegenwart nachfolgte — so gäbe es überhaupt keine Zeit. Ein Geschöpf aber könnte unmöglich bewegt werden, wenn es nicht existierte. Also begann eher die Zeit vom Geschöpf her als das Geschöpf von der Zeit; beides aber nahm seinen Anfang von Gott. ‚Denn von ihm und durch ihn und in ihm sind alle Dinge.'”

Wann wurden Himmel und Erde erschaffen?

Man beachte, dass Gott Himmel und Erde nicht in der Zeit schuf, sondern im Anfang der Zeit, das heißt im ersten Augenblick der Zeit, nämlich im ersten Moment der Welt. Der hl. Basilius und Beda meinen, dass Himmel und Erde nicht am ersten Tag, sondern kurz vor dem ersten Tag, nämlich vor dem Licht, erschaffen wurden. Dass sie aber nicht davor, sondern eben am ersten Tag, das heißt zu Beginn des ersten Tages, bevor das Licht hervorgebracht wurde, erschaffen wurden, ergibt sich klar aus Ex. 20,1.

Zweite Auslegung: „Im Sohn”

Zweitens, und besser dem Wortlaut nach, sagen ebendieselben Augustinus, Ambrosius und Basilius an derselben Stelle und das Laterankonzil, Kapitel Firmiter, über die höchste Dreifaltigkeit und den katholischen Glauben: „Im Anfang”, sagen sie, das heißt im Sohn; denn dass alle Dinge durch den Sohn als die Idee und Weisheit des Vaters erschaffen wurden, lehrt der Apostel, Kol. 1,16. Doch diese Auslegung ist mystisch und symbolisch.

Dritte Auslegung: „Vor allen Dingen”

Drittens, und am schlichtesten: „Im Anfang”, das heißt vor allen Dingen, so dass Gott nichts früher oder vor Himmel und Erde erschuf. So heißt es bei Johannes Kap. 1, V. 1: „Im Anfang war das Wort”, als wolle er sagen: Vor allen Dingen, das heißt von Ewigkeit her war das Wort. Auch diese Bedeutung führt der hl. Augustinus oben an.

Beide Bedeutungen sind echt und dem Wortlaut gemäß, und aus der zweiten ergibt sich gegen Platon, Aristoteles und andere, dass die Welt nicht ewig ist. Aus der dritten ergibt sich, dass die Engel nicht vor der körperlichen Welt erschaffen wurden, sondern zugleich mit ihr von Gott, wie das Laterankonzil lehrt, das weiter unten angeführt wird.

Zu diesen drei Auslegungen fügen die Alten weitere Erklärungen hinzu.

Vierte Auslegung: „In der Herrschaft”

Viertens also: „Im Anfang”, das heißt in der Herrschaft, oder in königlicher Macht (denn auch das griechische arche bedeutet dies, woher die Herrscher und Obrigkeiten archontes genannt werden), schuf Gott Himmel und Erde, sagt Tertullian in dem Buch Gegen Hermogenes. Ebenso Prokopius: „Gott”, sagt er, „der der König der Könige ist und in höchstem Maße sein eigener Herr, von nichts anderem abhängig und alles nach seinem eigenen Willen verwaltend, rief dieses Weltall zusammen mit seinen Gestalten und Formen ins Dasein; ja er selbst brachte den Stoff hervor und entlehnte ihn nicht von anderswoher.”

Fünfte Auslegung: „Zusammenfassend”

Fünftens: Aquila übersetzt „im Anfang” mit „im Haupt”, das heißt zusammenfassend, alles zugleich umfassend oder in einer Masse. Denn Gott schuf, indem er Himmel und Erde erschuf, zugleich gleichsam alles andere zusammenfassend; denn aus ihnen formte er hernach das Übrige. Denn das hebräische reshit, das heißt „Anfang”, leitet sich ab von rosh, das heißt „Haupt”.

Sechste Auslegung: „In einem Augenblick”

Sechstens: Der hl. Ambrosius und der hl. Basilius, Homilie 1 über das Hexameron: „Im Anfang”, sagen sie, das heißt in einem Augenblick, ohne jeglichen Zeitverzug, auch den geringsten, denn der Anfang ist unteilbar. Denn wie der Anfang eines Weges nicht der Weg ist, so ist der Anfang der Zeit nicht Zeit, sondern ein Augenblick.

Siebte Auslegung: „Als Hauptsachen”

Siebtens: „Im Anfang”, das heißt als die hauptsächlichen, vorzüglicheren und uranfänglichen Dinge. So der hl. Ambrosius, Prokopius und Beda.

Achte Auslegung: „Als Fundamente”

Achtens: „Im Anfang”, das heißt als die ersten Dinge, als die Fundamente und Grundlagen des Weltalls, sagen der hl. Basilius und Prokopius. So heißt es: „Der Anfang der Weisheit ist die Furcht des Herrn”; denn die Furcht ist das Fundament der Weisheit und die erste Stufe zu ihr.

Neunte Auslegung: Gottes Ewigkeit und Allmacht

Schließlich sagt Junilius hier: Der Ausdruck „im Anfang” bezeichnet Gottes Ewigkeit und Allmacht. „Denn von dem, den er als den Schöpfer der Welt im Anfang der Zeiten erklärt, wird gewiss ausgesagt, dass er vor allen Zeiten ewig bestanden hat; und von dem, den er erzählt, dass er im allerersten Beginn der Schöpfung Himmel und Erde geschaffen hat, wird durch die große Schnelligkeit seines Wirkens erklärt, dass er allmächtig ist.”


Er schuf

Woraus?

ER SCHUF — im eigentlichen Sinne, das heißt aus nichts, aus keiner zuvor bestehenden Materie. So sagt jene heilige Mutter der Makkabäer, 2 Makk. Kap. 7, zu ihrem Sohn: „Ich bitte dich, mein Kind, blicke zum Himmel und zur Erde und auf alles, was in ihnen ist, und erkenne, daß Gott sie aus nichts gemacht hat.” Zweitens „schuf er”, nämlich allein, wie Jesaja sagt, Kap. 44, V. 24, durch sich selbst und seine eigene Allmacht, nicht durch Engel — die noch nicht existierten, und selbst wenn sie existiert hätten, könnten sie dennoch nicht Diener der Schöpfung sein. Drittens „schuf er” gemäß der Idee und dem Urbild, das er von Ewigkeit her in seinem Geist empfangen hatte. Denn Gott war damals

„Die schöne Welt im Geiste tragend, selbst der Schönste,” wie Boethius singt, Buch III der Tröstung der Philosophie, Metrum 9.

Warum?

Viertens schuf er den Himmel nicht, weil er seiner bedurfte, sondern weil er gut ist und weil Gott auf diese Weise seine Güte der Welt und den Menschen mitteilen wollte: denn es geziemte sich, daß von einem guten Gott gute Werke kommen, sagt Platon, und nach Platon der hl. Augustinus, Buch XI Vom Gottesstaat, Kap. 21. Daher sagt derselbe Augustinus schön in den Bekenntnissen I: „Du hast uns, o Herr, für dich geschaffen, und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir;” und: „Himmel und Erde rufen, o Herr, daß wir dich lieben sollen.”

Anmerkung: ‚Schaffen' (creare) bedeutet bei Cicero und bei den Heiden ‚zeugen'; bei den Griechen sind Schöpfung und Gründung dasselbe. In der Heiligen Schrift aber bedeutet ‚schaffen', wenn es von Dingen gesagt wird, die zuvor in keiner Weise existierten, etwas aus nichts hervorbringen. So der hl. Cyrill, Buch V des Thesaurus, Kap. 4; der hl. Athanasius, im Brief, der mit den Beschlüssen des Konzils von Nicäa gegen die Arianer überschrieben ist; der hl. Justin, im Mahnwort; Rupert, Buch I über die Genesis, Kap. 3; Beda und Lyra an dieser Stelle. Denn, wie der hl. Thomas lehrt, I. Teil, Frage 61, Art. 5, konnte der allgemeine Hervorgang aller Dinge nur aus nichts geschehen.

Hieronymus de Oleastro übersetzt das hebräische bara mit ‚teilte'. Daher übersetzt er so: „Am Anfang teilte Gott Himmel und Erde.” Er meint nämlich, Gott habe zuallererst die Wasser zusammen mit der Erde geschaffen, und zwar ungeheuer groß und unermeßlich, und habe dann aus ihnen die Himmel hervorgebracht (was die Schrift hier stillschweigend übergeht und voraussetzt), und sie schließlich von der Erde und den Wassern getrennt, und nur dies werde hier ausgedrückt. Aber diese Erfindung wird von allen Vätern und Lehrern verworfen, die bara mit ‚schuf' übersetzen. Denn dies ist seine eigentliche Bedeutung: nirgends bedeutet es ‚teilte', wie die des Hebräischen Kundigen wissen.

Tropologie über die dreifache Betrachtung der Geschöpfe

Tropologisch sind die Geschöpfe auf dreifache Weise zu betrachten. Erstens, indem man bedenkt, was sie von sich aus sind, nämlich nichts, weil sie aus nichts gemacht wurden und von sich aus sich täglich verändern und zum Nichts hinstreben. Zweitens, indem man bedenkt, was sie durch die Gabe des Schöpfers sind, nämlich gut, schön, beständig und ewig, und so die Beständigkeit ihres Schöpfers nachahmen. Drittens, daß Gott sie zur Bestrafung und Belohnung der Menschen verwendet. So hören wir jedes Geschöpf uns diese drei Dinge zurufen: Empfange, erstatte, fliehe; empfange die Wohltat, erstatte die Schuld, fliehe die Strafe. Die erste Stimme ist die eines Dienenden, die zweite eines Ermahnenden, die dritte eines Drohenden.

Die Irrtümer der Philosophen werden widerlegt

Hieraus wird erstens offenbar der Irrtum des Straton von Lampsakos, der sich einbildete, die Welt sei unerschaffen und habe aus eigener Kraft von Ewigkeit her bestanden. Zweitens der Irrtum Platons und der Stoiker, die sagten, die Welt sei zwar von Gott erschaffen, aber aus ewiger und ungezeugter Materie; denn diese Materie wäre ungeschaffen und Gott gleichewig und folglich Gott selbst, wie Tertullian mit Recht dem Hermogenes entgegenhält. Drittens der Irrtum der Peripatetiker, die behaupteten, Gott habe die Welt nicht durch seinen Willen, noch frei, sondern aus Naturnotwendigkeit von Ewigkeit her erschaffen. Viertens der Irrtum des Epikur, der lehrte, die Welt sei durch einen zufälligen Zusammenstoß und eine Verbindung von Atomen hervorgebracht worden.

Der hl. Augustinus spricht vortrefflich in Buch XI Vom Gottesstaat, Kapitel III: „Die Welt selbst verkündet durch ihre höchst geordnete Veränderlichkeit und Beweglichkeit und durch die überaus schöne Erscheinung aller sichtbaren Dinge gleichsam schweigend, daß sie geschaffen wurde und daß sie nur von Gott geschaffen werden konnte, der unaussprechlich und unsichtbar groß, unaussprechlich und unsichtbar schön ist.” Daher bekräftigen alle Philosophenschulen, die etwas Göttlicheres ahnten, einmütig, daß nichts sowohl beweist, daß die Welt von Gott geschaffen wurde, als auch, daß sie durch seine Fürsorge verwaltet wird, wie eben der Anblick der ganzen Welt und die Betrachtung ihrer Schönheit und Ordnung. So Platon, die Stoiker, Cicero, Plutarch und Aristoteles, dessen Argument hierüber von Cicero in Buch II Über die Natur der Götter berichtet wird.

Wie hat er geschaffen?

Anmerkung: Gott schuf Himmel und Erde, indem er befahl und sprach: Es werde Himmel und Erde, wie ausdrücklich gesagt wird in IV Esra, vi, 38, und Psalm xxxii, Vers 6: „Durch das Wort des Herrn wurden die Himmel befestigt;” woraus der hl. Basilius folgert: weil Gott diese Welt durch seine Macht, Kunst und Freiheit gemacht hat, kann er durch dieselben viele weitere erschaffen; und ebenso kann er durch dieselben die Welt vernichten. Denn die Welt ist im Verhältnis zu Gott wie ein Tropfen aus einem Eimer und wie ein Tautropfen, wie gesagt wird in Jesaja XL, 15, Weisheit XI, 23; daher wird auch gesagt, daß Gott die Masse der Erde an drei Fingern aufhängt.

Einwand

Man wird sagen: Warum sagt Mose hier nicht, daß Gott gesprochen hat: Es werde Himmel, wie er sagt, daß er gesprochen hat: Es werde Licht? Ich antworte, daß Mose eher das Wort „schuf” als „sprach” gebrauchte, damit das ungebildete jüdische Volk nicht aus dem Wort „es werde” eine zuvor bestehende Materie annähme, zu der Gott gesprochen hätte oder aus der er Himmel und Erde hervorgebracht hätte. So Rupert, der drei Gründe angibt. Erstens, sagt er, da der Anfang selbst das Wort Gottes ist, wäre es überflüssig und unpassend zu sagen: „Im Anfang sprach Gott.” Zweitens, weil noch nichts existierte, dem der Befehl hätte gegeben werden können. Drittens sagt er „schuf”, nicht „es werde”, damit Gott als Schöpfer aller Materie erwiesen werde.


Gott (Elohim): Dreizehn Bestimmungen

Die Irrtümer der Häretiker

Gott. — Also irren Simon Magus, Arius und andere, die sagen, Gott habe den Sohn erschaffen; und der Sohn wiederum habe den Heiligen Geist erschaffen; und der Heilige Geist habe die Engel erschaffen; und die Engel die Welt. Zweitens irren Pythagoras, die Manichäer und die Priszillianisten, die sagen, es gebe zwei Prinzipien der Dinge oder zwei Götter: einen guten, den Schöpfer der Geister; den zweiten, einen bösen, den Schöpfer der Körper.

Erklärung des Wortes Elohim

Für „Gott” steht im Hebräischen elohim, das sich von el, das heißt „stark”, und ala, das heißt „er beschwor, verpflichtete, band”, ableitet; weil Gott seine Macht, Kraft und alle guten Dinge den Geschöpfen gibt und bewahrt; und sie dadurch gleichsam durch einen Eid an sich bindet zur Anbetung, zum Gehorsam, zur Furcht, zum Glauben, zur Hoffnung, zur Anrufung und zur Dankbarkeit ihm gegenüber.

Elohim ist also der Name Gottes als Schöpfer, Lenker, Richter, Aufseher und Rächer aller Dinge; und Mose gebraucht diesen Namen Elohim hier, erstens, damit die Menschen wissen, daß derselbe der Gründer der Welt und ihr Richter ist, der, so wie er die Welt erschaffen hat, sie auch richten wird, als Elohim, das heißt Richter. Zweitens, damit sie wissen, daß die Welt durch Gottes Willen, Urteil und Weisheit von Gott gegründet wurde. Drittens, damit sie wissen, daß alles von ihm in gerechter Waage angeordnet wurde und jedem Ding das gegeben wurde, was ihm gleichsam geschuldet war, nämlich was seine Natur und das Wohl des Universums erforderte. Viertens, damit sie wissen, daß, so wie die Welt von Gott erschaffen wurde, sie von demselben auch erhalten und regiert wird, wie Ijob xxxiv, 18 und folgende, und Weisheit xi, 23 und folgende lehren.

Daher sagen Aben Esra und die Rabbinen, Gott werde hier Elohim genannt, um seine Majestät zu verkünden und seine drei Gaben, nämlich Einsicht, Weisheit und Klugheit, durch die er selbst die Welt gegründet hat. Andere meinen, Mose habe auf die Vielzahl der Ideen und Vollkommenheiten, die in Gott sind, Bezug genommen. Anmerkung: Gott offenbarte Mose seinen Namen Jehova. Vor Mose wurde Gott daher Elohim genannt. Daher nannte auch die Schlange Gott so, indem sie sagte: „Warum hat euch Gott geboten?” im Hebräischen Elohim. Daraus wird klar, daß von Anfang der Welt an Adam und Eva Gott Elohim nannten. So Beda.

Was ist Gott? Dreizehn Bestimmungen

Was also ist Elohim? Was ist Gott?

Erstens. Aristoteles, oder wer immer der Verfasser des Buches Über die Welt an Alexander ist: „Was der Steuermann auf dem Schiff ist, der Wagenlenker im Wagen, der Anführer im Chor, das Gesetz in der Stadt, der Feldherr im Heer, dasselbe ist Gott in der Welt, nur daß in jenen Fällen die Herrschaft mühsam, gestört und angstvoll ist; bei Gott hingegen leicht, geordnet und ruhig.”

Zweitens. Der hl. Leo, Predigt 2 Über das Leiden: „Gott ist derjenige, dessen Natur die Güte ist, dessen Wille die Macht ist, dessen Werk die Barmherzigkeit ist.”

Drittens. Aristoteles, oder wer immer der Verfasser des Buches Über die Weisheit nach den Ägyptern ist, Buch XII, Kap. xix: „Gott ist derjenige, von dem Ewigkeit, Ort und Zeit kommen und durch dessen Wohltat alles besteht; und so wie der Mittelpunkt eines Kreises in sich selbst ist und die von ihm zur Peripherie gezogenen Linien und die Peripherie selbst mit ihren Punkten in diesem selben Mittelpunkt bestehen: so bestehen und werden auch alle Naturen, sowohl die des Verstandes als auch die der Sinne, im ersten Wirkenden (in Gott) gefestigt.”

Viertens. Gott ist die Vorsehung selbst über alle Dinge; denn, wie der hl. Augustinus sagt, Buch III Über die Dreifaltigkeit, Kap. iv: „Nichts geschieht sichtbar und wahrnehmbar, was nicht vom inneren, unsichtbaren und geistigen Hofstaat des höchsten Herrschers entweder befohlen oder zugelassen wird, gemäß der unaussprechlichen Gerechtigkeit der Belohnungen und Strafen, der Gnaden und Vergeltungen, in jenem überaus weiten und unermeßlichen Gemeinwesen der gesamten Schöpfung.”

Fünftens. Derselbe hl. Augustinus: Wenn du, sagt er, einen guten Engel siehst, einen guten Menschen, einen guten Himmel; nimm den Engel weg, den Menschen, den Himmel; und was übrig bleibt, ist das Wesen der guten Dinge, das heißt Gott.

Sechstens. Ein gewisser heidnischer König sagte, Gott sei Finsternis jenseits allen Lichtes und er werde durch die Unwissenheit des Geistes erkannt.

Siebtens. Elohim ist der, der von einem Ende zum anderen mit Macht reicht und alles lieblich ordnet, wie der Weise sagt.

Achtens. Elohim ist der, in dem wir leben, uns bewegen und sind, Apg. XVII, 28.

Neuntens. „Gott, sagt der hl. Augustinus in seinen Betrachtungen, ist der, den weder der Geist erreicht, weil er unfaßbar ist; noch der Verstand, weil er unerforschlich ist; noch die Sinne wahrnehmen, weil er unsichtbar ist; noch die Zunge ausspricht, weil er unaussprechlich ist; noch die Schrift erklärt, weil er unerklärbar ist.”

Zehntens. „Gott, sagt der hl. Gregor von Nazianz in seiner Abhandlung Über den Glauben, ist das, was, wenn man es ausspricht, nicht ausgesprochen werden kann; wenn man es abschätzt, nicht abgeschätzt werden kann; wenn man es bestimmt, durch die Bestimmung selbst wächst; weil er den Himmel mit seiner Hand bedeckt, den ganzen Umkreis der Welt in seiner Faust einschließt: den alle Dinge nicht kennen und doch durch Fürchten kennen: dessen Name und Macht diese Welt dient und der augenblickliche Wechsel der einander ablösenden Elemente Zeugnis gibt.”

Elftens. „Gott ist der, der die Masse der Erde an drei Fingern aufhängt, der die Wasser mit der hohlen Hand gemessen und die Himmel mit der Spanne gewogen hat. Siehe, die Völker sind vor ihm wie ein Tropfen aus einem Eimer und werden geachtet wie ein Stäubchen auf der Waage, die Inseln wie feiner Staub. Und der Libanon reicht nicht hin zum Verbrennen, und seine Tiere reichen nicht hin zum Brandopfer. Der auf dem Erdenrund sitzt, und dessen Bewohner sind wie Heuschrecken,” Jesaja Kap. XL, V. 12, 15, 22.

Zwölftens. Gott ist der, von dem der Weise sagt, Kap. XI, V. 23: „Wie ein Stäubchen auf der Waage, so ist vor dir der Erdkreis, und wie ein Tropfen des Morgentaus, der auf die Erde fällt.”

Dreizehntens. „Die Materie ist feiner als die Luft, die Seele feiner als die Luft, der Geist feiner als die Seele, Gott selbst feiner als der Geist,” sagt Hermes Trismegistos.

Elohim als Pluralform

Anmerkung: Elohim steht im Plural, denn im Singular lautet es Eloah. Der Grund dafür ist: Erstens, weil die Hebräer große Dinge und Große ehrenhalber im Plural ansprechen; wie es auch die Lateiner tun, indem sie zum Beispiel sagen: „Wir, Philipp, König von Spanien.” So wird in Ijob XL, 10 der Elefant Behemot genannt, das heißt „Tiere”, weil er wegen der Größe seines Leibes und seiner Kraft vielen Tieren gleichkommt, wie die Hebräer lehren.

Zweitens bezeichnet der Plural Elohim die überaus große, höchste und unermeßliche Stärke und Macht Gottes im Erschaffen, Regieren und Richten.

Drittens deutet der Plural Elohim in Gott eine Vielheit der Personen an, so wie die Einheit des Wesens in Gott durch das Verb im Singular bara, das heißt „er schuf”, angedeutet wird, wie Lyra, Burgensis, Galatinus, Eugubinus, Catharinus, der Meister und die Scholastiker gegen Cajetan und Abulensis lehren, in Buch II der Sentenzen, Distinktion 1.

Die vier Ursachen der Schöpfung

Dies also sind die vier Ursachen der Schöpfung und der Geschöpfe, nämlich des Himmels und der Erde: die Materialursache ist das Nichts; die Formalursache ist die Form des Himmels und der Erde; die Wirkursache ist Gott; die Zweckursache ist das Gute, nicht Gottes, sondern unseres. Alle Geschöpfe lagen daher durch alle Ewigkeit verborgen in ihrem Nichts und in ihren Ideen im göttlichen Geist, wurden aber in der Zeit um des Menschen willen hervorgebracht. Denn Gott, der durch seine ganze Ewigkeit in sich selbst höchst selig gewesen war, wurde in keiner Weise glücklicher oder reicher; sondern durch sie wollte er sich in die Geschöpfe und in den Menschen ergießen, gleichwie das überströmende Meer sich an das Ufer ergießt.

Gott schuf also die Welt zu diesem Zweck: erstens, um dem Menschen ein königliches Haus, ja ein Königreich zu bereiten; zweitens, um ihm ein Schauspiel aller Dinge und ein Paradies jeder Art von Wonne darzubieten; drittens, um ihm ein Buch zu reichen, in dem er seinen Schöpfer sehen und lesen könnte.


Himmel und Erde: Vier Auslegungen

Erste Meinung

Erstens der hl. Augustinus, Buch I Über die Genesis gegen die Manichäer, Kap. VII: Himmel und Erde, sagt er, werden hier Urmaterie genannt, weil aus ihr der Himmel am zweiten Tag und die Erde am dritten Tag hervorgebracht werden sollte; aber es ist nicht wahrscheinlich, daß die Materie allein ohne Form erschaffen wurde, noch könnte ein solches Ding Himmel genannt werden. Höre Augustinus selbst: „Jene formlose Materie, sagt er, die Gott aus nichts gemacht hat, wurde zuerst Himmel und Erde genannt, nicht weil sie dies schon war, sondern weil sie dies sein konnte. Denn der Himmel wird als nachher gemacht beschrieben: gleichwie wir, wenn wir den Samen eines Baumes betrachten, sagen würden, Wurzeln, Stamm, Äste, Früchte und Blätter seien darin — nicht weil sie schon vorhanden sind, sondern weil sie daraus hervorgehen werden.” Fürwahr fügt derselbe Augustinus, Buch I Über die Genesis wörtlich, Kap. XIV, hinzu, daß diese Materie in demselben Zeitaugenblick mit ihrer Form begabt und geschmückt wurde. Und so wird hier lediglich ihre Erschaffung genannt, weil sie der Natur nach, nicht der Zeit nach, ihrer Form vorausging. Dieser steht nahe die Auslegung Gregors von Nyssa, der unter Himmel und Erde ein in einer allgemeinen, gemeinsamen und rohen Form zusammengehäuftes Chaos versteht, aus dem alle himmlischen und elementaren Körper herausgezogen werden sollten.

Zweite Meinung

Zweitens versteht derselbe Augustinus, Buch XI Vom Gottesstaat, Kap. IX, unter Himmel die Engel und unter Erde die formlose Urmaterie. Aber das erstere ist mystisch, und das letztere ist ebenso unwahrscheinlich.

Dritte Meinung

Drittens verstehen Pererius, Gregor von Valencia in seiner Abhandlung Über das Sechstagewerk, und andere wahrscheinlich unter Himmel alle himmlischen Sphären; und unter Erde die Erde selbst mit Wasser, Feuer und der benachbarten Luft, als ob Gott am ersten Tag der Welt alle himmlischen und elementaren Sphären erschaffen und sie in den folgenden fünf Tagen nur mit Bewegung, Licht, Sternen, Einflüssen und lenkenden Intelligenzen geschmückt hätte.

Vierte Meinung: Die Ansicht des Verfassers

Viertens ist es höchst wahrscheinlich, daß unter Himmel hier der erste und höchste verstanden wird, nämlich der Empyreum-Himmel, den Paulus den dritten Himmel nennt, David den Himmel der Himmel, und der der Sitz der Seligen ist, wie allgemein alle lehren. Am ersten Tag also schuf Gott von den Himmeln nur den Empyreum-Himmel und schmückte und vollendete ihn mit all seiner Schönheit. Denn um diesen in Ewigkeit zu bewohnen, wurden danach die Engel und die Menschen erschaffen. Und diesen nennen die Gläubigen aller Zeiten Himmel, so daß, wenn man sie fragt, wohin sie nach diesem Leben zu gehen wünschen, sie sogleich sagen: in den Himmel, nämlich den Empyreum-Himmel, um dort glücklich und selig zu sein. Daher der hl. Johannes Chrysostomus an dieser Stelle, Homilie 2: „Gott spannte, entgegen der menschlichen Gewohnheit, bei der Vollendung seines Bauwerks zuerst den Himmel aus und legte danach die Erde darunter: zuerst das Dach, und danach das Fundament;” denn das Dach des Weltgebäudes ist der Himmel, nicht der Sternen-Himmel, sondern der Empyreum-Himmel. Und der hl. Basilius, Homilie 1 über das Hexaemeron, sagt, daß „Himmel und Erde gleichsam als gewisse Fundamente und tragende Grundlagen des Universums zuerst gelegt und errichtet wurden.”

Diese Meinung wird erstens dadurch bewiesen, daß das Firmament, das heißt der achte Himmel und die benachbarten Sphären, nicht nur geschmückt, sondern tatsächlich am zweiten Tag gemacht und erschaffen wurden, wie aus Vers 6 hervorgeht: also nicht am ersten Tag. Der am ersten Tag erschaffene Himmel ist demnach kein anderer als der Empyreum-Himmel. Dies ist die Meinung des seligen Klemens, empfangen aus dem Munde des hl. Petrus; des Origenes, Theodoret, Alkuin, Rabanus, Lyra, Philo, des hl. Hilarius, des Theophilus von Antiochien, des Junilius, Beda, Abulensis, Catharinus, und vieler anderer; so sehr, daß der hl. Bonaventura diese Meinung als die verbreitetere bezeichnet und Catharinus als die wahrste.

Und die Erde

UND DIE ERDE. — Das heißt den Erdball zusammen mit dem Abgrund, das heißt der Wassermasse, die in die Erde eingegossen und über sie ausgebreitet war und sich bis zum Empyreum-Himmel erstreckte. Diese drei Dinge also wurden zuallererst erschaffen, nämlich der Empyreum-Himmel, die Erde und der Abgrund, das heißt die Wassermasse, die alles vom Empyreum-Himmel bis zur Erde einnahm; aus welchem Abgrund oder Wasser, teils verdünnt, teils verdichtet und verfestigt, alle Himmel gemacht wurden, oder das Firmament am zweiten Tag, und alle Sterne am vierten Tag: gleichwie aus gefrorenem Wasser Kristall entsteht. Dies ist die Meinung des hl. Petrus und des Klemens, des hl. Basilius, Beda, Molina, und vieler anderer, die ich bei Vers 6 anführen werde.

Und hieraus folgt, daß die Meinung jener wahrer ist, die annehmen, die Materie der Himmel und der sublunaren Dinge sei dieselbe und sie sei vergänglich. Ferner wurde die von Gott erschaffene Erde in die Mitte des Universums gesetzt, und dort steht sie fest: sowohl weil der Wille und die Macht Gottes sie beständig wie einen in der Luft schwebenden Ball hält und stützt, gemäß dem, was die ewige Weisheit in den Sprichwörtern VIII sagt: „Als er die Grundfesten der Erde legte, war ich bei ihm und ordnete alles;” als auch aus einem physischen Grund, weil nämlich die Erde unter den geschaffenen Dingen die schwerste ist und daher den niedrigsten Platz beansprucht.

Wann wurden die Engel erschaffen?

Man wird fragen: Wo und wann wurden die Engel erschaffen? Einige meinten, sie seien vor der Welt erschaffen worden: so hielten es Origenes, Basilius, Gregor von Nazianz, Ambrosius, Hieronymus, Hilarius. Andere meinten, sie seien nach der Welt erschaffen worden. Ich sage aber, daß sie zugleich mit der Welt am Anfang der Zeit erschaffen wurden, und zwar im Empyreum-Himmel: denn sie sind dessen Bürger und Bewohner; so lehren es mit dem hl. Augustinus, Gregor, Rupert und Beda der Meister und die Scholastiker.

Ja, das Laterankonzil unter Innozenz III.: „Es muß fest geglaubt werden, daß Gott von Anfang der Zeit an aus nichts beide Geschöpfe zugleich erschaffen hat: das geistige und das körperliche, das engelhafte und das weltliche.” Obwohl der hl. Thomas und einige andere meinen, diese Worte könnten anders aufgefaßt werden, scheinen sie doch zu klar und ausdrücklich, als daß sie in einen anderen Sinn verdreht werden könnten. Daher scheint unsere Meinung nun nicht nur wahrscheinlich, sondern auch als Glaubenswahrheit gewiß zu sein; denn das Konzil selbst behauptet und definiert dies.

Warum erwähnt Mose die Erschaffung der Engel nicht?

Anmerkung: Mose erwähnt die Erschaffung der Engel nicht, weil er für ungebildete und stumpfsinnige Juden schrieb, die zur Götzenanbetung neigten und leicht Engel als Götter verehrt hätten: gleichwohl deutet er sie stillschweigend an in Kap. II, 1, wenn er sagt: „So wurden vollendet die Himmel und all ihre Zier;” denn die Zier der Himmel besteht aus Sternen und Engeln. Dies also ist die gewaltige und schöne Maschine der Welt, nämlich des Himmels und der Erde, die jener große Baumeister aller Dinge aus nichts in einem Augenblick, mit dem Beginn der Zeit, hervorgebracht hat.

Bewundernswert antwortete der Philosoph Secundus, als er vom Kaiser Hadrian befragt wurde: „Was ist die Welt?” Er antwortete: „Ein unaufhörlicher Kreislauf, ein ewiger Lauf. Was ist Gott? Ein unsterblicher Geist, eine unerdenkliche Erforschung, die alles umfaßt. Was ist der Ozean? Die Umarmung der Welt, die Herberge der Flüsse, die Quelle der Regen. Was ist die Erde? Die Grundlage des Himmels, die Mitte der Welt, die Mutter der Früchte, die Nährerin der Lebenden.” Und Epiktet sagt: „Die Erde ist die Kornkammer der Ceres, die Vorratskammer des Lebens.”


Vers 2: Und die Erde war wüst und leer

Im Hebräischen heißt es, die Erde war תהו ובהו tohu vevohu, das heißt, die Erde war eine Einöde oder Leere und Nichts: denn die Erde war leer an Menschen und Vieh, wie Jonathan der Chaldäer übersetzt; ferner war sie leer an Pflanzen, Tieren, Samen, Gras, Licht, Schönheit, Flüssen, Quellen, Bergen, Tälern, Ebenen, Hügeln, Metallen und Mineralien, zu denen sie eine natürliche, sozusagen, Neigung besitzt. Daher heißt es in Weisheit XI, dass Gott „die Welt aus unsichtbarer Materie erschuf,” im Griechischen amorpho, das heißt, formlos, ungeschmückt, ungeordnet.

Daher übersetzen die Siebzig [LXX] hier: die Erde war unsichtbar und ungeordnet; Aquila: die Erde war Nichtigkeit und Nichts; Symmachus: die Erde war untätig und ungeformt; Theodotion: die Erde war Leere und Nichts; Onkelos: die Erde war wüst und leer. Denn die Erde mit dem über sie gegossenen Abgrund der Wasser war gleichsam ein leeres, rohes und ungeformtes Chaos, über das Ovid sagt:

Ein einzig Antlitz trug die Natur in aller Welt,
Das sie Chaos nannten, eine rohe, ungeformte Masse;
Nichts als träge Schwere, und zusammengehäuft auf einem Ort
Die zwieträchtigen Samen schlecht verbundener Dinge.

Daher ist es unwahrscheinlich, was Gabriel vertritt, nämlich dass dieses Chaos allein die erste Materie gewesen sei, oder nur mit einer rohen, dunklen, allgemeinen Form der Körperlichkeit bekleidet. Denn aus dieser Stelle des Mose geht klar hervor, dass zuerst Erde und Himmel erschaffen wurden; daher war die zuerst erschaffene Materie nicht formlos, sondern mit der besonderen Form des Himmels und der Erde bekleidet und durchdrungen.

Warum nicht zugleich geschmückt?

Man wird fragen: Warum hat Gott, als er am ersten Tag Himmel und Erde schuf, sie nicht zugleich vollständig und vollkommen geschmückt? Ich antworte: Der erste Grund ist sein heiliger Wille; die angemessene Erklärung ist, dass die Natur (deren Urheber Gott ist) vom Unvollkommenen zum Vollkommenen fortschreitet. Der zweite ist, damit wir lernen, dass alle Dinge von Gott abhängen, sowohl hinsichtlich ihres Anfangs als auch hinsichtlich ihrer Ausschmückung und Vollendung. Der dritte ist, damit nicht, wenn alles von Anfang an als vollkommen beschrieben würde, es für unerschaffen gehalten werde.

Welcher Geist ist hier gemeint?

Der Geist des Herrn — das heißt, ein Engel, sagt Cajetan; besser sagen die Hebräer, Theodoret und Tertullian Gegen Hermogenes, Kap. 32: Der Geist des Herrn ist ein von Gott erregter Wind. Drittens, am trefflichsten und vollständigsten: Der Geist des Herrn ist der Heilige Geist, der vom Vater und vom Sohn ausgeht und durch seine eigene Kraft, Gegenwart und Macht einen warmen Hauch über die Wasser bläst. So sagen der hl. Hieronymus, Basilius, Theodoret, Athanasius und nahezu alle anderen Väter, die aus dieser Stelle die Gottheit des Heiligen Geistes beweisen.

„Schwebte” — aus dem Hebräischen erklärt

SCHWEBTE. — Für „schwebte” steht im Hebräischen merachephet, was, wie der hl. Basilius, Diodorus und Hieronymus in den Hebräischen Fragen zur Genesis bezeugen, sich auf Vögel bezieht, wenn sie über ihren Eiern und Küken schwebend sich sanft mit leichtem Flügelschlag im Gleichgewicht halten, flattern und schwirren und dann über ihnen brüten, ihnen Wärme einhauchen, sie hegen und beleben. In gleicher Weise schwebte der Heilige Geist über den Wassern — oder, wie Tertullian liest, wurde über die Wasser getragen — nicht dem Ort oder der Bewegung nach, sondern durch eine alles überragende und übertreffende Macht, gleichwie der Wille und die Idee eines Handwerkers über den zu gestaltenden Dingen schwebt, sagt der hl. Augustinus, Buch I Über die Genesis dem Wortlaut nach, Kap. 7. Durch diesen seinen Willen und diese Macht also, zusammen mit dem warmen Hauch, den er von sich verbreitete, brütete der Heilige Geist gleichsam über den Wassern und verlieh ihnen eine zeugende Kraft, damit Kriechtiere, Vögel, Fische und Pflanzen — ja alle Himmel — aus den Wassern hervorgebracht werden konnten.

Daher singt die Kirche in der Segnung der Taufbrunnen zum Heiligen Geist: „Du, der du sie erwärmen solltest, wurdest über die Wasser getragen;” und Marius Victor sagt:

Und der heilige Geist, über den ausgebreiteten Wogen schwebend,
Belebte die nährenden Wasser und gab den Dingen den Samen.

Diesen Geist, der die Wasser und alle Dinge belebt, nannte Platon die Weltseele. Daher Vergil im sechsten Buch der Aeneis:

Ein Geist nährt von innen, und ein durch alle Glieder ergossener Sinn
Bewegt die ganze Masse und vermischt sich mit dem großen Körper.

Allegorisch

Allegorisch wird hier der Heilige Geist angedeutet, der gleichsam über den Wassern der Taufe brütet und durch sie uns zur Geburt bringt und wiedergebiert, sagt der hl. Hieronymus, Brief 83 an Oceanus.


Vers 3: Und Gott sprach: Es werde Licht

3. UND GOTT SPRACH — durch ein Wort, nicht des Mundes, sondern des Geistes, und zwar nicht ein vernünftiges, sondern ein wesenhaftes Wort, den drei Personen gemeinsam. „Er sprach” bedeutet also: Er fasste in seinem Geist, wollte, beschloss, gebot wirksam, und indem er gebot, bewirkte und erzeugte er tatsächlich — Gott, das heißt die allerheiligste Dreifaltigkeit selbst, brachte das Licht hervor. Denn Gottes Wollen ist sein Tun, sagt der hl. Athanasius, Predigt 3 Gegen die Arianer. Dennoch wird das Wort „sprach” dem Sohn zugeeignet. Daher sagt die Heilige Schrift andernorts oft, dass durch den Sohn, nämlich als das Wort und die Idee, alle Dinge erschaffen wurden, weil ja der Sohn selbst das begriffliche und eigentlich so genannte Wort ist, und folglich ihm Weisheit, Kunst und Idee zugeeignet werden; so wie dem Vater die Macht und dem Heiligen Geist die Güte zugeschrieben wird.

Schließlich sprach Gott dies nach der Erschaffung des Himmels, der Erde und des Abgrunds, aber noch während desselben Tages, der der erste Tag der Welt war.

Es werde Licht

ES WERDE LICHT. — Man beachte, dass in der Genesis und bei der Erschaffung der Welt das Licht vor allen anderen Dingen geformt wurde, weil das Licht die edelste, freudigste, nützlichste, wirksamste und mächtigste Eigenschaft ist, ohne die alle geschaffenen und noch zu schaffenden Dinge unsichtbar geblieben wären. „Aus seinen Schätzen,” sagt Esdras, Buch IV, Kap. 6, Vers 40, „brachte er ein leuchtendes Licht hervor, damit sein Werk erscheine.” Siehe den hl. Dionysius, Über die göttlichen Namen, Teil I, Kap. 4, wo er vierunddreißig Eigenschaften des Lichts und des Feuers aufzählt, die wunderbar auf Gott und göttliche Dinge passen. Und er lehrt unter anderem, dass das Licht ein lebendiges Abbild Gottes ist und deshalb zuerst von Gott erschaffen wurde, damit er sich darin wie in einem Bild abzeichne und der Welt sichtbar darstelle. „Denn aus dem Guten selbst,” sagt der hl. Dionysius, „kommt das Licht, und es ist ein Abbild der Güte.”

Denn Gott ist das unerschaffene, ewige und unermessliche Licht, das, obwohl es in unzugänglichem Licht wohnt, dennoch alle Dinge erleuchtet.

Einen schönen Vergleich gibt der hl. Basilius in der Homilie 2 über das Hexaemeron: „Wie diejenigen, die Öl in einen tiefen Strudel des Wassers gießen, jenem Ort Klarheit und Durchsichtigkeit verleihen, so brachte der Schöpfer des Alls, nachdem er sein Wort ausgesprochen hatte, sogleich durch das Licht einen lieblichen und überaus schönen Reiz in die Welt.” Der hl. Ambrosius gibt einen anderen in Buch I des Hexaemeron, Kap. 9: „Von welcher anderen Quelle sollte der Schmuck der Welt seinen Anfang nehmen als vom Licht? Denn vergeblich wäre er, wenn er nicht gesehen werden könnte. Wer ein Gebäude errichten will, das des Hausvaters würdig ist, untersucht, bevor er die Grundmauern legt, zuerst, wo er das Licht einlassen kann; und dies ist die erste Wohltat, ohne die das ganze Haus in unschöner Vernachlässigung starrt. Das Licht ist es, das die übrigen Zierden des Hauses empfiehlt.”

Was war dieses Licht?

Man wird fragen: Was war dieses Licht? Catharinus antwortet erstens, es sei die strahlendste Sonne gewesen; doch die Sonne wurde nicht am ersten Tag erschaffen, wie das Licht, sondern erst am vierten Tag. Zweitens meinen der hl. Basilius, Theodoret und Nazianz, dass hier nur die Eigenschaft des Lichts ohne ein Trägersubjekt erschaffen wurde — weshalb Nazianz dieses Licht „geistlich” nennt. Man beachte dies gegen die Häretiker, die leugnen, dass Akzidentien ohne Trägersubjekt in der Eucharistie bestehen können. Drittens und am besten vertreten Beda, Hugo, der Magister, der hl. Thomas, der hl. Bonaventura, Lyra und Abulensis, dass dieses Licht ein leuchtender Körper war — entweder ein heller Teil des Himmels, oder vielmehr des Abgrunds, der in der Gestalt eines Kreises oder einer Säule geformt der Welt entgegenstrahlte und der gleichsam das Material war, aus dem hernach, in Teile zerteilt und getrennt, vermehrt und gleichsam zu feurigen Kugeln geformt, Sonne, Mond und Sterne gemacht wurden. Daher sagt der hl. Thomas, dieses Licht sei die Sonne selbst gewesen, noch ungeformt und unvollkommen. Dasselbe behaupten Pererius und andere.

Man beachte erstens, dass dieses Licht nicht im eigentlichen Sinne erschaffen wurde, weil Gott am ersten Tag alle erste Materie erschuf und sie als Grundlage der Form der Wasser des Abgrunds hinlegte; und aus ihr hernach dieses Licht und andere Formen hervorzog. Gott erschuf also im eigentlichen Sinne am ersten Tag nur alle zu erschaffenden Dinge; an den übrigen fünf Tagen erschuf er nicht, sondern formte und schmückte das Erschaffene. Und so scheint es, dass Gott, im Begriff das Licht hervorzubringen, aus den Wassern des Abgrunds einen kugelförmigen Körper gleich einem Kristall verdichtete und diesem Licht verlieh.

Man beachte zweitens, dass dieser leuchtende Körper während der ersten drei Tage der Welt — das heißt bevor die Sonne am vierten Tag erschaffen wurde — von einem Engel von Osten nach Westen bewegt wurde und in derselben Weise und Zeit wie die Sonne, nämlich in vierundzwanzig Stunden, beide Halbkugeln des Himmels umkreiste und erleuchtete, wie es jetzt die Sonne tut.

Tropologisch

Tropologisch sagt der Apostel in 2 Korinther 4,6: „Gott, der gesprochen hat, dass aus der Finsternis Licht erstrahle, hat selbst in unseren Herzen geleuchtet,” als wolle er sagen: Wie Gott einst in der Genesis aus der Finsternis Licht hervorbrachte, so hat er nun aus Ungläubigen uns zu Gläubigen gemacht und mit dem Licht des Glaubens erleuchtet. Ferner bedeutet das zuerst von allem erschaffene Licht die rechte Absicht des Geistes, die allen unseren Werken vorausgehen und sie lenken soll, sagt Hugo von Sankt Viktor.

Außerdem ist das Licht Erkenntnis und Weisheit. Daher sagt der hl. Augustinus: „Zuerst wurde das Licht erschaffen,” das heißt, „die Weisheit wurde vor allen Dingen geschaffen” (Jesus Sirach 1,4). „Das Licht deines Antlitzes, Herr, ist über uns aufgeprägt.” Schließlich ist das Licht Gesetz und Lehre, besonders das Evangelium, gemäß Sprichwörter 6,23: „Das Gebot ist eine Leuchte, und das Gesetz ist Licht.” Daher singt Jesaja über das Evangelium in Kapitel 9,2: „Das Volk, das in der Finsternis wandelte, hat ein großes Licht gesehen.”

Symbolisch und allegorisch

Symbolisch bedeutet „es werde Licht” soviel wie „es werde ein Engel”, sagt der hl. Augustinus. Doch dies kann nicht der Literalsinn sein, weil die Engel vor dem Licht erschaffen wurden, zusammen mit Himmel und Erde. Zweitens bezieht derselbe hl. Augustinus dies auf die ewige Zeugung des Wortes Gottes: Gott der Vater sprach: „Es werde Licht,” das heißt, es werde das Wort, gleichsam Licht vom Licht. Doch auch dies ist symbolisch, nicht wörtlich.

Allegorisch ist Christus, der Fleischgewordene, das Licht der Welt, Johannes 8,12: „Er war das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt.” Daher teilen denselben Namen mit Christus die Apostel, Lehrer und Prediger, zu denen er in Matthäus 5 spricht: „Ihr seid das Licht der Welt.” Darüber spricht der hl. Basilius vortrefflich in seiner Homilie Über die Buße: „Seine eigenen Vorrechte schenkt Jesus anderen. Er ist das Licht: ‚Ihr seid das Licht der Welt,' sagt er. Er ist Priester und macht Priester. Er ist ein Schaf und sagt: ‚Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter Wölfe.' Er ist ein Fels und macht einen Fels (den hl. Petrus). Was sein eigen ist, schenkt er seinen Dienern. Denn Christus ist gleich einem ewig fließenden Quell.”

Anagogisch bezeichnet das Licht das Licht der Herrlichkeit und den Glanz der beseligenden Schau, gemäß Psalm 36,10: „In deinem Licht werden wir das Licht schauen.” Daher stellte Christus die himmlische Herrlichkeit in seiner Verklärung durch Licht dar: „Denn sein Angesicht leuchtete wie die Sonne,” Matthäus 17,2.


Vers 4: Und Gott sah, dass das Licht gut war

4. UND GOTT SAH, DASS DAS LICHT GUT WAR. — „Er sah,” das heißt, er ließ uns sehen und erkennen, sagt der hl. Hieronymus, Brief 15. Zweitens, klarer und einfacher, wird Gott hier von Mose durch eine Art literarische Charakterisierung nach Art der Menschen wie ein Handwerker eingeführt, der sein Werk vollendet hat, es betrachtet und sieht, dass es schön und gelungen ist — und dies zu dem Zweck: dass wir gegen die Manichäer wissen, dass von Gott nichts Böses, sondern alles Gute hervorgebracht wurde. Gelehrt sagt der hl. Augustinus in den Sentenzen, Nr. 144: „Drei Dinge vor allem über die Beschaffenheit der Schöpfung mussten uns mitgeteilt werden: wer sie gemacht hat, wodurch er sie gemacht hat, und warum er sie gemacht hat. ‚Gott sprach: Es werde Licht, und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war.' Kein Urheber ist vortrefflicher als Gott; keine Kunst ist wirksamer als das Wort Gottes; keine Ursache ist besser, als dass das Gute vom Guten geschaffen werde.”

GUT. — Das hebräische tob bedeutet alles Gute, Schöne, Angenehme, Nützliche und Vorteilhafte: denn das Licht ist der Welt höchst angenehm ebenso wie höchst nützlich.

Wie schied er das Licht von der Finsternis?

UND ER SCHIED DAS LICHT VON DER FINSTERNIS. — Das Hebräische und die Septuaginta haben: Er schied zwischen dem Licht und der Finsternis. Er schied erstens dem Ort nach: denn während hier Licht und Tag ist, ist bei den Antipoden Nacht und Finsternis. Zweitens der Zeit nach: denn auf derselben Halbkugel folgen abwechselnd und zu verschiedenen Zeiten Licht und Finsternis, Nacht und Tag aufeinander. Drittens der Ursache nach: denn die Ursache des Lichts ist eines, nämlich ein leuchtender Körper, und die Ursache der Finsternis ein anderes, nämlich ein undurchsichtiger Körper. Mose hat hier hauptsächlich das Zweite im Blick, als wolle er sagen: Gott bewirkte, dass nach dem von ihm erschaffenen Licht Finsternis und Nacht folgten. Daher folgt: „Und er nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht.”

Wann wurde die Hölle erschaffen?

Man mag fragen: Wann wurde die Hölle erschaffen? Ludwig Molina meint, sie sei am dritten Tag erschaffen worden. Doch wahrer ist, dass die Hölle an dieser Stelle erschaffen wurde, nämlich am ersten Tag; denn da die Engel überaus schnell sind und augenblickliche Akte haben, ist es durchaus wahrscheinlich, dass sie am ersten Tag sündigten, nicht lange nach ihrer Erschaffung, und daher sogleich vom Himmel in die Hölle gestoßen wurden, die Gott sogleich nach ihrer Sünde als Kerker und Folterbank mit Feuer und Schwefel für sie im Mittelpunkt der Erde bereitete.

Am ersten Tag also, wie Gott das Licht von der Finsternis schied, so schied er die Engel von den Dämonen, die Gnade von der Sünde, die Herrlichkeit von der Strafe, den Himmel von der Hölle.

Allegorisch bemerken Hugo und andere, dass am ersten Tag, als das Licht geschaffen und von der Finsternis geschieden wurde, die guten Engel im Guten und in der Gnade befestigt wurden, die bösen aber im Bösen befestigt und von den guten getrennt wurden; und so war das, was in der sichtbaren Welt geschah, ein Abbild dessen, was in der geistigen Welt geschah.


Vers 5: Und er nannte das Licht Tag

5. UND ER NANNTE DAS LICHT TAG UND DIE FINSTERNIS NACHT. — Im Wort „nannte” liegt eine Metonymie; denn das Zeichen steht für die bezeichnete Sache, als wolle er sagen: Gott bewirkte, dass das Licht, für die ganze Zeit, da es eine Halbkugel erleuchtet, Tag bewirke und die Finsternis Nacht. So der hl. Augustinus, Buch I Über die Genesis gegen die Manichäer, Kap. 9 und 10.

UND ES WARD ABEND UND MORGEN, EIN TAG. — Ich halte es für gewisser, dass Himmel und Erde nicht vorher, sondern am allerersten Tag selbst erschaffen wurden. Nun sage ich, es sei wahrscheinlicher, dass die Welt gleichsam am Morgen erschaffen wurde und dass dann Finsternis über dem Erdball und dem Abgrund lag — während welcher Zeit der Geist des Herrn über den Wassern schwebte, wie aus Vers 2 hervorgeht. Dann etwas später, bei Vers 3, nach sechs Stunden um die Mittagszeit, wurde das Licht in der Mitte des Himmels erschaffen, welches, nachdem es seine Bewegung von sechs Stunden vollendet hatte, in denen es von der Himmelsmitte nach Westen sich neigte, den Abend gleichsam als seinen Endpunkt hervorbrachte; so dass Finsternis und Licht zusammen nicht mehr als zwölf Stunden dauerten. Darauf folgte eine Nacht von ebenfalls zwölf Stunden, deren Endpunkt der Morgen ist. Denn Mose benennt hier Tag und Nacht nach ihrem Endpunkt, Abend und Morgen, als wolle er sagen: Als der Lauf des Tages durch den darauffolgenden Abend vollendet war und auch die Spanne der Nacht durch den darauffolgenden Morgen vollendet war, war der erste Tag von vierundzwanzig Stunden vollständig.

Der erste Tag der Welt war ein Sonntag

„Ein” bedeutet erster, wie aus Vers 8 und 13 hervorgeht. Dieser erste Tag der Welt war ein Sonntag; denn der siebte von ihm an war der Sabbat. Siehe die dreizehn Vorzüge des Sonntags bei Pererius am Ende seiner Behandlung des ersten Tages.

Nicht alle Dinge wurden an einem Tag erschaffen

Man beachte, dass der hl. Augustinus, Buch IV Über die Genesis dem Wortlaut nach und Buch XI Über den Gottesstaat, Kap. 7, diese Tage mystisch verstanden wissen will; denn er scheint der Meinung zu sein, dass alle Dinge zugleich von Gott am ersten Tag erschaffen wurden und dass Mose durch die sechs Schöpfungstage die verschiedenen Erkenntnisweisen der Engel bezeichne. Dasselbe lehrt Philo. Doch das Gegenteil lehren alle übrigen Väter, und die einfache und geschichtliche Erzählung des Mose beweist es vollständig. Daher ist es nunmehr irrig zu sagen, alle Dinge seien an einem einzigen Tag hervorgebracht worden. Der hl. Augustinus spricht zweifelnd und erörternd über eine Frage, die, wie er selbst sagt, damals höchst schwierig war.

Man wird einwenden: Jesus Sirach 18,1 sagt: „Der in Ewigkeit lebt, hat alle Dinge zugleich erschaffen.” Ich antworte: Das Wort simul (zugleich) ist nicht auf „erschaffen” zu beziehen, sondern auf „alle Dinge,” als wolle er sagen: Gott hat alle Dinge in gleicher Weise erschaffen, ohne Ausnahme. Daher steht im Griechischen für simul koine, das heißt „insgemein.”

Im sittlichen Sinne wendet der hl. Chrysostomus in seiner Homilie Dass der Mensch über jedes Geschöpf gesetzt ist aus dem Tag, dem Licht und den übrigen Geschöpfen scharfe Ansporne für den Menschen an, Gott zu dienen. „Für dich wird der Himmel bei Tag mit dem Glanz des Lichts bekleidet und mit den Strahlen der Sonne geschmückt: bei Nacht wird das Himmelsgewölbe selbst durch den klarsten Spiegel des Mondes und den vielfältigen Glanz der Sterne erleuchtet. Für dich werden die Jahreszeiten in wechselnder Folge verändert, die Wälder werden grün, die Felder werden lieblich, die Wiesen ergrünen, die Lebewesen bringen ihre Jungen hervor, die Quellen sprudeln, die Flüsse strömen.” Und: „Was wäre, wenn die ganze Natur beständig zu dir spräche: ‚Ich bin vom Herrn aller Dinge, dir zu gehorchen, bestimmt: ich gehorche, ich füge mich, ich diene, und obgleich er sich ändert, ändere ich mich nicht. Dem Aufrührer gehorche ich; dem Übermütigen füge ich mich; dem Verächter diene ich.' Wer bist du, der du in dieser Verachtung verharrst? Du gebietest dem Geschöpf und dienst nicht dem Schöpfer? Fürchte den geduldigen Herrn, damit du ihn nicht als strengen Richter erfährst. Selbst wenn du die ganze Zeit deines Lebens in Danksagung zubrächtest, könntest du nicht zurückzahlen, was du schuldest. Der Sünder begeht ein zweifaches Verbrechen: sowohl dass er dem Herrn den schuldigen Gehorsam des Dienstes nicht leistet, als auch dass er durch das Sündigen seine unzähligen Wohltaten mit Schmähung zu vergelten trachtet.”


Über das Werk des zweiten Tages

Am ersten Tag im Aufbau der Welt erschuf und machte Gott die Erde als Fundament und setzte über sie den Empyreischen Himmel als Dach; das Übrige dazwischen war ein Chaos, oder jener Abgrund der Wasser, den er an diesem zweiten Tag entfaltet, ordnet und gestaltet.


Vers 6: Es werde eine Feste

6. ES WERDE EINE FESTE INMITTEN DER WASSER, UND SIE SCHEIDE DIE WASSER VON DEN WASSERN. — „Feste” heißt im Hebräischen rakia, dessen Wurzel raka nach dem hl. Hieronymus und anderen hochgelehrten Hebräern ausbreiten, ausspannen und durch Ausspannen festigen und verfestigen bedeutet — etwas, das zuvor flüssig und dünn war. Wie geschmolzenes Erz durch Gießen ausgespannt und verdichtet wird, so wird hier das zu den Himmeln verdichtete Wasser im Griechischen stereoma, im Lateinischen firmamentum genannt: denn die Feste ist gleichsam eine Mauer inmitten der Wasser, zwischen die beiden Wasser, die oberen und die unteren, gestellt, die sie voneinander trennt und zurückhält.

Man wird fragen: Was ist diese Feste, und was sind die Wasser oberhalb der Feste?

Erste Meinung

Erstens verstand Origenes unter den oberen Wassern die Engel und unter den unteren die Dämonen; doch dies ist eine origenistische und allegorische Phantasterei.

Zweite Meinung

Zweitens fassen Bonaventura, Lyra, Abulensis, Cajetan, Catharinus und andere die oberen Wasser als den kristallenen Himmel auf. Doch dies wird allzu uneigentlich Wasser genannt.

Dritte Meinung

Drittens vertreten Rupert, Eugubinus, Pererius und Gregor von Valencia, die Feste sei die mittlere Region der Luft, die am zweiten Tag zur Feste gemacht wurde, das heißt zu einem Zwischenraum, der die oberen Wasser, nämlich die Wolken, von den unteren Wassern der Flüsse und Quellen trennt.

Vierte Meinung: die wahre

Ich aber sage, dass die Feste der Sternenhimmel ist und alle ihm benachbarten Himmelssphären, sowohl die niedrigeren als auch die höheren bis zum Empyreum. Und so befinden sich über allen Himmeln, unmittelbar unter dem Empyreischen Himmel, wahre und natürliche Wasser. Calvin verlacht dies; doch törichterweise, denn diese Meinung wird durch die einfachste und geschichtliche Erzählung des Mose bewiesen. Denn die Feste und das hebräische rakia bezeichnen nicht die Luft oder die Wolken, sondern eigentlich den Sternenhimmel und die Himmelssphären.

Diese Wasser wurden über die Himmel gesetzt sowohl zur Zierde des Weltalls als auch vielleicht zur Wonne der im Empyreischen Himmel weilenden Heiligen. Und „die Autorität dieser Schrift ist größer, sagt der hl. Augustinus, als alle Fassungskraft des menschlichen Geistes.”

Warum sagte Mose an diesem Tag nicht: „Und Gott sah, dass es gut war”?

Catharinus und Molina antworten: Der Grund ist, dass die Feste noch unvollendet war. Vielleicht wäre die beste Antwort, dass Mose die drei Werke der göttlichen Scheidung — erstens des Lichts von der Finsternis, zweitens der oberen Wasser von den unteren, drittens der Wasser von der Erde — in eine einzige abschließende Wendung zusammenfasste, wenn er in Vers 10 sagt: „Und er sah, dass es gut war.”

Die Septuaginta hat hier wie an den anderen Tagen „und Gott sah, dass es gut war;” im Hebräischen, Chaldäischen, bei Theodotion, Aquila, Symmachus und in der Vulgata fehlt dies jedoch.

Im sittlichen Sinne ist die Feste die Festigkeit und Beständigkeit der auf Gott und die Himmel gerichteten Seele, die standhaft die oberen Wasser, das heißt die Glücksfälle, und die unteren, das heißt die Widrigkeiten, trägt. Der Mensch ist ein Abbild des Himmels: erstens hat er ein rundes Haupt wie der Himmel; zweitens sind die zwei Augen gleichsam Sonne und Mond; drittens weil er eine Seele vom Himmel empfing, die der Gottes und der Engel ähnlich ist; viertens weil coelum (Himmel) von celare (verbergen) abgeleitet wird, wie der hl. Bernhard sagt, weil im Himmel vieles uns verborgen und verhüllt ist: so sind im Menschen der Geist, der Gedanke und die Geheimnisse des Herzens verborgen; fünftens, wie Christus der Himmel der Gottheit und der Tugenden ist, so ist es auch der Christ, in dem der Mond der Glaube, der Abendstern die Hoffnung, die Sonne die Liebe und die übrigen Sterne die anderen Tugenden sind, sagt der hl. Bernhard, Predigt 27 über das Hohelied.


Vers 8: Und Gott nannte die Feste Himmel

8. UND GOTT NANNTE DIE FESTE HIMMEL. — Coelum (Himmel) leitet sich im Lateinischen von celare, das heißt verbergen, ab, weil er alle Dinge verbirgt und bedeckt: so der hl. Augustinus; oder, wie der hl. Ambrosius sagt, coelum heißt gleichsam caelatum, das heißt, mit verschiedenen Sternen eingraviert. Doch Mose schrieb auf Hebräisch, nicht auf Lateinisch; und Gott sprach auf Hebräisch und nannte die Feste schamaim, aus dem oben angegebenen Grund.

UND ES WARD ABEND UND MORGEN, DER ZWEITE TAG. — Man denke nicht, dass Gott wie ein Handwerker den ganzen Tag mit diesem Bau der Feste beschäftigt war; vielmehr machte er sie plötzlich, in einem Augenblick, und bewahrte sie den ganzen übrigen Tag hindurch.


Über das Werk des dritten Tages


Vers 9: Es sammle sich das Wasser

9. ES SAMMLE SICH DAS WASSER, DAS UNTER DEM HIMMEL IST, AN EINEN ORT, UND ES ERSCHEINE DAS TROCKENE.

An welchen Ort wurde das Wasser gesammelt?

Man kann fragen, wie dies geschah. Erstens meinen einige, das Meer sei in die andere Erdhälfte gesammelt worden, sodass jener Teil der Erde gänzlich mit Wasser bedeckt und unbewohnbar gewesen sei, und es folglich keine Antipoden gebe. So Prokopius, und auch der hl. Augustinus widerspricht dem nicht. Doch das Gegenteil steht fest durch die täglichen Fahrten der Portugiesen und Spanier nach Indien.

Zweitens meinen Basilius, Burgensis, Catharinus und der hl. Thomas, das Meer sei hier von der Erde getrennt worden, sodass es höher gelegen sei. Aus dieser Auffassung lässt sich leicht erklären, weshalb selbst an hochgelegenen Orten Quellen und Flüsse hervorbrechen: nämlich weil sie durch unterirdische Adern aus dem Meer aufsteigen, das höher liegt als die Erde.

Erde und Wasser bilden eine einzige Kugel

Ich sage erstens: Erde und Wasser bilden eine einzige Kugel; folglich ist das Wasser nicht höher als die Erde. Dies ist die allgemeine Auffassung der Mathematiker, Molinas, Pererius', Cajetans, des hl. Hieronymus, des hl. Chrysostomus und des hl. Johannes von Damaskus. Und es wird erstens bewiesen durch die Mondfinsternis, die eintritt, wenn die Erde zwischen Sonne und Mond geschoben wird. Denn diese Finsternis wirft den Schatten nur einer Kugel, nicht zweier: also sind Erde und Meer nicht zwei, sondern eine Kugel. Zweitens, weil jeder Tropfen Wasser und jeder Teil der Erde überall zum selben Mittelpunkt herabsinken. Drittens, weil Küsten und Inseln über die Gewässer emporragen. Viertens aus der Heiligen Schrift: „Er selbst hat sie über die Meere gegründet” (Ps 23,2); „Der die Erde über den Wassern befestigt hat” (Ps 135,6).

Warum heißt es, die Wasser seien gesammelt worden?

Ich sage zweitens: Die Wasser wurden an diesem dritten Tag gesammelt, erstens, weil Gott bewirkte, dass das Süßwasser größtenteils dichter wurde, indem erdhafte Ausdünstungen in es hineingehäuft wurden, wodurch das Meer salzig wurde — sowohl damit es nicht faulte, als auch damit es Nahrung für die Fische biete, als auch damit es Schiffe leichter tragen könne. So also zog sich das durch Gottes Wirken dichter gewordene Wasser zusammen, nahm eine geringere Fläche der Erde ein als zuvor und ließ einen Teil der Erde trocken zurück.

An diesem dritten Tag wurden die Berge geschaffen

Zweitens ließ Gott — nicht nach der Sintflut, wie einige meinen, sondern an diesem dritten Tag der Welt — die Erde teils absinken und teils aufsteigen. Daher entstanden Berge und Täler; ebenso verschiedene Spalten und Hohlräume in der Erde, in die sich das Meer gleichsam wie in Flussbetten zurückzog.

Die Hohlräume unter der Erde

Drittens schuf Gott an diesem dritten Tag die größten Hohlräume unter der Erde selbst und füllte sie mit einer überaus großen Menge an Wasser, die von vielen der Abgrund oder die Tiefe genannt wird; und sie ist durch verschiedene Kanäle mit dem Meer verbunden und gilt als der Ursprung und die Quelle aller Quellen und Flüsse. Was also die Leber im Menschen ist, das ist dieser Abgrund der Wasser in den Höhlen der Erde.

Wie das Wasser an einen Ort gesammelt wurde

Ich sage drittens: Die Wasser werden als an einen Ort gesammelt bezeichnet, das heißt an einen von der Erde getrennten Ort, damit die Erde trocken und bewohnbar werde. Denn Gott wollte die Wasser durch verschiedene Rinnen und Buchten in die Erde einmischen, sowohl damit die Erde durch sie bewässert und fruchtbar gemacht werde, als auch damit sie durch Meereswinde zur Gesundheit und Fruchtbarkeit durchlüftet werde.

Theodoret bemerkt, dass das tobende Meer nicht so sehr durch seine Ufer als vielmehr durch Gottes Gebot wie durch einen Zaum zurückgehalten wird: andernfalls würde es oft alles durchbrechen und überfluten. Daher heißt es, Gott habe dem Meer seine Grenze gesetzt, die es nicht überschreiten kann. Der hl. Basilius fragt: „Was würde das Rote Meer daran hindern, mit seiner überbordenden Flut in ganz Ägypten einzubrechen, das so viel tiefer liegt als das Meer selbst, wenn es nicht durch das Gebot des Schöpfers zurückgehalten würde?” Plinius berichtet, dass Sesostris, der König von Ägypten, als erster daran dachte, einen schiffbaren Kanal vom Roten Meer zu graben, aber durch die Furcht vor Überschwemmung davon abgeschreckt wurde, da sich herausstellte, dass das Rote Meer drei Ellen höher lag als das Land Ägypten.

ES ERSCHEINE DAS TROCKENE — das zuvor schlammig und mit Wasser bedeckt war: daher lautet das Hebräische für „Trockenes” iabesa, das heißt „ausgetrocknet”, damit es bewohnt, besät werden und Frucht bringen konnte; „trocken” bedeutet also nicht dasselbe wie „sandig”, sondern „ohne stehendes Wasser”. Denn etwas süße Feuchtigkeit blieb in der Erde zurück, um sie fruchtbar zu machen.


Vers 10: Und Gott nannte das Trockene Erde

10. UND GOTT NANNTE DAS TROCKENE ERDE, UND DIE ANSAMMLUNGEN DER WASSER NANNTE ER MEERE.

Dies ist eine Prolepse (Vorwegnahme). Denn nicht an diesem dritten Tag, sondern am sechsten Tag, als er Adam bildete und ihm die hebräische Sprache einpflanzte, nannte Gott das Trockene auf Hebräisch erets, das heißt Erde; und die Ansammlungen der Wasser nannte er iammim, das heißt Meere.

Etymologien von erets (Erde)

Anmerkung: „Erde” heißt auf Hebräisch erets, entweder von der Wurzel ratsats, das heißt „zertreten”, weil sie von Menschen und Tieren zertreten und bewohnt wird (gleichwie terra von terere, „zerreiben”, abgeleitet wird); oder von der Wurzel ratsa, das heißt „wollen, begehren”, weil sie stets danach verlangt, Frucht zu bringen; oder von der Wurzel ruts, das heißt „laufen”, weil auf ihr Menschen und Tiere wohnen und laufen, und alle schweren Dinge zu ihr als dem Tiefsten herabsinken und -laufen, während alle Elemente und alle Himmelssphären um sie kreisen. Von dem hebräischen erets leiten einige das deutsche Wort „Erde” ab.

Ferner werden „Meere” auf Hebräisch iammim genannt, nach der Fülle und Menge der Wasser: denn iammim ist durch Umstellung des Buchstaben Jod dasselbe wie maim, das heißt Wasser. Wiederum spielt iammim auf die Wurzel hama an, das heißt „tönen, brausen”, wie das Meer braust.


Vers 11: Es lasse die Erde aufsprossen

11. ES LASSE DIE ERDE GRAS AUFSPROSSEN. — „Es lasse aufsprossen” bedeutet nicht, dass sie aktiv hervorbringt, wie Cajetan und Burgensis meinen, sondern nur den Stoff darbietet: denn bei der ersten Erschaffung der Dinge brachte Gott allein durch sich selbst wirkend und wirksam, und zwar augenblicklich, alle Keime und Pflanzen hervor; und zwar in gehöriger und vollkommener Größe, wie der hl. Thomas lehrt, I. Teil, Frage LXX, Artikel 1. Ja, der Psalmist sagt, Psalm 103,14: „Der Gras hervorbringt für das Vieh und Kraut zum Dienste der Menschen.” Nunmehr aber wirkt die Erde auch wirksam bei der Hervorbringung der Pflanzen mit, besonders wenn sie mit Samen durchsetzt ist.

Ferner bewundert der hl. Basilius, und das mit Recht, die Vorsehung Gottes bei den Keimlingen, die Halme emportreibt, gleich an Zahl den Wurzeln. „Der Keim, während er beständig erwärmt wird, zieht durch seine Würzelchen jene Feuchtigkeit empor, welche die Kraft der Wärme aus der Erde hervorlockt. Sieh, wie die Weizenhalme mit Knoten umgürtet sind, damit sie, durch diese gleichsam wie durch gewisse Bänder gestärkt, die Last der Ähren leicht tragen und halten können. In der Hülse überdies hat er das Korn verborgen, damit es nicht den kornsammelnden Vögeln als Beute ausgesetzt sei; zudem wehrt er durch den Wall der Grannen gleichsam wie durch vorgehaltene Waffen den Schaden der kleinen Tiere ab.” Dann wendet er dies sinnbildlich auf den Menschen an und sagt, Gott „habe unsere Sinne in die Höhe erhoben und nicht zugelassen, dass wir zu Boden geworfen würden. Er will auch, dass wir uns gleichsam wie mit gewissen Ranken durch Umarmungen der Liebe an unsere Nächsten anlehnen und ihnen anhangen, damit wir mit beständiger Zuneigung empor getragen werden.”

„Und Samen tragend” — als wolle er sagen: Die Erde bringe Gras hervor, das Samen zur Fortpflanzung seiner Art erzeugen kann.

„UND DEN FRUCHTBAUM” — das heißt einen fruchttragenden Baum, wie es im Hebräischen lautet.

„Dessen Samen in ihm selbst sei” — der die Kraft hat, seinesgleichen zu erzeugen durch den Samen, den er in sich selbst hat. Denn viele Pflanzen haben keinen Samen im eigentlichen Sinne, wie sich zeigt bei Weide, Gras, Minze, Krokus, Knoblauch, Schilf, Ulmen, Pappeln usw.; aber diese haben etwas anstelle des Samens, nämlich in ihren Wurzeln eine gewisse Fortpflanzungskraft. Und dies zu dem Zweck, dass, obwohl die einzelnen Pflanzen vergehen, sie dennoch im Samen und in der Frucht fortbestehen, die sie aus sich hervorbringen; und so eine gewisse Quasi-Unsterblichkeit und Ewigkeit erlangen.


Vers 12: Und die Erde brachte hervor

12. DIE ERDE BRACHTE HERVOR. — Hieraus geht hervor, dass die Erde an diesem dritten Tag nicht bloß die Kraft erhielt, Pflanzen hervorzubringen, wie der hl. Augustinus zu meinen scheint; sondern in eben dem Augenblick, da Gott befahl, brachte die Erde tatsächlich alle Pflanzenarten hervor, und zwar ausgewachsene, viele sogar mit reifer Frucht: denn Gottes Werke sind vollkommen. So der hl. Basilius und der hl. Ambrosius.

Dasselbe sage ich von den Tieren und dem Menschen, die am sechsten Tag erschaffen wurden, nämlich dass alle in vollkommener Größe, Kraft und Stärke erschaffen wurden, wie die Kirchenlehrer allgemein lehren. Aus dem Gesagten folgt, dass an diesem dritten Tag auch das Paradies gepflanzt und mit einer wunderbaren Vielfalt und Schönheit der Bäume geschmückt wurde, worüber man in Kapitel II nachsehe.

Giftige Kräuter und Dornen

Man beachte, dass die Erde an diesem dritten Tag auch giftige Kräuter hervorgebracht hat, ebenso die Rose mit ihren Dornen: denn diese sind der Rose gleichsam wesensgemäß und ihr angeboren. Einige bestreiten dies und meinen, vor dem Sündenfall des Menschen habe die Erde nichts Schädliches hervorgebracht. Doch das Gegenteil lehren der hl. Basilius und der hl. Ambrosius, und dies ist die zutreffendere Ansicht: sowohl damit ihre Schönheit dem Weltall nicht fehle, als auch weil das, was dem Menschen giftig ist, anderen Dingen nützt und anderen Tieren dienlich ist. „Stare”, sagt der hl. Basilius, „ernähren sich von Schierling und werden dennoch vom Gift nicht ergriffen. Nieswurz aber ist Nahrung für Wachteln, und sie erleiden daraus keinerlei Schaden.” Auch weil dieselben Dinge dem Menschen nützlich sind: „Denn durch Alraune rufen Ärzte den Schlaf herbei, und mit dem Saft des Mohns stillen sie heftige Körperschmerzen.” Auch weil Gott vor der Sünde Adams während der sechs Schöpfungstage schlechthin alle Arten der Dinge hervorgebracht und das Universum vollkommen gemacht hat, und nach diesen sechs Tagen keine neue Art mehr erschuf. Daher sage ich dasselbe über Wölfe, Skorpione und andere schädliche Tiere, nämlich dass sie zusammen mit den unschädlichen am fünften Tag hervorgebracht wurden. Doch hätte keines davon dem Menschen schaden können, wenn er in der Unschuld verblieben wäre; welche Unschuld die Klugheit forderte und einschloss, nämlich dass er die Rosen vorsichtig behandle, damit er nicht auf die Dornen stoße.

Mineralien und Winde

Man beachte zweitens: Da dieser dritte Tag derjenige ist, an dem Gott die Erde vollkommen gestaltete und schmückte, ist es aus diesem Grunde durchaus wahrscheinlich, dass an eben diesem Tag auch Marmor, Metalle, Mineralien und alle Fossilien hervorgebracht wurden, ebenso die Winde. Denn ohne Winde könnten weder Pflanzen noch Menschen leben oder gedeihen.

Schließlich meint Molina, die Hölle sei an diesem Tag im Mittelpunkt der Erde hervorgebracht worden. Doch ich habe oben schon gesagt, dass es zutreffender ist, dass sie am ersten Tag, sogleich nach dem Sturz Luzifers, hervorgebracht wurde.

Nicht im Herbst, sondern im Frühling wurde die Welt erschaffen

Man kann fragen: Zu welcher Jahreszeit wurde die Welt von Gott erschaffen? Viele meinen, zur herbstlichen Tagundnachtgleiche, da dann die Früchte reif sind. Doch ich antworte: Es ist zutreffender, dass die Welt zur Frühlingstagundnachtgleiche erschaffen wurde. Erstens, weil dies alle Väter allgemein lehren. Ja sogar die Dichter, wie Vergil im zweiten Buch der Georgica, wo er vom ersten Ursprung der werdenden Welt spricht:

„Frühling war es; den großen Frühling feierte der Erdkreis,
Und die Ostwinde sparten ihre winterlichen Stürme.”

Zweitens, weil der Frühling die schönste Jahreszeit ist; und eine solche ziemte der Glückseligkeit des Standes der Unschuld, und im Frühling wurde die Welt durch Christus erlöst und neu erschaffen. Drittens, weil eben dies das Konzil von Palästina bestimmte, das unter Papst Viktor im Jahre Christi 198 abgehalten wurde. Dieses Konzil beweist seine Ansicht aus dem Wort „es lasse aufsprossen”: denn im Frühling beginnt die Erde zu sprossen. Es lehrt auch, dass die Welt zur Frühlingstagundnachtgleiche erschaffen wurde, und beweist dies daraus, dass Gott damals Licht und Finsternis in gleiche Teile schied, was zur Tagundnachtgleiche geschieht. Es fügt hinzu, dass der erste Tag der Welt der 25. März war, an dem auch der seligen Jungfrau die Verkündigung geschah und Christus in ihr Fleisch annahm, und an dem er nach 34 Jahren entweder litt oder von den Toten auferstand. Es ist gewiss, dass dieser Tag ein Sonntag war.

Auf das Argument der Hebräer antworte ich, dass am Anfang der Welt nicht alle und nicht überall reife Früchte an diesem dritten Tag hervorgebracht wurden; sondern Gott brachte in Pflanzen und Bäumen hervor: in einigen freilich Blätter, in anderen die schönsten Blüten, in einigen reifende Früchte, in anderen reife Früchte, je nach Art, Beschaffenheit und Lage sowohl der Pflanze und des Baumes als auch der jeweiligen Gegend.


Über das Werk des vierten Tages

Vers 14: Es werden Lichter an der Feste

14. ES WERDEN LICHTER AN DER FESTE. — Man wird fragen, wie dies geschah. Man beachte erstens, dass „Feste” hier nicht nur den achten, den Fixsternhimmel, bedeutet, sondern für die Ausdehnung aller himmlischen Sphären genommen wird. Denn alle diese bezeichnet das hebräische Wort rakia; und Mose spricht zu den ungebildeten Hebräern, die diese Sphären nicht zu unterscheiden wussten.

Die Gestirne sind nicht beseelt. Man beachte zweitens: Obwohl Platon behauptet und der hl. Augustinus, Enchiridion Kap. 58, in Frage stellt, ob Sonne, Mond und Sterne beseelt und mit Vernunft begabt seien und folglich dereinst zusammen mit den Menschen und Engeln selig werden könnten, so ist doch nunmehr gewiss, dass weder die Himmel vernunftbegabt noch die Sterne es sind; denn weder die Himmel noch die Sterne besitzen einen organischen Körper. Überdies zeigt ihre kreisförmige, beständige und naturgemäße Bewegung an, dass das Prinzip ihrer Bewegung, nämlich ihre Natur, nicht frei oder vernunftbegabt, sondern unbelebt und gänzlich bestimmt ist: so der hl. Hieronymus zu Jesaja 25 und die Väter und Philosophen allgemein. Daher irrt Philo, der nach seiner Gewohnheit platonisiert, in seinem Buch „Über die Schöpfung in sechs Tagen”, wenn er lehrt, die Sterne seien verstandesbegabte Lebewesen. Ebenso irrt Philastrius, wenn er sagt: Es sei eine Häresie zu behaupten, die Sterne seien am Himmel befestigt, da es gewiss sei, dass sie sich am Himmel bewegen, gleichwie sich die Vögel in der Luft bewegen und die Fische im Wasser schwimmen. Denn das Gegenteil lehren alle Astronomen, nämlich dass die Sterne an ihrer Sphäre befestigt sind und sich mit ihr bewegen und drehen, das heißt mit dem achten oder Fixsternhimmel.

Die Sterne unterscheiden sich der Art nach von den Sphären, und ebenso die Planeten. Ich setze drittens voraus, dass es zutreffender ist, dass alle Sterne und Planeten sich der Art nach von ihren Sphären oder Himmeln unterscheiden; ebenso dass sich die Sterne von den Planeten und schließlich die Planeten untereinander der Art nach unterscheiden. Dies wird erstens bewiesen, weil die Sterne und Planeten mit einem wunderbaren Licht leuchten, das den Sphären fehlt. Ferner sind die Sterne aus sich selbst und ihrer eigenen Natur leuchtend. Albert, Avicenna, Beda und Plinius (Buch II, Kap. 6) bestreiten dies, aber andere behaupten es allgemein, und die Erfahrung zeigt es klar; denn niemals wird an ihnen, auch nicht durch ein Fernrohr, eine Zunahme oder Abnahme des Lichtes beobachtet, ob sie sich der Sonne nähern oder sich von ihr entfernen. Zweitens und gewichtiger, weil sie von der Sonne sehr weit entfernt sind, nämlich 76 Millionen Meilen, wie ich sogleich sagen werde: die Kraft und das Licht der Sonne können sich aber nicht so weit erstrecken. Dies sage ich von den Sternen: denn es ist klar, dass der Mond nicht aus sich selbst leuchtet, sondern sein Licht von der Sonne entleiht. Dasselbe ist wahrscheinlich für die anderen Planeten. Denn ich selbst habe zusammen mit vielen anderen Mathematikkundigen durch ein Fernrohr deutlich beobachtet, dass die Venus ebenso wie der Mond durch die festen Abwechslungen der Zeiten, in denen sie sich der Sonne nähert und von ihr entfernt, Phasen zeigt, zunimmt und abnimmt. Drittens ist dasselbe daraus ersichtlich, dass die Sterne wunderbare Einflüsse und eine wunderbare Macht über diese niederen Dinge haben, welche die Sphären selbst nicht besitzen. Die Planeten haben auch ihre eigenen Bewegungen, Kräfte und Einflüsse auf Land und Meer, und diese sind bewundernswert, besonders die des Mondes; daher haben sie auch eine von den übrigen verschiedene Natur: so Molina und andere.

Ich habe gesagt, dass sich die Sterne der Art nach von den Planeten unterscheiden: denn es ist wahrscheinlich, dass viele Sterne derselben Art sind, nämlich jene, die dieselbe Art der Einwirkung auf diese niederen Dinge haben; die aber eine verschiedene Art haben, sind verschiedener Art. Diese verschiedene Art wird aus der Verschiedenheit der Wirkungen von Trockenheit, Feuchtigkeit, Wärme und Kälte geschlossen, die sie auf der Erde hervorbringen.

Woraus wurden die Himmelskörper geschaffen? Ich sage: Gott hat an diesem vierten Tag einen Teil der Himmel verdünnt, um einen anderen zu verdichten, nämlich jene leuchtende Substanz, die am ersten Tag erschaffen und Licht genannt wurde, Vers 3; und in diese so verdichtete Substanz hat er, nachdem die Form der Himmel vertrieben war, die neue Form der Sonne, des Mondes und der Sterne eingeführt: in ähnlicher Weise machte er am zweiten Tag aus den Wassern die Feste. Daher irren die Alten, die meinten, die Sterne seien aus Feuer hervorgebracht und feurig. Daher der Dichter:

Ihr ewigen Feuer und unantastbare göttliche Macht,
euch rufe ich zu Zeugen an.

Auch jene irren, die meinen, die Sterne seien der Substanz nach am ersten Tag hervorgebracht worden; an diesem vierten Tag aber seien sie nur mit Akzidentien ausgestattet worden, nämlich mit Licht, eigener Bewegung und der Kraft, auf diese niederen Dinge einzuwirken.

Wird Gott bei der Auferstehung eine neue Sonne schaffen? In gleicher Weise meinen Molina und andere wahrscheinlich, dass Gott bei der Auferstehung eine andere Sonne hervorbringen wird, die eine andere Form haben wird, nicht nur eine akzidentelle, sondern eine substantielle, insofern sie von Natur aus siebenfach mehr Licht haben wird als unsere gegenwärtige Sonne, wie Jesaja sagt, Kap. 30,26.

Ferner teilte Gott an diesem vierten Tag die Sphären der Planeten in ihre Teile, das heißt in exzentrische Kreise, konzentrische Kreise und Epizyklen, wenn es solche gibt; denn Aristoteles bestreitet dies alles, wenn er lehrt, dass die Planeten allein durch die Bewegung ihrer Sphäre bewegt werden. Doch die Astronomen und Scotus mit seinen Anhängern behaupten sie, weil sie lehren, dass die Planeten sich in ihrer Sphäre von selbst bewegen, gemäß exzentrischen Kreisen und Epizyklen.

In welchem Teil des Himmels wurde die Sonne hervorgebracht? Anmerkung. Aus dem, was über das Werk des dritten Tages gesagt wurde, folgt, dass die Sonne am Anfang des Widders hervorgebracht wurde. So Beda: denn dann beginnt der Frühling. Der Mond aber wurde in der Gegenstellung zur Sonne hervorgebracht, nämlich am Anfang der Waage. Es war also damals Vollmond, wie das oben erwähnte Konzil von Palästina bestimmte; sodass die Sonne die eine Erdhälfte und der Mond die andere erleuchtete. So Molina und andere.

Lichter. — Auf Hebräisch meorot, von der Wurzel or, das heißt „Licht”. Daher ist die Sonne or. Daher nannten die Ägypter die Sonne und das Jahr (das durch den Lauf der Sonne beschrieben wird) Horum. Daher wurde das Jahr von den Griechen hora genannt, und daher wird hora für jeden Hauptteil des Jahres gebraucht, wie Frühling, Herbst, Sommer, Winter. Dann wurde es durch Synekdoche für den Tag und schließlich für einen bestimmten Teil des Tages gebraucht, den wir gewöhnlich „Stunde” nennen. Man sehe, wie die Etymologie von „Stunde” von den Hebräern zu den Ägyptern, von diesen zu den Griechen und Lateinern floss. So nach P. Clavius unser Voellus, Buch I „Über die Uhrmacherkunst”, Kap. 1, in den Scholien. Denn von den Hebräern zu den Ägyptern und Griechen floss alles Wissen, besonders die Mathematik und die Berechnung der Stunden und die Herstellung von Uhren. Daher war die erste Uhr, die wir sowohl in der heiligen als auch in der profanen Geschichte finden, die des Achas, des Vaters Hiskijas, des Königs von Juda, Jesaja 38,8. So P. Clavius, Buch I Gnomon., S. 7.

SIE SOLLEN TAG UND NACHT SCHEIDEN, das heißt: Sie sollen Tag und Nacht unterscheiden und so den bald zu erschaffenden Menschen und Tieren den Wechsel von Arbeit und Ruhe anzeigen. Ferner sollen sie Tag und Nacht hinsichtlich der Lage und der Erdhälfte trennen, sodass, während in der einen die Sonne und der Tag ist, in der anderen die Nacht und der Mond waltet, der über die Nacht herrscht. Denn aus dieser Stelle geht hervor, dass der Mond in der Gegenstellung zur Sonne erschaffen wurde, wie ich gesagt habe.

Sinnbildlich schrieb Papst Innozenz III. an den Kaiser von Konstantinopel, Buch I der Dekretalen, Titel 33, Kapitel Solitae: „An die Feste des Himmels”, sagt er, „das heißt der universalen Kirche, setzte Gott zwei große Lichter, das heißt Er begründete zwei Würden, nämlich die päpstliche Autorität und die königliche Macht. Jene aber, die über die Tage herrscht, das heißt über die geistlichen Dinge, ist die größere; jene aber, die über die fleischlichen Dinge herrscht, ist die geringere: sodass der Unterschied zwischen Päpsten und Königen als ebenso groß erkannt werde wie der zwischen Sonne und Mond.”

Wovon sind die Gestirne Zeichen? UND SIE SOLLEN DIENEN ALS ZEICHEN UND ZUR BESTIMMUNG DER ZEITEN UND DER TAGE UND DER JAHRE. — „Als Zeichen”, nicht als Vorhersagen der richterlichen Astrologie, denn diese verurteilt die Heilige Schrift, Jesaja 47,25; Jeremia 10,2. Denn obwohl die Gestirne durch ihren Einfluss die Verfassung und das Temperament der Körper verändern und dadurch die Seele in dieselbe Richtung neigen, zwingen sie sie dennoch nicht. Denn gesetzt, die Seele ahme oft das Temperament des Körpers nach — weshalb wir erfahren, dass Choleriker jähzornig, Sanguiniker gütig, Melancholiker argwöhnisch, furchtsam, kleinmütig und neidisch, und Phlegmatiker träge sind —, so beherrscht doch der Wille, zumal wenn er von der Gnade unterstützt wird, sowohl den Körper als auch diese Leidenschaften; weshalb wir viele Choleriker als sanftmütig und Melancholiker als gütig und großmütig erleben. Der Weise wird also über die Sterne herrschen.

Und so sollen Sonne und Mond „als Zeichen” dienen, nämlich als Vorzeichen von Regen, heiterem Wetter, Frost, Winden usw. Zum Beispiel: „Wenn am dritten Tag nach dem Neumond der Mond dünn ist und in reinem Glanz strahlt, verkündet er beständig heiteres Wetter: erscheint er aber dickhörnig und etwas rötlich, so droht er entweder mit ungestümem und übermäßigem Regen aus den Wolken oder mit einem schrecklichen Aufruhr des Südwindes”, sagt der hl. Basilius, Homilie 6 über das Hexaemeron; und weiter: Der Mond, sagt er, befeuchtet, wie ersichtlich sowohl bei denen, die im Freien unter dem Mond schlafen, deren Häupter übermäßig mit Feuchtigkeit erfüllt werden, als auch an den Gehirnen der Tiere und dem Mark der Bäume, die mit dem Mond zunehmen und wachsen. Ferner verursacht und bezeichnet der Mond Ebbe und Flut des Meeres. Zweitens sollen sie als Zeichen dienen für Saat, Pflanzung, Ernte, Schifffahrt, Weinlese usw. Drittens und im eigentlichen Sinne sollen sie als Zeichen der Tage, Monate und Jahre dienen, sodass es ein Hendiadyoin ist: „als Zeichen und Zeiten”, das heißt als Zeitzeichen oder als Zeichen der Zeiten; „als Zeichen und Tage”, das heißt als Zeichen der Tage; „als Zeichen und Jahre”, das heißt als Zeichen der Jahre; denn das Jahr wird durch einen Lauf der Sonne und eine Umdrehung durch den Tierkreis beschrieben, aber durch zwölf Mondumläufe, das heißt, während der Mond den Tierkreis zwölfmal durchläuft.

Man beachte: Unter „Zeiten” sind hier Frühling, Sommer, Winter und Herbst zu verstehen. Ebenso trockene, heiße, feuchte, stürmische, gesunde und krankheitserregende Zeiten: denn deren Zeichen und Ursache sind Sonne und Mond.

Sinnbildlich und anagogisch sagt der hl. Augustinus, Buch XIII „Über die Genesis wörtlich”, Kap. 13, im Unvollendeten Werk: „Sie sollen als Zeichen und Zeiten dienen”, das heißt, sie sollen die Zeiten unterscheiden, die durch die Unterscheidung der Abstände anzeigen, dass die unveränderliche Ewigkeit über ihnen verbleibt. Denn unsere Zeit scheint gleichsam ein Zeichen und eine Spur der Ewigkeit zu sein, damit wir von hier aus lernen, vom Zeichen zum Bezeichneten aufzusteigen, das heißt von der Zeit zur Ewigkeit, und mit dem hl. Ignatius zu sprechen: „Wie gering erscheint mir die Erde, wenn ich den Himmel betrachte!” Wahrhaftig sagt der hl. Augustinus in den Sentenzen, Sent. 270: „Zwischen dem Zeitlichen und dem Ewigen besteht dieser Unterschied, dass das Zeitliche mehr geliebt wird, bevor man es besitzt, aber wertlos wird, wenn es da ist: denn nichts befriedigt die Seele außer der wahren und gewissen Ewigkeit der unvergänglichen Freude; das Ewige aber wird nach der Erlangung heißer geliebt als im Verlangen, weil dort die Liebe mehr erreichen wird, als der Glaube geglaubt oder die Hoffnung ersehnt hat.” Man sehe das Gespräch des hl. Augustinus hierüber mit seiner Mutter Monika, Buch IX der Bekenntnisse, Kap. 10.

UND TAGE UND JAHRE, das heißt: Damit Sonne, Mond und Sterne Anzeiger seien aller natürlichen, bürgerlichen, festlichen, kritischen, gerichtlichen und Markttage, ebenso der Mond-, Sonnen-, großen und kritischen Jahre usw., worüber Censorinus und Macrobius schreiben. So der hl. Basilius und Theodoret.


Vers 16: Und Gott machte zwei große Lichter

16. UND ER MACHTE ZWEI GROSSE LICHTER, — die Sonne und den Mond. Denn obwohl der Mond kleiner ist als alle Sterne außer dem Merkur, erscheint er dennoch, weil er der Erde am nächsten und dichtesten ist, größer als alle anderen, ebenso wie die Sonne. Überdies zeichnet sich der Mond durch eine größere Wirkkraft und Macht, auf diese niederen Dinge einzuwirken, vor den anderen Sternen aus. So der hl. Chrysostomus hier, Homilie 6, Pererius und P. Clavius in seiner Sphaera, Kap. 1, wo er lehrt, dass die Erde die Größe des Mondes neununddreißigmal in sich enthält, sodass der Mond nur ein Neununddreißigstel der Erde ist. Der Philosoph Secundus, von Kaiser Hadrian scharfsinnig befragt „Was ist die Sonne?”, antwortete: „Das Auge des Himmels, ein Glanz ohne Untergang, die Zierde des Tages, die Verteilerin der Stunden. Was ist der Mond? Der Purpur des Himmels, die Rivalin der Sonne, die Feindin der Zauberei, der Trost der Reisenden, die Vorhersage der Stürme.” Epiktet aber sagte zu demselben Hadrian: „Der Mond ist die Gehilfin des Tages, das Auge der Nacht; die Sterne sind die Schicksale der Menschen.” Doch dieses Letzte ist der Irrtum der Astrologen. Erhabener spricht Jesus Sirach 43,2 und folgende: „Die Sonne”, sagt er, „ist ein Gefäß”, das heißt ein Werkzeug, ein Instrument, „bewundernswert des Allerhöchsten, die Berge verbrennend, feurige Strahlen aushauchend. Der Mond, ein Anzeiger der Zeit und ein Zeichen des Zeitalters. Vom Mond kommt das Zeichen des Festtages. Ein Gefäß der Heerscharen in der Höhe, glänzend herrlich an der Feste des Himmels”, das heißt: Die Sterne, die an der Feste leuchten, sind wie Gefäße, das heißt Waffen, das Rüstzeug Gottes. „Die Schönheit des Himmels ist die Herrlichkeit der Sterne, die Welt in der Höhe erleuchtend ist der Herr. Auf die Worte des Heiligen stehen sie zum Gericht”, das heißt: Die Sterne stehen auf Gottes Befehl zum Gericht, das heißt um sein Urteil und seinen Befehl auszuführen, „und sie werden nicht fehlen auf ihren Wachen.” Denn die Sterne stehen gleichsam als Soldaten und Wächter Gottes beständig auf ihrem Posten, auf jeden Wink von ihm achtend.

Sinnbildlich sagt der hl. Basilius, Homilie 6 über das Hexaemeron: Der Mond, sagt er, der beständig zu- oder abnimmt, ist ein Sinnbild der Unbeständigkeit und zeigt an, dass alle menschlichen Angelegenheiten, insofern sie ihm unterworfen sind und er über sie herrscht, in beständigem Wandel begriffen sind; die Sonne aber, stets sich selbst gleich, ist ein Sinnbild eines beständigen Geistes. Daher der Weise: „Der heilige Mensch verharrt in der Weisheit wie die Sonne; denn der Tor wandelt sich wie der Mond” (Sir 27,12).

Die wunderbare Weite der Himmel und die Kleinheit der Erde. Und die Sterne, — nämlich damit sie zusammen mit dem Mond der Nacht vorstehen und sie erleuchten, Psalm 135,7. Die Astronomen lehren, dass die Höhe und folglich die Größe der himmlischen Sphären und Sterne wunderbar ist, sodass die Erde, die der Mittelpunkt des Weltalls ist, im Vergleich mit ihnen wie ein Punkt ist: gleichwie aller irdische Reichtum, alle Güter und Freuden wie ein Punkt im Vergleich mit den himmlischen Dingen sind und dasselbe Verhältnis haben wie ein Tropfen zum gesamten Meer.

Die Sonne ist von der Erde vier Millionen Meilen entfernt. Denn erstens lehren sie, dass die Sonne die gesamte Größe der Erde hundertundsechzigmal in sich enthält und dass sie von der Erde vier Millionen Meilen oder Leugen entfernt ist (unter einer Million verstehe ich zehnmal hunderttausend) und mehr: denn ich lasse hier die Bruchzahlen weg; woraus folgt, dass der Umfang und die Weite der Sonnenbahn so groß ist, dass die Sonne, die ihren Kreis in 24 Stunden vollendet, in einer Stunde 1.140.000 Meilen durchläuft, das heißt eine Million einhundertvierzigtausend Meilen: das ist so viel, als ob sie den Umkreis der Erde fünfzigmal umrundete. Denn der Umfang der konvexen Sonnensphäre umfasst 27 Millionen und dreihundertsechzigtausend Meilen, die, wenn man sie durch 24 Stunden teilt, die eben genannte Zahl ergeben und noch etwas mehr. Man ermesse aus diesen Dingen, wie groß Gott ist. „Denn Sonne und Mond stehen zum Schöpfer im selben Verhältnis wie eine Mücke und eine Ameise”, sagt der hl. Basilius, Homilie 6 über das Hexaemeron.

Die Feste ist von der Erde achtzig Millionen Meilen entfernt. Zweitens lehren sie, dass die Erde von der Innenseite der Feste, oder des achten und Fixsternhimmels, achtzig Millionen und eine halbe Million Meilen entfernt ist; und dass die Dicke der Feste ebenso groß ist, nämlich achtzig Millionen; wie groß muss also die Entfernung, Dicke und Weite des neunten Himmels, des zehnten und aller darüber liegenden sein, und besonders des Empyreums?

Ein Stern durchläuft in jeder Stunde 42 Millionen Meilen. Daher lehren sie drittens, dass jeder Punkt des Äquinoktials und jeder Stern, der auf dem Äquinoktial steht, in jeder Stunde 42 Millionen Meilen durchläuft, und dazu ein Drittel einer Million: was so viel ist, wie ein Reiter, der täglich 40 Meilen zurücklegt, in 2.904 Jahren zurücklegen könnte; wiederum so viel, als wenn jemand in einer Stunde zweitausendmal den Erdumfang durchlaufen und umrunden würde. Der neunte Himmel durchmisst weit mehr Raum und ist daher weit schneller, und noch mehr der zehnte, den man für das Primum Mobile hält; man bedenke also, wie schnell die Zeit ist.

Wie groß ist die Schnelligkeit der Zeit? Denn die Zeit ist so schnell wie die Bewegung des Primum Mobile selbst, dessen Maß sie ist; die Zeit wird also weit schneller fortgetragen als ein Pfeil oder als eine Kugel, die aus einem ehernen Geschütz geschossen wird: denn diese Kugel brauchte 40 Tage, um den ganzen Erdumfang zu durchlaufen, den ein Stern, wie ich gesagt habe, in einer Stunde zweitausendmal durchläuft; wie ein Blitz also fliegt die unwiderrufliche Zeit; wie ein Blitz werden wir mit der Zeit zur Ewigkeit hingerissen und fortgetragen. „Du schläfst”, sagt der hl. Ambrosius zu Psalm 1, „und deine Zeit” schläft nicht, sondern „wandelt”; ja, sie fliegt.

Ein Mühlstein von der Feste zur Erde in 90 Jahren. Daher folgern sie viertens, dass, wenn ein Mühlstein von der Außenseite der Feste zur Erde zu fallen begänne, er neunzig Jahre brauchte, um herabzufallen und die Erde zu erreichen, selbst wenn er in jeder Stunde zweihundert Meilen fiele und herabsänke; denn auf natürlichem Wege könnte er nicht mehr Raum durchmessen. Denn man teile 460 Millionen (denn so groß ist die Entfernung von der Erde zur Außenseite der Feste) in Tage und Jahre ein, wobei man jeder Stunde 200 Meilen zuweist, und man wird finden, dass es sich so verhält.

Die sechs Größenklassen der Sterne. Fünftens lehren sie, dass es keinen Stern an der Feste gibt, der nicht wenigstens achtzehnmal größer ist als der gesamte Erdball: ja, nach der Meinung des Ptolemäus und des Alfraganus teilen sie alle Sterne in sechs Größenklassen ein. Sterne erster und höchster Größenklasse, sagen sie, sind 17 an der Zahl, von denen jeder hundertundsiebenfach größer ist als die ganze Erde; zweiter Größenklasse sind 45, von denen jeder neunzigfach größer ist als die Erde; dritter Größenklasse sind 208, von denen jeder zweiundsiebzigfach größer ist als die Erde; vierter Größenklasse sind 264, von denen jeder vierundfünfzigfach größer ist als die Erde; fünfter Größenklasse sind 217, von denen jeder fünfunddreißigfach größer ist als die Erde. Sechster und niedrigster Größenklasse sind 249, von denen jeder achtzehnfach größer ist als die Erde.

Die gewaltige Weite des Empyreums. Sechstens lehren sie, dass das Verhältnis der gesamten Welt, die innerhalb der Innenseite der Feste enthalten ist, zur Ausdehnung des Empyreums weit geringer ist als das des Erdballs zur Feste selbst.

In achttausend Jahren würde man nicht bis zum Empyreum aufsteigen. Siebtens folgern sie aus dem Gesagten, dass, wenn man zweitausend Jahre lebte und täglich hundert Meilen geradewegs in die Höhe aufstiege, und zwar ununterbrochen, man nach zweitausend Jahren noch nicht zur Innenseite der Feste gelangt wäre (denn in zweitausend Jahren würde man auf diese Weise nur 73 Millionen Meilen zurücklegen, es sind aber 80); wiederum würde man nach weiteren zweitausend Jahren, bei täglich gleicher Strecke, nicht von der Innenseite zur Außenseite der Feste gelangt sein; schließlich würde man nach viertausend und mehr Jahren, bei täglich gleicher Strecke, nicht von der Außenseite der Feste zum Empyreum gelangt sein. Dies und mehr lehrt P. Christophorus Clavius in seiner Sphaera, Kap. 1.

Wenn wir also auf irgendeinem Stern stünden, und noch mehr, wenn wir im Empyreum stünden und auf diesen kleinen Erdball hinabblickten, würden wir nicht ausrufen: Dies ist der Punkt, nach dem die Söhne Adams gieren wie die Ameisen; dies ist der Punkt, der unter den Sterblichen durch Schwert und Feuer geteilt wird. O wie eng sind die Grenzen der Sterblichen, o wie eng sind die Sinne der Sterblichen! „O Israel, wie groß ist das Haus Gottes, und wie unermeßlich der Ort seines Besitztums!” Blicke also hinab auf diesen Punkt und blicke hinauf zum Umkreis des Himmels: was immer du hier siehst, ist klein und kurz: denke an das Unermeßliche und Ewige. Wer, der dies bedenkt, wäre so unsinnig und töricht, seinem Nächsten ungerechterweise einen Punkt von diesem Punkt zu stehlen, nämlich ein Feld, ein Haus oder eine andere Sache, durch Gewalt oder Betrug, und sich dadurch selbst der unermeßlichen Räume der himmlischen Sphären zu berauben und auszuschließen? Wer würde einen Punkt der Erde der Unermeßlichkeit der Himmel vorziehen? Wer würde für ein Teilchen roter oder weißer Erde (denn nichts anderes ist Gold und Silber) die gewaltigen und strahlenden Paläste der Sterne verkaufen? Bist du also arm? Denke an den Himmel; bist du krank? Ertrage es, so gelangt man zu den Sternen; wirst du verachtet, verlacht, erleidest du Verfolgung? Dulde es, so gelangt man zu den Sternen; seufze, strebe, arbeite, schwitze ein wenig, so gelangt man zum Empyreum.

So wurde der junge hl. Symphorianus, als er unter Kaiser Aurelian zum Martyrium geschleppt wurde, von seiner Mutter mit diesen Worten ermutigt: „Mein Sohn, mein Sohn, gedenke des ewigen Lebens, blicke auf zum Himmel und schaue den, der dort herrscht: denn das Leben wird dir nicht genommen, sondern zum Besseren gewandelt.” Von diesen Worten entflammt, bot er dem Henker tapfer den Nacken dar und flog als Märtyrer zum Himmel empor.

Ebenso sang in unserem Zeitalter jene edle Frau, die des Glaubens wegen in England zu einem schrecklichen Tod verurteilt worden war — nämlich dass sie, auf einem spitzen Stein liegend, von oben durch ein schweres Gewicht gedrückt werde, bis ihr Leben und ihre Seele herausgepresst würden —, während andere schauderten, freudig ihr Schwanenlied: „So kurz”, sagte sie, „ist der Weg, der zum Himmel führt: nach sechs Stunden werde ich über Sonne und Mond erhoben werden, die Sterne mit Füßen treten, in das Empyreum einziehen.”

So erhob der hl. Vincentius seinen Geist zum Himmel, besiegte, ja verlachte alle Qualen des Dacianus; und als er auf die Folterbank gespannt von jenem spöttisch gefragt wurde, wo er sei, sagte er: „In der Höhe, von wo ich auf dich herabblicke, der du aufgeblasen bist von irdischer Macht.” Als jener Schlimmeres androhte, antwortete er: „Du scheinst mir nicht zu drohen, sondern das anzubieten, was ich mit allen meinen Wünschen ersehnte.” Als er daher standhaft die Krallen, Fackeln und glühenden Kohlen auf seinem zerfleischten Körper erduldete, sprach er: „Du bemühst dich vergeblich, Dacianus: du kannst keine so schrecklichen Qualen ersinnen, die ich nicht bereit bin zu ertragen. Kerker, Krallen, glühende Platten und selbst der Tod sind für Christen Spiel und Scherz, nicht Qual”: denn sie denken an den Himmel.

So sprach der hl. Menas, der ägyptische Märtyrer, als er grausamen Folterungen unterzogen wurde: „Nichts gibt es, was mit dem Himmelreich verglichen werden könnte; denn nicht einmal die ganze Welt, auf gleicher Waage gewogen, kann mit einer einzigen Seele verglichen werden.”

So bat der hl. Apronianus, als er an der Seite des Märtyrers Sisinnius eine vom Himmel gesandte Stimme hörte: „Kommt, Gesegnete meines Vaters, empfangt das Reich, das euch seit Grundlegung der Welt bereitet ist” — um die Taufe, und an demselben Tag wurde er zum Märtyrer, an dem er Christ wurde.

Die Heiligen als Sterne. Sinnbildlich und tropologisch ist die Feste die Heilige Kirche, die die Säule und Grundfeste der Wahrheit ist, wie der Apostel sagt, 1 Timotheus 3,15; in ihr ist die Sonne Christus, der Mond die selige Jungfrau, die Fixsterne die übrigen Heiligen, die von Christus wie von der Sonne ihr Licht empfangen. Daher sind sie nicht wie die Planeten, die von Zeit zu Zeit, indem sie sich dazwischenschieben, die Sonne vor uns verbergen und verhüllen und unstetige Bewegungen haben und rückwärts gehen; sondern wie die Sterne, die stets die Sonne, das heißt Christus, verehren, ihn zeigen und verkünden, und bezeugen und sich rühmen, dass sie all ihr Licht von ihm haben, und mit dem hl. Paulus, das Vergangene vergessend, stets in geradem Lauf vorwärtsdrängen.

Und so erstens: Gleichwie die Sterne am Himmel sind, so weilen die Heiligen im Geiste und im Wandel im Himmel, beten häufig und sprechen mit Gott und den Engeln. Daher lieben sie die Einsamkeit und fliehen die eitlen Gespräche der Menschen und die Verlockungen der Welt. Zweitens: Die Sterne, obwohl sie größer sind als die ganze Erde, erscheinen dennoch klein wegen ihrer Entfernung und Erhabenheit; und je höher sie sind, desto kleiner scheinen sie: so sind die Heiligen demütig, und je heiliger sie sind, desto demütiger sind sie. Daher lehren die Sterne uns die Geduld, sagt der hl. Augustinus zu Psalm 94. Denn er führt jenes Wort des Apostels an, Philipper 2: „Inmitten eines verdrehten und verkehrten Geschlechts, unter denen ihr leuchtet wie Himmelslichter in der Welt”: „Wie viel”, sagt er, „erdichten die Menschen über die Himmelslichter selbst und den Mond? Und sie tragen es geduldig. Schmähungen werden den Sternen zugeschleudert: was tun jene? Werden sie erschüttert, oder vollenden sie nicht ihre Bahnen? Wie viel sagen gewisse Leute über die Himmelslichter selbst? Und sie tragen es und dulden es und werden nicht erschüttert. Warum? Weil sie am Himmel sind. So ist auch der Mensch, der in einem verdrehten und verkehrten Geschlecht das Wort Gottes festhält, wie ein Himmelslicht, das am Himmel leuchtet.” Gleichwie also die Sterne um der Schmähungen der Menschen willen die ihnen von Gott gesetzte Bahn nicht verlassen, so sollen auch die Gerechten um der Beschimpfungen der Menschen willen den Weg der Tugend, der Frömmigkeit und des Eifers nicht verlassen, den Gott ihnen gezeigt und eingepflanzt hat. Daher wird ein frommer Mann die Spöttereien der Narren nicht höher achten, als der Mond das Höhnen der Knaben oder das Bellen der Hunde achtet, die ihn anbellen, während er die ganze Nacht hindurch scheint.

Drittens lehren die Sterne Erhabenheit und Unbeweglichkeit des Geistes inmitten so vieler Widrigkeiten und Kränkungen, sodass man wie die Sterne auf alles herabblicke, was Böses und Gutes in der Welt geschieht. Denn, wie der hl. Augustinus an derselben Stelle sagt: „So viele Übel werden begangen, und doch weichen die Sterne nicht ab von oben, am Himmel befestigt, ihre himmlischen Bahnen durchlaufend, die ihr Schöpfer ihnen bestimmt und festgesetzt hat: so sollen die Heiligen sein, aber nur wenn ihre Herzen am Himmel befestigt sind, wenn sie den nachahmen, der sagt: Unser Wandel ist im Himmel. Die also in den Höhen sind und an das Himmlische denken, werden aus eben diesen Gedanken an das Himmlische geduldig. Und was immer auf Erden geschieht, kümmern sie sich nicht darum, bis sie ihre Bahnen vollenden; und wie sie ertragen, was anderen angetan wird, so ertragen sie auch, was ihnen selbst angetan wird, gleich den Himmelslichtern. Denn wer die Geduld verloren hat, ist vom Himmel gefallen.”

Viertens: Die Sterne leuchten und erleuchten die ganze Welt des Nachts, und dies stets mit gleichem Licht: so leuchten auch die Heiligen in der Nacht dieses Zeitalters und zeigen allen durch Wort und Beispiel den Weg der Tugend und die Straße zum Himmel, und dies stets mit gleicher Heiterkeit des Geistes und des Antlitzes und mit Beständigkeit, sowohl im Unglück als auch im Glück. Das Licht der Sterne ist zudem nicht wie das Licht einer Kerze, einer Lampe oder einer Fackel, das von Talg, Öl oder Wachs genährt wird und es verzehrt, und wenn es verbraucht ist, erlischt. Denn diesen gleichen jene, die sich der Tugend aus fleischlichen und menschlichen Rücksichten befleißigen, um des Gewinnes willen usw., zum Beispiel um von Menschen gelobt zu werden oder um Würden oder Reichtum zu erlangen. Denn sobald diese Dinge aufhören, hört auch ihre Tugend und Andacht auf; die Heiligen leuchten stets wie die Sterne, weil sie aus Gott und für Gott selbst leuchten: denn sie streben allein danach, Gott zu gefallen und Gottes Ehre zu verbreiten.

Fünftens: Das Licht der Sterne ist ganz rein, ebenso wie die Sterne selbst: so pflegen die Heiligen engelgleiche Keuschheit und Reinheit. Daher, gleichwie an den Sternen nichts Trübes, Dunkles oder Düsteres ist, so gibt es bei den Heiligen keine Schwermut, keinen Zorn, keine Aufregung, keinen Argwohn; denn sie betrachten alles mit hellen und gütigen Augen wie die Sterne. Sie wissen nicht, was Verstellung, Betrug oder Bosheit ist: denn die Liebe denkt nichts Böses. Daher scheinen sie gleichsam sündlos zu sein.

Sechstens: Das Licht der Sonne und der Sterne ist überaus schnell; denn in einem Augenblick verbreitet und pflanzt es sich über die ganze Welt fort: so sind die Heiligen schnell in den Werken Gottes, besonders die apostolischen Männer, die durch die Länder das Evangelium verkündigend umherziehen, auf die mit Recht jenes Wort des Jesaja 18,2 zutrifft: „Gehet hin, schnelle Boten, zu einem zerrissenen und zerfetzten Volk, zu einem furchtbaren Volk, nach dem kein anderes kommt.”

Siebtens: Das Licht der Sterne ist geistiger Natur: so ist auch die Rede der Heiligen geistlicher Art, ebenso wie ihr Denken und ihr Lebenswandel. Achtens: Das Licht der Sonne und der Sterne, auch wenn es Kloaken, Misthaufen, Leichen und Jauchegruben beleuchtet, wird von ihnen nicht im Geringsten befleckt oder verunreinigt: so werden die Heiligen, die unter Sündern leben, von deren Sünden nicht beschmutzt, sondern erleuchten sie vielmehr und machen sie sich selbst gleich, das heißt leuchtend und heilig. Neuntens: Das Licht der Sonne und der Sterne leuchtet so, dass es auch wärmt. Daher wird durch es allem Leben, Kraft und Wachstum verliehen: so entflammen die Heiligen andere mit der Liebe und leuchten so, dass sie brennen; doch sie brennen nicht, um zu leuchten, wie Christus über den hl. Johannes den Täufer sagt: „Er war eine brennende und leuchtende Leuchte”, nicht „leuchtend und brennend”, wie der hl. Bernhard richtig bemerkt und erklärt, in der Predigt über den hl. Johannes den Täufer: „Denn nur zu leuchten ist eitel, nur zu brennen ist wenig, zu brennen und zu leuchten ist vollkommen.”

Schließlich werden sie in der himmlischen Herrlichkeit wie Sterne leuchten, wie der Apostel lehrt, 1 Korinther 15,41, und Daniel, Kap. 12,3: „Die Verständigen”, sagt er, „werden leuchten wie der Glanz der Feste, und die, welche viele zur Gerechtigkeit geführt haben, wie Sterne in alle Ewigkeit.” Außerdem verbergen die Sterne ihre Substanz und ihre gewaltige Größe und zeigen nur ein winziges Licht wie einen Funken, durch den sie erscheinen und leuchten. So verbergen auch die Heiligen sich selbst und ihre Tugenden, Gnade und Herrlichkeit vor den Menschen und wünschen verborgen zu bleiben. Daher leuchten zwar ihre Werke, damit die Menschen daraus Gott verherrlichen; aber so, dass sie das Licht ihrer Werke zeigen, während sie ihre eigene Person verbergen, von der das Werk ausgeht, soweit es an ihnen liegt: denn sie wollen nicht gesehen werden, damit die Menschen, die das Werk sehen, aber den Urheber nicht sehen, es Gott zuschreiben, der der Vater aller Lichter ist, und ihn preisen.


Über das Werk des fünften Tages

Vers 20: Es wimmle das Wasser

20. ES WIMMLE DAS WASSER VON KRIECHENDEN WESEN UND FLIEGENDEM GETIER.

ES WIMMLE. — Im Hebräischen iisretsu, das heißt: sie sollen aufwallen und in großer Fülle hervorströmen. Dies ist das eigentliche Wort für Fische und Frösche und bezeichnet ihre wunderbare Fruchtbarkeit, Vermehrung und Zeugungskraft. Daher sind die Fische wegen eines Übermaßes an Feuchtigkeit ungelehrig und stumpfsinnig und können vom Menschen weder gezähmt noch an das Haus gewöhnt werden, sagt der hl. Basilius, Homilie 7 über das Hexaemeron. Ferner sagt er, nichts unter dem Fischgeschlecht sei nur an einer Kieferhälfte mit Zähnen bewehrt, wie ein Ochse oder Schaf: denn kein Fisch ist ein Wiederkäuer außer dem Papageifisch allein; vielmehr sind alle mit der schärfsten Reihe dicht stehender Zähne ausgestattet, damit nicht, wenn Verzögerung durch das Kauen entstünde, die Nahrung durch die Feuchtigkeit zerfließe. Einige nähren sich von Schlamm, andere von Seetang: einer verschlingt den anderen, und der Kleinere ist die Speise des Größeren, und oft werden beide zur Beute eines Dritten.

So beraubt unter den Menschen der Mächtigere den Schwächeren, und dieser wiederum wird die Beute eines noch Mächtigeren. Die Krabbe wirft, um das Fleisch der Auster zu verschlingen, wenn jene ihre Schale der Sonne öffnet, ein Steinchen hinein, damit sie sich nicht schließen kann, und dringt so ein und frisst sie auf. Krabben sind listige Diebe und Räuber. Der Tintenfisch nimmt, an welchem Felsen er sich auch heftet, dessen Farbe an; und so fängt und verschlingt er die zu ihm wie zu einem Felsen hinschwimmenden Fische. Tintenfische sind Heuchler, die mit den Keuschen sich keusch stellen, mit den Unreinen unrein, mit den Gefräßigen gefräßig und so fort, und deshalb nennt Christus sie reißende Wölfe.

Die Fische sagen: „Lasst uns zum nördlichen Meer ziehen. Denn sein Wasser ist süßer als das anderer Meere, weil die Sonne, die dort nur kurz verweilt, nicht alles Trinkbare mit ihren Strahlen erschöpft. Denn die Meereslebewesen erfreuen sich an frischem Wasser: daher schwimmen sie oft zu den Flüssen und entfernen sich weit vom Meer. Aus diesem Grund ziehen sie den Pontus anderen Meeresbuchten vor, als geeigneter für das Hervorbringen und Aufziehen ihrer Nachkommen.” Lerne, o Mensch, von den Fischen Voraussicht, damit du für das sorgst, was deinem Heil zuträglich ist.

„Der Seeigel nimmt, wenn er eine Störung der Winde gespürt hat, einen nicht unbedeutenden Kieselstein auf und befestigt sich unter ihm wie unter einem Anker. Wenn die Seefahrer dies beobachten, sagen sie einen kommenden Sturm voraus. Die Viper sucht die Vermählung mit der Meermuräne und zeigt ihre Gegenwart durch ein Zischen an; und jene eilt herbei und paart sich mit dem giftigen Geschöpf. Was bedeutet diese meine Belehrung? Sei ein Ehemann rau, oder sei er trunksüchtig, so ertrage ihn die Ehefrau. Aber auch der Ehemann höre: die Viper speit ihr Gift aus aus Ehrfurcht vor der Vermählung; wirst du nicht die Härte deines Sinnes, deine Wildheit, deine Grausamkeit ablegen aus Ehrfurcht vor der Verbindung? Nützt uns das Beispiel der Viper nicht auch auf eine andere Weise? Die Umarmung von Viper und Muräne ist eine Art Ehebruch der Natur; so mögen denn jene, die fremden Ehen nachstellen, lernen, welchem Kriechtier sie gleichen.”

Und aus welchem Stoff wurden die Vögel gemacht? Man mag fragen, ob die Vögel aus Wasser gemacht wurden. Cajetan und Catharinus verneinen dies und meinen, die Vögel seien aus Erde gemacht worden: denn dies scheint in Kapitel 2, Vers 19 behauptet zu werden, und in diesem Vers legt der hebräische Text nahe, daß nur die Fische aus dem Wasser hervorgebracht wurden; denn sie haben wörtlich: „Es wimmle das Wasser von Kriechenden (nämlich Fischen), und es fliege das Fliegende über die Erde.” Doch die allgemeine Meinung des hl. Hieronymus, des hl. Augustinus, des hl. Cyrill, des hl. Damascenus und anderer Kirchenväter (außer Rupert), die Pererius anführt, ist, daß sowohl die Vögel als auch die Fische aus dem Wasser als ihrem Stoff hervorgebracht wurden; denn dies lehren klar sowohl unsere Übersetzung als auch die Septuaginta und der Chaldäer, die alle im Hebräischen das Relativum ascer verstehen, das heißt „welches” (denn dies ist den Hebräern geläufig), als ob es hieße: „Es wimmle das Wasser von Kriechenden und Fliegenden, welches über die Erde fliegen soll.” Auf die Stelle in Genesis 2,19 werde ich antworten, wenn wir dorthin gelangen. Daher nennt Philo die Vögel Verwandte der Fische.

Worin stimmen Vögel und Fische überein? Man wird einwenden, daß Vögel und Fische gänzlich verschieden und unähnlich seien: daher scheine es nicht, daß die Vögel aus Wasser gemacht wurden, sondern nur die Fische. Ich antworte, indem ich den Vordersatz leugne: denn es besteht eine große Verwandtschaft zwischen Vögeln und Fischen, wie der hl. Ambrosius richtig lehrt, Buch V des Hexaemeron, Kapitel 14.

Erstens, weil das Wasser, das der Ort der Fische ist, und die Luft, die der Ort der Vögel ist, benachbarte und verwandte Elemente sind: denn beide sind durchsichtig, feucht, weich, fein und beweglich. Daher verwandelt sich Luft leicht in Wasser, und umgekehrt wird Wasser zu Dampf und Wolke: denn die Vögel sind eher von luftigem als von wässrigem Temperament.

Zweitens, weil sowohl den Vögeln als auch den Fischen Leichtigkeit und Beweglichkeit innewohnt. Denn was den Vögeln die Flügel sind, das sind den Fischen die Flossen und Schuppen. Daher fehlt auch sowohl den Vögeln als auch den Fischen die Blase, die Milch und die Brüste, damit diese nicht ihren Flug oder ihr Schwimmen behindern.

Drittens ist die Bewegung beider ähnlich: denn was das Schwimmen für die Fische ist, das ist das Fliegen für die Vögel, so daß die Fische als Wasservögel und umgekehrt die Vögel als Luftfische erscheinen. Ferner lenken sowohl Vögel als auch Fische ihren Lauf und Weg mit dem Schwanz, so daß die Menschen von ihnen, und namentlich vom Milan, die Kunst der Schifffahrt gelernt zu haben scheinen, sagt Plinius, Buch X, Kapitel 10.

Viertens sind viele Vögel Wasservögel, wie Schwäne, Gänse, Enten, Bläßhühner, Taucher und Eisvögel.

Schließlich antwortet der hl. Augustinus, Buch III Über den Wortlaut der Genesis, Kapitel 3, und der hl. Thomas, Teil I, Frage 71, Artikel 1, daß die Fische aus dichterem Wasser gemacht wurden, die Vögel aber aus feinerem Wasser, das sich der Natur der Luft nähert.

Dann staunt der hl. Basilius, wie das Meerwasser zu Salz gepreßt wird, wie die Koralle im Meer ein Kraut ist, aber wenn sie an die Luft gebracht wird, zu Stein gefriert; wie die Natur der wertlosen Auster kostbare Perlen eingeprägt hat; wie aus dem Blut des wertlosen kleinen Purpurfisches die Purpurfarbe kommt, mit der die Gewänder der Könige gefärbt werden; wie der Schiffshalter, ein winziger Fisch, Schiffe, selbst vom starken Wind getriebene, anhält und unbeweglich macht, wenn er sich an den Kiel heftet. All dies vom hl. Basilius, Homilie 7. Plinius, Plutarch und Aldrovandus berichten dasselbe über den Schiffshalter und führen die Ursache auf eine verborgene, von der Natur dem Schiffshalter eingepflanzte Eigenschaft zurück, wie sie im Magneten zum Anziehen des Eisens und zum Anzeigen des Pols besteht.

Überdies lehrt der hl. Basilius aus all diesen Dingen erstens, Gottes Macht, Weisheit und Freigebigkeit in diesem Schauplatz des Meeres zu bewundern und ihm beständig für so viele Wohltaten zu danken, wie es Fische, ja Tropfen im Meer gibt. Zweitens zeigt er, wie wir aus den Fischen und anderen Tieren und einzelnen Geschöpfen passende Lehren für das Leben ziehen und alle ihre Gaben und Handlungen zur Bildung der Sitten anwenden sollen: denn sie wurden dem Menschen von Gott ebenso als Spiegel wie als Hilfe gegeben.

So schickt der Weise in Sprüche 6,6 den Trägen zu den Ameisen: „Geh, sagt er, zur Ameise, du Fauler, und betrachte ihre Wege, und lerne Weisheit, die, obwohl sie keinen Führer hat, noch Lehrmeister, noch Fürsten, sich im Sommer ihre Nahrung bereitet und bei der Ernte sammelt, was sie essen mag.”

DAS KRIECHENDE WESEN EINER LEBENDIGEN SEELE — das heißt, ein kriechendes Wesen, das die Seele eines lebenden, also eines empfindenden Geschöpfes besitzt. Er nennt die Fische „kriechende Wesen”, weil die Fische keine Füße haben, sondern ihren Bauch auf das Wasser pressen, gleichsam kriechend und rudernd.

Amphibien sind zu den Fischen zu zählen. Zu den Fischen zähle man die Amphibien, wie Biber, Otter und Nilpferde; die zwar Füße haben, auf ihnen aber nicht gehen, wenn sie im Wasser sind, sondern sie beim Schwimmen zum Rudern benutzen.


Vers 21: Und Gott schuf die großen Seeungeheuer

21. UND GOTT SCHUF DIE GROSSEN SEEUNGEHEUER. „Cete” (Seeungeheuer) heißen im Hebräischen tanninim, was Drachen und alle gewaltigen Tiere bedeutet, sowohl Landtiere als auch Wassertiere, wie die Wale, die gleichsam Wasserdrachen sind. So ist der Name „Cete” allen großen und walartigen Fischen gemeinsam, wie Gesner lehrt.

Die Juden verstehen unter tanninim die größten Wale, von denen sie sagen, es seien nur zwei erschaffen worden (damit nicht, wenn es mehr gäbe, sie alle Fische verschlängen und alle Schiffe verschluckten), nämlich ein Weibchen, das Gott tötete und für die Gerechten aufbewahrt, damit sie zur Zeit des Messias davon speisen; und ein Männchen, das er aufbewahrt, damit er zu bestimmten Stunden jeden Tages mit ihm spiele, gemäß jener Stelle in Psalm 104: „Dieser Drache, den du gebildet hast, um mit ihm zu spielen,” im Hebräischen „damit du mit ihm spielest.” Diese Fabel entnahmen sie dem Vierten Buch Esdras, Kapitel 6, wie Lyra und Abulensis berichten. Dies sind die Wahngebilde jener „Weisen.”

Man beachte den Ausdruck „große Seeungeheuer”: denn wenn sie ihren Rücken über das Wasser erheben, bieten sie den Anblick einer gewaltigen Insel, sagen der hl. Basilius und Theodoret.

UND JEDE LEBENDE UND SICH BEWEGENDE SEELE. — „Und” bedeutet hier „das heißt”, als ob es hieße: Gott schuf jedes lebende Tier in den Wassern, das nämlich in sich ein Prinzip der Bewegung hat, das heißt eine Seele, durch die es sich aus eigenem Antrieb bewegen kann, und deshalb „beweglich” genannt wird.


Vers 22: Und er segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch

22. UND ER SEGNETE SIE UND SPRACH: SEID FRUCHTBAR UND MEHRET EUCH. Denn Gottes Segnen heißt Gutes tun; und Gott tat den Fischen und Vögeln gerade dadurch Gutes, daß er ihnen die Neigung, Kraft und Fähigkeit verlieh, ihresgleichen zu zeugen, damit sie, da sie nicht als Einzelwesen immer in sich selbst verbleiben können, sondern sterben müssen, wenigstens in ihren Nachkommen fortdauern und so eine Art Ewigkeit besitzen: denn alles Seiende erstrebt seine eigene Erhaltung und Fortdauer. Daher fügt er erklärend hinzu: „Mehret euch,” nicht an Größe (denn die ihnen zukommende Größe empfingen sie bei ihrer ersten Erschaffung), sondern, wie es im Hebräischen steht, „seid fruchtbar” oder „seid zeugungskräftig”, damit ihr euch an Zahl mehrt; und ihr, o Fische, füllet die Wasser.

Warum ist die Fruchtbarkeit der Fische größer als die der Vögel? Denn die Fruchtbarkeit der Fische ist größer als die der Vögel; und die Fruchtbarkeit der Vögel ist größer als die der Landtiere; weil, wie Aristoteles sagt, Buch III Über die Zeugung der Tiere, Kapitel 11, die Feuchtigkeit, an der die Fische Überfluß haben, eine Natur besitzt, die zur Bildung und Formung von Nachkommen geeigneter ist als die Erde.

Hinzu kommt, daß Fische und Vögel sich durch Eier fortpflanzen, die im Mutterleib leichter vervielfacht werden als die Leibesfrüchte, die die Landtiere in ihrem Schoß tragen. Daher liest man, daß Gott die Vögel und Fische segnete, nicht aber die Landtiere: obgleich, wie der hl. Augustinus richtig bemerkt, Buch III Über den Wortlaut der Genesis, Kapitel 13, was in dem einen Fall ausgesprochen ist, gleicherweise im anderen ähnlichen Fall mitverstanden werden muß.

Den Menschen aber segnete Gott ausdrücklich, sowohl weil der Mensch Herr aller Tiere ist, als auch weil der Mensch über alle Provinzen der Erde verbreitet werden sollte, während andere Tiere von Natur aus bestimmte Länder nicht ertragen.

Ob der Phönix ein einzigartiger Vogel sei? Man wird einwenden: Der Phönix ist der einzige Vogel seiner Art auf der Welt: daher sei das Gebot „seid fruchtbar und mehret euch” in seinem Fall nicht wahr. Ich antworte auf den Vordersatz: Daß der Phönix existiere, haben viele der Alten behauptet, nicht so sehr aus sicherer Erkenntnis als aus allgemeinem Hörensagen. Doch spätere Philosophen und Naturforscher, die genau über die Vögel geschrieben haben, unter denen der letzte und genaueste Ulysses Aldrovandus ist, halten den Phönix für eine Fabel und beweisen mit vielen Argumenten, daß er nicht existiert und niemals existiert hat. Der Phönix ist also ein Vogel, nicht ein wirklicher, sondern ein sinnbildlicher, wie ich in Kapitel 7, Vers 2 zeigen werde.

Der hl. Basilius, Homilie 8 über das Hexaemeron, und ihm folgend der hl. Ambrosius, Buch V des Hexaemeron, beschreibt und bewundert erstens den Fleiß der Bienen beim Bau der Waben, beim Sammeln des Honigs, beim Ordnen, Bewahren und so fort. Zweitens die Nachtwachen der Kraniche, die sie des Nachts abwechselnd halten, um die übrigen Schlafenden zu umgehen und zu bewachen. Denn wenn die festgesetzte Zeit abgelaufen ist, gibt der, der Wache hielt, einen Schrei von sich und legt sich zum Schlaf nieder; ein anderer tritt an seine Stelle und vergilt durch seine Wache die Sicherheit, die er von den übrigen empfangen hat. Sie fliegen in fester Ordnung wie in Schlachtaufstellung: einer geht wie ein Feldherr voraus, und wenn seine festgesetzte Dienstzeit vollendet ist, wendet er sich ans Ende der ganzen Schar und übergibt die Führung dem nächstfolgenden.

Drittens die Sitten der Störche, die zu bestimmter Zeit ankommen und abfliegen; die Krähen geleiten sie und schützen sie gegen andere Vögel. Das Zeichen des geleisteten Schutzes ist, daß die Krähen mit Wunden zurückkehren. Ferner hegen die Störche ihre alternden Eltern, hüllen sie in die eigenen Federn, versorgen sie üppig mit Nahrung und stützen sie von beiden Seiten mit ihren Flügeln. „Dies ist das Gefährt der kindlichen Liebe,” sagt der hl. Ambrosius.

Viertens, niemand beklage seine Armut, wenn er die Schwalbe betrachtet, die für den Bau ihres Nestchens Strohhalme mit dem Schnabel aufsammelt und herbeiträgt: und da sie mit den Füßen keinen Lehm tragen kann (da sie diese so kurz und klein hat, daß sie gar keine zu haben scheint, und daher kaum stillstehen kann, sondern fast immer zu fliegen scheint), benetzt sie die Spitzen ihrer Federn mit Wasser, wälzt sich dann im Staub und formt sich auf diese Weise Lehm, mit dem sie ihr Nest baut, und dort Eier legend, brütet sie ihre Küken aus; und wenn eines von ihnen an den Augen verletzt wurde, weiß sie mit dem Schöllkraut das Augenlicht wiederherzustellen.

Fünftens, der Eisvogel legt seine Eier am Meeresufer ungefähr in der Mitte des Winters, wenn Winde und Stürme wüten, und sogleich verstummen und beruhigen sich die Winde und Stürme, und die Meere werden für volle sieben Tage besänftigt, in denen der Eisvogel auf seinen Eiern sitzt und seine Küken ausbrütet, und dann folgen weitere sieben heitere Tage, in denen er seine Jungen nährt. Daher segeln die Seefahrer zu jener Zeit sicher. Und so nennen die Dichter ruhige und heitere Tage „Halkyonische Tage.” Der Eisvogel lehrt uns, auf Gott zu hoffen: denn wenn er einem einzigen Vöglein solche Heiterkeit gewährt, was wird er nicht dem Menschen gewähren, der ihn anruft?

Fünftens, die Turteltaube, die sich nach dem Tod ihres Gefährten keinem anderen anschließt, lehrt die Witwen, keusch zu bleiben und nicht nach der Ehe mit einem anderen Mann zu streben.

Sechstens, der Adler ist hart gegen seine Jungen, verläßt sie bald, ja wirft sie zuweilen aus dem Nest: daher ist er ein Sinnbild für Eltern, die gegen ihre Kinder grausam sind. Dagegen gleichen die, die gütig gegen ihre Kinder sind, den Wachteln, die ihre Jungen noch begleiten, wenn sie schon fliegen können, und ihnen eine Zeit lang Nahrung verschaffen.

Siebtens, Geier sind langlebig (denn sie leben gewöhnlich hundert Jahre) und pflanzen sich ohne Begattung fort. Man möge diese den Heiden entgegenhalten, die sagen: Wie konnte die selige Jungfrau, Jungfrau bleibend, Christus gebären? Dasselbe sagt der hl. Ambrosius, Buch V des Hexaemeron, Kapitel 20. Ja sogar Aelian, Buch II Über die Tiere, Kapitel 40; Horus, Buch I, Hieroglyphen; Isidor, Buch XII; Origenes, Kapitel 7, und andere, die Aldrovandus unter „Geier” anführt, berichten, daß alle Geier weiblich seien und ohne Männchen vom Wind empfingen und sich fortpflanzten. Doch daß dies alles Fabeln sind, zeigt Albertus Magnus, und ihm folgend Aldrovandus, Buch III der Ornithologie, Seite 244. Denn Geier sind vollkommene Tiere, die alle nach dem allgemeinen Naturgesetz beide Geschlechter besitzen und dadurch zeugen und sich fortpflanzen wie andere Vögel. Überdies haben Geier einen kräftigen Geruchssinn und können Aas aus Hunderten von Meilen Entfernung wittern, ja sogar jenseits des Meeres gelegen, und fliegen dorthin: ja sie scheinen das Blutbad vorauszuahnen; daher folgen sie den Heeren und Lagern in großen Schwärmen.

Achtens, die Fledermaus ist ein vierfüßiges Wesen und doch geflügelt wie ein Vogel: daher gebiert sie lebendige Junge als Vierfüßler; und sie hat Flügel, nicht in Federn geteilt, sondern zusammenhängend wie eine lederartige Haut. Den Fledermäusen und Eulen gleichen jene, die in eitlen Dingen weise sind, nicht in wahren und soliden; denn wie bei Eulen wird ihre Sehkraft getrübt, wenn die Sonne scheint, aber geschärft durch Schatten und Finsternis selbst.

Neuntens, der Hahn, jener Wächter, weckt dich am Morgen, damit du aufstehst, deine Aufgaben zu vollbringen, mit scharfer Stimme rufend und mit seinem Krähen die noch von ferne nahende Sonne verkündend, und mit den Wanderern am Morgen wachend und die Landleute aus ihren Häusern zu ihren Arbeiten und zur Ernte hinausführend.

Zehntens, die Gans ist stets wachsam und überaus scharfsinnig darin, Dinge wahrzunehmen, die anderen entgehen. Daher schützten einst in Rom die Gänse das Kapitol gegen die sich einschleichenden gallischen Feinde, indem sie die schlafenden Wächter mit ihrem Geschrei weckten. Weshalb der hl. Ambrosius, Buch V des Hexaemeron, Kapitel 13, sagt: „Mit Recht, sagt er, ihnen (den Gänsen), o Rom, verdankst du deine Herrschaft. Deine Götter schliefen, und die Gänse hielten Wache. Deshalb opferst du in jenen Tagen der Gans, nicht dem Jupiter. Denn es sollen deine Götter den Gänsen weichen, von denen sie wissen, daß sie durch sie verteidigt wurden, damit nicht auch sie selbst vom Feind gefangen würden.”

Elftens, das Heer der Heuschrecken erhebt sich auf ein einziges Zeichen hin gänzlich und auf einmal in die Luft, und indem es sich über die ganze Breite des Feldes lagert, frißt es die Ernten nicht eher ab, als bis dies von Gott gewährt und gleichsam befohlen wurde. Gott bietet ein Heilmittel, nämlich den Seleukis-Vogel, der in Schwärmen heranfliegend die Heuschrecken verschlingt.

Ferner, welcher Art ist der Gesang der Zikade, und wie beschaffen? Sie widmet sich mehr dem Gesang um die Mittagszeit, indem sie Luft einzieht, was geschieht, wenn die Brust sich weitet, und so den Ton hervorbringt.

Zwölftens, die Insekten (wie Bienen, Wespen), so genannt, weil sie überall gewisse Einschnitte oder Einkerbungen zeigen, haben keine Lunge und atmen daher nicht, sondern werden durch alle Teile ihres Leibes von der Luft genährt. Deshalb sterben sie, wenn sie mit Olivenöl, das heißt aus Oliven gepreßtem Öl, getränkt werden, da ihre Durchgänge verstopft sind: wenn man sie sogleich mit Essig besprengt, leben sie wieder auf, da die Öffnungen frei werden.

Dreizehntens haben Enten, Gänse und andere schwimmende Vögel Füße, die nicht gespalten, sondern zusammenhängend und wie eine Haut ausgebreitet sind, damit sie leichter treiben und schwimmen können. Der Schwan, seinen langen Hals ins tiefe Wasser tauchend, betreibt den Fischfang und jagt Fische.

Die Seidenraupen als Sinnbild der Auferstehung. Vierzehntens sind die Seidenraupen ein Beweis und Sinnbild der Auferstehung. Denn in ihnen wird zunächst aus dem Samen ein winziger Wurm geboren, daraus wird eine Raupe, aus der Raupe eine Seidenraupe, die sich mit Maulbeerblättern füllt, und wenn sie voll ist, Seidenfäden spinnt, die sie aus ihrem eigenen Inneren zieht, und nachdem sie einen Kokon gebildet und sich darin eingeschlossen hat, stirbt, und wenn die Zeit verstrichen ist, wieder auflebt, und mit entwickelten Flügeln ein Schmetterling wird, und ihren Samen im Kokon zurücklassend, davonfliegt. So sagt der hl. Basilius.

Man bedenke auch die wunderbar melodischen Vögel: den Papagei, die Amsel, das Goldhähnchen und vor allem die Nachtigall, die so winzig ist, daß sie nichts anderes zu sein scheint als Stimme — ja reine Musik — über die der hl. Ambrosius, Buch V des Hexaemeron, Kapitel 20, sagt: „Woher, sagt er, kommt die Stimme des Papageien und die Süße der Amseln? Möge wenigstens die Nachtigall singen, um den Schläfer aus dem Schlummer zu wecken. Denn jener Vogel pflegt das Aufgehen des anbrechenden Tages anzuzeigen und bei Tagesanbruch reichlichere Freude zu bringen.” Ferner, Kapitel 5: „Wie kommt es, sagt er, daß ihr Bläßhühner, die ihr euch an den Meerestiefen erfreut, flieht, wenn ihr eine Störung des Meeres spürt, und in den Untiefen spielt? Der Reiher selbst, der an Sümpfen zu haften pflegt, verläßt seine vertrauten Stätten, und den Regen fürchtend, fliegt über die Wolken, damit er die Stürme der Wolken nicht spüren muß.”


Über das Werk des sechsten Tages

Der sechste Tag gab der Erde Bewohner, wie der fünfte dem Wasser und der Luft Bewohner gab. Dem Feuer aber wurden keine Bewohner gegeben: denn weder der Salamander noch irgendein anderes Tier kann im Feuer leben oder aushalten, wie Galen lehrt, Buch III Über die Temperamente, und Dioskurides, Buch II, Kapitel 56, wo Mattioli sagt, er selbst habe dies erfahren, da er viele Salamander ins Feuer geworfen habe, die rasch verzehrt wurden. Ebenso leben die Pyrausten oder Leuchtfliegen, die etwas größer als Fliegen sind, nur für kurze Zeit im Feuer; denn sie werden in den Kupferschmelzen Zyperns geboren und springen und wandeln darin durch das Feuer, sterben aber bald, wenn sie von der Flamme wegfliegen, wie Aristoteles bezeugt, Buch V, Geschichte der Tiere, Kapitel 19.

Vers 24: Es bringe die Erde hervor lebendige Wesen

24. ES BRINGE DIE ERDE HERVOR LEBENDIGE WESEN, — das heißt lebendige Tiere; es ist eine Synekdoche. Ferner „es bringe die Erde hervor,” nicht als ob die Erde die Wirkursache wäre: denn das war Gott allein, sondern als Stoffursache, als ob es hieße: Es mögen die Tiere entstehen, hervorgehen, aufkommen und aus der Erde hervortreten.

Ob alle Arten aller Tiere am sechsten Tag erschaffen wurden? Man mag fragen, ob schlechthin alle Arten der Landtiere von Gott an diesem sechsten Tag erschaffen wurden. Ich antworte erstens, daß schlechthin alle Arten der Landtiere, die vollkommen und einheitlich sind, das heißt die durch die Paarung von Männchen und Weibchen aus einer einzigen Art geboren werden können, an diesem Tag erschaffen wurden: so lehren es allgemein die Ausleger und Scholastiker. Und dies wird bewiesen, weil die Vollkommenheit des Universums es erforderte. Denn Gott hat in diesen sechs Tagen dieses Universum vollkommen gegründet und geschmückt; woraus folgt, daß er in diesen sechs Tagen alle Dinge, das heißt alle Arten der Dinge, erschaffen hat. Und daher heißt es, daß er am siebenten Tag ruhte, nämlich von der Hervorbringung neuer Arten.

Auch giftige Tiere wurden erschaffen. Ich sage zweitens, daß folglich an diesem sechsten Tag alle giftigen Tiere, wie Schlangen, und die einander feindlichen und fleischfressenden, wie der Wolf und das Schaf, erschaffen wurden, und zwar mit dieser Feindschaft und natürlichen Gegensätzlichkeit erschaffen wurden: denn diese Gegensätzlichkeit ist ihnen von Natur aus eigen.

Und so war vor der Sünde Adams die Natur des Wolfes dem Schaf feindlich, und er hätte ihm den Tod zugefügt: doch Gottes Vorsehung hätte dafür gesorgt, daß dies nicht geschah, bevor die Art hinreichend vermehrt war, damit sie nicht zugrunde gehe. So der hl. Thomas, Teil I, Frage 69, Artikel 1, Antwort 2, und der hl. Augustinus, Buch III Über den Wortlaut der Genesis, Kapitel 16, obgleich Augustinus selbst dies in Buch I der Retraktationen, Kapitel 10, zu widerrufen und zu behaupten scheint, daß es zur natürlichen Einrichtung gehöre, daß alle Tiere sich von Pflanzen ernähren, gemäß dem, was in Genesis 1,30 gesagt wird; daß es aber durch den Ungehorsam des Menschen geschehen sei, daß einige anderen zur Nahrung wurden. Dasselbe meint Pererius, und Abulensis in Kapitel 13, wo er diese Dinge ausführlich behandelt. Gregor von Nyssa scheint derselben Ansicht zu sein, Rede 2 Über die Erschaffung des Menschen. Auch Junilius lehrt ausdrücklich dasselbe: „Aus der Tatsache, sagt er, daß Gott sprach: Siehe, ich habe euch jedes Kraut gegeben, geht hervor, daß die Erde nichts Schädliches hervorbrachte, kein giftiges Kraut und keinen unfruchtbaren Baum. Zweitens, daß nicht einmal die Vögel vom Raub schwächerer Vögel lebten, noch der Wolf um die Schafställe schlich und Opfer suchte, noch dem Schlange Staub zur Speise war; sondern alle Geschöpfe sich einträchtig von Kräutern und den Früchten der Bäume nährten.”

Doch die erstere Meinung, die ich dargelegt habe, ist wahrer. Die Gründe, warum Gott giftige Geschöpfe erschuf, sind: erstens, damit das Universum mit allen Arten von Dingen vollständig sei; zweitens, damit aus ihnen die Güte anderer Dinge hervorleuchte: denn das Gute erstrahlt heller, wenn es dem Bösen gegenübergestellt wird; drittens, weil sie für Arzneien und andere Zwecke nützlich sind. Denn so wird aus der Viper Theriak (Gegengift) gewonnen. So der hl. Damascenus, Buch II Über den Glauben, Kapitel 25. Siehe den hl. Augustinus, Buch I Über die Genesis gegen die Manichäer, 16.

Warum einige Tiere aus Fäulnis geboren werden. Ich sage drittens, daß winzige Tiere, die aus Schweiß, Ausdünstung oder Fäulnis geboren werden, wie Flöhe, Mäuse und andere kleine Würmer, an diesem sechsten Tag nicht förmlich, sondern der Möglichkeit nach und gleichsam in einem Keimgrund erschaffen wurden; weil nämlich an diesem Tag jene Tiere erschaffen wurden, aus deren bestimmter Beschaffenheit diese von Natur aus hervorgehen sollten: so der hl. Augustinus, Buch III Über den Wortlaut der Genesis, Kapitel 14, obgleich der hl. Basilius hier in Homilie 7 das Gegenteil zu lehren scheint.

Gewiß wäre es dem glückseligsten Stand der Unschuld zuwidergelaufen, wenn Flöhe und ähnliche Würmer, die jetzt den Menschen plagen, damals erschaffen worden wären.

Man beachte, daß in kleinen Tieren die Herrlichkeit Gottes ebenso, ja bisweilen noch mehr hervorleuchtet als in großen.

Höre Tertullian, Buch I Gegen Marcion, Kapitel 14: „Wenn du aber auch die kleineren Tiere verspottest, die der größte Künstler absichtlich an Geschicklichkeit oder Kraft vergrößert hat, und uns so lehrt, Größe in der Kleinheit zu schätzen, wie Tugend in der Schwachheit, gemäß dem Apostel: ahme nach, wenn du kannst, die Bauten der Biene, die Ställe der Ameise, die Netze der Spinne, die Fäden des Seidenwurms; ertrage, wenn du kannst, jene Tierchen deines Bettes und deiner Matte, die Gifte des Blasenkäfers, die Stacheln der Fliege, die Trompete und Lanze der Mücke: wie werden erst die größeren Geschöpfe sein, wenn du von so kleinen entweder unterstützt oder geschädigt wirst, so daß du den Schöpfer nicht einmal in Kleinem verachten solltest?”

So sagte Chrysipp, wie Plutarch in Buch V Über die Natur bezeugt, daß Wanzen und Mäuse dem Menschen sehr nützlich seien; denn durch Wanzen werden wir aus dem Schlaf gerüttelt, und durch Mäuse werden wir ermahnt, Sorgfalt bei der Aufbewahrung unserer Habe anzuwenden.

Der hl. Augustinus in der Auslegung zu Psalm 148: „Eure Liebe beachte, sagt er: wer hat die Glieder des Flohs und der Mücke so geordnet, daß sie ihre eigene Ordnung haben, ihr eigenes Leben, ihre eigene Bewegung? Betrachte irgendein winziges kleines Tierchen, das du willst, wie klein auch immer: wenn du die Ordnung seiner Glieder betrachtest und die Beseeltheit des Lebens, durch die es sich bewegt, wie es für sich selbst dem Tod entflieht, das Leben liebt; Freuden sucht, Unannehmlichkeiten meidet, verschiedene Sinne ausübt, in der ihm gemäßen Bewegung kräftig ist. Wer gab der Mücke ihren Stachel, mit dem sie Blut saugt? Wie fein ist die Röhre, durch die sie trinkt? Wer hat diese Dinge geordnet? Wer hat diese Dinge gemacht? Du erschrickst vor dem Kleinsten — preise den Großen.”

Auch keine Mischtiere. Ich sage viertens, daß Mischtiere, das heißt Tiere, die aus der Paarung verschiedener Arten erzeugt werden, wie das Maultier aus Stute und Esel, der Luchs aus Wolf und Hirschkuh, der Tityrus aus Ziegenbock und Mutterschaf, der Leopard aus Löwin und Panther — diese, sage ich, brauchen nicht als an diesem sechsten Tag erschaffen angesehen zu werden: und tatsächlich ist es gewiß, daß nicht alle von ihnen damals erschaffen wurden. So Rupert, Molina und andere, obgleich Pererius hier die gegenteilige Meinung vertritt.

Dieser Satz wird erstens bewiesen, weil in Afrika täglich neue Arten von Mißbildungen entstehen und weitere in Zukunft entstehen werden und aus einer neuen Vermischung verschiedener Arten oder Tiere entstehen können. Zweitens, weil diese Vermischung naturwidrig und ehebrecherisch ist, weshalb sie den Juden in Levitikus 19,19 verboten wurde. Drittens, weil man diese Tiere als hinreichend erschaffen ansehen kann, als die anderen Arten erschaffen wurden, aus deren Vermischung sie später geboren werden sollten. Viertens, weil die Hebräer über die Maultiere aus Genesis 36,24 lehren, daß sie lange nach diesem sechsten Weltentag von Ana in der Wüste entdeckt wurden, aus der Paarung von Stuten mit Eseln.

NACH SEINER ART — das heißt nach seiner eigenen Art, nämlich nach seiner eigenen Spezies, wie folgt, als ob es hieße: Es bringe die Erde lebendige Wesen hervor nach jeder ihrer einzelnen Arten: oder: es bringe die Erde jede einzelne Art der Landtiere hervor.

Diese Arten zählt auf und betrachtet der hl. Basilius, Homilie 9 über das Hexaemeron, und ihm folgend der hl. Ambrosius, Buch VI des Hexaemeron, Kapitel 4, wo er unter anderem sagt: „Die Bärin, obwohl hinterlistig, wie die Schrift sagt (denn sie ist ein Tier voll Arglist), soll dennoch formlose Junge aus dem Leib gebären, aber die Neugeborenen mit ihrer Zunge formen und in Gestalt und Ebenbild ihrer selbst bilden: kannst du nicht deine Kinder erziehen, daß sie dir gleich werden?”

Dieselbe Bärin, wenn sie durch eine schwere Verletzung getroffen und verwundet ist, weiß sich selbst zu heilen, indem sie ihren Wunden das Kraut mit dem Namen Phlomos auflegt, damit sie allein durch seine Berührung geheilt werden. Auch die Schlange vertreibt durch den Genuß von Fenchel die Blindheit, die sie sich zugezogen hat. Die Schildkröte, die sich vom Fleisch einer Schlange genährt hat, wendet, wenn sie das Gift in sich kriechen spürt, den Oregano als Arznei zu ihrer Heilung an.

Man kann auch sehen, wie der Fuchs sich selbst mit dem Saft der Kiefer heilt. Der Herr ruft in Jeremia 8: „Die Turteltaube und die Schwalbe, die Spatzen des Feldes, haben die Zeiten ihres Kommens eingehalten; aber mein Volk hat die Gerichte des Herrn nicht erkannt.”

Auch die Ameise versteht es, die Zeiten des schönen Wetters zu beobachten: denn es vorausahnend, trägt sie ihre feuchten Vorräte hinaus, damit sie in der beständigen Sonne trocknen. Die Ochsen wissen bei herannahendem Regen, sich an ihren Krippen zu halten; zu anderen Zeiten schauen sie hinaus und strecken ihre Hälse über die Krippen hinaus, um zu zeigen, daß sie hinausgehen wollen, weil ein heitererer Wind im Anzug ist.

„Das Schaf, beim Nahen des Winters unersättlich nach Futter, reißt gierig das Gras an sich, weil es die Rauheit und Unfruchtbarkeit des kommenden Winters vorausspürt. Der Igel, wenn er irgendeine Bedrohung gespürt hat, schließt sich mit seinen Stacheln ein und sammelt sich in seine eigenen Waffen, so daß jeder, der ihn zu berühren versucht, verwundet wird. Derselbe, die Zukunft voraussehend, richtet sich zwei Atemwege her, damit er, wenn er weiß, daß der Nordwind wehen wird, den nördlichen verschließt: wenn er weiß, daß der Südwind die Wolken vom Himmel vertreiben wird, begibt er sich zum nördlichen Durchgang, um die ihm entgegenblasenden und von jener Seite schädlichen Winde zu meiden. Wie herrlich sind deine Werke, o Herr! Du hast alles in Weisheit gemacht.”

Er fügt über den Tiger hinzu, der den Räuber seiner Jungen verfolgt: wenn dieser sich beinahe ergriffen sieht, wirft er eine Glaskugel hin. Und sie wird durch das Bild ihrer selbst getäuscht (das sie im Glas gespiegelt sieht und für ihr Junges hält) und setzt sich nieder, als wollte sie den Säugling stillen: so durch ihren Mutterinstinkt getäuscht, verliert sie sowohl ihre Rache als auch ihren Nachwuchs. Der Tiger lehrt also, so wild er auch ist, wie sehr Eltern ihre Kinder lieben und sie nicht zum Zorn reizen sollen.

Dann fährt er fort mit den Hunden, die mit wunderbarer Spürkraft den Hasen aus den Fußspuren aufspüren und verfolgen. Er führt Beispiele von Hunden an, die die Mörder ihrer Herren entdeckten und rächten, und fügt hinzu: „Was für eine würdige Gegenleistung erstatten wir unserem Schöpfer, dessen Speise wir essen, und doch seine Beleidigungen übersehen und oft die Gastmähler, die wir von Gott empfangen haben, den Feinden Gottes darbieten?”

Das Lämmlein ruft mit häufigem Blöken seine abwesende Mutter herbei, um die Stimme derer hervorzulocken, die antworten wird; mag es sich auch unter vielen Tausenden von Schafen bewegen, es erkennt die Stimme seiner Mutter und eilt zu ihr; auch sie erkennt unter vielen Tausenden von Lämmern ihren einzigen Sohn durch ein stilles Zeugnis der Zuneigung. Der Hirte irrt im Unterscheiden der Schafe; das Lämmlein weiß nicht zu irren im Erkennen seiner Mutter. Der Welpe hat noch keine Zähne, und doch sucht er sich, als hätte er welche, mit dem eigenen Maul zu rächen. Der Hirsch hat noch kein Geweih, und doch nimmt er mit seiner Stirn die Schritte samt den anderen nicht hin, sondern macht ein Vorspiel, und verschmäht, was er noch nicht versucht hat; er kommt weder zur gestrigen Nahrung, noch kehrt er jemals zu den Überresten seiner Jagd zurück. Ungestüm ist der Panther, hitzig und schnell und daher geschmeidig und behend. Überaus träge ist die Bärin, einzelgängerisch und hinterlistig.

VIEH — das heißt Haus- und zahme Tiere: denn im Hebräischen werden diese behemot genannt, und sie werden den wilden Tieren, das heißt den wilden Tieren der Erde, entgegengesetzt, die die Griechen hier als theria übersetzen.

Was das Werk der sechs Tage tropologisch bedeutet. Tropologisch bedeutet das Werk der Schöpfung in sechs Tagen das Werk der Rechtfertigung des Menschen. Am ersten Tag also wird das Licht erschaffen, das heißt dem Sünder wird die Erleuchtung eingegossen, durch die er die Häßlichkeit der Sünde und die Gefahr seines Zustandes und der Ewigkeit sehen kann. Am zweiten Tag wird das Firmament gemacht, das heißt dem Sünder wird die Furcht Gottes und des Gerichtes eingepflanzt, die die oberen Wasser, das heißt das vernünftige Begehren, von den unteren, das heißt vom sinnlichen Begehren, scheidet, damit er, obwohl er mit den Sinnen das Irdische begehrt, dennoch im Geiste zum Himmlischen getragen werde. Am dritten Tag wird die Erde, das heißt der vom Wasser, das heißt von der Begierlichkeit, bedeckte Mensch, aufgedeckt, so daß er, obwohl er sie hat, doch nicht von ihr überwältigt wird und sie empfindet, aber nicht zustimmt: daraus bringt er die Keime der Tugenden hervor. Am vierten Tag wird die Sonne gemacht, das heißt dem Menschen wird die Liebe eingepflanzt; und der Mond, das heißt der glänzende Glaube; und der Abendstern, das heißt die Hoffnung; und der Saturn, das heißt die Mäßigung; und der Jupiter, das heißt die Gerechtigkeit; und der Mars, das heißt die Tapferkeit; und der Merkur, das heißt die Klugheit — samt den übrigen Sternen, das heißt den Tugenden. Am fünften und sechsten Tag werden Lebewesen gemacht: erstens Fische, das heißt Menschen, die gut, aber höchst unvollkommen sind, weil sie in die Sorgen der Welt versenkt sind; zweitens Vieh, das heißt vollkommenere Menschen, die auf Erden geistlich leben; drittens Vögel, das heißt die vollkommensten Menschen, die alles verachtend mit ihrer ganzen Sehnsucht wie Vögel zum Himmel emporfliegen: so nach Eucherius, Origenes und Hugo, sagt Pererius. Siehe den hl. Bernhard, Predigt 3 Über Pfingsten.

Sinnbildlich wendet Junilius diese sechs Tage auf die sechs Weltalter an. Es folgt die Erschaffung des Menschen, nämlich:

„Ein heiligeres Geschöpf als diese, eines höheren Geistes fähig,
Fehlte noch, eines, das über alle übrigen herrschen könnte:
Der Mensch ward geboren.”

Gott spricht also:


Vers 26: Lasset uns den Menschen machen nach unserem Bild und Gleichnis

LASSET UNS DEN MENSCHEN MACHEN NACH UNSEREM BILD UND GLEICHNIS.

Hier wird das Geheimnis der Allerheiligsten Dreifaltigkeit verstanden. Man beachte hier das Geheimnis der Allerheiligsten Dreifaltigkeit: denn mit diesen Worten wendet sich Gott der Vater nicht an die Engel, als ob er ihnen befehle, den menschlichen Leib und die empfindende Seele zu bilden, wobei er sich allein die Erschaffung der vernünftigen Seele vorbehalte, wie Platon im Timaios und Philon in seinem Buch Über die Erschaffung der sechs Tage sowie die Juden wollten. Denn der hl. Basilius, Chrysostomus, Theodoret, Kyrill im I. Buch Gegen Julian und Augustinus im XVI. Buch Des Gottesstaates, Kapitel 6, verwerfen dies als gottlos; denn Gott hat sowohl den Leib als auch die Seele des Menschen nicht durch Engel, sondern durch sich selbst erschaffen, wie aus Kapitel II, Vers 7 und 21 hervorgeht. Daher sagt er hier nicht „machet” [facite], sondern „lasset uns machen” [faciamus], nach „unserem” Bild — nicht nach eurem, o Engel, sondern nach unserem. Also wendet sich hier Gott der Vater an seinen Sohn und den Heiligen Geist als seine Gefährten, die mit ihm dieselbe Natur, Macht und Wirksamkeit teilen. So der hl. Basilius, Rupert und andere oben Genannte; ja das Konzil von Sirmium, angeführt von Hilarius in seinem Buch Über die Synoden, spricht das Anathema über diejenigen aus, die diese Stelle anders erklären.

Die zwölf Vorzüge des Menschen. Man beachte zweitens die Vortrefflichkeit des Menschen: denn Gott berät und überlegt über die Erschaffung des Menschen als eine große Sache, indem er spricht: „Lasset uns den Menschen machen”; so Rupert. Denn der Mensch ist das erste Abbild der unerschaffenen Welt, das heißt der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, und das Zeugnis seiner unendlichen Kunst und Weisheit sowie sein vollkommenstes Werk. Von der geschaffenen Welt aber ist der Mensch das Ziel, der Inbegriff, das Band und die Verknüpfung: denn der Mensch hat und verbindet in sich alle Stufen der geistigen und körperlichen Dinge, und deshalb ist er und wird er Mikrokosmos genannt, und von Platon wird er der Horizont des Universums genannt, weil er die obere Halbkugel, nämlich den Himmel und die Engel, und die untere, nämlich die Erde und die unvernünftigen Tiere, voneinander abgrenzt und in sich vereint; denn der Mensch ist teils den Engeln, teils den Tieren ähnlich. Ebenso ist dieses unser Leben und unsere Zeit der Horizont der Ewigkeit: weil es die glückselige Ewigkeit, die im Himmel ist, von der elenden, die in der Hölle ist, abgrenzt und an beiden etwas teilhat. Schön sagt der hl. Klemens, VII. Buch der Apostolischen Konstitutionen, Kapitel 35: „Das Ziel deines Schöpfungswerkes, ein lebendes, der Vernunft teilhaftes Wesen, einen Bürger der Welt, hast du durch die Lenkung deiner Weisheit geschaffen, als du sprachst: ‚Lasset uns den Menschen machen nach unserem Bild und Gleichnis'; du hast ihn geschaffen, sage ich, damit er die Zierde der Zierde sei, dessen Leib du aus den vier Elementen, den ersten Körpern, gebildet hast, die Seele aber aus dem Nichts, und du gabst fünf Sinne für den Wettkampf der Tugend; und den Geist der Seele selbst hast du als Wagenlenker über die Sinne gesetzt.”

Zweitens, weil durch Christus als Menschen alle Geschöpfe gleichermaßen, die im Menschen wie in einem Mikrokosmos enthalten sind, wie ich soeben gesagt habe, vergöttlicht werden sollten: sieh daher, wie groß die Würde des Menschen ist. Drittens, weil ebenso wie die Welt um des Menschen willen und mit dem Menschen geschaffen wurde, sie auch in der Auferstehung erneuert werden wird. Viertens wurde das höchste Glaubensgeheimnis, nämlich das der Allerheiligsten Dreifaltigkeit und der ungeteilten Einheit, zuerst bei der Erschaffung des Menschen offenbart, das später bei der Wiedergeburt desselben Menschen, nämlich in der Taufe, offen verkündet und bekannt werden sollte; denn jene Worte „lasset uns machen” und „unserem” bezeichnen die Dreifaltigkeit; die Einheit aber zeigen jene Worte an: „Gott sprach”, „Gott machte” usw. Fünftens wird gesagt, daß Tiere und Pflanzen aus Erde und Wasser hervorgebracht wurden; aber Gott allein bildete und formte den Leib des Menschen und legte in ihn eine von ihm selbst aus dem Nichts geschaffene vernünftige Seele. Sechstens wurde der Mensch von Gott zum Herrscher und Fürsten aller Tiere gemacht, auch der größten, und gleichsam zum König der ganzen Welt. Siebtens wies Gott dem Menschen zum Wohnen und zu seiner Ergötzung das Paradies zu, das aufs reichste mit Wonnen und allem Überfluß an Dingen ausgestattet war. Achtens schuf Gott den Menschen mit solcher Unversehrtheit der Seele und Unschuld begabt, daß der Verstand Gott untertan war und die Sinne der Vernunft und der Leib der Seele und alle Lebewesen der Herrschaft des Menschen unterstellt waren: daher kam es, daß er sich seiner Nacktheit nicht schämte. Neuntens gab Adam jedem einzelnen Tier passende Namen; woraus sein höchstes Wissen und seine Weisheit hervorstrahlt, so daß die Tiere selbst gleichsam den Menschen als ihren König und Herrn erkannten und anerkannten. Zehntens hatte er einen unsterblichen Leib, so daß er, wenn er Gott gehorchte, nach einem sehr langen Leben auf Erden von seinem irdischen Leben zu einem himmlischen und ewigen, frei von Tod und allen Übeln, überführt worden wäre. Elftens zeichnete Gott den Menschen mit der Gabe der Prophetie aus, als er sprach: „Dies ist nun Bein von meinem Gebein.” Zwölftens erschien Gott dem Menschen oft in menschlicher Gestalt und sprach vertraulich mit ihm.

Man beachte drittens: Gott hat diesen Palast der Welt, gleichsam wie ein Gastmahl, wie Nyssen sagt, oder vielmehr wie einen prächtigen Speisesaal, mit allen Dingen ausgestattet, die für den Gebrauch, die Ergötzung und die Erkenntnis geeignet waren; und dann hat er zuletzt den Menschen in diesen so geschmückten Saal eingeführt und geschaffen, als denjenigen, der die Krone, das Ziel und der Herr von allem sein sollte. Siehe den hl. Ambrosius, Brief 38 an Horontianus, und Nazianz, Rede 43, und Nyssen, Buch Über die Erschaffung des Menschen. Mit Recht also der hl. Bernhard, Predigt 1 Über die Verkündigung: „Was, sagt er, fehlte dem ersten Menschen, den die Barmherzigkeit bewachte, die Wahrheit lehrte, die Gerechtigkeit regierte und der Friede hegte?”

Überdies lehren Diogenes, wie Plutarch in seinem Buch Über die Seelenruhe bezeugt, und Philon im I. Buch Über die Monarchie, daß die Welt gleichsam ein heiliger und schöner Tempel Gottes sei, in den der Mensch eingeführt wurde, um sein Hoherpriester zu sein und das Priesteramt für alle Geschöpfe auszuüben und für die allen und jedem einzelnen verliehenen Wohltaten Dank zu sagen und ihnen Gott gnädig zu stimmen, damit er Gutes hinzufüge und Übel abwende. Daher trug Aaron, der Hohepriester des Alten Testamentes, „an dem Prachtgewand, das er trug, die ganze Welt,” Weisheit 18,24. Höre Laktanz, Buch Über den Zorn Gottes, Kapitel 14: „Es folgt, daß ich zeige, warum Gott den Menschen geschaffen hat. Wie er die Welt für den Menschen erdacht hat, so hat er den Menschen für sich selbst gemacht, als den Hohenpriester des göttlichen Tempels, den Betrachter der himmlischen Werke und Dinge. Denn er allein ist es, der, mit Empfindung begabt und der Vernunft fähig, Gott erkennen, seine Werke bewundern, seine Kraft und Macht durchschauen kann usw. Daher empfing er allein die Sprache und die Zunge als Dolmetscherin des Denkens, damit er die Majestät seines Herrn verkünden könne.”

Ferner lehrt der hl. Ambrosius in dem bereits angeführten Brief 38, daß der Mensch zuletzt erschaffen wurde, damit er alle Reichtümer der Welt sich untertan habe — alle Vögel, Landtiere, sogar Fische usw. — und gleichsam der König der Elemente sei und durch diese wie auf Stufen zum königlichen Hof des Himmels emporsteige. Und dann schließt er in eleganter Weise: „Mit Recht also war er der letzte, als die Summe des ganzen Werkes, als die Ursache der Welt, um derentwillen alles geschaffen wurde, als der Bewohner aller Elemente: er lebt unter wilden Tieren, schwimmt mit den Fischen, fliegt über die Vögel empor, verkehrt mit den Engeln; er wohnt auf Erden und dient im Himmel; er pflügt das Meer, nährt sich von der Luft; ein Bebauer des Bodens, ein Wanderer der Tiefe, ein Fischer in den Wellen, ein Vogelsteller in der Luft, ein Erbe im Himmel, ein Miterbe Christi.”

„Mensch.” — „Mensch” ist hier nicht die Idee des abstrakten und allgemeinen Menschen, die die Ursache und das Urbild aller einzelnen Menschen wäre, wie Philon im Anschluß an Platon wollte. Noch ist „Mensch” hier die Seele des Menschen, als ob gesagt würde: „Lasset uns die Seele des Menschen mit unserem Bild schmücken, nämlich mit der Gnade,” wie der hl. Basilius und Ambrosius erklären. Vielmehr ist „Mensch” Adam selbst, der erste Mensch und Stammvater aller anderen, wie aus dem Gesagten hervorgeht: denn in Adam und durch Adam hat Gott alle anderen Menschen gemacht und geschaffen.

„Ad imaginem et similitudinem” — Bild Gottes im Menschen. NACH UNSEREM BILD UND GLEICHNIS. — Du wirst fragen: Worin besteht dieses Bild Gottes, das im Menschen ausgeprägt ist? Die Anthropomorphiten, deren Urheber Audäus war (daher werden sie auch Audäaner genannt), meinten, der Mensch sei das Bild Gottes dem Leibe nach, und daß daher Gott körperlich sei; doch dies ist Häresie.

Zweitens meinen Oleaster und Eugubinus in der Cosmopoeia, Gott habe hier eine menschliche Gestalt angenommen, um den Menschen nach deren Ähnlichkeit zu erschaffen; doch dies ist gleichermaßen schwach und neuartig.

Man beachte erstens, daß „Bild” hier als „Urbild” genommen wird, als ob gesagt würde: Lasset uns den Menschen nach unserem Muster machen, damit er als Abbild uns, sein Urbild, widerspiegle und darstelle. Dieses Bild ist nicht das göttliche Wort oder der Sohn, der das Bild des Vaters ist, wie einige erklären; sondern es ist das göttliche Wesen selbst, Gott selbst, der eine und dreifaltige: denn nach dessen Bild wurde der Mensch geschaffen. Was daher Rupert unter „Bild” als den Sohn versteht und unter „Gleichnis” als den Heiligen Geist, ist mystisch. Jedoch kann zweitens „Bild” hier eigentlich als Hebraismus genommen werden, als ob gesagt würde: Lasset uns den Menschen nach unserem Bild machen, das heißt, damit er ein Bild von uns sei, als von seinem Urbild.

Werden Bild und Gleichnis hier unterschieden? Man beachte zweitens: Viele unterscheiden hier „Bild” von „Gleichnis”, nämlich so, daß „Bild” sich auf die Natur und „Gleichnis” sich auf die Tugenden bezieht. So der hl. Basilius, Homilie 10 über das Hexaemeron: „Durch das meiner Seele eingeprägte Bild erlangte ich den Gebrauch der Vernunft; da ich aber Christ geworden bin, werde ich wahrhaft Gott ähnlich gemacht.” Der hl. Hieronymus sagt zu Ezechiel Kapitel 28, „Du bist das Siegel der Ähnlichkeit”: „Und es ist zu beachten, daß das Bild erst bei der Schöpfung gemacht wurde, während das Gleichnis in der Taufe vollendet wird.” Und der hl. Chrysostomus, Homilie 9 über die Genesis: „Er sagte ‚Bild' um der Herrschaft willen; ‚Gleichnis', damit wir nach menschlichen Kräften Gott ähnlich werden in Sanftmut, Milde usw., was auch Christus sagt: ‚Seid eurem Vater ähnlich, der im Himmel ist.'” Dasselbe lehrt der hl. Augustinus, Buch Gegen Adimantus, Kapitel 5; Eucherius, I. Buch über die Genesis; Damaskenos, II. Buch Über den Glauben, Kapitel 12; der hl. Bernhard, Predigt 1 Über die Verkündigung, wo er auch hinzufügt: „Das Bild kann zwar in der Hölle gebrannt werden, aber nicht verbrannt; es kann glühen, aber nicht zerstört werden. Das Gleichnis verhält sich nicht so; sondern entweder bleibt es im Guten bestehen, oder wenn die Seele sündigt, wird es elend verwandelt und den unvernünftigen Tieren gleichgemacht.” So geht also durch die Sünde das Gleichnis Gottes im Menschen zugrunde, nicht aber das Bild.

Ich sage jedoch, daß sie nicht unterschieden werden, und daß es ein Hendiadyoin ist, als ob gesagt würde: „Nach dem Bild und Gleichnis”, das heißt „nach dem Bild der Ähnlichkeit”, wie es in Weisheit Kapitel 2, Vers 24 heißt, das heißt „nach einem ähnlichen Bild” oder „einem höchst ähnlichen Bild”. Daher verwendet die Schrift diese Ausdrücke unterschiedslos — bald den einen, bald den anderen, bald beide.

Der Mensch ist ein Schatten Gottes. Man beachte drittens: Für „Bild” steht im Hebräischen צלם tselem, was einen Schatten oder eine Abschattung einer Sache bedeutet. Denn die Wurzel צלל tsalal bedeutet beschatten, wovon צל tsel einen Schatten bedeutet und tselem ein abschattendes Bild. Denn wie ein Schatten zu einem Körper gehört, so ist ein Bild eine Art Abschattung seines Urbilds. Tselem deutet also an, daß der Mensch im Verhältnis zu Gott lediglich ein Schatten oder ein schattenhaftes Abbild ist. Denn Gott hat ein festes und beständiges Wesen; der Mensch aber ein schattenhaftes und vergängliches: und dies ist es, was in Psalm 38 gesagt wird: „Ganz und gar Nichtigkeit ist jeder lebende Mensch; fürwahr, wie ein Bild wandelt der Mensch einher” (hebr. בצלם betselem, in einem Schatten, das heißt gleichwie ein Schatten).

Man beachte viertens: Der Mensch ist nicht das Bild Gottes, insofern Gott Gott ist, das heißt hinsichtlich der Gott eigentümlichen Eigenschaften (denn der Mensch ist nicht allmächtig, unermeßlich, ewig oder allwissend, wie Gott es ist), sondern nur hinsichtlich der gemeinsamen Eigenschaften, die er den geistigen Geschöpfen mitteilt.

Man beachte fünftens: Dieses Bild Gottes ist nicht allein im Mann, wie Theodoret meint, sondern auch im Engel und in der Frau, wie der hl. Augustinus ausführlich im XII. Buch Über die Dreifaltigkeit, Kapitel 7, und Basilius hier in Homilie 10 lehrt, indem er jene Worte der Genesis 1 erklärt: „Als Mann und Frau schuf er sie.”

Das Bild Gottes liegt im Geiste des Menschen. Ich sage erstens: Dieses Bild Gottes liegt im Geiste des Menschen, das heißt darin, daß der Mensch die höchste Stufe der Dinge einnimmt, auf der Gott und der Engel stehen, nämlich daß der Mensch von geistiger Natur ist und ein vernunftbegabtes Lebewesen. Denn durch Vernunft, Geist und Verstand spiegelt der Mensch Gott am meisten wider und ist ihm vor allen anderen Geschöpfen am ähnlichsten. Aus dieser vernünftigen Natur folgen sechs hervorragende Gaben und Eigenschaften des Menschen, in deren einer oder anderer die Kirchenväter jeweils dieses Bild Gottes ansiedeln, nämlich teilweise und unvollständig.

Die sechs hervorragenden Gaben des Menschen, in denen der Mensch Bild Gottes ist. Die erste ist, daß die Seele des Menschen unkörperlich und unteilbar ist, wie Gott selbst es ist: Darin setzt der hl. Augustinus das Bild Gottes an. Die zweite ist, daß sie ewig und unsterblich ist: Darin setzt es Origenes an. Die dritte ist, daß sie mit Verstand, Willen und Gedächtnis begabt ist: Darin setzt es Damaskenos an. Die vierte, daß sie freien Willen besitzt: Darin setzt es der hl. Ambrosius an. Die fünfte, daß sie der Weisheit, Tugend, Gnade, Glückseligkeit, der Anschauung Gottes und jedes Guten fähig ist: Daher setzt Nyssen das Bild Gottes in diese Fähigkeit. Die sechste, daß sie über alle Tiere durch ihre Macht herrscht und gebietet: Darin setzt es der hl. Basilius an.

Man füge siebtens hinzu: Ebenso wie in Gott alle Dinge in hervorragender Weise sind und enthalten sind, so sind auch alle Dinge im Menschen in hervorragender Weise, wie ich am Anfang dieses Verses gesagt habe. Ferner wird der Mensch durch das Erkennen gleichsam alles, wie Aristoteles sagt, weil er sich in seiner Vorstellungskraft und seinem Geist die Bilder und Abbilder aller Dinge formt.

Vier weitere Eigenschaften und Vorzüge des Menschen. Achtens ist daher der Mensch gleichsam allmächtig wie Gott; weil er vieles durch Kunst und alles durch seinen Geist bilden und erfassen kann. Ferner ist der Mensch das Ziel aller geschaffenen Dinge, ebenso wie Gott das Ziel derselben ist. Neuntens: Ebenso wie die Seele den Leib regiert und ganz im Ganzen und ganz in jedem Teil desselben ist, so ist auch Gott ganz in der ganzen Welt und ganz in jedem Teil der Welt. Zehntens und am vollkommensten: Ebenso wie Gott der Vater, indem er sich durch den Verstand erkennt, das Wort, das heißt den Sohn, hervorbringt und ihn liebend den Heiligen Geist hervorbringt, so bringt der Mensch, indem er sich selbst erkennt, in seinem Geist ein geistiges Wort hervor, das ihn selbst ausdrückt und ihm ähnlich ist, und daraus geht in seinem Willen die Liebe hervor: denn so stellt der Mensch deutlich die Allerheiligste Dreifaltigkeit dar. So der hl. Augustinus, X. Buch Über die Dreifaltigkeit, Kapitel 10, und XIV. Buch, Kapitel 11.

Das natürliche Bild Gottes konnte durch die Sünde nicht verlorengehen. Dieses Bild Gottes im Menschen ist daher natürlich und konnte durch die Sünde nicht verlorengehen; denn es ist der Natur selbst innerlich und unauslöschlich eingeprägt, so daß es nicht verlorengehen kann, ohne daß auch die Natur selbst verlorengeht. So lehrt es gegen Origenes der hl. Augustinus im II. Buch der Retractationes, Kapitel 24. Gottlos und töricht ist daher die Meinung des Matthias Flacius Illyricus, des Lutheraners, der sagt, das Bild Gottes im Menschen sei durch die Sünde so verdorben worden, daß der Mensch wesentlich in ein lebendiges und wesenhaftes Bild des Teufels verwandelt worden sei — denn dies, sagt er, sei die Erbsünde selbst.

Über das übernatürliche Bild Gottes im Menschen. Ich sage zweitens: Es gibt auch ein anderes Bild Gottes im Menschen, nämlich ein übernatürliches, das in der Gnade und der Rechtfertigung des Menschen liegt, durch die er Teilhaber der göttlichen Natur wird, und das in der Herrlichkeit und im ewigen Leben bestätigt und vollendet werden wird. „Denn die Gnade ist die Seele der Seele,” sagt der hl. Augustinus. Dieses Bild hängt vom Willen des Menschen ab, und wenn er sündigt, geht es verloren, wird aber durch Gnade und Rechtfertigung wiederhergestellt und erneuert. Daher der Apostel im Epheserbrief Kapitel 4, Vers 23: „Erneuert euch, sagt er, im Geiste eures Sinnes und ziehet den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in Gerechtigkeit und Heiligkeit der Wahrheit.”

Die Urgerechtigkeit Adams. Man beachte hier, daß Adam im ersten Augenblick seiner Erschaffung zusammen mit der Gnade zugleich alle theologischen und sittlichen Tugenden eingegossen wurden; ebenso wurde ihm die Urgerechtigkeit verliehen, die über die bereits genannten Tugendhabitus hinaus der beständige Beistand und die fortdauernde Hilfe Gottes war, durch die alle ungeordneten Regungen des Begehrungsvermögens, das heißt der Begierlichkeit, die der Vernunft vorausgehen, verhindert wurden; und das Begehren war der Vernunft unterworfen und die Vernunft Gott in allem; und so genoß der Mensch in allem inneren Frieden, Rechtschaffenheit und Heiligkeit. Und Adam hätte, wenn er nicht gesündigt hätte, diese Gerechtigkeit und Unversehrtheit an seine Nachkommen weitergegeben. Über die Urgerechtigkeit siehe Molina, Pererius, Aretinus und andere.

Ich sage drittens: Im Leib des Menschen ist nicht eigentlich das Bild Gottes, aber dennoch leuchtet und strahlt es in gewisser Weise in ihm auf, weil der Leib des Menschen das Abbild des Geistes ist: denn die aufrechte Gestalt und das zum Himmel erhobene Antlitz zeigen eine Seele an, die den Leib regiert, himmlischen Ursprungs ist, Gott ähnlich, der Ewigkeit und Göttlichkeit fähig, die das Obere anschauen und erstreben soll. „Denn wenn das Glas so viel wert ist, wie viel mehr dann die Perle?” Wenn der Leib so beschaffen ist, wie muß dann die Seele sein? So der hl. Augustinus, VI. Buch Über die Genesis dem Wortlaut nach, Kapitel 12, und Bernhard, Predigt 24 über das Hohelied. Durch seine aufrechte Gestalt wird der Mensch also ermahnt, daß er nicht Irdisches verfolgen soll, wie es das Vieh tut, dessen ganze Lust von der Erde kommt: daher sind alle Tiere nach vorne gebeugt und auf den Bauch hingestreckt; daher der Dichter:

„Und während die übrigen Lebewesen zur Erde niederschauen,
Gab er dem Menschen ein erhabenes Antlitz und hieß ihn
Den Himmel betrachten und die aufgerichteten Augen zu den Sternen erheben.”

Für den Himmel also sind wir geboren; für den Himmel sind wir geschaffen: dies ist unser Ziel, dies unser Zweck. Wenn wir davon abirren, sind wir vergeblich Menschen, vergeblich haben wir zum Himmel und zur Sonne emporgeblickt; es wäre besser gewesen, unvernünftige Tiere oder Steine zu sein. Wenn wir es aber erreichen — dreimal und viermal selig! Dies also sei uns, wie dem hl. Bernhard, ein immerwährender Antrieb zu einem reinen und heiligen Leben: Bernhard, sage, warum bist du hier? Warum blickst du zum Himmel empor? Warum hast du eine vernünftige und unsterbliche Seele empfangen?

In den übrigen Geschöpfen findet sich eine gewisse Spur Gottes. Ich sage viertens: In den übrigen Geschöpfen findet sich nicht ein Bild, sondern gleichsam eine Spur Gottes, die Gott darstellt, wie eine Wirkung ihre Ursache darstellt. Denn wer ihre Natur, Wirksamkeit, Anordnung, Bestimmung und die wunderbare Verbindung und Ordnung aller Dinge untereinander betrachtet, dem ist klar, daß sie durch göttliche Vernunft und Weisheit geschaffen und erhalten werden.

Moralisch: Es wird der Grund angegeben, warum der Mensch das Bild Gottes trägt. Im sittlichen Sinne wollte Gott, daß alles dem Menschen gehöre, der Mensch aber Gott gehöre als sein besonderes Eigentum, und deshalb besiegelte er ihn mit dem Siegel seines Bildes — und zwar einem höchst festhaftenden und unauslöschlichen —, damit der Mensch, auf sich selbst blickend, gleichsam in einem Bilde Gott, seinen Schöpfer, erkenne. Denn der Mensch trägt das Bild Gottes: erstens als Sohn seines Vaters, dem er Liebe und Ehrfurcht schuldet; zweitens als Knecht seines Herrn, den er fürchten und verehren muß; drittens als Soldat seines Anführers und Feldherrn, dem er Treue und Gehorsam leisten muß; viertens und schließlich als Verwalter und Austeiler der Güter seines Herrn und Gebieters, dem er rechten Gebrauch der seiner Verwaltung anvertrauten Geschöpfe schuldet, zum immerwährenden Lob und zur Ehre des Herrn, seines Gottes. Schließlich: Wenn es ein Verbrechen der Majestätsbeleidigung ist, das Bild eines Königs zu verletzen, welcher Art wird dann das Verbrechen sein, das ihm eingepflanzte Bild Gottes durch Sünde zu beflecken und zu besudeln?

„Et praesit” — Die Herrschaft des Menschen. UND ER SOLL HERRSCHEN. — Im Hebräischen וירדו veiirdu, das heißt „und sie sollen herrschen” oder „Herrschaft ausüben”, nämlich sowohl Adam als auch Eva und ihre Nachkommen. Der Mensch ist also ein zur Herrschaft geborenes Lebewesen.

Höre den hl. Basilius in Homilie 10 über das Hexaemeron: „Du bist also, o Mensch, ein zur Herrschaft geborenes Lebewesen. Warum unterwirfst du dich dieser elenden Knechtschaft der Leidenschaften? Warum gibst du dich der Sünde hin als wertloser Sklave? Warum machst du dich aus freien Stücken zum Leibeigenen und Gefangenen des Teufels? Gott hat dir befohlen, unter den Geschöpfen den ersten Platz einzunehmen; und siehe, du schüttelst die Würde einer so großen Herrschaft ab und verwirfst sie.”

Welche Herrschaft der Mensch im Stande der Unschuld über die Geschöpfe hatte. Man beachte erstens: Im Stande der Unschuld hatte der Mensch vollkommene Herrschaft über alle Tiere, und dies teils aufgrund natürlichen Wissens und natürlicher Klugheit, durch die er wußte, wie jedes zu zähmen, zu domestizieren und zu behandeln war; teils aufgrund der besonderen Vorsehung Gottes. Denn es war angemessen, daß, solange das Fleisch des Menschen dem Geist und der Geist Gott unterworfen war, ebenso lange auch die Tiere dem Menschen als ihrem Herrn gehorchten. Ferner ist diese Herrschaft ein Zeichen der großen Würde des Menschen. Höre den hl. Ambrosius am Anfang des VI. Buches des Hexaemeron: „Die Natur schien nichts Größeres oder Stärkeres als Elefanten zu haben, nichts Furchtbareres als den Löwen, nichts Wilderes als den Tiger: und doch dienen diese dem Menschen, und durch menschliche Erziehung legen sie ihre Natur ab; sie vergessen, wozu sie geboren wurden; sie nehmen an, was ihnen befohlen wird. Kurz gesagt: Sie werden wie Kinder unterrichtet, sie dienen wie Knechte, ihnen wird geholfen wie den Schwachen, sie werden geschlagen wie die Furchtsamen, sie werden zurechtgewiesen wie Untergebene: sie gehen in unsere Sitten über, da sie ihre eigenen Triebe verloren haben.”

Man beachte: Im Stande der Unschuld wäre der Gehorsam der Tiere gleichsam politischer Art gewesen: denn sie hätten den Befehl des Menschen mit irgendeinem Sinn wahrnehmen müssen, um ihm zu gehorchen. Schließlich hätte der Mensch auch über den Menschen geherrscht, aber nicht durch knechtische Herrschaft, sondern durch bürgerliche Herrschaft, wie sie unter den Engeln besteht. So der hl. Augustinus, XIX. Buch Des Gottesstaates, Kapitel 14.

Wie besteht die Herrschaft der Natur jetzt? Man beachte zweitens: Diese Herrschaft blieb im Menschen nach der Sünde erhalten, wie aus Genesis 9,1 hervorgeht; daher ist es nach dem Naturrecht jedem Menschen erlaubt, wilde Tiere zu jagen ebenso wie zu fischen. Doch durch die Sünde wurde diese Herrschaft stark vermindert, besonders hinsichtlich der am weitesten entfernten Tiere, nämlich der größten, wie der Löwen, und der kleinsten und verächtlichsten, wie Mücken, Flöhe usw. Dennoch erlangten gewisse höchst heilige Männer jene Herrschaft wieder, die der ursprünglichen Unschuld so nahe wie möglich kamen; so Noach über alle Tiere der Arche, Elischa über die Bären, Daniel über die Löwen, Paulus über die Viper, und der hl. Franziskus über die Fische und Vögel, denen er predigte — er erlangte die Herrschaft über sie.

Im übertragenen Sinne herrscht der Mensch über die Fische, wenn er die Völlerei und die Wollust beherrscht; über die Vögel, wenn er den Ehrgeiz beherrscht; über die kriechenden Tiere, wenn er die Habsucht beherrscht; über die wilden Tiere, wenn er den Zorn beherrscht. So sagen Origenes, Chrysostomus und Eucherius.


Vers 27: Als Mann und Frau schuf er sie

ZUM BILDE GOTTES SCHUF ER IHN. — „Gottes”, das heißt Christi, der Gott ist: denn nach dem Bild Christi wurde der Mensch besonders geschaffen. Denn dies ist es, was in Römer 8 gesagt wird: „Die er vorhererkannt hat, die hat er auch vorherbestimmt, gleichförmig zu werden dem Bilde des Sohnes.” Doch das Bild Christi betrifft die übernatürliche Gnade und Herrlichkeit; hier aber ist vornehmlich vom natürlichen Bild die Rede. Es ist also eine Enallage der Person, häufig bei den Hebräern. Denn Gott spricht von sich wie von einem anderen, in der dritten Person.

27. ALS MANN UND FRAU SCHUF ER SIE. — Hieraus behauptete ein gewisser Neuerer in Frankreich kürzlich auf ungeschickte Weise, Adam sei als Hermaphrodit erschaffen worden und sei sowohl weiblich als auch männlich gewesen. So meinte auch Platon im Symposion, die ersten Menschen seien zweigeschlechtlich gewesen. Doch dies wird töricht gesagt: denn die Schrift sagt nicht „er schuf ihn”, sondern „sie”, nämlich Adam und Eva — das heißt, er schuf Adam als Mann und Eva als Frau. Daher ist klar, daß dies im Vorgriff gesagt wird. Denn Mose hatte die Erschaffung Evas noch nicht beschrieben, obwohl sie an demselben sechsten Tag geschaffen wurde; er spart dies für Kapitel 2, Vers 22 auf. Ebenso töricht ist, was einige Hebräer und Franciscus Georgius (Bd. I, Beweis 29) berichten, nämlich daß Adam und Eva von Gott so geschaffen worden seien, daß sie an den Seiten aneinanderhingen und gleichsam eins waren, daß Gott sie aber danach voneinander trennte; denn dies widerspricht Kapitel 2, Vers 18, wie ich dort zeigen werde.


Vers 28: Seid fruchtbar und mehret euch

28. SEID FRUCHTBAR UND MEHRET EUCH. — Aus diesen Worten geht hervor, daß Adam und Eva in reifem Alter und vollkommener Gestalt geschaffen wurden, fähig zur Zeugung, nämlich in der Jugend oder im Mannesalter. Die Häretiker behaupten, hier gebiete Gott jedem einzelnen Menschen die Fortpflanzung und den Gebrauch der Ehe. Wenn dem aber so wäre, müßten sie Christus den Herrn (um von anderen höchst heiligen Männern zu schweigen) als den ersten Übertreter dieses Gesetzes anklagen. Und tatsächlich: Wenn hier ein Gebot vorliegt, ist es nicht einzelnen Personen gegeben, sondern der ganzen Gattung, das heißt allen Menschen gemeinsam, damit sie die menschliche Art nicht aussterben lassen. So sagt der hl. Thomas. Ich aber sage, daß hier überhaupt kein Gebot vorliegt. Denn Gott sprach dasselbe zu den Fischen in Vers 22, denen er sicherlich kein Gesetz auferlegte. Also segnet Gott hier lediglich den Menschen, wie aus seinen eigenen Worten hervorgeht; das heißt, er billigt den Gebrauch der Ehe unter den Menschen und verleiht ihnen die Kraft und Fruchtbarkeit, damit sie durch die Verbindung von Mann und Frau, wie die übrigen Tiere, ihresgleichen zeugen und so sich und ihre Art erhalten und fortpflanzen. So sagen der hl. Chrysostomus, Rupert und Augustinus (XXI. Buch Des Gottesstaates, Kap. 22), Pererius, Oleaster, Vatablus und andere.

Der Name Adam enthält die vier Weltgegenden. UND ERFÜLLET DIE ERDE. — Als Sinnbild dessen, sagt der hl. Augustinus (Traktat 9 über Johannes), sind die vier Weltgegenden im griechischen Namen Adam durch ihre Anfangsbuchstaben enthalten. Denn Adam ist, wenn man die Anfangsbuchstaben entfaltet, dasselbe wie anatole, dysis, arktos, mesembria, das heißt Osten, Westen, Norden, Süden; um anzudeuten, daß aus Adam Menschen geboren würden, die die vier Teile der Welt bewohnen und füllen sollten.

Unterwerft sie — nachdem ihr alle wilden Tiere vertrieben oder gezähmt habt, bewohnt und bebaut sie und nährt euch und genießt ihre Schönheit und Früchte.

„Herrschet.” — Das hebräische רדו redu ist mehrdeutig. Denn leitet man es von rada ab, bedeutet es „herrschet”; leitet man es aber von yarad ab, bedeutet es „steiget herab”, als ob gesagt würde: Wenn ihr meinem Gebot gehorcht, werdet ihr über alle Tiere herrschen; wenn nicht, werdet ihr von eurer Herrschaft fallen, wie der Psalmist in Psalm 48,15 beklagt. So sagt Delrio. Doch dieser Sinn ist eher scharfsinnig als stichhaltig; denn es ist klar, daß hier nur vom Segen und der Herrschaft des Menschen die Rede ist. Daher bedeutet redu hier dasselbe wie „herrschet”.


Vers 29: Seht, ich habe euch alles samentragende Kraut gegeben

29. SEHT, ICH HABE EUCH ALLES SAMENTRAGENDE KRAUT GEGEBEN. — „Ich habe gegeben”, das heißt „ich gebe”: denn die Hebräer verwenden die Vergangenheitsform für die Gegenwart, die ihnen fehlt. Daher ist die verbreitetere Meinung der Kirchenväter und Kirchenlehrer, daß die Menschen bis zur Sintflut in ihrer Nahrung so genügsam waren, daß sie Kräuter und Früchte aßen, sich aber des Fleisches und ebenso des Weines enthielten; und dies nicht aufgrund eines Gebotes Gottes, sondern aufgrund einer gewissen Ehrfurcht, die daher rührte, daß Gott den Genuß von Fleisch und Wein noch nicht ausdrücklich und deutlich gewährt hatte, wie aus Genesis 9, Vers 3 und 21 hervorgeht. Siehe, diese schlichte Genügsamkeit der Väter hat ihr Leben nicht verkürzt, sondern vermehrt, denn sie lebten damals bis zu 900 Jahren. Schön spricht Boethius von dieser alten Genügsamkeit (II. Buch Über den Trost der Philosophie, Lied 5):

Allzu glücklich das frühere Zeitalter,
Zufrieden mit treuen Feldern,
Nicht verloren in trägem Luxus,
Das sein spätes Fasten pflegte
Mit leicht gesammelten Eicheln zu brechen.

Und Ovid singt im I. Buch der Metamorphosen über die alten Väter also:

„Sie sammelten Erdbeeren
Und Kornelkirschen und Brombeeren, die an dornigem Gestrüpp hingen,
Und Eicheln, die vom weitausladenden Baum Jupiters gefallen waren.”

Über diesen Gegenstand werde ich mehr in Kapitel 9, Vers 3 und 2 sagen.


Vers 31: Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und es war sehr gut

Warum vom Menschen nicht gesagt wird: „Und Gott sah, daß es gut war.” Man mag fragen: Warum wird, da nach jedem einzelnen Schöpfungswerk gesagt wird: „Und Gott sah, daß es gut war,” dies nach der Erschaffung des Menschen ausgelassen? Ich antworte: Der erste Grund ist, daß im Menschen die Schöpfung der Dinge vollendet wird; nachdem diese Schöpfung beendet und vollendet war, sagt Mose in einer zusammenfassenden Aussage, die alles umfaßt: „Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und es war sehr gut.” Diese zusammenfassende Aussage bezieht sich vor allem auf den Menschen, sowohl weil Mose seine Erschaffung unmittelbar zuvor ausführlicher als die anderen beschrieben hatte, als auch weil der Mensch das Ziel, die Zusammenfassung, der Knotenpunkt und die Mitte aller Geschöpfe ist: denn um des Menschen willen wurde alles geschaffen, und der Mensch ist der Herr, Teilhaber, das Band und die Verknüpfung jedes Geschöpfes. Damit also Mose nicht sogleich zweimal dasselbe wiederhole, ließ er das Erstere aus und verstand es im Letzteren, um anzuzeigen, daß alles im Menschen und um des Menschen willen, wie es geschaffen wurde, so auch gut ist vom guten Schöpfer des Menschen. So Pererius.

Er fügt auch hinzu, daß deshalb hier das Wort „sehr” hinzugefügt wird, das bei den anderen Werken ausgelassen wird, weil das Gut des Menschen die Güter der übrigen übertrifft, besonders weil durch den Menschen, nämlich Jesus Christus, alle Geschöpfe vergöttlicht werden sollten: denn nachdem die Menschheit Christi vergöttlicht wurde, wurden auch alle Geschöpfe, die in ihr enthalten sind, auf wunderbare Weise vergöttlicht.

Der hl. Augustinus führt zwei weitere Gründe an im III. Buch Über die Genesis dem Wortlaut nach, Kapitel 24. Den zweiten: Weil, sagt er, der Mensch noch nicht vollkommen war, denn er war noch nicht ins Paradies versetzt worden; oder weil, nachdem er dorthin versetzt war, derselbe Ausdruck gleichermaßen ausgelassen wurde. Er fügt den dritten hinzu: weil Gott vorherwußte, daß der Mensch sündigen und nicht in der Vollkommenheit seines Bildes verbleiben würde — gleichsam als ob er sagen wollte: Er wollte denjenigen nicht der Natur nach gut nennen, von dem er vorherwußte, daß er durch eigene Schuld böse sein würde.

Der hl. Ambrosius gibt den vierten Grund in seinem Buch Über das Paradies, Kapitel 10: Gott, sagt er, wollte von Adam allein, vor der Bildung Evas, nicht sagen, „daß es gut war”, damit er sich nicht selbst zu widersprechen scheine; denn in Kapitel 2, Vers 18 sagt er: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei; lasset uns ihm eine Hilfe machen, die ihm gleich sei.” Da also das Gut des Menschengeschlechts, nämlich die Fruchtbarkeit und Fortpflanzung, von Eva abhing, wollte Gott vor ihrer Bildung von Adam allein nicht sagen, „daß es gut war”. „Denn er zog es vor,” sagt er, „daß viele seien, die er erretten und denen er die Sünde vergeben könne, als den einen Adam allein, der von Schuld frei wäre.”

Der fünfte Grund ist ein sittlicher, nämlich um anzuzeigen, daß der Mensch freien Willen besitzt, den die übrigen Geschöpfe nicht haben; daher besitzen sie nur die Güte des Seins oder die natürliche Güte. Der Mensch aber hat, weil er frei ist, die größere Güte der Tugend oder die sittliche Güte. Um also anzuzeigen, daß die sittliche Güte des Menschen, die die vornehmste ist, vom Gebrauch seines freien Willens abhängt, wollte Gott nicht vorher von ihm sagen, daß er gut sei. Diesen Grund weisen der hl. Augustinus, der hl. Ambrosius und andere zu.

31. UND GOTT SAH ALLES, WAS ER GEMACHT HATTE, UND ES WAR SEHR GUT. — Der hl. Augustinus, I. Buch Über die Genesis gegen die Manichäer, Kapitel 21: „Als er die einzelnen Dinge behandelte, sagte er nur: ‚Gott sah, daß es gut war'; als es aber von allen Dingen zusammen gesagt wurde, genügte es nicht zu sagen ‚gut', wenn nicht auch ‚sehr' hinzugefügt wurde. Denn wenn die einzelnen Werke Gottes, von den Weisen betrachtet, lobenswerte Maße, Zahlen und Ordnungen aufweisen, jedes in seiner eigenen Art aufgestellt, wieviel mehr gilt dies von allen Dingen zusammen, das heißt vom Universum selbst, das durch all diese einzelnen Dinge, zu einem Ganzen versammelt, vollendet wird. Denn alle Schönheit, die aus Teilen besteht, ist viel lobenswerter im Ganzen als im Teil.” Und kurz darauf: „So groß ist die Kraft und Macht der Ganzheit und Einheit, daß die guten Dinge besonders dann gefallen, wenn sie in einem allumfassenden Ganzen zusammentreffen und zusammenwirken. Und das Wort ‚Universum' hat seinen Namen von ‚Einheit' (unitas) empfangen.”

Neun Gründe für die Schönheit der Welt.

Man beachte: Wunderbar ist die Schönheit der Welt und der geschaffenen Dinge.

Erstens wegen der Mannigfaltigkeit der Dinge. Wegen der Mannigfaltigkeit der Dinge; denn einige sind unkörperlich, wie die Engel, die in verschiedene Arten, Hierarchien und Chöre verteilt sind und sehr zahlreich und fast unzählbar sind; andere sind körperlich. Wiederum sind von diesen letzteren einige unvergänglich, wie die Himmel und die Sterne; andere vergänglich, und diese sind zweifach, nämlich unbelebt und belebt. Unter den belebten sind einige Pflanzen, andere Tiere, und wieder andere teils körperlich und teils unkörperlich, wie die Menschen. Und wie groß ist die Mannigfaltigkeit unter den Menschen in Gestalt und Antlitz, in Gang, Stimme, Begabung, Sprache, Bestrebungen, Handwerken, Sitten, Gesetzen, Einrichtungen und Religionen.

Zweitens wegen der Ordnung der Dinge. Wegen der Ordnung aller Dinge und ihrer überaus passenden Anordnung: denn die edleren Dinge nehmen den höchsten Platz in der Welt ein, die weniger edlen den niedrigsten, die mittleren den mittleren, und die letzteren werden von den höheren bewegt, erhalten und regiert.

Drittens wegen der Gesamtheit der Dinge. Wegen der Fülle und Gesamtheit der Dinge: denn in der Welt existieren alle Dinge auf dreifache Weise. Erstens gemäß den allgemeinen Stufen der Dinge, deren es vier gibt: Sein, Leben, Empfinden und Erkennen. Zweitens gemäß allen Gattungen einer jeden dieser Stufen und ihren untergeordneten Arten. Drittens, daß nirgendwo etwas existiert und nichts von Gott geschaffen wurde, das nicht in der Welt enthalten wäre und zu ihr gehörte.

Viertens wegen des Zusammenhangs der Dinge. Wegen des engen und wunderbaren Zusammenhangs aller Teile untereinander, nicht nur der Quantität nach, so daß nirgendwo etwas leer oder hohl ist, sondern auch in der Reihe und dem Gefüge der natürlichen Arten, nämlich daß es keine Unterbrechung gebe und jeder Teil auf allen Seiten mit seinen benachbarten Teilen aufs passendste und freundschaftlichste verbunden und verknüpft sei.

Fünftens wegen der Antipathie und Sympathie der Dinge. Wegen der zwieträchtigen Eintracht der Dinge untereinander und wegen ihrer Sympathien und Antipathien. Eine solche Antipathie besteht zwischen dem Weinstock und dem Kohl, zwischen dem Schaf und dem Wolf, der Katze und der Maus, und unzähligen anderen Dingen. Sympathie besteht zwischen dem Magneten und dem Eisen, zwischen männlichen und weiblichen Pflanzen, zwischen verschiedenen Metallen, zwischen Flüssigkeiten und zwischen Tieren.

Sechstens wegen der Proportion der Dinge. Wegen der wunderbaren Proportion aller Dinge sowohl untereinander als auch mit der ganzen Welt: denn diese Proportion ist der Proportion und Schönheit des menschlichen Leibes ähnlich, die aus der harmonischen Zusammensetzung aller seiner Glieder entsteht; so daß, wie der Mensch eine kleine Welt ist, so die Welt ein gewisser großer Mensch ist.

Siebtens wegen der vortrefflichen Verwaltung der Welt. Wegen der göttlichen und vortrefflichsten Verwaltung der Welt. Erstens, weil Gott jedem einzelnen Ding, auch dem geringsten, alles, was für die Erhaltung seines Lebens und die Erreichung seines Zieles notwendig oder dienlich war, aufs weiseste und freigebigste bereitgestellt hat. Zweitens, weil er jedes einzelne Ding, auch die der Vernunft und des Sinnes entbehrenden, auf sein Ziel hinlenkt und sie unter seiner Führung ihr Ziel erreichen, ganz als ob sie ihre Handlungen und Ziele kennen und beabsichtigen würden, wie klar bei den Vögeln ersichtlich ist, wenn sie Nester bauen, bei der Bewegung der Sonne, der Himmel, der Winde usw. Drittens, weil er alle einzelnen Dinge so gleichmäßig mäßigt, daß sie, indem sie gegenseitig ihre Kräfte brechen und einander verderben, nicht der Welt und sich selbst zum Verderben, sondern zum Heil und zur Zierde gereichen. Viertens, weil die einzelnen Dinge das Gemeinwohl dem privaten vorziehen, wie wenn ein schwerer Körper nach oben steigt, um ein Vakuum zu verhindern. Deshalb lehrt der hl. Augustinus, Brief 28, indem er jene Stelle des Jesaja 40 nach der Septuaginta anführt — „Der nach der Zahl” oder zahlreich „die Welt hervorführt” —, daß die Welt die süßeste Musik des Komponisten Gott sei, die, aus mannigfaltigen und entgegengesetzten Dingen gleichsam wie aus gegensätzlichen Tönen und Klängen zusammengesetzt, einen wunderbaren Einklang und Zusammenklang hervorbringt. Derselbe Augustinus, XI. Buch Des Gottesstaates, Kapitel 18, sagt, daß Gott in dieser Welt so verschiedene Dinge geschaffen habe, „um die Ordnung,” sagt er, „der Zeitalter gleichsam wie ein überaus schönes Gedicht mit gewissen Gegensätzen gleichsam zu schmücken.”

Achtens, weil alles dem Menschen dient. Weil alle Dinge in der Welt zum Nutzen des Menschen geordnet sind: denn einige betreffen die Notwendigkeiten und Annehmlichkeiten des menschlichen Lebens; andere die mannigfaltigen Vergnügungen der Menschen; andere sind Heilmittel gegen Krankheiten und Schutzwehren der Gesundheit; viele sind als Beispiele zur Nachahmung vorgestellt; alle tragen zur Erkenntnis der Dinge bei und vor allem dazu, Erkenntnis, Liebe und Ehrfurcht gegenüber Gott zu empfangen.

Neuntens, weil die Übel zum Guten geordnet werden. Weil Gott alle Übel in der Welt zum Guten ordnet: denn die Strafübel ordnet er zur Züchtigung der Schuldübel. Die Schuldübel sind schlechthin böse und sündhaft; dennoch ist die Güte, Weisheit und Macht Gottes so groß, daß er sie zum Guten ordnet, entweder seiner Milde und Barmherzigkeit, indem er sie vergibt, oder seiner Gerechtigkeit und Vergeltung, indem er sie mit gegenwärtigen und ewigen Strafen bestraft. So Pererius.

Treffend daher der hl. Bernhard, Predigt 3 über Pfingsten: „Drei Dinge, sagt er, müssen wir im großen Werk dieser Welt betrachten, nämlich was sie ist, wie sie ist und wozu sie gegründet wurde. Und im Sein der Dinge selbst wird eine unschätzbare Macht empfohlen, dadurch daß so viele, so große, so mannigfaltige, so herrliche Dinge geschaffen worden sind. Fürwahr in der Weise selbst leuchtet eine einzigartige Weisheit hervor, dadurch daß diese Dinge oben, jene unten, jene in der Mitte auf das ordentlichste angeordnet sind. Wenn du aber darüber nachdenkst, wozu sie geschaffen wurde, erscheint eine so nützliche Güte, eine so gütige Nützlichkeit, daß sie selbst die Undankbarsten mit der Menge und Größe ihrer Wohltaten überwältigen könnte. Aufs mächtigste wahrlich aus dem Nichts, aufs weiseste schön, aufs gütigste nützlich ist alles geschaffen worden.” Und der hl. Augustinus in den Sentenzen, Nr. 141: „Drei Dinge vor allem mußten uns über die Beschaffenheit der Schöpfung mitgeteilt werden: wer sie gemacht hat, wodurch er sie gemacht hat und warum er sie gemacht hat. Gott sprach: ‚Es werde Licht,' und das Licht ward gemacht, und Gott sah das Licht, daß es gut war. Kein Urheber ist vortrefflicher als Gott, keine Kunst wirksamer als das Wort Gottes, keine Ursache besser, als daß das Gute vom Guten geschaffen werde.” Und Sentenz 440: „Gott würde keinen Engel und keinen Menschen erschaffen, von dem er vorherwußte, daß er böse sein würde, wenn er nicht gleichermaßen wüßte, zu welchem Nutzen der Guten er sie empfehlen und in die Ordnung der Zeitalter, gleichsam wie in ein überaus schönes Gedicht, mit gewissen überaus schönen Gegensätzen schmücken würde.” Dies ist das Gedicht, dies das Buch der Welt.

Daher antwortete der hl. Antonius jemandem, der fragte, wie er in der Wüste ohne Bücher leben könne: „Mein Buch, o Philosoph, ist die Natur der von Gott geschaffenen Dinge, die mir, wann immer es mir beliebt, die Bücher Gottes selbst zum Lesen darreicht.” So berichtet Sokrates, IV. Buch der Geschichte, Kapitel 18.

Schließlich lehrt Philon in seinem Buch Über die Pflanzung Noachs gegen Ende, daß den Werken Gottes nichts fehle außer einem gerechten Beurteiler und Lobredner. „Es gibt, sagt er, eine Erzählung, die von weisen Männern der Nachwelt überliefert wurde: sie lautet folgendermaßen. Einst, als der Schöpfer die ganze Welt vollendete, fragte er einen gewissen Propheten, ob er etwas wünsche, das noch nicht geschaffen sei, sei es auf Erden, im Wasser, in der Luft oder im Himmel. Er antwortete, alle Dinge seien zwar vollkommen und vollständig, doch er benötige eines: einen Lobredner dieser Werke, der in allen Dingen, selbst dem, was am kleinsten und dunkelsten erscheint, sie nicht so sehr loben als vielmehr erzählen möge. Denn die bloße Erzählung der Werke Gottes sei das hinreichendste Lob, das keines Zusatzes bedürfe.”

Schließlich der hl. Basilius, Homilie 4 über das Hexaemeron: „Diese ganze Masse der Welt, sagt er, ist gleichsam ein mit Buchstaben geschriebenes Buch, das offen die Herrlichkeit Gottes bezeugt und verkündet und dir, dem geistbegabten Geschöpf, seine erhabenste Majestät, die sonst verborgen und unsichtbar ist, in Fülle kundtut. Denn die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes, und das Firmament verkündet die Werke seiner Hände” (Psalm 18, Vers 1).