Cornelius a Lapide
Inhaltsverzeichnis
Zusammenfassung des Kapitels
Beschrieben werden die Ruhe Gottes am Sabbat und die Heiligung des Sabbats. Zweitens, bei Vers 8, die Pflanzung des Paradieses und seine vier Flüsse. Drittens, bei Vers 18, die Bildung Evas aus der Rippe Adams. Viertens, bei Vers 23, die Einsetzung der Ehe in Adam und Eva.
Vulgata-Text: Genesis 2,1-25
1. So wurden vollendet der Himmel und die Erde und all ihre Zier. 2. Und Gott vollendete am siebten Tag sein Werk, das er gemacht hatte, und er ruhte am siebten Tag von all seinem Werk, das er getan hatte. 3. Und er segnete den siebten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm geruht hatte von all seinem Werk, das Gott geschaffen hatte, um es zu vollenden. 4. Dies sind die Geschlechterfolgen des Himmels und der Erde, als sie geschaffen wurden, an dem Tag, da Gott der Herr den Himmel und die Erde machte: 5. und alles Gesträuch des Feldes, ehe es auf der Erde wuchs, und alles Kraut des Landes, bevor es keimte; denn Gott der Herr hatte noch nicht regnen lassen auf die Erde, und es war kein Mensch da, der die Erde bebaute. 6. Aber eine Quelle stieg aus der Erde empor und bewässerte die ganze Oberfläche der Erde. 7. Und Gott der Herr bildete den Menschen aus dem Lehm der Erde und hauchte ihm den Odem des Lebens in sein Angesicht, und der Mensch wurde zu einer lebendigen Seele. 8. Gott der Herr aber hatte von Anfang an ein Paradies der Wonne gepflanzt, in das er den Menschen setzte, den er gebildet hatte. 9. Und Gott der Herr ließ aus dem Erdboden allerlei Bäume hervorsprießen, schön anzuschauen und angenehm zum Essen, auch den Baum des Lebens in der Mitte des Paradieses und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. 10. Und ein Strom ging aus von dem Ort der Wonne, das Paradies zu bewässern, der sich von dort in vier Arme teilte. 11. Der Name des einen ist Phison: dieser ist es, der das ganze Land Hevilath umfließt, wo das Gold wächst; 12. und das Gold jenes Landes ist sehr gut; dort findet sich Bdellion und der Onyxstein. 13. Und der Name des zweiten Flusses ist Gehon: dieser ist es, der das ganze Land Äthiopien umfließt. 14. Und der Name des dritten Flusses ist Tigris: dieser fließt an den Assyrern vorbei. Und der vierte Fluß ist der Euphrat. 15. Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in das Paradies der Wonne, damit er es bebaue und bewahre. 16. Und er gebot ihm und sprach: Von jedem Baum des Paradieses sollst du essen; 17. aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tag, da du davon issest, wirst du des Todes sterben. 18. Und Gott der Herr sprach: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei; laßt uns ihm eine Hilfe machen, die ihm gleich sei. 19. Und Gott der Herr hatte aus dem Erdboden alle Tiere der Erde und alle Vögel des Himmels gebildet und führte sie zu Adam, um zu sehen, wie er sie nennen würde; denn wie Adam jedes lebendige Geschöpf nannte, so ist sein Name. 20. Und Adam benannte alle Tiere mit ihren Namen und alle Vögel des Himmels und alle Tiere der Erde; aber für Adam fand sich keine Hilfe, die ihm gleich war. 21. Da ließ Gott der Herr einen tiefen Schlaf auf Adam fallen, und als er fest eingeschlafen war, nahm er eine seiner Rippen und füllte Fleisch an ihre Stelle. 22. Und Gott der Herr baute die Rippe, die er von Adam genommen hatte, zu einer Frau und führte sie zu Adam. 23. Und Adam sprach: Das ist nun Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; sie soll Männin genannt werden, weil sie vom Mann genommen ist. 24. Darum wird der Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden zwei in einem Fleisch sein. 25. Und sie waren beide nackt, Adam und seine Frau, und schämten sich nicht.
Dieses Kapitel enthält eine Rekapitulation: denn die Anlage des Paradieses geschah am dritten Tag; und die Erschaffung Evas und die Einsetzung der Ehe geschahen vor dem Sabbat, am sechsten Tag, nämlich am Freitag, an dem Adam erschaffen wurde. Mose erklärt und erzählt daher hier ausführlicher diese und andere Dinge, die er in Kapitel 1 nur kurz berührt hatte.
Vers 1: So wurden vollendet der Himmel und die Erde und all ihre Zier
1. ALL IHRE ZIER — das heißt die Sterne und auch die Engel, die den Himmel schmücken, so wie die Vögel die Luft, die Fische das Meer und die Pflanzen und Tiere die Erde schmücken. Denn für „Zier” (ornatus) steht im Hebräischen tsaba, das heißt Heer, Schlachtreihe, Heerschar, Macht, Schmuck; denn nichts ist schmuckvoller als eine wohlgeordnete Schlachtreihe. Daher wird Gott der Herr der Heerscharen (Deus exercituum) genannt, das heißt der Engel und Sterne, die gleich Soldaten in fester Ordnung Gott dienen, sich bewegen, aufgehen, untergehen und nicht selten für Gott gegen die Gottlosen streiten, wie ich zu Richter 5,20 angemerkt habe.
Vers 2: Und Gott vollendete am siebten Tag sein Werk
2. UND GOTT VOLLENDETE AM SIEBTEN TAG SEIN WERK. — „Am siebten Tag,” nämlich ausschließlich: denn einschließlich vollendete Gott sein Werk am sechsten Tag, wie es die Septuaginta hat. Denn er begann am Sonntag und vollendete es am sechsten Tag, dem Freitag, so daß er am darauf folgenden siebten Tag ruhte, der von dieser Ruhe Gottes Sabbat genannt wurde. Den sinnbildlichen und arithmetischen Grund, warum die Welt in sechs Tagen vollendet wurde, geben der hl. Augustinus, Buch 4 von Über den Wortlaut der Genesis, Kap. 1; Beda und Philo in dem Buch Über die Erschaffung der Welt an; nämlich weil die Zahl Sechs die erste vollkommene Zahl ist: denn sie setzt sich aus ihren ersten Teilen zusammen, nämlich der Einheit, der Zweiheit und der Dreiheit; denn eins, zwei und drei ergeben sechs.
Sinnbildlich bezeichnen die sechs Tage sechstausend Jahre, die dieses Weltgebäude bestehen wird (denn tausend Jahre sind vor Gott wie ein Tag, Psalm 89,4), so daß nach deren Ablauf der Antichrist kommen wird, der Tag des Gerichts und der Sabbat, das heißt die Ruhe der Heiligen im Himmel. So lehren der hl. Hieronymus in seiner Auslegung des Psalms 89, an Cyprian gerichtet; Irenäus, Buch 5, letztes Kapitel; Justin, Frage 71 an die Heiden; der hl. Augustinus, Buch 20 vom Gottesstaat, Kap. 7, und andere. Daher starben auch die sechs ersten Stammväter — Adam, Seth, Enos, Kainan, Malaleel, Jared —, aber der siebte, Henoch, wurde lebend in den Himmel entrückt, weil nach sechs Jahrtausenden der Mühsal und des Todes das ewige Leben folgen wird, sagt Isidor in der Glossa, Kap. 5. Siehe, was zu Offenbarung 20,6 gesagt wurde.
„Sein Werk” — der Erschaffung neuer Arten; denn das Werk des Lenkens, Bewahrens und Hervorbringens neuer Einzelwesen übt Gott auch jetzt noch aus, wie aus Johannes 5,17 hervorgeht.
ER RUHTE — nicht von der Ermüdung, sondern vom Wirken; daher heißt es im Hebräischen shabat, das heißt er hörte auf. Aristobulus, angeführt von Eusebius in Buch 13 der Vorbereitung auf das Evangelium, Kap. 6, legt „er ruhte” anders aus: Er sagt, es bedeute, daß er den von ihm geschaffenen Dingen Ruhe gegeben habe, das heißt Beständigkeit, Fortdauer, Ewigkeit und eine feste, eingerichtete und unveränderliche Ordnung. Daher bezeichnet das Wort „er ruhte” stillschweigend die Erhaltung der geschaffenen Dinge, zusammen mit der beständigen Mitwirkung Gottes mit ihnen bei ihren eigentümlichen Tätigkeiten und Bewegungen. Denn wie der hl. Augustinus in den Sentenzen, Nr. 277, sagt: „Die Allmacht des allmächtigen Schöpfers ist die Ursache des Bestehens jedes Geschöpfes; wenn diese Macht jemals aufhörte, die von ihr geschaffenen Dinge zu lenken, so würden alsbald die Gestalt und Natur aller Dinge zusammenbrechen. So zeigt, was der Herr sagt: ‚Mein Vater wirkt bis jetzt,' eine gewisse Fortdauer seines Wirkens an, durch die er zugleich alle Dinge umfaßt und verwaltet. Bei diesem Wirken verharrt auch seine Weisheit, von der gesagt wird: ‚Sie reicht von einem Ende zum anderen mit Macht und ordnet alle Dinge lieblich.' Dasselbe vertritt auch der Apostel, wenn er den Athenern predigt und sagt: ‚In ihm leben wir, bewegen uns und sind wir.' Denn wenn er sein Wirken den geschaffenen Dingen entzöge, könnten wir weder leben noch uns bewegen noch dasein. Und deshalb ist zu verstehen, daß Gott von all seinen Werken in dem Sinne geruht hat, daß er kein neues Geschöpf mehr erschaffen, nicht aber daß er aufhören würde, die bereits geschaffenen zu erhalten und zu lenken.”
Derselbe hl. Augustinus lehrt gelehrt in den Sentenzen, Nr. 145, daß Gott auf dieselbe Weise verfährt, ob er ruht oder wirkt. „Daher ist,” so sagt er, „in Gott weder ein müßiges Nichtstun noch ein mühsames Schaffen vorzustellen, der es versteht, ruhend zu wirken und wirkend zu ruhen; und was in seinen Werken zwar Früheres oder Späteres ist, das ist nicht auf den Schöpfer, sondern auf das Geschaffene zu beziehen. Denn sein Wille ist ewig und unveränderlich und wird nicht durch wechselnden Ratschluß verändert.” Daher übersetzt Philo in dem Buch der Allegorien nicht „er ruhte”, sondern „er ließ das zur Ruhe kommen, was er begonnen hatte”; denn, sagt er, Gott ruht niemals, sondern wie es dem Feuer eigen ist zu brennen und dem Schnee zu kühlen, so ist es Gott eigen zu wirken. Das Hebräische bedeutet jedoch eigentlich „er ruhte”, wie es der Chaldäer, unsere Vulgata und die Septuaginta übersetzen.
Sinnbildlich lehren Junilius, Beda und der hl. Augustinus (Buch 4 von Über den Wortlaut der Genesis, Kap. 12), daß diese Ruhe Gottes am Sabbat ein Vorbild der Ruhe Christi im Grab am Sabbattag war, nachdem er das Werk unserer Erlösung am sechsten Tag durch sein Leiden und seinen Tod vollendet hatte.
Anagogisch war dies ein Typus der Ruhe der Heiligen im Himmel: denn dort werden sie einen immerwährenden Sabbat feiern, worüber mehr bei Deuteronomium 5,12.
Vers 3: Und er segnete den siebten Tag
3. UND ER SEGNETE DEN SIEBTEN TAG — das heißt, er lobte, empfahl und billigte den siebten Tag, sagt Philo: so segnen wir Gott, wenn wir ihn loben. Zweitens und besser bedeutet „er segnete” folgendes: er heiligte ihn — er bestimmte den siebten Tag als heilig und als Festtag. Denn so wie es ein großer Segen für einen Menschen ist, geheiligt zu werden, so auch für einen Festtag.
UND ER HEILIGTE IHN. — Nicht an eben diesem siebten Tag, der der erste Sabbat der Welt war, sondern später, zur Zeit des Mose, gemäß Exodus 20,8. So sagt Abulensis, der meint, dies werde hier vorwegnehmend gesagt. Zweitens und besser vertreten andere, daß Gott den Sabbat schon damals heiligte, nicht in Tat und Wirklichkeit, sondern durch seinen Ratschluß und Vorsatz — als ob er sagte: Weil Gott am siebten Tag ruhte, hat er dadurch diesen Tag als ihm heilig bestimmt, damit er von Mose als ein von den Juden zu begehender Festtag eingesetzt würde. So sagen Pererius, Beda und Hieronymus Prado zu Kapitel 20 des Ezechiel. Drittens und am einfachsten heiligte Gott von Anbeginn der Welt an, an diesem ersten Sabbattag...
„Er heiligte ihn,” das heißt, er setzte ihn tatsächlich als Festtag ein und wollte, daß er von Adam und seinen Nachkommen mit heiliger Muße und Gottesverehrung begangen werde, vor allem im Gedenken an die Wohltat seiner Schöpfung und der ganzen Welt, die an jenem Tag vollendet worden war.
Daraus geht hervor, daß der Sabbat ein Festtag war, der ursprünglich nicht von Mose (Exodus 20,8), sondern von Gott weit früher eingesetzt und bestätigt wurde, nämlich vom Ursprung der Welt an, an eben diesem ersten Sabbat der Welt. Dasselbe ergibt sich aus Exodus 16,23 und Hebräer 4,3, wie ich dort gezeigt habe. So sagen Ribera ebendort, Philo und Catharinus hier. Dieses Gebot des Sabbats war daher göttlich, nicht natürlich, sondern positiv; weshalb das Fest von Christus und den Aposteln vom Sabbat auf den Sonntag verlegt wurde.
DAS GOTT GESCHAFFEN HATTE, UM ES ZU VOLLENDEN — das heißt, das er geschaffen hat, indem er es machte, und indem er es erschuf, es gemacht und vollendet hat: denn diese Wiederholung desselben Zeitwortes auf synonyme Weise, bei der es heißt „er schuf, um zu machen”, bezeichnet eben diese Vollendung des Werkes.
Vers 4: Dies sind die Geschlechterfolgen des Himmels und der Erde
4. DIES SIND DIE GESCHLECHTERFOLGEN (das heißt die Schöpfungen) DES HIMMELS UND DER ERDE. — Worauf folgt: „Als sie geschaffen wurden an dem Tag,” das heißt in der gesamten Zeit der sechs Tage, worüber siehe Kapitel 1. So Beda und andere.
Jene Worte beziehen sich auf das Vorangehende, das in Kapitel 1 vorausging, und bilden gleichsam dessen Abschluß, in dieser Weise: Und solcherart waren in der Tat die Ursprünge des Himmels und der Erde, als sie geschaffen wurden. Das hebräische Wort toledot, vom Zeitwort yalad, bedeutet eigentlich „Geschlechterfolgen”; da aber die hebräische Geschichtsschreibung gewöhnlich mit Geschlechtstafeln durchwoben war, bezeichnet toledot in weiterem Sinne Erzählung, Geschichte, und wird an solchen Stellen gebraucht, wo von Zeugung keine Rede ist. Vgl. Genesis 37,2.
Vers 5: Und alles Gesträuch des Feldes
5. UND ALLES GESTRÄUCH. — Verbinde diese Worte mit Vers 4, so: „An dem Tag, da der Herr den Himmel und die Erde machte, und alles Gesträuch” (das hebräische siach bedeutet etwas Entsprungenes oder Keimendes) „bevor es auf der Erde wuchs,” nämlich auf natürlichem Wege und durch die Kraft des Samens, wie es jetzt wächst. Denn Mose will nur sagen, daß jene erste Hervorbringung der Sträucher und des Paradieses — zu dem er allmählich hinabsteigt — nicht der Natur, nicht der Erde, nicht dem Samen, sondern der Kraft und dem Wirken Gottes zuzuschreiben sei. Und er beweist dies daraus, daß, da alle Kräuter und Sträucher durch den Einfluß des Himmels und die Arbeit und Pflege des Menschen gedeihen, damals noch kein Mensch da war, der die Erde säen und bebauen konnte; noch gab es Regen, um die Saat zu bewässern.
Zweitens könnte es aus dem Hebräischen noch klarer so übersetzt werden: An dem Tag (dem ersten der Welt), als Gott Himmel und Erde machte, war alles Gesträuch des Feldes noch nicht (denn dies bedeutet terem, wie aus Exodus 9,30 hervorgeht: „Ich wußte, daß ihr noch nicht [hebräisch terem] den Herrn fürchtetet”) auf der Erde, und alles Kraut des Landes keimte noch nicht, sondern eine Quelle stieg aus der Erde empor.
Saadias übersetzt ins Arabische: noch stieg eine Quelle aus der Erde empor, wobei er die Verneinungspartikel von oben wiederholt.
Denn Gott schuf vor allen Dingen zuerst den Himmel und die Erde und diese Quelle oder diesen Abgrund der Wasser, in deren Schoß und Mutterboden — der das Wasser der ganzen Gegend enthielt — er zu einer gewissen Zeit die ganze Erde durch Bewässerung überflutete; dann erzählt er ausführlicher alles Gesträuch und die anderen Dinge, die er in Kapitel 1 nur kurz berührt hatte.
Vers 6: Aber eine Quelle stieg aus der Erde empor
6. ABER EINE QUELLE WAR AUS DER ERDE EMPORGESTIEGEN. — Man wird fragen: Was ist diese Quelle?
Erste Meinung. Erstens übersetzen Aquila, der Chaldäer und einige Hebräer, ebenso Molina, Pererius und Delrio das hebräische ed als „Dampf” — nämlich der Dampf, den die Sonne durch ihre Kraft aus der Erde emporzog, der hernach, durch die Kälte der Nacht verdichtet und in Tau und Feuchtigkeit aufgelöst, die Erde und ihre Keime am Anfang der Welt bewässerte, bis Gott kurz darauf der Erde Regen gab, um sie zu bewässern.
Dieser Dampf und Tau diente also damals an Stelle von Regen und Feuchtigkeit, wodurch die frisch geschaffenen Pflanzen genährt wurden; denn es war angemessen, daß die ersten Tage der Welt heiter und wolkenlos waren.
Man wird fragen: Wie wird dieser Dampf von unserem Übersetzer und von der Septuaginta eine Quelle genannt? Ich antworte: Weil er die Erde wie eine Quelle überflutete. Denn so nennt Aristoteles, in Buch 1 der Meteorologie, Kap. 1, die Wolken, die aus Gewässern entstehen und sich wieder in Wasser zu verwandeln pflegen, einen kreisförmigen und immerwährenden Strom oder Ozean, der durch die Luft fließt und schwebt.
Widerlegung. Gegen diese Meinung spricht jedoch, daß Mose im vorhergehenden Vers verneint hat, es habe damals irgendeinen Regen oder eine ähnliche himmlische Feuchtigkeit gegeben, um die Erde zu bewässern. Ferner ist „Dampf” eine sehr uneigentliche Bezeichnung für „Quelle”; und das hebräische ed bedeutet nicht Dampf, sondern eher einen Strudel von Wassern (wie aus Ijob 36,27 hervorgeht) und sodann ein Unglück und Verderben, das gleich einem Strudel die Menschen überwältigt und verschlingt, wie aus Jeremia 47,16 und anderswo hervorgeht. Daher übersetzt Oleaster ed als „Überflutung”.
Zweite Meinung (unwahrscheinlich). Zweitens der hl. Augustinus, Buch 5 von Über den Wortlaut der Genesis, Kap. 9 und 10: Am Anfang der Welt, sagt er, gab es eigentlich eine einzige Quelle, die zu festgesetzter Zeit, gleich dem Nil überfließend, die Keime der Erde bewässerte. Daß es aber eine solche Quelle gegeben habe, die die ganze Erde durch Überflutung bewässerte, ist kaum glaubwürdig.
Noch weit unglaubwürdiger ist, was die Glossa Interlinearis hinzufügt, daß die ganze Erde durch diese überfließende Quelle bis zur Zeit Noachs bewässert worden sei, so daß es vor Noach niemals Regen in der Welt gegeben habe.
Dritte Meinung (wahrscheinlich). Drittens daher besser, ebendort der hl. Augustinus, Philo und Papst Nikolaus in seinem Schreiben an Kaiser Michael: Eine Quelle, sagt er, das heißt Quellen, Bäche und Flüsse stiegen aus der Erde empor: denn alle Wasser wurden, wie ich bei Kapitel 1, Vers 9 sagte, an einem Ort versammelt, gleichsam in einer einzigen Quelle oder einem Mutterschoß. Denn Mose geht hier nur im allgemeinen die Schöpfung der Dinge noch einmal durch, die er in Kapitel 1 der Reihe nach erzählt hatte, als ob er sagte: Gott allein hat am Anfang der Welt alles Gesträuch überall auf der ganzen Erde hervorgebracht; und ich beweise dies daraus, daß damals noch kein Mensch da war, der diese Sträucher pflanzen, noch Regen, der sie bewässern konnte; sondern nur eine Quelle, das heißt verschiedene Flüsse und Quellen, die aus einer gleichsam mütterlichen Urquelle (von der ich bei Kapitel 1, Vers 9 sprach) hervorströmten, die ganze Erde hier und dort bewässerten. Diese konnten jedoch ohne Regen nicht überall den Ländern, die von ihnen entfernt waren, Feuchtigkeit zum Keimen zuführen; daher hat Gott allein damals diese Keime und Sträucher hervorgebracht.
Vierte Meinung (die eigentliche/richtige). Viertens kann es aus dem Hebräischen klarer und gründlicher so erklärt werden: „Quelle,” im Hebräischen ed, das heißt ein Strudel oder eine Überflutung — nämlich jener uranfängliche Abgrund der Wasser, von dem ich bei Kapitel 1, Vers 2 sprach — bewässerte und bedeckte die ganze Erde, als ob die ganze Erde eine einzige Quelle wäre. Denn dies als gleichsam ersten Mutterschoß aller Dinge faßt Mose in diesem einen Vers nur zusammen, so wie er kurz zuvor in Vers 4 die Erschaffung des Himmels und der Erde rekapituliert hatte. Denn Gott schuf vor allen Dingen zuerst den Himmel und die Erde und diese Quelle oder diesen Abgrund der Wasser. Der Sinn ist also, als ob er sagte: So wie Gott allein den Himmel und die Erde und den Abgrund der Wasser erschuf, so hat er allein das Wasser von der Erde getrennt und das Trockene freigelegt und aus ihr die Pflanzen, das Paradies, den Menschen und alle anderen Dinge hervorgebracht, die er hernach durch Regen und Tau erhielt und vermehrte. Daher kann man, wie ich bei Vers 5 sagte, aus dem Hebräischen klar und deutlich so übersetzen: „An dem Tag, da Gott Himmel und Erde machte, war alles Gesträuch des Feldes noch nicht auf der Erde, und alles Kraut des Landes keimte noch nicht, aber eine Quelle” — das heißt eine Überflutung, nämlich der Abgrund der Wasser, der aus der Erde emporzusteigen und aufzusteigen schien — „bewässerte und bedeckte die ganze Erde.”
Vers 7: Und Gott der Herr bildete den Menschen aus dem Lehm der Erde
7. UND GOTT DER HERR BILDETE DEN MENSCHEN AUS DEM LEHM DER ERDE UND HAUCHTE IN SEIN ANGESICHT DEN ODEM DES LEBENS, UND DER MENSCH WURDE EINE LEBENDIGE SEELE. — Der Chaldäer umschreibt: der Mensch wurde eine sprechende Seele; denn die Sprache ist ebenso wie die Vernunft dem Menschen eigen.
Hier kehrt Mose zum Werk des sechsten Tages zurück, um die Erschaffung des Menschen deutlicher zu erklären.
Die fünf Ursachen des Menschen. Bemerke erstens: Mose weist hier dem Menschen fünf Ursachen zu. Die Wirkursache ist Gott. Der Stoff ist der Lehm der Erde, das heißt, mit Wasser vermischte Erde; weshalb sich auch der Leichnam des Menschen in Erde und Wasser als seine Grundbestandteile auflöst. Die Form ist der Odem des Lebens. Das Urbild ist Gott: denn der Mensch ist das Abbild Gottes. Der Zweck ist, daß er eine lebendige Seele sei, das heißt ein lebendiges Wesen oder Geschöpf, nämlich empfindend, sich selbst bewegend, sich selbst und andere Dinge erkennend und alle Werke des Lebens ausübend (dies ist eine Synekdoche), und daß er über die anderen Tiere und die ganze Welt herrsche.
Wie wurde Adam gebildet? Bemerke zweitens: Die hebräischen Worte lauten wörtlich so: Gott formte — bildete — den Menschen als Staub oder Lehm von der Erde. Denn das Hebräische jitsar und das Griechische eplasen gehören eigentlich zum Töpferhandwerk und bedeuten dasselbe wie „Er formte.” Daher scheint es, daß Gott zuerst den Leib des Menschen nach Art einer Statue aus dem Lehm der Erde bildete, entweder durch sich selbst oder durch die Engel (wie der hl. Augustinus andeutet, und nach ihm der hl. Thomas, I. Teil, Frage 91, Artikel 2, Antwort zu 1), ebenso wie Bildner Tonfiguren formen. Und dies ist es, was Ijob 10,9 sagt: „Gedenke, daß du mich wie Ton gemacht hast.” Und Jeremia 18,2 vergleicht Gott mit einem Töpfer und den Menschen mit Ton. Daher wird Adam auch in Weisheit 7,1 protoplastos kai gegenes — „erstgeformt” und „erdgeboren” genannt; und vom Apostel in 1 Korinther 15,47 wird er „von der Erde, irdisch” genannt.
Dann führte Gott nach und nach in diesen tönenden Menschen die Anlagen des Fleisches und des menschlichen Leibes ein und brachte schließlich zugleich mit der letzten Zurichtung die verschiedenartigen Formen der einzelnen Körperteile ein; und zusammen mit diesen goß er — erschaffend — ein und erschuf — eingießend — die vernünftige Seele. Und so wurde der Mensch vollkommen gemacht, bestehend aus einem menschlichen Leib und einer vernünftigen Seele. So sagt der hl. Chrysostomus hier in Homilie 12, und Gennadius in der Katene; und dies vollbrachte Gott allein durch sich selbst. Daher lehren der hl. Basilius, der hl. Ambrosius und Cyrill, daß der Mensch allein von der Allerheiligsten Dreifaltigkeit erschaffen wurde, ohne irgendeinen anderen Helfer: sie nennen die gegenteilige Meinung einen jüdischen Irrtum.
Der hl. Klemens über den Bau des menschlichen Leibes. Überdies schildert der hl. Klemens im 8. Buch der Rekognitionen so anschaulich den wunderbaren und göttlichen Bau des Menschen und jedes seiner Glieder: „Sieh im Leibe des Menschen das Werk des Werkmeisteres: wie er Knochen gleichsam als Säulen einfügte, von denen das Fleisch getragen und gestützt wird; sodann, daß auf jeder Seite ein gleiches Maß gewahrt wird, das heißt rechts und links; so daß Fuß dem Fuße, Hand der Hand und Finger den Fingern entspricht, wobei jedes seinem Gegenstück in völliger Gleichheit gleicht. Und ebenso Auge dem Auge, Ohr dem Ohr, die nicht nur in Einklang und Übereinstimmung miteinander geformt sind, sondern auch den notwendigen Verrichtungen angepaßt. Die Hände sind in der Tat dazu bestimmt, für die Arbeit nützlich zu sein, die Füße zum Gehen, die Augen zum Sehen, bewacht von den Wächtern der Augenbrauen; die Ohren sind so zum Hören geformt, daß sie, einem Becken gleich, den zurückgeworfenen Klang des empfangenen Wortes lauter wiedergeben und ihn an den Sinn des Herzens weiterleiten.”
Vernimm das Folgende, gleichermaßen kunstvoll und wunderbar: „Die Zunge aber, an die Zähne schlagend, versieht das Amt eines Plektrons zum Sprechen; und die Zähne selbst — einige, um die Nahrung zu schneiden und zu teilen und sie an die inneren weiterzugeben, während die inneren Zähne sie wie eine Mühle mahlen und zerkleinern, damit das, was dem Magen übergeben wird, bequemer verdaut werden kann — weshalb sie Backenzähne genannt werden. Und die Nüstern sind für den Durchgang des Atems gemacht, um ihn auszustoßen und aufzunehmen, damit durch die Erneuerung der Luft die natürliche Wärme, die vom Herzen kommt, je nach Bedarf durch das Amt der Lunge entzündet oder gekühlt werde; die dem Herzen so nahe liegt, daß sie durch ihre Weichheit die Kraft des Herzens besänftigen und pflegen möge, in der das Leben zu bestehen scheint — ich sage das Leben, nicht die Seele. Denn was soll ich über die Substanz des Blutes sagen, das wie ein Fluß, der aus einer Quelle hervorgeht, zuerst durch einen Kanal geleitet, dann durch unzählige Venen wie durch Bewässerungskanäle verteilt, das ganze Gebiet des menschlichen Leibes mit lebenspendenden Strömen bewässert, verwaltet durch das Werk der Leber; die auf der rechten Seite liegt zur wirksamen Verdauung der Nahrung und ihrer Umwandlung in Blut?”
Wer würde aus all dem nicht deutlich das Werk der Vernunft und die Weisheit des Schöpfers erkennen?
Der hl. Ambrosius über den Leib als Mikrokosmos. Dieselbe Erschaffung des Menschen wird vom hl. Ambrosius im 6. Buch des Hexaemeron, Kapitel 9, anmutig beschrieben, wo er unter anderem lehrt, daß „das Gefüge des menschlichen Leibes der Welt gleicht. Denn wie der Himmel sich über die Luft erhebt und die Meere über die Länder — die gleichsam gewisse Glieder der Welt sind — so sehen wir auch das Haupt sich über die anderen Teile unseres Leibes erheben; und in dieser Burg wohnt eine gewisse königliche Weisheit. Wiederum, was Sonne und Mond am Himmel sind, das sind die Augen im Menschen. Sonne und Mond sind die zwei Leuchten der Welt; die Augen strahlen oben wie gewisse Sterne im Fleische und erleuchten die unteren Teile mit klarem Licht — Wächter, die wahrlich Tag und Nacht für uns Wache halten. Wie schön das Haar! Was ist der Mensch ohne Haupt, da doch sein Ganzes in seinem Haupt liegt? Seine Stirn ist offen, die durch ihr Erscheinen die Verfassung des Geistes offenbart. Ein gewisses Abbild der Seele spricht im Antlitz. Die doppelten Reihen der Augenbrauen strecken Schutzwehren über die Augen aus und verleihen ihnen Anmut. Gelehrte Ärzte sagen, daß das Gehirn des Menschen wegen der Augen im Haupt untergebracht ist. Das Gehirn ist der Ursprung der Nerven und aller Sinne. Die meisten meinen, daß das Herz der Ursprung der Arterien und der angeborenen Wärme sei, durch die die lebenswichtigen Organe belebt und erwärmt werden. Die Nerven sind gleichsam das Werkzeug eines jeden Sinnes; wie Saiten und Sehnen entspringen sie dem Gehirn und werden durch die Teile des Leibes an ihre einzelnen Verrichtungen verteilt. Und daher ist das Gehirn weicher, weil es alle Sinne aufnimmt: denn die Nerven berichten ihm alles, was das Auge gesehen, das Ohr gehört, der Geruch eingeatmet, die Zunge hervorgebracht oder der Mund geschmeckt hat. Die Windung der inneren Ohren verleiht einen gewissen Rhythmus und ein Maß für die Lautbildung. Denn durch die Windungen der Ohren wird ein gewisser Rhythmus erzeugt, und der Klang der Stimme, der durch bestimmte Kanäle eintritt, wird artikuliert. Warum soll ich das Bollwerk der Zähne beschreiben, durch die die Nahrung zerkleinert und die Stimme ihren vollen Ausdruck erhält? Die Zunge ist wie das Plektron eines Sprechenden und eine Art Hand für einen Essenden, die die fließende Nahrung den Zähnen darbietet und zuführt. Die Stimme wird auch auf einem gewissen Ruderschlag der Luft getragen, bald die Gefühle des Hörers erregend, bald besänftigend. Und so werden die stillen Gedanken des Geistes durch die Rede des Mundes gekennzeichnet. Was ist also der Mund des Menschen, wenn nicht ein gewisses Heiligtum der Rede, ein Quell der Unterhaltung, eine Halle der Worte, eine Schatzkammer des Willens?”
Dann geht er vom Haupt zu den anderen Gliedern über und sagt: „Die Hand ist das Bollwerk des ganzen Leibes, die Verteidigerin des Hauptes, die in edlen Taten erstrahlt, durch die wir die himmlischen Sakramente darbringen, empfangen und austeilen. Wer kann das Gerüst der Brust und die Weichheit des Bauches würdig erklären? Was ist so segensreich, als daß die Lunge durch eine enge Grenze mit dem Herzen verbunden ist, so daß, wenn das Herz vor Zorn und Entrüstung brennt, es schnell durch das Blut und die Feuchtigkeit der Lunge gemäßigt werden kann? Und daher ist die Lunge weicher, weil sie stets feucht ist, um zugleich die Starrheit der Entrüstung zu mildern. Auch die Milz hat eine fruchtbare Nähe zur Leber; indem sie aufnimmt, wovon sie sich nährt, reinigt sie alle Unreinheiten, die sie findet, so daß durch die feineren Fasern der Leber die dünnen und feinen Reste der Nahrung hindurchtreten können, um in Blut umgewandelt zu werden und zur Kraft des Leibes beizutragen. Und die umschlingenden Windungen der Gedärme, obwohl ohne jeden Knoten, dennoch aneinander gebunden — was zeigen sie anderes als die göttliche Vorsehung des Schöpfers, damit die Nahrung nicht rasch hindurchgehe und sofort aus dem Magen abfließe? Denn wenn das geschähe, würde beständiger Hunger und ein ununterbrochenes Verlangen zu essen bei den Menschen entstehen.”
Und nach einigem mehr: „Der Pulsschlag der Venen ist der Bote entweder der Krankheit oder der Gesundheit; obwohl sie jedoch über den ganzen Leib verbreitet sind, sind sie weder bloß noch unbedeckt und mit so leichten Häutchen bekleidet, daß die Möglichkeit besteht, sie zu untersuchen, und Schnelligkeit im Wahrnehmen, da es keine Dicke des Gewebes gibt, die den Puls verdunkeln könnte. Auch alle Knochen sind mit dünner Haut bedeckt und mit Sehnen gebunden, aber besonders die des Hauptes sind mit leichter Haut bedeckt; daher, damit sie einigen Schutz gegen Schatten und Kälte haben mögen, sind sie mit dickerem Haar bekleidet. Was soll ich vom Dienst der Füße sagen, die den ganzen Leib ohne jeden Schaden von der Last tragen? Das biegsame Knie, durch das vor allem der Zorn des Herrn besänftigt wird, so daß im Namen Jesu jedes Knie sich beuge. Denn es gibt zwei Dinge, die vor allem Gott gefallen: Demut und Glaube. Der Mensch hat zwei Füße; denn Tiere und vernunftlose Geschöpfe haben vier Füße, Vögel haben zwei. Und daher ist der Mensch gleichsam eines der geflügelten Geschöpfe, der mit seinem Blick die Höhen sucht und mit einem gewissen Flügelschlag erhabener Gedanken fliegt; und deshalb wird von ihm gesagt: ‚Deine Jugend wird erneuert werden wie die des Adlers', weil er den himmlischen Dingen näher und erhabener ist als die Adler, der sagen kann: ‚Unser Wandel ist im Himmel.'”
Hebräisch Adam = rote Erde. Bemerke drittens: Für „Lehm der Erde” steht im Hebräischen aphar min haadama, das heißt „Staub von der Erde”; die Septuaginta übersetzt: „Staub nehmend von der Erde.” Aber diesen Staub, sagt Tertullian, verdichtete Gott zu Lehm und einer Art Ton, indem er eine vorzügliche Flüssigkeit hinzufügte. Denn trockener Staub ist zum Formen ungeeignet: daher wurde dieser Staub befeuchtet, und folglich war es Lehm.
Adam wurde aus der roten Erde von Hebron erschaffen. Ferner bedeutet Adama (wovon er geformt und „Adam” genannt wurde) rote Erde. Daher ist es die Überlieferung vieler, daß Adam aus der roten Erde erschaffen wurde, die auf dem Feld von Damaskus liegt — nicht der Stadt Damaskus, sondern einem gewissen so genannten Feld, das nahe bei Hebron liegt. Denn die Hebräer überliefern dies, und von ihnen der hl. Hieronymus in seinen Hebräischen Fragen zu dieser Stelle, Lyranus, Hugo und Abulensis hier und in Kapitel 13, Frage 138, Burchardus, Bredembachius, Saligniacus und Adrichomius in seiner Beschreibung des Heiligen Landes unter Hebron; wo sie auch das Tal der Tränen nahe Hebron vermerken, in dem Adam, wie sie sagen, hundert Jahre lang über den Tod Abels weinte. Sie bestätigen dies aus Josua 14,15, wo es heißt: „Der Name Hebrons war vormals Kirjat-Arba. Adam, der Größte unter den Anakitern, ist dort begraben.”
Aber der eigentliche Sinn jener Stelle ist weit anders, wie ich dort sagen werde: denn Adam war nicht von riesenhafter, sondern von normaler Statur; andernfalls wäre er eine Mißgestalt von einem Menschen gewesen. Daher irren Johannes Lucidus und andere, die meinen, Adam sei ein Riese gewesen. Aber zur Sache: Ich für meinen Teil möchte, abgesehen von den Hebräern, die gelegentlich zu Fabeln neigen, andere alte Gewährsmänner für diese Überlieferung haben.
Im sittlichen Sinne wird Jeremia mit Recht von Gott (und wir mit ihm) in Kapitel 18 in das Haus des Töpfers gesandt, um seinen eigenen Ursprung und seine Herkunft, nämlich den Ton, zu betrachten, damit er gedemütigt werde und lerne und lehre, daß alle Menschen in der Hand Gottes sind, ebenso wie der Ton in der Hand des Töpfers. Treffend antwortete der Philosoph Secundus, als Kaiser Hadrian ihn fragte: „Was ist der Mensch?” — „Ein fleischgewordener Geist, ein Trugbild der Zeit, ein Wächter des Lebens, ein vorübergehender Wanderer, eine mühselige Seele.” Epiktet sagt zudem: „Der Mensch ist eine Laterne, in den Wind gestellt, ein Gast seines Ortes, ein Bild des Gesetzes, eine Erzählung des Unglücks, ein Knecht des Todes.”
Der Odem des Lebens. Bemerke viertens: „Der Odem des Lebens” ist nicht der Heilige Geist, wie Philastrius in seinem Katalog der Häresien, Kapitel 99, behauptete, dessen Irrtum der hl. Augustinus im 13. Buch des Gottesstaates, Kapitel 24, widerlegt; sondern er ist die vernünftige Seele selbst, die im Menschen zugleich vegetativ und sensitiv ist. Denn von ihr rührt das Ein- und Ausatmen her, das sowohl Zeichen als auch Wirkung des Lebens ist; und daher wird die Seele psyche von psychazo genannt, das heißt „ich nehme Kühle auf”, denn durch das Atmen werden wir gekühlt. Im Hebräischen heißt sie neschamah und nephesh, von der Wurzel naphasch, das heißt „er atmete.”
Für „Leben” steht im Hebräischen chajim, das heißt „der Leben” (Plural), weil die vernünftige Seele dem Menschen ein dreifaches Leben verleiht, nämlich das der Pflanzen, das der Tiere und das der Engel. Andere sagen „der Leben”, weil die Öffnungen der Nüstern zwei sind, durch die das Leben, das heißt die Luft, beim Atmen eingezogen wird. Aber die Nüstern sind nicht der Odem der Leben, sondern sein Aufnahmeort, wie ich gleich sagen werde. Er wird „Odem des Lebens” genannt, weil die Atmung so notwendig für das Leben ist, daß wir ohne sie nicht einmal einen Augenblick leben können, sagt Galen in seinem Buch Über den Nutzen der Atmung, Kapitel 11. Daher sagt er: Asklepiades behauptete, die Atmung sei die Erzeugung der Seele; Praxagoras aber sagte, sie sei nicht die Erzeugung der Seele, sondern ihre Stärkung.
Die vernünftige Seele allein von Gott erschaffen. Bemerke fünftens: Aus dieser Stelle geht klar hervor, daß die vernünftige Seele nicht aus der Materie hervorgeht, noch aus dem Traduzianismus stammt, das heißt, sie wird nicht aus der Seele des Elternteils erzeugt und fortgepflanzt, wie Licht sich ausbreitet und Licht fortpflanzt, wie Tertullian annahm und der hl. Augustinus im 7. Buch von Über den wörtlichen Sinn der Genesis, Kapitel 1 und folgende, bezweifelte. Denn es ist gewiß, wie der hl. Hieronymus lehrt, und alle anderen Väter (und dies ist die Auffassung der Kirche), daß die Seele nicht von Engeln erschaffen wird, wie die Seleukianer behaupteten, sondern von außen allein durch Gott erschaffen und dem Menschen eingegossen wird. Denn dies bedeutet das Wort „Er hauchte ein”, oder, wie Cyprian liest, „Er hauchte in das Angesicht”, das heißt in den ganzen Leib. Es ist eine Synekdoche: denn vom Angesicht, in dem alle Lebensverrichtungen blühen und besonders die Atmung, als dem edelsten Teil, wird der ganze Leib verstanden.
Fünf Gründe für „Er hauchte ein.” Er hauchte also ein, erstens, um zu zeigen, sagt Theodoret, daß es Gott ebenso leicht ist, eine Seele zu erschaffen, wie es einem Menschen leicht ist zu atmen. Zweitens, damit wir verstehen, daß die Seele nicht aus der Materie hervorgezogen noch vom Traduzianismus herrührt, wie Tertullian annahm (der deshalb glaubte, die Seele sei, ebenso wie Gott, körperlich, ja sogar gestaltet und gefärbt, mit der Begründung, daß nichts unkörperlich sei), und wie der hl. Augustinus im 7. Buch von Über den wörtlichen Sinn der Genesis, Kapitel 1, bezweifelte, sondern von außen durch Gott erschaffen wurde. Drittens, daß unsere Seele etwas Göttliches ist, gleichsam ein Hauch Gottes — nicht freilich, damit du glaubest, sie sei ein von der Gottheit losgerissenes Stück, wie Epiktet gehalten zu haben scheint, Dissertationen 1, Kapitel 14; Seneca, Brief 92; Cicero, Tusculanische Gespräche I und Über die Wahrsagung I — sondern daß die Seele die höchste Teilhabe an der Gottheit ist, hinsichtlich ihrer geistigen Natur. Viertens, daß das Ein- und Ausatmen so notwendig für das Leben ist, daß wir ohne es nicht einen Augenblick leben können; weshalb Galen in seinem Buch Über den Nutzen der Atmung, Kapitel 1, sagt: „Asklepiades behauptete, die Atmung sei die Erzeugung der Seele, Nikarchos ihre Stärkung, Hippokrates ihre Nahrung.” Daher erschafft Gott durch Einhauchen den Menschen, als hätte er zeigen wollen, daß er den Menschen zur Vollendung des Universums ebenso wenig entbehren könne, wie der Mensch die Atmung entbehren kann. Schließlich teilte Gott, als er dem Menschen seinen eigenen Hauch und seine eigene Seele mitteilte, sich selbst mit, als hätte er sein eigenes Herz in ihn gelegt.
Für „in das Angesicht” steht im Hebräischen beappav, was Aquila und Symmachus mit eis mykteras übersetzen, das heißt „in die Nüstern”: denn in den Nüstern ist die Atmung tätig, die ein Zeichen der innewohnenden Seele ist. Unser Übersetzer aber gibt es besser wieder als „in das Angesicht”: denn die Seele ist nicht nur in den Nüstern gegenwärtig und leuchtet hervor, sondern im ganzen Angesicht und folglich in der ganzen Person, besonders aber im Angesicht und im Haupt. Daher sagt der hl. Ambrosius im 6. Buch des Hexaemeron, Kapitel 9, daß das Gefüge des menschlichen Leibes der Welt gleicht. Denn wie der Himmel sich über die Luft erhebt und die Meere über die Länder, die gleichsam die Glieder der Welt sind: so sehen wir auch das Haupt sich über die anderen Teile unseres Leibes erheben und das vornehmste von allen sein, wie der Himmel unter den Elementen, wie eine Burg inmitten der übrigen Mauern einer Stadt. Und in dieser Burg, sagt er, wohnt eine gewisse königliche Weisheit. Weshalb Salomon sagte: „Die Augen des Weisen sind in seinem Haupt.” Daher sagt auch Laktanz in seinem Buch Über das Werk Gottes, Kapitel 5: An die Spitze des Leibesbaus setzte Gott selbst das Haupt, in dem der Sitz der Regierung für das ganze lebende Wesen sein sollte; und dieser Name wurde ihm gegeben, wie Varro an Cicero schreibt, weil von hier die Sinne und Nerven ihren Anfang nehmen.
Die Seele ist kein Teil der göttlichen Substanz. Einige meinten, unsere Seele sei ein Teil der göttlichen Substanz, als ob es hieße, daß Gott hier ausgehaucht, das heißt einen Teil seines eigenen Hauches, Geistes und seiner Seele dem Menschen mitgeteilt habe. Aber dies ist eine alte Häresie und der Irrtum der Dichter, die sagen, die Seele sei „ein Teilchen des göttlichen Hauches” und ein apospasma (das heißt ein losgerissenes Stück) der Gottheit. So hielt es Epiktet, Dissertationen 1, Kapitel 14; Seneca, Brief 92; Cicero, Tusculanische Fragen I und 1. Buch von Über die Wahrsagung. „Er hauchte ein” bedeutet also, daß Gott den Hauch, Geist und die Seele als eine Wirkung seiner Allmacht aus dem Nichts im Menschen erschuf.
Sieben Definitionen der vernünftigen Seele. Daher definieren der hl. Chrysostomus, Ambrosius, Augustinus, Eucherius und Lyranus die vernünftige Seele so: „Die Seele ist ein gottgeformter Odem des Lebens.” Zweitens der Verfasser von Über den Geist und die Seele, der sich unter den Werken des hl. Augustinus, Band III, findet: „Die Seele, sagt er, ist eine gewisse unkörperliche Substanz, der Vernunft teilhaftig, dazu bestimmt, den Leib zu lenken.” Drittens Cassiodor: „Die Seele, sagt er, ist eine geistige Substanz, von Gott erschaffen, die Lebensspenderin ihres Leibes.” Viertens Seneca: „Die Seele, sagt er, ist ein vernünftiger Geist, auf Glückseligkeit ausgerichtet, sowohl in sich selbst als auch im Leib.” Fünftens Damascenus: „Die Seele, sagt er, ist ein vernünftiger Geist, stets lebend, stets in Bewegung, fähig des guten und bösen Willens.” Sechstens der Verfasser von Über den Geist und die Seele: „Die Seele, sagt er, ist das Gleichnis aller Dinge.” Siebtens andere: „Die Seele, sagen sie, ist eine geistige Substanz, einfach und unauflösbar, fähig des Leidens und der Veränderung im Leib.”
So wie die Griechen psyche (die Seele), die allen Lebewesen zukommt, von nous (dem Geist) unterschieden, der dem Menschen und den Dämonen eigen ist; und ebenso die Lateiner anima (Seele) von animus oder mens (Geist) unterschieden: so scheinen die Hebräer durch nischmat chajim die Lebensseele welcher Art auch immer zu meinen, und durch nephesh die vernünftige Seele.
Vers 8: Und Gott der Herr pflanzte ein Paradies der Wonne
Und daß sie sich nach dem himmlischen Paradies sehnen möchten, dessen irdisches Abbild und Vorbild jenes war.
UND GOTT DER HERR HATTE EIN PARADIES DER WONNE VON ANBEGINN GEPFLANZT.
„Er hatte gepflanzt”, das heißt, er hatte es mit Pflanzen, Bäumen und allen von ihm selbst geschaffenen Wonnen ausgestattet und geschmückt.
Etymologie von „Paradies.” PARADIES. — Bemerke: „Paradies” ist kein griechisches Wort, von para und deuo, das heißt „ich bewässere”, wie Suidas will; noch, wie andere sagen, von para ten diaitan poieisthai, das heißt von der Sammlung der Kräuter, so benannt; sondern es ist ein persisches Wort, sagt Pollux, oder vielmehr ein hebräisches: denn pardes bedeutet im Hebräischen einen Ort der Wonne, von der Wurzel para, das heißt „er trug Frucht”, und hadas, das heißt „Myrte” — als wollte man sagen, ein Garten der Myrten, oder einer, in dem die Myrten gedeihen. Denn die Myrte übertrifft andere Bäume an Duft, Geschmack und Annehmlichkeit.
Das Paradies lag in Eden. DER WONNE. — Die Septuaginta behält das hebräische Wort bei und übersetzt es als „in Eden”, was ein Eigenname eines Ortes ist, und dies wird durch das hebräische bet, das heißt „in”, angezeigt, und es ist klar, daß Eden der Name des Ortes ist, an dem das Paradies lag, wie aus Vers 10 im Hebräischen hervorgeht und weiter unten noch deutlicher werden wird. Unser Übersetzer aber und Symmachus fassen Eden nicht als Eigennamen auf, sondern als Gattungsnamen, und dann bedeutet es „Wonne.” Daher leiten einige aus dem hebräischen Eden das griechische hedone ab, das heißt Wonne. Theodoret in Frage 25 meint, Adam sei in Eden geformt worden und von Eden her benannt. Denn Eden, sagt er, bedeutet „rot.” Aber er irrt: denn Eden bedeutet im Hebräischen nicht „rot”, sondern „Wonne.” Außerdem wurde Adam von Adama benannt, das heißt der roten Erde, aus der er geformt wurde, nicht von Eden: denn Adam wird mit Aleph geschrieben, Eden aber mit Ajin.
VON ANBEGINN — nämlich am dritten Tag der Welt, wie ich zu Kapitel 1, Vers 11 gesagt habe. Daher irrt der Verfasser von IV Esra, Kapitel 2, Vers 6, der es so auslegt, daß er behauptet, das Paradies sei vor der Erde gepflanzt worden. Die Septuaginta übersetzt „gegen Osten”; woraus klar ist, daß in Bezug auf Judäa (denn Mose schreibt in Bezug auf Judäa und bezeichnet so die Regionen der Welt) das Paradies gegen Osten lag und daß die östliche Region die erste war, die von Adam und der Menschheit besiedelt zu werden begann.
Daher lehren der hl. Chrysostomus, Theodoret und Damascenus im 4. Buch Über den Glauben, Kapitel 13, daß die Christen sich beim Beten nach Osten wenden, damit sie sich an das Paradies erinnern, aus dem sie durch die Sünde vertrieben wurden.
Der Ort des Paradieses
Man frage, was, von welcher Art und wo das Paradies ist.
Erste Meinung. Erstens meint Origenes, das Paradies sei der dritte Himmel, in den der hl. Paulus entrückt wurde; die Bäume seien englische Tugenden; die Ströme seien die Wasser, die über dem Firmament sind. Dasselbe lehren Philo und die seleukianischen Häretiker, wie auch der hl. Ambrosius in seinem Buch Über das Paradies. Aber der hl. Epiphanius, Augustinus, Hieronymus und andere verurteilen diese Auslegung als häretisch: denn sie verdreht die schlichte Geschichte der Genesis in die Erdichtungen der Allegorie. Daher muß der hl. Ambrosius entschuldigt werden, insofern er den buchstäblichen Text und seinen wörtlichen Sinn voraussetzt und nur die Allegorie des Paradieses aufspürt.
Zweite Meinung. Zweitens meinen andere bei Hugo von St. Viktor, das Paradies sei die ganze Welt gewesen; der Strom sei der Ozean, aus dem jene vier berühmtesten Flüsse entspringen. Aber auch dies ist ein Irrtum; denn diese vier Flüsse fließen aus dem Paradies heraus. Außerdem wurde Adam nach seiner Sünde aus dem Paradies vertrieben; aber Adam wurde nicht aus der Welt vertrieben: also ist die Welt nicht das Paradies.
Dritte Meinung. Drittens urteilen andere beim Magister Sententiarum in Buch II, Distinktion 17, das Paradies sei ein gänzlich verborgener und bis zur Sphäre des Mondes erhöhter Ort: so Rabanus, Rupert, Strabo; oder wenigstens, wie Abulensis und Alexander von Hales meinen, das Paradies sei über die mittlere Region der Luft erhoben; und daher hätten die Wasser der Sintflut es nicht erreicht. Aber dann wäre das Paradies nicht auf der Erde, sondern in der Luft oder im Himmel. Überdies wäre es sehr auffällig und wohlbekannt, ebenso wie Sonne, Mond, Sterne und Kometen von allen gesehen werden.
Vierte Meinung. Viertens meint der hl. Ephräm, angeführt von Mose Bar-Cepha in seinem Buch Über das Paradies, daß unsere ganze Erde vom Ozean umgürtet ist und daß jenseits davon, in einem anderen Land und einer anderen Welt, das Paradies existiert. Aber auch dies ist ein Irrtum: denn die vier Flüsse des Paradieses befinden sich in unserem eigenen Land und unserer eigenen Welt.
Fünfte Meinung. Fünftens meinen Cirvelus Darocensis in seinen Paradoxen, Frage 15, und Alphonsus a Vera Cruce in seinem Buch Über den Himmel, Abschnitt 15, das Paradies habe in Palästina gelegen, nahe dem Jordan, im Land Sodom; sie argumentieren aus Genesis 13,10. Andere behaupten, es sei auf der Insel Taprobane gewesen, andere in Amerika. Aber diese vier Flüsse sind weder in Palästina noch in Taprobane noch in Amerika.
Sechste Meinung. Sechstens meinen der hl. Bonaventura und Durandus in Buch II, Distinktion 17, das Paradies liege unter dem Äquator. Denn sie nehmen an, daß dort die größte Milde des Klimas herrsche, wo die Tage stets den Nächten gleich sind. Aber dies ist ebenso vage und unsicher, wie es unergiebig ist.
Die Schwierigkeit dieser Frage hängt von zwei Flüssen ab, nämlich dem Phison und dem Geon: denn wer diese kennte, würde leicht das Paradies von ihnen aus aufspüren.
Die vier Flüsse
Ich sage erstens: Die Meinung vieler Väter und Gelehrter ist, daß der Geon der Nil und der Phison der Ganges sei. So denken der hl. Epiphanius, Augustinus, Ambrosius, Hieronymus, Theodoret, Josephus, Damascenus, Isidor, Eucherius, Rabanus, Rupert und andere, die die Conimbricenses in ihrem Kommentar zur Meteorologie, Traktat 9, Kapitel 10, anführen und denen sie folgen, und Ribera zu Amos 6, Nr. 44, und Bellarmin, Über die Gnade des ersten Menschen, Kapitel 12. Und es wird erstens bewiesen, weil die Septuaginta bei Jeremia 2,18 „Geon” für den Nil übersetzen: weshalb die Abessinier noch heute den Nil „Guijon” nennen, nach dem Zeugnis des Francisco Alvarez, Geschichte Äthiopiens, Kapitel 122. Aber man könnte antworten, daß Geon der Name mehrerer Flüsse ist: denn auch bei Jerusalem gab es einen Bach namens Geon oder Gion (denn diese beiden sind dasselbe, da in beiden Fällen im Hebräischen dasselbe Wort gichon steht), wo Salomon zum König gesalbt wurde, III Könige 1,33.38.45; II Chronik 32,30.
Zweitens, weil der Ganges eigentlich das Land Hawila umfließt, das heißt Indien (wie der hl. Hieronymus zu Genesis 10,29 lehrt und andere allgemein), das innerhalb des Ganges liegt, wo es das feinste Gold gibt; ja der Ganges selbst führt nach Plinius Gold und Edelsteine. Der Ganges wird zudem Phison genannt, das heißt „Überfluß”, von der Wurzel pus, das heißt „gedeihen, sich vermehren”, weil zehn große Flüsse in den Ganges münden. So Josephus, Buch I der Altertümer, Kapitel 2, und Isidor, Buch XIII der Etymologien, Kapitel 21. Auf gleiche Weise umfließt der Geon, das heißt der Nil, Äthiopien oder Abessinien, wo der Priesterkönig Johannes herrscht. Auch die Überschwemmung des Nils ist höchst berühmt: und eben diese Überschwemmung schreibt Jesus Sirach dem Geon zu in Kapitel 24, Verse 35 und 37.
Du wirst einwenden: Wie können der Ganges und der Nil, die sehr weit vom Tigris und Euphrat entfernt sind, aus derselben Quelle und demselben Fluß des Paradieses wie jene entspringen? Denn der Ganges entspringt im Kaukasus, einem Gebirge Indiens; der Euphrat und Tigris in den Bergen Armeniens; der Nil aus den Mondbergen, gegen das Kap der Guten Hoffnung hin; oder vielmehr aus einem gewissen See im Königreich Kongo, wie diejenigen vermerkt haben, die in diesem Jahrhundert jene Orte erkundet haben. Aber diese Quellen sind sehr weit voneinander entfernt und folglich auch vom Fluß des Paradieses.
Dies ist freilich eine große Schwierigkeit, auf die der hl. Augustinus im 8. Buch von Über den wörtlichen Sinn der Genesis, Kapitel 7, zusammen mit Theodoret, Rupert und anderen antwortet: daß der Ganges und der Nil tatsächlich aus dem irdischen Paradies entspringen, aber in unterirdischen Tunneln und Gängen verborgen sind, bis sie an den bereits genannten Orten hervorbrechen, und dies nach Gottes Absicht, um das Paradies zu verbergen. Tatsächlich sagen Pausanias in seiner Beschreibung Korinths und Philostratus im 1. Buch des Lebens des Apollonius, Kapitel 14, daß es nicht an solchen fehle, die meinen, der Euphrat werde, nachdem er sich unter der Erde verborgen und dann über Äthiopien wieder hervorgetreten sei, zum Nil, was trefflich mit der Heiligen Schrift hier in Kapitel 2 übereinstimmt, die andeutet, daß diese vier Flüsse aus einer Quelle fließen. Und es ist nicht verwunderlich, daß der Ganges und der Nil so verborgen sind und so weit entfernt hervorbrechen; denn auch das Kaspische Meer wird vom sehr weit entfernten Arktischen Ozean durch unterirdische Gänge gespeist, wie der hl. Basilius, Strabo, Plinius und Dionysius in seinem Buch Über die Lage der Erde lehren. Ja, viele meinen, daß alle Flüsse, Quellen und Gewässer, auch die entferntesten, aus dem Meer und jenem unterirdischen Abgrund durch unterirdische Adern entspringen, wie ich zu Kapitel 1, Vers 9 gesagt habe. Aus diesem Abgrund also entsprang zuerst ein großer Fluß im Paradies; denn Gott wollte zur Zierde des Paradieses, daß er, daraus aufsteigend wie die Mutter der übrigen, sich in diese vier Flüsse teilte; aber nach der Sünde Adams verbarg Gott diesen Fluß des Paradieses entweder gänzlich unter der Erde, oder er wollte, daß er verborgen bliebe, damit das Paradies verborgener sei.
Aber es scheint unglaublich, daß sich dieser Fluß des Paradieses, oder vielmehr die vier Flüsse, über eine so gewaltige Strecke unter der Erde verbergen und dann an so weit entfernten Orten hervortreten würden. Denn, wie Ptolemäus lehrt, liegt zwischen dem Euphrat und dem Ganges ein Abstand von 70 Graden, das heißt mehr als 4300 Meilen. Dasselbe kann vom Nil gesagt werden.
Es wird bewiesen, daß der Nil nicht der Geon und der Ganges nicht der Phison ist. Zweitens entspringen diese vier Flüsse an den bereits genannten und wohlbekannten Orten so bescheiden, daß sogleich ersichtlich ist, daß sie dort zuerst geboren werden und dann allmählich wachsen, indem von hier und dort Nebenflüsse zufließen; daher werden sie nicht aus jenem einen großen Fluß des Paradieses geboren.
Drittens haben Viegas zur Apokalypse, Kapitel 11, Abschnitt 5, und andere sehr gelehrte Männer bemerkt, daß weder Indien noch der Ganges noch andere Regionen oder Flüsse, die jenseits des Persischen Golfs liegen, in der Schrift östlich oder der Osten genannt werden, sondern nur jene, die diesseits des Persischen Golfs liegen, wie Armenien, Arabien, Mesopotamien. Die Bewohner dieser, nämlich die Araber, Idumäer, Midianiter und Armenier, werden Orientalen oder Söhne des Ostens genannt, in Bezug auf die Juden: und das Paradies lag im Osten, wie die Septuaginta es hat.
Viertens, wenn der Geon der Nil und der Phison der Ganges wäre, dann umfaßte das Paradies alle Regionen, die zwischen dem Nil, dem Euphrat, dem Tigris und dem Ganges liegen, nämlich Babylonien, Armenien, Mesopotamien, Syrien, Medien, Persien und viele andere. Einige geben dies zu, aber mit wenig Wahrscheinlichkeit, wie es scheint: denn das Paradies wird hier ein Garten der Wonne genannt; wer hat je einen so gewaltigen Garten gesehen?
Daraus folgt, daß der Phison nicht der Ganges und der Geon nicht der Nil ist. Weshalb —
Das Paradies lag bei Mesopotamien und Armenien. Ich sage zweitens: Das Paradies scheint bei Mesopotamien und Armenien gelegen zu haben. Es wird erstens bewiesen, weil diese Regionen in der Schrift östlich genannt werden, wie ich bereits gesagt habe; zweitens, weil die Menschen, die aus dem Paradies vertrieben wurden, zuerst diese Regionen besiedelten, sowohl vor der Sintflut, wie es von Kain ersichtlich ist, der in Eden wohnte, Genesis Kapitel 4, Vers 16, als auch nach der Sintflut, da sie nahe dem Paradies gelegen und daher fruchtbarer als die übrigen waren, wie aus Genesis 8 und 11, Vers 2 hervorgeht. Drittens, weil das Paradies in Eden lag, wie die Septuaginta übersetzt. Eden aber lag nahe bei Haran, wie aus Ezechiel 27,23 und Jesaja 37,12 hervorgeht. Und Haran liegt bei Mesopotamien: denn Haran oder Karrhai ist eine Stadt der Parther, wo Crassus erschlagen wurde. Viertens, weil das Paradies dort ist, wo Euphrat und Tigris sind, wie aus Vers 14 hier hervorgeht; und diese sind in Mesopotamien und Armenien: denn der Euphrat ist ein Fluß Babyloniens, und die Region zwischen ihm und dem Tigris wird Mesopotamien genannt (als wollte man sagen: inmitten zweier Flüsse gelegen). Fünftens, weil diese Regionen höchst angenehm und höchst fruchtbar sind. Sechstens, weil das Paradies nicht so weit von Judäa entfernt gewesen zu sein scheint; ebenso wie Mesopotamien nicht so weit von Judäa entfernt ist. Denn die Väter überliefern, daß Adam, nachdem er aus dem Paradies vertrieben worden war und mehrere Orte durchwandert hatte, nach Judäa kam und dort starb und auf dem Berg begraben wurde, der von seinen Nachkommen der Kalvarienberg genannt wurde, weil dort das Haupt des ersten Menschen aufbewahrt war, auf welchem Berg der gekreuzigte Christus die Sünde Adams büßte und sühnte. So überliefern Origenes, Cyprian, Athanasius, Basilius und andere allgemein, mit der einzigen Ausnahme und dem Widerspruch des hl. Hieronymus, wie ich zu Matthäus 27,33 gesagt habe.
Phison und Geon. Ich sage drittens: Es steht nicht fest, welche Flüsse der Phison und der Geon sind; daß sie aber noch bestehen, ist hinreichend klar aus Jesus Sirach Kapitel 24, Vers 35. Wiederum steht es nicht fest, ob diese vier Flüsse aus dem Fluß des Paradieses entspringen; oder ob der Fluß des Paradieses lediglich in diese vier mündet oder sich in sie teilt. Denn Mose sagt nur, daß dieser Fluß sich in vier Häupter teilt: und mit vier Häuptern meint er die vier Flüsse selbst, die diesen einen Fluß des Paradieses in vier gleichsam Zweige oder Häupter teilen, ob sie nun aus ihm entspringen und fließen oder nicht. Denn so scheint Mose selbst es gleich erklären zu wollen. Gleichwohl ist die Meinung von Pererius, Oleastro, Eugubinus, Vatablus hier und Jansenius in Kapitel 143 der Evangelienharmonie wahrscheinlich: daß der Phison und der Geon Flüsse sind, die aus dem Zusammenfluß des Euphrat und Tigris entstehen.
Der Phison ist der Phasitigris. Wozu man bemerke, daß der Tigris und der Euphrat oberhalb des Persischen Golfs schließlich in einen zusammenfließen und sich dann wieder teilen und ihren Namen ändern. Denn der eine, der in den Persischen Golf hinabfließt, heißt Phasis oder Phasitigris (der der Phison zu sein scheint), wohlbekannt aus Curtius, Plinius und anderen; dieser umfließt das Land Hawila, das heißt Chawila, nämlich die Cholataeer, die Strabo in Buch XVI in Arabien ansiedelt, nahe Mesopotamien. Der andere, der sich gegen Arabia Deserta und die benachbarten Regionen wendet, scheint derjenige zu sein, der hier Geon genannt wird: dieser umfließt Äthiopien, nicht das Äthiopien der Abessinier, das unterhalb Ägyptens liegt, sondern jenes, das um Arabien herum liegt. Denn in der Schrift werden die Midianiter und andere, die nahe dem Persischen oder Arabischen Golf wohnen, Äthiopier genannt.
Das Paradies lag am Zusammenfluß von Tigris und Euphrat. Das Paradies scheint also an dem Ort gelegen zu haben, wo Euphrat und Tigris zusammenfließen; denn von jenem Zusammenfluß teilen und scheiden sie sich in diese vier Flüsse: denn flußaufwärts sind Euphrat und Tigris, und flußabwärts sind der Geon und der Phasitigris oder Phison. Daß diese Flüsse, nachdem sie zusammengekommen sind, sich wieder teilen, ist deutlich ersichtlich aus den genaueren Karten von Gerard Mercator, Ortelius und anderen. Denn Mercator zeigt auf seiner 4. Karte Asiens deutlich, daß Tigris und Euphrat bei Apamea zusammentreffen und sich wieder bei der Stadt namens Asien teilen und eine recht große Insel namens Teredon bilden; und schließlich auf beiden Seiten in den Persischen Golf münden und dort enden.
Hinzu kommt, daß es wahrscheinlich ist, daß diese Flüsse zur Zeit Mose weiter geteilt waren, weil sie danach ihr Bett veränderten und mehr zusammenflossen, ebenso wie seit der Zeit Mose viele andere Flüsse und Meere ihren Ort und ihr Bett verändert haben, wie Torniellus vermerkt hat. Denn daß zur Zeit Mose diese vier Flüsse des Paradieses deutlich geteilt waren, geht daraus hervor, daß er sie als vier getrennte und allgemein bekannte Flüsse beschreibt und sie den Juden vorlegt, damit diese aus ihnen erkennen mögen, wo das Paradies gelegen war.
Ich sage viertens: Auch wenn nicht feststeht, an genau welchem Ort das Paradies lag, so ist es doch als Glaubenssatz gewiß, daß das Paradies ein körperlicher Ort war, gelegen in irgendeinem Teil unserer Erde gegen Osten, wie die Septuaginta es hat. Wiederum ist es gewiß, daß dieser Ort höchst angenehm und gemäßigt war, und dies teils durch sich selbst und seine natürliche Lage, teils durch die besondere Vorsehung Gottes, die Hitze, Kälte und jede andere Ungunst des Wetters vom Paradies ferngehalten hatte: ein Ort, sage ich, sowohl für Menschen als auch für andere Lebewesen.
Ob es Tiere im Paradies gab. Damascenus und der hl. Thomas, sowie Abulensis zu Kapitel 13, Frage 87, verneinen dies. Denn sie meinen, im Paradies hätte es keine vierfüßigen Tiere gegeben, sondern nur Menschen. Abulensis läßt jedoch auch Vögel im Paradies zu, des Gesanges wegen, und Fische in den Flüssen. Aber andere lehren allgemein das Gegenteil, mit dem hl. Basilius in seinem Buch Über das Paradies und dem hl. Augustinus im 14. Buch des Gottesstaates, Kapitel 11. Denn die Vielfalt und Schönheit der Tiere bereitete dem Menschen im Paradies große Freude. Außerdem steht fest, daß die Schlange im Paradies war.
„Im Paradies, sagt Basilius, gab es alle Arten von Vögeln, die mit der Schönheit ihrer Farben und ihrer natürlichen Musik und der Süße ihres Zusammenklangs dem Menschen unglaubliche Freude bereiteten. Es gab dort auch Schauspiele verschiedener Tiere. Aber sie waren alle zahm, dem Menschen gehorsam, untereinander in Eintracht und Frieden lebend, und sie hörten einander und sprachen mit Verstand. Und die Schlange war damals nicht schrecklich, sondern sanft und zahm, noch kroch sie furchterregend über die Oberfläche der Erde wie schwimmend, sondern ging aufrecht und erhaben auf ihren Füßen.”
Wobei zu bemerken ist, daß der hl. Basilius zu sagen scheint, im Paradies hätten die unvernünftigen Tiere Vernunft und menschliche Sprache besessen; wiederum, daß die Schlange nicht gekrochen, sondern aufrecht gegangen sei: beides scheint nicht wahrscheinlich. Gleichermaßen paradox ist, was Rupert im 2. Buch Über die Dreifaltigkeit, Kapitel 24 und 29, behauptet: daß die Gewässer ihrer Natur nach salzig seien; aber wie die Leber der Quell des Blutes ist, so sei der Quell — nun der Quell des Paradieses — die Quelle aller Süßwasser, die es auf dem ganzen Erdkreis gibt; und folglich sei eben dieser Quell der Stammvater und Urheber aller Gewächse, Bäume, Edelsteine und Gewürze.
Ob das Paradies noch besteht
Man frage zweitens, ob der Ort und die Anmut des Paradieses noch bestehen. Ich antworte: Es ist gewiß, daß der Ort fortbesteht, aber über die Anmut ist es ungewiß.
Dies behaupten der hl. Justin, Tertullian, Epiphanius, Augustinus, Damascenus, der hl. Thomas, Abulensis und andere, die Viegas oben anführt; denn sie meinen, durch Gottes besondere Vorsehung sei das Paradies zur Zeit Noachs von der Sintflut unversehrt bewahrt worden. Denn obwohl das Wasser der Sintflut andere gewöhnliche Berge der Menschen überstieg, wie in Genesis Kapitel 7 gesagt wird, überstieg es doch nicht das Paradies; oder wenn es auch dieses überstieg, so verdarb es dieses dennoch nicht, weil dies ein Ort der Unschuld ist, an dem noch jetzt Elija und Henoch ein heiligstes und friedvollstes Leben führen. So sagen alle bereits angeführten Väter.
Irenäus fügt im 5. Buch, Kapitel 5, hinzu, daß in diesem irdischen Paradies alle Seelen der Gerechten nach dem Tode bis zum Tag des Gerichts aufgehalten werden, damit sie dann in den Himmel eingehen und Gott schauen mögen. Aber dies ist ein Irrtum der Armenier, der auf dem Konzil von Florenz verurteilt wurde.
Andere, und vielleicht mit mehr Wahrscheinlichkeit, meinen, das Paradies habe in seiner ursprünglichen Schönheit bis zur Sintflut bestanden: denn als Gott Adam daraus vertrieb, stellte er Cherubim davor, um es zu bewachen. Wiederum heißt es, Henoch sei in das Paradies entrückt worden — nicht das himmlische, sondern das irdische (Jesus Sirach 44,16). Aber in der Sintflut Noachs, als die Wasser ein ganzes Jahr lang die ganze Erde bedeckten, meinen dieselben Gewährsmänner, daß auch das Paradies von ihnen überschwemmt, verwüstet und zerstört worden sei, und Mose deutet dies hinreichend an in Kapitel 7, Vers 19. Hinzu kommt, daß das Paradies jetzt nirgends gefunden werden kann, obwohl die ganze Erde, besonders um Mesopotamien und Armenien, vollständig bekannt und bewohnt ist. So meinen Oleastro, Eugubinus, Catharinus, Pererius und der oben angeführte Jansenius, Francisco Suárez (III. Teil, Frage 59, Artikel 6, Disputation 55, Abschnitt 1), der bereits angeführte Viegas und andere. Denn die Wasser der Sintflut, die ein ganzes Jahr lang mit solcher Gewalt brandeten und, wie Mose sagt, hin und her gingen, ebneten alle Bäume, Häuser, Städte und sogar Hügel ein und verschoben nahezu die gesamte Erdoberfläche: daher stürzten sie auch die Gestalt und Schönheit des Paradieses um.
Vgl. Huet, Über die Lage des irdischen Paradieses; D. Calmet, Bible de Vence, Band I; und vor allem das äußerst gelehrt verfaßte Werk „Du Berceau de l'espèce humaine selon les Indiens, les Perses et les Hébreux” von D. Obry, 1858.
Tropologische Auslegung. Tropologisch ist das Paradies die Seele, geschmückt mit jeder Vielfalt von Bäumen, das heißt von Tugenden. Daher jener Spruch des Zoroaster: „Suche das Paradies”, das heißt den ganzen Reigen der göttlichen Tugenden, sagt Psellus. Von demselben stammt dies: „Die Seele ist geflügelt; und wenn ihre Flügel abfallen, stürzt sie kopfüber in den Leib; dann endlich, wenn sie nachwachsen, fliegt sie wieder empor zu den Höhen.” Als seine Schüler ihn fragten, wie sie mit wohlgefiederten Flügeln geflügelte Geister erlangen könnten, sagte er: „Begießt eure Flügel mit den Wassern des Lebens.” Als sie wieder fragten, wo sie diese Wasser finden könnten, antwortete er ihnen in einem Gleichnis: „Gottes Paradies wird von vier Flüssen gewaschen und bewässert: von dort werdet ihr heilbringende Wasser schöpfen. Der Name des Flusses, der von Norden fließt, bedeutet ‚das Rechte'; der von Westen ‚die Sühne'; der von Osten ‚das Licht'; der von Süden ‚die Frömmigkeit.'”
Allegorische Auslegung. Allegorisch sagen der hl. Augustinus (Buch 13 des Gottesstaates, Kapitel 21) und Ambrosius (Buch Über das Paradies): Das Paradies ist die Kirche; die vier Flüsse sind die vier Evangelien; die fruchttragenden Bäume sind die Heiligen; die Früchte sind die Werke der Heiligen; der Baum des Lebens ist Christus, der Heilige der Heiligen, oder er ist die Weisheit selbst, die Mutter aller Güter (Jesus Sirach 24,41; Sprüche 3,18); der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse ist der freie Wille oder die Erfahrung der Übertretung eines Gebotes. Wiederum ist das Paradies das Ordensleben, in dem Demut, Liebe und Heiligkeit gedeihen. Höre den hl. Basilius in seinem Buch, oder vielmehr seiner Homilie Über das Paradies, gegen Ende: „Wenn du dir einen Ort vorstellst, der der Heiligen würdig ist, an dem alle, die auf Erden durch gute Werke erstrahlten, die Gnade Gottes genießen und in wahrer und geistlicher Freude leben, so wirst du von einem passenden Gleichnis des Paradieses nicht weit abirren.” So vergleicht auch der hl. Chrysostomus in Homilie 69 zu Matthäus, als er über die Glückseligkeit der Mönche redet, diese mit Adam, der im Paradies wohnt. Siehe den hl. Bernhard, An den Klerus, Kapitel 21, und Hieronymus Platus, Buch 3, Über das Gut des Ordensstandes, Kapitel 19.
Anagogische Auslegung. Anagogisch sagen dieselben Autoren: Das Paradies ist der Himmel und das Leben der Seligen; die vier Flüsse sind die vier Kardinaltugenden: nämlich der Ganges ist die Klugheit, der Nil die Mäßigkeit, der Tigris die Tapferkeit und der Euphrat die Gerechtigkeit. Siehe Pierius, Hieroglyphica, 21.
Oder vielmehr sind die vier Flüsse die vier Gaben des verherrlichten Leibes (Offenbarung, letztes Kapitel, Vers 2). So freute sich die hl. Dorothea, als sie vom Statthalter Fabricius zum Martyrium geführt wurde, weil sie sagte, sie gehe zu ihrem Bräutigam, dessen Paradies mit der Schönheit aller Blumen und Früchte blühte. Als der Schreiber Theophilus sie spöttisch bat, ihm einige Rosen zu schicken, wenn sie dort angekommen sei, sagte sie: „Ich werde sie schicken.” Nachdem sie enthauptet worden war, erschien dem Theophilus ein Knabe mit einem Körbchen frischer Rosen — und zwar zur Winterzeit (denn sie litt am 6. Februar) — und sagte, sie seien ihm von Dorothea aus dem Paradies ihres Bräutigams gesandt. Als er sie dargebracht hatte, verschwand der Knabe aus seinem Blick. Daher bekehrte sich Theophilus zum Glauben an Christus und erlitt das Martyrium.
Vers 9: Allerlei Bäume, schön anzusehen
ALLERLEI BÄUME, SCHÖN ANZUSEHEN UND LIEBLICH ZU ESSEN. — „Und” steht hier für „oder”: denn Mose bedeutet, daß es im Paradies sowohl schöne und anmutige Bäume gab, wie Zedern, Zypressen, Kiefern und andere nicht fruchttragende Bäume, als auch fruchttragende und zum Essen geeignete Bäume.
Der Baum des Lebens
AUCH DER BAUM DES LEBENS — das heißt der Baum des Lebens. Man fragt: Was für ein Baum war dies, und von welcher Natur?
Ich sage erstens: Es ist Glaubenssatz, daß dies ein wirklicher Baum war; denn er wird von den Hebräern „Baum” genannt, und die schlichte und historische Erzählung Mose erfordert dies. So meinen alle Alten, gegen Origenes und Eugubinus, die meinen, der Baum des Lebens sei symbolisch gewesen und habe nur sinnbildlich sowohl das Leben als auch die Adam bei Gehorsam gegenüber Gott verheißene Unsterblichkeit bedeutet.
Ich sage zweitens: Er wird der Baum des Lebens genannt, nicht weil er ein Zeichen des Adam von Gott gewährten Lebens war, wie Artopoeus will; sondern „des Lebens” bedeutet lebenspendend, eine Ursache des Lebens, das Leben bewahrend und verlängernd, weil dieser Baum das Leben dessen, der von ihm aß, auf die längste Zeit erstreckte und es frei von Krankheiten und Alter, gesund, friedvoll und freudig bewahrte. Siehe Pererius und Valesius, Philosophia Sacra, Kapitel 6.
Vier Wirkungen des Baumes. Erstens also hätte dieser Baum das Leben langlebig gemacht; zweitens kräftig und stark; drittens beständig, so daß man niemals Krankheit oder Alter erlitten hätte; viertens froh und heiter — denn er hätte alle Traurigkeit und Schwermut vertrieben.
Ich sage drittens: Diese Kraft und Tugend dieses Baumes war nicht übernatürlich und daher nach Adams Sünde weggenommen, wie der hl. Bonaventura und Gabriel meinen (in II, Distinktion 19); sondern sie war ihm natürlich, ebenso wie die Kraft des Heilens in anderen Früchten und Bäumen besteht; denn er wird von seiner eigenen Natur und seiner angeborenen Kraft her der Baum des Lebens genannt. Und daher blieb nach der Sünde diese Kraft in diesem Baum, und aus diesem Grund wurde Adam von ihm und vom Paradies ausgeschlossen, nachdem er gesündigt hatte, wie aus Kapitel 3, Vers 22 klar ist. So sagen der hl. Thomas, Hugo und Pererius.
Im Paradies hätte also nichts einen im Stande der Unschuld verbleibenden Menschen schädigen oder verderben können. Denn gegen die Einwirkung der Elemente und den Verbrauch der Grundfeuchtigkeit hätte er den Baum des Lebens gehabt, der jene Feuchtigkeit vollständig wiederhergestellt hätte. Gegen die Gewalt der Dämonen hätte er den englischen Schutz gehabt. Gegen den Angriff wilder Tiere hätte er die vollkommene Herrschaft über sie gehabt. Gegen die Gewalt anderer Menschen hätte er das Paradies gehabt: denn wenn jemand einem anderen hätte schaden wollen, hätte er die Gerechtigkeit verwirkt und wäre sogleich aus dem Paradies vertrieben worden, wie es Adam geschah. Gegen die Verseuchung der Luft hätte er das geeignetste gemäßigte Klima gehabt. Gegen giftige Pflanzen, gegen Flammen und andere Dinge, die ihn durch Zufall hätten verletzen oder überwältigen können, hätte er volle Klugheit in allen Dingen gehabt und die Voraussicht, sich vor allem zu hüten — die er, wenn er sie nicht angewandt hätte, dann nicht unschuldig, sondern unklug, leichtsinnig und schuldig gewesen wäre, und so hätte er geschädigt werden können. Schließlich hätte Gottes Schutz ihn von allen Seiten umgeben und vor Schädlichem bewahrt.
Wie hätte er das menschliche Leben verlängert? Man fragt zweitens, auf welche Weise dieser Baum das menschliche Leben verlängert hätte. Viele meinen, die Frucht des Baumes des Lebens hätte, einmal gekostet und gegessen, dem Essenden Unsterblichkeit gebracht. Denn wie, sagen sie, der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse der Baum des Todes und der Sold des Todes war, so daß er, einmal gekostet, die Notwendigkeit des Sterbens brachte, so war umgekehrt der Baum des Lebens der Lohn des Gehorsams, der die Menschen vom sterblichen Zustand zur Unsterblichkeit übergeführt hätte. Daher meint Bellarmin (Buch Über die Gnade des ersten Menschen, Kapitel 18), die Menschen hätten nur dann von diesem Baum des Lebens gegessen, wenn sie gerade aus diesem Leben in den Zustand der Herrlichkeit überführt werden sollten. Dieser Meinung sind der hl. Chrysostomus, Theodoret, Irenäus und Rupert, die Abulensis anführt und denen er folgt, in Kapitel 13, wo er alle diese Dinge ausführlich behandelt.
Ich sage erstens: Es ist wahrscheinlicher, daß diese Frucht, einmal gekostet, zwar das Leben des Menschen für eine lange Zeit verlängert, ihn aber nicht schlechthin unsterblich gemacht hätte. Der Grund ist, daß diese Kraft dieser Frucht natürlich und endlich war; und daher durch die beständige Einwirkung der natürlichen Wärme im Menschen schließlich aufgezehrt worden wäre. Außerdem war diese Frucht, wie jede andere, ihrer Natur nach vergänglich; daher hätte sie den Menschen nicht völlig unvergänglich machen können, sondern hätte nur, bei wiederholtem Genuß, das Leben des Menschen immer weiter und weiter verlängert. So meinen Scotus, Durandus, Cajetan und Pererius.
Ich sage zweitens: Die Frucht des Baumes des Lebens stellte dem Menschen die volle Kraft wieder her: erstens, indem sie die natürliche Grundfeuchtigkeit oder etwas Besseres zuführte; zweitens, indem sie die natürliche Wärme, die durch beständige Einwirkung und den Kampf mit anderen Speisen (die der Mensch auch damals gewöhnlich verzehrt hätte, wie der hl. Augustinus im 13. Buch des Gottesstaates, Kapitel 20, lehrt) geschwächt worden war, schärfte, stärkte und in ihren ursprünglichen oder sogar besseren Zustand zurückversetzte und sie erhielt und bewahrte. Wenn daher der Mensch in festgesetzten Abständen, wenn auch seltenen, von diesem Baum gegessen hätte, hätte er weder Tod noch Alter erlitten. Daher irrt Aristoteles, der in Buch 3 der Metaphysik, Text 15, stillschweigend Hesiod tadelt, weil er sagte, die Götter, die Ambrosia essen, seien unsterblich, während andere, die keine Ambrosia haben, sterblich seien. Denn alles, was sich von Nahrung ernährt, sagt Aristoteles, altert, zerfällt und stirbt von Natur aus. Aber bei diesem Baum des Lebens, den Aristoteles nicht kannte, ist dies offensichtlich falsch; daher lehrt Mose hier in Kapitel 3, Vers 22 ausdrücklich, daß Adam aus dem Paradies vertrieben wurde, damit er nicht, indem er vom Baum des Lebens kostete, ewig lebte. Also konnte der Baum des Lebens das Leben auf ewig verlängern.
Du wirst einwenden: Die natürliche Wärme im Menschen wird durch beständige Einwirkung allmählich vermindert, und indem sie auf die Frucht des Baumes des Lebens einwirkt, wäre sie geschwächt worden. Aber diese Schwächung scheint durch Nahrung nicht behoben werden zu können, weil sie nur durch die Umwandlung von Nahrung, das heißt des Nährstoffes, in die Substanz des Genährten behoben werden kann. Aber dann ist der Nährstoff dem Genährten ähnlich und hat folglich keine größere Kraft als der genährte Leib: daher kann er dessen geschwächte und verminderte Kräfte nicht vollständig wiederherstellen.
Ich antworte erstens: Es ist falsch, daß der Nährstoff, wenn er umgewandelt und dem genährten Leib ähnlich geworden ist, keine größere Kraft als dieser hat. Denn wir sehen, daß schwache Menschen, wenn sie Nahrung zu sich nehmen, schnell wiederbelebt, gestärkt und gekräftigt werden.
Ich antworte zweitens: Diese Frucht des Baumes des Lebens war nicht nur Nahrung, sondern auch eine Arznei von wunderbarer Kraft, die, bevor sie in die Substanz des Menschen umgewandelt wurde, den Leib und die natürliche Wärme reinigte, erneuerte und stärkte. Ferner hätte eben jene Substanz nachher, in die Substanz des Menschen umgewandelt, dieselbe Kraft und Eigenschaft behalten. Durch diese ihre natürliche Kraft also hätte sie die Ernährungskräfte des Menschen weit mehr erneuert und wiederhergestellt, als die Einwirkung der natürlichen Wärme und ihre Schwächung durch Nahrung und Ernährung sie hätten vermindern können. So sagt Ludovicus Molina.
Welche Art von Ewigkeit des Lebens? Man fragt drittens, welcher Art diese Ewigkeit war, die der Genuß des Baumes des Lebens verliehen hätte — eine absolute oder eine eingeschränkte und relative? Ludovicus Molina meint, sie sei absolut gewesen, weil, sagt er, dieser Baum den Menschen stets in seine ursprüngliche Kraft zurückversetzt hätte. Besser aber meinen Scotus, Valesius und Cajetan, sie sei eingeschränkt, nicht absolut gewesen; weil nämlich dieser Baum das Leben und die Kraft des Menschen auf einige Jahrtausende verlängert hätte, bis Gott ihn in den Himmel versetzt hätte, was eine Art Ewigkeit ist. Denn die Hebräer nennen nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauch olam (das heißt „ewig”) eine sehr lange Zeit, deren Ende vom Menschen nicht vorhergesehen wird; siehe Kanon 4. So sagt der Herr in Kapitel 6, Vers 3: „Mein Geist soll nicht im Menschen verbleiben auf ewig (das heißt für die lange Lebenszeit der ersten Väter), und seine Tage sollen hundertzwanzig Jahre sein.” Gleichwohl hätte dieser Baum das Leben des Menschen nicht schlechthin für alle Ewigkeit verlängern können. Der Grund ist, daß jeder gemischte Körper, da er aus gegensätzlichen Elementen besteht, die gegeneinander kämpfen, seiner Natur nach vergänglich ist. Dieser köstlichste und schönste Baum aber war ein gemischter Körper: daher war er in sich vergänglich und hätte allmählich, wenn auch sehr langsam, nachgelassen und seine ursprüngliche Kraft verloren und wäre schließlich vergangen — ebenso wie Eichen, obwohl sie äußerst hart sind, dennoch allmählich vergehen. Daher hätte er den Menschen nicht vor Tod und Vergänglichkeit für alle Ewigkeit bewahren können. Denn er konnte dem Menschen nicht geben, was er in sich selbst nicht hatte. Und in diesem Sinne ist wahr, was Aristoteles sagte: Alles, was sich von Nahrung ernährt, ist sterblich. Zweitens, weil es sonst folgte, daß Adam nach seiner Sünde, wenn man ihm erlaubt hätte, im Paradies zu leben und vom Baum des Lebens zu essen, schlechthin für immer gelebt hätte. Aber dies scheint unglaublich, sowohl weil, bevor er aus dem Paradies vertrieben wurde, das Todesurteil bereits über ihn verhängt war, als auch weil durch die Sünde der menschliche Leib und die menschliche Natur so schwach und elend ist und so vielen Krankheiten, Lastern und Bedrängnissen unterworfen, die die Kräfte aufzehren und allmählich zum Tode führen, daß er schließlich sterben müßte.
Du wirst einwenden: Die Frucht des Baumes des Lebens hätte stets die natürliche Wärme und die Grundfeuchtigkeit in ihre ursprüngliche Kraft zurückversetzt; also hätte sie das Leben des Menschen stets und für alle Ewigkeit verlängern können, wenn der Mensch zu den rechten Zeiten von ihr gegessen hätte.
Ich antworte: Das Wort „stets” in der Prämisse muß im eingeschränkten Sinne genommen werden, nämlich stets, solange die volle Kraft und der Stamm des Baumes des Lebens angedauert hätte. Denn wenn der Baum gealtert und vergangen wäre, wäre auch der Mensch gleichermaßen gealtert und vergangen. Denn wie selbst jetzt gewisse Latwerge und sehr nahrhafte, geisthaltige und nährende Speisen die Grundfeuchtigkeit und die natürliche Wärme (besonders bei jungen Menschen) vollständig wiederherstellen und in ihren vollen Zustand zurückversetzen — aber für eine bestimmte Zeit, nämlich bis entweder der Mensch altert oder die Kraft und Stärke der Nahrung nachläßt (denn dann kann sie die Kräfte des Menschen nicht so wiederherstellen, daß er nicht allmählich verfällt und stirbt) — so hätte es sich ebenso mit dem Baum des Lebens verhalten. Nur mit dem einen Unterschied, daß unsere Nahrungsmittel und Arzneien die Kraft des Menschen nur für kurze Zeit wiederherstellen, der Baum des Lebens aber dies für lange Zeit, für viele Jahrtausende, geleistet hätte. Wenn diese verstrichen wären, wären sowohl der Mensch als auch der Baum des Lebens gealtert und gestorben. Gott aber hätte dieses Altern und diesen Tod vorweggenommen, indem er den Menschen in den Himmel und das ewige Leben versetzt hätte. Da also Gott nicht wollte, daß der Mensch schlechthin für immer im Paradies lebe, sondern nur für eine lange Zeit, scheint er gleichermaßen dem Baum des Lebens die Kraft verliehen zu haben, das Leben nicht schlechthin für alle Ewigkeit, sondern nur für eine lange Zeit zu verlängern. So lehrt Scotus mit den Seinen.
Nektar und Ambrosia vom Baum des Lebens. Schließlich haben die Dichter von diesem Baum des Lebens ihre Fabeln erdichtet und ihren Nektar, ihre Ambrosia, ihr Nepenthes und ihr Moly ersonnen, als seien es Speisen der Götter, die sie unsterblich, ewig jung, froh und selig machten.
Man bemerke, daß Adam diese Frucht des Lebens nicht gekostet hat, denn kurz nach seiner Erschaffung sündigte er und wurde aus dem Paradies vertrieben, wie aus Kapitel 3, Vers 22 hervorgeht.
Sinnbildliche Auslegungen des Baumes des Lebens. Sinnbildlich also war der Baum des Lebens ein Sinnbild der Ewigkeit, wie aus dem Gesagten hervorgeht.
Allegorisch ist der Baum des Lebens Christus, der sagt: „Ich bin der Weinstock; ihr seid die Reben” (Johannes 15). Und: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben” (Johannes 14). Wiederum ist der Baum des Lebens das Kreuz Christi, das, in der Mitte des Paradieses — das heißt der Kirche — aufgerichtet, der Welt das Leben gibt. Weshalb die Braut, begierig, ihn zu ersteigen, im Hohelied 7 sagt: „Ich will die Palme ersteigen und ihre Frucht ergreifen, süß meinem Gaumen.” Der Baum des Lebens schließlich ist die Eucharistie, die der Seele und dem Leibe das Leben gibt; denn durch ihre Kraft werden wir zum unsterblichen Leben auferstehen, gemäß jenem Wort Christi in Johannes 6: „Wer dieses Brot ißt, wird ewig leben.” So sagt der hl. Irenäus, Buch 4, Kapitel 34, und Buch 5, Kapitel 2.
Tropologisch ist der Baum des Lebens die selige Jungfrau, von der das Leben geboren wurde — Gott und Mensch, Christus Jesus. Und die Jungfrau selbst ist, wie Germanus, der Patriarch von Konstantinopel, sagt, Geist und Leben der Christen. Wiederum ist der Baum des Lebens der Gerechte, der heilige Werke vollbringt, die das Leben der Gnade und der Herrlichkeit hervorbringen, gemäß jenem Wort: „Die Frucht des Gerechten ist ein Baum des Lebens” (Sprüche 11,30). Überdies ist der Baum des Lebens die Weisheit selbst, die Tugend und die Vollkommenheit, gemäß jenem Wort über dieselbe: „Sie ist ein Baum des Lebens für die, die sie ergreifen” (Sprüche 3,18).
Anagogisch ist der Baum des Lebens die Seligkeit und die Schau Gottes, die der Seele ein seliges Leben verleiht, gemäß jenem Wort: „Dem Sieger will ich zu essen geben vom Baum des Lebens, der im Paradies meines Gottes steht” (Offenbarung 2,7 und Kapitel 22,2). Siehe den Kommentar dort.
Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse
UND DEN BAUM DER ERKENNTNIS VON GUT UND BÖSE. — Man fragt, was für ein Baum dies war? Die Juden fabeln, Adam und Eva seien ohne Vernunftgebrauch erschaffen worden, gleichsam als Säuglinge, hätten aber von diesem Baum den Gebrauch der Vernunft empfangen, durch den sie Gut und Böse erkennen konnten.
Zweitens vertritt Josephus (Buch 1 der Altertümer, Kap. 2) die Ansicht, dieser Baum habe die Kraft besessen, den Verstand und die Klugheit zu schärfen, und sei daher Baum der Erkenntnis von Gut und Böse genannt worden. Dieselbe Auffassung vertraten die Ophiten nach Epiphanius (Häresie 37); sie verehrten die Schlange anstelle Christi, weil die Schlange der Urheber der Erkenntnisgewinnung des Menschen gewesen sei, als sie ihn zum Essen vom verbotenen Baum überredete.
Ich sage aber erstens: Die Meinung von Rupert, Tostatus und Pererius ist wahrscheinlich, daß der Baum hier vorgreifend Baum der Erkenntnis von Gut und Böse genannt wird, der nachher so genannt wurde, weil die Schlange dem Menschen, wenn er davon äße, diese Erkenntnis versprach — wenngleich fälschlich und trügerisch —, indem sie sagte: „Ihr werdet sein wie Götter und Gut und Böse erkennen,” weshalb Gott, nachdem Adam davon gegessen hatte, ihn verspottend sprach: „Siehe, Adam ist geworden wie einer von uns und erkennt Gut und Böse.”
Ich sage zweitens: Es ist wahrscheinlicher, daß er nicht nachher, sondern jetzt von Gott selbst Baum der Erkenntnis von Gut und Böse genannt wurde, sowohl weil Gott, so wie Er den Baum des Lebens benannte, auch diesen mit seinem eigenen Namen bezeichnete und ihn Adam kundtat — denn kein anderer Name dieses Baumes ist überliefert; als auch weil er wiederum in Vers 17 von Gott Baum der Erkenntnis von Gut und Böse genannt wird; und schließlich weil die Schlange durch diesen Namen Eva getäuscht zu haben scheint, gleichsam sagend: Dieser Baum heißt Baum der Erkenntnis von Gut und Böse; wenn du also davon issest, wirst du Gut und Böse erkennen. Die Schlange versprach ihr nämlich jede Art von Erkenntnis, selbst göttliche Erkenntnis, während Gott unter diesem Namen etwas ganz anderes verstanden hatte. Daher —
Ich sage drittens: Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse scheint von Gott so benannt worden zu sein, sowohl aus der Absicht Gottes, der ihn dazu bestimmte, als auch aus dem Ereignis, das darauf folgte und das Gott vorhergesehen hatte. Denn Gott hatte beschlossen, um den Gehorsam des Menschen zu erproben, ihm das Essen von diesem Baum zu verbieten, und wenn der Mensch gehorsam davon abließe, seine Gerechtigkeit und Glückseligkeit zu mehren und zu bewahren; wenn er aber ungehorsam davon äße, ihn mit dem Tode zu bestrafen. Durch diesen Baum also lernte und erkannte der Mensch durch Erfahrung, was er zuvor nur durch Betrachtung gewußt hatte — nämlich welcher Unterschied zwischen Gehorsam und Ungehorsam, zwischen Gut und Böse besteht — und deshalb wurde dieser Baum Baum der Erkenntnis von Gut und Böse genannt, gleichsam um zu sagen: der Baum, von dem der Mensch durch Erfahrung lernen wird, was gut und was böse ist. So die chaldäische Paraphrase, der hl. Augustinus (Vom Gottesstaat XIV, 17), Theodoret, Eucherius und Cyrill (Gegen Julian III). So wurde auch jener Teil der Wüste Pharan „die Gräber der Begierde” genannt, weil dort diejenigen, die nach Fleisch verlangt hatten, erschlagen und begraben wurden (Numeri 11,34).
Ich sage viertens: Theodoret, Prokopius, Barcephas und Isidor von Pelusium sowie Gennadius in der Catena des Lipomanus zu Kapitel III, 7, vertreten wahrscheinlich die Ansicht, daß dieser Baum ein Feigenbaum war. Denn unmittelbar nach dem Genuß davon nähte sich Adam, als er sich nackt sah, ein Gewand aus Feigenblättern, wie es in Kapitel III, 7 heißt. Denn vom nächsten und nahegelegensten Baum scheint Adam in solcher Verwirrung diese Blätter und Bedeckungen seiner Blöße genommen zu haben; kein Baum aber war ihm näher als der, von dem er soeben gegessen hatte; also war es ein Feigenbaum.
Andere meinen, es sei ein Apfel- oder Obstbaum gewesen, denn im Hohelied 8,5 heißt es: „Unter dem Apfelbaum habe ich dich erweckt.” Aber der Name „Apfel” ist allen Früchten gemeinsam, die eine weichere Schale haben, weshalb auch eine Feige ein „Apfel” ist; doch läßt sich in dieser Sache nichts mit Gewißheit behaupten.
Mystisch und tropologisch war der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse eine Hieroglyphe des freien Willens, wie ich bereits gesagt habe. Denn aus seinem schlechten Gebrauch lernte Adam, wie groß ein Übel Ungehorsam und Sünde sind; so wie umgekehrt aus seinem guten Gebrauch die Heiligen gelernt haben und noch lernen, wie groß ein Gut der Gehorsam und die Befolgung des Gesetzes sind. Daher war dieser Baum gleichermaßen ein Sinnbild des Gehorsams und des Ungehorsams, wie der hl. Ambrosius in seinem Buch Über das Paradies, Kapitel VI, andeutet, worüber unser Benedikt Ferdinand hier vieles gesammelt hat. Darum war der Baum in die Mitte des Paradieses gestellt, das heißt in das dichteste Dickicht eng beieinanderstehender Bäume, wo er nicht stets vor Augen wäre, damit er nicht den Appetit mit seiner so schönen Frucht unablässig reize — wie er es getan hätte, wenn er allein am Rande der Bäume oder an einem abgelegenen Ort aufgestellt worden wäre, wo er, allen sichtbar, aller Blicke auf sich gezogen hätte.
Vers 10: Und es ging ein Strom aus von dem Ort der Wonne
Im Hebräischen „aus Eden”. Das Paradies lag in Eden; so die Septuaginta. Unser Übersetzer [die Vulgata] faßt „Eden” nicht als Eigennamen, sondern als Gattungsnamen auf, und dann bedeutet es „Wonne”; so übertragen es die Septuaginta, die Chaldäer und andere in Vers 23, und davon wurde der Ort Eden genannt, weil er wonnevoll und überaus anmutig war.
Ein ansonsten geistreicher Autor redet Unsinn, der zu beweisen sucht, sowohl aus anderen Gründen als auch aus der Namensähnlichkeit, daß Eden und folglich das Paradies in Edin oder Hesdin gelegen habe, einer Stadt der Artois.
UM DAS PARADIES ZU BEWÄSSERN — entweder in verschiedenen Windungen und Biegungen sich schlängelnd, wie der Mäander; oder das Paradies durch verborgene Kanäle befeuchtend.
Verse 11–14: Die vier Flüsse
Vers 11: Hewila
Viele halten es für Indien; aber wie ich bei Vers 8 sagte, ist Hewila eher eine Region hier in der Nähe von Susiana, Baktrien und Persien, zwischen Assyrien und Palästina gelegen, gegenüber von Sur. Denn so wird Hewila verstanden in 1 Könige 15,7 und Genesis 25,18; es wurde so genannt nach Hewila, dem Sohn Joktans, über den siehe Genesis 10,28.
ER UMFLIESST — nicht indem er umkreist oder umgeht, sondern indem er durchfließt und durchzieht. So wird „umgehen” für „durchziehen” gebraucht in Hebräer 11,7 und Matthäus 23,45.
Der Phison scheint derselbe Fluß zu sein, der von den Griechen und den alten Geographen Phasis, jetzt Aras oder Araxes genannt wird. Er entspringt im nördlichen Teil der armenischen Gebirge, vereinigt sich mit dem Fluß Kur und mündet, nachdem er dessen Namen angenommen hat, in das Kaspische Meer. Das hier genannte Hewila muß zweifellos sowohl von dem in Genesis 10,7 als auch von dem in demselben Kapitel, Vers 29, unterschieden werden. Denn beide lagen in Arabien. Daher folgen wir lieber der Ansicht, die Michaelis in seinem Supplement zum Hebräischen Lexikon, Teil III, Nr. 688, vorgebracht hat. In der Nähe des Araxes nämlich, der, wie wir sagten, mit dem Kyros vermischt in das Kaspische Meer fließt, findet sich ein gewisses Volk und Gebiet, das dem Namen Hewila einigermaßen entspricht. Das Kaspische Meer selbst wird Chwalinskoje More genannt, nach einem gewissen alten und nicht genau bekannten Volk, den Chwaliskern, die einst um dieses Meer wohnten, sagt Müller, deren Name ferner von Chwala hergeleitet wird, das dieselbe Bedeutung hat wie Slawa. — Über den Phison und Gihon siehe Obry, a.a.O.; Haneberg, Geschichte der biblischen Offenbarung, Buch I, Kap. II, S. 16 ff.
Vers 12: Bdellium
Es ist eine Art Gummi oder durchscheinendes Harz, das von einem schwarzen Baum von der Größe eines Olivenbaums tropft, mit Blättern wie eine Eiche und Frucht und Art eines wilden Feigenbaums. So Plinius, Buch XII, Kap. 9, und Dioskurides, Buch I, Kap. 69. Am meisten gepriesen wird das baktrische Bdellium. Für „Bdellium” steht im Hebräischen bedolach, was Vatablus und Eugubinus als „Perle” übersetzen; die Septuaginta geben es als Anthrax wieder, das heißt „Karfunkel”. Dieselben Übersetzer geben es in Numeri 11,7 als „Kristall” wieder. Daß aber bedolach Bdellium ist, erhellt aus den Buchstaben beider Wörter selbst.
Bdellium scheint kaum eine so außerordentliche Gabe der Natur zu sein, daß eine Gegend für seine Erzeugung gerühmt werden sollte. Daher haben manche einen Textfehler vermutet. Etwas Sicheres über diesen Namen läßt sich kaum bestimmen.
Vers 13: Gihon
Er scheint vom hebräischen goach abgeleitet zu sein, das heißt „Bauch” oder „Brust”, weil er gleichsam ein Bauch voller Schmutz und Schlamm ist. Daher meinen viele, der Gihon sei der Nil, der von sich aus, gleichsam mit seiner Brust, über Ägypten brütet und es befruchtet. Was aber der Gihon ist, habe ich bei Vers 8 erörtert.
Unter allen Meinungen über den Fluß Gihon ist diejenige, die Michaelis (ebd., Teil I, S. 277) vorgebracht hat, die wahrscheinlichste. Nach ihr scheint der große Fluß von Chorasmien [Choresm], der in den Aralsee fließt — von den Alten Oxus, von unseren Geographen Abi-Amu und von den Arabern und sogar von den Anwohnern bis zum heutigen Tag Gihon genannt — der Gihon des Mose zu sein. Aber Michaelis selbst wagt nichts Sicheres zu bestimmen, da uns jene Gebiete noch zu wenig bekannt sind. Vgl. Obry, a.a.O., S. 125.
Vers 14: Tigris
Dieser Fluß ist so benannt nach dem Tiger, dem schnellsten aller Tiere, wie Rupert und Isidor meinen; oder vielmehr, wie Curtius und Strabo sagen, nach der Schnelligkeit eines Pfeils, die er mit seinem Lauf nachahmt — denn die Meder nennen einen Pfeil „Tigris”. Im Hebräischen heißt er Chiddekel (woraus durch Verderbung jetzt Tigel geworden ist), das heißt „scharf und schnell”, nämlich wegen seiner äußerst reißenden Strömung.
Euphrat
Aus dem Hebräischen huperat, sagt Genebrardus, ist das Wort Euphrat gebildet; daher wird er noch Phrat genannt, von der Wurzel para, das heißt „er trug Frucht”, weil er gleich dem Nil, über die Ufer tretend, das Land bewässert und befruchtet. Daher irren diejenigen, die nach Ambrosius Euphrat vom griechischen euphainesthai ableiten, das heißt von „erfreuen”.
Die anagogische Lesung des Anastasius vom Sinai
Anastasius vom Sinai, Patriarch von Antiochien unter Kaiser Justinian, schrieb elf Bücher oder Homilien Anagogischer Betrachtungen über das Sechstagewerk, die in Band I der Bibliothek der Heiligen Väter erhalten sind; doch müssen sie mit Umsicht und einem Körnchen Salz gelesen werden. Denn er behauptet darin, die Engel seien vor der körperlichen Welt erschaffen worden — was, obwohl viele es früher vertraten, jetzt gewiß das Gegenteil ist, nämlich daß sie zugleich mit der körperlichen Welt erschaffen wurden.
Ferner deutet er an, die Engel seien nicht nach dem Bilde Gottes erschaffen worden, sondern allein der Mensch — was schlechthin falsch ist; mystisch jedoch ist es wahr, weil nur der Mensch aus Seele und Leib besteht und folglich nur der Mensch das Bild des leibhaftigen Gottes besitzt, nämlich des fleischgewordenen Christus, wie er selbst erläutert. Überdies deutet er wiederholt an, das Paradies sei kein körperlicher Ort gewesen, sondern geistlich zu verstehen. Dies ist im wörtlichen Sinne falsch und irrig; anagogisch jedoch ist es wahr. Daher sollte der Leser des Titels selbst eingedenk sein, nämlich daß dies seine anagogischen und allegorischen Betrachtungen sind, nicht wörtliche Auslegungen. So behauptet er am Ende der 8. Homilie, die vier Flüsse des Paradieses — das heißt der Kirche — seien die vier Evangelisten: nämlich der Euphrat, das heißt „der Fruchtbare”, sei der hl. Johannes; der Tigris, das heißt „der Breite”, sei der hl. Lukas; der Phison, das heißt „Veränderung des Mundes”, sei der hl. Matthäus, der auf Hebräisch schrieb; der Gihon, das heißt „der Nützliche”, sei der hl. Markus.
Vers 15: Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in das Paradies
Hieraus und aus Kapitel III, Vers 23, ist klar, daß Adam nicht im, sondern außerhalb des Paradieses erschaffen wurde (viele meinen, er sei in Hebron erschaffen worden) und von dort am selben Tage durch einen Engel von Gott ins Paradies versetzt wurde, damit er wisse, daß er nicht ein Sohn des Paradieses, sondern ein Ansiedler sei, unentgeltlich von Gott eingesetzt, und daß er den Ort des Paradieses nicht seiner eigenen Natur zuschreibe, als sei er ihm geschuldet, sondern der Gnade Gottes — weshalb er auch wegen seiner Sünde daraus vertrieben wurde. Franciscus Arelinus führt viele weitere Gründe dafür an in seinen Quaestiones in Genesim, S. 300–301. Dies ist die Meinung des hl. Ambrosius, Ruperts und des Abulensis. Eva hingegen scheint im Paradies erschaffen worden zu sein, Vers 21.
DAMIT ER IHN BEBAUE — nicht um Nahrung zu beschaffen, sondern zu ehrbarer Übung, Freude und Erfahrung; so daß er weder ermüde noch durch Müßiggang verfalle. So der hl. Chrysostomus.
Über das Alter des Ackerbaus
Man beachte hier hinsichtlich des Ackerbaus: erstens sein Alter — denn er begann mit dem Menschen und der Welt; zweitens seine Würde — sowohl weil er von Gott eingesetzt und Adam geboten wurde, als auch weil Adam, von dem aller Adel abstammt, zusammen mit Abel, Seth, Noach, Abraham, Isaak, Jakob und allen berühmtesten Männern der Vorzeit Ackerbauern waren.
Paulus Jovius berichtet in seinem Leben des Jacopo Muzio, Kapitel 84, über Sforza von Cotignola, daß, als ihm von Sergiano, dem Großseneschall, das Gleichnis von der Hacke vorgeworfen wurde, um die Neuheit seines Geschlechts zu schmähen, er erwiderte: „In diesem Ursprung unseres Geschlechts stimmen wir, wie ich sehe, überein, da Adam, der Erste der Sterblichen, die Erde grub; aber ich gewiß — was du billigerweise nicht leugnen kannst — bin durch meine Hacke weit edler geworden als du durch deine Feder und deinen Phallus.” Mit diesem Scherz deutete er an, daß jener Mann solch große Würde durch Unzucht erlangt hatte und daß sein Vater ein niederer Schreiber am Prätorentribunal gewesen war, der wegen Urkundenfälschung nach Verfälschung eines Testaments verurteilt worden war.
Drittens beachte man die Unschuld des Ackerbaus, daß er vor allen anderen Künsten dem unschuldigen Menschen im Paradies empfohlen wurde, als keinem schädlich, sondern allen nützlich. Höre Vergil (Georgica II):
O allzu glückliche Bauern, wenn sie ihr Glück nur kennten!
Denen, fern von zwieträchtigen Waffen,
die gerechteste Erde leichte Nahrung aus dem Boden spendet.
Und wiederum:
Dieses Leben pflegten einst die alten Sabiner,
dieses Remus und sein Bruder. So wuchs das starke Etrurien heran:
Und Rom ward das Schönste auf der Welt.
Saturn führte dieses goldene Leben auf Erden.
Höre Cicero: „Von allen Dingen, aus denen irgendein Gewinn gesucht wird, ist nichts besser als der Ackerbau, nichts ertragreicher, nichts süßer, nichts eines freien Mannes würdiger.”
Mit Recht sagt daher der hl. Augustinus: „Der Ackerbau ist die unschuldigste aller Künste; und doch wagte der gottlose Manichäer Faustus, ihn zu verdammen,” weil er sagte, die Bauern verletzten das Gebot Gottes: „Du sollst nicht töten” — denn dadurch, behauptete er, sei uns verboten, irgendein Lebewesen des Lebens zu berauben; und die Bauern beraubten, indem sie Getreide ernteten, Birnen, Äpfel und andere Pflanzen pflückten, diese ihres Lebens. Mehr über den Ackerbau werde ich bei Kapitel 9, Vers 20 sagen.
Moralisch über die Pflege der Seele
Im moralischen Sinne lehrt uns Gott hier, daß der ganze Plan unseres Lebens auf einer Art Ackerbau gegründet ist. Denn so wie unter den Geschöpfen nur fruchttragende Bäume und Samen der Arbeit und des Fleißes des Menschen bedürfen, so bedarf der Mensch der Pflege und Bebauung seiner selbst. Dies zeigte Gott dem Menschen an, als „Er ihn in das Paradies setzte, damit er es bebaue und bewache,” und Er die Himmelslichter schuf, „damit sie seien zu Zeichen und Zeiten” — nämlich um uns an die rechte Zeit zum Säen, Ernten usw. zu erinnern. Der Acker, den wir nach Gottes Gebot beständig bebauen müssen, ist die Seele; die fruchttragenden Pflanzen sind Nüchternheit, Keuschheit, Liebe und die übrigen Tugenden; das Unkraut und die Disteln, die jeder ausreißen muß, sind Völlerei, Wollust, Zorn und die übrigen Laster. Der Bauer ist der Mensch; der Regen ist die Gnade Gottes, die dem Geist gute Saaten, das heißt heilige Eingebungen, Erleuchtungen und Antriebe einflößt und eingibt, damit aus ihnen gleichsam als Samen die Seele, fruchtbar gemacht, Werke der Tugend hervorbringe und hervorsprießen lasse; die Winde sind die Versuchungen, durch die die Bäume — das heißt die Tugenden — geläutert und gestärkt werden. Die Ernte wird der Lohn des ewigen Lebens sein; die Hitze der Sonne ist die Glut, die der Heilige Geist eingibt. So wie also der Bauer bei der Aussaat sich müht, bei der Ernte aber sich freut, so auch die Gerechten, „die unter Tränen säen” die Werke der Buße, der Geduld und der Mühen, „werden mit Jubel ernten.” Wiederum, so wie der Sämann geduldig die Ernte erwartet, so auch die Gerechten. Daher sagt Jesus Sirach 6,19: „Wie einer, der pflügt und sät, tritt hin zu ihr (der Weisheit), und erwarte ihre reichen Früchte; denn bei ihrem Anbau wirst du ein wenig arbeiten, und bald wirst du von ihren Früchten essen.” Und Paulus im Galaterbrief 6,9: „Laßt uns aber im Gutestun nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir ernten.”
UND IHN ZU BEWACHEN — sowohl vor wilden Tieren, die außerhalb des Paradieses waren, wie der hl. Basilius und Augustinus sagen; als auch vor den Tieren selbst, die im Paradies waren, damit sie dessen Schönheit und Anmut nicht beschädigten oder besudelten.
Vers 17: Von dem Baum der Erkenntnis sollst du nicht essen
Die Septuaginta hat: „Ihr sollt nicht essen” [Plural], nämlich ihr, o Adam und Eva — denn es ist wahrscheinlich, daß sie vor diesem Gebot erschaffen wurde, wie der hl. Gregor lehrt (Moralia XXXV, Kap. 10), obwohl ihre Erschaffung erst danach erzählt wird; denn dieses erste Gebot der Welt wurde ebenso Eva wie Adam gegeben.
Der hl. Chrysostomus (oder wer auch immer der Verfasser ist) sagt vortrefflich in seiner Homilie Über das Verbot des Baumes, Band I: „Gott gibt ein Gebot, um den Gehorsam zu prüfen; Er erlegt ein Gesetz auf, um den Willen des Menschen zu erforschen. Der Baum stand also in der Mitte und prüfte den Willen des Menschen. Denn er erprobte, ob der Mensch auf den Drohenden hören würde oder auf den Teufel, der überredete. Und der Mensch stand zwischen dem Herrn und dem Feind, zwischen dem Leben und dem Tod, zwischen dem Verderben und dem Heil. Nun droht Gott, um zu retten; nun überredet die Schlange, um zu quälen; nun droht durch Gott die Strenge mit dem Leben, nun durch den Teufel die Schmeichelei mit dem Tod. Und freilich (o Schmach!) Gott droht und wird verachtet; der Teufel überredet und wird erhört. Bei Gott ist Strenge, aber gütige; beim Teufel Schmeichelei, aber verderbliche.” Und kurz darauf: „Denn es hätte sich geziemt, daß er Gott gehorchte, der allen Dingen befohlen hatte, ihm zu gehorchen; daß er dem Herrn diente, der ihn zum Herrn der Welt gemacht hatte; daß er mit dem Feind kämpfte, um seinen Widersacher zu besiegen; und endlich, daß er den Lohn empfinge, indem Gott ihn vergalt. Denn die Tugend wird träge, wo der Widerstand fehlt. So sehr werden die Kräfte durch häufige Übung gestärkt.” Und dann: „Adam wachte nicht, um sich vor der Bosheit der Schlange zu hüten. Er war einfältig; er war nicht klug gegen den Teufel. Denn er stimmte dem Teufel zu, der überredete, statt dem Herrn, der drohte, und verlor das Leben, das er hatte, und empfing den Tod, den er nicht kannte.”
DES TODES WIRST DU STERBEN — das heißt, du wirst das Urteil und die Notwendigkeit des gewissen Todes auf dich ziehen. Daher übersetzt Symmachus: „Du wirst sterblich sein.” So der hl. Hieronymus, Augustinus und Theodoret.
Der Tod des Leibes und der Seele ist die Strafe für Adams Sünde
Man beachte: Gott droht hier dem ungehorsamen Adam den Tod an — nicht nur den leiblichen und zeitlichen Tod, sondern auch den geistlichen und ewigen Tod der Seele in der Hölle, und zwar den gewissen und unfehlbaren. Denn dies bedeutet die Verdoppelung — „des Todes wirst du sterben”, das heißt ganz gewiß wirst du sterben. Adam zog sich also durch seine Sünde hinsichtlich seines Leibes sogleich die Notwendigkeit des Todes zu und hinsichtlich seiner Seele tatsächlich und wirklich den Tod. Hieraus ist klar, daß der Tod für den Menschen in dem Zustand, in dem er von Gott erschaffen wurde, nicht natürlich ist, wie Cicero und die Philosophen meinten (hinzuzufügen sind auch die Pelagianer), sondern die Strafe der Sünde ist, wie das Konzil von Mileve in Kanon 1 festlegt und der hl. Augustinus in seinem Buch Über die Verdienste der Sünder, Buch I, Kapitel 2, lehrt.
Im Gegenteil, die Gottlosen, die ihrer Begierde frönen, „wirken Ungerechtigkeit und säen Schmerzen,” sowohl gegenwärtige als auch ewige, wie unser Pineda schön erläutert zu Ijob 4,8, Nr. 4.
Denn obwohl, wenn man die Natur und die einander entgegengesetzten Elemente betrachtet, aus denen der Mensch zusammengesetzt ist, er hätte sterben müssen und sterblich gewesen wäre, so hätte er dennoch, wenn man Gottes Ratschluß, Hilfe und beständige Erhaltung betrachtet, wenn er nicht gesündigt hätte, nicht sterben können und wäre unsterblich gewesen. Daher lehrt der Magister Sententiarum (Buch II, Dist. 19), daß der Mensch im Paradies das „Können, nicht zu sterben” besaß, weil er nicht sündigen und somit nicht sterben konnte; im Himmel wird er das „Nicht-sterben-Können” besitzen, weil dort durch die Herrlichkeit und die Gabe der Leidensunfähigkeit eine Unmöglichkeit des Sterbens bestehen wird; in diesem Leben nach dem Fall besitzt er das „Sterben-Können und das Nicht-können, nicht zu sterben”, weil nun die Notwendigkeit des Sterbens in ihm ist. Zum Tode verurteilt werden wir also geboren.
Bedenke, o Mensch, daß du des Todes sterben wirst, und zwar bald.
Der Ausspruch des Xerxes über den Tod
Die Geschichtsschreiber berichten, daß Xerxes, als er mit seinem Heer das Land und mit seinen Flotten das Meer bedeckte, von einem hohen Ort aus diese ganze Menge betrachtend aufseufzte und weinte, indem er wiederholt sprach: „Von all diesen wird nach hundert Jahren kein einziger mehr am Leben sein.”
Saladin
Saladin, König von Ägypten und Syrien, der den Christen das Heilige Land um das Jahr 1180 entriß, ließ, als er im Sterben lag, eine Standarte mit einem Leichentuch durch alle seine Lager tragen und einen Herold ausrufen: „Dies ist alles, was Saladin, der Herrscher über Syrien und Ägypten, aus seinem ganzen Reich nun mit sich nehmen wird.”
Der Tod ist ein Einhorn
Daher vergleicht Barlaam in der Geschichte des Josaphat auf elegante und treffende Weise den Tod mit einem Einhorn, das einen Menschen unablässig verfolgt. Der Mensch flieht und stürzt auf der Flucht in eine Grube und klammert sich zufällig an einen Baum, an dem zwei Mäuse nagten. Am Grunde der Grube war ein feuriger Drache, der gierig darauf lauerte, den Menschen zu verschlingen. Der Mensch sah dies alles, aber törichterweise vergaß er, über ein wenig Honig gebeugt, der vom Baum tropfte, alle Gefahr. Das Einhorn holt ihn ein; der Baum wird von den Mäusen durchgenagt; er stürzt zusammen, und der Mensch wird vom Drachen ergriffen und verschlungen. Die Grube ist die Welt; der Baum ist das Leben; die zwei Mäuse sind Tag und Nacht; der feurige Drache ist der Schlund der Hölle; der Tropfen Honig ist die Lust der Welt. So Johannes von Damaskus, Kapitel 12 seiner Geschichte.
Vers 18: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei
Er hatte gesprochen — nämlich schon zuvor, am sechsten Tag. Denn obwohl Origenes, Chrysostomus, Eucherius und der hl. Thomas (Summa I, q. 73, art. 1, ad 3) meinen, Mose bewahre hier die Reihenfolge der Erzählung und Eva sei daher nach dem sechsten Tag der Welt hervorgebracht worden, ist es dennoch weit wahrer, daß Mose hier, wie im ganzen Kapitel, die Rekapitulation anwendet und folglich Eva ebenso wie Adam am sechsten Tag erschaffen wurde. Erstens, weil es in Vers 2 heißt, Gott habe Sein Werk in sechs Tagen vollendet und am siebten Tag von allem Werk geruht. Zweitens, weil Gott bei den anderen Tieren, Vögeln und Fischen am fünften und sechsten Tag ebenso wie Männchen auch Weibchen erschuf. Drittens, weil Mose in Kapitel 1, Vers 27, am sechsten Tag, als Adam erschaffen wurde, ausdrücklich sagt: „Als Mann und Frau erschuf Er sie,” nämlich Adam und Eva. Er wollte daher in diesem Kapitel sowohl die Bildung des Mannes als auch der Frau, die er in Kapitel 1 mit drei Worten berührt hatte, ausführlicher in Form einer Rekapitulation erzählen. So Cajetan, Lipomanus, Pererius hier und der hl. Bonaventura (Sentenzen II, Dist. 18, q. 2).
ES IST NICHT GUT, DASS DER MENSCH ALLEIN SEI — Denn wenn Adam allein gewesen wäre, wäre die menschliche Gattung in ihm untergegangen; und weil der Mensch ein geselliges Wesen ist. Und so ist die Frau notwendig zur Fortpflanzung der Nachkommenschaft. Nachdem diese vollbracht und die Welt mit Menschen erfüllt war, begann es gut zu sein, daß ein Mann keine Frau berühre, wie der hl. Paulus sagt (1 Korinther 7), und es begannen die geistlichen Eunuchen gepriesen zu werden (Matthäus 19,12), und der Enthaltsamkeit wurde ein herrlicher Lohn verheißen, sowohl von Jesaja als auch von Christus und den Aposteln. So der hl. Hieronymus Gegen Jovinian und Cyprian in seinem Buch Über die Kleidung der Jungfrauen. „Das erste Gebot Gottes,” sagt Cyprian, „befahl zu wachsen und sich zu mehren; das zweite riet zur Enthaltsamkeit. Solange die Welt noch jung und leer ist, wird eine Fülle der Fruchtbarkeit erzeugt — wir werden fortgepflanzt und wachsen zur Vermehrung des Menschengeschlechts. Aber wenn die Welt voll und die Erde erfüllt ist, werden diejenigen, die die Enthaltsamkeit üben können, nach Art der Eunuchen lebend, keusch gemacht für das Himmelreich.”
Man beachte das Wort „allein”; denn hieraus ist klar, daß diejenigen irren, die aus dem, was in Kapitel 1 gesagt wurde — „Als Mann und Frau erschuf Er sie” — schlossen, Gott habe Mann und Frau gleichzeitig erschaffen, aber so, daß sie an den Seiten verbunden waren, und sie hernach lediglich voneinander getrennt. Denn die Schrift sagt, daß Adam damals allein war und daß Eva nicht von Adam abgetrennt, sondern ganz und gar aus Adams Rippe hervorgebracht wurde, als Gott sie nämlich von ihm nahm, das heißt trennte.
LASST UNS IHM EINE HILFE MACHEN, DIE IHM GLEICH SEI — „Ihm”, das heißt „ihm selbst”. Für „ihm gleich” steht im Hebräischen kenegdo, was erstens bedeutet „gleichsam vor ihm”, nämlich daß die Frau dem Mann gegenwärtig sei und als Gefährtin ein Heilmittel und Trost für seine Einsamkeit. Ferner, daß die Frau dem Mann zur Hand sei, um ihm in allem zu helfen und beizustehen. Daher paraphrasiert der Chaldäer: „Laßt uns ihm eine Stütze machen, die bei ihm sei.”
Zweitens kann kenegdo übersetzt werden als „gegenüber” oder „ihm entgegengestellt”, das heißt ihm gegenübergestellt und entsprechend. Daher übersetzt unser Übersetzer [die Vulgata] klar „ihm gleich”, nämlich in der Natur, im Wuchs, in der Sprache usw.; denn in all diesen Hinsichten ist die Frau dem Manne gleich.
In vier Dingen eine Hilfe für den Mann
Ferner ist die Frau dem Manne eine Hilfe: erstens zur Fortpflanzung und Erziehung der Nachkommen; zweitens zur Führung des Haushalts; drittens zur Linderung der Sorgen, Schmerzen und Mühen; viertens zur Erleichterung der übrigen Lebensnotwendigkeiten. Die Sünde hat diese Hilfe für viele in Ärger, Streit und Zank verwandelt.
Alb. Schultens übersetzt in seinen Philologischen Anmerkungen, S. 118, „gemäß seinen vorderen Teilen” und versteht darunter eine Hilfe, die ein rechtes Verhältnis zum Manne für den Gebrauch der Ehe hätte. Die Schamteile nennt er höflich „vordere Teile”. Was auch immer von jener Erklärung zu halten sei, Gott will in den Versen 19–20 in Adam das Verlangen nach einem Geschöpf dieser Art erwecken, das ihm gleich wäre. Nachdem er so das ganze Tierreich überblickt und niemanden gefunden hatte, den er sich als Gattin anschließen könnte, bittet Adam Gott um eine solche. „Es ließ also Gott der Herr fallen” usw.
Vers 19: Gott führte die Tiere zu Adam
19. ALS NUN ALLE TIERE DER ERDE UND ALLE VÖGEL DES HIMMELS AUS DEM ERDBODEN GEBILDET WAREN. — Das Wort „Vögel” ist auf „gebildet” zu beziehen, nicht aber auf „aus dem Erdboden”; denn die Vögel wurden nicht aus dem Erdboden, sondern aus dem Wasser gebildet, wie ich zu Kapitel 1, Vers 20 gesagt habe. Denn Mose fasst vieles durch Rekapitulation in wenigen Worten zusammen; daher müssen seine Worte im jeweiligen Zusammenhang ausgelegt werden: Denn aus dem vorher Erzählten wird klar, worauf sich jedes Wort bezieht.
ER FÜHRTE SIE ZU ADAM — „Er führte” sie nicht durch eine geistige Schau, wie Cajetan meint, sondern wirklich und leibhaftig, und zwar durch die Engel oder durch die Neigung und den Antrieb, den Er der Vorstellungskraft und dem Trieb eines jeden Tieres eingeprägt hatte. So der hl. Augustinus, Buch IX von Über die Genesis dem Wortlaut nach, Kapitel xiv, und andere allenthalben.
Das ist sein Name — der seiner eigentlichen Natur zukommende Name, das heißt, Adam gab jedem einzelnen passende Namen, die das Wesen eines jeden ausdrückten. So Eusebius, Buch der Vorbereitung, Kapitel IV.
Diese Namen waren übrigens hebräisch: denn diese Sprache war Adam gegeben worden, wie aus Vers 23 und Kapitel IV, Vers 1 hervorgeht.
Man sehe hier die Weisheit Adams, mit der er die Naturen eines jeden Tieres erkannte und ihnen passende Namen gab; man sehe auch die Ausübung seiner Herrschaft über die Tiere: denn er legt ihnen als Untertanen und seinem Eigentum einen Namen bei. Die Fische führte Gott nicht zu Adam, weil Fische von Natur aus nicht außerhalb des Wassers leben können: daher gab Adam ihnen hier keine Namen, sondern die Namen wurden ihnen später gegeben.
Vers 20: Für Adam aber fand sich keine Hilfe, die ihm gleich war
Das heißt, Adam war allein mit den Tieren; Eva existierte noch nicht, noch ein anderer Mensch, mit dem er die Lebensgemeinschaft hätte teilen können. Daraus ergibt sich, dass Adam den Tieren die Namen vor der Erschaffung Evas gab.
Vers 21: Gott der Herr ließ einen tiefen Schlaf auf Adam fallen
Für „tiefen Schlaf” hat das Hebräische tardema, das heißt einen schweren und tiefen Schlaf, den Symmachus als karon (Betäubung) und die Septuaginta besser als ekstasin (Ekstase) übersetzen. Daraus wird deutlich, dass der Schlaf nicht nur deshalb über Adam gesendet wurde, damit er nicht fühle, wie ihm die Rippe entnommen wurde, und er so erschauere und leide; sondern auch, dass er zugleich mit dem Schlaf in eine Verzückung des Geistes entrückt wurde, durch die sein Geist nicht nur auf natürliche Weise von den Verrichtungen des Leibes und der Sinne gelöst wurde, sondern auch göttlich so erhoben, dass er sah, was geschah, und im prophetischen Geist das durch diese Vorgänge bezeichnete Geheimnis erkannte: Er sah, sage ich, mit den Augen des Geistes, wie ihm die Rippe entnommen und aus ihr Eva gebildet wurde; und dadurch sah er bezeichnet sowohl seine eigene natürliche Ehe mit Eva als auch die mystische Vermählung Christi mit der Kirche: denn dies bedeuten die Worte Adams in Vers 23 und des hl. Paulus im Epheserbrief V, 32. So der hl. Augustinus, Buch IX von Über die Genesis dem Wortlaut nach, Kapitel xix, und ausführlich in Abhandlung 9 über Johannes, und der hl. Bernhard, Predigt über Septuagesima.
Adam sah das Wesen Gottes nicht
Es gibt sogar solche, die meinen, Adam habe in dieser Ekstase das Wesen Gottes geschaut; dazu neigt Richard in Buch II, Dist. 23, Art. 2, Quaest. I, und der hl. Thomas verwirft es nicht, Teil I, Quaest. XCIV, Art. 1. Aber das Gegenteil ist bei weitem wahrer, nämlich dass weder Adam noch Mose noch Paulus und daher niemand in diesem Leben das Wesen Gottes geschaut hat, wie ich zu 2 Korinther XII, 4 gesagt habe.
Wie groß war die Adam verliehene Erkenntnis
Adam war also ein Prophet und ein Ekstatiker. Man beachte: Wie groß war die Erkenntnis, die Adam von Gott empfing: Er empfing eingegossenes Wissen aller natürlichen Dinge, und daraus gab er jedem einzelnen Namen, wie ich zu Vers 19 gesagt habe; doch empfing er keine Kenntnis zukünftiger Zufälligkeiten, noch der Geheimnisse des Herzens, noch der Zahl der Einzeldinge, so dass er etwa gewusst hätte, wie viele Schafe oder wie viele Löwen es auf der Welt gab, oder wie viele Sandkörner im Meer. In gleicher Weise empfing Adam eingegossenen Glauben und Erkenntnis übernatürlicher Dinge: nämlich der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, der Menschwerdung Christi (nicht jedoch seines eigenen künftigen Falls) sowie auch des Sturzes der Engel. Ebenso empfing er eingegossene Klugheit hinsichtlich aller zu tuenden und zu meidenden Dinge. Schließlich erlangte er den höchsten Grad der Betrachtung Gottes und der Engel. So Pererius nach dem hl. Augustinus und Gregor.
Allegorisch sagt der hl. Augustinus in den Sentenzen, Sentenz 328: „Adam schläft,” sagt er, „damit Eva geschaffen werde; Christus stirbt, damit die Kirche geschaffen werde. Während Adam schläft, wird Eva aus seiner Seite gemacht; als Christus tot ist, wird seine Seite mit einer Lanze durchbohrt, damit die Sakramente hervorströmen, durch die die Kirche gebildet wird.”
ER NAHM EINE VON SEINEN RIPPEN — Man beachte erstens, gegen Cajetan, dass diese Worte nicht gleichnishaft, sondern im eigentlichen Sinne gemeint sind, wie sie lauten. So lehren die Väter und Ausleger allenthalben.
Man wird einwenden: Also war Adam vor der Entnahme dieser Rippe missgestaltet, oder zumindest blieb er nach ihrer Entnahme mangelhaft und seiner Rippe verstümmelt.
Catharinus antwortet, dass Gott dem Adam an Stelle dieser Rippe eine andere Rippe mit Fleisch zurückgegeben habe. Da aber Mose ausdrücklich sagt: „Er nahm eine von seinen Rippen und füllte” nicht eine Rippe, sondern „Fleisch an ihre Stelle.”
Daher antworten zweitens der hl. Thomas und andere besser, dass diese Rippe Adams gleichsam wie ein Same war, der für das Individuum überflüssig, aber für die Zeugung von Nachkommen notwendig ist. Denn in gleicher Weise war diese Rippe Adams für ihn als Privatperson überflüssig; sie war ihm jedoch notwendig, insofern er das Haupt der menschlichen Natur und die Pflanzstätte aller Menschen war, aus dem sowohl Eva als auch alle übrigen Menschen hervorgebracht werden sollten. Denn Eva konnte nicht so hervorgebracht werden, wie jetzt die Nachkommen durch den Samen; Gott bestimmte daher, dass sie aus Adams Rippe hervorgebracht werde, aus dem gleich anzugebenden Grund.
Ich sage zweitens: Gott scheint zusammen mit der Rippe auch das an der Rippe haftende Fleisch aus Adam herausgenommen zu haben: denn Adam selbst sagt in Vers 23: „Das ist nun Bein von meinem Gebein und Fleisch von meinem Fleisch”; folglich wurde Eva nicht nur aus Adams Knochen und Rippe, sondern auch aus dem an der Rippe haftenden Fleisch gebildet.
Vers 22: Er baute die Rippe zu einer Frau
Ich sage drittens: Aus dieser fleischigen Rippe, gleichsam als Grundlage, bildete Gott, indem Er ihr anderes Material beimischte — entweder durch Erschaffung, wie der hl. Thomas meint, oder vielmehr aus der umgebenden Erde und Luft (denn nach der ersten wahren Schöpfung der sechs Tage brachte Gott keinen neuen Teil der Materie hervor) — mit wunderbarer Kunst die Frau, so wie Er Adam aus Lehm gebildet hatte. Daher übersetzt die arabische Fassung: Er ließ die Rippe, die aus Adam genommen war, zu einer Frau heranwachsen, das heißt zu einer Frau; dies ist kein Sprachfehler, sondern ein Arabismus. Denn den Arabern fehlt die Präposition „in”, die eine Veränderung oder Bewegung zu einem Ort hin bezeichnet. Daher sagen sie: Er ging die Stadt, das heißt „in die Stadt”. Er verwandelte Wasser Wein, das heißt „in Wein”. Er ließ die Rippe heranwachsen eine Frau, das heißt „zu einer Frau”.
Ich sage viertens: Aus diesem Kapitel II, Vers 22, scheint zu folgen, dass Gott diese Rippe an einen anderen Ort trug, etwas entfernt vom schlafenden Adam, und dort aus ihr Eva baute und sie mit Erkenntnis und Gnade erfüllte, ebenso wie Er Adam erfüllt hatte, und dort mit Eva sprach; dann, nachdem Adam erwacht war, Eva zu ihm führte, gleichsam als Bräutigam, um sie in unauflöslicher Ehe zu verbinden, das heißt, einen Mann und eine Frau zu vereinen und alle Vielehe ebenso wie die Ehescheidung abzuschaffen. Daher rief Adam staunend aus, als hätte er in der Verzückung gesehen, wie ihm die Rippe entnommen und aus ihr Eva gebildet wurde, und sprach: „Das ist nun Bein von meinem Gebein,” das heißt: Diese Eva ist aus einem meiner Knochen gemacht worden, damit sie meine liebste und engstverbundene Braut sei. Denn der Grund, warum Eva aus der Seite und Rippe Adams gemacht wurde, war, damit Gott uns lehre, wie groß die Liebe der Ehegatten sein soll und wie heilig, eng und unauflöslich die Ehe sein soll; nämlich dass die Ehegatten, so wie sie gleichsam ein Knochen und ein Leib sind, so gleichsam eine Seele und einen Willen haben sollen, damit es gleichsam eine Seele für beide gebe, nicht in zwei Leibern, sondern in ein und demselben Knochen und Leib, der in zwei Teile geteilt ist.
Fünf Gründe des hl. Thomas, warum die Frau aus dem Mann gebildet wurde
Man höre den hl. Thomas, Teil I, Quaest. XCII, Art. 2: „Es war angemessen,” sagt er, „dass die Frau aus dem Manne gebildet wurde, mehr als bei anderen Lebewesen.
„Erstens, damit dem ersten Menschen eine gewisse Würde bewahrt werde: dass nach der Ähnlichkeit Gottes auch er selbst der Ursprung seiner ganzen Art sei, so wie Gott der Ursprung des ganzen Weltalls ist; daher sagt auch Paulus, Apostelgeschichte XVII, dass Gott das Menschengeschlecht aus einem Menschen gemacht habe.
„Zweitens, damit der Mann die Frau mehr liebe und ihr untrennbar anhafte, da er wüsste, dass sie aus ihm hervorgebracht worden war; daher wird in Genesis II gesagt: Vom Manne ist sie genommen: deshalb wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und seiner Frau anhangen. Und dies war besonders notwendig bei der menschlichen Art, in der Mann und Frau ihr ganzes Leben lang zusammenbleiben; was bei anderen Lebewesen nicht geschieht.
„Drittens, weil, wie der Philosoph im VIII. Buch der Ethik sagt: Mann und Frau werden bei den Menschen nicht nur wegen der Notwendigkeit der Zeugung verbunden, wie bei anderen Lebewesen, sondern auch um des häuslichen Lebens willen, in dem es bestimmte Aufgaben des Mannes und der Frau gibt und in dem der Mann das Haupt der Frau ist: daher war es angemessen, dass die Frau aus dem Manne gebildet wurde, gleichsam aus ihrem Ursprung.
„Der vierte Grund ist ein sakramentaler. Denn dadurch wird vorgebildet, dass die Kirche ihren Ursprung von Christus nimmt; daher sagt der Apostel im Epheserbrief V: Dies ist ein großes Geheimnis, ich aber sage es in Bezug auf Christus und die Kirche.”
Und in Art. 3: „Es war angemessen,” sagt er, „dass die Frau aus der Rippe des Mannes gebildet wurde. Erstens, um zu bezeichnen, dass es eine gesellschaftliche Verbindung zwischen Mann und Frau geben soll. Denn die Frau soll nicht über den Mann herrschen, und deshalb wurde sie nicht aus dem Haupt gebildet; noch soll sie vom Mann als sklavisch unterworfen verachtet werden, und deshalb wurde sie nicht aus den Füßen gebildet. Zweitens wegen des Sakramentes: denn aus der Seite des am Kreuz schlafenden Christus flossen die Sakramente, nämlich Blut und Wasser, durch die die Kirche begründet wurde.”
Man füge hinzu: Gott wollte bei der Hervorbringung von Adam und Eva seine eigene ewige Zeugung und Hauchung nachbilden; denn so wie Er von Ewigkeit her den Sohn zeugte und aus dem Sohn den Heiligen Geist hauchte, so brachte Er in der Zeit Adam nach seinem Bild hervor und zeugte ihn so gleichsam als Sohn; und aus ihm brachte Er Eva hervor, die die Liebe Adams sein sollte, so wie der Heilige Geist die Liebe Gottes ist.
Schließlich lehren der hl. Basilius, Ambrosius, der hl. Thomas, Pererius und andere, dass Eva im Paradies erschaffen wurde; und die Erzählung und der Zusammenhang der Schrift bestätigen dies.
Adam scheint also unmittelbar nach seiner Erschaffung ins Paradies versetzt worden zu sein; und kurz danach wurde aus seiner Rippe Eva gebildet. Daher fügt Mose gleich nach dieser Versetzung Adams die Bildung Evas aus Adam an.
Es irrt daher Catharinus, der behauptet, Eva sei nicht am sechsten, sondern am siebten Tag hervorgebracht worden. Es irrt auch Cajetan, der meint, Adam und Eva seien im selben Augenblick der Zeit gleichzeitig hervorgebracht worden.
Vers 23: Das ist nun Bein von meinem Gebein
DAS IST NUN BEIN — das heißt: Hinweg von mir mit den Tieren, die mir vorher vorgeführt wurden — sie gefallen mir nicht, sie passen nicht zu mir, weil sie mir der Art nach unähnlich sind und mit gesenktem Antlitz zur Erde neigen; sie sind der Sprache ebenso wie der Vernunft bar. Diese Eva ist mir am ähnlichsten, Teilhaberin der Vernunft, des Rates, der Unterredung und der Rede, und schließlich ein Teil meines Fleisches und Gebeins. So Delrio.
Die Talmudisten berichten nach Abulensis fabulös, dass Adam vor Eva eine andere Frau gehabt habe, aus dem Lehm der Erde hervorgebracht, namens Lilith, mit der er 130 Jahre gelebt habe, in denen er wegen des Genusses der verbotenen Frucht exkommuniziert war; und während jener ganzen Zeit, sagen sie, habe er aus ihr nicht Menschen, sondern Dämonen gezeugt; dann empfing er Eva, aus seiner Rippe hervorgebracht, und aus ihr erzeugte er Menschen. Dies sind ihre Wahngebilde, durch die sie gezwungen werden zu gestehen, dass sie Brüder der Dämonen sind, da ihr Vater Adam Dämonen gezeugt hat.
Das Wort „nun” bezieht sich daher nicht auf eine frühere Ehefrau, sondern teils auf die Tiere, wie ich gesagt habe, und teils auf Eva, das heißt: Diese Frau wurde nun, das heißt dieses erste Mal, so gebildet, nämlich aus dem Manne: denn die Frauen, die künftig sein werden, keine von ihnen wird auf diese Weise erzeugt werden; sondern jede wird durch natürliche Zeugung aus Mann und Frau hervorgebracht werden. So der hl. Chrysostomus, Homilie 15 zu dieser Stelle.
Sinnbildlich sagt der hl. Basilius in seiner Rede über Julitta, aus den Worten und dem Sinne der Matrone Julitta, die des Glaubens wegen zum Feuertod verurteilt war: „Die Frau ist vom Schöpfer ebenso fähig zur Tugend geschaffen worden wie der Mann. Denn nicht nur Fleisch wurde genommen, um die Frau zu bauen, sondern auch Bein von seinen Gebeinen; woraus folgt, dass wir Frauen dem Herrn nicht weniger als die Männer die Festigkeit des Glaubens und die Standhaftigkeit zurückerstatten müssen, sowie auch die Geduld im Widrigen.” Nach diesen Worten, die weinenden Matronen tröstend, sprang sie in den entzündeten Holzstoß, der, wie ein Brautgemach in Glanz erstrahlend, den Leib der hl. Julitta umfing und ihre Seele in den Himmel sandte, ihren Leib aber, in überragender Ehre ehrwürdig, unversehrt und an keinem Teil verletzt für ihre Verwandten und Angehörigen bewahrte; und wahrhaftig ergoss die Erde bei der Ankunft dieser Seligen so reichlich Wasser, dass die Märtyrin das Bild einer liebevollsten Mutter darbietet, indem sie nach Art einer Amme die Bewohner der Stadt sanft nährt, gleichsam mit Milch, die reichlich zum allgemeinen Gebrauch hervorsprudelt.
DAHER WIRD SIE MÄNNIN GENANNT WERDEN, WEIL SIE VOM MANNE GENOMMEN IST — Der Übersetzer gibt nicht die volle Kraft des hebräischen Wortes wieder: und somit wird aus dieser Stelle klar, dass Adam hebräisch sprach. Denn „Männin” (virago) bezeichnet nicht die Natur oder das Geschlecht, sondern männliche Tugend und männlichen Mut in einer Frau. Das hebräische Wort isscha aber bezeichnet die Natur und das Geschlecht der Frau, weil es von isch, das heißt von „Mann”, abgeleitet ist, mit dem angefügten weiblichen he, was besagt: Sie wird „Männin” genannt werden (wie die alten Lateiner nach dem Zeugnis des Sextus Pompeius sagten), weil sie vom Manne genommen ist. So bildete Symmachus im Griechischen aus andros [Mann] das Wort andris, nach dem Zeugnis des hl. Hieronymus; Theodotion übersetzt: Sie wird „Annahme” genannt werden, weil sie vom Manne genommen ist; denn er leitet isscha von der Wurzel nasa ab, das heißt er nahm an, trug, brachte; aber die erstere Übersetzung der anderen ist die echte.
R. Abraham ben Esras Wortspiel mit isch und isscha
Sinnbildlich und geistreich bemerkt R. Abraham ben Esra, dass im Wort isscha der zusammengezogene Name Gottes, Jah, enthalten ist, der der Urheber der Ehe ist; und solange dieser Name in der Ehe verbleibt (er verbleibt aber, solange die Ehegatten Gott fürchten und einander lieben), so lange ist Gott bei der Vermählung gegenwärtig und segnet sie. Wenn sie sich aber gegenseitig hassen und Gottes vergessen, dann werfen die Ehegatten jenen Namen ab; und so, wenn jod und he, aus denen Jah gebildet wird, weggenommen werden, bleibt aus isch und isscha, das heißt aus Mann und Frau, nur noch esch esch, das heißt Feuer und Feuer — nämlich das Feuer des Streites und der Plage in diesem Leben und im nächsten Leben ewiges Feuer.
Vers 24: Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen
Dies sind nicht die Worte des Mose, wie Calvin meint, sondern Adams, oder vielmehr Gottes, der die Worte Adams bestätigt und aus ihnen das Ehegesetz ableitet und es durch seinen eigenen Beschluss bekräftigt. Denn Christus schreibt diese Worte Gott zu, Matthäus XIX, 5. Dies also ist das Gesetz und die Gemeinschaft der Ehe: dass, wenn es die Umstände erfordern, ein Gatte um des anderen Gatten willen Vater und Mutter zu verlassen verpflichtet ist. Dies ist im Sinne des Zusammenlebens und der Lebensgemeinschaft zu verstehen; denn bei gleichem Fall von Hunger oder anderer ähnlicher Notwendigkeit muss man eher dem Vater und der Mutter als den Urhebern des Lebens beistehen als dem Gatten, wie der hl. Thomas lehrt, II-II, Quaest. XXVI, Art. 11, ad 1.
UND ER WIRD SEINER FRAU ANHANGEN — Die Septuaginta übersetzen proskollethesetai, was Tertullian treffend mit „er wird angeklebt werden” wiedergibt. Denn das hebräische dabaq bedeutet die engstmögliche Verbindung. So war Sara mit Abraham verbunden, Rebekka mit Isaak, Sara mit Tobias, Susanna mit Joakim.
Beispiele der Gattenliebe
Man höre auch die Heiden. Theogena, die Gattin des Agathokles, des Königs von Sizilien, ließ sich keineswegs von ihrem kranken Gatten losreißen und sagte, dass sie bei der Heirat eine Gemeinschaft nicht nur des Glücks, sondern jedes Geschicks eingegangen sei, und dass sie bereitwillig unter Gefahr ihres eigenen Lebens die Möglichkeit erkaufen würde, den letzten Atem ihres Gatten zu empfangen.
Hypsikrateia, die Gattin des Mithridates, des Königs von Pontus, folgte ihrem besiegten und fliehenden Gatten durch alle Widrigkeiten.
Denkwürdig ist das Beispiel der spartanischen Frauen, die ihre gefangenen Gatten befreiten, indem sie die Kleider mit ihnen tauschten, und sich selbst an die Stelle der Gefangenen setzten.
So hing Penelope an Odysseus; man höre den Dichter:
Penelope, verlobt, begehrte Odysseus zu folgen,
Wenn nicht Ikarios, ihr Vater, sie lieber bei sich behielte.
Jener bietet Ithaka, dieser Sparta; es wartet die bange Jungfrau:
Von der einen Seite drängt der Vater, von der anderen die wechselseitige Liebe des Gatten.
So setzt sie sich nieder, verhüllt das Antlitz, bedeckt die Augen;
Dies waren die Zeichen keuscher Scham.
Daran erkannte Ikarios, dass Odysseus ihm vorgezogen ward,
Und er errichtete an jener Stelle der Scham einen Altar.
Berühmt war das Beispiel des Römers Gracchus, in dessen Haus zwei Schlangen gefunden wurden; als die Auguren antworteten, dass einer der Gatten überleben werde, wenn die Schlange des anderen Geschlechts getötet würde, sagte Gracchus: Tötet vielmehr die meine; denn meine Cornelia ist jung und kann noch Kinder gebären. Dies hieß, die Gattin zu schonen und dem Gemeinwesen zu dienen, dabei aber stets den guten Ehemann zu geben, den die Alten für einen großen Mann im öffentlichen Leben hielten.
Dido, die Schwester des Pygmalion, segelte, nachdem sie viel Gold und Silber gesammelt hatte, nach Afrika und gründete dort Karthago; und als sie von Hyarbas, dem König von Libyen, zur Ehe begehrt wurde, errichtete sie zum Gedenken an ihren verstorbenen Gatten Sychäus einen Scheiterhaufen und stürzte sich hinein, da sie lieber verbrennen als einen anderen heiraten wollte. Eine keusche Frau gründete Karthago; wiederum endete dieselbe Stadt im Lob der Keuschheit.
Denn die Gattin Hasdrubals, als Karthago eingenommen und in Brand gesetzt worden war und sie sah, dass sie von den Römern gefangen genommen werden würde, ergriff ihre zwei kleinen Söhne, einen in jeder Hand, und stürzte sich in das unter ihrem eigenen Haus brennende Feuer.
Die Gattin des Nikeratos konnte die ihrem Gatten zugefügte Schmach nicht ertragen und nahm sich das Leben, um nicht die Lust der dreißig Tyrannen erdulden zu müssen, die Lysander den besiegten Athenern auferlegt hatte.
UND DIE ZWEI WERDEN EIN FLEISCH SEIN — Das heißt, zwei, nämlich Mann und Frau, werden in einem Fleisch sein, das heißt in einem Leib, das heißt, sie werden verbunden und vermischt sein im Zusammenleben, im gemeinsamen Leben, in den Nachkommen, in der ehelichen Vereinigung.
So werden Mann und Frau ein Fleisch sein. Erstens durch die fleischliche Vereinigung; so erklärt es der Apostel in 1 Kor 6,16. Zweitens werden sie synekdochisch ein Fleisch sein, das heißt, sie werden eine Person sein, eine bürgerliche Person. Denn Mann und Frau gelten bürgerlich als eins und sind eins. Drittens, weil ein Gatte Herr über den Leib seines Gefährten ist, und so das Fleisch des einen das Fleisch des anderen ist, 1 Kor 7,3. Viertens, bewirkend: weil sie ein Fleisch, nämlich Nachkommen, zeugen.
Man beachte: Unter den menschlichen Bindungen ist das engste und unverbrüchlichste das Band der Ehe. Daher machte Gott aus Adams Rippe Eva, um zu bezeichnen: erstens, dass Mann und Frau nicht so sehr zwei als vielmehr eins sind. Zweitens, dass sie unteilbar und untrennbar sind; denn so wie ein Fleisch nicht geteilt werden kann und dennoch eines bleiben, so kann ein Gatte nicht vom anderen getrennt werden, weil er ein Fleisch mit dem Gatten ist. Denn der Einheit widersprechen Teilung, nämlich Ehescheidung und Vielehe. Drittens, dass sie eins sein sollen in der Liebe und im Willen. Man sehe Rupert hierzu. Daher sagte Pythagoras, in der Freundschaft der Ehe sei eine Seele in zwei Leibern.
Daraus wird klar, dass es nicht wahr ist, was Nyssen behauptet (wenn er denn der Verfasser jenes Buches ist) in seinem Werk Über die Erschaffung des Menschen, Kap. 17, und Damascenus, Buch II Über den Glauben, Kap. 30, und Euthymius zu Psalm 50, und der hl. Augustinus, Buch IX Über die Genesis gegen die Manichäer, Kap. 19, und in Über die wahre Religion, Kap. 46 — nämlich dass es im Stand der Unschuld keine geschlechtliche Vereinigung gegeben hätte, sondern dass die Menschen auf irgendeine engelsgleiche Weise erzeugt worden wären. Denn hier wird ausdrücklich gesagt, dass „die zwei in einem Fleisch sein werden,” was der Apostel von der geschlechtlichen Vereinigung erklärt, wie ich gesagt habe. Daher widerruft der hl. Augustinus seine Meinung in Buch I der Retractationes, Kap. 10, und dem folgen nun allgemein die Gelehrten. Es irrt daher Faber Stapulensis in seinem Kommentar zum Buch des Richard von St. Viktor Über die heiligste Dreifaltigkeit, der träumt und sagt, wenn Adam nicht gesündigt hätte, hätte er aus sich selbst ohne eine Frau einen ihm gleichen Mann gezeugt; und Almaricus, der meinte, in jenem Zustand hätte es keinen Geschlechtsunterschied gegeben.
Ferner meint der hl. Thomas, Teil I, Quaest. 98, Art. 2, dass im Stand der Unschuld bei erhaltener leiblicher Unversehrtheit (die Jungfräulichkeit genannt wird) dennoch Empfängnis und Geburt stattgefunden hätten. Aber, wie Pererius richtig bemerkt, widerspricht auch dies dieser Stelle und der Natur der menschlichen Zeugung. Die Zeugung wäre also damals ähnlich gewesen wie jetzt, nur ohne Begierlichkeit. Daher hätte es damals keine Jungfräulichkeit gegeben, weil sie in jenem Zustand keine Tugend gewesen wäre. Denn Jungfräulichkeit ist jetzt eine Tugend, weil sie die Begierde der Wollust zügelt; damals aber hätte es keine Begierde oder Wollust zu zügeln gegeben; daher hätte es damals weder Enthaltsamkeit noch Jungfräulichkeit gegeben. Daher urteilt Pererius mit guten Gründen, dass in jenem Zustand ebenso viele Frauen wie Männer geboren worden wären. Denn alle hätten die Ehe geschlossen, und zwar eine einzigartige, nämlich ein Mann mit einer Frau, gemäß dem, was Gott hier einsetzte.
Vers 25: Und sie waren beide nackt und schämten sich nicht
UND SIE WAREN BEIDE NACKT UND SCHÄMTEN SICH NICHT — weil es im Stand der Unschuld keine Wollust, keine Begierlichkeit gab: denn aus dieser entsteht Scham und Errötung, wenn die Glieder, in denen die Wollust herrscht, entblößt und vor anderen aufgedeckt werden. So der hl. Augustinus in Über die Genesis dem Wortlaut nach, nahe dem Anfang.
Töricht, schamlos und unrein sind daher die Adamiten, die nach Adams Vorbild sich nicht mehr schämen, nackt zu sein — während Adam sogleich nach seiner Sünde sich schämte und sich mit Kleidern bedeckte, wie der hl. Epiphanius richtig sagt, indem er ähnliche Leute widerlegt, Buch II, Häresie 52.
Von hier scheint Platon in seinem Politikos seine Vorstellung von der Nacktheit geschöpft zu haben, die er allen Menschen des goldenen Zeitalters zuschrieb.
Ebenso irrig meint Isidor Clarius, dass Adam und Eva als Kleidung einen gewissen göttlichen Glanz und Herrlichkeit gehabt hätten, wie Gott die hl. Agnes und andere Jungfrauen damit bekleidete, als sie zum Bordell geführt und entkleidet wurden, und wie Er die Leiber der Heiligen in der Auferstehung bekleiden wird. Denn dies wird grundlos und vergeblich erdichtet; denn wo es keine Scham, keine Begierlichkeit, keine Kälte gibt, dort bedarf es keines Gewandes oder Lichtes.
Sieben Vorzüge des Standes der Unschuld
Schließlich zählt Pererius in der Vorrede zu Buch V auf schöne Weise sieben Vorzüge des Standes der Unschuld auf. Der erste war die volle Weisheit; der zweite die Gnade und Freundschaft Gottes; der dritte die Urgerechtigkeit; der vierte die Unsterblichkeit und Leidensunfähigkeit von Seele und Leib — nicht die innere, wie sie in den verherrlichten Leibern der Seligen besteht, sondern die äußere, die teils vom Schutz Gottes, teils von der Klugheit und Voraussicht des Menschen herrührte, durch die er sich vor schädlichen und verletzenden Dingen gehütet hätte. Und diese lagen im Menschen selbst; die drei übrigen aber waren außerhalb des Menschen, nämlich: fünftens das Wohnen im Paradies und der Genuss vom Baum des Lebens; sechstens die besondere Fürsorge Gottes für den Menschen. Daraus folgte das siebte, nämlich dass der Mensch keine Begierlichkeit hätte empfinden können, noch lässlich hätte sündigen können, sagt der hl. Thomas, noch irren, noch getäuscht werden — sondern über unsichere Dinge hätte er das Urteil entweder aufgeschoben oder ein zweifelndes gebildet. Denn dies scheint nicht durch eine dem Menschen eingepflanzte Haltung oder geschaffene Eigenschaft bewirkt werden zu können, sondern nur durch den Beistand und Schutz Gottes.
Man verstehe dies vom Stand der vollen und vollkommenen Unschuld, in dem Adam erschaffen wurde, nämlich dass er frei war von allem Übel, sowohl der Schuld als auch der Strafe und des Elends. Denn andernfalls, wenn Gott ihm erlaubt hätte, in einen Stand der halben Unschuld zu fallen, hätte er lässlich sündigen können und auch irren und getäuscht werden können, wie Scotus richtig lehrt. Darüber sehe man Franciscus Aretinus zur Genesis, S. 450.
Sieben Tugenden Christi, die es im Stand der Unschuld nicht gegeben hätte
Dagegen ist uns durch Christus eine größere Gnade zurückgegeben worden, als Adam gegeben war, und so haben wir jetzt sieben Tugenden, die es im Stand der Unschuld nicht gegeben hätte: die erste ist die Jungfräulichkeit; die zweite die Geduld; die dritte die Buße; die vierte das Martyrium; die fünfte das Fasten, die Enthaltsamkeit und alle Abtötung des Fleisches; die sechste die Ordensarmut und der Ordensgehorsam; die siebte die Barmherzigkeit und das Almosen — denn damals hätte es keine Armen oder Elenden gegeben, an denen wir jetzt Überfluss haben, damit wir an ihnen Barmherzigkeit üben.
Schließlich wird dem gefallenen Menschen jetzt eine größere und wirksamere Gnade gegeben, als Adam gegeben wurde, wie an den Märtyrern und anderen erlauchten Heiligen offenbar ist. Daher ist auch jetzt die Fähigkeit zum Verdienen größer, sowohl aufgrund der größeren Gnade als auch aufgrund der Schwierigkeit des Werkes — obwohl im Stand der Unschuld die Fähigkeit zum Verdienen größer gewesen wäre aufgrund der Bereitschaft des Willens. Denn der Wille wäre damals völlig aufrecht gewesen, hätte keine der Tugend widerstrebenden Leidenschaften gehabt und wäre durch den bereitwilligen Antrieb der Natur und der Gnade zu den Tugenden hingerissen worden, und so hätte er viele intensive, große und heroische Akte aller Tugenden hervorgebracht.