Cornelius a Lapide

Genesis III


Inhaltsverzeichnis


Synopsis des Kapitels

Die Schlange versucht Eva; sie sündigt zusammen mit Adam: woraufhin sie in Vers 8 von Gott zurechtgewiesen werden. Drittens wird in Vers 14 die Schlange von Gott verflucht und Christus der Erlöser verheißen. Viertens werden Eva und Adam in Vers 16 zu Mühen, Schmerzen und zum Tode verurteilt. Und schließlich werden sie in Vers 23 aus dem Paradies vertrieben, und die Wächter-Cherubim mit einem flammenden Schwert werden davor aufgestellt.


Vulgata-Text: Genesis 3,1-24

1. Die Schlange aber war listiger als alle Tiere des Feldes, die Gott der Herr gemacht hatte. Sie sprach zur Frau: „Warum hat Gott euch geboten, dass ihr nicht von jedem Baum des Paradieses essen sollt?” 2. Die Frau antwortete ihr: „Von den Früchten der Bäume, die im Paradies sind, essen wir; 3. aber von der Frucht des Baumes, der in der Mitte des Paradieses steht, hat Gott uns geboten, dass wir nicht davon essen und ihn nicht berühren sollen, damit wir nicht etwa sterben.” 4. Da sprach die Schlange zur Frau: „Nein, ihr werdet nicht des Todes sterben.” 5. „Denn Gott weiß, dass an dem Tag, da ihr davon esset, eure Augen geöffnet werden und ihr sein werdet wie Götter, erkennend Gut und Böse.” 6. Und die Frau sah, dass der Baum gut zum Essen und lieblich anzusehen und begehrenswert zum Anschauen war; und sie nahm von seiner Frucht und aß, und gab ihrem Manne, der ebenfalls aß. 7. Da wurden die Augen beider geöffnet, und als sie erkannten, dass sie nackt waren, flochten sie Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. 8. Und als sie die Stimme Gottes des Herrn hörten, der im Paradies wandelte bei der Kühle des Tages, verbargen sich Adam und seine Frau vor dem Angesicht Gottes des Herrn inmitten der Bäume des Paradieses. 9. Und Gott der Herr rief Adam und sprach zu ihm: „Wo bist du?” 10. Er sprach: „Ich hörte Deine Stimme im Paradies und fürchtete mich, weil ich nackt war, und verbarg mich.” 11. Und Er sprach zu ihm: „Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist, es sei denn, du hast von dem Baum gegessen, von dem Ich dir geboten hatte, nicht zu essen?” 12. Und Adam sprach: „Die Frau, die Du mir zur Gefährtin gegeben hast, gab mir von dem Baum, und ich aß.” 13. Und Gott der Herr sprach zur Frau: „Warum hast du dies getan?” Sie antwortete: „Die Schlange hat mich verführt, und ich aß.” 14. Und Gott der Herr sprach zur Schlange: „Weil du dies getan hast, bist du verflucht unter allem Vieh und allen Tieren des Feldes; auf deiner Brust sollst du kriechen und Erde essen alle Tage deines Lebens. 15. Feindschaft will Ich setzen zwischen dir und der Frau, zwischen deinem Samen und ihrem Samen: Sie wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihrer Ferse nachstellen.” 16. Zur Frau aber sprach Er: „Ich werde deine Mühsal und dein Empfangen vermehren; unter Schmerzen wirst du Kinder gebären, und du wirst unter der Gewalt deines Mannes stehen, und er wird über dich herrschen.” 17. Und zu Adam sprach Er: „Weil du auf die Stimme deiner Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem Ich dir geboten hatte, nicht zu essen: Verflucht sei der Erdboden um deinetwillen; mit Mühsal und Arbeit wirst du davon essen alle Tage deines Lebens. 18. Dornen und Disteln wird er dir hervorbringen, und du wirst die Kräuter des Feldes essen. 19. Im Schweiße deines Angesichts wirst du Brot essen, bis du zur Erde zurückkehrst, von der du genommen bist; denn Staub bist du, und zum Staub wirst du zurückkehren.” 20. Und Adam nannte den Namen seiner Frau Eva, weil sie die Mutter aller Lebenden war. 21. Und Gott der Herr machte für Adam und seine Frau Kleider aus Fellen und bekleidete sie. 22. Und Er sprach: „Siehe, Adam ist geworden wie einer von Uns, erkennend Gut und Böse; nun also, damit er nicht etwa seine Hand ausstrecke und auch vom Baum des Lebens nehme und esse und ewig lebe.” 23. Und Gott der Herr sandte ihn hinaus aus dem Paradies der Wonne, damit er den Erdboden bebaue, von dem er genommen war. 24. Und Er trieb Adam hinaus und stellte vor das Paradies der Wonne die Cherubim und ein flammendes, sich wendendes Schwert, um den Weg zum Baum des Lebens zu bewachen.


Vers 1: „Die Schlange war listiger als alle Lebewesen”

Es kann zweitens aus dem Hebräischen übersetzt werden als: Die Schlange war gewunden und in viele Windungen und Krümmungen gerollt; denn das hebräische Wort aram bedeutet auch dies: woher aramim die Bezeichnung für Garben von Getreideähren ist; denn diese Windungen sind Zeichen der inneren List der Schlange, durch die sie den Menschen umgarnte und umstrickte.

Erstens versteht Cajetan unter „der Schlange” den Teufel, der Eva nicht durch eine äußere Stimme versuchte, sondern nur durch innere Eingebung.

Zweitens meinen Cyrill in Buch III Gegen Julian und Eugubinus in seiner Cosmopoeia, dass der Dämon hier nicht eine wirkliche Schlange annahm, sondern nur die Erscheinung und Gestalt einer Schlange: gleichwie wenn Engel einen menschlichen Leib annehmen, sie keinen wirklichen annehmen, sondern einen aus Luft gebildeten, der das Aussehen eines wahren menschlichen Leibes hat.

Doch alle übrigen Autoritäten lehren, dass dies eine wirkliche Schlange war; denn es heißt hier, sie sei listiger gewesen als alle — nicht Engel, sondern Lebewesen —, in die der schlaue Teufel, da er sie von Natur aus listig und klug fand, passenderweise einfuhr und in ihrem Maul, wie in einem Instrument, das mit einer gewissen Absicht bewegt, angeschlagen und moduliert wurde, eine menschliche Stimme so gut er konnte formte. So sagen der hl. Chrysostomus, Prokopius und Augustinus in Buch XIV von Über den Gottesstaat, Kapitel 20.

Einige meinen, sagt der Meister der Sentenzen in Buch II, Distinktion 6, dass dieser Teufel Luzifer war, der zuerst Adam versuchte und siegte; er versuchte auch den zweiten Adam, nämlich Christus, wurde aber von Ihm besiegt und in die Hölle hinabgestürzt.

Passenderweise versuchte der Teufel Adam in der Gestalt nicht eines Schafes, nicht eines Esels, sondern einer Schlange. Erstens, weil die Schlange von Natur aus listig ist; zweitens, weil sie dem Menschen von Natur aus feindlich gesinnt ist und ihm auflauert, um ihn heimlich zu beißen; drittens, weil es der Natur der Schlange entspricht, zu kriechen, Gift zu verbreiten und den Menschen zu verderben — und dies ist es, was der Teufel tut; viertens, weil die Schlange mit ihrem ganzen Leib an der Erde haftet: so wurde Adam, indem er der Schlange und dem Teufel glaubte, ganz tierisch und irdisch, so dass er nach nichts als irdischen Gütern giert.

Daher lehrt der hl. Augustinus in Buch XI von Über den wörtlichen Sinn der Genesis, Kapitel 28, dass der Teufel gewohnt ist, die Gestalt von Schlangen zu gebrauchen, um die Menschen zu täuschen, weil er Adam und Eva dadurch täuschte und sah, dass dieser Betrug ihm wohlgelang. Aus demselben Grund sagte Pherekydes von Syros, die Dämonen seien von Jupiter aus dem Himmel geschleudert worden, und ihr Anführer habe Ophioneus geheißen, das heißt „der Schlangenhafte”.

Tropologisch: „Der Teufel,” sagt der hl. Augustinus, „versucht als Löwe, versucht als Drache;” denn, wie hl. Gregor zu Kapitel 1 des Buches Ijob sagt, „Seinem treuen Diener offenbart der Herr alle Machenschaften des listigen Feindes, nämlich dass er durch Unterdrückung ergreift, durch Ränke umgarnt, durch Drohung erschreckt, durch Überredung schmeichelt, durch Verzweiflung zerbricht und durch Verheißung täuscht.”

Der hl. Bernhard zählt die Arten und Weisen der Versuchung auf: „Die Versuchung,” sagt er, „ist von mehrerlei Art: eine ist zudringlich, die schamlos darauf besteht; eine andere ist zweifelhaft, die den Geist in einen Nebel der Ungewissheit hüllt; die dritte ist plötzlich, die dem Urteil der Vernunft zuvorkommt; die vierte ist verborgen, die der Ordnung der Überlegung entgeht; die fünfte ist gewaltsam, die unsere Kräfte übersteigt; die sechste ist betrügerisch, die den Geist verführt; die siebte ist verwirrend, die durch verschiedene Wege versperrt wird.”

Man beachte: Eva erschrak nicht beim Anblick der Schlange, weil sie als Herrin der Tiere gewiss war, dass ihr keines schaden konnte. So sagt der hl. Chrysostomus, Homilie 16.

Man wird einwenden: Wie erschrak sie wenigstens nicht, als die Schlange sprach? Man antwortet erstens: Josephus und der hl. Basilius (welcher Meinung auch Platon im Politikos war) sagen, dass im Paradies alle Lebewesen die Fähigkeit und das Vermögen der Sprache besaßen. Der hl. Ephräm, zitiert von Bar Salibi in Buch I von Über das Paradies, fügt hinzu, dass die Fähigkeit nicht nur des Sprechens, sondern auch des Verstehens hier von Gott der Schlange für eine Zeit verliehen wurde, und er beweist dies aus den Versen 1 und 13. Doch dies sind Paradoxa.

Zweitens antworten Prokopius, Cyrill (oben zitiert), Abulensis und Pererius, dass Eva noch nicht wusste, dass die Fähigkeit der Sprache von Natur aus dem Menschen allein gehörte. Doch dies ist unvereinbar mit der vollkommenen Erkenntnis, die sowohl Eva als auch Adam besaßen.

Ich antworte daher: Eva wusste, dass die Schlange von Natur aus nicht sprechen konnte; sie wunderte sich daher über ihr Sprechen und vermutete — wie es tatsächlich der Fall war —, dass dies durch eine höhere Macht geschah, nämlich eine göttliche, engelhafte oder teuflische; Furcht fehlte, weil sie noch nicht gesündigt hatte und wusste, dass sie in Gottes Obhut war. So sagt der hl. Thomas, I. Teil, Frage 94, Artikel 4. So gilt: „Dem Weisen ist nichts unerwartet: Kinder und Toren staunen über alles, als wäre es neu.”

Eugubinus meint, diese Schlange sei ein Basilisk gewesen, der König der Schlangen. Delrio meint, es sei eine Viper gewesen; Pererius eine Scytale, weil sie durch ihre Größe und die Schönheit ihres Rückens die Betrachter in Bann schlage. Doch in dieser Sache ist nichts gewiss. Ferner sind die Scytale und der Basilisk von stumpfer Natur; diese Schlange aber war listiger als alle Lebewesen; denn der Dämon fuhr in sie ein nicht zum Zweck der Giftverbreitung, sondern der Täuschung. Es ist wahrscheinlich, wie viele annehmen, dass es jenes Tier war, das gemeinhin serpens (Schlange) genannt wird, weil es kriecht; und coluber (Natter), weil es den Schatten liebt; und anguis, weil es Winkel und Verstecke sucht. Denn dieses wird schlechthin „Schlange” ohne Zusatz genannt: die anderen werden mit einem Zusatz benannt, wie Basilisken-Schlangen, feurige Schlangen usw., oder mit ihren Eigennamen — Vipern, Cerastes, Amphisbaenen, Aspen usw. Diese Schlange ist auch die listigste von allen und kriecht ganz flach auf ihrem Leib, was von dieser Schlange in Vers 14 gesagt wird. Daher ist es unwahrscheinlich, was Beda, Dionysius der Kartäuser, die Scholastische Geschichte und der hl. Bonaventura (in Buch II, Distinktion 21) sowie Vinzenz in seinem Geschichtsspiegel hier behaupten: dass diese Schlange ein Drache gewesen sei, auf Füßen stehend, mit einem Mädchengesicht, dessen Rücken in verschiedenen Farben wie ein Regenbogen glänzte, um Eva zur Bewunderung zu verlocken, und dass sie gewohnt gewesen sei, aufrecht zu gehen. Denn dies wäre eine monströse Schlange gewesen, die Gott nicht am Anfang der Welt erschaffen hat, und vor der Eva daher sofort zurückgeschreckt und geflohen wäre.


„Warum hat Gott euch geboten”

Die Septuaginta übersetzt es ebenfalls so. Die Schlange versucht hier listig, den Zweck des Gebotes zu untergraben, um das Gebot selbst zu stürzen, als wollte sie sagen: Es zeigt sich kein gerechter Grund oder Anlass, warum Gott das Essen von diesem Baum hätte verbieten sollen; daher hat Er es nicht wahrhaft und ernstlich verboten; sondern was Er sagte — „Ihr sollt nicht davon essen” — sagte Er im Scherz und Spiel. Die Schlange beweist den Vordersatz aus dem Nutzen des Baumes selbst, indem sie in Vers 5 sagt: „Denn Gott weiß, dass an dem Tag, da ihr davon esset, eure Augen geöffnet werden und ihr sein werdet wie Götter, erkennend Gut und Böse.”

Man beachte: Für „warum” hat das Hebräische aph ki, was wörtlich bedeutet: „Ist es wirklich so?” oder „Ist es tatsächlich der Fall?”; und, wie der Chaldäer übersetzt: „Ist es wahr, dass Gott gesagt hat (gesprochen hat): Ihr sollt nicht von irgendeinem Baum des Gartens essen?” In diesem Sinne wird deutlicher, dass die Schlange Gott nicht der Härte beschuldigte — denn Eva wäre sofort vor solcher Gotteslästerung zurückgeschreckt —, sondern listig, gleichsam Gott lobend, so sprach, als wollte sie sagen: Ich glaube nicht, dass Gott, der so freigebig ist, diesen Baum wahrhaft und schlechthin verboten hat, auch wenn ihr das meint. Denn warum würde Er euch eine so schöne und nützliche Frucht missgönnen? Warum würde Er euch so einschränken und belasten? Denn die Güte steht dem Neid entgegen; daher kann in Gott, der höchst gut ist, nichts von Neid sein; dies ist es, was Boethius besingt: „Die Gestalt des höchsten Gutes, frei von Missgunst.” Dasselbe lehrt Platon im Timaios und Aristoteles in der Metaphysik, Buch I, Kapitel 2, wo er Simonides angreift, der sagte, Gott beneide den Menschen um die Ehre der Weisheit. Denn so, sagt Aristoteles, wäre Gott traurig und folglich unglücklich: denn Neid ist Traurigkeit über das Gut eines anderen. Unser Übersetzer nun, nicht den Worten, sondern dem Sinn folgend, gab aph ki mit der Septuaginta als „warum” wieder. Dieser Deutung entspricht Evas Antwort unmittelbar, die Gottes Gebot als ernst und unbedingt feststellt und bekräftigt, welches die Schlange als im Scherz gesprochen beseitigen wollte; und so stimmt diese Deutung mit der vorherigen überein.

Aus dieser hebräischen Wendung aph ki geht hervor, dass die Schlange dieser Frage andere Bemerkungen voranstellte, durch die sie den Weg dafür bereitete, obwohl Mose sie verschweigt — zum Beispiel über die Freiheit und Würde der menschlichen Natur, über die Pflicht und Menge der natürlichen und übernatürlichen Gebote des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, die dem Menschen auferlegt sind, damit er daraus schließe, der Mensch solle nicht weiter durch dieses neue positive Gebot Gottes belastet werden. So sagen Prokopius und andere.

Tropologisch sagt Abt Hyperichius in den Viten der Väter: „Die Schlange, die Eva zuflüsterte, trieb sie aus dem Paradies. Wer daher schlecht über seinen Nächsten spricht, gleicht dieser Schlange: denn er zerstört die Seele dessen, der ihm zuhört, und rettet seine eigene nicht.” Ferner lehrt der hl. Bernhard in seinem Buch Über das einsame Leben aus dieser Stelle, dass der vollkommene Gehorsam „ununterscheidend” sein müsse — das heißt, er solle nicht unterscheiden, was oder warum etwas geboten wird. „Adam,” sagt er, „kostete zu seinem eigenen Schaden vom verbotenen Baum, belehrt von dem, der einflüsterte: Warum hat Er geboten usw. Siehe die Unterscheidung, warum es geboten wurde. Und er fügte hinzu: Denn Er wusste, dass an dem Tag, da ihr davon esset, eure Augen geöffnet werden und ihr sein werdet wie Götter. Siehe, zu welchem Zweck es geboten wurde, nämlich dass es ihnen nicht erlauben solle, Götter zu werden. Er unterschied, er aß, er wurde ungehorsam und wurde aus dem Paradies vertrieben. Woraus er folgert: So ist es auch unmöglich, dass der weltlich gesinnte ‚unterscheidende' Mensch, der kluge Novize, der weise Anfänger, lange in seiner Zelle bleibe, in einer Gemeinschaft aushalte. Er werde töricht, damit er weise sei; und dies sei seine ganze Unterscheidung: dass er in dieser Sache keine Unterscheidung habe.” Man sehe Cassian, Konferenz 12, und Buch IV der Institute der Entsagung, Kapitel 10, 24 und 25, und den hl. Gregor zu 2 Könige, Kapitel 4, dessen Grundsatz lautet: „Der wahrhaft Gehorsame prüft weder die Absicht der Gebote noch unterscheidet er zwischen Geboten; denn wer das ganze Urteil seines Lebens einem Oberen unterstellt hat, freut sich einzig daran, dass er ausführt, was geboten wird; denn er hält allein dies für gut: Geboten zu gehorchen.”


„Dass ihr nicht von jedem Baum esset”

„Nicht irgendeinem,” das heißt „überhaupt keinem,” sagen der hl. Chrysostomus, Rupert und der hl. Augustinus in Buch XI von Über den wörtlichen Sinn der Genesis, Kapitel 30 — als sage die Schlange, Gott habe dem Menschen die Frucht von überhaupt keinem Baum gewährt und habe so gelogen, um Gott der Grausamkeit zu bezichtigen. Doch dies wäre eine allzu offensichtliche und grobe Lüge gewesen.

Zweitens und besser: „nicht von jedem,” als wollte sie sagen: Warum hat Er irgendeinen verboten, nämlich den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse? Drittens und am besten: Der Teufel spricht durch die Schlange nach seiner gewohnten Art zweideutig, so dass diese seine Frage entweder auf jeden Baum oder nur auf einen bestimmten verbotenen Baum bezogen werden konnte; und dies listig, um einzuschleichen, dass es keinen größeren Grund gibt, einen Baum zu verbieten als alle zu verbieten: und daher hätten entweder alle verboten oder keiner verboten werden sollen. Ferner, dass Gott mit derselben Leichtigkeit, mit der Er diesen einen verboten hat, künftig auch alle anderen verbieten würde. Daher antwortet die Frau sogleich auf seine zweideutige Frage mit einer Unterscheidung und sagt: „Von den Früchten der Bäume, die im Paradies sind, essen wir (können wir essen, ist es uns erlaubt zu essen); aber von der Frucht des Baumes, der in der Mitte des Paradieses steht, hat Gott uns geboten, dass wir nicht davon essen sollen.”


Vers 3: „Und dass wir ihn nicht berühren sollen”

Der hl. Ambrosius meint in seinem Buch Über das Paradies, Kapitel 12, dass Eva dies aus eigenem Antrieb aus Überdruss und Abneigung gegen das Gebot hinzufügte und so neidisch die Strenge des Gebotes übertrieb. Denn Gott hatte weder den Anblick noch die Berührung verboten, sondern nur das Essen. Doch da Eva noch aufrecht und heilig war, scheint es eher, dass sie dies aus Frömmigkeit und Ehrfurcht vor dem göttlichen Gebot sagte, als wollte sie sagen: Gott hat geboten, dass wir diesen Baum nicht berühren sollen zum Zweck, davon zu essen, und hat uns daher eine fromme Scheu und Furcht eingeflößt, so dass wir bei uns beschlossen haben, unter keinen Umständen, durch keinen Zufall, ihn auch nur leicht zu berühren, damit wir so weit wie möglich vom Essen und von der Übertretung des Gebotes entfernt seien.

„Damit wir nicht etwa sterben”

Gott hatte unbedingt erklärt „ihr werdet sterben”; die Frau zweifelt; der Teufel leugnet. Denn als er Eva schwanken sah, drängte er weiter, um sie zu stoßen, indem er sagte: „Ihr werdet nicht sterben.” So sagt Rupert. Doch Eva war noch aufrecht, und daher fügte sie aus Frömmigkeit dem Gebot hinzu „dass wir ihn nicht berühren sollen”; sie scheint daher nicht an der Todesstrafe gezweifelt zu haben, die dem Gebot beigefügt war. Das Wort pen, das heißt „vielleicht,” ist im Hebräischen häufig kein Wort des Zweifels, sondern der Bekräftigung und Bestätigung einer Sache oder eines Gebotes und drückt lediglich Ungewissheit über ein zukünftiges Ereignis aus, wenn es von der künftigen freien Handlung des Menschen abhängt, als wollte sie sagen: Damit wir nicht etwa essen und daher sterben; denn wenn wir essen, werden wir gewiss sterben. So wird „vielleicht” in Matthäus 21,23 und oft bei den Propheten genommen.


Vers 4: „Nein, ihr werdet nicht des Todes sterben”

Die Schlange versucht Eva, indem sie die Strafe beseitigt und mit Verheißungen lockt. Man beachte hier ihre fünf glänzenden Lügen: die erste: „Ihr werdet nicht sterben”; die zweite: „Eure Augen werden geöffnet werden”; die dritte: „Ihr werdet sein wie Götter”; die vierte: „Ihr werdet erkennen Gut und Böse”; die fünfte: „Gott weiß, dass dies alles wahr ist und dass ich nicht lüge,” als wollte sie sagen: Da Gott dies weiß und euch liebt, ist es nicht wahrscheinlich, dass Er euch einen so heilsamen Baum vorenthalten wollte. Und so hat Er es entweder nur im Scherz verboten, oder unter diesem Seinem Gebot verbirgt sich ein Geheimnis, das ihr noch nicht kennt; ihr werdet es aber erkennen, wenn ihr davon esset. So sagt der hl. Augustinus, Buch XI von Über den wörtlichen Sinn der Genesis, Kapitel 30.

Moralisch überredet der Teufel noch beinahe alle Menschen zu ebendiesem; doch weil die entgegengesetzte Tatsache allzu offenkundig ist und feststeht, dass schlechthin jeder stirbt, bedient er sich daher einer List, um jeden von „ihr werdet keineswegs sterben” zu überzeugen. Er tut nämlich, was ein Arzt zu tun pflegt, der eine bittere Arznei — die der Kranke ablehnen würde, wenn sie ihm auf einmal gegeben würde — in Teile zerlegt und sie ihm so in Bissen verabreicht, damit er sie nach und nach ganz aufnimmt. Ebenso zerlegt der Teufel den Tod in Teile und Jahre und überredet die Jungen: Ihr werdet nicht sterben in der Blüte und Kraft eures Alters; ihr seid viel zu kräftig; ihr werdet leicht noch fünfzig Jahre leben. Er überredet die Studenten: Ihr werdet nicht sterben, bevor ihr euer Studium beendet; andere: bevor ihr das Geschäft beendet habt, das ihr in der Hand habt. Kurz, es gibt keinen so Alten, der nicht meint, wenigstens noch ein Jahr zu leben. So täuscht er alle. Denn da der Tod jedes Jahr einige hinwegrafft und so allmählich alle, geschieht es, dass jeder einzelne von ihm hinweggerafft wird, wenn er es am wenigsten erwartet, weil er meint, wenigstens noch ein weiteres Jahr zu leben. Woraus ein höchst wahrer Grundsatz folgt: Der Tod ist allen und jedem näher, als alle und jeder annehmen; denn in eben dem Jahr, in dem jeder stirbt, meint er, nicht zu sterben, sondern noch ein weiteres Jahr zu leben.

Überdies sagt Christus, Er werde kommen wie ein Dieb in der Nacht, den der Hausherr für fern hält oder gar nicht kommend glaubt (Matthäus 24,43). Wie ein Dieb die Zeit abpasst, da der Herr schläft, um ihn zu berauben, so ergreift der Tod die, die ihn nicht erwarten und gleichsam schlafen. Wer weise ist, öffne daher seine Augen, vertreibe diesen offenkundigen Betrug des Teufels und überrede sich, dass der Tod ihm nahe ist — ja, dass er in diesem Jahr selbst sterben wird, vielleicht in diesem Monat, in dieser Woche, an diesem Tag. Weise sagt der Dichter: „Glaube, dass jeder Tag, der dir aufgegangen ist, dein letzter sei.” So hielten der hl. Hieronymus und der hl. Karl Borromäus einen Totenschädel an ihrem Tisch, um stets an die Nähe des Todes zu denken. Es war die Gewohnheit gewisser Heiliger, dass, wenn sie einander begegneten, der eine zuerst Grüßende sagte: „Wir müssen sterben”; und der andere antwortete: „Wir wissen nicht wann.” So, sagt der hl. Hieronymus an Principia, „verbrachte die hl. Marcella ihre Jahre und lebte so, dass sie stets glaubte, bald sterben zu werden. Sie kleidete sich so, als sei sie des Grabes eingedenk, und erinnerte sich der Worte des Satirikers: Lebe eingedenk des Todes; die Stunde flieht; was ich spreche, ist schon vergangen; und: Gedenke allezeit des Todestages, und du wirst niemals sündigen; und sie pflegte jenes Wort Platons zu loben, der sagte, die Philosophie sei die Betrachtung des Todes.”

Unser Thomas, von Gott belehrt, schreibt herrlich in Buch I der Nachfolge Christi, Kapitel 23: „Heute ist ein Mensch, und morgen ist er verschwunden. O die Stumpfheit und Härte des menschlichen Herzens, das nur an die Gegenwart denkt und die Zukunft (selbst das Naheliegende) nicht besser voraussieht! Du solltest dich in jeder Tat und jedem Gedanken so verhalten, als ob du heute oder sogleich sterben müsstest.” Und weiter: „Selig ist, wer allezeit die Stunde seines Todes vor Augen hat und sich täglich zum Sterben bereitet. Wenn du je einen Menschen sterben sahst, bedenke, dass auch du denselben Weg gehen wirst. Wenn es Morgen ist, denke, dass du den Abend vielleicht nicht erreichst; und wenn der Abend kommt, wage nicht, dir den Morgen zu versprechen. Sei daher allezeit bereit und lebe so, dass der Tod dich niemals unvorbereitet finde. Wenn jene letzte Stunde kommt, wirst du ganz anders über dein ganzes vergangenes Leben denken und tief betrauern, dass du so nachlässig und lau warst. Wie glücklich und klug ist, wer sich jetzt bemüht, im Leben so zu sein, wie er im Tode gefunden zu werden wünscht! Denn eine vollkommene Verachtung der Welt, ein brennendes Verlangen, in der Tugend voranzuschreiten, die Liebe zur Zucht, die Mühe der Buße, die Bereitschaft zum Gehorsam, die Verleugnung seiner selbst und das Ertragen jedes Widerstandes um der Liebe Christi willen werden ein großes Vertrauen geben, glücklich zu sterben.” Und kurz danach: „Die Zeit wird kommen, da du einen Tag oder eine Stunde zur Besserung wünschst, und ich weiß nicht, ob du sie erlangen wirst. Solange du Zeit hast, sammle dir unsterbliche Schätze; denke an nichts anderes als an dein Heil; sorge nur um die Dinge Gottes; bewahre dich als ein Pilger und Fremdling auf Erden; halte dein Herz frei und zu Gott erhoben, denn hier hast du keine bleibende Stadt.” Schließlich beachte man jenen Spruch des hl. Hieronymus: „Studiere, als ob du ewig leben würdest; lebe, als ob du sofort sterben würdest.”


Vers 5: „Eure Augen werden geöffnet werden”

Daher meinen einige, nach Abulensis in Kapitel 13, Frage 492, dass Adam und Eva ihre Augen nicht offen hatten, sondern blind waren, bis sie die verbotene Frucht aßen; denn dann „wurden die Augen beider geöffnet, und sie erkannten, dass sie nackt waren” (Vers 7). Doch dies ist unvereinbar mit der Glückseligkeit des Standes der Unschuld, in dem Adam und Eva geschaffen wurden. Ich sage daher, dass „Auge” hier vom Geist zu verstehen ist, nicht vom Leib; denn, wie Aristoteles in der Nikomachischen Ethik, Buch I, sagt, „der Verstand ist eine Art Auge,” besonders weil das Auge und das Sehen mehr als die übrigen Sinne dem Verstand zur Erkenntnis dienen: denn aus dem Gesehenen entstehen Erinnerungen, aus der Erinnerung Erfahrung, aus den Erfahrungen Kunst oder Wissenschaft. Und so ist der Sinn, als wollte man sagen: Ihr werdet von so klarem Geist und durchdringendem Verstand werden, dass es euch vorkommen wird, vorher blind gewesen zu sein. So sagt Rupert; man sehe sein Buch III Über die Dreifaltigkeit, Kapitel 7 und 8.

„Ihr werdet sein wie Götter”

Nicht dem Wesen nach, denn dies ist unmöglich; sondern durch eine gewisse Ähnlichkeit der Weisheit und Allwissenheit, wie folgt. Daher erklären einige falsch: Ihr werdet sein wie Engel; denn sie wurden angetrieben, nicht nach einer engelhaften, sondern nach einer göttlichen Ähnlichkeit zu streben. Denn dies ist es, was Gott in Vers 22 sagt: „Siehe, Adam ist geworden wie einer von Uns.”

Man wird fragen: Was war Evas erste Sünde? Rupert, Hugo und der Meister in Buch II, Distinktion 21, antworten, Evas erste Sünde sei gewesen, dass sie „vielleicht” gleichsam zweifelnd zu Gottes Gebot hinzufügte, indem sie sagte: „Damit wir nicht etwa sterben.” Zweitens sagt der hl. Ambrosius, es sei gewesen, dass sie „dass wir ihn nicht berühren sollen” hinzufügte; drittens sagt der hl. Chrysostomus, es sei gewesen, dass sie sich auf ein Gespräch mit der Schlange und dem Teufel einließ. Doch diese Meinungen scheinen nicht sehr wahrscheinlich. Denn die erste Sünde des Menschen war nicht im Verstand, sondern im Willen. Denn vor der Sünde konnte der Mensch weder irren noch getäuscht werden; daher fügt der hl. Thomas, Frage 94, Artikel 4, hinzu, dass der Mensch in jenem Zustand nicht lässlich sündigen konnte, und dies durch Gottes besonderen Schutz: denn die lässliche Sünde kann die Gnade nicht wegnehmen; noch kann sie mit jenem vollkommensten Stand der Urgerechtigkeit zusammenbestehen.

Ich sage daher: Die erste Sünde Evas, wie auch danach Adams, war der Hochmut. Dies geht hervor aus Jesus Sirach 10,14; Tobit 4,14; und der hebräische Text und die Septuaginta deuten dies hier an, in Vers 6: nämlich Eva und Adam, als sie hörten „ihr werdet sein wie Götter, erkennend Gut und Böse,” wurden eingeladen, ihre eigene Vortrefflichkeit zu betrachten, zu steigern und zu erhöhen. Und so wandten sie sich sich selbst zu, schwollen vor Hochmut an, so dass ihr Herz von Gott abwich, und begehrten schließlich eine Art Allwissenheit und Gleichheit mit der göttlichen Natur, wie auch Luzifer es tat. Daher tadelte Gott sie damit in Vers 22, indem Er sprach: „Siehe, Adam ist geworden wie einer von Uns, erkennend Gut und Böse.” So sagen der hl. Ambrosius in Buch IV zu Lukas; der hl. Ignatius in seinem Brief an die Trallianer; der hl. Chrysostomus zu 1 Timotheus 2,14; der hl. Augustinus in Buch XI von Über den wörtlichen Sinn der Genesis, Kapitel 5, und Buch XI von Über den Gottesstaat, Kapitel 13, wo er lehrt, dass die Liebe zur Vortrefflichkeit einer vernünftigen Natur, die heil und vollkommen ist, so angeboren und heftig innewohnt, dass diese Liebe gleichsam der erste Antrieb im Menschen ist, der den Menschen anreizt, alles andere mit diesem Ziel zu verfolgen: sich auszuzeichnen. Und der hl. Bernhard sagt: Beide, nämlich der Teufel und der Mensch, strebten nach Erhabenheit; jener nach Macht, dieser nach Erkenntnis.

Ich sage zweitens: Dieses stolze Verlangen nach göttlicher Allwissenheit scheint darin bestanden zu haben, dass sie begehrten, wie die Schrift sagt, Gut und Böse zu erkennen — das heißt, durch sich selbst und durch die Kraft ihrer eigenen Natur und ihres Verstandes sich in allen Dingen selbst zu leiten, indem sie unterschieden und wählten, was gut ist, und mieden, was böse ist. Und so könnten sie sich durch ihre eigene Erkenntnis, aus eigenem Antrieb, aus eigenen Kräften zum guten und glücklichen Leben und zur Erlangung der vollen Seligkeit leiten, als wären sie gleichsam Götter, die von niemandem geleitet oder unterstützt zu werden brauchen, nicht einmal von Gott — wie auch Luzifer es tat. So sagt der hl. Thomas, II-II, Frage 163, Artikel 2. Denn obwohl Adam spekulativ wusste, dass er von Gott abhängt und von Ihm erleuchtet werden muss und dass es nicht anders sein kann, verhielt er sich dennoch in der Praxis durch den Hochmut so, begehrte diese Ähnlichkeit der Allwissenheit und Göttlichkeit so, als könne er sie wahrhaft ohne Gott, durch sich selbst und seine eigenen Kräfte erlangen; denn der Hochmut blendet und verwirrt den Geist, indem er sich allmählich aufbläht.

Ich sage drittens: Aus diesem Hochmut folgte schnell die Ungeduld und der Unmut eines Geistes, der sich dagegen sträubte, durch dieses Gebot eingeschränkt und von einer so edlen Frucht ausgeschlossen zu sein; dann die Neugier; sodann die Begierde der Schlemmerei, wie in Vers 6 gesagt wird; schließlich der Irrtum im Verstand — denn sowohl Eva als auch Adam glaubten den Worten der Schlange, die Allwissenheit und Unsterblichkeit versprach, wenn sie vom verbotenen Baum äßen. Und aus all dem sprangen sie schließlich zum vollendeten Ungehorsam und zur Übertretung des Gebotes, das heißt zum tatsächlichen Essen der Frucht.

Ich sage viertens: Nicht nur Eva, sondern auch Adam glaubte, vom Hochmut verblendet, den Worten der Schlange: „Ihr werdet sein wie Götter, erkennend Gut und Böse”; und deshalb verlor er den Glauben. Der erste Teil ist klar, weil Gott ihm dies vorwirft, indem Er sagt: „Siehe, Adam ist geworden wie einer von Uns, erkennend Gut und Böse.” Denn diese ironisch gesprochenen Worte bezeichnen, was Adam gemäß den Verheißungen der Schlange durch den Genuss der Frucht zu erlangen hoffte, aber tatsächlich nicht erlangte. Daher wird, dass Adam von der Schlange getäuscht wurde — durch Eva, die ihm die Verheißungen der Schlange mitteilte — und ihren Worten Glauben schenkte, gelehrt vom hl. Ignatius an die Trallianer, vom hl. Irenäus in Buch III, Kapitel 37; vom hl. Hilarius zu Matthäus 12; vom hl. Epiphanius, Häresie 39; vom hl. Ambrosius zu Lukas Kapitel 10; von Cyrill in Buch III Gegen Julian; vom hl. Augustinus in Buch XI von Über den wörtlichen Sinn der Genesis, Kapitel 21 und 24, und Buch IV von Über den Gottesstaat, Kapitel 7.

Daher ist auch der zweite Teil der Schlussfolgerung offenkundig: Denn dadurch, dass Adam dem Teufel glaubte, der ihm göttliche Allwissenheit von der verbotenen Frucht und Unsterblichkeit versprach, wandte er sich ab von Gott und misstraute Ihm, der drohte und sprach: „An dem Tag, da ihr davon esset, werdet ihr des Todes sterben.” Er war daher untreu; daher verlor er nicht nur die Gnade, sondern auch den Glauben an Gott. So sagt der hl. Augustinus, Buch I Gegen Julian, Kapitel 3.

Man wird einwenden: Wie sagt dann der Apostel in 1 Timotheus, Kapitel 2, dass Adam nicht getäuscht wurde, wohl aber Eva? Ich antworte: weil Eva von der Schlange verführt wurde, die beabsichtigte, sie zum Essen der Frucht zu verführen; Adam aber wurde nicht von der Schlange getäuscht, sondern nur von seiner Frau verlockt, die nicht beabsichtigte, ihn zu täuschen. Hierüber siehe mehr bei 1 Timotheus 2,14.


„Wie Götter, erkennend Gut und Böse”

Die erste Vollkommenheit Gottes, die vom Menschen begehrenswert und nachahmbar ist, ist die Erkenntnis. „Es gibt nichts, wodurch wir den Göttern ähnlicher werden als durch das Erkennen selbst,” sagt Cicero. Daher sagt auch Horaz über Gott: „Von dem nichts Größeres geboren wird, noch etwas gedeiht, das Ihm gleich oder das Zweite nach Ihm ist; doch Pallas hat die Ihm nächsten Ehren an sich gerissen.”

Und Damasius sagt: „Das ewig wachsame Auge Gottes erkennt in einem einzigen Blick Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges als Gegenwärtiges.” Und Boethius sagt: „Gott erfasst in einem Blick Seines Geistes alle Dinge, die sind und gewesen sind. Ihn, da Er allein alles überblickt, magst du wahrhaft die Sonne nennen.” Daher zeichnen sich die Gott nächsten Engel durch den Verstand aus und werden deshalb „Intelligenzen” genannt; ja, die Dämonen werden im Griechischen daimones genannt, gleichsam „Wissende” oder „Weise”; denn ihre natürlichen Gaben bleiben auch nach dem Fall in ihnen unversehrt, wie der hl. Dionysius bezeugt. Daher begehren die Menschen von Natur aus zu erkennen, sagt Aristoteles. Man höre Quintilian in Buch I der Institutiones: „Wie die Vögel,” sagt er, „zum Fliegen geboren sind, die Pferde zum Laufen, die wilden Tiere zur Wildheit, so ist uns die Tätigkeit und Klugheit des Geistes eigen; daher wird der Ursprung der Seele für himmlisch gehalten. Die Stumpfen und Unbelehrbaren aber werden nicht so sehr der Natur des Menschen gemäß hervorgebracht, als sie Leiber sind, die monströs und von Missgestalt gezeichnet sind.”

Der Grund ist, dass die natürliche Tätigkeit des Menschen das Denken, das Folgern und das Verstehen ist; wodurch er sich von den Tieren und Steinen unterscheidet. Daher sagte Diogenes, als er über einen gewissen reichen Ignoranten lachte, der auf einem Stein saß: „Passend sitzt ein Stein auf einem Stein.” Solon antwortete auf die Frage, was ein ungebildeter Reicher sei: Er ist ein Schaf mit goldenem Vlies. Töricht sind daher jene, die die Weisheit und Gelehrsamkeit verachten (Sprüche 1,22); denn sie sagen: „Ich ziehe einen Tropfen Glück einem Gefäß der Weisheit vor.” Doch die Weisen sagen mit Salomon (Weisheit 7,8): „Ich zog sie (die Weisheit) Königreichen und Thronen vor und achtete Reichtümer für nichts im Vergleich zu ihr: alles Gold ist im Vergleich zu ihr ein wenig Sand”; und Sprüche 8,11: „Die Weisheit ist besser als alle köstlichsten Schätze, und nichts Begehrenswertes kann ihr verglichen werden.” Denn wie der Sinn sich an seinem sinnlichen Gegenstand erfreut, so erfreut sich der Verstand am Erkennbaren und an der Erkenntnis, gleichwie der Wille sich am Guten und an der Tugend erfreut. Doch in Adam, wie auch bei vielen seiner Nachkommen, war diese Liebe zum Erkennen übermäßig.


Vers 6: Die Frau sah also

„Gut und Böse erkennend” — denn durch Erfahrung werdet ihr wissen, wie groß ein Übel der Ungehorsam ist und folglich wie groß ein Gut der Gehorsam ist: so sagen einige, als hätte der Dämon hier die Wahrheit gesagt und durch diese List Eva getäuscht, die glaubte, es werde ihr etwas Größeres verheißen. Ich aber sage, es handelt sich um einen Hebraismus: „Ihr werdet Gutes und Böses erkennen”, das heißt, ihr werdet alle Dinge erkennen, die gut oder böse, wahr oder falsch, notwendig oder zufällig sind, sodass ihr unterscheiden könnt, was nützlich, was unnütz ist; was getan, was gemieden werden soll in allen Dingen.

6. DIE FRAU SAH ALSO. — Sie hatte ihn zuvor gesehen, aber ohne irgendein Verlangen zu essen; nun nach der Versuchung, von Hochmut aufgebläht, sieht sie ihn als etwas Begehrenswertes und zu Essendes. „Sie sah” also, das heißt, sie betrachtete ihn neugieriger und mit verlockender Lust schaute sie ihn an und verweilte in der Betrachtung.

Daraus geht also hervor, dass Eva nicht vor den Worten der Schlange sündigte. Rupertus irrt daher, wenn er meint, sie habe zuvor gesündigt, indem sie sich freiwillig dem Hochmut hingab und innerlich die verbotene Frucht begehrte, und der Teufel sei dann hinzugetreten, um sie dazu zu treiben, die Sünde durch eine äußere Handlung zu vollenden.

„Gut” — süß, schmackhaft und dem Gaumen zum Essen angenehm: Die rosige Farbe der Äpfel und Kirschen ist ein Anzeichen des Geschmacks und reizt den Appetit.

UND LIEBLICH ANZUSCHAUEN. — Im Hebräischen venechmad lehaskil, das heißt „begehrenswert zum Verstehen”; was die Hebräer auslegen als begehrenswert zum Erwerb von Wissen und Klugheit. Denn die Schlange hatte davon gesagt: „Ihr werdet sein wie Götter, erkennend Gut und Böse.” Da Eva dies jedoch nicht mit leiblichen Augen sehen konnte — und dass „sie sah” hier von leiblichem Sehen zu verstehen ist, ergibt sich aus den beiden vorangehenden Satzgliedern —, übersetzen zweitens unser Übersetzer [die Vulgata], der Chaldäer und Vatablus es besser als „begehrenswert zum Betrachten”, nämlich dass sie durch ihre Form und Schönheit (weshalb auch die Septuaginta es mit horaion, das heißt „schön”, übersetzt) Eva gleichsam in einem verweilenden Anschauen und Betrachten ihrer selbst festhielt.

Über die Neugier und die Bewachung der Augen siehe den hl. Gregor, Moralia XXI, 2. Höre auch den hl. Bernhard, Über die Stufen der Demut, über die erste Stufe, welche die Neugier ist: „Bewahre, o Eva, was dir anvertraut ist; erwarte, was verheißen ist; hüte dich vor dem Verbotenen, damit du nicht verlierst, was dir gewährt wurde. Warum betrachtest du deinen Tod so aufmerksam? Warum wirfst du so oft deine schweifenden Blicke darauf? Warum gefällt es dir, das anzuschauen, was du nicht essen darfst? Ich strecke meine Augen aus, sagst du, nicht meine Hand; es wurde nicht verboten zu sehen, sondern zu essen. Obwohl dies keine Schuld ist, so ist es doch ein Zeichen der Schuld; denn während deine Aufmerksamkeit anderswohin gerichtet ist, gleitet unterdessen die Schlange heimlich in dein Herz, spricht dir lieblich zu; mit Schmeicheleien unterwirft sie deine Vernunft, mit Lügen beschwichtigt sie deine Furcht: Ihr werdet keineswegs sterben, sagt sie; sie vermehrt deine Unruhe, während sie die Fressgier anstachelt; sie schärft die Neugier, während sie die Begierde weckt; zuletzt bietet sie das Verbotene an und nimmt das Gewährte weg; sie reicht die Frucht und stiehlt das Paradies; sie trinkt das Gift, im Begriff zu verderben und solche zu gebären, die verderben werden.”

UND SIE GAB IHREM MANN — indem sie ihm alles erzählte, was der Teufel verheißen hatte, und ihn hieß, ohne Furcht vor dem Tod zu sein, da er sehen konnte, dass sie, die gegessen hatte, noch lebte: So täuschte die so schnell Getäuschte schnell ihren Mann. Denn Adam, der dies hörte, wurde von Hochmut aufgebläht und, nach Allwissenheit verlangend, stimmte er seiner Frau zu und aß vom verbotenen Baum. So war „von einer Frau der Anfang der Sünde, und durch sie sterben wir alle” (Sir 25,33). Der hl. Augustinus fügt hinzu (Vom Gottesstaat XIV, Kap. 11), dass Adam, weil er die Strenge Gottes nicht erfahren hatte, diese seine Sünde für lässlich hielt und meinte, er werde leicht Verzeihung von Gott erlangen.

Die Männer mögen hier lernen, dass Frauen gefährliche Verlockungen und süßes Gift sind, wenn sie ihren Begierden und Gelüsten nachgeben, durch die sie sowohl sich selbst als auch ihre Männer zugrunde richten: Daher sollen die Männer ihnen mannhaft entgegentreten und widerstehen. „Gedenke immer, dass eine Frau den Bewohner des Paradieses aus seinem Besitz vertrieb”, sagt der hl. Hieronymus, Brief an Nepotian.

So handelte Saturus, der Prokurator des Königs Hunerich, der, als er aufgefordert wurde, den Arianismus anzunehmen, sich weigerte. Bald warf sich seine Frau, die den Untergang der Familie fürchtend, die Kinder zu den Knien ihres Mannes bringend, vor ihm nieder und beschwor ihn bei allem Heiligen, er möge Erbarmen haben mit ihr und mit dem Töchterchen, das noch an der Mutterbrust hing, und den anderen Lieben: Gott werde verzeihen, was er gezwungen tue, da andere dasselbe freiwillig getan hätten. Da antwortete er ihr wie der heilige Ijob: „Du redest wie eine der törichten Frauen: Ich würde dies fürchten, Frau, wenn nur die Süße dieses Lebens bitter werden sollte im Verlust unserer Güter; vielmehr, wenn du deinen Mann wahrhaft liebtest, würdest du ihn niemals durch deine hinterlistigen Schmeicheleien in das Verderben des zweiten Todes zu stürzen versuchen. Wohlan, mögen sie die Kinder wegnehmen, mögen sie die Frau wegnehmen, mögen sie unsere Güter plündern. Ich, völlig sicher in den Verheißungen des Herrn, werde Seine Worte fest in meinem Herzen bewahren: Wer nicht Frau, Kinder, Acker oder Haus verlassen hat, kann nicht mein Jünger sein.” Die Frau ging fort. Saturus, aller Dinge beraubt und durch viele Martern geschwächt, wurde zuletzt als Bettler zurückgelassen. Zeuge ist Victor von Utica in seiner Verfolgung der Vandalen. In gleicher Weise widerstand Thomas Morus seiner Frau und zog es vor, weniger Gott zu beleidigen als den König, und nahm den Untergang seiner Familie in Kauf.

DER ASS. — Pererius vermerkt acht Sünden Adams: Die erste war der Hochmut; die zweite ein übermäßiges Verlangen, seiner Frau zu gefallen; die dritte die Neugier; die vierte der Unglaube — als hätte Gott den Tod nur bildlich oder als Warnung angedroht, nicht aber unbedingt demjenigen, der das Gesetz übertrat; die fünfte die Vermessenheit — als wäre diese Gesetzesübertretung nur eine leichte und lässliche Sünde; die sechste die Unmäßigkeit; die siebte der Ungehorsam; die achte das Ausreden-Suchen, worüber der hl. Augustinus sagt (Predigt 19, Über die Heiligen): „Hätte Adam sich nicht entschuldigt, wäre er nicht aus dem Paradies verbannt worden”; und folglich hätte er vom Baum des Lebens gegessen: Daher hätte er sowohl die Unsterblichkeit als auch die Urgerechtigkeit zurückgewonnen (denn diese sind miteinander verbunden). Doch die gegenteilige Meinung ist, wie Pererius lehrt, die wahrere. Denn Adam verfiel, sobald er sündigte, noch bevor er sich in irgendeiner Weise entschuldigte, dem unbedingten Todesurteil. Denn in Kapitel 2, Vers 17, war das Urteil unbedingt verkündet worden: „An welchem Tag auch immer ihr davon esst, werdet ihr des Todes sterben”, das heißt, ihr werdet ganz gewiss sterben.

Der hebräische Text und die Septuaginta fügen „mit ihr” hinzu, nämlich dass Eva die Frucht ihrem Mann gab, damit er zusammen mit ihr esse; es scheint also, dass Eva zweimal aß, einmal allein und ein zweites Mal mit Adam, um ihn zum Essen zu verlocken und sich ihm als Gefährtin beim Essen zu zeigen. Daher hat die Septuaginta „und sie aßen”, und der Chaldäer hat „er aß (nämlich Adam) mit ihr”.

Frage: Wer von beiden sündigte schwerer, Adam oder Eva?

Der hl. Thomas antwortet (Summa Theologiae II-II, q. 163, art. 4), dass, wenn man die Sünde an sich betrachtet, Eva schwerer sündigte, sowohl weil sie zuerst sündigte als auch weil sie Adam zur Sünde verleitete und so sich selbst, ihn und uns alle ins Verderben stürzte. Betrachtet man jedoch den Umstand der Person, so sündigte Adam schwerer, sowohl weil er vollkommener und klüger war als Eva, als auch weil Adam dieses Gebot unmittelbar von Gott empfangen hatte, während Eva es nur mittelbar empfangen hatte, nämlich durch Adam.


Vers 7: Und die Augen beider wurden geöffnet

Das heißt: Durch die Sünde der Hülle der Gnade und der Urgerechtigkeit beraubt, bemerkten sie ihre Nacktheit, Beschämung und Schande, weil sie in sich Regungen der Begierlichkeit spürten, die gegen die Vernunft aufbegehrten, besonders der Wollust gegeneinander. Denn diese schamlosen Regungen beschämen den Menschen so sehr, dass er gerade jene Glieder bedeckt und verbirgt, in denen diese Begierlichkeit herrscht: und daher erkannten sie drittens, wie großes Gut der Urgerechtigkeit sie verloren hatten und in wie große Sünde und wie großes Übel sie gefallen waren; viertens erkannten sie, dass Gott und Gottes Urteilsspruch wahr waren, die Schlange und der Teufel aber Lügner in den ihnen gemachten Verheißungen. So sagen der hl. Chrysostomus, Rupertus und der hl. Augustinus (Vom Gottesstaat XIV, 17).

Aus dieser Stelle ergibt sich, dass Eva, obwohl durch die Sünde der Gnade beraubt, ihre Beschämung und Nacktheit nicht bemerkte, bis sie Adam zur selben Sünde verleitete, und zwar deshalb, weil zwischen ihren beiden Sünden nur ein kurzer Zeitraum verging, während dessen Eva, ganz beschäftigt mit den Genüssen der Frucht und damit, sie ihrem Mann anzubieten und ihn dazu zu drängen, nicht über ihr eigenes Elend und ihre Nacktheit nachdachte; oder gewiss, wie Franciscus von Arezzo meint, Eva wurde der Urgerechtigkeit nicht beraubt, insofern sie eine frei geschenkte Gnade war, noch spürte sie die Regungen der Begierlichkeit und ihre Nacktheit, bis Adam sündigte: denn damals wurde diese ganze uranfängliche Sünde des Ungehorsams vollendet, und dann wurden beide nach Gottes Ratschluss der Urgerechtigkeit beraubt, und daher erröteten sie vor Scham. Denn wäre Eva ihrer beraubt worden, sobald sie sündigte, hätte sie sich ihrer Nacktheit geschämt und hätte es nicht gewagt, nackt zu ihrem Mann zu gehen, sondern hätte vor Scham Verstecke oder Kleidung gesucht, wie sie es tat, sobald Adam gesündigt hatte.

Warum sich aus der Nacktheit natürlicherweise Scham ergibt, siehe beim hl. Cyprian, Predigt Über den Grund der Beschneidung.

Daher lehrt der hl. Augustinus (Predigt 77, Über die Zeiten), dass die Unmäßigkeit die Mutter der Wollust ist, so wie die Enthaltsamkeit die Mutter der Keuschheit ist. „Adam”, sagt er, „erkannte Eva nur, wenn ihn die Unmäßigkeit dazu antrieb: denn solange die maßvolle Genügsamkeit in ihnen verblieb, verblieb auch die unbefleckte Jungfräulichkeit; und solange sie von den verbotenen Speisen fasteten, so lange fasteten sie auch von den schändlichen Sünden. Denn der Hunger ist der Freund der Jungfräulichkeit, der Feind der Ausschweifung; die Sättigung aber verrät die Keuschheit und nährt die Verlockung.” Der hl. Augustinus fügt an derselben Stelle hinzu, dass Christus aus diesem Grund in der Wüste fastete und hungerte, damit er durch sein Fasten die Unmäßigkeit und Wollust Adams tilge und sowohl Adam als auch uns der Unsterblichkeit wiedergebe, die wir durch Adams Unmäßigkeit verloren hatten.

SIE MACHTEN SICH SCHURZE — das heißt Gürtel für den Bauch, nämlich Lendenschurze oder Untergewänder für die Lenden, um damit ihre schamhaften Teile zu bedecken: denn am übrigen Körper blieben sie nackt, wie Adam selbst zu Gott in Vers 10 sagt, wie es die Brasilianer, die Kaffern und andere Eingeborene noch heute tun. Der hl. Irenäus (Buch III, Kap. 37) meint, sie hätten diese aus Feigenblättern gemacht, als Zeichen der Buße, und sich gleichsam ein Bußgewand angelegt; denn Feigenblätter stechen und prickeln. Siehe auch den hl. Ambrosius, Über das Paradies, Kap. 13.


Vers 8: Und als sie die Stimme des Herrn hörten

Nämlich ein furchtbares Rauschen und Krachen vom Erzittern der Bäume, das von Gott erregt wurde; denn gleichsam bei den Schritten des von ferne kommenden und durch die Bäume wandelnden Gottes erbebten die Bäume: denn dies war die Stimme Gottes, der im Paradies wandelte, wie Mose sagt. Cajetan jedoch versteht „Stimme” nicht als den Laut der Bäume, sondern des sprechenden und zürnenden Gottes, und, wie Abulensis meint, der sagte: „Adam, wo bist du?”

Adam erkannte aber, dass dies die Stimme Gottes war, erstens, weil er zuvor mit Gott gesprochen hatte und die vertraute Stimme Gottes wiedererkannte; zweitens, weil diese Stimme gewaltig und furchtbar und Gottes würdig war: denn obwohl sie durch einen Engel hervorgebracht wurde, stellte sie dennoch Gott dar (siehe Kanon 16); drittens, weil Adam wusste, dass es keine andere Person gab, die diesen Laut hätte hervorbringen können; viertens, weil das Bewusstsein der Sünde und Gott selbst seinem Geist eingaben, dass dies die Stimme des rächenden Gottes war.

IM WINDHAUCH NACH MITTAG — nämlich als der Tag sich neigte, wenn sanfte Lüfte zu wehen pflegen und der Windhauch von den Menschen gesucht wird, die von der Tageshitze ermüdet sind. So der hl. Hieronymus nach Symmachus, Aquila und Theodotion in seinen Hebräischen Fragen. Denn Gott erschien hier, oder vielmehr ein Engel an Gottes Stelle, gleichsam als Mensch, in menschlicher Gestalt im Paradies wandelnd.

Füge hinzu, dass „im Windhauch” gesagt wird, weil der Windhauch oder Wind (denn er wehte aus der Richtung, aus der sich Gott näherte) den Laut Gottes schon von ferne hörbar machte, damit Adam von größerer Gottesfurcht ergriffen würde und Zeit hätte, Verstecke zu suchen. So Franciscus von Arezzo.

Man beachte das „nach Mittag”: Denn das, sagt Irenäus (Buch V), bedeutet, dass Christus am Abend der Welt kommen würde, um Adam und seine Nachkommen zu erlösen.

Die tropologische Auslegung — auf wie viele Weisen Gott zu uns spricht — siehe beim hl. Gregor, Moralia XXVIII, Kap. 2 und 3.

ER VERBARG SICH INMITTEN DES BAUMES — das heißt der Bäume, nämlich zwischen den dichtesten Bäumen des Paradieses. Es ist eine Enallage [Numeruswechsel].

Man beachte hier mit Pererius die fünf Früchte und Wirkungen der Sünde: Die erste ist, dass die Augen geöffnet wurden; die zweite ist die Nacktheit; die dritte, Scham und Beschämung; die vierte ist der Wurm des Gewissens; die fünfte ist Schrecken und Furcht vor dem göttlichen Gericht. Wahrhaftig sagt der hl. Bernhard: „In der Sünde vergeht die Lust, um nie wiederzukehren, die Angst bleibt, um nie zu weichen.” Und ebenso Musonius bei Gellius: „Wenn jemand durch Vergnügen etwas Schändliches getan hat, entweicht das, was süß war, und das, was schändlich und traurig ist, bleibt.” Im Gegenteil dagegen, in der Mühe der Tugenden entweicht das, was hart und traurig ist, und das, was süß und freudig ist, bleibt.


Vers 9: Wo bist du?

Das heißt: In einem Zustand habe Ich dich verlassen, o Adam, und in einem anderen finde Ich dich. Mit Herrlichkeit hatte Ich dich bekleidet; herrlich wandeltest du vor Mir; nun sehe Ich dich nackt und Verstecke suchend. Wie ist dir das widerfahren? Wer hat dich in einen solchen Umsturz geführt? Welcher Dieb oder Räuber hat dich, all deiner Gaben beraubend, in solche Not gebracht? Wo ist dir dieses Bewusstsein der Nacktheit, wo diese Beschämung widerfahren? Warum fliehst du? Warum errötst du? Warum verbirgst du dich? Warum zitterst du? Steht jemand da, um dich anzuklagen? Bedrängen dich Zeugen? Woher hat dich solche Furcht befallen? Wo sind nun jene großartigen Verheißungen der Schlange? Wo ist jene erste Ruhe deines Geistes? Wo die Sicherheit der Seele? Wo der Friede und die Zuversicht des Gewissens? Wo jener ganze Besitz so vieler Güter und die Freiheit von allen Übeln? So der hl. Ambrosius, Über das Paradies, Kap. 14: „Wo ist”, sagt er, „jene Zuversicht deines guten Gewissens? Diese Furcht bekennt die Schuld, dieses Verstecken bekennt die Übertretung: Wo bist du also? Ich frage nicht, an welchem Ort, sondern in welchem Zustand? Wohin haben dich deine Sünden geführt, dass du deinen Gott fliehst, den du zuvor suchtest?”


Vers 10: Ich fürchtete mich, weil ich nackt war

„Ich fürchtete mich”, das heißt, ich schämte mich, es war mir peinlich, vor Dein Angesicht zu treten; denn mit diesen Feigenblättern habe ich kaum meine schamhaften Teile bedeckt, und am übrigen Körper bin ich noch nackt. „Darum” (denn das hebräische vav, das „und” bedeutet, ist oft kausal) „verbarg ich mich.” So wird „Furcht” oft für „Scham” genommen, und so wird die „Furcht” oder „Scheu” der Ehrfurcht als Scham und Ehrfurcht selbst bezeichnet, wie ich zu Hebr 12,28 sagte.

Vers 11. WER DENN. — Das Wort „denn” (enim) steht nicht im Hebräischen und ist nicht kausal, sondern emphatisch und bedeutet dasselbe wie „fürwahr”, „in der Tat”, „und doch”. Denn Gott drängt und treibt hier Adam, die Ursache und Schuld seiner Nacktheit anzuerkennen.

Vers 12. DIE FRAU, DIE DU MIR ZUR GEFÄHRTIN GEGEBEN HAST. — „Der Gerechte ist der Erste, der sich selbst anklagt”: Uns aber geht Adam, nun nach der Sünde voll von Begierlichkeit, Hochmut und Selbstliebe, voran im Suchen von Entschuldigungen für Sünden; dann wälzt er die Schuld auf die Frau, die ihn verführte, ja sogar auf Gott selbst, der ihm eine solche Frau gegeben hatte.


Vers 14: Und Gott der Herr sprach zur Schlange

Die Schlange war anwesend vor Gott, Adam und Eva. Denn obwohl der Teufel nach der Versuchung die Schlange verlassen hatte und sie hier und dort kroch, wurde sie doch auf Gottes Wink zu dem Ort gelenkt, wo Adam, aus seinen Verstecken von Gott herausgerufen, vor Gott trat; zumal der Ort der Versuchung durch die Schlange nicht weit vom Ort der Verstecke Adams entfernt war: denn sobald Adam versucht wurde und fiel, suchte er Bedeckungen und nahe gelegene Verstecke.

WEIL DU DIES GETAN HAST, BIST DU VERFLUCHT UNTER ALLEN LEBEWESEN. — Gott wendet sich dem ersten und gewissen Urheber des Übels zu, der verführerischen Schlange, und verflucht sie.

Man beachte erstens, dass unter der Schlange hier im wörtlichen Sinne sowohl die wirkliche Schlange verstanden wird, wie der hl. Ephräm, Barcepha, Tostatus und Pererius meinen; als auch der Teufel, der der Beweger, der Sprecher und gleichsam die Seele der Schlange war.

Daher gelten zweitens alle diese Strafen in gewisser Weise wörtlich für die Schlange, weil sie das Werkzeug des Teufels und das Instrument des Verderbens der Menschheit war: einige jedoch betreffen mehr den Teufel. Denn alle alten Schriftsteller beziehen dies auf den Teufel.

Drittens ist die Schlange verflucht, weil sie abscheulich, grauenvoll, giftig und schädlich ist über alle Tiere hinaus, besonders für den Menschen, mit dem sie nach der Sünde eine natürliche Antipathie hat.

Viertens, obwohl die Schlange vor der Versuchung Evas nicht aufrecht ging (wie der hl. Basilius meint, Homilie über das Paradies, und Didymus in der Catena des Lipomanus), sondern sich auf ihrer Brust fortbewegte, durch Höhlen kriechend und Erde fressend — denn beides ist ihr natürlich —, war sie dennoch damals nicht abscheulich oder ehrlos; sie hatte ihren eigenen Platz und ihre Würde unter den Tieren. Aber nach der Versuchung und Verführung Evas wurde die Schlange dem Menschen verhasst, ehrlos und abscheulich: und das Kriechen, das Fliehen vor dem Licht und den Menschen, das Aufsuchen von Höhlen, das Fressen von Erde, was ihr zuvor natürlich war, wurde ihr nun als Strafe bestätigt und zur Schmach bestimmt. Denn warum, so frage ich, sollten der Schlange, an der keine Schuld war, natürliche Gaben genommen werden, die nicht einmal den Dämonen wegen ihrer Sünde genommen wurden? So ist der Tod dem Menschen und dem menschlichen Körper, der aus entgegengesetzten Elementen zusammengesetzt ist, gleichsam natürlich, aber nach seiner Sünde begann er, Strafe für die Sünde zu sein. So begann der Regenbogen, der zuvor natürlich war, nach der Sintflut ein Zeichen des Bundes zu sein, der zwischen Noach, der Menschheit und Gott geschlossen wurde (Gen 9,46).

Fünftens war diese Strafe der Schlange passend und gerecht: nämlich die Schlange hatte versucht, sich in die Freundschaft und Vertraulichkeit des Menschen einzuschleichen; daher empfing sie Hass und Verfluchung. Der Teufel hatte die Schlange aufgerichtet, damit sie mit der Frau ein Gespräch führe; daher wird ihr befohlen, am Boden zu kriechen. Sie hatte das Essen der Frucht überredet; daher wird sie verurteilt, Erde zu fressen. Sie hatte auf den Mund der Frau geschaut; daher schaut sie nun auf die Ferse und lauert ihr auf, sagt Delrio.

Sechstens gelten diese Dinge sinnbildlich für den Teufel. Denn wie Rupertus sagt (Über die Dreifaltigkeit III, Kap. 18), kriecht der Teufel auf seiner Brust, weil er nicht mehr Himmlisches denkt, wie einst, als er ein Engel war, sondern Irdisches, ja Höllisches allezeit; und Erde, das heißt Menschen, die auf Irdisches sinnen, sind seine Nahrung und sein Futter seit der Sünde Adams. Denn er lehrt sie, auf dem Boden auf ihrem Bauch zu kriechen, das heißt, sich ganz der Unmäßigkeit und Wollust hinzugeben. So der hl. Gregor, Moralia XXI, Kap. 2. Ferner sagen der hl. Augustinus (Über die Genesis gegen die Manichäer II, Kap. 17), Beda, Rupertus, Hugo und Cajetan: „Auf seiner Brust und auf seinem Bauch” geht der Teufel, weil er die Menschen auf zwei Wegen angreift und verführt: erstens durch den Hochmut, der durch die Brust versinnbildlicht wird; zweitens durch die Wollust, die durch den Bauch angedeutet wird. Denn in der Brust ist das Zornvermögen, im Bauch das Begehrungsvermögen, und der Teufel erregt und entflammt diese Triebe und treibt durch sie die Menschen zu den schwersten Sünden.


Vers 15: Sie wird dir den Kopf zertreten (Protoevangelium)

ICH WERDE FEINDSCHAFT SETZEN ZWISCHEN DIR UND DER FRAU. — Denn da Gott dem Menschen wegen der Sünde die Herrschaft über die Tiere entzog, begann die Schlange, dem Menschen schädlich und tödlich zu sein; und umgekehrt begann der Mensch, ein Schlangentöter zu sein, während vor der Sünde weder Antipathie noch Abscheu noch Hass noch Schädigungswille zwischen Mensch und Schlange bestanden hatten.

Aristoteles berichtet, dass menschlicher Speichel eine Schlange quält und sie tötet, wenn er den Schlund berührt (mit dem sie Eva versucht hatte).

SIE WIRD DIR DEN KOPF ZERTRETEN. — Es gibt hier eine dreifache Lesart. Die erste ist die der hebräischen Kodizes, die haben: „Es” (nämlich der Same) „wird dir den Kopf zertreten”; und so liest der hl. Leo und nach ihm Lipomanus. Die zweite ist: „Er (nämlich der Mensch oder Christus) wird dir den Kopf zertreten”; so die Septuaginta und der Chaldäer. Die dritte ist: „Sie wird dir den Kopf zertreten.” So lesen die Römische Bibel und fast alle lateinischen Bibeln mit dem hl. Augustinus, Chrysostomus, Ambrosius, Gregor, Beda, Alkuin, Bernhard, Eucherius, Rupertus und anderen. Einige hebräische Handschriften unterstützen dies ebenfalls, die hi oder hu anstelle von hu lesen, mit einem kleinen oder großen Chirich-Vokal. Füge hinzu, dass hu oft für hi steht, besonders wenn eine Emphase vorliegt und einer Frau etwas Männliches zugeschrieben wird, wie hier das Zertreten des Schlangenkopfes. Beispiele finden sich in diesem Vers 12 und 20, Gen 17,14, Gen 24,44, Gen 38,21 und 25. Auch das männliche Verb iascuph (das „zertreten wird” bedeutet) ist kein Hindernis; denn es gibt häufige Enallage des Genus im Hebräischen, sodass das Maskulinum für das Femininum steht und umgekehrt, besonders wenn ein Grund und Geheimnis zugrunde liegt, wie hier, wie ich nun erklären werde. Daher steht hi iascuph für hi tascuph. So wird in Kapitel 2,23 iickare issa für tickare issa gesagt. Daher liest auch Josephus (Buch I, Kap. 3) es so, wie unser Übersetzer [die Vulgata] es hat; denn er sagt: „Er befahl, dass die Frau seinem Haupt Wunden zufügen solle”, wie Rufinus übersetzt. Daraus erhellt, dass Josephus ehemals hu las, das heißt „sie selbst”, dass aber häretische Drucker das Wort gyne (Frau) daraus entfernt haben.

Man beachte erstens, dass keine dieser drei Lesarten zu verwerfen ist; ja, alle sind wahr: denn da Gott hier die Frau mit ihrem Samen gleichsam als Widersacher der Schlange mit ihrem Samen gegenüberstellt, will er folglich sagen, dass die Frau mit ihrem Samen den Kopf der Schlange zertreten wird; so wie umgekehrt die Schlange der Ferse sowohl der Frau als auch ihres Samens nachstellt. Und deshalb scheint Mose hier im Hebräischen ein männliches Verb mit einem weiblichen Pronomen vermischt zu haben, indem er hi iascuph sagte, „sie wird zertreten”, um zu bezeichnen, dass sowohl die Frau als auch ihr Same, und daher die Frau durch ihren Samen, nämlich durch Christus, den Kopf der Schlange zertreten würde.

Man beachte zweitens: Diese Dinge gelten, wie ich sagte, wörtlich sowohl für die Schlange als auch für den Teufel, der gleichsam der Beweger und die Seele der Schlange war. Denn diese Antipathie, dieser Hass, dieses Grauen und dieser Krieg begann wörtlich nach der Sünde zwischen Schlangen und Menschen, sowohl Männern als auch Frauen, wie die Erfahrung jetzt zeigt. Ja, Rupertus (Buch III, Kap. 20) führt eine besondere und bemerkenswerte Erfahrung an, nämlich dass der Kopf einer Schlange nur mit größter Schwierigkeit durch Schwerter, Knüppel und Hämmer so zertreten werden kann, dass der ganze Körper getötet wird; aber wenn eine Frau mit bloßem Fuß dem Zahn der Schlange zuvorkommt und ihren Kopf drückt, stirbt sogleich mit dem Kopf der ganze Körper vollständig.

Ferner gelten eben diese Dinge noch wörtlicher für Christus und die selige Jungfrau im Kampf gegen den Teufel. Denn die „Frau” ist Eva, die den Teufel zertrat, als sie Buße tat, oder vielmehr die Frau ist die selige Maria, Tochter Evas; ihr Same ist Jesus und die Christen; die Schlange ist der Teufel; sein Same sind die Ungläubigen und alle Gottlosen. Daher zertrat die selige Maria die Schlange; denn sie war immer voll der Gnade und glorreiche Siegerin über den Teufel und zertrat alle Häresien (die das Haupt der Schlange sind) in der ganzen Welt, wie die Kirche singt; Christus aber zertrat ihn und sein Haupt und seine Machenschaften aufs Vollkommenste, als er in eigener Kraft am Kreuz dem Teufel sein ganzes Reich und seine Beute entriss; und von Christus empfingen sowohl die büßende Eva als auch die unschuldige Maria und auch wir alle die Kraft, den Teufel und seinen Samen zu zertreten (das heißt erstens seine Einflüsterungen; zweitens seinen Samen, das heißt die gottlosen Menschen, denn der Teufel ist ihr Vater und Fürst). Denn dies ist es, was in Psalm 91 gesagt wird: „Über Natter und Basilisk wirst du schreiten, und den Löwen und den Drachen wirst du zertreten.” Und Lk 10: „Seht, ich habe euch die Macht gegeben, auf Schlangen und Skorpione zu treten und über alle Gewalt des Feindes.” Und Röm 16: „Gott zertrete den Satan unter euren Füßen in Bälde.” So Theodoret, Rupertus, Beda hier, Augustinus (Vom Gottesstaat XI, Kap. 36), Epiphanius (Buch II Gegen die Antidikomarianiten) und die übrigen Väter allenthalben.

Treffend stellt der hl. Chrysostomus (Homilie über das Verbot des Baumes, Bd. 1) Christus dem Adam gegenüber, die selige Maria der Eva und Gabriel der Schlange: „Der Tod”, sagt er, „durch Adam, das Leben durch Christus; die Schlange verführte Eva, Maria stimmte Gabriel zu; aber die Verführung Evas brachte den Tod, die Zustimmung Marias gebar der Welt den Erlöser. Durch Maria wird wiederhergestellt, was durch Eva zugrunde gegangen war; durch Christus wird erlöst, was durch Adam gefangen war; durch Gabriel wird verheißen, was durch den Teufel verloren schien.”

WIRD ZERTRETEN. — Im Hebräischen steht iascuph, was Rabbi Abraham übersetzt als „wird schlagen”; Rabbi Salomon als „wird zerschmettern”; die Septuaginta übersetzen tereset, das heißt „wird zertreten”; Philo jedoch (Allegorien II) liest mit einigen anderen epitereset, das heißt „wird beobachten”. Daher übersetzt auch der Chaldäer: „Er wird auf dich achten wegen dessen, was du ihm von Anfang an getan hast, und du wirst auf ihn achten am Ende.” Im eigentlichen Sinne scheint das hebräische scuph zu bedeuten, jemanden plötzlich und gleichsam aus dem Hinterhalt und aus Verstecken zu schlagen, zu überwältigen, zu zertreten, zu zermalmen, wie aus Ijob 9,17 und Ps 139,11 hervorgeht; daher übersetzt unser Übersetzer es auch kurz darauf als „du wirst nachstellen”.

Man sehe hier, wie wahnwitzig sowohl die Häretiker als auch die Götzendiener waren, die Ophiten genannt wurden, das heißt „Schlangenanbeter”, von ophis, das heißt Schlange, die sie anbeteten, weil sie, indem sie die verbotene Frucht nahelegte, für Adam und seine Nachkommen der Anfang der Erkenntnis von Gut und Böse gewesen war; und deshalb brachten sie ihr Brot dar. Epiphanius beschreibt den Ritus ihrer Darbringung (Häresie 37).

UND DU WIRST SEINER FERSE NACHSTELLEN. — Im Hebräischen steht dasselbe bereits genannte Verb iascuph, das die Septuaginta kurz zuvor als tereset übersetzten, das heißt „wird zertreten”: hier aber übersetzen sie es als tereseis, das heißt „du wirst beobachten” (nämlich, indem du ihm nachstellst). Denn so lesen hier Josephus, Philo, der hl. Hieronymus, Ambrosius, Irenäus, Augustinus und andere nach der Septuaginta. Denn die Schlangen rächen sich eigentümlicherweise, in Wiesen und Wäldern lauernd, nicht durch offene Gewalt, sondern durch List, und beißen die Unachtsamen von hinten und treffen die Ferse, und von da töten sie durch das Gift, das durch den ganzen Körper kriecht. So Rupertus.

Sinnbildlich sagt Philo: Die Ferse ist jener Teil der Seele, der an der irdischen Natur haftet und der zum leiblichen Empfinden und zu irdischen Vergnügungen geneigt und leicht zu bewegen ist. Diesem Teil, und durch ihn dem Geist und Willen, stellt der Teufel nach, und deshalb wusch Christus die Füße seiner Jünger beim Letzten Abendmahl, damit dies ein Zeichen dafür sei, dass jener Fluch der Ferse nun abgewaschen sei — der Fluch, durch den seit dem Anbeginn der Dinge den Bissen der Schlange ein Zugang offenstand.

In gleicher Weise stellt der Teufel der Ferse nach, das heißt, er versucht gleichsam von hinten durch Hinterhalt zu treffen (denn was hier nach hebräischer Art bezeichnet wird, ist nicht eine vollendete Handlung des Schlagens, sondern eine begonnene oder bloß versuchte) Christus, die selige Jungfrau und die Christen; aber er vermag nichts gegen sie, solange sie der Same Christi bleiben, das heißt Kinder Gottes. Füge hinzu, dass der Teufel in der Tat einige aus diesem Samen schlägt und zertritt, nämlich jene Gläubigen, die in der Kirche gleichsam die Ferse sind — das heißt die Niedrigsten, die Wertlosen und die auf Irdisches Gerichteten.

Ferner: Christi „Haupt” ist seine Gottheit, seine „Ferse” ist seine Menschheit. Während der Teufel diese Menschheit angriff und tötete, wurde er selbst getötet: denn damals zertrat Christus das Haupt des Teufels, das heißt, er stürzte seinen Hochmut und warf seine ganze Gewalt nieder.

Allegorisch bedeutet diese Feindschaft zwischen der Frau und der Schlange den Hass und den beständigen Krieg zwischen der Kirche und dem Teufel, wie der hl. Johannes lehrt (Offb 12,13) und die Väter allenthalben. Ja, einige, wie P. Gordon (Kontroverse I, Kap. 17), verstehen wörtlich unter „der Frau” die Kirche und unter „der Schlange” den Teufel. Aber die Frau bezeichnet vielmehr wörtlich eine Frau und mystisch die Kirche; daher nennt der Apostel (Eph 5,32) dies ein Sakrament, oder, wie es im Griechischen heißt, ein Mysterium Christi und der Kirche.

Tropologisch sagt der hl. Gregor (Moralia I, Kap. 38): „Wir zertreten das Haupt der Schlange”, sagt er, „wenn wir die Anfänge der Versuchung aus dem Herzen ausreißen; und dann stellt sie unserer Ferse nach, weil sie das Ende einer guten Handlung listiger und mächtiger angreift.” Und der hl. Augustinus zu den Psalmen 48 und 103: „Wenn der Teufel deine Ferse beobachtet, beobachte du sein Haupt. Sein Haupt ist der Anfang der bösen Einflüsterung; wenn er beginnt, Böses einzuflüstern, dann weise ihn zurück, bevor die Lust aufsteigt und die Zustimmung folgt. Und so wirst du seinem Haupt ausweichen, und folglich wird er deine Ferse nicht ergreifen”, nämlich:

„Wehre den Anfängen: zu spät wird das Heilmittel bereitet, wenn die Übel durch langen Aufschub erstarkt sind.”

Und der hl. Bernhard, An seine Schwester über die rechte Lebensführung, Kap. 29: „Das Haupt der Schlange wird zertreten”, sagt er, „wenn die Schuld dort gebessert wird, wo sie entsteht.” Alkuin oder Albinus fügt dem hinzu: Der Teufel, sagt er, stellt unserer Ferse nach, weil er das Ende unseres Lebens heftiger angreift. Aus diesem Grund fürchteten die Heiligen ihr Ende und dienten dann Gott um so eifriger. So sagte der hl. Hilarion, als er im Sterben Furcht empfand, zu sich selbst: „Fast siebzig Jahre hast du dem Herrn gedient, und du fürchtest dich zu sterben?” Abt Pambo sagte im Sterben: „Ich scheide nun hin zu meinem Gott; aber so, als einer, der bisher kaum begonnen hat, Gott wahrhaft und recht zu verehren.” Arsenius sagte: „Gib, o Herr, dass ich wenigstens jetzt beginne, fromm zu leben.” Der hl. Franziskus sagte nahe dem Tod: „Brüder, bis jetzt haben wir wenig Fortschritt gemacht; lasst uns nun beginnen, Gott zu dienen; lasst uns zu den Anfängen der Demut und des Noviziats zurückkehren.” Er sagte es und tat es, wie der hl. Bonaventura in seiner Lebensbeschreibung bezeugt. Ebenso sagte Antonius: „Heute betrachtet, dass ihr das Ordensleben begonnen habt.” Und Barlaam zu Josaphat: „Denke” jeden Tag, „dass du heute begonnen hast, Gott zu dienen, dass du heute enden wirst.” Agatho hatte heilig gelebt, und doch pflegte er zu sagen: „Ich fürchte den Tod, denn die Urteile Gottes sind verschieden von denen der Menschen.”


Vers 16: Ich werde deine Mühsal vermehren

ICH WERDE VERMEHREN. — Im Hebräischen harba arbe, „vermehrend werde ich vermehren”, das heißt, ich werde aufs Größte und Gewisseste vermehren. Denn diese Verdoppelung bezeichnet sowohl die Vielzahl als auch die Gewissheit.

Eine dreifache Strafe wird hier der Frau für ihre dreifache Sünde auferlegt. Denn erstens, weil sie der Schlange glaubte, die sprach: „Ihr werdet sein wie Götter”, hört sie: „Ich werde deine Mühsal und deine Empfängnisse vermehren”; zweitens, weil sie gierig die verbotene Frucht aß, hört sie: „Unter Schmerzen wirst du gebären”; drittens, weil sie ihren Mann verführte, hört sie: „Du wirst unter der Gewalt deines Mannes stehen.” So Rupertus.

„MÜHSAL UND EMPFÄNGNISSE.” — Das heißt, die Mühsal der Empfängnisse. Denn es ist ein bei den Hebräern häufiges Hendiadyoin, wie jenes des Dichters [Vergil]: „Er biß das Gold und den Zaum”, das heißt, er biß den goldenen Zaum.

Diese Leiden sind vor der Empfängnis die Unreinheiten und der Monatsfluss; bei der Empfängnis selbst die Entjungferung, Scham und Schmerz; nach der Empfängnis Unreinheit, Gestank, Verhaltung der Monatsblutung, unkontrollierbare Gelüste, die Last des Kindes während neun Monaten, Übelkeit, Krämpfe und sehr viele Gefahren, worüber man Aristoteles, Geschichte der Tiere VII, Kap. 4, nachschlage.

UNTER SCHMERZEN WIRST DU GEBÄREN. — Mit diesem Schmerz ist oft Lebensgefahr verbunden, sowohl für die Mutter als auch für das Kind, und zwar sowohl der Seele als auch des Leibes; und dieser Schmerz ist so groß, dass eine Frau, die ihn erfahren hatte, sagte: „Sie wolle lieber zehnmal unter Waffen um ihr Leben kämpfen, als einmal gebären.” Dieser Schmerz ist bei der Frau größer als bei irgendeinem Tier, wegen der schwierigeren Trennung der zusammenhängenden Teile, wie Aristoteles lehrt (oben, Kap. 9). Im Stande der Unschuld hätte die Frau diesem Schmerz durch die Wohltat und Vorsehung Gottes entgehen können. Siehe, wie eine so geringe Lust der Sünde — ein Tropfen, sage ich, Honig — wie viel Galle, wie viele Schmerzen über Eva und ihre gesamte Nachkommenschaft gebracht hat!

DU WIRST UNTER DER GEWALT DEINES MANNES STEHEN. — Nicht wie zuvor freiwillig, gern, mit wunderbarer Süße und Eintracht, sondern oft wider Willen, mit größtem Verdruss und Widerstreben. Denn hier empfing der Mann die Gewalt, seine Frau zu zügeln und zu bestrafen.

So Molina. Im Hebräischen heißt es: „Zu ihrem Manne wird sein ihr Verlangen” (teschukathek), das heißt ihre Begierde, ihr Sehnen oder ihre Zuflucht; oder, wie die Septuaginta und der Chaldäer haben, „deine Hinwendung wird sein”, als wolle er sagen: Was immer du begehrst, wirst du notwendigerweise zu deinem Manne Zuflucht nehmen müssen, damit du es erlangst und vollbringst. Daher, wenn du weise bist, sollen deine Augen stets das Antlitz, die Augen, den Wink und die Neigung deines Mannes beobachten, damit du ihm gefällst, seinen Wünschen entsprichst und ihn für dich gewinnst. Wenn du weise bist, begehre nichts anderes als das, wovon du weißt, dass es deinem Manne gefallen wird; wenn du Frieden und Ruhe liebst, denke und stimme mit deinem Manne überein; hüte dich, wider den Stachel auszuschlagen. Rupertus fügt hinzu: „Du wirst unter der Gewalt deines Mannes stehen.” So wahr ist dies, sagt er, dass nach römischem Recht selbst bei den Heiden einer Ehefrau nicht gestattet war, ohne die Ermächtigung ihres Mannes ein Testament zu errichten; und weil sie unter der Hand ihres Mannes stand, sagte man, sie habe eine Minderung ihres Rechtsstandes erlitten.

„Und er wird über dich herrschen.” — Diese Herrschaft des Mannes ist, wenn sie gerecht und maßvoll ist, dem Naturrecht gemäß; wenn sie gebieterisch und tyrannisch ist, ist sie wider die Natur; aber beide sind der Frau lästig und sind Strafe der Sünde. Daher ist es wider die Natur und gleichsam eine Missgeburt, wenn eine Frau über ihren Mann herrschen will.


Vers 17: Verflucht sei der Erdboden um deinetwillen

17. „Weil du gehört hast” — weil du deiner Frau mehr gehorcht hast als Mir. „Verflucht sei der Erdboden in deiner Arbeit.” — Man beachte mit Adam, Prokopius, Abulensis und Pererius, dass die Erde hier von Gott nicht schlechthin verflucht wird, sondern „in deiner Arbeit”, weil sie nämlich dir, o Adam, wenn du sie bearbeitest und dich über ihr abmühst, wenig Früchte bringen wird, ja oft Dornen und Disteln, wie folgt.

Zweitens, obwohl die Erde auch vor der Sünde von Natur aus Dornen und Disteln hervorgebracht hätte (was zwar Beda, Rupertus und andere leugnen, was aber richtiger ist, wie ich bei Kapitel 1, Vers 12 gezeigt habe), so ist eben dies nun zur Strafe des sündigenden Menschen geworden; denn hätte Adam nicht gesündigt, so hätte er ohne jede Arbeit von den Früchten des Paradieses gelebt (an welchem Ort der Wonne alles dem Menschen geholfen und ihn erquickt hätte und nichts gewesen wäre, was ihm geschadet hätte, und folglich keine Dornen darin gewesen wären); nun aber erntet er, wenn er arbeitet, um sich Nahrung zu verschaffen, oft Dornen und Disteln, von denen er nicht genährt, sondern verletzt wird.

Man füge drittens hinzu, dass durch diese Sünde Adams die ursprüngliche Güte und Fruchtbarkeit der Erde gehemmt und vermindert worden zu sein scheint, und deshalb bringt sie jetzt häufiger und an mehr Orten Dornen und Disteln hervor als vor der Sünde; denn dies geschah Kain, als er sündigte, Genesis IV, 12. So droht auch den Israeliten Gott oft durch die Propheten um ihrer Sünden willen mit einem ehernen Himmel und einer eisernen Erde. So bestraft Gott auch heute oft Städte und Königreiche mit Unfruchtbarkeit wegen der Sünden. Daher übersetzen der Chaldäer und Aquila: „Verflucht sei der Erdboden deinetwegen”; und Theodotion: „Verflucht sei der Erdboden in deiner Übertretung”; denn die Wurzel abar bedeutet übertreten.

Man beachte viertens: Der hebräische Text hat jetzt ba'avureka, das heißt „deinetwegen”, wie der Chaldäer und Aquila übersetzen. Unsere Vulgata aber liest mit der Septuaginta (woraus erhellt, dass diese Lesart alt und daher authentischer ist) ba'avodeka, das heißt „in deiner Arbeit”. Denn die Buchstaben Resch und Daleth sind einander sehr ähnlich, so dass ein Abrutschen von einem zum anderen leicht möglich ist.

Tropologisch sagt der hl. Basilius in seiner Homilie Über das Paradies: „Die Rose ist hier mit Dornen verbunden und ruft uns beinahe mit offener Stimme zu, indem sie spricht: Was euch angenehm ist, o Menschen, ist mit Traurigkeiten vermischt. Denn wahrlich, in den menschlichen Angelegenheiten ist es so eingerichtet, dass nichts darin rein ist, sondern sogleich der Fröhlichkeit und Heiterkeit die Trauer angeklebt wird, der Ehe die Witwenschaft, der Kindererziehung die Sorge und Ängstlichkeit, der Fruchtbarkeit die Fehlgeburt, dem Glanz des Lebens die Schmach, den glücklichen Erfolgen die Verluste, den Genüssen die Übersättigung, der Gesundheit die Krankheit. Die Rose ist zwar schön, aber sie fügt mir Traurigkeit zu. Jedes Mal, wenn ich diese Blume sehe, werde ich an meine Sünde erinnert, deretwegen die Erde verurteilt wurde, Dornen und Disteln hervorzubringen.”

„In Mühsal wirst du davon essen.” — Das hebräische Wort itsabon bezeichnet Arbeit, vermischt mit großen Beschwerden, Trübsalen und Schmerzen, wie es die landwirtschaftliche Arbeit ist, und sie ist mannigfaltig, vielfältig und ununterbrochen, wobei der Mensch dennoch, wie sehr er sich auch anstrengt, kaum den Unterhalt für sich und die Seinen beschafft.

Isidorus Clarius bemerkt, dass hier Gott einem jeden passend seine Strafen auferlegt: nämlich die Schlange hatte sich hochmütig aufgerichtet; deshalb wird ihr befohlen, am Boden zu kriechen. Die Frau hatte die Genüsse der Frucht gekostet; deshalb wird ihr befohlen, unter Schmerzen zu gebären. Adam hatte feige seiner Frau nachgegeben; deshalb wird ihm befohlen, in Mühsal seine Nahrung zu beschaffen. Dies ist also „das schwere Joch auf den Kindern Adams, vom Tage ihres Ausgangs aus dem Schoße ihrer Mutter bis zum Tage des Begräbnisses in der Mutter aller”, Jesus Sirach 40,1. Unter diesem Joch seufzen wir alle.

„Davon.” — Im Hebräischen: „Du wirst es essen”, das heißt seine Sprösslinge und Früchte.

18. „Und du wirst das Kraut des Feldes essen” — als wolle er sagen: Nicht die Köstlichkeiten und Früchte des Paradieses, nicht Rebhühner, Hasen, gebratenes und gekochtes Fleisch, sondern die schlichten und geringen Kräuter der Erde wirst du essen, sowohl um der Mäßigkeit als auch um der Buße willen. Denn die Hebräer nennen Kräuter der Erde oder des Feldes die gewöhnlichen und geringen Kräuter, von denen die unvernünftigen Tiere ebenso wie der Mensch sich nähren. Denn durch die Sünde war der Mensch gleichsam wie ein Ross und ein Maulesel geworden: daher muss er sich von derselben Speise nähren wie sie.

Den tropologischen Sinn findet man bei Cassian, Unterredungen, Buch XXIII, Kapitel 11.


Vers 19: Denn Staub bist du, und zum Staub wirst du zurückkehren

19. „Denn Staub bist du, und zum Staub wirst du zurückkehren.” — Die Septuaginta hat: „Denn Erde bist du, und zur Erde wirst du zurückkehren.” Der Mensch leidet also nach der Sünde gleichsam an einer unheilbaren Schwindsucht, nämlich dem Kampf und der Verderbnis der entgegengesetzten Eigenschaften, die ihn allmählich aufzehrt und tötet. Das hebräische aphar bezeichnet eigentlich Staub; aber, wie ich zuvor sagte, dieser Staub, aus dem Adam gemacht wurde, war mit Wasser vermischt und war daher Schlamm und Lehm der Erde, weshalb auch der Leichnam des Menschen nach dem Tod sich in Lehm auflöst. Warum also erhebst du dich, der du Erde und Asche bist? Hieraus ist klar, dass der Tod für den Menschen nicht eine Bedingung der Natur, sondern die Strafe der Sünde ist. Daher sagt der hl. Augustinus scharfsinnig in Sentenz 260: „Der Mensch war unsterblich geschaffen worden: er wollte Gott sein; er verlor nicht, was er als Mensch war, aber er verlor, was er als Unsterblicher war, und aus dem Hochmut des Ungehorsams wurde die Strafe der Natur zugezogen.” Dasselbe erhellt aus Römer 5,12 und Weisheit 2,23. Der hl. Chrysostomus meint, dass dieses Todesurteil das vorhergehende mildert: „In Mühsal wirst du davon essen.” Wie nützlich uns nämlich diese Strafe ist, zeigt Rupertus gelehrt in Buch III, Kapitel 24 und 25, wo er unter anderem sagt, erstens: „Damit der Mensch den bösen Tod seiner Seele nicht verkenne und sorglos in seinen Vergnügungen bis zum Morgengrauen des letzten Gerichts schlafe, schlägt Gott ihn mit dem Tod des Fleisches, damit er wenigstens durch die Furcht vor seinem Nahen erwache; daher wollte Er auch zweitens, dass Tag und Stunde des Todes unbekannt seien, die den Menschen stets besorgt und stets in der Schwebe haltend, ihm nicht gestatten, hochmütig zu sein.” Drittens lehrt er anhand von Plotin, dass es ein Erbarmen Gottes war, den Menschen sterblich zu machen, damit er nicht durch die immerwährenden Leiden dieses Lebens gequält werde. Viertens wollte Gott, dass der Mensch in Mühsal lebe.

„Die sterblichen Herzen mit Sorgen schärfend und nicht zulassend, dass sein Reich in schwerem Stumpfsinn erstarrt.”

So Rupertus.

Was ist also der Mensch, sittlich betrachtet? Höre die Heiden. Erstens ist der Mensch ein Spielball des Glücks, ein Bild der Unbeständigkeit, ein Spiegel der Vergänglichkeit, eine Beute der Zeit, sagt Aristoteles; zweitens ist der Mensch ein Sklave des Todes, ein vorübergehender Wanderer; drittens ist er ein Ball, mit dem Gott spielt, sagt Plautus; viertens ist er ein schwacher und zerbrechlicher Leib, nackt, wehrlos, fremder Hilfe bedürftig, jeder Unbill des Schicksals preisgegeben, sagt Seneca; fünftens ist er ein Band der Verderbnis, ein lebendiger Tod, eine empfindende Leiche, ein sich drehendes Grab, ein dunkler Schleier, sagt Trismegistos; sechstens ist er ein Trugbild und ein zarter Schatten, sagt Sophokles; siebtens ist er der Traum eines Schattens, sagt Pindar; achtens ist er ein Verbannter und ein Fremdling in einer elenden Welt: denn was ist die Welt jetzt anderes als ein Kästchen der Schmerzen, eine Schule der Eitelkeit, ein Marktplatz der Betrüger? wie ein gewisser Philosoph sagte.

Was ist der Mensch? Höre die Gläubigen, die Weisen und die Propheten. Erstens ist der Mensch übelriechender Same, ein Sack voll Unrat, Wurmfraß, sagt der hl. Bernhard; zweitens ist der Mensch der Spott Gottes, sagt Kaiser Zeno, der floh, als er von der Niederlage der Seinen hörte; drittens ist der Mensch ein Tropfen aus einem Eimer, eine Heuschrecke, ein Zünglein an der Waage, ein Tropfen Morgentau, Gras, eine Blume, nichts und Leere, wie Jesaja sagt in Kapitel 40, Vers 6, 15, 17, 22; viertens ist er lauter Nichtigkeit, wie der Psalmist sagt, Psalm 38,6; fünftens ist er ein vorauseilender Bote, ein vorüberfahrendes Schiff, ein vorüberfliegender Vogel, ein abgeschossener Pfeil, Rauch, Flaum, dünner Schaum, ein Gast eines einzigen Tages, Weisheit Kapitel 5, Vers 9; sechstens ist er Staub und Asche, wie Abraham sagt in Genesis Kapitel 18, Vers 27; siebtens: „Der Mensch, von einer Frau geboren, lebt kurze Zeit und wird von vielen Leiden erfüllt; er geht hervor wie eine Blume und wird zertreten, und flieht wie ein Schatten, und verbleibt nie im gleichen Zustand”, Ijob 14,1. Lerne also, o Mensch, sowohl dich selbst als auch die Welt zu verachten. Höre den hl. Augustinus in seinen Sentenzen, der letzten Sentenz: „Du rühmst dich deiner Reichtümer und prahlst mit dem Adel deiner Vorfahren, und du frohlockst über dein Vaterland und die Schönheit deines Leibes und über die Ehren, die dir von den Menschen erwiesen werden: blicke auf dich selbst, denn du bist sterblich, und du bist Erde, und zur Erde wirst du gehen; schaue um dich auf jene, die vor dir in ähnlichem Glanze erstrahlten: wo sind jene, um die die Macht der Bürger buhlte? wo die unüberwindlichen Kaiser? wo jene, die Versammlungen und Feste veranstalteten? wo die prächtigen Reiter der Pferde? wo die Heerführer? wo die tyrannischen Statthalter? Jetzt ist alles Staub, jetzt ist alles Asche, jetzt ist in wenigen Versen ihre Erinnerung. Blicke auf die Gräber und sieh, wer Knecht, wer Herr, wer arm, wer reich ist; unterscheide, wenn du kannst, den Gefangenen vom König, den Starken vom Schwachen, den Schönen vom Entstellten. Eingedenk also deiner Natur, erhebe dich niemals; und du wirst eingedenk sein, wenn du auf dich selbst blickst.”

So fand Zosimas, als er zu Ostern an den mit der hl. Maria von Ägypten vereinbarten Ort zurückkehrte, sie tot daliegen, und daneben in die Erde geschrieben: „Begrabe, Abba Zosimas, den armen Leib Marias: gib Erde der Erde zurück und Staub dem Staub.” Und da er keine Hacke hatte, erschien ein Löwe, der mit seinen Krallen die Erde aufgrub und ein Grab anlegte, in dem Zosimas den Leib der Heiligen begrub.


Vers 20: Und Adam nannte den Namen seiner Frau Eva

„Er nannte”, nachdem er aus dem Paradies vertrieben worden war; denn sogleich nach der Sünde und dem Urteil Gottes wurde er aus dem Paradies vertrieben. Es handelt sich also hier um eine Prolepsis oder Vorwegnahme.

Eva. — Im Hebräischen ist es chavva, das heißt lebend, oder besser lebenspendend, von der Wurzel chaia, das heißt er lebte, „weil sie die Mutter aller Lebenden sein sollte.” Daher übersetzen die Septuaginta Eva als zoe, das heißt Leben. Vom hebräischen chaia oder chava, das heißt er lebte, stammt der Imperativ chave oder have, das heißt lebe — was das Wort eines Grüßenden und Wohlwünschenden ist, gleichbedeutend mit dem griechischen chaire, hygiaine. Für have sagen die Lateiner ave; und die Karthager havo. Daher jener Vers des Plautus im Poenulus: „Havo (das heißt sei gegrüßt, Heil), aus welchem Lande seid ihr? oder aus welcher Stadt?” So unser Serarius zu Josua, Kapitel 2, Frage 25.

Man beachte, dass die Rabbinen fälschlich die Vokalzeichen in chavva gesetzt haben: denn es sollte als Cheva oder Heva punktiert und gelesen werden; so nämlich haben es die Septuaginta, unsere Vulgata und andere gelesen. Ebenso lesen die Rabbinen in ihrer Unwissenheit Cores statt Kyrus und Dariaves statt Darius.

Mit diesem Namen Eva tröstet Adam sich und seine Frau, die von Gott zum Tode verurteilt waren, dass er durch Eva lebende Nachkommen zeugen werde, in denen auch sie, obwohl zum Sterben bestimmt, dennoch gleichsam als Eltern in ihren Kindern immerwährend fortleben würden.

Daher war Eva ein Vorbild der seligen Maria, die die Mutter der Lebenden ist, nicht mit zeitlichem, sondern mit geistlichem und ewigem Leben im Himmel. So der hl. Epiphanius, Häresie 78. Eine bessere Mutter also ist Maria als Eva. Denn Eva ist und kann genannt werden die Mutter aller, sowohl der Sterbenden als auch der Lebenden. Daher sagen Lyra und Abulensis: Eva bedeutet die Mutter aller, nicht schlechthin, sondern derer, die elend und jämmerlich in diesem sterblichen Leben leben. Daher betrachten einige fromm, dass Eva treffend so genannt wird, als ob dieser Name auf das Wehklagen der von Eva erzeugten Kleinen anspielt: denn ein neugeborenes Knäblein ruft bei seinem Wehklagen „a”, während ein Mädchen „e” sagt, als wolle es sagen: Mögen alle, die von Eva geboren werden, „e” oder „a” sagen. Ferner ist Eva durch Anastrophe und Apokope im Lateinischen ve („wehe”); durch bloße Anastrophe ist es ave („sei gegrüßt”), was der Erzengel Gabriel der seligen Jungfrau zum Gruße entbot.


Vers 21: Gott machte für Adam und seine Frau Kleider aus Fellen

Man beachte hier den unterschiedlichen Charakter des Teufels und Gottes: Der Teufel bringt den Menschen mit irgendeinem geringen Vergnügen zu Fall, dann lässt er ihn sogleich in der Tiefe des Elends und der Verwirrung liegen, so dass er allen, die ihn sehen, ein erbärmliches Schauspiel wird; Gott aber kommt selbst seinem erbärmlichen Feind zu Hilfe, kleidet ihn und bedeckt ihn. Origenes versteht hier nicht wirkliche Fellkleider, sondern fleischliche und sterbliche Leiber, mit denen Adam und Eva nach der Sünde bekleidet worden seien; denn es sei lächerlich, sagt er, zu behaupten, Gott sei Adams Gerber und Schuster von Fellen gewesen. Aber dies ist ein Irrtum: denn diese Worte sind historisch und wörtlich zu nehmen, wie sie lauten, wie der hl. Augustinus lehrt in Buch XI Über die Genesis dem Wortlaut nach, Kapitel 39, und tatsächlich Origenes selbst in Homilie 6 über Levitikus: „Mit solchen Gewändern, sagt er, musste der Sünder bekleidet werden (nämlich Fellkleidern), die ein Zeichen der Sterblichkeit sein sollten, die er durch die erste Sünde empfangen hatte, und der Gebrechlichkeit, die von der Verderbnis des Fleisches herrührte.” Theodorus von Heraklea und Gennadius meinen, dass hier Baumrinde als Felle bezeichnet wird und dass Adams Gewänder daraus gefertigt wurden. Aber Theodoret widerlegt dies mit Recht in Frage 39. Gott schuf diese Felle nicht aus dem Nichts, wie Prokopius meint, sondern ließ sie entweder durch den Dienst der Engel von geschlachteten Tieren abziehen (denn Gott schuf nicht nur ein Paar von jeder Art, wie Theodoret meint, sondern mehrere am Anfang); oder Er verwandelte und formte sie augenblicklich aus einer anderen Quelle.

Ferner verstehe man die Felle hier als natürliche, nämlich mit Vlies und Haaren: denn dies besagt das hebräische or und das lateinische pelliceas; und zwar erstens, damit diese Gewänder Adam und Eva sowohl im Winter als auch im Sommer durch bloßes Umkehren dienten. Zweitens, weil sie nicht zum Schmuck gegeben wurden, sondern aus Notwendigkeit, nämlich um ihre Blöße zu bedecken und die Unbilden des Wetters abzuwehren. Drittens, weil diese Gewänder ein Sinnbild waren nicht nur der Schamhaftigkeit, sondern auch der Genügsamkeit, der Enthaltsamkeit und der Buße. Nicht mit Purpur, nicht mit Tuch, sondern mit Fellen wie mit einem Büßergewand kleidete Gott die Menschen nach der Sünde, um zu lehren, dass unsere Kleidung in ähnlicher Weise schlicht sein solle. Daher ermutigten sich die heiligen vierzig Soldaten und Märtyrer, die nach dem Bericht des hl. Basilius vom Statthalter entkleidet und in einen gefrorenen See geworfen wurden, damit sie durch seine Kälte getötet würden, mit diesen Worten: „Wir legen nicht ein Kleid ab, sagen sie, sondern den alten Menschen, der durch den Betrug der Begierlichkeit verdorben ist; wir danken Dir, Herr, dass wir zusammen mit diesem Kleid auch die Sünde ablegen dürfen: denn wegen der Schlange zogen wir es an, doch wegen Christus legen wir es ab.” So wurden sie, beinahe von der Kälte getötet, den Flammen übergeben, während Engel vom Himmel ihre Triumphkronen zeigten. Viertens erinnerten diese Gewänder, die aus den Fellen toter Tiere gefertigt waren, Adam daran, dass er des Todes schuldig war. So der hl. Augustinus, Buch II Über die Genesis gegen die Manichäer, Kapitel 21, Alkuin und andere.

Allegorisch war der bekleidete Adam ein Vorbild Christi, der, obwohl er rein und heilig war, dennoch mit Fellen bekleidet werden wollte, das heißt mit unseren Sünden bekleidet werden wollte, als er, der Gestalt nach als Mensch befunden, in der Ähnlichkeit des sündigen Fleisches gemacht wurde. Warum rühmst du dich also, o Mensch, eines seidenen Gewandes? Denn die Kleidung ist ein Zeichen und Brandmal der Sünde; ebenso wie Fußfesseln, wie Ketten, seien sie aus Eisen oder aus Erz, die Sinnbilder und Bande der Diebe und Übeltäter sind. So war das Gewand der ersten römischen Senatoren, über das Properz schreibt:

„Die Kurie, die jetzt hoch erstrahlt mit dem purpurgesäumten Senat, barg fellbekleidete Väter bäuerlichen Herzens.”


Vers 22: Siehe, Adam ist geworden wie einer von Uns

„Dies”, sagt der hl. Augustinus in Buch II Über die Genesis gegen die Manichäer, Kapitel 22, „kann auf zweifache Weise verstanden werden: entweder ‚einer von uns', als ob er selbst Gott wäre, was zum Spott gehört, wie man sagt: ‚Einer von den Senatoren', das heißt ein Senator; oder freilich, weil er selbst Gott gewesen wäre, wenn auch durch die Wohltat seines Schöpfers, nicht von Natur aus, wenn er unter dessen Gewalt hätte bleiben wollen: so ist gesagt ‚von uns', wie man sagt: ‚Von den Konsuln oder Prokonsuln', der es nicht mehr ist.” Dann fügt der hl. Augustinus hinzu: „Aber zu welchem Zweck ist er geworden wie einer von uns? Zur Erkenntnis nämlich, Gutes und Böses zu unterscheiden, damit dieser Mensch durch Erfahrung lernte, indem er das Böse empfindet, was Gott durch Weisheit weiß: und er möge durch seine Strafe lernen, dass die Macht des Allmächtigen, die er als Glückseliger und Einwilliger nicht ertragen wollte, unausweichlich ist.” Der erstere Sinn ist der eigentlichere: denn das Wort „geworden” erfordert ihn. Es handelt sich also um Ironie und Sarkasmus, als wolle er sagen: Adam wollte durch das Essen der Frucht Uns ähnlich werden — seht, wie unähnlich er geworden ist; er wollte Gutes und Böses erkennen — seht, in welchen Abgrund der Unwissenheit er gestürzt ist. So Gennadius, Theodoret und Rupertus, der sagt: „Adam ist wie einer von Uns geworden, so dass Wir nicht mehr eine Dreifaltigkeit sind, sondern eine Vierfaltigkeit: obwohl er nicht mit Gott Gott, sondern gegen Gott Gott zu sein trachtete.” Dies sind die Worte Gottes des Vaters nicht an die Engel, wie Oleaster und Abulensis meinen, sondern an den Sohn und den Heiligen Geist, wie offenkundig ist, und so versteht es Abulensis selbst in Kapitel 13, Frage 486.

„Nun also” — ergänze: müssen wir Vorsorge treffen, oder er muss aus dem Paradies vertrieben werden. Es handelt sich um eine Aposiopese (ein absichtliches Abbrechen der Rede).

„Und lebe ewig” — sondern er soll vielmehr sterben, gemäß dem über ihn gefällten Urteil in Kapitel 2, Vers 17; dieser Tod ist eine Strafe für den Menschen und zugleich eine Abkürzung der Strafe; denn es ist Gottes Gewohnheit, sagt der hl. Chrysostomus hier, dass Er im Strafen nicht weniger als im Wohltun Seine Vorsehung für uns kundtut, wie Rupertus sagt: „Da der Mensch elend ist, sei er auch zeitlich, und so sei er unähnlich sowohl Gott als auch dem Teufel: denn Gott ist sowohl ewig als auch selig, und Sein ist die ewige Seligkeit, die selige Ewigkeit: von diesen beiden hat der Teufel das eine verloren, nämlich die Seligkeit; aber die Ewigkeit hat er nicht verloren, und sein ist die ewige Unseligkeit, die unselige Ewigkeit. Lasst uns den Menschen schonen, spricht Gott; und da er die Seligkeit verloren hat, lasst uns dem Elenden auch die Ewigkeit entreißen; so dass er in keiner Hinsicht wie einer von Uns ist. Unser ist die ewige Seligkeit, die selige Ewigkeit; sein sei die zeitliche Elendigkeit oder die elende Zeitlichkeit, und dann wird ihm die Ewigkeit bequemer wiederhergestellt werden, wenn die Seligkeit zurückgewonnen worden ist.”


Vers 23: Und Er vertrieb ihn aus dem Paradies

Im Hebräischen steht yeshallachehu in der Piel-Form, das heißt Er stieß aus, vertrieb ihn. Die Septuaginta fügt hinzu: „Und Er setzte ihn gegenüber” oder in Sichtweite (denn das bedeutet apenanti) des Paradieses, damit er nämlich bei dessen Anblick beständig das verlorene Gut beweinte und um so bitterer Buße tue.

Man beachte: Gott sandte Adam durch einen Engel hinaus, der ihn entweder an der Hand hinausführte, wie Raphael den Tobias, oder ihn hinwegraffte, wie Habakuk aus Judäa nach Babylon entrückt wurde, um Daniel eine Mahlzeit zu bringen. So der hl. Augustinus und Abulensis, der hinzufügt, dass der Engel Adam aus dem Paradies nach Hebron versetzte, wo er geschaffen worden war, gelebt hatte und später begraben wurde.

Man mag fragen, an welchem Tag dies geschehen ist. Abulensis meint, Adam habe am zweiten Tag nach seiner Erschaffung gesündigt und sei aus dem Paradies vertrieben worden, das heißt am Sabbat. Pererius sagt am achten Tag, und zwar zu dem Zweck, dass er in der Zwischenzeit einiger Tage jenen seligen Zustand im Paradies erfahren möge. Andere sagen am vierzigsten Tag: daher fastete Christus ebenso viele, nämlich vierzig Tage, für diese Schlemmerei Adams. Wieder andere sagen im vierunddreißigsten Jahr, so wie Christus vierunddreißig Jahre lebte und diese Sünde sühnte.

Allgemein aber überliefern die Väter — der hl. Irenäus, Kyrill, Epiphanius, der Sarugenser, der hl. Ephräm, Philoxenus, Barcepha und Diodorus nach dem Bericht des Pererius —, dass Adam an demselben Tag, an dem er geschaffen wurde, gesündigt hat und aus dem Paradies vertrieben wurde, nämlich am sechsten Wochentag, dem Freitag; ja sogar in derselben Stunde, in der Christus am Kreuz außerhalb Jerusalems starb und den Schächer und uns alle dem Paradies zurückgab. Dieser Meinung kommt der Ablauf der Schrift entgegen: denn aus Vers 8 geht hervor, dass dies nach dem Mittag geschah, als die Hitze nachließ und ein sanfter Windhauch wehte. Auch der Neid des Teufels kommt ihr entgegen, der Adam nicht lange stehen ließ. Auch die Vollkommenheit der Natur, in der Adam geschaffen wurde, kommt ihr entgegen, durch die er sich, wie auch der Engel, sogleich entschied und die eine oder andere Seite wählte. Schließlich hätte er, wäre er lange im Paradies gewesen, gewiss vom Baum des Lebens gegessen. Wie also Christus sich an demselben Ort kreuzigen lassen wollte, nämlich auf dem Kalvarienberg, wo Adam begraben war: so hat Er selbst den Tag unserer Sünde und Verbannung gekennzeichnet, um die Verluste jenes Tages zu bezahlen und abzutragen.

Der hl. Ephräm (nach dem Bericht des Barcepha am Ende von Buch I Über das Paradies), Philoxenus und Jakob von Sarug fügen hinzu, dass Adam um die neunte Stunde des Vormittags erschaffen und um die dritte Stunde des Nachmittags aus dem Paradies vertrieben wurde, und so nur sechs Stunden im Paradies verweilte.


Vers 24: Cherubim und ein flammendes Schwert

„Und Er stellte vor das Paradies der Wonne die Cherubim und ein flammendes, sich nach allen Seiten wendendes Schwert.” — Man fragt: Wer sind die Cherubim, und was ist dieses Schwert?

Erstens meinen Tertullian in seinem Apologeticum und der hl. Thomas, II-II, Frage 165, letzter Artikel, es sei die heiße Zone, die wegen ihrer Hitze unpassierbar ist und die Gott, wie sie sagen, zwischen unsere Gegenden und das Paradies gesetzt hat.

Zweitens vertreten Lyra und Tostatus die Ansicht, dass es ein Feuer sei, das das Paradies von allen Seiten umgibt. Viele Väter, die am Ende dieses Kapitels anzuführen sind, meinen dasselbe.

Drittens meinen Theodoret und Prokopius, es seien Mormolykien — gewisse schreckenerregende Gespenster, wie die Vogelscheuchen, die in Gärten gegen die Vögel aufgestellt werden.

Ich aber sage, dass all dies im eigentlichen Sinne zu nehmen ist, wie es lautet, nämlich dass Engel aus der Ordnung der Cherubim vor das Paradies gestellt wurden, um den Zugang dazu sowohl Adam und den Menschen als auch den Dämonen zu verwehren, damit nämlich nicht die Dämonen selbst, nachdem sie das Paradies betreten hätten, die Frucht vom Baum des Lebens pflückten und sie den Menschen anböten, indem sie ihnen Unsterblichkeit versprächen, um sie auf diese Weise zu ihrer Liebe und Verehrung zu verlocken. So der hl. Chrysostomus, Augustinus, Rupertus und andere.

Man beachte erstens: Die Bewachung des Paradieses wurde eher den Cherubim als den Thronen, Tugenden oder Fürstentümern anvertraut, weil die Cherubim die wachsamsten und scharfsinnigsten sind; daher werden sie nach der Erkenntnis Cherubim genannt, und deshalb sind sie die geeignetsten Rächer der Allwissenheit Gottes, die Adam begehrt hatte. Hieraus ist klar, dass auch die höheren Engel zur Erde gesandt werden, wie ich bei Hebräer 1, letzter Vers, gezeigt habe.

Man beachte zweitens: Diese Cherubim scheinen in menschlicher Gestalt bekleidet gewesen zu sein; denn sie halten und schwingen ein flammendes Schwert, das sich nach allen Seiten wendet, um damit diejenigen zu schlagen, die das Paradies zu betreten versuchen würden.

Man beachte drittens: Für „flammendes Schwert” steht im Hebräischen lahat hacherev, das heißt „die Flamme des Schwertes.” Daher ist ungewiss, ob dieses Schwert eine Flamme war, die die Gestalt und das Aussehen eines Schwertes hatte, oder ob es wirklich ein Schwert war, aber glühend vor Feuer, blitzend und gleichsam Flammen speiend.

Man beachte viertens: Dieses Schwert wurde entfernt und hörte auf, ebenso wie die Cherubim, als das Paradies sein Ende fand, nämlich in der Sintflut.

Allegorisch ist, wie der hl. Ambrosius zu jenem Vers von Psalm 118 sagt: „Vergilt deinem Knecht, und ich werde leben”, und Rupertus in Buch III, Kapitel 32, dieses flammende Schwert das Feuer des Fegefeuers, das Gott vor das himmlische Paradies für jene Sterbende setzte, die in diesem Leben noch nicht völlig geläutert worden sind; und von dort führen die Cherubim, das heißt die Engel, die völlig geläuterten Seelen in das Paradies, das heißt in den Himmel. Ja, der hl. Ambrosius, Origenes, Laktanz, Basilius und Rupertus meinen aufgrund dieser Stelle, dass vor dem Himmel ein Feuer aufgestellt wurde, durch das alle Seelen, auch die des hl. Petrus und des hl. Paulus, nach dem Tod hindurchgehen müssen, damit sie durch es geprüft werden, und wenn sie unrein befunden werden, durch es geläutert werden, worüber ich bei 1 Korinther 3,15 gesprochen habe.

Sittlich beachte man: Sechs Strafen wurden Adam (zusammen mit Eva) und ihren Nachkommen auferlegt, die passend seinen sechs Sünden entsprechen: seine erste Sünde war der Ungehorsam — deswegen empfand er die Auflehnung des Fleisches und der Sinne; seine zweite war die Schlemmerei — deswegen wurde er mit Arbeit und Ermüdung bestraft. „Im Schweiße deines Angesichts wirst du dein Brot essen”; seine dritte war der Diebstahl der Frucht — deswegen wurde er mit leiblichem Schmerz bestraft, nämlich Hunger, Durst, Kälte, Hitze, Krankheiten usw. „Ich werde deine Mühsal vermehren”; seine vierte war die Ungläubigkeit, durch die er Gott nicht glaubte und dem Dämon glaubte — deswegen wurde er mit dem Tod bestraft, durch den die Seele fortgeht und vom Leib getrennt wird; seine fünfte war die Undankbarkeit — deswegen verdiente er es, seiner Habe beraubt zu werden, die er von Gott empfangen hatte, und zu Asche zu werden. „Staub bist du, und zum Staub wirst du zurückkehren”; seine sechste war der Hochmut — dadurch verdiente er es, des Paradieses, des Himmels und der Himmelsbewohner beraubt und in die Hölle hinabgestoßen zu werden.

Aus dem Gesagten erhellt, dass Adams Sünde, wenn man die primäre und eigentliche Art der Sünde betrachtet, nicht die schwerste von allen war: denn es war Ungehorsam gegen ein positives Gesetz Gottes, und schwerer als dieser ist die Gotteslästerung, der Hass gegen Gott, die verstockte Unbußfertigkeit usw. Daher sündigten Arius, Luther, Judas und andere schwerer als Adam. Wenn man jedoch die Schäden betrachtet, die aus dieser Sünde folgten, so war Adams Sünde die schwerste von allen: denn durch sie richtete er sich selbst und alle seine Nachkommen zugrunde, und so wird jeder, der verdammt wird, entweder unmittelbar oder mittelbar wegen dieser Sünde verdammt; und aus diesem Grunde kann diese Sünde unvergebbar genannt werden, weil ihre Schuld und Strafe auf alle seine Nachkommen übergeht und dies auf keine Weise vergeben oder verhindert werden kann.