Cornelius a Lapide
Inhaltsverzeichnis
Übersicht des Kapitels
Josef betrauert zusammen mit seinen Brüdern und den Ägyptern seinen verstorbenen Vater und begräbt ihn in Hebron. Zweitens, bei Vers 15, tröstet er seine Brüder, die wegen ihres Verbrechens voll Furcht waren. Drittens, bei Vers 22, stirbt er und begehrt in Kanaan begraben zu werden.
Text der Vulgata: Genesis 50,1–26
1. „Als Josef dies sah, fiel er auf das Angesicht seines Vaters, weinte und küßte ihn.“ 2. „Und er befahl seinen Knechten, den Ärzten, seinen Vater mit Spezereien einzubalsamieren.“ 3. „Als sie seine Anordnung ausführten, vergingen vierzig Tage, denn dies war der Brauch bei einbalsamierten Leichen, und Ägypten beweinte ihn siebzig Tage.“ 4. „Und als die Zeit der Trauer vollendet war, sprach Josef zum Hause des Pharao: ‚Wenn ich Gnade gefunden habe vor euren Augen, redet in die Ohren des Pharao,‘“ 5. „‚denn mein Vater hat mich schwören lassen und gesagt: Siehe, ich sterbe; in meinem Grabe, das ich mir im Lande Kanaan gegraben habe, sollst du mich begraben. So laß mich nun hinaufziehen und meinen Vater begraben, und ich werde zurückkehren.‘“ 6. „Und Pharao sprach zu ihm: ‚Zieh hinauf und begrabe deinen Vater, wie er dich hat schwören lassen.‘“ 7. „Und als er hinaufzog, gingen mit ihm alle Ältesten vom Hause des Pharao und alle Vornehmen des Landes Ägypten;“ 8. „das Haus Josefs mit seinen Brüdern, ausgenommen die Kleinen sowie die Schafe und Rinder, die sie im Lande Gosen zurückgelassen hatten.“ 9. „Er hatte auch in seinem Gefolge Wagen und Reiter, und es ward eine sehr große Schar.“ 10. „Und sie kamen zur Tenne Atad, die jenseits des Jordan liegt, wo sie die Totenfeier mit großem und heftigem Wehklagen begingen und sieben Tage zubrachten.“ 11. „Als die Bewohner des Landes Kanaan dies sahen, sprachen sie: ‚Dies ist eine große Trauer bei den Ägyptern.‘ Und deshalb wurde der Name jenes Ortes ‚Die Trauer Ägyptens‘ genannt.“ 12. „So taten die Söhne Jakobs, wie er ihnen geboten hatte,“ 13. „und sie trugen ihn ins Land Kanaan und begruben ihn in der Höhle Machpela, die Abraham mit dem Felde zum Erbbegräbnis von Efron dem Hetiter gekauft hatte, Mamre gegenüber.“ 14. „Und Josef kehrte nach Ägypten zurück mit seinen Brüdern und seinem ganzen Gefolge, nachdem er seinen Vater begraben hatte.“ 15. „Nach seinem Tode fürchteten sich seine Brüder und sprachen zueinander: ‚Vielleicht wird er sich der erlittenen Unbill erinnern und uns all das Böse vergelten, das wir ihm angetan haben,‘“ 16. „und sie sandten zu ihm und ließen sagen: ‚Dein Vater hat uns vor seinem Tode befohlen,‘“ 17. „‚daß wir dir diese Worte in seinem Namen sagen sollten: Ich bitte dich, vergib das Verbrechen deiner Brüder und die Sünde und die Bosheit, die sie an dir verübt haben; auch wir bitten dich, daß du diese Missetat den Knechten des Gottes deines Vaters vergibst.‘ Als Josef diese Worte hörte, weinte er.“ 18. „Und seine Brüder kamen zu ihm und warfen sich vor ihm zu Boden und sprachen: ‚Wir sind deine Knechte.‘“ 19. „Er antwortete ihnen: ‚Fürchtet euch nicht; können wir dem Willen Gottes widerstehen?‘“ 20. „‚Ihr habt Böses wider mich ersonnen, aber Gott hat es zum Guten gewendet, um mich zu erhöhen, wie ihr jetzt seht, und viele Völker zu retten.‘“ 21. „‚Fürchtet euch nicht; ich will euch und eure Kleinen ernähren.‘ Und er tröstete sie und sprach freundlich und sanft zu ihnen.“ 22. „Und er wohnte in Ägypten mit dem ganzen Hause seines Vaters und lebte hundertundzehn Jahre. Und er sah Efraims Kinder bis ins dritte Geschlecht. Auch die Kinder Machirs, des Sohnes Manasses, wurden auf Josefs Knien geboren.“ 23. „Nach diesen Dingen sprach er zu seinen Brüdern: ‚Nach meinem Tode wird Gott euch heimsuchen und euch aus diesem Lande hinaufführen in das Land, das er Abraham, Isaak und Jakob zugeschworen hat.‘“ 24. „Und nachdem er sie hatte schwören lassen und gesprochen hatte: ‚Gott wird euch heimsuchen; nehmt meine Gebeine von hier mit euch‘;“ 25. „starb er, als er hundertundzehn Jahre seines Lebens vollendet hatte. Und einbalsamiert mit Spezereien wurde er in einem Sarge in Ägypten beigesetzt.“
Vers 2: Die Einbalsamierung Jakobs
„Den Ärzten, daß sie seinen Vater mit Spezereien einbalsamierten“, nämlich mit Balsam, Myrrhe, Kassia und anderen Wohlgerüchen, welche den Leichnam sowohl vor Verwesung bewahren als ihm auch einen angenehmen Duft verleihen. Einzigartig waren in dieser Kunst der Einbalsamierung die Ägypter; davon zeugen bis auf den heutigen Tag ihre Mumien, das heißt Leichname, die vor vielen hundert Jahren bestattet wurden und jetzt ausgegraben und verkauft werden und den Apothekern als Arzneien dienen: denn diese werden aus Ägypten gebracht. Den ägyptischen Brauch der Einbalsamierung beschreiben Herodot im dritten Buche und Diodorus im ersten Buche.
Anagogisch sagt Rabanus: „Glücklich jene Seele, welche, mit den Wohlgerüchen der Tugenden einbalsamiert, während sie im Sarge des Leibes weilt, für das ewige Leben bewahrt wird.“
Vers 5: „Das ich gegraben habe“
„Ich habe gegraben“, das heißt, ich habe gekauft. So hat Hosea „gegraben“, das heißt sich ein Weib gekauft, Hosea 3,3. Daher bedeutet diese Wendung „erwerben“, wie ich dort erklärt habe. „Graben“ bedeutet hier „kaufen“.
Du wirst einwenden: In Vers 13 heißt es, nicht Jakob, sondern Abraham habe diese Grabhöhle gekauft. Ich antworte: Abraham hat sie gekauft; weil aber später den Hetitern wegen derselben Höhle ein Streit gegen Jakob erhoben wurde, war Jakob gezwungen, sie ein zweites Mal zu kaufen. Andere erklären es so: „das ich gegraben habe“, oder gekauft habe, das heißt, was mein Großvater Abraham gekauft hat, dessen Sohn und Erbe ich bin. Ich aber sage, daß „ich habe gegraben“ hier einfach wörtlich zu nehmen ist; denn in dieser großen Doppelhöhle konnten verschiedene Gräber ausgehoben werden; Jakob grub sich darum das seinige selbst aus. So Vatablus, Pererius und andere.
Vers 10: Die Tenne Atad
Diese Tenne wurde auf hebräisch Atad genannt, nach der Menge der Dornen. Dieser Ort liegt, wie Prokopius sagt, in der Nähe von Jericho; sein heutiger Name ist „Bet-Hagla“, das heißt „Haus des Kreises“. Denn als sie dort den verstorbenen Jakob beweinten, standen sie um den Leichnam in der Gestalt eines Kreises und einer Krone. So sagt der hl. Hieronymus, nur daß er sagt, sie seien um den Leichnam herumgezogen, welches der Brauch der alten Heiden war, wie aus Homer und Virgil erhellt; sodann riefen sie den Verstorbenen „Heil“ und „Lebe wohl“ zu und wünschten ihnen leichte Erde, Frieden und Ruhe, wie Kirchmann im dritten Buche Über die Bestattungen, Kapitel 3 und 9, lehrt.
„Jenseits des Jordan.“ Das heißt für die, welche aus Kanaan kommen; denn für die, welche aus Ägypten kommen, liegt Atad diesseits des Jordan.
Beachte: Josef hielt mit seinem Gefolge diese Totenklage in Atad, nicht in Hebron, wo der Vater begraben werden sollte, damit sie nicht, wenn sie so lange in Hebron, das heißt im Innern Kanaans, verweilten, bei den Kanaanitern irgendeinen Verdacht des Verrats erregten oder mit ihnen in Streit oder Krieg gerieten. In Atad also beweinte Josef mit seinem ganzen Gefolge den Vater sieben Tage; von dort zog er nach Hebron, und nachdem er den Vater dort begraben hatte, kehrte er sogleich heim. So sagt der hl. Augustinus.
Vers 16: Die Brüder senden zu Josef
„Sie sandten Botschaft.“ Sie schickten einen Boten oder Gesandten, vielleicht Benjamin, der unschuldig und Josefs leiblicher Bruder war, welcher dieses von Josef nicht so sehr in seinem eigenen Namen als im Namen ihres verstorbenen Vaters erbitten sollte. Die Brüder scheinen hier zu lügen und den Namen des Vaters zu mißbrauchen, um sich, ihrer Schuld bewußt, damit zu schützen. Denn der Vater, der durch Erfahrung von Josefs Tugend, Sanftmut und Liebe, die er seinen Brüdern erwiesen hatte, überzeugt war, fürchtete für seine Brüder nichts Böses von ihm; und hätte er es gefürchtet, so hätte er es, solange er lebte, dem Josef gesagt und ihnen vollkommene Verzeihung und Vergessen der vergangenen Unbilden erwirkt.
Vers 17: „Den Knechten des Gottes deines Vaters“
„Daß du den Knechten“ (so ist mit den Hebräern, Griechen und Römern zu lesen, nicht „dem Knechte“) „des Gottes deines Vaters“ vergibst. Das heißt, daß du uns, die wir Knechte Gottes sind — Gottes, sage ich, des wahren und angestammten Gottes, den dein Vater verehrt hat — die Missetat vergibst, die wir an dir verübt haben.
Vers 19: Josef weinte
„Josef weinte“, betrübt darüber, daß seine Brüder in Angst waren und seiner Versöhnung mißtrauten. Josephus berichtet dies getreu: Josef wollte sich nicht rächen; denn er wußte, daß die Lust der Rache augenblicklich ist, die Lust der Barmherzigkeit aber ewig.
Vers 19: „Können wir dem Willen Gottes widerstehen?“
„Fürchtet euch nicht: können wir dem Willen Gottes widerstehen?“ Also, sagt Melanchthon, ist der Verrat des Judas und der Verkauf Josefs ebenso ein Werk Gottes wie die Berufung des Petrus. So auch Calvin.
Ich antworte: Vor allem übersetzt die Septuaginta: „Fürchtet euch nicht, ich gehöre Gott“, das heißt, ich bin sein Knecht; und der Chaldäer gibt es wieder: „Fürchtet euch nicht, ich fürchte Gott“, gleichsam als wollte er sagen: Fern sei es von mir, der ich ein Knecht und Nachahmer Gottes bin, irgendein Verlangen nach Rache oder nach Vergeltung zu hegen. So der hl. Chrysostomus und Bellarmin im zweiten Buche Über den Verlust der Gnade, Kapitel 11. Ebenso erklärt Suarez unsere Lesart: „Können wir dem Willen Gottes widerstehen“, nämlich seinem Willen, daß ich euch schonen soll?
Zum Verständnis unserer Lesart aber beachte: Gott hatte durch seinen absoluten Willen vor allen Dingen beschlossen, Josef nach Ägypten zu senden, sei es durch sich selbst oder durch seine Brüder, und ihn dort zu erhöhen und durch ihn der gemeinen Hungersnot zu begegnen. Sodann sah er voraus, daß die Bosheit der Brüder ein geeignetes Mittel zu diesem Zwecke sein würde, wenn er zuließe, daß sie den Haß ausführten, den sie gegen Josef gefaßt hatten. Darum beschloß Gott in weiser Vorsehung, dies zuzulassen und zu dem genannten Ende zu lenken.
Beachte zweitens: Gott hat hinsichtlich der Sünden einen zweifachen Willen und eine zweifache Vorsehung: erstens einen zulassenden Willen, nicht aber einen, der zur Sünde antreibt, wie Calvin behauptet; zweitens einen ordnenden Willen, durch den er die Sünde auf gerechte Strafe oder auf irgendein anderes gemeines oder privates Gut hinlenkt. Keinem dieser Willen Gottes kann der Mensch im eigentlichen Sinne widerstehen. Denn beide ruhen in Gott allein und hängen von der Freiheit Gottes ab.
Mit Unrecht hat daher Cicero, um die Freiheit des menschlichen Willens zu verteidigen, geleugnet, daß dieser Gott unterworfen und von ihm regiert werde; daher hat der hl. Augustinus im fünften Buche Vom Gottesstaat, Kapitel 9, mit Recht von ihm gesagt: „Cicero hat, um uns frei zu machen, uns zu Gotteslästerern gemacht.“
Du wirst einwenden: Also kann der Mensch auch der Sünde nicht widerstehen; denn dies folgt notwendig aus dem zulassenden Willen Gottes. Ich antworte: Aus diesem Willen Gottes folgt die Sünde nicht notwendig, sondern unfehlbar, so wie sie aus dem Vorherwissen Gottes folgt; denn die Sünde folgt nicht dem Willen Gottes, sondern geht ihm voraus: denn sie ist dessen Gegenstand. Und so, bevor Gott die Sünde zulassen will, sieht er sie voraus und sieht, daß sie geschehen wird, wenn er sie zulassen will. Denn die eigentliche und positive Ursache der Sünde ist der Wille des Menschen; der Wille Gottes aber ist nur eine zulassende Ursache der Sünde, welche nur eine notwendige Bedingung ist (eine Ursache, ohne welche sie nicht geschähe).
Beachte drittens: Josef führt hier, um zu zeigen, daß er das Unrecht seiner Brüder vergessen hat, und um es zu mildern und seine Brüder zu trösten, nach der Art frommer und heiliger Männer diese Sünde seiner Brüder auf beide Willen Gottes zurück. Daher steht im Hebräischen: „Bin ich denn an Gottes Statt?“ das heißt: „Bin ich Gott?“ — der nämlich alle diese Dinge so angemessen und schicklich angeordnet und gefügt hat — gleichsam als wollte er sagen: Da Gott, der alles durch seinen Wink lenkt und ordnet, beschlossen hat, mich nach Ägypten zu senden und mich darüber zu setzen, sowohl zu meinem als zu eurem Besten, ja zum gemeinen Besten aller, nämlich um die allgemeine Hungersnot zu lindern, und zu diesem Zwecke euer Verbrechen zuließ, durch welches ihr mich nach Ägypten verkauft habt, und es gleichsam als Mittel zu dieser meiner Erhöhung gebraucht hat: so sei es fern von mir, die zu strafen, deren Verbrechen mir zum höchsten Gute geworden ist und welche Gott errettet haben will. Vielmehr sollen wir uns über den so glücklichen Ausgang freuen, welcher mir und euch durch den Willen und die Vorsehung Gottes aus eurem Verbrechen widerfahren ist; und dies alles soll dem Willen Gottes, der es sowohl zuließ als lenkte, zugeschrieben und unterworfen werden. Daß dies der Sinn ist, erhellt aus dem Folgenden und aus Kapitel 45, Verse 5 und 8.
So die Ausleger und Lehrer, besonders der hl. Chrysostomus in der vierundsechzigsten Homilie und Ambrosius im Buche Über Josef, Kapitel 12; und aus diesen Luis de Molina, erster Teil, Frage 19, Artikel 9, Disputation 2. So sagt der Apostel im elften Kapitel des Römerbriefes, um die Heiden zum Mitleid zu bewegen, damit sie nicht unwillig würden, sondern vielmehr den Schmerz über den Unglauben der Juden teilten, daß ihr Unglaube und ihre Übertretung das Heil der Heiden geworden sei: weil nämlich die evangelische Predigt und die Herolde des Evangeliums, nämlich die Apostel, von den Juden zurückgewiesen, sich den Heiden zuwandten und sie zum Glauben, zum Heil und zur Gnade führten. Und der Apostel fügt hinzu, daß Gott „alles unter den Unglauben beschlossen“ hat, das heißt zugelassen hat, daß alles unter die Sünde beschlossen werde, „damit er sich aller erbarme“ — gleichsam als wollte er sagen: Darum ahmt auch ihr, o Heiden, Gott nach, und wie Gott sich eurer erbarmt hat, so erbarmt auch ihr euch der Juden.
So haben die Heiligen, die alles dem Willen Gottes anheimgaben, die Fehler und Leiden, die ihnen von andern zugefügt wurden, entschuldigt und sie mit ruhigem und heiterem Gemüte aufgenommen: wie David, der den Fluch Simeïs auf den Willen Gottes zurückführte, welcher seine Sünden strafen wollte, und ihn darum nicht bestraft wissen wollte. Und die Makkabäer, welche ihre Leiden als von Gott angenommen und als göttliche Züchtigung ertrugen. Sophronius erzählt von einem Abt, dem ein Schüler aus Unachtsamkeit sehr bittere Kräuter bei Tische vorsetzte; der Abt verbarg die Sache. Als der Schüler später dieselben Kräuter kostete, erkannte er seinen Fehler und bat um Verzeihung. Da sprach der Abt zu ihm: „Es war der Wille Gottes, daß du mir solche Speise vorsetztest. Denn hätte Gott anders gewollt, so hätte er dich etwas anderes vorsetzen lassen.“ Denn dies ist ein Akt großer Demut, Ergebung und Gleichförmigkeit mit dem göttlichen Willen, worin die menschliche und engelhafte Vollkommenheit besteht.
Dies erkannte dunkel der heidnische Pythagoras, welcher unter den goldenen Versen und Vorschriften seiner Ethik diese unter die ersten setzte: „Was immer an Leiden die Sterblichen von den Göttern empfangen, / Wie es dein Los dir gebracht, verweigere nicht es geduldig zu tragen: / Doch ist die Heilung nicht zu verachten.“
Vers 20: „Ihr habt Böses wider mich ersonnen“
„Ihr habt ersonnen“ nur, weil ihr eure Anschläge als bloße Menschen gegen mich, da Gott mich beschützte, nicht ausführen konntet.
Vers 21: „Freundlich und sanft“
Im Hebräischen heißt es: „Er redete zu ihrem Herzen.“ Mögen die Gläubigen hier sehen, mögen es sehen und die Fürsten nachahmen die Milde und Sanftmut Josefs, ja Christi, der spricht: „Lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen.“
Der Kaiser Alexander Severus war milde; seine Mutter und seine Gattin warfen ihm dies vor und sprachen: „Du hast deine kaiserliche Würde weichlicher und verächtlicher gemacht.“ Er antwortete: „Aber sicherer und dauerhafter.“
Der Kaiser Konstantius hatte die Entführer einer gewissen Jungfrau verbannt; die Eltern waren unwillig, daß diese nicht mit dem Tode bestraft worden seien. Da sprach er: „Mögen sie die Gesetze der Milde bis hierher tadeln; aber dem Kaiser geziemt es, die andern durch die Gesetze eines höchst sanften Gemütes zu übertreffen.“
So hat Karl der Große, als seine Tochter mit seinem Geheimschreiber Eginhart Unzucht getrieben hatte, keinen von beiden mit dem Tode gestraft, obwohl beide ihn verdient hätten, sondern sie in der Ehe verbunden. Die Sache erzählt Lipsius ausführlich im zweiten Buche Politischer Ermahnungen, Kapitel 12, Nummer 12.
Rudolf, der österreichische Kaiser, der aus einem strengeren Fürsten ein milderer geworden war, sagte: „Es hat mich zuweilen gereut, streng und hart gewesen zu sein; mild und versöhnlich zu sein, niemals.“
Jemand erbat von Ludwig XII. die Güter eines Bürgers von Orléans, welcher der erbittertste Feind Ludwigs gewesen war zu der Zeit, da Ludwig nur Herzog von Orléans war und mit König Karl VIII. von Frankreich im Streit lag. Diesem antwortete Ludwig mit wahrhaft königlichem Sinn: „Bitte von mir etwas anderes, und deine Verdienste werden ihren Lohn empfangen. Jenen Mann aber laß fahren: denn der König von Frankreich rächt nicht die Unbilden des Herzogs von Orléans“ — gleichsam als wollte er sagen: Nachdem ich König geworden bin, will ich die mir während meines Herzogtums zugefügten Unbilden nicht rächen.
Alfons, König von Aragonien, antwortete, wie Panormitanus bezeugt, gefragt, warum er gegen alle, selbst die Bösen, so mild sei: „Weil die Gerechtigkeit die Guten gewinnt, die Milde aber die Bösen.“ Und als die Seinen über seine allzu große Nachsicht klagten: „Was denn“, sprach er, „wollt ihr, daß Bären und Löwen herrschen? Die Milde ist den Menschen eigen, die Wildheit den Tieren. Lieber will ich viele durch meine Milde retten als wenige durch meine Strenge zugrunde richten.“ Einer wandte ihm ein: Hüte dich, daß deine Milde nicht zum Verderben gerate. Ihm erwiderte er: „Im Gegenteil, vieles muß ich ertragen, damit ich nicht in den Haß falle.“ Derselbe König antwortete, gefragt, was seine Widersacher am meisten zu bewegen pflege: „Der Ruf der Versöhnlichkeit und Sanftmut.“
Derselbe König zog mit geordnetem Heere gegen die Venezianer; als diese ihm entgegenkamen und demütig um Frieden baten, und seine Leute ihnen irgendetwas abzupressen begehrten, antwortete Alfons: „Ich halte keinen anderen Lohn für den gewährten Frieden als den, Feinden, die sich mir zu Füßen geworfen haben, Frieden zu geben.“ Mit Recht sagt Ovid: „Die dem Menschen geziemende Lust ist, einen Menschen zu retten: / Und keine bessere Gunst wird durch irgendeine Kunst erstrebt.“
Dies sehen wir jetzt in Belgien.
Vers 22: Josef lebte hundertundzehn Jahre
Dies ist der Zeitraum des Lebens Josefs: Josef wurde von seinen Brüdern im sechzehnten Jahre seines Alters verkauft, im 107. Jahre Jakobs und im Jahre der Welt 2216. Er ertrug Sklaverei und Gefängnis dreizehn Jahre lang. Aus dem Gefängnis befreit, wurde er im 30. Jahre seines Alters Herrscher Ägyptens, im 121. Jahre seines Vaters, im Jahre der Welt 2230. Er rief seinen Vater Jakob nach Ägypten und empfing ihn dort freudig im 39. Jahre seines Alters, im 130. seines Vaters, im Jahre der Welt 2239, welches das neunte seit seiner Erhöhung und Herrschaft war und das zehnte nach dem Tode Isaaks. Josef starb im 110. Jahre seines Alters, im 80. seit seiner Erhöhung, im 54. nach dem Tode seines Vaters, im Jahre der Welt 2310, 144 Jahre vor dem Auszug Moses und der Hebräer aus Ägypten.
In moralischem Sinne sagt der hl. Chrysostomus in der 67. und letzten Homilie: „Hast du gesehen, wie die Belohnungen größer sind als die Mühen und die Vergeltungen reichlicher? Denn dreizehn Jahre lang ertrug er Sklaverei und Gefängnis; achtzig Jahre lang verwaltete er das Königreich.“
„Auch die Söhne Machirs.“ „Söhne“, das heißt: Sohn; denn Machir zeugte nur einen; es ist eine Enallage (Vertauschung) der Zahl. So der hl. Augustinus.
„Wurden auf seinen Knien geboren“, das heißt: Josef nahm den Sohn Machirs, sobald er geboren war, als seinen eigenen an und setzte ihn darum auf seine Knie und empfing ihn dort, wie Rahel getan hat, Kapitel 30, Vers 3.
Vers 24: „Nehmt meine Gebeine mit euch“
„Nehmt meine Gebeine mit euch“, damit ich mit meinem Vater, Großvater und Urgroßvater in Kanaan begraben werde, dem Land, das Gott uns verheißen hat. Siehe, was zu Kapitel 47, Verse 29 und 30, gesagt wurde. Dies ist, was Paulus im Hebräerbrief 11,22 sagt: „Durch den Glauben gedachte Josef, als er starb, des Auszugs der Söhne Israels und gab Befehl hinsichtlich seiner Gebeine.“
Dies aber tat er, wie der hl. Chrysostomus sagt, nicht unbedacht; denn er hatte zwei Absichten: erstens, damit die Ägypter, die sich seiner Wohltaten erinnerten, da sie nach ihrer Sitte leicht Menschen zu Göttern machten, nicht den Leib des Gerechten als Anlaß zur Gottlosigkeit hätten; zweitens, damit sie ganz sicher und gewiß wären, daß sie zurückkehren würden. „Und man konnte eine neue und wunderbare Sache sehen: der, welcher ganz Israel in Ägypten nährte, war auch der Anführer der Rückkehr und derjenige, der sie in das Land Israel führen würde.“ Die Israeliten hielten die dem Josef gegebenen Verheißungen, denn als sie aus Ägypten auszogen, nahmen sie die Gebeine Josefs mit sich und brachten sie nach Kanaan und begruben sie in Sichem, wie im Buche Josua 24,32 berichtet wird.
Anagogisch sagt Rabanus: „Josef, der seinen Aufenthalt im Lande Ägypten verabscheute, ersehnte das verheißene Land, damit wir, solange wir in dieser Pilgerschaft sind, die wahre Heimat begehren, das Land der Lebenden, das den Gerechten verheißen ist, und uns wünschen, nach dem Tode dorthin versetzt zu werden.“ Und darum laßt uns häufig mit dem Psalmisten seufzen: „Wehe mir, daß meine Pilgerschaft sich in die Länge zieht! Ich wohnte bei den Bewohnern von Kedar. Meine Seele sehnt sich und verschmachtet nach den Vorhöfen des Herrn.“
Ähnlich denen Josefs und Jakobs — nämlich fromm und himmlisch — waren die sterbenden Ermahnungen und Wünsche anderer Patriarchen und Heiliger: wie die des Mose, Deuteronomium 31 und 32; Josua, Kapitel 24; David, 2. Samuel 22 und 23; Elischa, 2. Könige 13; Mattathias, 1. Makkabäer 2.
Sterbeworte der Heiligen und frommen Männer
So unterwies der hl. Basilius sterbend die um ihn Versammelten mit heiliger Lehre, und indem er sprach: „In deine Hände, o Herr, empfehle ich meinen Geist“, hauchte er freudig seine Seele aus. Zeuge ist Nazianzenus, Rede 20.
Der hl. Ambrosius sprach sterbend: „Ich habe nicht so gelebt, daß ich mich schämen müßte, unter euch zu leben. Aber ich fürchte auch nicht zu sterben, weil wir einen guten Herrn haben.“
Der hl. Augustinus sprach sterbend: „Es ist nicht verwunderlich, daß Balken und Steine fallen und daß Sterbliche sterben.“
Der hl. Chrysostomus schrieb in der Verbannung und in großer Bedrängnis kurz vor seinem Tode an Papst Innozenz: „Wir sind nun im dritten Jahre der Verbannung, ausgesetzt der Pest, dem Hunger, dem Krieg, unaufhörlichen Überfällen, unsäglicher Einsamkeit, täglichem Tode und den isaurischen Schwertern.“ Zuletzt von diesen Dingen erschöpft, sprach er sterbend: „Ehre sei dir, o Herr, für alle Dinge“, wie Nicephorus im 13. Buche, Kapitel 37, berichtet.
Der hl. Martin entspannte sterbend, mit Augen und Händen zum Himmel gerichtet, niemals seinen unbesiegten Geist vom Gebet; und als die Priester ihn baten, seinen armen Leib durch Umwenden auf die Seite zu erleichtern, sprach er: „Laßt mich lieber zum Himmel blicken als zur Erde, damit der Geist, der sich nun auf seinen Weg zum Herrn anschickt, nach oben gerichtet werde.“ Als er dies gesagt hatte, sah er den Teufel daneben stehen; zu diesem sprach er: „Was stehst du hier, du blutiges Ungeheuer? Nichts Todbringendes wirst du an mir finden. Der Schoß Abrahams wird mich aufnehmen“, wie Sulpitius berichtet.
Der hl. Fulgentius, von einer sehr schweren Krankheit ergriffen, sprach: „Herr, gib mir jetzt Geduld und hernach Vergebung.“ Und indem er von den Seinen Verzeihung für seine Verfehlungen erbat und das übrige Geld unter die Armen verteilte, schied er aus diesem Leben.
Der hl. Gregor schrieb kurz vor seinem Tode an die Patrizierin Rusticana: „Bitterkeit der Seele, beständiger Verdruß und die Plage der Gicht quälen mich, so daß mein Leib vertrocknet ist wie in einem Grabe. Deshalb bitte ich, daß ihr für mich betet, damit ich schneller aus diesem Kerker geführt werde.“
Der hl. Hilarion sprach sterbend, wie der hl. Hieronymus bezeugt: „Geh hinaus, was fürchtest du, meine Seele? Was zögerst du? Denn beinahe siebzig Jahre lang hast du Christus gedient, und du fürchtest den Tod?“
Der hl. Bernhard sprach sterbend: „Diese drei Dinge habe ich im Leben beobachtet, die ich euch anempfehle: erstens, ich habe meinem eigenen Urteil weniger getraut als dem anderer; zweitens, verletzt, habe ich nicht Rache an dem gesucht, der mich verletzte; drittens, ich habe niemals jemandem ein Ärgernis geben wollen; und wenn es je geschah, habe ich es beruhigt, so gut ich konnte.“
Gerhard, des hl. Bernhard Bruder, sprach sterbend: „Lobet den Herrn von den Himmeln her, lobet ihn in den Höhen.“
Ferdinand, König von Kastilien, sprach sterbend: „Herr, das Königreich, das ich von dir empfangen habe, gebe ich dir zurück; stelle mich, ich bitte dich, in das ewige Licht.“
Karl, König von Sizilien, sprach sterbend: „O eitle Gedanken der Menschen! Was nützt mir jetzt das Königreich? Wie viel besser wäre es gewesen, ein armer Mann gewesen zu sein und nicht ein König!“