Cornelius a Lapide
Inhaltsverzeichnis
Synopsis des Kapitels
Jakob, dem Tode nahe, ruft seine Söhne zusammen, segnet sie und weissagt, welches Gute und Böse ihren Nachkommen widerfahren wird. Zweitens, in Vers 29, gebietet er, daß er in Kanaan begraben werde, und stirbt. Einige betiteln dieses Kapitel: „Die Segnungen der zwölf Patriarchen“; andere: „Die Weissagung über die zwölf Patriarchen“. Beide zu Recht und richtig: denn Jakob tut hier beides.
Vulgata-Text: Genesis 49,1–33
1. „Und Jakob rief seine Söhne und sprach zu ihnen: ‚Versammelt euch, damit ich euch verkündige, was euch in den letzten Tagen widerfahren wird.‘ 2. ‚Versammelt euch und höret, Söhne Jakobs, höret auf Israel, euren Vater.‘ 3. ‚Ruben, mein Erstgeborener, du bist meine Stärke und der Anfang meines Schmerzes: der Erste in Gaben, der Größere an Macht.‘ 4. ‚Du bist ausgegossen wie Wasser, mögest du nicht wachsen; denn du bist auf das Lager deines Vaters gestiegen und hast sein Bett befleckt.‘ 5. ‚Simeon und Levi, Brüder, Gefäße der Bosheit in ihrem Kampf.‘ 6. ‚Meine Seele komme nicht in ihren Rat, und meine Ehre sei nicht in ihrer Versammlung; denn in ihrer Wut haben sie einen Mann erschlagen, und in ihrem Eigenwillen haben sie eine Mauer niedergerissen.‘ 7. ‚Verflucht sei ihre Wut, weil sie hartnäckig war; und ihr Grimm, weil er hart war: ich werde sie in Jakob teilen und in Israel zerstreuen.‘ 8. ‚Juda, dich werden deine Brüder preisen: deine Hand wird auf dem Nacken deiner Feinde sein; die Söhne deines Vaters werden sich vor dir beugen.‘ 9. ‚Juda ist ein junger Löwe: zum Raube, mein Sohn, bist du hinaufgestiegen. Ruhend hast du dich niedergekauert wie ein Löwe, und wie eine Löwin — wer wird ihn aufwecken?‘ 10. ‚Das Zepter wird nicht von Juda weichen, noch der Herrscherstab von seinen Lenden, bis er kommt, der gesandt werden soll, und er wird die Erwartung der Völker sein.‘ 11. ‚Er bindet sein Füllen an den Weinstock und sein Eselinnenjunges an die Rebe, o mein Sohn. Er wird sein Gewand im Wein waschen und sein Kleid im Blut der Traube.‘ 12. ‚Seine Augen sind schöner als Wein, und seine Zähne weißer als Milch.‘ 13. ‚Sebulon wird wohnen am Ufer des Meeres und am Hafen der Schiffe und reicht bis nach Sidon.‘ 14. ‚Issachar, ein starker Esel, gelagert zwischen den Grenzen.‘ 15. ‚Er sah, daß die Ruhe gut war und das Land vortrefflich; und er beugte seine Schulter, Lasten zu tragen, und wurde ein tributpflichtiger Knecht.‘ 16. ‚Dan wird sein Volk richten wie jeder andere Stamm in Israel.‘ 17. ‚Dan sei eine Schlange am Wege, eine gehörnte Natter auf dem Pfade, die in die Fersen des Pferdes beißt, so daß sein Reiter rücklings hinabstürzt.‘ 18. ‚Auf dein Heil warte ich, o Herr.‘ 19. ‚Gad, gegürtet, wird vor ihm kämpfen, und er selbst wird von hinten gegürtet sein.‘ 20. ‚Ascher, sein Brot wird fett sein, und er wird Königen Köstlichkeiten bereiten.‘ 21. ‚Naftali, ein freigelassener Hirsch, der Worte der Schönheit gibt.‘ 22. ‚Josef ist ein wachsender Sohn, ein wachsender Sohn und schön anzusehen: die Töchter laufen an der Mauer entlang.‘ 23. ‚Aber sie reizten ihn und zankten mit ihm und beneideten ihn, die Wurfspieße hatten.‘ 24. ‚Sein Bogen ruhte in Stärke, und die Bande seiner Arme und Hände wurden gelöst durch die Hände des Mächtigen Jakobs: von dort ging der Hirt hervor, der Stein Israels.‘ 25. ‚Der Gott deines Vaters wird dein Helfer sein, und der Allmächtige wird dich segnen mit den Segnungen des Himmels von oben, mit den Segnungen des Abgrunds, der unten liegt, mit den Segnungen der Brüste und des Leibes.‘ 26. ‚Die Segnungen deines Vaters sind verstärkt durch die Segnungen seiner Väter, bis das Begehren der ewigen Hügel kommt: mögen sie auf dem Haupte Josefs ruhen und auf dem Scheitel des Nasiräers unter seinen Brüdern.‘ 27. ‚Benjamin, ein reißender Wolf; am Morgen wird er den Raub verzehren, und am Abend wird er die Beute verteilen.‘“ 28. Alle diese sind die zwölf Stämme Israels; dies sagte ihr Vater zu ihnen und segnete einen jeden mit seinem eigenen Segen. 29. Und er gebot ihnen und sprach: „Ich werde zu meinem Volke versammelt: begrabet mich bei meinen Vätern in der doppelten Höhle, die im Acker Ephrons des Hethiters liegt, 30. gegenüber von Mamre im Lande Kanaan, die Abraham samt dem Acker von Ephron dem Hethiter als Grabstätte gekauft hat.“ 31. Dort haben sie ihn begraben und Sara, seine Frau; dort wurde Isaak mit Rebekka, seiner Frau, begraben; und dort liegt auch Lea bestattet. 32. Und als er die Befehle beendet hatte, mit denen er seine Söhne unterwies, zog er seine Füße auf das Bett hinauf, verschied und wurde zu seinem Volke versammelt.
Beachte hier an Jakob den alten Brauch, nach dem sterbende Eltern ihren Söhnen oder Untergebenen ihre letzten Worte gaben — entweder Orakel oder Heilsmahnungen — und ihnen dann den Segen erteilten. So tat es auch Mose, Deuteronomium, Kapitel 31, 32 und 33; und Josua, im letzten Kapitel; und Samuel, 1 Könige, Kapitel 12; und Tobit, Kapitel 3; und Mattatias, 1 Makkabäer 2; und Christus der Herr, Johannes, Kapitel 14 und 15.
Es existiert im dritten Band der Bibliothek der heiligen Väter das Testament der zwölf Patriarchen, nämlich dieser zwölf Söhne Jakobs, in welchem vieles, was zu diesem Kapitel gehört, erklärt wird. Darin werden sehr viele Dinge erzählt — sowohl prophetische Orakel als auch Ermahnungen zur Tugend und zur Gottesverehrung; auch werden viele Weissagungen aus dem Buche Henoch eingefügt. Es ist alt; denn Origenes erwähnt es in der 15. Homilie zu Josua, und Prokop von Gaza in Kapitel 33 der Genesis. Robert, Bischof von Lincoln, hat es aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt. Doch ist dieses Testament von unsicherer und zweifelhafter Verfasserschaft; denn es enthält viele wunderliche und neuartige Dinge, die jüdischen Fabeln ähneln.
Vers 1: In den letzten Tagen
„In den letzten Tagen.“ Das heißt in zukünftigen Zeiten. Denn das hebräische acharit, das unser Übersetzer mit „letzten“ wiedergibt, bedeutet „folgend, später, was nachher sein wird“: denn Jakob sagt hier einiges voraus, was bald eintrat, einiges, das unter Josua, einiges, das unter den Richtern, einiges, das unter Christus sich ereignete, und einiges, das unter dem Antichrist geschehen wird.
Weissagung und Segen Rubens
3. „Ruben, mein Erstgeborener“ — was Zeugung und Geburt betrifft; denn im übrigen entzieht Jakob ihm hier das Recht der Erstgeburt wegen seines Inzestes mit Bilha. Ruben war in diesem Jahr, welches das 147. und letzte Jakobs war, 62 Jahre alt, Simeon 61, Levi 60, Juda 59, Josef 56, wie aus dem in Kapitel 30 Gesagten erhellt.
„Du bist meine Stärke“ — den ich nämlich als ersten in der Kraft meines Alters gezeugt habe.
„Und der Anfang meines Schmerzes.“ Weil geborene Kinder den Eltern neue Sorgen, Schmerzen und Ängste bringen; oder vielmehr, gleichsam als wollte er sagen: Du bist mir die Hauptursache des Schmerzes und der Traurigkeit gewesen wegen deines Inzestes. Im Hebräischen steht rescit oni, was zweitens mit dem Chaldäer, mit Vatablus und anderen übersetzt werden kann als: „der Anfang meiner Kraft“, das heißt meiner Zeugungskraft, gleichsam als wollte er sagen: Indem ich dich als ersten zeugte, habe ich meine männliche Kraft und Zeugungskraft gezeigt. Daher übersetzen die Siebzig: „der Anfang meiner Söhne“. So gibt es auch unser Übersetzer in Deuteronomium 21,17 wieder. Daraus geht hervor, daß Jakob vor seiner Ehe mit Lea keusch gelebt und keine Frau erkannt hatte.
„Der Erste in Gaben, der Größere an Macht“ — hättest du sein sollen, nämlich als Erstgeborener; was der Chaldäer deutlich erklärt, indem er so übersetzt: Du solltest drei Teile erhalten, nämlich das Erstgeburtsrecht, das Priestertum und das Königtum; aber du wirst sie nicht empfangen, weil du mit Bilha gesündigt hast. Denn das Priestertum wurde von Ruben auf Levi übertragen; das Königtum der zwei Stämme wurde Juda gegeben, während das der zehn Stämme Ephraim gegeben wurde; das Erstgeburtsrecht, nämlich der doppelte Anteil am Erbe in Kanaan und folglich der doppelte Stamm, wurde Josef, das heißt seinen Söhnen Ephraim und Manasse, zugewiesen. Daher heißt es in 1 Chronik 5,1, daß das Erstgeburtsrecht von Ruben auf Josef übertragen wurde.
Unser Übersetzer hat dieses Recht der Erstgeburt sowie das Recht des Priestertums verstanden, als er „der Erste in Gaben“ übersetzte; ebenso verstand er das Recht des Königtums, als er „der Größere an Macht“ übersetzte. Der hebräische Text hat vieter seet veieter oz, was Pagninus deutlich übersetzt: „hervorragend an Würde (oder an Gaben und Geschenken), hervorragend an Stärke“ — ergänze: „hättest du sein sollen“.
Beachte: Nachdem Ruben des Erstgeburtsrechts beraubt war, hätte Simeon, der Zweitgeborene, in dasselbe eintreten sollen; aber weil er gegen Josef ruchlos war und weil sein Stamm samt seinem Führer Baal-Peor verehrte, Numeri 25,14, wurde daher die edlere Würde des Erstgeburtsrechts, nämlich das Priestertum, auf den Drittgeborenen, das heißt Levi, übertragen, und das andere Recht der Erstgeburt, nämlich das Königtum, wurde auf den Viertgeborenen, das heißt Juda, übertragen.
„Der Größere an Macht.“ Denn der Erstgeborene hatte gleichsam einen königlichen Vorrang und eine Herrschaft über alle seine Brüder, wie aus Genesis 27,29 erhellt. Acht Vorrechte des Erstgeborenen, sagt Pererius, werden unter dem Volke Gottes schon vor dem Gesetz des Mose verzeichnet. Erstens waren sie Priester. Zweitens saß der Erstgeborene zuerst an der Tafel, und ihm wurde ein größerer Anteil gegeben, Genesis 43,33. Drittens segnete er seine anderen Brüder; sie unterwarfen sich ihm und beugten sich vor ihm, Genesis 27,29. Viertens hatte er Autorität und Herrschaft über seine Brüder, ebendort. Fünftens erhielt er einen doppelten Anteil am väterlichen Erbe, Deuteronomium 21,17. Sechstens wurden die Erstgeborenen für fünf Schekel ausgelöst, während andere Söhne es gar nicht wurden, gleichsam als wären die Erstgeborenen besonders Gott geweiht und hingegeben. Siebtens, so sagt er, gebrauchten sie eine gewisse eigentümliche Art von Kleidung, nämlich feiner und kostbarer als die ihrer anderen Brüder; deswegen legte Jakob, als er das Erstgeburtsrecht von Esau suchte, dessen Kleider an, wenngleich dies den Punkt nicht hinreichend beweist. Achtens wurde der Erstgeborene vom sterbenden Vater mit besonderem Segen gesegnet. Und Ruben verlor fast alle diese Vorrechte.
4. „Du bist ausgegossen wie Wasser.“ Du bist durch Wollust und Inzest aufgelöst worden; deine Lust war zügellos. Lyranus und Abulensis übersetzen weniger ausdrucksvoll: „Du bist erniedrigt, du bist niedergeworfen wie Wasser.“ Denn unser Übersetzer gibt es weit ausdrucksvoller wieder: „du bist ausgegossen wie Wasser“, weil, wie Wasser, wenn es ausgegossen wird, nichts davon im Becher oder Eimer zurückbleibt — weder Farbe noch Geruch noch Geschmack — so gießt und verschwendet die Wollust oft die Stärke, das Urteilsvermögen, die Vernunft, die Weisheit, den Ruf, den Reichtum, das Gewissen und alle Güter eines Menschen zugleich mit seinem Samen und Blut.
„Mögest du nicht wachsen“ — du wirst nicht wachsen: denn dies ist mehr eine Weissagung als ein Fluch, gleichsam als wollte er sagen: Weil du durch Inzest gesündigt hast, wird Gott dich mit Unfruchtbarkeit strafen, so daß du weder an Zahl der Kinder und Enkel noch an Ansehen, Reichtum und Ruhm wachsest. Daher war der Stamm Ruben einer der kleinsten. Dasselbe weissagte Mose, Deuteronomium, Kapitel 33, Vers 6.
„Du bist auf das Lager deines Vaters gestiegen“ — du hast mit Bilha, der Frau deines Vaters, Inzest begangen. Über diese Sache und über die wunderbare (wäre sie doch wahr) Buße Rubens hat das apokryphe Testament der zwölf Patriarchen Stoff, das ich zu Beginn des Kapitels erwähnt habe.
Allegorisch: Ruben, sagt der hl. Ambrosius, ist der Jude, der die Menschheit Christi, welche gleichsam das Bett seiner Gottheit ist, geschändet und getötet hat, und darum von Gott verflucht wurde.
Ebenso tropologisch: Ruben stellt die Eutychianer, Nestorianer und andere Häretiker dar, sagt Rupert; wiederum böse Prälaten und Fürsten, die, in die Lüste des Fleisches ausgegossen, die Kirche ärgern, schänden und entweihen.
Schließlich lerne hier erstens, daß Gottes Rache langsam, aber niemals vergeblich ist. Siehe: Die Strafe für das Verbrechen Rubens wurde 30 Jahre nach seiner Begehung und nach Jakobs Nachsicht verhängt. Zweitens lerne, aus welch geringem Anlaß Menschen die größten Güter verlieren. Hat nicht Ruben alle Güter der Erstgeburt um des schändlichsten Lohnes der kürzesten Lust willen verloren? Hat nicht Esau dieselben um ein Linsengericht verloren? Drittens, wie groß ein Verbrechen es ist, den Eltern gegenüber widerspenstig und beleidigend zu sein; wovon es drei berühmte Beispiele in der Schrift gibt: eines Ham, den Sohn Noachs; das zweite Ruben, den Sohn Jakobs; das dritte Absalom, den Sohn Davids.
Weissagung und Segen Simeons und Levis
5. „Simeon und Levi, Brüder“ — nicht nur Brüder von Natur, sondern einander am ähnlichsten und im Verbrechen aufs engste verbunden, nämlich in ihrer Wildheit, Verwegenheit, Hinterlist und Grausamkeit gegen die Sichemiter.
„Gefäße der Bosheit“ — das heißt Werkzeuge der Bosheit und des ungerechten Gemetzels und der Vernichtung der Sichemiter. Denn die Hebräer nennen jedes Werkzeug keli, das heißt Gefäß. Der Chaldäer übersetzt untreu und falsch: „Simeon und Levi, tapferste Männer, haben im Lande ihrer Wanderschaft eine Tat der Stärke vollbracht“ — als ob Jakob sie hier wegen ihrer Stärke loben würde, während er doch ihre Wut und Grausamkeit tadelt, wie aus dem Folgenden erhellt.
„Im Kampf.“ Diese Gefäße oder Werkzeuge waren nicht untätig, sondern sie brachten den Sichemitern einen ungerechten Krieg und ein Gemetzel. Im Hebräischen steht mecherotehem, was Arias, Oleaster und Vatablus übersetzen als „ihre Schwerter“, gleichsam als wollten sie sagen: Ihre Schwerter waren Gefäße, das heißt Waffen der Bosheit. Dies paßt sehr gut, und das Wort machaera (Schwert) scheint, wie viele andere lateinische und griechische Wörter, vom Hebräischen abzustammen, wenngleich Eugubinus dies bestreitet.
6. „Meine Seele komme nicht in ihren Rat.“ „In den Rat“, durch den sie verräterisch die Vernichtung der Sichemiter planten, gleichsam als wollte er sagen: Ich habe diesen Rat und dieses ihr Verbrechen längst verabscheut und verabscheue es noch immer. Zweitens, allegorisch, hat Jakob hier den Rat vorausgesehen, den die Schriftgelehrten und Pharisäer, die von Simeon abstammten, und die Hohenpriester und Priester, die von Levi abstammten, gegen Christus faßten. Deshalb verabscheut und verflucht Jakob hier den Rat, durch den sie den Tod Christi planten und so das Verbrechen ihrer Vorfahren Simeon und Levi nachahmten; denn dies ist eine Weissagung: so der hl. Ambrosius, Isidor, Rupert und andere.
„Und meine Ehre sei nicht in ihrer Versammlung“ — gleichsam als wollte er sagen: Sie rühmten sich dieses Blutbades, als wäre es ein Zeichen ihrer Stärke; fern sei von mir solche Ehre und solcher Ruhm. Die Siebzig übersetzen: „Meine Eingeweide sollen nicht in ihrer Versammlung streiten“, gleichsam als wollten sie sagen: Nicht meine Liebe, nicht mein Herz, nicht meine Leber sei in ihrer Versammlung; denn die Leber ist der Sitz der Liebe und der Begierde; und das hebräische cabod, wenn es mit anderen Vokalpunkten als cabed gelesen wird, bedeutet Leber.
„Sie erschlugen einen Mann“ — Männer, nämlich die Sichemiter, samt ihrem Fürsten und dem Urheber des Übels, Sichem. Dies ist eine Synekdoche.
„Und in ihrem Eigenwillen.“ In ihrem Verlangen zu toben. Daher übersetzen die Siebzig: „in ihrer Lust“.
„Sie rissen die Mauer nieder“ — das heißt die Mauern, gleichsam als wollte er sagen: Sie stürzten und verwüsteten die ummauerte Stadt Sichem und rissen ihre Mauern nieder. Aus dieser Stelle erhellt daher, daß Simeon und Levi mit ihren Männern, als sie wütend in die Stadt Sichem einfielen, nicht nur ihre Bürger töteten, sondern auch ihre Mauern niederrissen.
So haben, allegorisch, die Schriftgelehrten und Priester, die von Simeon und Levi abstammten, Jerusalem durch Titus gestürzt, weil sie, indem sie Christus töteten, Anlaß zu seiner Zerstörung gaben und gleichsam Titus herbeiriefen, sie auszuführen.
Andere, wie Prokop, verstehen unter den Mauern Hamor und Sichem, die Fürsten der Stadt, die diese durch ihre Macht wie eine Mauer schützten. Daher übersetzen auch die Siebzig, die scor, das heißt Stier, statt schur, das heißt Mauer, lesen: „Sie lähmten einen Stier“, nämlich sie erlegten und töteten Sichem selbst.
Schließlich übersetzt der jerusalemische Targum: „Sie verkauften Josef, der einem Ochsen verglichen wurde.“ Wenn dies wahr ist, dann waren Simeon und Levi die Rädelsführer beim Verkauf Josefs, so daß Josef mit Recht Simeon allein ins Gefängnis setzte, Kapitel 42, Vers 25.
7. „Verflucht sei ihre Wut.“ Dieser Fluch wurde von Levi und den Leviten durch ihren Eifer abgewendet: sowohl durch den Eifer des Mose und Aarons und anderer Leviten beim Gemetzel derer, die das goldene Kalb anbeteten, als auch durch den Eifer des Pinhas, des Leviten, der den Hebräer tötete, der mit der Midianiterin Unzucht trieb, und Baal-Peor stürzte, Numeri 25, Verse 5 und 6; und deshalb empfing der Stamm Levi sowohl das Priestertum als auch den Segen von Mose, Deuteronomium 33,10. Bei Simeon aber blieb dieser Fluch bestehen, wegen der Unzucht und des Götzendienstes des Simri, der das Haupt des Stammes Simeon war und den Pinhas tötete, Numeri 25. Daher wurde Simeon allein nicht von Mose gesegnet, Deuteronomium 33: so Prokop.
„Ich werde sie in Jakob teilen und in Israel zerstreuen“ — damit sie nicht abermals ihre Köpfe zusammenstecken und durch ihren Rat anderen Verderben ersinnen. Dies wurde an Levi erfüllt, weil den Leviten kein Erbteil in Kanaan zufiel, sondern sie durch alle Stämme zerstreut wurden; ebenso an Simeon, weil ihm ein Los und ein Wohnsitz mitten im Stamme Juda gegeben wurde, Josua 19, Verse 2 und 9. Wiederum, als der Stamm Simeon angewachsen war, suchte er neue Gebiete, und ein Teil zog nach Gedor, ein anderer zum Berg Seïr, 1 Chronik 4, Verse 27, 39 und 42. Schließlich wurden die Schriftgelehrten und Gesetzeskundigen, die von Simeon abstammten, ebenso wie die Priester, durch alle Stämme zerstreut, um das Volk im Gesetz zu unterweisen, wobei Gott diese Strafe in ihr Lob und den Nutzen des Volkes verwandelte. Und in dieser Hinsicht ist diese Weissagung zugleich ein Segen für Simeon und Levi; obwohl auch der vorhergehende Tadel, als väterlicher, als Segen gelten kann und soll, wie ich bei Vers 28 erörtern werde.
Weissagung und Segen Judas
Jakob empfiehlt den Stamm Juda: erstens von seinem Namen her — Juda bedeutet soviel wie Bekenntnis und Lobpreis; zweitens von seiner kriegerischen Stärke; drittens von seiner Würde und Verehrung, nämlich daß seine Brüder Juda anbeten werden; viertens von seinen Siegen; fünftens von seinem Königtum und Zepter; sechstens von seinem Reichtum und der Fülle seiner Erträge; siebtens von Christus, der aus ihm geboren werden sollte. Und alle diese Dinge sagt er von diesem Vers bis Vers 12 voraus und weissagt sie.
8. „Juda, dich werden deine Brüder preisen.“ Im Hebräischen liegt ein feines Wortspiel mit dem Namen Juda vor: jehuda, jehoducha, gleichsam als wollte er sagen: Mit Recht wirst du Juda genannt, das heißt Lobpreis, denn deine Brüder werden dich preisen. Seine Mutter Lea hatte ihn in Kapitel 29, letzter Vers, Juda genannt, gleichsam Gott für diesen Nachkommen dankend und lobend; nun nennt ihn der Vater Jakob auch Juda, aus einem anderen Grund und in einer anderen Anspielung, nämlich weil er von seinen Brüdern gepriesen werden würde. Denn der Stamm Juda wagte es nach Mose als erster, ins Rote Meer hinabzusteigen. Dieser Stamm war nach Josuas Tod der Anführer der anderen Stämme in den Schlachten, Richter 1. Aus ihm erstand König David, der mächtigste und ruhmreichste, sowie Salomo und andere Könige bis zur babylonischen Gefangenschaft. Dieser Stamm führte die größten Kriege gegen die Ismaeliter, Edomiter, Moabiter, Araber und alle ihre Nachbarn. Aus ihm wurde Serubbabel geboren, der Führer des Volkes, das aus Babylon zurückkehrte. Schließlich wurde aus ihm Christus geboren.
„Deine Hände werden auf dem Nacken deiner Feinde sein“ — um sie in die Flucht zu schlagen, zu verfolgen, zu fangen und zu erschlagen; daher übersetzt der Chaldäer: „Deine Hände werden gegen deine Feinde die Oberhand gewinnen.“
„Die Söhne deines Vaters werden sich vor dir beugen.“ Siehe, hier wird das Recht der Erstgeburt von Ruben übertragen und Juda zugewiesen. Denn der Erstgeborene wurde gleichsam als Fürst seiner Brüder von ihnen geehrt und verehrt — das heißt, die Brüder verneigten sich vor ihm und erzeigten ihm die bürgerliche Ehrerbietung, wie sie einem Vater oder einem Fürsten erwiesen wird. Wiederum wird hier die königliche Macht bezeichnet, die Juda gegeben werden sollte; denn Könige werden von ihren Untertanen verehrt, wenn diese sich vor ihnen demütigen und niederwerfen um der Ehre und Verehrung willen.
Allegorisch ist Juda Christus, der beständig Gott lobte und gleichsam ein fortwährendes Lob Gottes war, den alle Märtyrer bis in den Tod bekannten, den alle Brüder — das heißt die heiligen Engel und Menschen — preisen und anbeten, der uns höchst gewaltig aus dem Rachen des Teufels entriß. Daher sind „seine Hände auf dem Nacken“ des Teufels, der Welt, des Fleisches und der Sünde, die er selbst überwunden hat.
„Söhne deines Vaters.“ Er sagt nicht „der Mutter“, sondern „des Vaters“, weil Judas Brüder verschiedene Mütter hatten, aber denselben Vater; und Jakob sagt hier voraus, daß alle Brüder, von welcher Mutter auch immer geboren, Juda anbeten werden.
Vers 9: Juda, der junge Löwe
9. „Juda ist ein junger Löwe.“ Wie Juda unter seinen Brüdern war, so war der Stamm Juda unter den anderen Stämmen wie ein Löwe: erstens der stärkste; zweitens der unerschrockenste; drittens der kriegerischste; viertens der siegreichste; fünftens von edelstem Sinn. Der hl. Hilarius hat darauf geistvoll angespielt, als ihn jemand verleumderisch einen Gallier nannte: „Ich bin nicht als Gallier geboren“, sagte er, „sondern aus Gallien; du aber bist zwar ein Leo (denn so war sein Name), aber nicht aus dem Stamm Juda.“ Dies berichtet Johannes Beleth, Kapitel 22.
Mögen Heerführer und treue Soldaten diese löwengleichen Herzen Judas haben. Ein starker Feldherr ist wie der Diamant, der weder vom Eisen zerbrochen noch vom Feuer verzehrt werden kann. Kaiser Friedrich II. sagte, als er die Drohungen der Fürsten hörte: „Das Getöse der Drohungen ist das Geschrei von Eseln.“
So antwortete Leonidas einem gewissen Perser, der drohte, die Spartaner würden am nächsten Tag die Sonne wegen des Pfeilregens nicht sehen: „Dann werden wir bequem im Schatten kämpfen.“
Alfons, König von Aragonien, sah Schiffbrüchige, die um Hilfe flehten; während andere sich fürchteten, ließ er selbst ein Schiff auslaufen und sagte: „Es ist besser, zusammen mit Gefährten zu sterben, die die tapfersten Männer sind, als sie im Sturm das Schlimmste erleiden zu sehen.“ Panormitanus ist der Zeuge.
Karl V., der in der Schlachtlinie innerhalb der Wälle und Stellungen stand, als der Feind Kugelschauer schleuderte, antwortete, als man ihm riet, sich zurückzuziehen: „Hunde, die bellen, sind nicht zu fürchten; auch habt ihr keinen Grund zur Furcht, da wir durch Gottes Schutz hinreichend befestigt sind.“
Abermals sagte Karl V. bei Ingolstadt, als er vom häufigen Feuer des Feindes bedrängt wurde: „Fasset Mut — noch nie ist ein Kaiser an einem Kanonenschuß zugrunde gegangen.“ Derselbe, im Begriff, nach Spanien aufzubrechen, sagte, als er hörte, daß unterwegs die Pest wütete: „Wir müssen gehen, und eine so günstige Gelegenheit darf nicht versäumt werden: die Pest hat nie einen Augustus berührt, die Pest hat nie einen Cäsar berührt, die Pest hat nie einen Karl berührt.“
Ludwig XII., der nach Mailand zog und erfuhr, daß die kleine Stadt, in der er Quartier nehmen wollte, vom Feind besetzt war, drängte weiter und sagte: „Ich werde über ihren Leibern Quartier nehmen, oder sie über meinem.“
Albrecht, Markgraf von Brandenburg, hatte Ludwig von Bayern gefangen genommen und forderte viel von ihm und bedrohte ihn; zu ihm sagte Ludwig: „Was du von mir als freiem Mann erlangen konntest, suche in gleicher Weise von mir als Gefangenem. Willst du etwas mehr, so ist mein Leib in deiner Gewalt; aber meinen Geist wirst du mir und nicht dir unterworfen finden.“
Kaiser Otto IV. ließ einen Ritter töten, der fälschlich beschuldigt worden war, die Keuschheit der Kaiserin angetastet zu haben. Die Gattin, den Kopf ihres Mannes in ihrem Schoß tragend, trat vor den Kaiser und fragte, welche Strafe ein ungerechter Richter erleiden solle. „Den Tod“, sagte der Kaiser. Da sprach sie: „So stirb denn, Kaiser, der du meinen unschuldigen Mann getötet hast. Daß er unschuldig war, beweise ich durch dieses glühende Eisen, das ich ohne Schaden in meinen Händen trage.“ So Bernardus Corius im Leben Ottos.
Beachte: Die Hebräer geben dem Löwen viele Namen, durch die sie sein Alter unterscheiden. Erstens heißt er gur, wenn er ein Junges und gleichsam ein Säugling ist. Zweitens heißt er kephir, wenn er heranwächst und erwachsen wird, so daß er anfängt, wild zu sein und Beute zu jagen. Drittens heißt er arie oder ari, wenn er in der Festigkeit seiner Kraft steht und ein erwachsener Löwe ist. Viertens, wenn er in bestätigter und voller Stärke und Alter ist, heißt er labi, was gleichsam „mutig“ bedeutet, von leb, das heißt Herz. Fünftens heißt er lais, wenn er nun altert und wie ein im Jagen erfahrener alter Soldat, aber dennoch noch blüht und kraftvoll ist.
Von diesen Namen werden hier drei dem Juda gegeben: erstens gur, worunter auch kephir eingeschlossen ist, bezeichnet die Kindheit und Jugend des Stammes Juda in den Kriegen zur Zeit Josuas. Zweitens bezeichnet arie seine männliche Stärke, die er unter David hatte. Drittens bezeichnet labi seine bestätigte Stärke und Autorität unter Salomo, der labi war, das heißt weisen Herzens in Weisheit, Tapferkeit, Großmut und Erhabenheit.
„Zum Raube, mein Sohn, bist du hinaufgestiegen.“ Statt „zum Raube“ hat der hebräische Text, Symmachus und Aquila mittereph, das heißt „vom Raube“, womit sie die beständige Abfolge der Beute und Siege bezeichnen, gleichsam als wollten sie sagen: Von Beute zu Beute bist du hinaufgestiegen; du plünderst beständig; du kehrst beständig von und mit Beute zurück. Dies wurde höchst wahr an David erfüllt, der sein ganzes Leben lang in Kriegen stand, beständig den Feinden Beute abnehmend, und allmählich von geringerer zu größerer Beute aufstieg: nämlich vom Zerreißen des Bären und des Löwen schritt er zum Zweikampf mit Goliat und dessen Beute fort; von dort zum Befehl über das Heer und zum Preis der hundert Vorhäute, 1 Samuel 18,43; bald vertrieb er beständige Beute von den Philistern, 1 Samuel 27; danach riß er gleichsam den Stamm Juda vom Königtum Sauls los, 2 Samuel 2,7. Schließlich, als König aller Stämme, raubte er die größte Beute von den Ammonitern, Moabitern, Syrern und anderen Völkern. So Delrio.
Aus dieser Weissagung kam es, daß der Stamm Juda, David, Salomo und andere das Bild eines Löwen als Wappen hatten. Daher trägt auch der Priesterkönig Johannes, König der Abessinier, der sich rühmt, von der Königin von Saba und Salomo und folglich von Juda abzustammen, als sein Wappen oder seine Wappenzeichen einen Löwen, der in seiner Pranke ein aufrechtes Kreuz hält. Denn der Löwe ist das Wappenzeichen der Abstammung von Juda, und das Kreuz ist das Wappen des Christentums.
„Ruhend hast du dich niedergelegt.“ Aquila übersetzt: „dich beugend hast du dich ausgestreckt“; Symmachus: „lahmend hast du dich niedergesetzt“, gleichsam als wollte er sagen: Wie ein Löwe, der seine Beute ergriffen hat, zu Boden sinkt und gleichsam faul und lahm sich niederlegt, um sie zu verschlingen, und niemand wagt, den Fressenden zu reizen oder zu stören — so hast du, o Juda, nachdem du alle Stämme durch dein Zepter unter David unterworfen und dein Königreich errichtet hast, dich sicher dem Frieden und der Ruhe hingegeben, und wie eine Löwin, die ihre Jungen säugt und einer Schlafenden ähnelt, hast du dich auf dein Lager gebettet, wie ein guter Hirt, der sein Volk nährt und pflegt, so daß niemand es wagt, dich zum Krieg zu reizen. So Delrio.
Beachte: Alle diese Vergangenheitsformen müssen als Zukünfte erklärt werden, denn es ist eine Weissagung.
„Wie eine Löwin“ — die, wenn sie ihre Jungen säugt, wilder und stärker ist als ein Löwe.
„Wer wird ihn aufwecken?“ — wer würde es wagen, ihn aufzuwecken und zum Krieg zu reizen? Wer es tut, wird nicht ungestraft bleiben; er wird eine Niederlage erleiden.
Allegorisch: Christus, aus Juda geboren, „ist zum Raube hinaufgestiegen“, weil sein Name ist: „Eile, die Beute zu nehmen, beeile dich, den Raub zu ergreifen“ (Jesaja 8,3). Daher ruhte er, das heißt, er starb wie ein Löwe — weil er in seinem Tod die ganze Welt erschütterte und durch sein Sterben den Teufel und den Tod vernichtete. So der hl. Ambrosius in seinem Buch Über die Segnungen der Patriarchen, zum Segen Judas: „Wer, sagt er, wird ihn aufwecken, das heißt, wen wird der Herr empfangen? Wer sonst wird ihn aufrichten, wenn nicht er selbst sich durch seine eigene Kraft und die des Vaters aufrichtet? Ich sehe einen, der aus eigener Vollmacht geboren ist, ich sehe einen, der nach eigenem Willen gestorben ist, ich sehe einen, der aus eigener Macht schläft — er, der alles nach eigenem Entscheid tat, wessen Hilfe wird er zur Auferstehung bedürfen? Er selbst ist daher der Urheber seiner eigenen Auferstehung, der der Schiedsherr des Todes ist.“
Das Junge der Löwin schläft drei Tage. Eucherius berichtet hier von den Naturforschern, daß ein Löwenjunges bei seiner Geburt drei Tage schläft; am dritten Tag wird es durch das Brüllen seines Vaters, das die Höhle erschüttert, aufgeweckt. So ist Christus am dritten Tag durch seine eigene Kraft und die des Vaters, die zugleich ein Erdbeben bewirkte, auferstanden. Epiphanius und Eucherius wenden dies fälschlich auf tote Löwenjunge an, die der Vaterlöwe angeblich durch sein Brüllen wiederbelebt; denn das ist falsch und erdichtet.
Vers 10: Das Zepter wird nicht weichen
10. „Das Zepter wird nicht von Juda weichen.“ Die Siebzig übersetzen: „Ein Fürst wird nicht aus Juda fehlen“, gleichsam als wollten sie sagen: Da der Stamm Juda in David das Königtum empfangen hat, wird er dieses Fürstentum und diese Führung bewahren, bis der Messias, das heißt Christus, kommt.
Ich sage daher, daß dem Stamm Juda hier das Königtum und das Fürstentum zugewiesen wird, und daß er dies tatsächlich bis zum Messias, das heißt bis zu Christus, erhalten hat, aus einem zweifachen Grund und Rechtstitel. Erstens, weil der Stamm Juda allein das Königtum von David bis Zedekia erhielt, 470 Jahre lang, und zwar in großer Herrlichkeit, Reichtum und Stärke bis zur babylonischen Gefangenschaft. Ferner, weil der Stamm Juda allein aus dieser Gefangenschaft zurückkehrte, zusammen mit einigen wenigen, die von den Stämmen Benjamin, Levi und anderen Stämmen abstammten. Daher nahm das ganze Volk der Juden seitdem seinen Namen von Juda, und alle, auch die von anderen Stämmen abstammten, wurden dem Stamm Juda zugerechnet, weil sie mit Juda vermischt und in den Stamm und das Gemeinwesen Judas eingepfropft und aufgenommen wurden. In gleicher Weise wird von den Römern gesagt, sie hätten geherrscht; und römische Kaiser werden alle genannt, die in Rom das Römische Reich erlangten, auch wenn sie aus Thrakien, Spanien oder anderswoher stammten, weil alle diese mit den Römern zu einem Gemeinwesen und einem Reich zusammengewachsen waren.
Zweitens und wichtiger: Das Zepter wich gerade deshalb nicht von Juda bis auf Christus, weil die Krone oder das Recht und die Macht des Königtums stets eigentlich dem Stamm Juda gehörten: sowohl weil dieses Recht des Königtums von Gott David und seiner von Juda abstammenden Familie zugesprochen wurde, so daß die Nachkommen Davids stets in ununterbrochener Folge durch Erbrecht in dasselbe eintreten sollten; als auch weil der Sitz, die Herrschaft und die Hauptstadt des Königtums, nämlich Jerusalem, zum Stamm Juda gehörte.
Aus dieser Stelle überführen wir daher die Juden und zeigen ihnen, daß der Messias bereits gekommen ist und daß er zur Zeit des Herodes geboren wurde; denn damals wich das Zepter von Juda, und folglich ist unser Christus der Messias, der hier von Jakob vorhergesagt und verheißen wurde.
Ich antworte, daß ein so kleiner Zeitraum von 35 Jahren bei einer so großen Zeitspanne hier als nichts gerechnet wird. Denn es genügt für die Wahrheit dieser Weissagung, daß unter demselben König Herodes, unter dem das Zepter von Juda wich, Christus geboren wurde. Denn das Wort „bis“ bezeichnet nicht genau ein bestimmtes Jahr, einen Monat oder einen Tag der Ankunft Christi; sondern nur unbestimmt bezeichnet es, daß unter derselben Zeit, nämlich unter demselben König, unter dem das Zepter von Juda fehlen würde, Christus geboren werden würde.
Anagogisch wird das Zepter Christi seinem Stellvertreter nicht genommen werden, bis er selbst in seiner zweiten Ankunft kommt, um uns zu segnen und zu verherrlichen. So Pererius, dem hl. Ambrosius und Origenes folgend.
„Und der Herrscherstab.“ Im Hebräischen steht mechokek, das heißt Gesetzgeber, womit ein Führer oder Fürst gemeint ist, dessen Aufgabe es ist, Gesetze zu erlassen und das Volk danach zu regieren.
„Von seinen Lenden.“ „Lenden“ bezeichnet metonymisch die Zeugungsteile, die zwischen den Schenkeln und zwischen den Füßen liegen, wie der hebräische Text es hat.
Bis er kommt, der gesandt werden soll (Schilo)
„Bis er kommt, der gesandt werden soll.“ Der Chaldäer übersetzt deutlich: „Bis der Messias kommt, dem das Königreich gehört“; denn sein Name war zu jener Zeit „Er, der gesandt werden soll“ oder „Er, der kommen soll“. Im Hebräischen steht „bis Schilo kommt“, was auf verschiedene Weise hergeleitet und erklärt wird, aber alle Deutungen beziehen sich auf Christus.
Erstens übersetzen die Siebzig: „bis er kommt (nämlich Christus), dem es vorbehalten ist“, nämlich das Zepter und das Königtum Judas, wie der hl. Ignatius, Irenäus, Hieronymus und Ambrosius es lesen und verstehen. Denn allein Christus und folglich Juda war vorbehalten: erstens das Königtum Judas und Jakobs; zweitens das Recht, Israel zu retten; drittens alle an Abraham und David ergangenen Verheißungen; viertens alle Schätze der Gnade und der Herrlichkeit; fünftens der Glaube und Gehorsam aller Völker; sechstens das Gericht über die Lebenden und die Toten.
Zweitens liest Leo Castro Schilo mit anderen Vokalpunkten als Sailach, das heißt „Gabe“ oder „was ihm verheißen war“.
Drittens meint Rabbi David Kimchi, Schilo bedeute „sein Sohn“, nämlich Judas, und eigentlicher Gottes; gleichsam als wäre Schilo derjenige, zu dem Gott der Vater spricht: „Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt“ (Psalm 2).
Viertens lesen Galatinus und Hamerus Schilo als Schela, das heißt „wer ihr Sohn ist“, nämlich der Frau und der Jungfrau, ohne Vater — er, von dem der hl. Paulus im Galaterbrief 4 sagt: „Als die Fülle der Zeit kam, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau.“
Fünftens meinen Vatablus und Oleaster, Schilo sei durch Metathesis für schalom gesagt, das heißt „friedfertig“, „Urheber des Friedens“. Denn Christus wurde zu diesem Zweck geboren: zwischen Gott und Menschen Frieden zu stiften, den Frieden zu hinterlassen und uns seinen Frieden zu geben.
Sechstens und am wahrscheinlichsten ist, daß man statt Schilo Schiloach lesen solle, das heißt „Gesandter, gesandt oder zu sendend“, von der Wurzel schalach, was „er sandte“ bedeutet. Denn so übersetzt es unser Übersetzer (die Vulgata), und dies war schon seit alters der gemeinsame Name des Messias, wie aus Exodus 4,13 erhellt. Daher spielte Christus auf diesen seinen Namen Siloach an, als er, im Begriff, dem Blinden das Augenlicht zu geben, ihn zum Teich Siloah sandte, der auf Hebräisch Schiloach heißt, „welches verdolmetscht wird: Gesandter“, wie der hl. Johannes sagt (Johannes 9,7). Denn Christi eigentliches Amt war es, als Gesandter Gottes unter den Menschen zu wirken; daher war sein eigentlicher Name Siloach, das heißt Gesandter oder Gesendeter.
Beachte: Durch diese Worte — „Es wird nicht weichen usw., bis er kommt, der gesandt werden soll“ — weissagt Jakob stillschweigend, daß Christus aus Juda geboren werden wird. Denn Jakob weist hier, ebenso wie er jedem Sohn seinen eigenen Segen zuteilt, dem Juda Christus und die Geburt Christi als einen besonderen Segen zu. So haben alle Hebräer diese Weissagung verstanden; daher sagt Paulus im Hebräerbrief 7,14: „Denn es ist offenkundig“, sagt er, „daß unser Herr aus Juda entsprossen ist.“
Die Erwartung der Völker
„Und er selbst wird die Erwartung der Völker sein.“ Im Hebräischen lautet das Wort für „Erwartung“ iikkehat, das auf verschiedene Weise hergeleitet und erklärt wird. Erstens leiten es einige von einer Wurzel ab, die „unschuldig, rein und lauter machen“ bedeutet; daher übersetzen sie: „Er selbst wird die Völker reinigen“, nämlich von ihren Sünden — darauf spielt Gabriel an, wenn er vom zu gebärenden Christus sagt: „Er selbst wird sein Volk von ihren Sünden retten“ (Matthäus 1). Zweitens leiten es andere von einer Wurzel ab, die „gehorchen“ bedeutet. Daher übersetzen Kimchi, Pagninus und der Chaldäer: „Die Völker werden ihm gehorchen.“ Drittens leiten es andere durch Metathesis von der Wurzel kehilla ab, das heißt „Versammlung, Gemeinde“, so daß die Bedeutung wäre: Der Messias wird der Prediger und Lehrer der Völker sein; der Messias wird sein Evangelium den Völkern predigen.
Viertens und am besten kann man es mit „Erwartung“ übersetzen; denn so geben es unser Übersetzer, die Siebzig, Aquila, Symmachus und Theodotion wieder, von der Wurzel kava, was „er hoffte, er erwartete“ bedeutet. Daher kann man wörtlich aus dem Hebräischen übersetzen: „ihm (Schilo, das heißt dem Messias) wird die Erwartung der Völker gehören“, gleichsam als wollte er sagen: Der Messias wird den Glauben, den Gehorsam, die Herrschaft und das Königreich aller Völker erwarten, weil Gott ihm dies als Erbe verheißen hat, wie es in Psalm 2 heißt: „Erbitte von mir, und ich werde dir die Völker zum Erbe geben und die Enden der Erde zu deinem Besitz.“
Denn die Bedeutung ist: „Er selbst wird die Erwartung der Völker sein“, gleichsam als wollte er sagen: Nicht nur die Juden, sondern auch die Heiden werden den Messias höchst sehnsüchtig als den am meisten Erwarteten empfangen; sie werden an ihn glauben und ihm gehorchen; in ihn werden sie die Hoffnung, das Herz und die Liebe ihres Heiles setzen und verankern. Christus wird daher „die Erwartung der Völker“ in Wirklichkeit genannt, nachdem er von den Völkern geboren, erkannt und geglaubt wurde. Aber vor seiner Geburt war Christus „die Erwartung der Völker“ nur virtuell oder vielmehr deutungsweise, gleichsam als wollte er sagen: Wenn die Völker von Christus hören und ihn kennenlernen werden, werden sie ihn so sehnsüchtig umarmen, als hätten sie ihn immer erwartet. Durch eine ähnliche Personifikation heißt es, daß das verheißene Land „Regen vom Himmel erwartet“ (Deuteronomium 11,14), weil es, wenn es beseelt wäre, von dort Regen erwarten würde. Nun wie die Erde Regen braucht, so brauchten die Völker Christus, und Christus brachte ihnen die größten Güter. Mit Recht also wird Christus hier und in Haggai 2,8 „der Ersehnte aller Völker“ genannt; und in diesem Kapitel, Vers 26, wird er „das Begehren der ewigen Hügel“ genannt.
Verse 11–12: Der Weinberg und der Wein
Verse 11 und 12. „Er bindet sein Füllen an den Weinstock und sein Eselinnenjunges an die Rebe, o mein Sohn. Er wird sein Gewand im Wein waschen und sein Kleid im Blut der Traube. Seine Augen sind schöner als Wein, und seine Zähne weißer als Milch.“ Gleichsam als wollte er sagen: Das Land Juda oder das Los, das ihm in Kanaan zufallen wird, wird so ertragreich an Wein sein, daß ein Mensch seinen Esel an einen einzigen Rebenzweig binden und von dessen Frucht seinen Esel beladen kann; denn jeder Weinstock ist von solcher Stärke und so reich an Trauben und Wein, daß er nicht nur für den häuslichen Gebrauch ausreicht, sondern von ihm auch eine Ladung auf einen Esel gelegt werden kann, um auf den Markt getragen und dort verkauft zu werden.
Die erste Auslegung ist die des Vatablus: Diese Erklärung ist kalt, irdisch und judaisierend; und gegen sie steht die Tatsache, daß all diese Dinge nicht von Juda, sondern von Schilo, das heißt dem Messias, gesagt sind. Daher geht Jakob, der Juda in der zweiten Person anredet, von ihm zur dritten Person über, nämlich zum Messias.
Zweitens beziehen beide chaldäischen Ausleger, nämlich Onkelos und Jonathan, diese Dinge teils auf Juda, teils auf den Messias. Aber auch diese Auslegungen sind unvollkommen, nicht hinreichend zusammenhängend und teils judaisierend.
Die dritte und wahre Auslegung der Väter. Ich sage also: Fast alle Väter, ausgenommen Diodor allein, erklären diese Stelle buchstäblich von Christus, nämlich Tertullian, der hl. Ambrosius, Augustinus, Hieronymus, Chrysostomus, Klemens, Cyprian, Theodoret und andere, die Pererius zitiert — und diesen soll man wahrlich mehr vertrauen als Calvin, der sie verspottet. Daher ist es nicht Juda, sondern Christus, der mit dem Strick des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe an den Weinstock, das heißt an die frühe Kirche, die aus den Juden versammelt war, sein Füllen bindet, das heißt das Volk der Heiden, welches noch nicht das Joch des Gesetzes getragen hatte, als er sie mit den Juden zu einer Kirche vereinigte; und an die Rebe, das heißt an sich selbst (denn Christus ist der wahre und fruchtbare Weinstock, Johannes 15,1, von dem der ganze Weinberg abhängt und wächst), o mein Sohn, o Juda, bindet derselbe Christus sein Eselinnenjunges, das heißt das Volk der Juden, das an das Joch des Gesetzes gewöhnt und von ihm erschöpft war.
Hieronymus sagt, daß Christus gesagt wird, die Eselin an sich gebunden zu haben, weil er den Juden selbst gepredigt hat; aber das Füllen an den Weinstock gebunden zu haben, weil er den Heiden durch die Juden, nämlich die Apostel, predigte und durch sie die Heiden zu sich sammelte.
„Er wird waschen“ (Christus) „im Wein“ (seines Blutes, das mit höchster Liebe zur Menschheit vergossen wurde) „sein Gewand“ (das heißt sein Fleisch), das reinste und unschuldigste, damit es durch dasselbe nicht nur gerötet, sondern auch geweißt, das heißt reiner gemacht, und mit allem Elend der Sterblichkeit und dieses Lebens abgewaschen, in Herrlichkeit wieder auferstehen möge. So nach Tertullian, dem hl. Ambrosius, Buch Über die Segnungen der Patriarchen, Kapitel 4. „Und im Blut der Traube seinen Mantel.“ „Das Blut der Traube“ ist der Wein des schon erwähnten Blutes Christi. Der „Mantel“ Christi ist die Kirche, weil Christus mit der Kirche wie mit einem Mantel bekleidet ist. Denn Christus hat die Kirche mit seinem Blut am Kreuz gewaschen und wäscht sie täglich, wenn sie in der Taufe geboren wird, „indem er sie reinigt durch das Wasserbad im Worte des Lebens“.
12. „Schöner.“ Im Hebräischen chachlile, das heißt „röter, feuriger, strahlender und glänzender sind deine Augen“ (o Christus) „als Wein“; weil sie durch das Leiden und durch die überaus herrliche Glorie deiner Auferstehung, die besonders im Angesicht, Mund, Zähnen und Augen erstrahlt, gewaschen wurden und funkeln und strahlen, und die Augen aller Heiligen, die sie schauen, wunderbar erfreuen, mehr als der Wein das Herz des Menschen erquickt und erfreut. So Diodor, Kyrill und Theodoret.
„Und seine Zähne sind weißer als Milch.“ Durch diese ganze Wendung wird die Schönheit Christi bezeichnet, besonders des auferstandenen Christus. Symbolisch wird durch die Augen die schärfste und wirksamste Erkenntnis und Vorsehung Christi bezeichnet, durch die er die Kirche regiert und beschützt; durch die Zähne, weißer als Milch, wird die Süßigkeit, Lauterkeit, Reinheit und der Glanz seiner Lehre und der Verkündigung des Evangeliums bezeichnet. Daher sind allegorisch die Augen Christi die Apostel und Propheten: diese sind schöner durch die Klarheit ihrer Weisheit, Predigt, ihres Lebens, Eifers und ihrer Wunder, durch die sie die ganze Welt erleuchteten, als Wein, das heißt als die Schärfe und Strenge des alten Gesetzes. So der hl. Ambrosius, Augustinus, Eucherius und Rupert. Die Zähne aber sind die Lehrer und Prediger, die wie Zähne die Speise der Lehre und Ermahnung für die Gläubigen vorkauen und zerteilen und ihre Laster wegbeißen, abschneiden und verwerfen. Diese sind weißer als Milch, das heißt als die Lehre des alten Gesetzes, die wie Milch und Speise für Kleine war. So die zitierten Väter.
Weissagung und Segen Sebulons
Jakob stellt Sebulon vor andere, die älter waren, obwohl er jünger war (denn er war Jakobs zehnter Sohn), weil Christus, von dem er soeben im Segen Judas gesprochen hat, im Gebiet und Lande Sebulons empfangen wurde und lebte: denn im Gebiet Sebulons liegt erstens Nazareth, wo Christus empfangen wurde; zweitens der Berg Tabor, wo er verklärt wurde; drittens Kafarnaum, wo Christus predigte und den größten Teil seines Wirkens verbrachte. In Sebulon also begann die Verkündigung des Evangeliums, wie Jesaja, Kapitel 9, sagt: „In früherer Zeit wurde das Land Sebulon erleuchtet“ usw. Und aus Sebulon sind die meisten Apostel geboren.
13. „Sebulon wird am Ufer des Meeres wohnen“, nämlich nahe dem Mittelmeer und dem Galiläischen Meer oder dem See Gennesaret: denn daran grenzt Kafarnaum, ein berühmter Handelsplatz; Betsaida, Tiberias und andere Städte, die im Gebiet Sebulons lagen. „Am Hafen der Schiffe.“ Aus dem Hebräischen kann man übersetzen: „Er wird an einem Hafen der Schiffe wohnen.“ So Vatablus, mit der Bedeutung, daß Sebulon die besten Häfen haben wird, durch die alle Waren eingeführt werden können, und so wird er reich werden. „Reichend bis nach Sidon“ — nicht unmittelbar, sondern durch den Stamm Ascher, der zwischen ihnen liegt.
Allegorisch ist Sebulon, was „Wohnstätte“ bedeutet, die Kirche, reich, friedlich und dem Handel der Seelen hingegeben. Denn aus Sebulon sind Christus und die Apostel predigend bis nach Sidon, Tyrus und anderen Völkern gezogen. So der hl. Ambrosius, Buch Über die Segnungen der Patriarchen, Kapitel 5.
Weissagung und Segen Issachars
14. „Issachar ist ein starker Esel.“ Im Hebräischen steht: „Issachar ist ein knochiger Esel“, das heißt robust und stark wie Knochen, für die Arbeiten des Ackerbaus und für den Transport seiner Ernte und Früchte zum Meer. Denn das Gebiet Issachars war angenehm und fruchtbar an Öl, Wein und Getreide. So der hl. Hieronymus.
„Gelagert zwischen den Grenzen“, womit gemeint ist, daß Issachar sich nicht der Schiffahrt widmen wird, wie Sebulon; sondern sich selbst aus seinem eigenen Los und Landgebiet ernährend, wird er zu Hause bleiben, und dort wird er still zwischen den Grenzen und Schranken der anderen Stämme wohnen. Daher sagt Mose im Deuteronomium 33: „Freue dich, Issachar, in deinen Zelten.“
15. „Er sah, daß die Ruhe gut war“, womit gemeint ist, daß Issachar die Vorteile eines ruhigen und ländlichen Lebens erkannte und deshalb vorzog und umarmte. Denn in einem ruhigen Leben blühen Weisheit, Tugend, Friede und Landwirtschaft und aus ihnen die Früchte und der Reichtum der Felder. Daher waren die Issacharäer, als friedliche Menschen, dem Streben nach Weisheit ergeben, wie aus 1 Chronik 12,32 erhellt.
„Und das Land, daß es vortrefflich war. Er beugte seine Schulter, um zu tragen“ die schon erwähnten ländlichen Lasten. „Und er wurde ein tributpflichtiger Knecht“, womit gemeint ist, daß Issachar es vorzog, ein ruhiges Leben mit Tribut zu führen, als davon befreit, aber durch Kriege bedrängt zu sein, oder zum Kriegsdienst Salomos und anderer Könige eingezogen zu werden; denn im allgemeinen sind die Bauern mehr als andere mit Steuern belastet, von denen die Soldaten befreit sind.
Allegorisch versteht der hl. Ambrosius unter Issachar Christus, und der hl. Hippolyt die Apostel. „Issachar, sagt der hl. Ambrosius, bedeutet ‚Lohn‘ und wird daher auf Christus bezogen, der unser Lohn ist, weil wir ihn zur Hoffnung des ewigen Heiles nicht mit Gold, nicht mit Silber, sondern mit Glauben und Hingabe verdienen.“
Tropologisch ist Issachar der stille und friedliche Christ, und besonders derjenige, der das Ordensleben führt. Fromm und treffend sagt der Abt Nesteros in den Vitae Patrum, Buch 5, Kapitel 15, als man ihn fragte, wie er so friedlich im Kloster gelebt und gelernt habe, in jeder Trübsal Schweigen und Geduld zu bewahren: „Als ich zuerst in die Gemeinschaft eintrat, sprach ich zu meiner Seele: Du und der Esel sollen eins sein. Denn wie ein Esel geschlagen wird und nicht spricht, Unrecht erduldet und nicht antwortet, so auch du; wie der Psalm lautet: ‚Ich bin vor dir wie ein Lasttier geworden, doch bin ich stets bei dir.‘“
Weissagung und Segen Dans
16. „Dan wird richten.“ Im Hebräischen steht Dan jadin, was bedeutet: „Der Richter wird richten.“ Hier bestätigt Jakob den Namen seines Sohnes Dan, aber aus einem anderen Grund, nämlich daß Dan durch Simson, der aus ihm geboren werden sollte, richten, das heißt Israel aus der Knechtschaft der Philister befreien und verteidigen würde. Denn Simson war ein Richter, das heißt ein Vorkämpfer seines Volkes. So der hl. Hieronymus, Prokop, Gennadius, Rupert und der Chaldäer. „Ebenso wie ein anderer Stamm“, der Israel seinen eigenen Richter gab; denn nicht alle Stämme gaben Richter: denn es ist zutreffender, daß Ruben, Gad, Simeon und Ascher keinen Richter gaben.
17. „Dan sei eine Schlange am Wege, eine gehörnte Natter auf dem Pfade.“ Im Hebräischen steht Dan im Nominativ, und so ist die Bedeutung: Dan wird da sein, das heißt Simson der Danit, wie eine Schlange und eine gehörnte Natter. Denn erstens, wie Schlangen, die auf Wegen und Pfaden unter Laub oder im Sande lauern, einen Menschen aus ihren Verstecken unerwartet angreifen und beißen, so griff Simson heimlich durch Kriegslisten und Täuschung die Philister an, verwüstete und tötete sie, wie der Fall der dreihundert Füchse zeigt, an deren Schwänze Simson brennende Fackeln band und die Ernten der Philister in Brand steckte; ebenso beim Niederreißen der Säulen des Hauses, durch das er ihre Führer mit sich begrub und so mehr im Sterben tötete als im Leben.
„Eine gehörnte Natter auf dem Pfade, die in die Hufe des Pferdes beißt, so daß sein Reiter rücklings stürzt.“ Die Hornnatter, sagt Plinius, Buch 8, Kapitel 29, ist eine Schlange, die vier Hörner hat, die denen von Widdern sehr ähnlich sind und die, wenn sie den Reiter nicht erreichen kann, in die Ferse des Pferdes beißt, um das Pferd und folglich den Reiter abzuwerfen. In gleicher Weise griff Simson die Philister nicht nur durch seine Kraft, sondern auch durch Kriegslisten und Hinterhalte an, stürzte und tötete sie.
Beachte: Jakob hat diese Dinge buchstäblich von Simson vorhergesagt, allegorisch vom Antichrist als dem Gegenbild Simsons. Denn aus Dan wird der Antichrist geboren werden, wie die Väter gemeinhin lehren. Der Antichrist wird daher die Hörner und das Wesen einer Schlange und einer gehörnten Natter haben, weil er durch seine Täuschungen, Künste, Schmeicheleien, Heuchelei, sein Wissen, seine Beredsamkeit, falsche Wunder, Macht und Qualen sehr viele Menschen wie eine Schlange und eine gehörnte Natter täuschen, niederwerfen, beißen und töten wird. So der hl. Augustinus, der hl. Irenäus, der hl. Ambrosius, Prosper, Hippolyt, Rupert, Aretas, Haymo, Richard und Anselm, die Pererius zitiert und denen er folgt.
18. „Auf dein Heil werde ich warten, o Herr.“ Für „dein Heil“ steht im Hebräischen iescuatecha, das heißt „dein Heil“, das unser Heiland Schilo, nämlich Christus, bringen wird. Beachte: Jakob, der voraussah, daß die Befreiung Israels durch Simson gering und kurzlebig sein würde, nach der die Israeliten wieder von den Philistern unterjocht würden; der weiter durch diese Schlange und gehörnte Natter voraussah, daß vor allem der Antichrist bezeichnet wurde — bis ins Mark seiner Gebeine betrübt und erschaudernd, ruft er aus: „Auf dein Heil“, das heißt auf deinen Heiland, „werde ich warten, o Herr“, mit der Bedeutung: Nicht auf Simson, sondern auf Christus, den wahren, beständigen und ewigen Heiland Israels und der Welt, dessen Typus und Schatten Simson nur war. Daher übersetzt der Chaldäer: „Ich erwarte nicht die Rettung Gideons, des Sohnes des Joasch, dessen Rettung zeitlich ist; noch die Rettung Simsons, des Sohnes Manoachs, dessen Rettung vergänglich ist; sondern ich erwarte die Erlösung Christi, des Sohnes Davids, der kommen wird, um die Söhne Israels zu sich zu sammeln, nach dessen Erlösung meine Seele verlangt.“
Weissagung und Segen Gads
19. „Gad, gegürtet, wird vor ihm kämpfen, und er selbst wird von hinten gegürtet sein.“ „Vor ihm“, nämlich vor Israel, das im vorhergehenden Segen, Vers 16, erwähnt wurde. Im Hebräischen liegt ein fortlaufendes Wortspiel und eine Anspielung auf die Etymologie des Namens Gad vor. Denn Gad ist von gedud benannt, das heißt „gegürtet“ (bewaffnet), womit gemeint ist, daß der Stamm Gad, seinem Namen entsprechend, gegürtet, bewaffnet und kriegerisch sein wird, und dies wird sich sowohl zu anderen Zeiten zeigen (wie aus 1 Chronik 5,18–19 erhellt) als auch, wenn der Stamm selbst bewaffnet vor Israel, das heißt vor den übrigen Stämmen, als deren Führer herziehen und sie über den Jordan nach Kanaan führen wird. Dann wird er „von hinten gegürtet sein“, wenn nach der gebührenden Ansiedlung seiner Brüder in ihrem Gebiet und da sie ihren Frieden genießen, nach dem vierzehnten Jahr seiner Führerschaft und der für seine Brüder geführten Kriege, er sich abermals gürten und, mit Beute beladen, ruhmvoll in sein eigenes Gebiet jenseits des Jordan heimkehren wird. Siehe die Geschichte im Buch Josua, Kapitel 22. So der Chaldäer, der hl. Hieronymus und Prokop.
Allegorisch ist der gegürtete Gad Christus und die Kirche, die wie ein Heer in Schlachtordnung aufgestellt ist, und jeder gläubige Mensch, besonders der Märtyrer, sagt Rupert, der edel gegen die Welt, das Fleisch und den Teufel kämpft und daher im Himmel ruhmreich und höchst selig sein wird. Denn Gad bedeutet im Hebräischen sowohl „gegürtet“ als auch „glücklich“. Ein solcher war der hl. Laurentius, der, als er gebraten wurde, zu Decius sagte: „Wende mich um und iß.“
Johannes Fisher, Bischof von Rochester, der von Heinrich VIII. zum Tode verurteilt wurde, weil er sich weigerte, dessen kirchlichen Vorrang anzuerkennen, warf, als er sich dem Hinrichtungsort näherte, den Stock weg, auf den sich der alte Mann gestützt hatte, und sagte: „Komm, Füße, tut eure Pflicht — von der Reise ist wenig übrig.“
Die hl. Agatha sagte zu Quintianus: „Schämst du dich nicht, grausamer Tyrann, mir die Brüste abzuschneiden, die du selbst an denen deiner Mutter gesogen hast? Aber du gewinnst nichts; ich habe innere Brüste des Glaubens und der Hoffnung, die du nicht wegreißen kannst, durch deren Nahrung die Tugend des Ausharrens in mir erneuert wird.“ Die hl. Agnes sagte zum Henker: „Warum zögerst du? Möge dieser Leib vergehen, der von Augen geliebt werden kann, von denen ich nichts will.“ Sie stand da, betete, neigte den Nacken, und so erlitt sie als ein einziges Opfer ein zweifaches Martyrium, der Keuschheit und des Glaubens. So der hl. Ambrosius.
Eine solche war auch die hl. Felizitas, die unter Antoninus Pius zusammen mit ihren sieben Söhnen das Martyrium erlitt. Denn als der Präfekt Publius wollte, daß sie die Götter verehre, und zu den Bitten Drohungen fügte, antwortete sie: „Ich lasse mich durch diese Schmeicheleien nicht bewegen und durch Schrecken und Drohungen nicht brechen. Ich habe den Heiligen Geist, der mir Kraft verleiht, so daß ich bereit bin, alles für den Glauben zu erdulden.“ Und zu ihren Söhnen gewandt: „Teuerste Söhne, haltet fest am Bekenntnis des Glaubens; Christus erwartet euch schon mit seinen Heiligen; kämpfet für eure Seelen und erweiset euch Christus treu.“
Weissagung und Segen Aschers
20. „Ascher, sein Brot wird fett sein, und er wird königliche Köstlichkeiten bereiten.“ Hier bezeichnet und sagt Jakob den Reichtum und die Fruchtbarkeit und Erträge des Stammes Ascher voraus, die so schmackhaft und köstlich sein werden, daß sie den Königen von Juda, Israel, Tyrus und anderen eine Wonne sein werden; und dies teils wegen der Güte des Bodens, teils weil er am Meer lag, teils weil er den Tyriern und Sidoniern benachbart war. Dasselbe sagt Mose von Ascher voraus, Deuteronomium 33, wenn er sagt: „Möge er seinen Fuß in Öl tauchen, und sein Schuh sei Eisen und Erz.“
Allegorisch ist Ascher Christus, der uns mit den Köstlichkeiten der Eucharistie erfreut, bereichert und segnet. „Denn was ist seine Güte, sagt Sacharja, Kapitel 9, Vers 17, und was ist seine Schönheit, wenn nicht das Korn der Auserwählten und der Wein, der Jungfrauen hervorbringt?“ So Prokop, Eucherius und Rupert. Schön sagt der hl. Ambrosius: „Die Armut Christi bereichert uns, seine Schwachheit heilt, sein Hunger sättigt, sein Tod gibt Leben, sein Begräbnis richtet uns auf.“
Weissagung und Segen Naftalis
21. „Naftali ist ein freigelassener Hirsch und gibt Worte der Schönheit.“ Für „Hirsch“ steht im Hebräischen aiala, was sowohl einen männlichen als auch einen weiblichen Hirsch bezeichnet. Wie ein freigelassener Hirsch springend in einem grasreichen und fruchtbaren Land umherstreift, so wird auch Naftali sich in seinem fruchtbaren Gebiet tummeln und freuen. Zweitens: „Er wird Worte der Schönheit geben“, das heißt, er wird höflich, sanft und anmutig sein und durch seine Liebenswürdigkeit jeden für sich gewinnen. Denn dies ist es, was Mose von Naftali vorhersagte, Deuteronomium 33: „Naftali wird Überfluß genießen und voll des Segens des Herrn sein.“
Drittens, eigentlich und direkt, schaut und sagt Jakob hier den Sieg Baraks und Deboras über Sisera voraus, Richter 4. Denn Barak war der Befehlshaber des Heeres Israels, ein Einheimischer aus Naftali, der zu Recht mit einem Hirsch verglichen wird, der an sich furchtsam ist, aber wenn er sich von Jägern und Feinden umzingelt sieht und sein Leben auf dem Spiel steht, seinen Mut und seine Geweihe erhebt und, wie ein Wütender, mit großer Kraft und Schnelligkeit mitten durch die Reihen der Feinde bricht und entkommt. So war Barak zuerst furchtsam wie ein Hirsch und wagte nicht, sich in den Kampf einzulassen außer mit Debora; aber durch ihre Begleitung ermutigt, brach er wie ein Löwe in die Streitkräfte der Feinde ein, durchbrach sie, warf sie nieder und erschlug sie, und das höchst schnell, wie ein Hirsch und wie ein Blitz (Barac bedeutet im Hebräischen „Blitzstrahl“), so daß er mit Cäsar sagen konnte: „Ich kam, ich sah, ich siegte.“
Daher „wird er Worte der Schönheit geben“, das heißt, er wird ein wunderschönes Lied des Dankes und der Dankbarkeit gegen Gott, den Urheber des Sieges, hervorbringen, nämlich das berühmte Lied Baraks und Deboras, das in Richter 5 zu finden ist.
Allegorisch ist Naftali Christus, der wie ein Hirsch in der Kraft des Geistes (Lukas 4,14) in der Nähe und um Gennesaret herum, welches ein See in Naftali ist, eifrig und schnell das Lager des Teufels durchbrach und Worte der Schönheit hervorbrachte, indem er in seinem Evangelium sagte: „Selig sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich“, usw., und dort versammelte er die Apostel, die diese wunderschönen Worte des Evangeliums in der ganzen Welt verkündeten. So der hl. Hieronymus, Prokop und Ambrosius.
Weissagung und Segen Josefs
Vers 22. „Josef ist ein fruchtbarer Sohn.“ Im Hebräischen steht ben porat Joseph, das heißt „ein Sohn der Fruchtbarkeit“, mit der Bedeutung „fruchtbar, Josef“. Jakob spielt auf den Namen Ephraim an, der der Sohn Josefs war. Denn Ephraim ist so genannt, als ob er „fruchtbar“ bedeute, von derselben Wurzel para, was „er war fruchtbar“ bedeutet (Genesis 41,52); denn der Stamm Ephraim war der fruchtbarste, zahlreichste, stärkste und königliche Stamm. Nun wuchs Josef oder war fruchtbar wegen der beiden Söhne, die er zeugte, nämlich Manasse und Ephraim, die zwei Stämme in Israel bildeten: daher wird das Wort „wachsend“ hier zweimal wiederholt. Denn Josef trat mit Juda in das Erstgeburtsrecht Rubens ein; daher, wie Juda das Königtum Judas erlangte, so erlangte Josef einen doppelten Stamm und ein doppeltes Erbe in Kanaan und das Königtum in Israel.
„Schön anzusehen.“ Im Hebräischen steht ale ain, was auf zweifache Weise übersetzt werden kann. Erstens „an einer Quelle“, gleichsam als wollte er sagen: Josef ist und wird ein Sohn der Fruchtbarkeit sein, das heißt fruchtbar wie ein Baum, der an einer Quelle gepflanzt ist und Frucht trägt. Zweitens kann es übersetzt werden „über dem Auge“, gleichsam als wollte er sagen: Josef war so schön, daß er die Augen derer beherrschte, die ihn anschauten.
„Die Töchter (nämlich die ägyptischen Frauen) liefen an der Mauer entlang“ — an den Mauern der Häuser und Städte, um dich, o Josef, zu sehen, so schön ein junger Mann, durch königliche Gewandung ausgezeichnet, gleichsam als Retter des Vaterlandes und der Welt, und um wiederum von dir gesehen zu werden. So Kajetan und Lipomanus.
Allegorisch ist Josef Christus, „schön von Gestalt über die Söhne der Menschen“, den daher Abraham und die Patriarchen zu sehen begehrten.
Vers 23. „Aber sie reizten ihn“ — seine Brüder bedrängten Josef mit Bitterkeit, obwohl er so schön und liebenswert war. „Und sie zankten mit ihm“ — indem sie sagten: „Solltest du etwa König über uns sein?“ und: „Siehe, der Träumer kommt; kommt, laßt uns ihn töten.“ „Die Wurfspieße hatten“ — sowohl der Worte, nämlich beißender Spöttereien, Lügen und Verleumdungen, als auch der Schläge: denn als sie ihn entkleideten, stießen, in eine Zisterne warfen und schließlich nach Ägypten verkauften, mit welchen Wurfspießen der Worte und Schläge durchbohrten sie ihn!
Allegorisch ist Josef Christus, gegen den die Juden alle ihre Pfeile der Zungen, Nägel und Geißeln schleuderten und ausriefen: „Hinweg mit ihm, hinweg mit ihm, kreuzige ihn!“
Vers 24. „Sein Bogen ruhte im Starken.“ „Bogen“, das heißt seine Stärke und Verteidigung, gleichsam als wollte er sagen: Angesichts so großen Hasses und so großer Verfolgungen von seiten seiner Brüder, in der Sklaverei, im ägyptischen Gefängnis, ließ Josef den Mut nicht sinken, wurde nicht schwach, sondern stand, ja saß fest und stark, mit all seiner Hoffnung auf den allmächtigen Gott gerichtet. Josef vertraute seinen Bogen dem allmächtigen Gott an, der im Bogenschießen am erfahrensten ist, damit er von seiner Hand geführt werde.
„Die Bande seiner Arme und Hände wurden gelöst.“ Das hebräische japhozu, dessen eigentliche Bedeutung unsicher ist, wird verschieden übersetzt. Unser Übersetzer und die Siebzig übersetzen: „Die Bande wurden gelöst“, das heißt die Ketten seiner Arme und Hände. Sieh, wie die Hoffnung auf den mächtigen Gott Josef nicht enttäuschte. Höre Weisheit, Kapitel 10: „Sie (die ewige und unerschaffene Weisheit, welche Gott selbst ist) verließ den Gerechten nicht, als er verkauft wurde, und ließ ihn nicht in Fesseln, bis sie ihm das Zepter brachte“ usw.
„Durch die Hände des Mächtigen Jakobs.“ Für „mächtig“ hat der hebräische Text abbir, was einer der Namen Gottes ist. Die Hebräer lehren, daß dieser Name voll von Geheimnissen ist; denn der erste Buchstabe Aleph bedeutet ab, das heißt Vater. Der zweite Buchstabe Beth bedeutet ben, das heißt Sohn. Der dritte Buchstabe Resch bedeutet ruach, das heißt Heiliger Geist. Denn wie diese drei Buchstaben in dem einen Namen abbir sind, so sind diese drei Personen in der einen göttlichen Wesenheit.
„Von dort ging der Hirt hervor, der Stein Israels.“ Das Wort „von dort“ bezeichnet nicht einen Ort, sondern eine Ursache und bedeutet dasselbe wie „deshalb“: Weil Josef durch die Hilfe des abbir, das heißt des mächtigen Gottes, gestärkt wurde — deshalb ging ein Hirt hervor, das heißt, er wurde Herrscher und Fürst der Ägypter, und ein Stein, das heißt die Stütze seines Volkes Israel. Denn Josef nährte und erhielt seinen Vater Israel sowie seine Brüder und deren Familien zugleich mit den Ägyptern in den sieben Jahren der Hungersnot und stärkte und unterstützte sie so, daß sie nicht an Mangel zugrunde gingen.
Allegorisch ist Josef der Hirt, sagt Rupert, Christus, der der Hirt und Fels und Eckstein der Kirche ist. Wiederum sind der Hirt und Fels der Kirche der hl. Petrus und die anderen Päpste, Stellvertreter Christi. Denn Christus sagte zu Petrus: „Weide meine Schafe“; und: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.“
Vers 25. „Der Gott deines Vaters“ — der Gott, der deinen Vater Jakob in allem geführt hat, wird dir als dem Sohn Jakobs und Erben seines Glaubens und seiner Frömmigkeit auch helfen und dich führen. „Er wird dich segnen mit den Segnungen des Himmels“ — indem er dir vom Himmel rechtzeitigen Regen, Tau, Schnee, schönes Wetter und den freundlichen Einfluß der Sonne und des Himmels gibt, durch die dein Land fruchtbar gemacht werde. „Mit den Segnungen des Abgrunds, der unten liegt“ — der Abgrund ist eigentlich jener Abgrund der Wasser, der unter der Erde verborgen liegt, welcher mit dem Meer verbunden ist und das Land durch seine Adern und Kanäle bewässert und befruchtet. „Mit den Segnungen der Brüste und des Leibes“ — damit du reichliche Milch, Nachwuchs und Nachkommenschaft habest, sowohl von Tieren als auch von Menschen.
Allegorisch ist Josef Christus, den alles im Himmel und darunter, alle Engel und Heiligen im Himmel und die Väter in der Vorhölle segnen und anbeten, und den alle Gläubigen auf Erden preisen, indem sie mit Elisabet sagen: „Gesegnet ist die Frucht deines Leibes“; und mit jener anderen Frau, die in der Menge ausrief: „Gesegnet ist der Leib, der dich getragen hat, und die Brüste, die dich genährt haben.“
Vers 26. „Die Segnungen deines Vaters sind verstärkt durch die Segnungen seiner Väter.“ Gleichsam als wollte er sagen: Ich, Jakob, bin über meine Väter Abraham und Isaak hinaus sowohl von meinem Vater Isaak als auch von Gott gesegnet worden; und so segne ich meinerseits dich, o Josef, und folglich wirst du gesegneter sein als meine Väter und als ich selbst, weil du nicht nur die Segnungen der Väter empfangen wirst, wie ich es tat, sondern auch meinen eigenen Segen. So Lyra, Abulensis und Pererius.
„Bis das Begehren der ewigen Hügel kommt“ — nämlich Christus, der der letzte und größte aller Segnungen und Verheißungen ist, der Abschluß ihrer aller, den daher alle Menschen, ja alle vernunftlosen Geschöpfe — Erde, Meer, Hügel und Berge — von ihrem Anbeginn an sehnlichst als den Erlöser der Menschen und den Wiederhersteller und Erneuerer des ganzen Weltalls erwarten. Die Bedeutung ist also, gleichsam als wollte Jakob sagen: Dieser mein Segen, o Josef, ist größer als der Segen der Väter und wird dauern bis zu Christus, der dir und der ganzen Welt den größten Segen bringen wird.
Zweitens, symbolisch, ist Christus das Begehren der ewigen Hügel, das heißt der Patriarchen, Propheten und erlauchten Heiligen, die die anderen Menschen an Weisheit, Tugend und Heiligkeit übertreffen und ewig im Himmel hervorragen werden, so wie Hügel sich über die Täler erheben. So Rupert, Kajetan und Lipomanus.
„Mögen sie auf dem Haupte Josefs ruhen und auf dem Scheitel des Nasiräers unter seinen Brüdern.“ Beachte: Josef wird hier ein Nasiräer genannt, das heißt „ein Abgesonderter“, wie der Chaldäer übersetzt, „ein Gekrönter und Geweihter“. Denn nezer bedeutet sowohl Absonderung als auch Krone und Weihe. Josef war von seinen Brüdern abgesondert: erstens durch seinen Charakter und seine Unschuld; zweitens durch Ort und Lebensweise; drittens durch das Gefängnis, wo Josef mit ungeschorenem Haar allein Gott überlassen, hingegeben und geweiht war, wie die Nasiräer, die sich selbst und ihre Enthaltsamkeit sowie ihr Haar Gott weihten (Numeri 6). Viertens durch die Krone des Königtums in Ägypten. Sicherlich war der Nasiräer Josef ein ausdrücklicher Typus Christi des Nasiräers, das heißt des von den Juden und vom gemeinsamen Leben der Menschen Abgesonderten, des Gott Geweihten und als höchster König und Pontifex der Welt Gekrönten.
Weissagung und Segen Benjamins
Vers 27. „Benjamin ist ein reißender Wolf: am Morgen wird er den Raub verzehren, und am Abend wird er die Beute verteilen.“ Buchstäblich sagt Jakob hier voraus, daß der Stamm Benjamin raubgierig und kriegerisch wie ein Wolf sein wird und sein Recht in Gewalt und Waffen setzt. Dies hat sich in der Tat im Krieg um Gibea bestätigt, den die Benjaminiter allein wegen der Gewalttat, die sie an der Frau eines Leviten begangen hatten, gegen alle anderen Stämme führten und bis zur Vernichtung durchhielten; und schließlich ergriffen sie die Töchter von Schilo (Richter 20). So Prokop, Eusebius, Theodoret, Abulensis und andere.
Wiederum spielt Jakob hier auf die Beuten und Siege Sauls, des ersten Königs der Juden, an und sagt sie voraus, sowie ebenso die Esthers und Mordechais; denn alle diese stammten von Benjamin ab.
Allegorisch verstehen fast alle lateinischen Väter — nämlich der hl. Hieronymus, Ambrosius, Rupert, Eucherius, Beda und der hl. Augustinus in der ersten Predigt Über die Bekehrung des hl. Paulus — diesen Wolf als den hl. Paulus, der von Benjamin abstammte und Saulus genannt wurde und am frühen Morgen, das heißt in seiner Jugend, wie ein Wolf gegen Christus und die Christen wütete, Männer und Frauen ins Gefängnis schleppte, Stephanus durch die Hände anderer steinigte und Drohungen und Mord gegen alle schnaubte. Aber von Christus bekehrt und von Saulus zu Paulus, von einem Wolf des Teufels zu einem Wolf Gottes gewandelt, verteilte er am „Abend“, das heißt als er älter geworden war, unter Christus und der Kirche die von den Heiden genommenen und dem Teufel abgenommenen Beuten. „Paulus“, sagt der hl. Ambrosius, „war ein Wolf, als er die Schafe der Kirche verschlang; aber der als Wolf gekommen war, wurde zum Hirten gemacht. Daher nannte Rahel, als sie Benjamin gebar, seinen Namen ‚Sohn meines Schmerzes‘, weissagend, daß aus diesem Stamm Paulus kommen werde, der die Kinder der Kirche bedrängen und ihre Mutter mit großem Schmerz belästigen würde; aber später verteilte er Speise, als er die Heiden evangelisierte und sehr viele zum Glauben rief.“
Vers 28: Die zwölf Stämme
„Alle diese sind die zwölf Stämme Israels.“ Im Hebräischen steht: „Alle diese Stämme Israels sind zwölf“, gleichsam als wollte er sagen: Von diesen zwölf Söhnen Jakobs stammten die zwölf Stämme Israels ab und wurden nach ihnen benannt. Denn hier wird jeder von Jakobs Söhnen gezählt (sie waren zwölf an Zahl), und folglich werden sowohl Levi als auch Josef gezählt, so daß jeder von Jakobs Söhnen einen Stamm bildet. Aber in der Teilung des Heiligen Landes wird Levi nicht gezählt, weil er keinen Teil daran hatte; denn Levis Anteil war der Herr, das heißt die Opfer und Erstlinge, die dem Herrn dargebracht wurden. Auch Josef wird nicht gezählt, sondern seine beiden Söhne, nämlich Ephraim und Manasse; denn diese haben, an die Stelle Levis und Josefs tretend, einen doppelten Stamm und folglich ein doppeltes Los in Kanaan empfangen.
„Und er segnete einen jeden mit seinen eigenen Segnungen.“ Daher ist die Bedeutung: „Er segnete einen jeden“, das heißt die bisher erzählten Segnungen sprach er aus und wies sie jedem als die seinen zu. Denn obwohl er Simeon und Levi nicht eigentlich segnete, sondern tadelte, war dieser väterliche Tadel in Wahrheit ein Segen. So der hl. Chrysostomus, Kajetan und Lipomanus.
Verse 29–32: Der Tod Jakobs
Vers 31. „Dort liegt auch Lea begraben.“ Im Hebräischen steht: „und dort habe ich Lea begraben“. Daraus erhellt, daß Lea in Kanaan starb und dort von Jakob begraben wurde, und nicht in Ägypten starb und ihr Leib von dort nach Kanaan zusammen mit dem ihres Mannes überführt wurde, wie einige es wollen.
Vers 32. „Und als er seine Befehle beendet hatte.“ Die Hebräer berichten, daß Jakob seinen Söhnen auf dem Sterbebett gegenseitigen Frieden und Eintracht befahl sowie die Furcht, den Gehorsam und die Verehrung des einen wahren Gottes, und die Flucht vor dem Götzendienst der Ägypter.
„Er zog seine Füße auf das Bett hinauf.“ Jakob hatte sich während des Weissagens und Segnens seiner Söhne aufgerichtet und saß auf dem Bett mit herabhängenden Füßen; nun, da er seine Rede beendet und seiner Familie Lebewohl gesagt hat, zieht er seine Füße auf das Bett und verscheidet allmählich.
Sieh hier, wie friedlich der Tod der Gerechten ist. So dankte der hl. Lucius, der Märtyrer, zum Tode verurteilt, dem Präfekten Urbicius und sagte: „Ich werde von bösen Herren befreit und gehe zu Gott, dem besten Vater.“ Babylas, der Märtyrer, sprach, als er seinen Nacken zum Streich darbot: „Kehre zurück, meine Seele, zu deiner Ruhe, denn der Herr ist freigebig gegen dich gewesen. Er hat meine Seele vom Tode befreit, meine Augen von Tränen, meine Füße vom Fall. Ich werde wandeln vor dem Herrn im Lande der Lebenden.“ Denn der Tod, sagt der hl. Chrysostomus, ist ein ruhiger Hafen, wahre Ruhe, Schlaf, ein Übergang zu Besserem, Befreiung von Übeln, eine Wanderung von der Erde zum Himmel, von den Menschen zu den Engeln und zu dem Herrn der Engel selbst.
„Er wurde zu seinem Volke versammelt“ — er starb, und was seine Seele betrifft, so stieg er zu den Vätern und Gerechten hinab, die in der Vorhölle und im Schoß Abrahams wohnten. Die Schrift spricht so, um zu bezeichnen, daß die Seelen der Heiligen nach dem Tode kein einsames und trauriges Leben führen, sondern ein geselliges und freudiges; wohingegen die Seelen der Bösen, obwohl im Feuer zusammengehalten, dennoch durch ewige Feindschaften und Streitigkeiten getrennt sind und sich gegenseitig mit Flüchen und Lästerungen nach Art der Hunde zerreißen.
Beachte die Lebensspanne Jakobs: Jakob wurde im Jahr 452 nach der Sintflut geboren. Vor Esau fliehend zog er nach Haran zu Laban, im 77. Jahr seines Alters; von dort kehrte er nach 20 Jahren, das heißt in seinem 97. Jahr, nach Kanaan zurück. Nach 10 Jahren, das heißt in seinem 107. Jahr, starb Rahel, und Benjamin wurde geboren, und Josef wurde nach Ägypten verkauft. Danach blieb Jakob noch 23 Jahre in Kanaan. Denn im 130. Jahr seines Alters zog er, von Josef gerufen, mit seiner ganzen Familie nach Ägypten, und dort lebte er 17 Jahre und starb im 147. Jahr seines Alters, welches das Jahr der Welt 2256 war. Für die Grabinschrift und die Lobreden auf Jakob siehe das Buch der Weisheit, Kapitel 10, Vers 10, und Jesus Sirach, Kapitel 44, Vers 25.