Cornelius a Lapide
Inhaltsverzeichnis
Zusammenfassung des VII. Kapitels
Noach betritt mit den Tieren die Arche. Zweitens überzieht ab Vers 17 die Sintflut die Erde 150 Tage lang.
Vulgatatext: Genesis 7,1-24
1. Und der Herr sprach zu ihm: Geh hinein, du und dein ganzes Haus, in die Arche; denn ich habe dich gerecht vor mir befunden in diesem Geschlecht. 2. Von allen reinen Tieren nimm je sieben und sieben, Männchen und Weibchen; von den unreinen Tieren aber je zwei und zwei, Männchen und Weibchen. 3. Auch von den Vögeln des Himmels je sieben und sieben, Männchen und Weibchen, damit Same erhalten bleibe auf dem Angesicht der ganzen Erde. 4. Denn noch sieben Tage, und ich werde regnen lassen auf die Erde, vierzig Tage und vierzig Nächte lang; und ich werde alles Bestehende, das ich gemacht habe, vertilgen von der Oberfläche der Erde. 5. Da tat Noach alles, was der Herr ihm geboten hatte. 6. Und er war sechshundert Jahre alt, als die Wasser der Sintflut die Erde überfluteten. 7. Und Noach ging hinein, und seine Söhne, seine Frau und die Frauen seiner Söhne mit ihm, in die Arche, vor den Wassern der Sintflut. 8. Und von den reinen und den unreinen Tieren, und von den Vögeln und von allem, was sich auf der Erde bewegt, 9. gingen je zwei und zwei zu Noach in die Arche, Männchen und Weibchen, wie der Herr dem Noach geboten hatte. 10. Und als die sieben Tage vergangen waren, überfluteten die Wasser der Sintflut die Erde. 11. Im sechshundertsten Lebensjahr Noachs, im zweiten Monat, am siebzehnten Tag des Monats, brachen alle Quellen der großen Tiefe auf, und die Schleusen des Himmels wurden geöffnet; 12. und Regen fiel auf die Erde vierzig Tage und vierzig Nächte. 13. An eben jenem Tag ging Noach hinein, und Sem und Cham und Jafet, seine Söhne, seine Frau und die drei Frauen seiner Söhne mit ihnen, in die Arche: 14. sie und alle Tiere nach ihrer Art, und alles Vieh nach seiner Art, und alles, was sich auf der Erde bewegt, nach seiner Art, und alles Geflügelte nach seiner Art, alle Vögel und alle geflügelten Geschöpfe, 15. gingen zu Noach in die Arche, je zwei und zwei von allem Fleisch, in dem der Odem des Lebens war. 16. Und die hineingingen, gingen hinein als Männchen und Weibchen von allem Fleisch, wie Gott ihm geboten hatte; und der Herr verschloss ihn von außen. 17. Und die Sintflut kam über die Erde vierzig Tage lang; und die Wasser nahmen zu und hoben die Arche empor von der Erde. 18. Denn sie überfluteten gewaltig und erfüllten alles auf der Oberfläche der Erde; die Arche aber trieb auf den Wassern. 19. Und die Wasser nahmen überaus mächtig zu auf der Erde, und alle hohen Berge unter dem ganzen Himmel wurden bedeckt. 20. Das Wasser stieg fünfzehn Ellen höher als die Berge, die es bedeckte. 21. Und alles Fleisch kam um, das sich auf der Erde regte: Vögel, Vieh, wilde Tiere und alles Gewimmel, das auf der Erde wimmelte, und alle Menschen; 22. und alles, in dem der Odem des Lebens war auf der Erde, starb. 23. Und Er vertilgte alles Bestehende, das auf der Erde war, vom Menschen bis zum Vieh, das Kriechende und die Vögel des Himmels; und sie wurden vertilgt von der Erde. Nur Noach blieb übrig und die bei ihm in der Arche waren. 24. Und die Wasser beherrschten die Erde hundertfünfzig Tage.
Vers 1: Dein ganzes Haus
DEIN GANZES HAUS — alle deine Nachkommen und deine Familie.
IN DIESEM GESCHLECHT — Unter den Menschen dieser Zeit.
Vers 2: Von allen reinen Tieren
Theodoret, Abulensis und Beda meinen, diese Tiere würden vorwegnehmend rein genannt, weil sie nämlich durch das Gesetz des Mose in Levitikus 11 als rein erklärt werden sollten. Andere dagegen vertreten zutreffender die Auffassung, dass die Unterscheidung der Tiere (und auch der Vögel, wie die Septuaginta angibt) in reine und unreine, von der Levitikus 11 handelt, auch unter dem Naturgesetz bestand, und zwar durch Eingebung Gottes und durch die Überlieferung der Vorfahren; denn Gott hatte in der Zeit des Naturgesetzes jene Tiere als rein für seine Opfer abgesondert, die er hernach in der Zeit des mosaischen Gesetzes als rein für die Juden zum Essen absonderte. So der hl. Chrysostomus, Didymus und Pererius.
SIEBEN UND SIEBEN — das heißt vierzehn, nämlich sieben Männchen und sieben Weibchen: denn Origenes, Justinus, Oleaster und Dionysius vertreten, dass vierzehn von den reinen Tieren, aber vier von den unreinen in der Arche bewahrt wurden. Dann aber wäre die Menge der Tiere so gewaltig gewesen, dass die Arche sie nicht hätte fassen können.
Besser also erklären es Josephus, der hl. Ambrosius, der hl. Chrysostomus, Theodoret, Eucherius, Lyranus, Abulensis, Cajetan und Pererius so: Von den reinen sollst du je sieben und sieben nehmen, das heißt, du sollst sieben von jeder reinen Art in die Arche nehmen, nämlich ein Paar zur Fortpflanzung der Art; ein zweites Paar zum Opfer; ein drittes Paar zur Speise nach der Sintflut; und schließlich ein siebtes Männchen für das Opfer, das sogleich nach dem Ende der Sintflut dargebracht werden sollte, wie Noach tatsächlich, sobald sie aufgehört hatte, von jeder reinen Tierart eines Gott zum Dankopfer darbrachte, Kapitel 8, Vers 20: so Pererius. Von den unreinen Tieren hingegen wurde nur ein einziges Paar in der Arche bewahrt, zur Fortpflanzung der Art.
Im übertragenen Sinne sagt der hl. Ambrosius in seinem Buch Über Noach und die Arche, Kapitel 12, dass sieben genommen wurden, „weil die Siebenzahl rein und heilig ist. Denn sie wird mit keiner anderen vermischt und von keiner anderen erzeugt, und deshalb wird sie Jungfrau genannt, weil sie nichts aus sich hervorbringt; und so besitzt sie eine männliche Gnade der Heiligung.“
Die Debatte über den Phönix
Aus dieser Stelle und anderen Argumenten beweisen Pererius und Aldrovandus, dass der Phönix nicht in der Arche war und dass es daher keinen Phönix gibt noch je in der Welt gegeben hat; denn die Schrift lehrt hier, dass von jeder Tierart Paare, nämlich Männchen und Weibchen, in die Arche gebracht wurden; der Phönix aber soll ein einziger und allein in der Welt sein. Und gewiss gibt es niemanden, der behaupten könnte, er habe einen Phönix gesehen.
Überdies sind diejenigen, die die Existenz des Phönix behaupten, untereinander in hohem Maße uneins über ihn. Der Phönix scheint daher eine Fabel zu sein, die vielleicht daher entstanden ist, dass die Ägypter in Heliopolis die Sonne als einen Vogel darstellten, aufgehend und untergehend, und ihn zum Phönix machten und gestalteten, obwohl er nur ein Sinnbild und eine Hieroglyphe der Sonne war, die gleich einem Phönix allein in der Welt ist.
Diese Vermutung wird dadurch gestützt, dass die Alten, wie Laktanz und Claudian bezeugen, den Phönix den Vogel der Sonne nannten, der bei ihrem Aufgang aufs Lieblichste gesungen und sie mit geneigtem Haupt verehrt habe. Daher sagt Plinius im 10. Buch, Kapitel 2, in seiner Beschreibung des Phönix, er sei eine Fabel, und fügt hinzu: „Ein Phönix wurde,“ sagt er, „in die Stadt gebracht während der Zensur des Kaisers Claudius, im Jahre 800 der Stadt, und in der Versammlung vorgezeigt, doch niemand zweifelte daran, dass er eine Fälschung war.“ Daher ist es verwunderlich, dass die Conimbricenses im 2. Buch Über den Himmel, Kapitel 3, Frage 6, Artikel 4, behaupten, der Phönix existiere, und dies sowohl aus anderen Quellen als auch aus eben diesen Worten des Plinius bestätigen: denn Plinius hält den Phönix für eine Fabel; die übrigen Alten, die den Phönix behaupten, tun dies nicht aus eigenem Urteil, sondern aus den Schriften früherer Autoren, seien diese wahr, fabelhaft oder symbolisch. Die Conimbricenses fügen jedoch hinzu, der Phönix sei nicht einer, sondern viele; er erwecke sich auch nicht selbst zum Leben wieder, sondern werde auf gewöhnliche Weise erzeugt; und so setzen sie einen anderen Phönix als den, den die Alten beschrieben, als Sinnbild und Typus der Auferstehung voraus; und die Abessinier und andere rühmen sich, solche Phönixe zu besitzen. Denn die Conimbricenses und andere stimmen nunmehr darin überein, dass es keinen solchen Phönix gibt, wie die Alten ihn beschrieben, einen einzigen, der im Sterben wiedergeboren wird. Wenn es also nicht bloß um den Namen geht, muss man sagen, dass der Phönix in der Welt nicht existiert und niemals existiert hat.
Vers 7: Acht Personen in der Arche
UND NOACH GING HINEIN, UND SEINE SÖHNE, SEINE FRAU UND DIE FRAUEN SEINER SÖHNE. — Man beachte: Nur acht Personen gingen in die Arche und wurden während der Herrschaft der Sintflut gerettet; von diesen acht wurden sieben um Noachs willen gerettet. Henoch wurde unterdessen, als das Paradies von den Wassern überflutet wurde, an einen anderen Ort entrückt.
Der Berosus des Annius nennt Noachs Frau Tyraea; und die Frauen von Noachs Söhnen nennt er Pandora, Noella und Noegla. Doch gelehrte Männer zweifeln sehr daran, ob der von Annius herausgegebene Berosus der wahre und alte Berosus der Chaldäer ist. Die Gnostiker nannten, nach dem Zeugnis des Epiphanius (Häresie 26), Noachs Frau Noria: Epiphanius widerlegt sie und versichert, sie habe Barthenon geheißen. Ferner bekennt eine dieser Frauen, die babylonische Sibylle gewesen zu sein, im 1. Buch der Sibyllinischen Orakel, gleich nach dem Anfang, wo sie erklärt, mit ihrem Mann in der Arche gewesen zu sein. Gelehrte Männer halten dies jedoch für verdächtig, als ob jene Verse von einem Halbgebildeten hinzugefügt worden seien, um jenem Orakelbuch Alter und Autorität zu verleihen; denn was sie an derselben Stelle hinzufügt, nämlich dass die Arche nicht auf den Bergen Armeniens, sondern Phrygiens gelandet sei, widerspricht offenkundig Mose im folgenden Kapitel, Vers 4. Ich weiß, dass manche Gelehrte dies sinnbildlich auffassen und glauben, die wahren und ursprünglichen Sibyllen seien nicht weibliche Prophetinnen gewesen, sondern lediglich die alte Kabbala oder Kibylla der Hebräer (woher der Name Sibylle), das heißt die von den Vätern durch Überlieferung empfangene Lehre; denn kabal bedeutet im Hebräischen empfangen, annehmen, von einem anderen übernehmen; daher ist Kabulla oder Sibylle paradosis, das heißt die Überlieferung der Väter, die Noach aus dem früheren Zeitalter empfing und nach der Sintflut seinen Nachkommen weitergab; so wie Laktanz im 1. Buch der Institutionen, Kapitel 6, im Anschluss an Varro meint, Sibylle sei gleichsam theobulen genannt worden, weil sie die Ratschlüsse Gottes verkündete. Denn die Alten nannten die Götter aious, nicht bious, und den Ratschluss nicht boulen, sondern bulen. Wenn also Sibylle Kabbala oder theobulen ist, so war sie gewiss mit Noach und in Noach in der Arche. Doch über die Sibyllen muss andernorts gehandelt werden.
Vers 11: Das sechshundertste Jahr Noachs
IM SECHSHUNDERTSTEN LEBENSJAHR NOACHS — vollständig vollendet und das 601. Jahr seit 40 Tagen begonnen, sagt Pererius; doch das Gegenteil ist zutreffender, nämlich dass die Sintflut im erst begonnenen 600. Lebensjahr Noachs begann; denn die Sintflut dauerte ein ganzes Jahr, und im 601. Jahr Noachs, im zweiten Monat, hörte sie auf, wie aus Kapitel 8, Vers 13 hervorgeht. Ferner lebte Noach nach der Sintflut 350 Jahre und insgesamt 950 Jahre. Wenn aber die Sintflut im 601. Jahr Noachs stattgefunden hätte, so würde, da sie ein volles Jahr dauerte, folgen, dass Noach 951 Jahre gelebt hätte, was falsch ist. Überdies geschah die Sintflut im sechshundertsten Jahr, sagt der hl. Ambrosius in seinem Buch Über Noach, Kapitel 14: „Weil am sechsten Tag Adam erschaffen wurde. Dieselbe Zahl ist in gleicher Weise sowohl im Urheber Adam als auch im Erneuerer (Noach) bewahrt; denn die Quelle der sechzigsten und der sechshundertsten ist die Zahl sechs.“
Man beachte hier die Standhaftigkeit des Glaubens bei Noach; denn er verharrte hundert Jahre im Glauben an die Sintflut, nämlich vom Jahr 500 bis 600, und verkündete sie beständig, obwohl er von allen, auch von seinen Verwandten, verlacht wurde, als einer, der von einer eitlen Furcht ergriffen, sich mit törichter Mühe so viele Jahre beim Bau der Arche abplagte; doch diese Leute tauschten in jenem Jahr ihr Lachen gegen Weinen und ihre späte Reue ein. Noach glich dem Mattatias, 1 Makkabäer 2,19.
Der zweite Monat
Im zweiten Monat — der auf Hebräisch Ijjar heißt und ungefähr unserem Mai entspricht, zumindest was seinen letzteren Teil betrifft; denn der erste Monat der Hebräer und der Heiligen Schrift ist der Nisan, der teils dem März, teils dem April entspricht. Im Mai also begann die Sintflut, und zwar damit Gott zeigen möge, dass die Ursache der Sintflut keine natürliche war, durch Regen und winterliche Stürme, sondern dass sie durch die besondere Vorsehung Gottes bewirkt wurde, zu Beginn des Sommers, als Hitze und Trockenheit einsetzten. Damit also der Schmerz der Gottlosen größer sei, vernichtete Gott sie in der angenehmsten Zeit, als sie sich nichts als Freude versprachen. „Sie aßen und tranken,“ wie Christus sagt, Lukas 17,27; und der hl. Ambrosius in seinem Buch Über Noach, Kapitel 14: „Dann,“ sagt er, „sandte Er die Sintflut, als der Kummer derer, die in ihrem Überfluss bestraft wurden, größer sein würde, als die Rache furchtbarer, als wolle Gott gleichsam sagen usw. Es soll alles zugrunde gehen mit dem Menschen, um dessentwillen alles gemacht wurde. Der Mensch soll in seinen Reichtümern aufgezehrt werden, er sterbe mit seiner Mitgift.“ Dasselbe Gericht widerfuhr dem Reichen des Evangeliums, der, nachdem er viele Güter gesammelt hatte, sich hernach ein üppiges Leben versprach; doch in derselben Nacht ging er zugrunde. Dasselbe widerfuhr dem König Nebukadnezar; dasselbe dem Haman; dasselbe dem Herodes, Apostelgeschichte Kapitel 12. Dies ist es, was Christus sagt: „Zu einer Stunde, da ihr es nicht erwartet, wird der Menschensohn kommen;“ und Paulus: „Wenn sie sagen werden: Friede und Sicherheit, dann wird plötzliches Verderben über sie kommen.“ Niemand vertraue also auf weltliches Wohlergehen. „Denn die Hoffnung der Gottlosen ist wie Flaum, der vom Wind verweht wird,“ Weisheit 5,15. Josephus jedoch, der das Jahr mit dem September beginnt, nennt diesen zweiten Monat Marcheschwan (denn so muss gelesen werden, nicht Marsesona), der unserem Oktober entspricht, wenn es reichlich regnet; doch was ich zuvor sagte, ist zutreffender.
Schließlich meinen Antonius Fonseca in seinen Anmerkungen zu Cajetan, zu Genesis Kapitel 8, und Torniellus, der Monat des Ein- und Austritts Noachs aus der Arche sei der Januar gewesen, den sie daher den ersten Heiden zufolge nachmals Noach selbst geweiht und nach ihm benannt haben sollen; denn Noach wurde von ihnen Janus genannt, und deshalb stellten sie ihn doppelgesichtig dar, weil Noach sowohl das alte als auch das neue Zeitalter und Jahrhundert gesehen hatte. Doch ich sehe kein festes Fundament für diese Meinung; denn der Januar war bei den Hebräern nicht der zweite Monat, ob man nun das heilige oder das gewöhnliche und bürgerliche Jahr zugrunde legt; obschon Torniellus dies auf Seite 107 scharfsinnig zu zeigen versucht.
Der siebzehnte Tag
Cedrenus versichert, dieser Tag sei ein Sonntag gewesen; denn an einem Sonntag habe die Sintflut sowohl begonnen als auch aufgehört und ihr Ende gefunden, wie er und einige andere lehren — wem dies glaubwürdig erscheint.
BRACHEN AUF — Im Hebräischen nibkeu, das heißt, sie wurden durch die Gewalt und Wucht der Wasser aufgespalten, aufgeschnitten, zerschmettert und aufgerissen.
Alle Quellen der großen Tiefe
ALLE QUELLEN — alle Quellströme, alle Bäche, alle Öffnungen, alle Adern, alle Wasserleitungen, die aus dem Abgrund hervortreten; so dass das Wasser des Abgrundes in seinen Strömen, Adern, Rinnsalen und Wasserleitungen nicht mehr eingeschlossen werden konnte, sondern durch sie hindurchbrechend alles überflutete und gleichsam ein einziges Meer über die ganze Erde bildete. Als daher die Sintflut aufhörte, wurden die Wasser in diesen ihren Abgrund zurückgeführt und dort eingeschlossen, als, wie die Schrift sagt, „die Quellen des Abgrunds verschlossen wurden.“
DER GROSSEN TIEFE — das heißt der vielen Tiefen. Denn unter der Erde gibt es viele Tiefen, das heißt Wasserschlünde. Daher steht für „groß“ im Hebräischen rabba, das heißt „viele“. So Pererius und Delrio.
Da aber im Hebräischen nicht theomot, das heißt „Tiefen“ (Plural), sondern theom, das heißt „Tiefe“ (Singular), steht, und rabba, das heißt „viel“, durch eine den Hebräern geläufige Enallage dasselbe bedeutet wie „groß“, wie unsere Übersetzung es wiedergibt, vertreten andere zutreffender, dass die große Tiefe hier einen Schlund oder jenen ungeheuren und tiefsten unterirdischen Abgrund bezeichnet, der sowohl durch die von Gott am Anfang der Welt in ihm verwahrten Wasser als auch durch das Meer überreich an Wasser ist; viele halten ihn für den Mutterschoß aller Flüsse, Quellen und Süßwasser, worüber ich bei Kapitel 1, Vers 9 gehandelt habe. Denn dieser heißt im Hebräischen theom, sowohl hier als auch in Deuteronomium 33,13, wo er auf Hebräisch theom robetset tachat genannt wird, das heißt „die darunter liegende Tiefe“; was unsere Übersetzung wiedergibt als „die Tiefe, die darunter liegt“. Dass nämlich ein solcher unterirdischer Abgrund oder Wasserschlund existiert, lehren die Conimbricenses durch vielfältige Erfahrung, durch verschiedene Argumente sowie durch die Autorität Platons, des hl. Hieronymus, des hl. Basilius, des Johannes von Damaskus, Philons, des Plinius, Isidors, des hl. Thomas, des hl. Bernhard und anderer sowie durch die bereits angeführten Stellen der Heiligen Schrift, in Traktat 9 über die Meteorologie, Kapitel 9, und Valesius in der Heiligen Philosophie, Kapitel 63. Denn obwohl es unter der Erde viele Wasserschlünde gibt, werden dennoch alle diese als ein einziger unterirdischer Schlund oder Abgrund angesehen, besonders weil es wahrscheinlich ist, dass alle untereinander durch Adern und Gänge verbunden sind und in einem vornehmeren und größeren Schlund gleichsam wie in einem Mutterschoß zusammenkommen. Aus diesem Abgrund also brachen überreichliche Wasser hervor, gleich Flüssen, ja gleich Meeren, und bedeckten die Erde; denn jedes Meer ist durch Adern mit dem genannten Abgrund verbunden und vereinigt; daher werden unter dem Abgrund hier auch die Meere verstanden; denn der Abgrund ist ein Schlund von Wassern, sowohl denen, die in der Erde, als auch denen, die im Meer enthalten sind.
Man wird einwenden: Also war damals im Meer und im Abgrund ein leerer Raum. Ich antworte, dass dies nicht der Fall war, teils weil Luft anstelle des Wassers in den Abgrund eindrang, teils weil Gott damals die Wasser des Meeres und des Abgrundes verdünnte, wodurch es geschah, dass sie einen größeren Raum beanspruchten und sich nicht nur durch ihre eigenen Rinnsale, sondern auch über das Land ausbreiteten.
Man beachte: Alle Quellen wurden aufgerissen, gleichsam als wolle er sagen: So groß war die Gewalt und Fülle des aus dem Abgrund und dem Meer hervorbrechenden Wassers, dass es alle seine Quellen, Grenzen und Dämme überwältigte und sich in jede Richtung durch die Seiten ergoss und die ganze Erde überschwemmte; geradeso wie es in der Erde eingeschlossene Sturzfluten tun, wenn sie durch die Kraft ihrer Wasser ihre Auslässe, Rinnsale und Dämme, durch die sie wie in Kerkern eingeschlossen waren, erweitern, aufbrechen und sprengen und in jede Richtung durch die Seiten hervorbrechen und alles überfluten.
Die Schleusen des Himmels
UND DIE SCHLEUSEN DES HIMMELS WURDEN GEÖFFNET. — „Die Schleusen,“ sagen Eugubinus und Oleaster, seien Öffnungen, die Gott im Himmel oder Firmament gemacht habe, damit durch sie die Wasser, die oberhalb des Firmaments sind, herabfließen könnten; denn sie meinen, diese Wasser seien am Anfang der Welt von Gott dort für die Sintflut aufbewahrt worden. Dann aber hätte nicht nur das Firmament, sondern auch alle Planetenhimmel aufgespalten werden müssen, was unwahrscheinlich ist.
Zweitens verstehen Petrus von Ailly und andere, die Pererius auf Seite 252 anführt, unter den Schleusen Sternbilder, durch deren natürliche Kraft die Sintflut verursacht worden sei; doch dies widerspricht diesem Vers und Vers 4.
Ich sage daher: Die Schleusen des Himmels werden hier durch Katachrese die Wolken genannt, und die zweite Luftregion selbst, in viele Teile und Zonen geteilt, die die Dünste und Wasser in sich gleichsam durch gewisse Riegel und Schleusen enthält und zurückhält, als wolle er sagen: Die Wolken und die zweite Luftregion selbst warfen während der Sintflut mit solcher Gewalt die größte Masse von Wasser auf die Erde herab, dass die gesamte Luft aufgerissen zu werden schien in gewaltige Öffnungen, durch die sie nicht so sehr Tropfen und Regen als vielmehr die dichtesten Güsse, gleich Bächen und Strömen, herabgoss, so dass die Luft nun nicht mehr Luft, sondern ein ununterbrochener Platzregen, ja ein Meer zu sein schien. So sagen der hl. Chrysostomus, Rupert und Pererius; denn die Katarakte sind nach kataregnumi benannt, das heißt „ich stürze jäh hinab“. Daher fügt Mose, nachdem diese Schleusen aufgebrochen waren, hinzu: „Und Regen fiel auf die Erde vierzig Tage.“
Die Ursache der Sintflut war eine doppelte: eine von oben, nämlich der Regen, der aus den Schleusen des Himmels hervorbrach; die andere von unten, nämlich der Ausbruch und die Überflutung des Abgrundes, so dass die Erde in der Mitte von beiden Seiten von den Wassern überfallen und überwältigt wurde.
Ursache und Ausmaß der Sintflut
In der Tat ist es schwer zu erkennen, woher eine solche Fülle von Wassern kam, die die ganze Erde bedeckte, ja die höchsten Berge um fünfzehn Ellen überragte. Denn es steht fest, dass manche Berge sich bis zu vier italienischen Meilen oder viertausend Schritt erheben und über die Erde emporragen — so groß ist die Höhe der Alpen in ihrem allmählichen Aufstieg. Und wenn die Wasser überall auf der Erde gleich hoch waren, wie es scheint (und die Schrift deutet dies in Kapitel 8, Vers 3 an, wo sie sagt, dass Noachs Arche, auf den Wassern der Sintflut treibend, als diese allmählich sanken, schließlich im siebten Monat auf den Bergen Armeniens ruhte und im zehnten Monat die Gipfel anderer Berge sichtbar wurden — sie waren also bis dahin von den Wassern bedeckt gewesen), so war der Umfang der Wasser in der Tat ungeheuer, der leicht vier Meere und mehr in sich fassen würde, wie jedem geometrisch offenbar ist, der diesen Raum berechnet und ausmisst; denn je höher man aufsteigt, desto mehr weitet sich die Kapazität des Umfangs, und sie wächst schrittweise in geometrischer Progression zu einer ungeheuren Menge an. Denn das Meer ist weit kleiner als die Erde und scheint nicht viel größer zu sein als die Berge und Hügel; denn es trat an deren Stelle. Gott nämlich erhob aus der zuvor runden Erde die Berge, um dadurch Vertiefungen und Gräben in ihr zu schaffen, in die er die Wasser leiten konnte, die zuvor die Erde bedeckten, damit die Erde, frei von Wassern, bewohnt werden konnte.
Also trug das Meer wenig zu einer so großen Sintflut bei. Ferner scheinen Dünste, die von der Erde aufgestiegen sind, und die Luft den Rest nicht haben liefern zu können; denn damit aus Dunst und Luft Wasser werde, muss eine große Verdichtung der Luft stattfinden. Denn zehn Unzen Luft, ja weit mehr, werden nicht eine Unze Wasser ergeben. Selbst wenn also der größte Teil der Luft in Wasser verwandelt worden wäre, scheint es kaum hingereicht zu haben, eine so große Masse von Wasser bereitzustellen, auch wenn man behauptet, diese seien von Gott durch Verdünnung ausgedehnt und ausgebreitet worden — besonders weil die Wasser, wenn sie stark verdünnt worden wären, gewiss sehr dünn, leicht und luftartig gewesen wären, weshalb eine so schwere und beladene Arche nicht hätte schwimmen und obenauf bleiben können. Man füge hinzu, dass dann an die Stelle der in Wasser verwandelten und verdichteten Luft andere Körper hätten treten müssen, oder eine ungeheure Leere zurückgeblieben wäre, vor der die Natur zurückschreckt; oder gewiss neues Wasser oder neue Luft von Gott hätte erschaffen und nach der Sintflut wieder vernichtet werden müssen, was ebenfalls widersinnig erscheint. Daher sagen einige Gelehrte, sie würden durch die schon angeführten Argumente gezwungen, mit Oleaster und Eugubinus anzuerkennen, dass die Wasser, welche die Sintflut verursachten, jene waren, die ursprünglich von Gott über den Himmeln in größter Fülle zu diesem Zweck verwahrt worden waren, und dass Gott daher im Firmament Schleusen oder Kanäle anlegte, durch die diese Wasser herabsteigen konnten; denn die klare Erzählung des Mose scheint dies zu erfordern. Da wir nämlich wahre, für die Sintflut geeignete Wasser im Himmel finden, ist es nicht nötig, so viele und so große Veränderungen der Luft aufzuspüren. Überdies halten viele Alte und Neuere die Himmel nicht für fest, sondern für flüssig und spaltbar wie Luft oder Äther; und wenn man dies zugesteht, konnten die Wasser leicht durch sie herabsteigen. Und damit der Ort der oberen Wasser nicht leer bliebe, trat entweder Luft und Äther ein, die zur Zeit der Sintflut mit den oberen Wassern den Platz getauscht zu haben scheinen; oder Gott verdünnte die übrigen Wasser, die zur Zeit der Sintflut über den Himmeln verblieben, damit sie den Platz der herabsteigenden Begleitwasser ausfüllten. Ferner beschleunigte Gott, sagen sie, das Herabsinken der Wasser durch einen besonderen Anstoß; denn wären sie durch natürliche Bewegung herabgestiegen, hätten sie für den Abstieg von einem so hohen und entfernten Ort mehr als hundert Jahre gebraucht, wie ich in Kapitel 1, Vers 14 gezeigt habe. Der hl. Petrus begünstigt diese Auffassung in seinem Zweiten Brief, Kapitel 3, Vers 5, wo er, wenn man die Worte sorgfältig abwägt, zu sagen scheint, dass die Welt durch die Wasser der Sintflut zugrunde ging, das heißt Himmel und Erde, ebenso wie sie an ihrem Ende durch das Feuer der Weltverbrennung zugrunde gehen wird. Wie also nicht nur die Elemente, sondern die Himmel selbst, wie er in Vers 12 sagt, „brennend aufgelöst werden,“ so scheinen sie in gleicher Weise in der Sintflut von den Wassern aufgespalten und überwältigt worden zu sein, so dass sie als in gewisser Weise zugrunde gegangen gelten können. Denn die volle Antithese des hl. Petrus scheint dies zu erfordern; daher sagt er in Vers 5: „Dass die Himmel zuvor waren und die Erde“ usw., „durch die jene Welt, von Wasser überflutet, zugrunde ging; die Himmel aber, die jetzt sind,“ usw., „sind dem Feuer vorbehalten,“ gleichsam als wolle er sagen: Die frühere Welt und die früheren Himmel gingen durch die Sintflut zugrunde; die Himmel aber, die nach der Sintflut von Gott wiederhergestellt wurden und jetzt bestehen, sind in gleicher Weise dem Feuer vorbehalten, damit sie in Flammen aufgehen und zugrunde gehen; weshalb er in Vers 13 hinzufügt: „Einen neuen Himmel aber und eine neue Erde erwarten wir nach seinen Verheißungen.“ Hinzu kommt, dass Esdras im 4. Buch, Kapitel 6, Vers 41, das Firmament Geist nennt, das heißt Luft oder Äther; denn er selbst nennt es Geist, wie aus Vers 39 hervorgeht. So philosophieren jene, die dieses Prinzip voraussetzen, dass die Himmel flüssig oder spaltbar sind, nicht schlecht und geben eine leichte und klare Ursache für so viele Wasser an, wie für die Sintflut erforderlich waren.
Da aber Aristoteles und die Philosophen dieses Prinzip gänzlich bestreiten und da jene Wasser über den Himmeln fein und himmlisch und sehr weit von der Erde entfernt sind, antworte und sage ich: Erstens konnte das Meer allein eine so große Sintflut nicht verursachen; denn die Sintflut war bei weitem größer als das gesamte Meer. Das Meer nämlich ist im Vergleich zur Erde gering; denn als es von der Erde getrennt wurde, trat es lediglich an die Stelle der Gräben und Vertiefungen, aus denen die Berge erhoben wurden; daher entspricht es an Größe ungefähr den Bergen, wie bereits gesagt. Ferner versichern Seefahrer, die die Tiefe des Meeres mit dem Senkblei erforscht haben, dass das Meer in seiner Mitte, wo es am tiefsten ist, gewöhnlich nicht tiefer ist als eine halbe italienische Meile, das heißt fünfhundert Schritt; während der Halbmesser der Erde dreitausend Meilen beträgt, wie die Mathematiker allenthalben lehren. Was ist eine halbe Meile, selbst an der höchsten und daher weitesten Oberfläche der Erde, verglichen mit dreitausend Meilen, dem Maß der Erdtiefe von der Oberfläche bis zum Mittelpunkt? Überdies bedeckt das Meer kaum die Hälfte der Erdoberfläche und keine Berge; ja Esdras im 4. Buch, Kapitel 6, Vers 42, sagt, die Wasser und das Meer nähmen nur den siebten Teil der Erde ein. Wenn man also diese Berechnungen anstellt, ergibt sich, dass das Meer kaum der tausendste Teil der Erde ist; der Raum aber, bis zu dem die Sintflut über die Erde stieg, umfasste den zweihundertachtunddreißigsten Teil der Erde, wie ich bald sagen werde; welche Zahl den Tausendsten mehr als viermal enthält, so dass zur Füllung des Raumes, bis zu dem die Sintflut stieg, vier Meere nicht ausgereicht hätten, es sei denn, man behaupte, das Meer sei von Gott auf das Vierfache seines gewöhnlichen Umfangs verdünnt worden.
Ich sage zweitens: Die Ursache der Sintflut waren Dünste, die abermals vom Erdball und vom Meer emporgehoben und dort in Regen aufgelöst wurden. Denn man beachte: Wenn man annimmt, die Sintflut sei bis zu fünf italienischen Meilen über die Erde gestiegen — denn sie bedeckte die höchsten Berge um 15 Ellen; und manche Berge erheben sich bis zu vier Meilen über die Erde. Nehmen wir also zur leichteren Berechnung an, die Sintflut sei bis zu fünf Meilen über die Erde gestiegen — so sage ich, dass dieser Raum von fünf Meilen nichts anderes ist als der zweihundertachtunddreißigste Teil des Erdballes, wie mir kundige Mathematiker in Rom nach ihren Berechnungen gezeigt haben. Nun war es für Gott leicht, den 238. Teil der Erde, mit der das Meer vermischt ist, in Dünste zu verwandeln und diese in Regen umzuwandeln: diese hätten also diesen gesamten Raum von fünf Meilen gefüllt. Man füge hinzu, dass Wasser zehnmal weniger dicht ist als Erde: daher muss die genannte Zahl des 238. Teils der Erde, der zur Füllung des Raumes von fünf Meilen, wie soeben besprochen, ausreicht, mit zehn multipliziert werden; und wenn man dies tut, ergibt sich 2380: also reichte der 2380. Teil der Erde, in Dünste und Regen aufgelöst, zur Füllung dieses Raumes von fünf Meilen aus. Was ist der 2380. Teil der Erde im Vergleich zum ganzen Erdball? An die Stelle dieses in Dünste übergehenden Erdteils trat Luft und Wasser, durch Verdünnung ausgedehnt und mehr als gewöhnlich ausgebreitet.
Schließlich konnte Gott den Regen in gleicher Weise verdünnen und ausdehnen; und unter dieser Voraussetzung reichte ein noch weit geringerer Teil der Erde und des Regens aus, um diesen Raum zu füllen. Es ist auch wahrscheinlich, dass Gott einen Teil der Luft in Regen und Wasser verwandelte. Drei Elemente also, nämlich Luft, Wasser und Erde, wirkten zusammen, um eine so große Sintflut zu verursachen. Die Stelle des hl. Petrus habe ich in meinen Kommentaren zu seinem Brief erklärt.
Vers 12: Vierzig Tage
Die Ursache dieses so anhaltenden Regens war die beständige Vermehrung und Umwandlung von Dünsten in Wasser; denn Gott löste damals fortwährend 40 Tage lang Dünste, Luft und andere Dinge in Wasser auf und ließ sie barmherzigerweise nicht auf einmal, sondern allmählich herabregnen, damit die Menschen unterdessen erschreckt würden und Buße täten, sagt der hl. Chrysostomus.
Man beachte: Oleaster meint, es habe nicht nur während dieser 40 Tage, sondern auch während der folgenden 150 ununterbrochen geregnet. Doch die Schrift behauptet nur, dass es 40 Tage geregnet habe, womit hinreichend angedeutet wird, dass nach 40 Tagen der Regen aufhörte. So Abulensis und Pererius.
Vers 13: An eben jenem Tag
AN EBEN JENEM TAG (am Punkt jenes Tages; im Hebräischen heißt es beetsem haiom, „am Gebein des Tages“, das heißt im Bestand — denn die Gebeine geben dem Körper festen Bestand — jenes Tages, nämlich an jenem Tag, dem 17. des zweiten Monats, des Jahres 600 Noachs) GING ER HINEIN — nämlich endgültig und vollständig, Noach mit allen in die Arche. Denn es ist aus den Versen 1, 4 und 7 festzuhalten, dass Noach sieben Tage vor der Sintflut begonnen hatte, in die Arche einzutreten, und während dieser Tage allmählich Nahrung und Tiere in die Arche brachte, so dass am eigentlichen Tag der Sintflut, der der siebzehnte des zweiten Monats war, alles und alle vollständig eingetreten waren. Das Wort „ging hinein“ bezeichnet hier also nicht den begonnenen, sondern den vollendeten und vollbrachten Akt. Denn die Güte Gottes wollte während dieser sieben Tage, durch die Vorbereitungen, die Noach traf, und durch das fortwährende Hereinbringen von Tieren und Vorräten in die Arche, die Menschen vor der bevorstehenden Sintflut warnen und zur Buße bewegen. So der hl. Ambrosius, Tostatus und Pererius.
Vers 14: Alle Vögel und alle geflügelten Geschöpfe
Vögel sind jene, die Federn haben; geflügelte Geschöpfe sind jene, die Flügel haben, seien diese Federn oder Häutchen, wie sie die Fledermaus hat.
Vers 16: Der Herr verschloss ihn
DER HERR VERSCHLOSS IHN VON AUSSEN — nämlich indem er die Tür der Arche von außen mit Pech gegen die Wasser bestrich, was Noach, der bereits in der Arche eingeschlossen war, nicht tun konnte. Daher haben die hebräischen Texte: „Der Herr verschloss für ihn“; oder, wie Vatablus übersetzt, „hinter ihm“. Man sehe, welch große Fürsorge und Vorsehung Gott für Noach und die Seinen hegt.
Vers 17: Die Sintflut brach herein
Im übertragenen Sinne sagt der hl. Ambrosius in seinem Buch Über Noach, Kapitel 13: „Das Bild der Sintflut ist ein Typus der Reinigung unserer Seele. Und so wird unser Geist, wenn er sich von den körperlichen Verlockungen dieser Welt, an denen er sich zuvor ergötzte, reingewaschen hat, auch durch gute Gedanken den Schmutz der alten Begehrlichkeit abwischen, gleichsam als nehme er mit reineren Wassern die Bitterkeit der zuvor trüben Ströme auf.“
Und Städte umstürzen, Bäume entwurzeln und alle Saaten und Sprösslinge dem Erdboden gleichmachen; ja damals, wie Ovid singt: „Alles war Meer, und dem Meer fehlten die Ufer.“
Man beachte hier abermals die Standhaftigkeit des Glaubens, der Hoffnung und der Geduld bei Noach. Denn er befand sich in den schwersten Versuchungen, so dass es ein Wunder wäre, wenn er nicht verzweifelt wäre: denn erstens wurde er gezwungen, sein Haus, seine Freunde und alles zu verlassen, ja deren Untergang mitanzusehen; zweitens war er gleichsam wie in einem Kerker und in Finsternis eingeschlossen, inmitten des Gestanks der Tiere; drittens wurde er von Schrecken erschüttert, als er solch großen Zorn Gottes und die von allen Seiten hereinbrechenden Wasser sah, ja nichts als den gegenwärtigen Tod erblickte. Denn wenn die Menschen auf dem Meer und inmitten der Wellen Furcht empfinden, wie sehr fürchtete sich dann Noach? Viertens konnte er befürchten, dass Gott auch ihn wegen irgendeines Fehlers verlassen könnte; fünftens wusste er nicht, wie lange das Unwetter dauern würde; sechstens sah er keinen Ausweg: denn die Arche war verschlossen; siebtens quälte ihn der Untergang aller Menschen und Tiere; achtens mühte er sich, seine Familie in der Arche zu trösten und zu stärken, damit sie nicht verzweifelte. Wer hätte in solch großen Versuchungen nicht erliegen und den Tod vorgezogen? Doch Noach ertrug und überwand all dies, allein auf Gott gestützt und auf seine Verheißung und Vorsehung, da es keine andere Hilfe und keinen anderen Rat gab. So übt Gott die Seinen und vollendet sie, indem Er ihnen alle Stützen entzieht, damit sie sich ganz Gott anvertrauen. Lasst auch uns lernen, uns in jeder Bedrängnis mit Gott zu vereinen und auf Ihn über alles zu hoffen. Denn der Herr ist es, der „tötet und lebendig macht, hinabführt in das Grab und zurückbringt.“ Was Wunder also, wenn Paulus den Noach so sehr um seines Glaubens willen lobt, Hebräer 11,7, und Jesus Sirach, Kapitel 44, Vers 17.
Vers 20: Fünfzehn Ellen über die Berge
Also reichte die Sintflut hinauf bis zum untersten Teil der mittleren Luftregion; denn bis dorthin ragen der Olymp und andere sehr hohe Berge; also überwältigte und zerstörte die Sintflut auch das Paradies. Manche meinen, dass das Feuer bei der Weltverbrennung am Ende der Zeiten ebenso hoch steigen werde, nämlich fünfzehn Ellen über die Erde und die Berge, und der hl. Augustinus deutet dies an, im 3. Buch von Über die Genesis dem Wortlaut nach, Kapitel 2, und beweist es aus 2 Petrus Kapitel 3, Vers 5 und 7. Falsch ist daher, was Cajetan angenommen hatte, dass nämlich die Berge, die hier von den Wassern bedeckt genannt werden, nur jene seien, die unter dem Lufthimmel liegen, nicht aber jene, die die mittlere Luftregion überragen, wie er behauptet, der Olymp und der Atlas seien; denn dies widerspricht der Heiligen Schrift hier, die versichert, dass alle Berge der Erde von der Sintflut überragt und überwältigt wurden, wie der hl. Augustinus zu Recht bemerkt im 15. Buch des Gottesstaates, Kapitel 27. Auch die Grundlage des Arguments Cajetans, nämlich dass einige Berge die mittlere Luftregion, das heißt den Ort des Regens und Schnees, überragen, ist falsch; denn es ist erwiesen, dass der Gipfel des Atlas von Schnee bedeckt ist.
Man beachte: Das Wasser übertraf alle Berge um fünfzehn Ellen, damit nicht die größten Riesen oder irgendein anderes sehr großes Tier auf dem Gipfel des höchsten Berges erhalten bleiben konnte. Daher ist das, was die Juden berichten — dass Og, der König von Baschan, einer jener Riesen gewesen sei, die in Kapitel 6 erwähnt werden, und dass er, auf dem höchsten Berg stehend, der Sintflut entgangen sei, und sie beweisen dies aus dem, was in Deuteronomium 3,10 gesagt wird: „Nur Og blieb übrig vom Geschlecht der Riesen“ — eine Fabel; denn dann wäre Og 800 Jahre alt gewesen, da so viele Jahre von der Sintflut bis zum Einzug der Hebräer in Kanaan vergingen, als Og von ihnen getötet wurde, Deuteronomium 3,3.
Noachs Leben in der Arche
Man mag fragen, was Noach mit seiner Familie während der ganzen Zeit in der Arche tat. Torniellus antwortet, er habe Mitleid empfunden mit allen anderen, die zugrunde gingen, und sich selbst zu seiner Rettung in der Arche beglückwünscht und Gott gedankt; zweitens habe er sich dem Gebet und der Betrachtung gewidmet; drittens habe er für sich und alle Tiere gesorgt, ihnen Speise und Trank gegeben, den Unrat in den Kielraum gekehrt und ihn von dort mit einer Pumpe oder mit Eimern hinaufgehoben und aus der Arche durch die kleinen Fenster, die oben waren, hinausgeworfen; schließlich habe er alle Geschäfte der Arche verwaltet.
Vers 22: Alles, in dem der Odem des Lebens war
UND ALLES, IN DEM DER ODEM DES LEBENS WAR AUF DER ERDE, STARB. — Der hebräische Text lautet wörtlich so: „Und jedes Wesen, dessen Hauch des Geistes (das heißt der Hauch des Atmens, das Atmen) des Lebens in seinen Nüstern war, von allem, was auf dem Trockenen war, starb,“ das heißt, schlechthin alles auf der Erde Atmende starb. Daher übersetzt die Zürcher Bibel: „Und was immer es war, in dessen Nüstern der Odem des Lebens wehte, von allem, was auf dem Trockenen lebte, starb.“ Vatablus: „Sie waren bereits umgekommen.“ Der Zusatz „auf dem Trockenen“ steht wegen der Fische, die im Feuchten, nämlich im Wasser, leben; denn diese blieben am Leben und überlebten. Pagninus: „Alles, in dessen Angesicht der Hauch des Lebens war, von allem, was auf dem Trockenen war, starb.“ Die Septuaginta gibt es so wieder: „Und alles, was den Geist des Lebens hatte, und jeder, der auf dem Trockenen war, starb.“ Der Chaldäer: „Alles, in dem der Odem des Geistes des Lebens in seinen Nüstern ist, von allem, was auf dem Trockenen ist, starb.“
Vers 24: Hundertfünfzig Tage
Man beachte, dass diese 150 Tage nicht gesondert nach den 40 Regentagen zu zählen sind, die in Vers 12 erwähnt werden (wie Josephus, der hl. Chrysostomus, Tostatus und Cajetan vertreten), sondern diese einschließen; denn vom 17. Tag des zweiten Monats, als der Regen und die Sintflut begannen, bis zum 27. Tag des siebten Monats, als bei abnehmendem Wasser die Arche auf den Bergen Armeniens ruhte, wie Kapitel 8, Vers 4 angibt, vergehen nur 160 Tage. Also fiel während der ersten 40 Tage der Regen, durch den die Erde und alle Berge bis zu fünfzehn Ellen bedeckt wurden; dann blieb das Wasser für die folgenden hundertzehn Tage auf dieser Höhe und diesem Stand, wonach es abzunehmen begann, so dass am zehnten Tag danach die Arche auf den Bergen Armeniens ruhte; denn so viele Tage werden insgesamt gezählt, vom 17. Tag des zweiten Monats, als die Sintflut begann, bis zum 27. Tag des siebten Monats, als die Arche ruhte, nämlich 160 Tage, die auf die Art, wie ich soeben dargelegt habe, aufgeteilt und verteilt werden müssen. So Lyranus, Hugo und Pererius.
Das Grauen der Sintflut
Dieses Schauspiel der Sintflut war furchterregend: nach und nach — wie wird die Feuerflut in der Hölle sein? Bedenke, wie furchtbar Gott ist in seinen Ratschlüssen über die Menschenkinder, wie furchtbar seine Gerechtigkeit und Vergeltung. „Die Ströme erhoben ihre Wogen, bei den Stimmen vieler Wasser. Wunderbar sind die Brandungen des Meeres, wunderbar ist der Herr in der Höhe.“ Was wird es also am Tag des Gerichts sein, der in gleicher Weise alle unversehens überwältigen wird? Hört Christus, die Wahrheit selbst, Matthäus Kapitel 24, Vers 37: „Wie in den Tagen Noachs, so wird auch die Ankunft des Menschensohnes sein. Denn wie sie in den Tagen vor der Sintflut aßen und tranken, heirateten und zur Ehe gaben bis zu dem Tag, an dem Noach in die Arche ging, und sie es nicht erkannten, bis die Sintflut kam und alle hinwegraffte: so wird auch die Ankunft des Menschensohnes sein.“
Das Grauen der Sintflut. Dann, sagt Hugo der Kardinal nach dem hl. Bernhard, werden die Wege für die Verworfenen von allen Seiten eng sein. Oben wird der zornige Richter sein; unten ein furchtbarer Abgrund; zur Rechten anklagende Sünden; zur Linken unzählige Dämonen, die zur Strafe zerren; innen ein brennendes Gewissen; außen eine Welt in Flammen. Elender, auf frischer Tat ertappter Sünder, wohin wirst du fliehen? Sich zu verbergen wird unmöglich, zu erscheinen unerträglich sein. Wenn du fragst, wer dich anklagen wird, so sage ich: die ganze Welt; denn wenn der Schöpfer beleidigt wird, hasst jedes Geschöpf den Beleidiger, den Sünder nämlich.
Als die Wasser stiegen, liefen zitternde Mütter mit ihren Kleinen durch ihre Häuser umher, nicht wissend, wohin sie gehen sollten; andere erhoben sich erschrocken vom Tisch und suchten Rettung; aus dem Ehebett sprangen Gatte und Gattin empor, er floh hierhin, sie dorthin, um der aufwallenden Woge zu entkommen; man hätte manche plötzlich die oberen Stockwerke ihrer Häuser, andere sogar die Dachfirste ersteigen sehen; einige ebenso die Äste hoher Bäume erklimmen, andere in Eile zu den Kämmen der Hügel und Berge eilen, doch vergebens: denn niemand konnte dieser Gewalt und Wucht der Wasser entkommen; überall war Entsetzen, überall Zittern. O wie sehr trauerten sie dann, dass sie nicht auf Noach gehört hatten, der sie vor diesen Dingen gewarnt hatte, sondern ihn verspottet hatten! O Noach, wie weise warst du, sagten sie, o wie von Sinnen waren wir, wie wahnsinnig, wie töricht! O wenn wir jetzt in die Arche eintreten könnten, wie gern würden wir darin eingeschlossen zu sein wählen für unser ganzes Leben! Wir hätten es einst gekonnt, doch wir wollten nicht; jetzt wollen wir, doch wir können nicht. Zu spät werden die Phryger klug. Aus diesen und ähnlichen Erwägungen erkennst du, wie furchtbar die Sintflut war; und damit du es noch klarer siehst und begreifst, stelle dir vor, du stündest auf dem Gipfel eines Berges und sähest die Wasser die ganze Erde überfluten, alles vernichten, Menschen und Tiere verschlingen, Festungen und Städte umstürzen, weiter steigen und alle Berge überragen, und so schließlich dich, der du auf dem Gipfel stehst, erreichen und dich gleichfalls verschlingen und ertränken. Daraus lerne, was die Sünde ist, die dieses Unheil über die ganze Welt brachte; und wenn solch die Wasserflut auf Erden war, wie wird die Feuerflut in der Hölle sein?