Cornelius a Lapide
Inhaltsverzeichnis
Synopsis des Kapitels VIII
Die Sintflut nimmt allmählich ab und endet schließlich: und dies erfährt Noach in Vers 8 durch die Taube, die mit einem Olivenzweig zurückkehrt. Dann, in Vers 16, geht er mit all den Seinen aus der Arche hinaus. Schließlich bringt er in Vers 20 Gott ein Opfer dar, der, dadurch versöhnt, verheißt, dass es hinfort keine Sintflut mehr geben werde.
Vulgata-Text: Genesis 8,1-22
1. Gott aber gedachte an Noach und an alle lebenden Wesen und an alles Vieh, das mit ihm in der Arche war, und er ließ einen Wind über die Erde wehen, und die Wasser nahmen ab. 2. Und die Quellen der Tiefe und die Schleusen des Himmels wurden verschlossen, und die Regengüsse vom Himmel wurden zurückgehalten. 3. Und die Wasser kehrten von der Erde zurück, hin und her gehend, und begannen nach hundertfünfzig Tagen abzunehmen. 4. Und die Arche ruhte im siebten Monat, am siebenundzwanzigsten Tag des Monats, auf den Bergen Armeniens. 5. Die Wasser aber gingen und nahmen ab bis zum zehnten Monat; denn im zehnten Monat, am ersten Tag des Monats, wurden die Gipfel der Berge sichtbar. 6. Und als vierzig Tage vergangen waren, öffnete Noach das Fenster der Arche, das er gemacht hatte, und sandte einen Raben aus, 7. der hinausging und nicht zurückkehrte, bis die Wasser auf der Erde getrocknet waren. 8. Er sandte auch eine Taube nach ihm aus, um zu sehen, ob die Wasser nun auf der Oberfläche der Erde aufgehört hätten. 9. Da sie aber keinen Ort fand, wo ihr Fuß ruhen konnte, kehrte sie zu ihm in die Arche zurück; denn die Wasser bedeckten die ganze Erde. Und er streckte seine Hand aus, ergriff sie und holte sie in die Arche. 10. Nachdem er aber weitere sieben Tage gewartet hatte, sandte er abermals die Taube aus der Arche. 11. Sie aber kam am Abend zu ihm und trug einen Olivenzweig mit grünen Blättern im Schnabel. Noach erkannte also, dass die Wasser auf der Erde aufgehört hatten. 12. Und dennoch wartete er weitere sieben Tage und sandte die Taube aus, die nicht mehr zu ihm zurückkehrte. 13. Im sechshundertundersten Jahr also, im ersten Monat, am ersten Tag des Monats, waren die Wasser auf der Erde vermindert. Und Noach öffnete das Dach der Arche, blickte hinaus und sah, dass die Oberfläche der Erde getrocknet war. 14. Im zweiten Monat, am siebenundzwanzigsten Tag des Monats, war die Erde getrocknet. 15. Und Gott sprach zu Noach und sagte: 16. Geh hinaus aus der Arche, du und deine Frau, deine Söhne und die Frauen deiner Söhne mit dir. 17. Alle lebenden Wesen, die bei dir sind, von allem Fleisch, sowohl von den Vögeln als auch von den Tieren und allen Kriechtieren, die auf der Erde kriechen, führe mit dir hinaus, und geht über die Erde: wachset und mehret euch auf ihr. 18. So ging Noach hinaus, und seine Söhne, seine Frau und die Frauen seiner Söhne mit ihm. 19. Und alle lebenden Wesen und das Vieh und die Kriechtiere, die auf der Erde kriechen, nach ihren Arten, gingen aus der Arche hinaus. 20. Und Noach baute dem Herrn einen Altar und nahm von allen reinen Tieren und Vögeln und brachte Brandopfer auf dem Altar dar. 21. Und der Herr roch den lieblichen Duft und sprach: Ich will hinfort die Erde nicht mehr verfluchen um der Menschen willen; denn das Sinnen und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Ich will daher hinfort nicht mehr alles Lebendige schlagen, wie ich es getan habe. 22. Alle Tage der Erde sollen nicht aufhören: Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Nacht und Tag.
Vers 1: Gott gedachte an Noach
UND GOTT GEDACHTE AN NOACH. -- Als hätte Gott Noach vergessen, als er ihn mit der Arche in jenem schrecklichen Abgrund der Wasser treiben ließ; hier, am Ende der Sintflut, wird gesagt, dass er sich seiner erinnert, weil er ihn nun daraus befreit, sagt Theodoret. Im vorangehenden Kapitel hörten wir von der Vernichtung aller Gottlosen; hier hören wir den Trost der Frommen. Wie er zuvor zeigte, dass die Freude der Gottlosen sich in Trauer verwandelt hatte, so erklärt er hier, dass die Traurigkeit der Frommen sich in Freude verwandelt hat, gemäß jenem Wort des Tobit: „Jeder, der dich anbetet, weiß dies gewiss, dass sein Leben, wenn es in der Prüfung steht, gekrönt werden wird.”
ER LIEß EINEN WIND WEHEN -- das heißt den Heiligen Geist, sagen Theodoret und der hl. Ambrosius. Zweitens versteht Rupert unter dem Geist die Sonne, die durch ihre Hitze die Wasser austrocknete. Doch ich sage, es war ein Geist, das heißt ein starker Wind, der durch Kraft, nicht so sehr durch natürliche (denn wie hätte das bei so gewaltigen Wassern in so kurzer Zeit geschehen können?), sondern durch göttliche, die Wasser teils austrocknete und aufzehrte, teils verdichtete und in die Tiefe und das Bett zurücktrieb, aus dem sie hervorgebrochen waren: und als dies geschehen war, verschloss er sie dort, indem er die Quellen und Öffnungen der Tiefe schloss; und dies ist es, was folgt: „Die Quellen der Tiefe wurden verschlossen.” So der hl. Chrysostomus und Ambrosius. Was diese Tiefe ist, habe ich in Kapitel 7, Vers 11 dargelegt. Derselbe Wind bewirkte durch dieselbe Kraft, dass aus dieser Sintflut hernach keine Seuche oder Pestilenz verbreitet wurde.
Vers 2: Die Regengüsse wurden zurückgehalten
UND DIE REGENGÜSSE VOM HIMMEL WURDEN ZURÜCKGEHALTEN. -- Nicht als hätte es bis dahin ununterbrochen 150 Tage geregnet, sondern dass Gott, als die Sintflut abnahm, sämtliche Regenfälle, auch die gewöhnlichen, zurückhielt, damit die Wasser umso schneller abnähmen und die Erde trocknete. Gott hielt also hier den Regen sieben volle Monate zurück, nämlich vom 17. Tag des siebten Monats, als das Wasser abzunehmen begann, bis zum 27. Tag des zweiten Monats des folgenden Jahres, als die Erde getrocknet war, wie aus Vers 14 hervorgeht.
Vers 3: Hin und zurück
HIN UND ZURÜCK -- hin, das heißt zurückkehrend zum Meer und zum unterirdischen Abgrund, durch verschiedene Kanäle und durch verborgene Adern. So der hl. Hieronymus.
Im siebten Monat -- vom Beginn, nicht der Sintflut, wie manche wollen, sondern des Jahres, wie aus Vers 13 und den folgenden Versen hervorgeht.
Vers 4: Die Berge Armeniens
AM SIEBENUNDZWANZIGSTEN TAG. -- So lesen beständig die lateinischen Bibeln, die Septuaginta und alle Kirchenväter, und die Vernunft beweist, dass so zu lesen ist. Denn da die Wasser 150 Tage lang auf ihrer Höhe verharrend die Erde bedeckten, folgt daraus, dass sie auf ihrer Höhe bis zum 17. Tag dieses siebten Monats verblieben; denn die Sintflut begann am 17. Tag des zweiten Monats. Nun liegen zwischen dem 27. Tag des zweiten Monats und dem 17. Tag des siebten Monats genau 150 Tage, nach denen die Wasser abzunehmen begannen; also begannen sie am 17. Tag des siebten Monats abzunehmen; sie konnten aber nicht an einem einzigen Tag um die 15 Ellen abnehmen, um die sie die Berge in jeder Richtung überragten -- nicht nur die Armeniens, sondern auch die höheren der ganzen Erde --, sodass die Arche an demselben 17. Tag auf den Bergen Armeniens hätte ruhen können; sondern dies geschah allmählich, sodass nach 10 Tagen, nämlich am 27. Tag desselben Monats, die Arche auf jenen Bergen ruhen konnte, wie hier gesagt wird. Dass die Wasser nämlich sehr langsam abnahmen, geht daraus hervor, dass nach dem Ruhen der Arche im siebten Monat die Gipfel der Berge erst im zehnten Monat sichtbar wurden.
Daher sind die hebräischen und chaldäischen Texte hier nicht so sehr lückenhaft als vielmehr verzerrt und durcheinandergebracht; denn anstatt 17 haben sie 27, nämlich anstelle der zwei getrennten Wörter asar iom, das heißt „am zehnten Tag”, ist als ein einziges verbundenes Wort esrim zu lesen, das heißt „zwanzigsten”, ergänze „Tag”.
Daher irrten Eugubinus, Cajetan und Lipomanus, als sie sagten, unser Text sei hier verdorben.
DIE BERGE ARMENIENS. -- Im Hebräischen heißt es „die Berge von Ararat”, was der Chaldäer als „die Berge von Kordu” übersetzt, die Josephus und Curtius die kordiäischen Berge nennen. Diese Berge, sagen Pererius und Delrio, sind Teil des Taurusgebirges (das an verschiedenen Orten verschiedene Namen annimmt), wo es Kilikien und den Fluss Araxes überragt, der im Hebräischen vielleicht Ararat heißt. Daher meint Stephanus in seinem Buch Über die Städte, Tarsus in Kilikien sei nach tarsis, das heißt „austrocknen”, benannt, weil als Zeugnis dafür, dass die Erde dort zuerst getrocknet wurde, Tarsus an jenem Ort gegründet wurde. Andere aber meinen, Tarsus sei von Tarschisch, dem Sohn Jafets, gegründet und benannt worden.
Woher hat Armenien seinen Namen? Anmerkung: Armenien scheint später so nach Aram, dem Sohn Sems, dem Enkel Noachs, benannt worden zu sein, Genesis Kapitel 10. Betrachtet man aber die hebräische Etymologie, so bedeutet Aram und Armenien „hoch” und „erhaben”; denn Armenien ist das höchstgelegene aller Gebiete der Welt, und dies lässt sich daraus schließen, dass die Arche bei abnehmendem Hochwasser als Erstes auf den Bergen Armeniens niederging.
Vers 5: Der zehnte Monat
Der zehnte Monat -- nicht vom Beginn der Sintflut an, wie Tostatus und Cajetan wollen, sondern vom Beginn des 600. Lebensjahres Noachs, wie aus dem vorangehenden Kapitel, Vers 11, und hier Vers 13 und 14 hervorgeht. So Lyranus und Pererius.
Die Gipfel wurden sichtbar
DIE GIPFEL WURDEN SICHTBAR. -- Obwohl nämlich die Arche bereits zuvor, im siebten Monat, auf den Bergen Armeniens geruht hatte, waren die Berge dennoch noch nicht freigelegt; denn die Masse der Arche war durch ihr eigenes Gewicht einige Ellen (etwa sieben oder acht) unter die Wasseroberfläche eingesunken, wie es bei Frachtschiffen üblich ist; als daher das Wasser um diese sieben oder acht Ellen allmählich abnahm, wurden die Berge endlich freigelegt, sodass dem Noach, der durch das Fenster der Arche hinausblickte, die Gipfel der Berge erst im zehnten Monat sichtbar wurden. Wahrscheinlich waren sie vorher schon freigelegt und vom Wasser entblößt worden, aber sie erschienen und wurden von Noach selbst erst im zehnten Monat gesehen. Außerdem ist es nicht nötig zu sagen, dass die Wasser stets gleichmäßig und in gleichem Maße abnahmen; wahrscheinlich nahmen sie am Anfang stärker ab, und zwar damit die Arche nicht länger trieb, sondern sich auf den Bergen Armeniens niederließ, zur Sicherheit und zum Trost Noachs: denn gleich zu Beginn wurden die Wasser nicht nur durch den Wind getrocknet und verdichtet, sondern auch von Gott plötzlich in ihre Tiefe zurückgezogen, aus der sie hervorgetreten waren, die gewiss eine ungeheure Menge Wasser aufnahm, und dort wurden sie eingeschlossen; daher heißt es in Vers 2: „Und die Quellen der Tiefe wurden verschlossen.”
Vers 7: Der Rabe
Kehrte der Rabe zurück? DER (RABE) GING HINAUS UND KEHRTE NICHT ZURÜCK. -- Der Chaldäer, Josephus und, wie es manchen scheint, auch der hebräische Text selbst sagen das Gegenteil, nämlich dass der Rabe hinausging und zurückkehrte. Daher beschuldigt Calvin unseren lateinischen Text der Falschheit; doch die Septuaginta, unser Übersetzer und alle Kirchenväter außer Prokopius lesen mit der Verneinung: der Rabe ging hinaus und kehrte nicht zurück. Beide Fassungen und Lesarten können einen wahren Sinn haben und lassen sich daher leicht miteinander in Einklang bringen.
Dazu ist zu bemerken: Der hebräische Text lautet wörtlich so: Der Rabe ging hinaus, hinausgehend und zurückkehrend; nämlich dieser aus der Arche ausgesandte Rabe, wie der hl. Augustinus, der hl. Chrysostomus und andere bezeugen, erblickte die auf den Bergen liegenden oder in den Wassern schwimmenden Leichen, die noch nicht verwest oder von den Fischen verschlungen worden waren, und wurde von ihnen angezogen; oder vielmehr, wie Pererius meint, weil er des Eingesperrtseins in der Arche überdrüssig und nach Freiheit begierig war, wollte er nicht in die Arche zurückkehren; da aber die Erde noch schlammig und wässrig war, flog er von Zeit zu Zeit zum Dach der Arche zurück und ließ sich darauf nieder, nur um wieder zu den Leichen davonzufliegen. Der Rabe kehrte also zum Dach der Arche zurück, kehrte aber nicht zu Noach in die Arche selbst zurück, sondern flog hin und her. Daher konnte Noach von ihm nicht erfahren, ob und wie sehr die Erde trocknete; deshalb sandte er kurz darauf die Taube aus, die dies erkunden sollte. Siehe Franciscus Lucas, Anmerkung 3 zur Genesis.
Zweitens und zutreffender bedeutet das hebräische Wort schob „zurückkehren”, nicht zu Noach, der ihn aussandte, sondern zu seinem früheren Ort, seiner Freiheit und Gewohnheit: daher wird schob oft im Sinne von „fortgehen” gebraucht, wie aus Vers 3 hier und Rut 1,16 und Ezechiel 18,26 und anderswo häufig hervorgeht; daher lautet der hebräische Text wörtlich: Der Rabe ging hinaus, hinausgehend und fortgehend, bis die Wasser auf der Erde getrocknet waren; das heißt, er ging mehr und mehr hinaus und entfernte sich, bis die Erde getrocknet war; denn es ist den Vögeln natürlich, wenn sie aus einem Käfig freigelassen werden, so weit wie möglich davonzufliegen. Diesen Sinn drückte unser Übersetzer klarer aus, als er übersetzte: „Er ging hinaus und kehrte nicht zurück.” Daher sagt auch der hl. Hieronymus in den Hebräischen Überlieferungen zur Genesis, im Hebräischen stehe „er ging hinaus, hinausgehend und nicht zurückkehrend”; so geschickt und gelehrt argumentiert Pater Gordon, Buch I der Kontroversen, Kapitel 19. Der Rabe nämlich kehrte, indem er hinausging, zu seiner Freiheit zurück und kehrte folglich nicht zur Arche zurück, sondern entfernte sich weiter von ihr; und dies bedeutet das hebräische schob.
BIS DIE WASSER GETROCKNET WAREN. -- Das Wort „bis” bedeutet nicht, dass der Rabe nach der Trocknung der Erde in die Arche zurückkehrte, sondern nur, dass er vor der Trocknung nicht zurückgekehrt war; so wird „bis” gebraucht in Matthäus, Kapitel 1, letzter Vers; Psalm 109,2 und anderswo.
Moralische Lehre. Aus dieser Stelle wurde der Rabe bei den Hebräern zum Sprichwort, sodass sie „Rabenbote” von jemandem sagen, der ausgesandt wird und spät oder niemals zurückkehrt. Der Rabe kehrte nicht zur Arche zurück, die Taube aber wohl: Raben sind jene, die die Buße aufschieben und sagen: „Morgen, morgen”; seufzende Tauben sind jene, die sogleich Buße tun und zur Arche zurückkehren. Daher sagt Alkuin in seinem Buch Über die Tugenden und Laster: „Vielleicht,” sagt er, antwortest du: „Morgen, morgen” (das heißt, ich werde mich bekehren); o Rabenruf! Der Rabe kehrte nicht zur Arche zurück, aber die Taube kehrte zurück; wenn du dann Buße tun willst, wenn du nicht mehr sündigen kannst, wenn die Sünden dich verlassen haben, nicht du sie: du bist dem Glauben ganz fremd, wenn du auf das Alter wartest, um Buße zu tun."
Anders der hl. Ambrosius, Buch Über Noach, Kapitel 17: Die Aussendung des Raben, sagt er, bedeutet, „dass jeder Gerechte, wenn er beginnt, sich zu reinigen, zuerst das Dunkle, Unreine und Verwegene von sich stößt. Denn alle Schamlosigkeit und Schuld ist dunkel und nährt sich von den Toten wie ein Rabe. Und daher wird die Schuld gleichsam ausgesandt und vertrieben und von der Unschuld getrennt, damit nichts Dunkles im Geist des Gerechten verbleibt. Schließlich kehrt der ausgesandte Rabe nicht zum Gerechten zurück, weil die fliehende Schuld ganz der Billigkeit angehört und weder der Rechtschaffenheit noch der Gerechtigkeit zu entsprechen scheint.” Und in Kapitel 18 sagt er, die zur Arche zurückkehrende Taube bezeichne die Einfältigen und Unschuldigen, die, zur Bekehrung der Weltlichen ausgesandt, wenn sie sehen, dass die Bosheit jene überflutet hat, schnell zur Arche des Geistes zurückfliegen, um nicht vergeblich zu arbeiten und davon befleckt zu werden: „Denn langsam,” sagt er, „findet die Einfalt inmitten der Verschlagenheit dieser Welt und der Wogen weltlicher Begierden einen Hafen.” Siehe bei ihm Weiteres, wenn du willst.
Vers 9: Wo er ruhen könnte
WO ER RUHEN KÖNNTE. -- Denn alles war noch schlammig und mit Schlamm bedeckt.
DENN DIE WASSER BEDECKTEN DIE GANZE ERDE. -- Obwohl sie nämlich die hohen Berge verlassen hatten, bedeckten sie noch das gesamte ebene oder flache Land.
Vers 11: Der Olivenzweig
AM ABEND. -- Nachdem sie den ganzen Tag über Nahrung gesucht hatte (sagt der hl. Chrysostomus, Homilie 26), kehrt sie am Abend zu ihrem Gefährten in die vertraute Unterkunft zurück, um die Kälte der Nacht zu meiden. So Delrio.
EINEN OLIVENZWEIG. -- Weil der Ölbaum stets grün bleibt in seinen Blättern, wie Plinius bezeugt, Buch 16, Kapitel 20. Dieser Ölbaum konnte daher ein ganzes Jahr lang unter den Wassern der Sintflut seine Blätter bewahren. So der hl. Chrysostomus, Homilie 26; obwohl der hl. Ambrosius im Buch Über die Arche, Kapitel 19, es vorzieht, dass dieser Ölbaum unter den Wassern sprosste, nicht auf natürliche Weise, sondern durch die Allmacht Gottes.
Anmerkung: Obwohl die Sintflut nahezu alle Bäume in den Ebenen umwarf, konnten dieser Ölbaum und gewisse andere Bäume und Pflanzen dennoch zwischen den Felsen der Berge, die die Gewalt der Wasser brachen, bewahrt werden.
Töricht reden hier die Juden, die fabeln, dieser Zweig sei vom Zion und vom Ölberg gebracht worden, den die Sintflut als heiligen Ort angeblich nicht erreicht habe. Andere träumen, er sei aus dem Paradies gebracht worden.
Der Ölbaum ist ein Sinnbild des Friedens, des Sieges und des Glücks. Tropologisch: Der Ölbaum, sagt der hl. Ambrosius, ist das Wahrzeichen der göttlichen Barmherzigkeit. Ferner ist der Ölbaum, sagt Pererius, das Sinnbild des Friedens, des Sieges und des Glücks. Diese Taube also mit dem Olivenzweig brachte Noach und der Welt gleichsam Sicherheit vor den Wassern sowie Frieden und Versöhnung mit Gott. Mehr über die Symbolik des Ölbaums werde ich bei Levitikus, Kapitel 2, Vers 4 sagen.
DASS DIE WASSER AUFGEHÖRT HATTEN. -- Das heißt, dass sie bis zu den Bäumen und dem Erdboden gesunken waren.
Allegorie: Noach, Christus und die Kirche
Allegorisch ist Noach Christus, die Arche die Kirche; nach dem Leiden und Tod Christi führte Gott den Geist des Lebens zurück, als er Christus von den Toten auferweckte und den Menschen dann den Heiligen Geist zur Vergebung der Sünden gab. Zweitens: Die Wasser wurden nicht sogleich durch den Geist getrocknet, weil Gott die Wasser der Begierlichkeit, der Versuchungen und aller Sünden nicht sogleich austrocknet, sondern mit der Zeit. Drittens: Die Arche ruhte zuerst auf den Bergen, weil zur Zeit des Leidens Christi die Kirche in den Aposteln Bestand hatte. Viertens: Noach öffnete das Fenster am 40. Tag, weil Christus am 40. Tag nach der Auferstehung in den Himmel auffuhr und ihn erschloss. Fünftens: Der ausgesandte Rabe kehrt nicht zurück, weil die ungläubigen Juden, aus der Kirche verstoßen, nicht zu ihr zurückkehren. Sechstens: Die Taube ist der Heilige Geist, der in Gestalt einer Taube über Christus gesehen wurde. Siebtens: Die Taube wird ein drittes Mal ausgesandt, weil der Heilige Geist dreimal zu uns kommt: erstens, wenn wir getauft werden; zweitens, wenn wir gefirmt werden; drittens, wenn er unsere Leiber auferwecken wird. Achtens: Die Taube setzte sich nicht auf schlammigen Boden oder auf Leichen, weil der Heilige Geist nicht in eine fleischliche und übelwollende Seele eingeht. Neuntens: Die Taube kam am Abend, weil der Heilige Geist in den letzten Tagen Christi ausgegossen wurde. Zehntens: Die Taube bringt einen Olivenzweig, weil der Heilige Geist uns das Öl der göttlichen Gnade und den Frieden mit Gott bringt. Elftens: Noach wird durch die Taube versichert, dass die Wasser aufgehört haben, weil der Heilige Geist unserem Geist Zeugnis gibt, dass wir Kinder Gottes sind. Zwölftens: Noach entfernt das Dach der Arche, weil Christus alle Hindernisse beseitigt, damit wir freien Einlass in den Himmel haben; was dann geschehen wird, wenn er sagt: Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters, usw.
Verse 12-13: Die Wasser nahmen ab
DIE WASSER NAHMEN AB -- bis zum Erdboden, sodass trockenes Land erschien. Hier ist zu bemerken: Am ersten Tag des ersten Monats des 601. Jahres Noachs wird die Erde hier als getrocknet bezeichnet; man verstehe dies als anfänglich, das heißt so, dass sie vom Wasser entblößt war, jedoch noch schlammig und sumpfig blieb: denn sie war vom Schlamm und Morast vollständig getrocknet erst nach 57 Tagen, nämlich am 27. Tag des zweiten Monats, wie im folgenden Vers gesagt wird, sodass Noach mit den Seinen die Arche verlassen und auf der Erde umhergehen konnte. So Pererius.
UND NOACH ÖFFNETE DAS DACH DER ARCHE UND BLICKTE HINAUS. -- Noach öffnete nicht das gesamte Dach der Arche, sondern nur einen Teil, nämlich ein oder zwei Bretter davon, gerade so viel, wie nötig war, damit er sich bequem über das Dach selbst erheben und von dort nach allen Seiten umherblicken konnte (was er vom Fenster aus nicht tun konnte, da es an der Seite der Arche angebracht war) und sehen konnte, ob die Wasser nun überall die Erde verlassen hatten.
Tropologisch sagt der hl. Ambrosius, Buch Über Noach, Kapitel 20: Noach, das heißt ein gerechter Mann, öffnet das Dach, um das Unkörperliche zu betrachten, nämlich Gott und die Himmlischen: „Und deshalb,” sagt er, „suchte der Gerechte den Herrn, den er nicht sah, frei von Vergänglichkeit, begierig nach der Ewigkeit.”
Vers 14: Die Erde war getrocknet
IM ZWEITEN MONAT, AM SIEBENUNDZWANZIGSTEN TAG DES MONATS, WAR DIE ERDE GETROCKNET. -- Aus dieser Stelle geht hervor, dass die Sintflut ein volles Jahr und zehn Tage dauerte; denn sie begann im Jahr 600 Noachs, am 17. Tag des zweiten Monats; und sie endete im Jahr 601 Noachs, am 27. Tag des zweiten Monats: Noach war also ein volles Jahr und zehn Tage in der Arche.
Pererius meint, dass das Jahr hier als Mondjahr zu verstehen sei, das zwölf Mondumläufe oder zwölf Durchgänge des Mondes durch den Tierkreis enthält und folglich 354 Tage umfasst und daher elf Tage kürzer ist als das Sonnenjahr; denn das Sonnenjahr enthält 365 Tage. Das Argument des Pererius ist, dass die Hebräer Monate und folglich Mondjahre verwendeten; daher scheint Mose hier dasselbe zu gebrauchen.
Doch dieses Argument ist nicht völlig schlüssig: denn die Hebräer verwendeten Mondmonate wegen ihrer vielen Feste, die nach dem Mond gefeiert werden mussten, wie der Neumond am Neumond zu feiern war und das Pessach am 14. Mondtag des ersten Monats; daraus folgt jedoch nicht, dass Mose im Pentateuch dieselben gebraucht. Denn Mose schreibt hier die Chronologie der Welt, die üblicherweise nach Sonnenjahren geschrieben wird, als den gebräuchlichsten und am weitesten verbreiteten. Außerdem: Die Hebräer führten ihre Mondjahre durch Schaltung alle zwei oder drei Jahre auf das Sonnenjahr zurück und glichen sie ihm an; und so verwendeten auch sie das Sonnenjahr: andernfalls hätten sie ihr Jahr nicht stets mit dem Monat der neuen Ernte beginnen und darin das Pessach feiern können.
Dass Mose das Sonnenjahr verwendet, wird durch das gestützt, was ich zu Kapitel 7, letzter Vers, gesagt habe, nämlich dass vom 17. Tag des zweiten Monats bis zum 27. des siebten Monats 160 Tage vergangen waren, sodass die Wasser in den ersten 150 Tagen auf ihrem Stand blieben und dann in den letzten zehn Tagen so weit abnahmen, dass die Arche auf den Bergen Armeniens ruhte. Denn nähme man Mondmonate an, so müsste man sagen, dass nach jenen 150 Tagen der Sintflut die Erde plötzlich innerhalb von vier Tagen so weit getrocknet war, dass die Arche auf jenen Bergen ruhen konnte, obwohl sie danach sehr langsam trocknete, wie aus den Versen 5, 13, 14 hervorgeht.
Vers 16: Geh hinaus, du und deine Frau
Der hl. Ambrosius im Buch Über die Arche, Kapitel 21, und Cajetan bemerken, dass beim Einzug in die Arche in Kapitel 6, Vers 18, Gott befiehlt, die Frauen getrennt von den Männern eintreten zu lassen, beim Auszug aber befiehlt, sie gemeinsam hinauszugehen: weil, sagt der hl. Ambrosius, beim Einzug durch jene stillschweigende Trennungsformel die Einzelnen von Gott ermahnt werden, sich des ehelichen Verkehrs und der Zeugung zu enthalten, da jenes eine Zeit der Trauer und der Buße war; beim Auszug aber werden sie durch eine andere Formel der Verbindung ermahnt, den ehelichen Verkehr zur Fortpflanzung der Menschheit zu gebrauchen.
Vers 17: Wie die Tiere nach Amerika gelangten
ALLE LEBENDEN WESEN usw., FÜHRE MIT DIR HINAUS UND GEHT ÜBER DIE ERDE. -- Man mag fragen: Wie konnten nach der Sintflut Wölfe, Füchse, Löwen, Tiger und andere schädliche Raubtiere aus Asien, wo Noach die Arche verließ, Inseln und Länder erreichen, die durch das Meer davon getrennt sind, und besonders nach Amerika gelangen?
Der hl. Augustinus antwortet im 16. Buch von Über den Gottesstaat, Kapitel 7: Auf dreierlei Weise, nämlich dass diese Tiere entweder schwimmend zu den Inseln gelangten, oder von Menschen auf Schiffen dorthin gebracht wurden, oder durch Gottes Anordnung und Schöpfung an jenen Orten hervorgebracht wurden. Dieses Dritte erscheint kaum glaubwürdig; denn nach der Sintflut, ja nach der ersten Schöpfung der Dinge in Genesis 1, schuf Gott nichts Neues: denn eben deshalb brachte er von jedem Tier ein Männchen und ein Weibchen in die Arche, damit ihr Same auf der Erde erhalten werde, Genesis 7,3.
Es ist daher wahrscheinlicher, dass diese Raubtiere schwimmend die Inseln erreichten. Die Erfahrung lehrt nämlich, dass Wildtiere ganze Tage und Nächte hindurch schwimmen und sich durchschwimmen können, wenn sie die Not dazu treibt. Ein starkes Indiz dafür ist, dass in der Neuen Welt, nämlich in Amerika, diese Raubtiere auf dem gesamten Festland und auf den ihm naheliegenden Inseln gefunden werden; auf Inseln aber, die vier Tagereisen vom Festland entfernt liegen, werden sie keineswegs gefunden (weil sie nämlich nicht so lange fasten konnten, um schwimmend dorthin zu gelangen), wie unser Josephus Acosta, der in Amerika lebte, versichert, dies sorgfältig beobachtet zu haben, in seinem Buch 1 von Über die Neue Welt, Kapitel 21: woraus er hinzufügt, dass kein Fuchs, Löwe, Bär, Eber oder Tiger auf den Inseln Kuba, Hispaniola, Margarita und Dominica gefunden wird, weil sie weiter vom Festland entfernt liegen -- ebenso wie vor der Ankunft der Spanier auf denselben Inseln keine Rinder, Pferde, Hunde oder Kühe waren, die aber, nachdem die Spanier sie eingeführt hatten, jene Inseln nun im Überfluss besitzen.
Ferner vermutet Acosta vernünftigerweise aus der Tatsache, dass sowohl Menschen als auch Tiere von dieser Hemisphäre auf dem Landweg oder durch kurze und leichte Schifffahrt nach Amerika gelangt sind, dass jene Indianer weder den Gebrauch großer Schiffe noch die Kenntnis des Kompasses, des Astrolabiums oder des Quadranten besaßen, ohne die man, wenn man mehrere Tage auf offener See fährt, völlig in die Irre geht. Daher sagt er, wo immer eine Insel gefunden wird, die weit vom Festland und von anderen Inseln getrennt liegt, wie etwa Bermuda, finden wir sie gänzlich ohne menschliche Besiedlung. Daraus schließt er, dass Amerika mit unserer Hemisphäre zusammenhängt und an manchen Stellen entweder mit unserem Land verbunden ist oder jedenfalls nicht sehr weit davon getrennt, sodass man mit Booten oder kleinen Fahrzeugen hinübersetzen konnte. Denn zum Nordpol hin ist die volle Ausdehnung Amerikas nicht hinreichend erforscht, und viele meinen, dass sich oberhalb Floridas ein sehr breites Land erstreckt und dass die Bacaleos bis an die Enden Europas reichen.
Zweitens wurden manche Raubtiere von Menschen dorthin gebracht, sei es des Gewinns, der Neuheit, der Jagd, der Prachtentfaltung oder aus einem anderen Grund wegen, so wie sie hierher in Käfigen zur Besichtigung gebracht werden, von denen manche aus ihren Käfigen entkamen und in die Berge und Wälder flohen und sich dort durch Fortpflanzung vermehrten.
Wenn jemandem diese Erklärungen nicht genügen, so nehme er seine Zuflucht zur Vorsehung Gottes und sage, dass, gleichwie alle Tiere von Engeln während der Sintflut in die Arche geführt wurden, sie nach der Sintflut durch das Wirken derselben Engel über verschiedene Länder und Inseln verstreut worden seien. So sagt Torniellus im Jahr der Welt 1931, Nummer 49.
Vers 19: Nach ihrer Art
NACH IHRER ART -- nach ihrer Gattung, das heißt, die Tiere gingen paarweise oder zu siebt nach ihren Gattungen aus der Arche hinaus, sodass die Tiere (Männchen und Weibchen) derselben Gattung gemeinsam hinausgingen.
Vers 20: Noachs Altar
EINEN ALTAR -- Dies ist der erste Altar, von dem in der Schrift gelesen wird; dennoch besteht kein Zweifel, dass zuvor andere bestanden, nämlich jene, auf denen Abel opferte, Kapitel 4. Ein Altar heißt gleichsam erhöhte Opferstätte (alta ara), auf der Opfertiere geschlachtet und Gott dargebracht werden; daher heißt der Altar im Hebräischen mizbeach, von zabach, das heißt „er schlachtete”.
BRANDOPFER. -- Von jenem siebten der reinen Tiere, dem ehelosen oder alleinstehenden Männchen, wie ich zu Vers 2 sagte. So sagt Diodor von Tarsus in der Catena.
Vers 21: Der liebliche Duft
UND DER HERR ROCH DEN LIEBLICHEN DUFT -- das heißt den Duft eines guten Wohlgeruchs, wie Novatian liest in seinem Buch Über die Dreifaltigkeit, das heißt: Gott nahm das Brandopfer Noachs als etwas ihm Angenehmes und Wohlgefälliges an; Gott erfreute sich daran, so wie wir uns am Duft gebratenen Fleisches erfreuen und uns daran laben: denn ein Opfer ist gleichsam die Speise Gottes; daher übersetzt der Chaldäer: „Der Herr nahm sein Opfer mit Wohlgefallen an.” Im Hebräischen steht für „Duft der Lieblichkeit” reah hannichoach, „Duft der Ruhe”: weil dieses Opfer den auf das Menschengeschlecht zürnenden Gott besänftigte und beruhigte. So sagen Vatablus und Oleaster.
Mose spricht metaphorisch und anthropopathisch, das heißt: Der Rauch dieses Opfers und der Duft, der mit dem Rauch emporstieg, gefiel Gott gleichwie ein lieblicher Duft und nahm gleichsam den Gestank der Sünden von Gottes Nase hinweg: denn, wie der hl. Chrysostomus sagt: „Die Tugend des gerechten Noach machte den Rauch und den Duft des Opfers für Gott zu einem Wohlgeruch.” Ebenso stellen Platon und Lukian in ähnlicher Weise die Götter der Völker dar, als röchen sie lieblich die Opfer und freuten sich an deren Duft.
ER SAGTE ZU IHM. -- Im Hebräischen: amar el libbo, „er sagte zu seinem Herzen”; der Chaldäer übersetzt: „er sagte in seinem Wort”; die Septuaginta: „er sagte nachdenkend”, oder nach langem Nachdenken und Erwägen des Herzens, das heißt: Gott sagte dies mit reifem Ratschluss und wohlüberlegtem Beschluss. Zweitens kann „er sagte zu seinem Herzen” aufgefasst werden als „er sagte in seinem Herzen oder aus seinem Herzen”, das heißt: Er sagte es ernsthaft und aus dem Innersten seines Herzens; denn el wird oft für min oder bet genommen. Drittens erklärt Delrio es so: „er sagte zu seinem Herzen”, das heißt, er sagte es zu Noach, der der Liebling des Herzens Gottes war. Viertens und am besten lässt es sich aus dem hebräischen Ausdruck so erklären: amar el libbo, das heißt „Herz sprach zu seinem Herzen”, nämlich dem Noachs, der voranging: denn alle alten Autoritäten stimmen darin überein, dass diese Worte zu Noach gesagt wurden, das heißt: Gott, durch Noachs Opfer versöhnt, sprach zu seinem Herzen, das heißt, er tröstete ihn, er besänftigte ihn, er sagte ihm jene Dinge, die seinem Herzen am liebsten und erfreulichsten waren; denn dies bedeutet es im Hebräischen, zu jemandes Herzen zu sprechen.
ICH WILL HINFORT DIE ERDE NICHT MEHR VERFLUCHEN. -- „Ich will verfluchen”, das heißt „ich will Schaden zufügen”, das heißt: Ich werde die Erde nicht mehr durch eine Sintflut vernichten, wie ich es getan habe.
UM DER MENSCHEN WILLEN -- um der Sünden der Menschen willen.
DENN DAS SINNEN. -- das heißt: Ich werde Erbarmen haben mit der menschlichen Schwäche und Neigung zum Bösen und werde daher ihre Sünden hinfort nicht mehr mit einer allgemeinen Sintflut der ganzen Welt bestrafen; sondern ich werde jeden Sünder mit seinen eigenen besonderen Strafen züchtigen: denn ich will das Menschengeschlecht selbst erhalten und vermehren.
Sinn und Trachten des menschlichen Herzens
SINN UND TRACHTEN DES MENSCHLICHEN HERZENS. -- Im Hebräischen steht ietser leb haadam, „das Gebilde des menschlichen Herzens”, das heißt die Natur und das Wesen des Menschen selbst, nämlich seine Vernunft und sein Wille, sei böse, sagen Luther und Calvin, doch töricht: denn die Natur, Vernunft und der Wille des Menschen selbst sind ein Gebilde nicht des Menschen und nicht des menschlichen Herzens, sondern Gottes und des göttlichen Willens. Aber das Gebilde des menschlichen Herzens ist sein Denken, seine Absicht und sein Ersinnen selbst, wie es unser Übersetzer, die Septuaginta, R. Kimchi und andere allenthalben, sowohl Hebräer als auch Griechen und Lateiner, übersetzen; denn diese Dinge bildet und formt der Mensch für sich selbst in der Werkstatt seines Herzens; woraus hervorgeht, dass der Mensch einen freien Willen besitzt: so wie der Töpfer frei ist, jedes beliebige Gebilde oder Gefäß zu formen.
Zweitens und besser: „das Gebilde”, das heißt die Töpferwerkstatt und Fabrik des menschlichen Herzens ist geneigt zum Bösen, um es zu formen und zu gestalten; denn so wie der Töpfer in seiner Werkstatt Schüsseln, Töpfe und Nachtgeschirre formt, so formt der Mensch in der Werkstatt seines Herzens und seiner Begierlichkeit dort Vorstellungsbilder aller Dinge, die er begehrt. Diese Töpferwerkstatt oder Fabrik des durch die Sünde verdorbenen menschlichen Herzens ist die Begierlichkeit selbst oder der Sinn, und, wie die Septuaginta übersetzen, die dianoia, der durch die Sünde verdorbene und Böses sinnende Verstand, den die Regungen der Begierlichkeit hervorbringen und erzeugen.
Man wird einwenden: Aus der Begierlichkeit kann nichts Gutes, sondern nur die Regungen der Begierlichkeit, die böse sind, hervorgehen; also kann aus dem menschlichen Herzen nichts Gutes, sondern nur Böses hervorgehen. Ich antworte: Ich verneine die Schlussfolgerung, denn im menschlichen Herzen gibt es eine doppelte Werkstatt, eine der Begierlichkeit, eine andere der Vernunft, des Gesetzes und der Tugend; jene neigt zum Bösen, diese zum Guten; denn Gott hat uns diese Neigung zum Guten von Natur eingepflanzt: es liegt nun in der freien Entscheidung des Menschen, ob er in der Werkstatt der Begierlichkeit oder der Vernunft arbeitet und folglich das Böse oder das Gute wählt und vollbringt, besonders wenn er durch die Gnade Gottes unterstützt wird.
SIND ZUM BÖSEN GENEIGT. -- Im Hebräischen ya ra, das heißt sind böse, nämlich die Gebilde, Gedanken und Anschläge selbst, die das von Sünde und Begierlichkeit angesteckte und verdorbene menschliche Herz sich bildet und formt. Doch unser Übersetzer sah tiefer, dass ra, das heißt „böse”, kausal zu verstehen ist, als „zum Bösen geneigt”, oder, wie die Septuaginta übersetzen, „sie sind auf das Böse gerichtet”: denn, wie ich sagte, nimmt er „Gebilde” für die Töpferwerkstatt selbst, den Sinn und die Begierlichkeit, die formell nicht böse sind, das heißt Sünden; sondern kausal, weil sie zum Bösen geneigt sind und den Menschen zum Bösen anreizen. Denn dies ist der treffende Grund, warum Gott sagt, er werde sich der Menschen erbarmen, um ihre Sünden nicht mehr mit einer Sintflut zu bestrafen, nämlich weil die Menschen von Geburt an schwach, hinfällig und zum Bösen geneigt sind: denn tatsächliche Bosheit und Sünde erregt nicht Gottes Barmherzigkeit, sondern seinen Zorn.
VON JUGEND AUF. -- „Denn von diesem Alter an,” sagt der hl. Ambrosius, „wächst die Bosheit; denn der Eifer und die Hingabe an das Sündigen beginnt von Jugend an: sodass ein Knabe gleichsam als Schwacher sündigt, ein Jüngling aber als Niederträchtiger, der eifrig Sünden zu begehen begehrt und sich seiner Verbrechen rühmt.”
Vers 22: Alle Tage der Erde
ALLE TAGE DER ERDE. -- Nicht solange die Erde bestehen wird: denn die Erde besteht in Ewigkeit; sondern solange es auf der Erde Werden und Vergehen geben wird und Menschen und Tiere vorhanden sein werden, um derentwillen dieser Wechsel der Jahreszeiten eingeführt wurde.
SAAT UND ERNTE. -- Isidorus Clarius meint, das Jahr werde hier nach hebräischer Sitte in sechs Teile eingeteilt, nämlich in Blüte, Reife, Hitze, Aussaat, Kälte und Sommer, worüber Delrio hier nachzulesen ist. Weit zutreffender aber ist es, wie aus den Gegenüberstellungen selbst hervorgeht, dass hier beschrieben wird: erstens der Wechsel der Arbeit, nämlich des Säens und des Erntens -- denn „Saat” bedeutet hier die Zeit des Säens, „Ernte” die Zeit des Erntens --; zweitens der Wechsel des Jahres, Sommer und Winter; drittens der Wechsel der Beschaffenheiten und des Wetters, Kälte und Hitze.
SOLLEN NICHT AUFHÖREN. -- Sie werden nicht aufhören, sie werden nicht ablassen, einander abzulösen, wie sie während des ganzen Jahres der Sintflut aufhörten und ausfielen.