Cornelius a Lapide

Genesis IX


Inhaltsverzeichnis


Synopsis des Kapitels

In diesem Kapitel stellt Gott dem Menschen — der gleichsam durch die Sintflut erneuert und wiedererschaffen worden war — die ursprünglichen Güter wieder her, die durch die Sünde und die Flut verloren gegangen zu sein schienen: nämlich die Fruchtbarkeit, die Herrschaft über die Tiere und sogar eine bessere Nahrung. Erstens segnet Gott also Noach und seine Nachkommenschaft und gewährt ihnen den Genuss von Fleisch, jedoch nicht von Blut; daher setzt er zweitens, in Vers 5, die Strafe für den Mord fest. Drittens schließt er in Vers 9 einen Bund mit Noach, keine weitere Flut zu senden, und gibt den Regenbogen als Zeichen des Bundes. Viertens wird Noach in Vers 20 trunken, und während er schläft, wird er von Ham entblößt, jedoch von Sem und Jafet bedeckt; und daher verflucht er beim Erwachen Ham, segnet aber Sem und Jafet.


Vulgata-Text: Genesis 9,1-29

1. Und Gott segnete Noach und seine Söhne. Und er sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde. 2. Furcht und Schrecken vor euch komme über alle Tiere der Erde und über alle Vögel des Himmels, samt allem, was sich auf der Erde regt: alle Fische des Meeres sind in eure Hand gegeben. 3. Alles, was sich regt und lebt, soll euch zur Nahrung dienen: wie die grünen Kräuter habe ich euch alles übergeben: 4. nur Fleisch mit seinem Blute sollt ihr nicht essen. 5. Denn euer eigenes Blut werde ich einfordern von der Hand eines jeden Tieres; und von der Hand des Menschen, von der Hand eines jeden Mannes und seines Bruders, werde ich das Leben des Menschen einfordern. 6. Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll durch Menschen vergossen werden: denn nach dem Bilde Gottes ist der Mensch geschaffen. 7. Ihr aber, seid fruchtbar und mehret euch und gehet über die Erde und füllet sie. 8. Ebenso sprach Gott zu Noach und zu seinen Söhnen mit ihm: 9. Siehe, ich richte meinen Bund auf mit euch und mit euren Nachkommen nach euch: 10. und mit jedem lebenden Wesen, das bei euch ist, bei Vögeln wie bei Vieh und bei allen Tieren der Erde, die aus der Arche kamen, und bei allen Tieren der Erde. 11. Ich richte meinen Bund auf mit euch, und alles Fleisch soll hinfort nicht mehr durch die Wasser einer Flut vernichtet werden, und keine Flut soll hinfort mehr kommen, die Erde zu verderben. 12. Und Gott sprach: Dies ist das Zeichen des Bundes, den ich stifte zwischen mir und euch und jedem lebenden Wesen, das bei euch ist, für ewige Geschlechter: 13. Meinen Bogen setze ich in die Wolken, und er soll das Zeichen des Bundes sein zwischen mir und der Erde. 14. Und wenn ich den Himmel mit Wolken bedecke, soll mein Bogen in den Wolken erscheinen: 15. und ich werde meines Bundes gedenken mit euch und mit jedem lebenden Wesen, das Fleisch belebt; und die Wasser der Flut sollen hinfort nicht mehr alles Fleisch vernichten. 16. Und der Bogen wird in den Wolken stehen, und ich werde ihn sehen und des ewigen Bundes gedenken, der geschlossen wurde zwischen Gott und jedem lebenden Wesen allen Fleisches, das auf der Erde ist. 17. Und Gott sprach zu Noach: Dies soll das Zeichen des Bundes sein, den ich aufgerichtet habe zwischen mir und allem Fleisch auf der Erde. 18. Die Söhne Noachs aber, die aus der Arche kamen, waren Sem, Ham und Jafet; Ham ist der Vater Kanaans. 19. Diese drei sind die Söhne Noachs: und von ihnen hat sich das ganze Menschengeschlecht über die gesamte Erde verbreitet. 20. Und Noach, ein Ackersmann, begann die Erde zu bebauen, und er pflanzte einen Weinberg. 21. Und als er vom Wein trank, wurde er trunken und lag entblößt in seinem Zelt. 22. Und als Ham, der Vater Kanaans, die Blöße seines Vaters sah, erzählte er es seinen beiden Brüdern draußen. 23. Da nahmen Sem und Jafet einen Mantel auf ihre Schultern und gingen rückwärts hinein und bedeckten die Blöße ihres Vaters; und ihre Gesichter waren abgewandt, so daß sie die Blöße ihres Vaters nicht sahen. 24. Als aber Noach von seinem Rausch erwachte und erfuhr, was sein jüngster Sohn ihm angetan hatte, 25. sprach er: Verflucht sei Kanaan, ein Knecht der Knechte sei er seinen Brüdern. 26. Und er sprach: Gepriesen sei der Herr, der Gott Sems, Kanaan sei sein Knecht. 27. Gott breite Jafet aus, und er wohne in den Zelten Sems, und Kanaan sei sein Knecht. 28. Und Noach lebte nach der Sintflut dreihundertfünfzig Jahre. 29. Und alle seine Tage betrugen neunhundertfünfzig Jahre, und er starb.


Vers 2: Die Furcht vor euch komme über alle Tiere

2. DIE FURCHT VOR EUCH KOMME ÜBER ALLE TIERE DER ERDE. — Man beachte: Der Mensch hat durch die Sünde die volle Herrschaft über die Tiere verloren; daher stellt Gott ihm hier eine gewisse teilweise und unvollständige Herrschaft wieder her und bestätigt sie. Denn Gott flößte den Tieren eine gewisse Furcht ein, durch die sie den Menschen als ihren Herrn fürchten und verehren; und wenn sie wild sind, fliehen sie vor dem Anblick des Menschen und greifen ihn nicht an, es sei denn, sie werden durch Unrecht gereizt oder durch Hunger getrieben. Ja sogar die Fische, sagt der hl. Basilius (Homilie 40 über das Hexaemeron), erschrecken vor den Schatten der Menschen und fliehen vor ihnen. Selbst die Elefanten, wenn wir Plinius glauben dürfen (Buch VIII, Kap. 5), werden durch menschliche Fußspuren beunruhigt. Daher sehen wir, daß Ochsen und Pferde oft von kleinen Knaben gelenkt werden. Ferner erlegt der Mensch Vögel und Wildtiere mit Pfeilen, und es gibt kein Tier so stark, daß es nicht vom Menschen gefangen und gezähmt werden könnte. Man höre den hl. Ambrosius (Brief 38 an Horontius), der wahrhaftig und trefflich lehrt, wie wilde und vernunftlose Geschöpfe die menschliche Vernunft erkennen und unter seiner sanften Herrschaft zahm werden: „Oft", sagt er, „haben sie beim zurückrufenden Klang der menschlichen Stimme von ihren Bissen abgelassen; wir sehen, wie Hasen von den harmlosen Zähnen der Hunde ohne Wunde gefangen werden; selbst Löwen lassen, wenn eine menschliche Stimme ertönt, ihre Beute los; Leoparden und Bären werden durch Stimmen aufgescheucht und zurückgerufen; Pferde wiehern beim Beifall der Menschen und mäßigen ihren Lauf bei Stille. Oft gehen sie ohne Schlag an denen vorüber, die geschlagen worden sind: so gewaltig treibt sie die Peitsche der Zunge." Dann fügt er hinzu: „Was soll ich von ihren Abgaben sagen? Der Widder pflegt sein Vlies, um dem Menschen zu gefallen, und wird in den Fluss getaucht, um seinen Glanz zu mehren. Ebenso suchen die Schafe bessere Weiden auf, damit sie mit süßerer Milch ihre prallen Euter füllen; sie erdulden die Geburtsschmerzen, um dem Menschen ihre Gaben zu bringen. Stiere ächzen den ganzen Tag lang mit dem in die Furchen gedrückten Pflug. Kamele bieten sich, neben dem Dienst des Lasttragens, wie Widder zur Schur dar, damit gleichsam verschiedene Tiere wie Untertanen, die einem König Tribut zahlen, ihre Beiträge leisten und ihren jährlichen Zins entrichten. Das Pferd, stolz auf einen so großen Reiter, sammelt seine stolzen Schritte, und indem es seinen Rücken krümmt, damit sein Herr aufsitzen kann, breitet es seinen Rücken als herrschaftlichen Sitz aus."

Am vollkommensten jedoch erfüllt sich diese Verheißung in den Gläubigen, zu denen durch Christus gesagt wurde: „Sehet, ich habe euch die Macht gegeben, auf Schlangen zu treten" (Lukas 10); und: „Sie werden Schlangen aufheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird es ihnen nicht schaden" (Markus 16). So kamen Löwen mit gesenktem Nacken zum hl. Antonius und leckten seine Hände und Füße und suchten seinen Segen. So gehorchte die Riesenschlange dem hl. Hilarion, zwei Drachen dem Ammon, ein Wildesel dem Makarius dem Römer, ein Nilpferd dem Benus, ein Krokodil dem Helenus, eine Löwin dem Abt Johannes, eine Hyäne dem Makarius von Alexandrien, ein Hund dem Abt der Suberier von Syrien — wie in ihren Lebensbeschreibungen in den Viten der Väter berichtet wird. Die moralische Auslegung findet sich beim hl. Gregor, Buch XXI der Moralia, Kap. 11.


Vers 3: Alles, was sich regt und lebt, soll euch zur Nahrung dienen

3. ALLES, WAS SICH REGT UND LEBT, SOLL EUCH ZUR NAHRUNG DIENEN. — „Alles", nämlich was essbar und der menschlichen Konstitution zuträglich ist; denn Vipern, Skorpione und andere giftige Tiere können nicht gegessen werden, weil sie der menschlichen Konstitution schaden und sie zerstören. Man beachte ferner, daß hier nicht ein Gebot, sondern eine Erlaubnis ausgesprochen wird — dem Menschen ist gestattet, jegliche, das heißt was immer für eine Art von Speise er will, zu essen. Als wollte Gott sagen: Ich erlaube, daß ihr alles, was euch gefällt, was eurer Konstitution und eurem Gaumen angenehm ist, als Nahrung nehmet. So Abulensis. Daher sündigen die Ordensleute nicht, die von dieser göttlichen Erlaubnis keinen Gebrauch machen und zur Abtötung des Fleisches — sei es immer oder zu bestimmten Zeiten — auf Fleisch verzichten; im Gegenteil, sie vollbringen Akte und geben Zeichen heroischer Mäßigkeit.

WIE DIE GRÜNEN KRÄUTER HABE ICH EUCH ALLES ÜBERGEBEN — damit ihr euch von Tieren nähret, so wie ihr bisher Kräuter gegessen habt.

Moralisch sagt der hl. Ambrosius (Buch über Noach, Kap. 25): „Es wird damit angedeutet, daß die vernunftlosen Leidenschaften dem Geist des Weisen unterworfen sein sollen, wie die Gemüse dem Landmann; und daß wir die kriechenden Gedanken so gebrauchen sollen wie der Landmann die Gemüse, die zwar nicht schaden können, aber doch nicht den Geschmack stärkerer Speise haben. Denn das allgemeine, allen gemeinsame Gebot schreibt nicht die höheren Arten der Tugenden vor, die ohnehin nur wenigen eigen sind. Wenn aber jemand sich nicht die stärkeren Gastmähler der Tugend bereiten kann, so möge er wenigstens solche Leidenschaften haben, die nicht schaden, sondern erfreuen."

Man fragt: War der Fleischgenuss vor der Sintflut erlaubt und üblich? Erstens vertreten Lyranus, Tostatus und der Kartäuser zu Kapitel 1, letzter Vers, die Auffassung, er sei weder erlaubt noch üblich gewesen, da Gott in Kapitel 1, letzter Vers, dem Menschen nur den Genuss von Kräutern zugestanden habe. Dieselbe Ansicht vertraten die Heiden; daher singt Ovid im XV. Buch der Metamorphosen über jenes erste und goldene Zeitalter der Welt:

„Jenes alte Zeitalter befleckte seine Lippen nicht mit Blut;
Damals bewegten die Vögel sicher ihre Schwingen durch die Lüfte,
Und der furchtlose Hase streifte auf offenen Feldern umher."

Aber er irrt, wenn er die spätere Einführung des Fleischessens als Verbrechen verwünscht und sagt:

„Ach, wie groß ist das Verbrechen, Eingeweide mit Eingeweiden zu füllen
Und ein Lebewesen durch den Tod eines anderen leben zu lassen!"

So hielten auch die Pythagoreer und die Manichäer es für frevelhaft, ein Tier zu töten und zu essen; und auch Tertullian, der inzwischen Montanist geworden war, behauptet in seiner Schrift Über das Fasten gegen die Psychiker, Kapitel 4, der Fleischgenuss sei ein Zugeständnis an die menschliche Unmäßigkeit gewesen.

Zweitens meinen Cajetan an dieser Stelle sowie Victoria (Vorlesung über die Mäßigkeit) und Dominicus Soto (Buch V, Über die Gerechtigkeit, Frage 1, Artikel 1), daß zu jener Zeit der Fleischgenuss sowohl erlaubt als auch üblich gewesen sei: erstens, weil Gott den Fleischgenuss nirgendwo verboten habe und Fleisch die dem Menschen zuträglichste Nahrung sei; zweitens, weil es damals Schafherden gab, deren Hirte Abel war. Man wird einwenden: Abel hütete seine Herden wegen der Wolle und Milch, nicht zum Essen. Dagegen: dann wäre es kein Verdienst Abels gegenüber Kain gewesen, daß er die fetteren Schafe Gott dargebracht hat. Denn wenn niemand sie aß, wäre es für ihn und für Kain gleichgültig gewesen, ob sie fette oder magere Schafe opferten — da magere Schafe nicht selten ebenso gute, ja sogar bessere Wolle und Milch geben als fette; Fleisch aber liefern sie stets minderwertiger. So Cajetan.

Drittens und am besten vertreten der hl. Chrysostomus, Theodoret, Pererius und andere die Ansicht, daß vor der Sintflut der Fleischgenuss nicht verboten, sondern erlaubt war; gleichwohl enthielten sich die frömmeren Männer, wie die Nachkommen Sets, seiner, weil Gott, als er dem Menschen die Nahrung zuwies, ausdrücklich nur Kräuter und nicht Fleisch erwähnt hatte (Kap. 1, V. 29). Denn so werden die Gründe sowohl der ersten als auch der zweiten Meinung auf das Beste miteinander versöhnt. Gott erlaubt daher hier, nach der Sintflut, den Fleischgenuss ausdrücklich und ausnahmslos allen, auch den Heiligen, wegen der Verschlechterung der Erde, die sowohl durch die Sünde als auch durch die Salzigkeit des Meeres infolge der Sintflut verursacht wurde, und folglich wegen der geschwächten Kräfte sowohl der Menschen als auch der Pflanzen. Denn die Ärzte berichten, und die Erfahrung bestätigt es, daß Fleisch eine vollere, gediegenere, nahrhaftere und dem menschlichen Körper angemessenere Nahrung bietet als Kräuter.


Vers 4: Fleisch mit seinem Blute sollt ihr nicht essen

4. FLEISCH MIT SEINEM BLUTE SOLLT IHR NICHT ESSEN. — Im Hebräischen heißt es „basar benaphso damo lo tochelu", „Fleisch mit seiner Seele, seinem Blut, sollt ihr nicht essen"; das heißt, wie Pagninus übersetzt: „Ihr sollt nicht Fleisch mit seiner Seele, die sein Blut ist, essen", als wollte Gott sagen: Ihr sollt nicht Fleisch mit seiner Seele essen, welche Seele das Blut ist oder im Blut des Tieres selbst ihren Sitz hat.

Man beachte: Was hier vorgeschrieben wird, ist die Art und Weise des Fleischgenusses, nämlich: erstens soll das Tier geschlachtet werden; zweitens soll das Blut ausgegossen werden; drittens soll das Fleisch gekocht und gegessen werden. Der Genuss von Blut aber wird schlechthin verboten, sei es, daß es sich noch im Tier befindet (woher auch der Genuss von verendeten Tieren und erstickten hier verboten wird, wie Eucherius lehrt), sei es, daß es vom Tier getrennt wurde — und zwar sowohl das flüssige und trinkbare als auch das gestopfte und geronnene Blut, wie es in Würsten vorkommt. Denn Gott verbietet hier jede Form des Blutgenusses. So Lyranus, Tostatus und der Kartäuser.

Man fragt, warum Gott den Genuss von Blut so streng verboten hat. Ich antworte: Erstens, um die Menschen so weit wie möglich vom Vergießen menschlichen Blutes abzuschrecken. So der hl. Chrysostomus und Rupert. Dass nämlich die Heiden so weit gingen, menschliches Blut nicht nur zu vergießen, sondern sogar zu trinken, bezeugt Tertullian in seiner Apologie, Kapitel 9. Diesen Grund gibt Gott selbst im folgenden Vers an. Denn das Blut ist das Gefäß der Seele und des Lebens und der Lebensgeister; daher wird gesagt, die Seele, das heißt das Leben, sei im Blut, wie aus dem Hebräischen hier und aus Levitikus 17,11 hervorgeht. Zweitens, weil Gott wollte, daß das Blut, das gleichsam das Leben des Tieres ist, ihm allein als dem Urheber des Lebens in Opfern für das Leben des Sünders dargebracht werde, wie aus Levitikus 17,11 hervorgeht. So der hl. Chrysostomus und der hl. Thomas. Rupert fügt einen dritten Grund hinzu: Das Blut der unvernünftigen Tiere sei schwer, erdig, melancholisch und Ursache vieler Krankheiten, wenn es gegessen werde; daher sei sein Genuss verboten worden.

Dieses Gebot, den Blutgenuss zu meiden, ist kein natürliches, sondern ein positives Gesetz, das von den Aposteln in der Apostelgeschichte 15,29 erneuert wurde und nicht nur bis zur Zeit Tertullians und des Minucius bestand, wie dieser selbst im Octavius bezeugt, sondern auch bis zur Zeit des Beda und des Ratinus, wie aus dessen Bußbuch hervorgeht. Es ist jedoch inzwischen außer Gebrauch gekommen: denn heutzutage ist es zwar nicht Sitte, Blut zu trinken, wohl aber, es in Würsten zu essen.


Vers 5: Euer eigenes Blut werde ich einfordern

5. EUER EIGENES BLUT WERDE ICH EINFORDERN. — Dies ist der Grund, warum Gott den Genuss von Blut verboten hat, nämlich damit die Menschen, indem sie sich an das Blut der Tiere gewöhnen, schließlich auch das menschliche Blut nicht verschonen, als wollte er sagen: So kostbar ist mir euer Blut, durch das der Leib genährt und belebt wird, daß ich es sogar von den unvernünftigen Tieren einfordern werde, die einen Menschen getötet haben; um wie viel mehr werde ich es von euch einfordern, die ihr Menschen seid!

ICH WERDE ES EINFORDERN VON DER HAND ALLER TIERE — das heißt der Dämonen, die wild sind wie Tiere, sagt Rupert; doch dieser Sinn ist symbolisch, nicht buchstäblich. Zweitens erklärt es Theodoret so: Bei der Auferstehung werde ich euch alles Blut, das Tiere vergossen haben, indem sie euch töteten oder verletzten, einfordern und euch zurückgeben; doch auch dieser Sinn ist nicht der eigentliche, sondern der anagogische. Drittens erklären es andere so: Im Opfer werde ich euer von Menschen ungerecht vergossenes Blut von der Hand der Tiere einfordern; denn Gott wollte, daß der Mord, durch den Blut vergossen wird, ja jede Sünde des Menschen, durch das Blut der Tiere gesühnt werde, wie aus Numeri 28,29 hervorgeht. Denn im Opfer büßt das geschlachtete Tier für das Vergehen des Mordes und jeder Sünde des Menschen, und so rächt Gott gleichsam im geopferten Tier den Mord und jede Schuld des Menschen.

Viertens erklären Abulensis und Lipomanus es so, als wollte Gott sagen: Wenn du das Blut deines Nächsten vergießt, sei es durch dich selbst oder durch ein gegen ihn losgelassenes Tier, wird Gott es nicht von dem Tier, sondern von dir einfordern, der du es entweder mit dem Schwert oder auf deinen Befehl hin vergossen hast. Denn sie beziehen den Ausdruck „von der Hand der Tiere" nicht auf „ich werde einfordern", sondern auf „euer Blut"; doch diese Auslegung ist gezwungen und beinahe gewaltsam. Fünftens und am besten und einfachsten erklären Abulensis und Oleaster es so, als wollte Gott sagen: Ich werde die Tiere bestrafen, wenn sie einen Menschen töten. Dies geht aus Exodus 21,28 hervor, wo Gott befiehlt, den Ochsen (und ebenso jedes andere Tier), der einen Menschen getötet hat, zu steinigen.

Ferner geschieht es aufgrund dieser hier gegebenen göttlichen Anordnung und Erlaubnis häufig, daß Gott selbst die Gebete und Bitten derer erhört, die von Fürsten oder Richtern ungerecht verurteilt oder zum Tode geschleppt werden; und insbesondere, wenn die Angeklagten und Verurteilten ihre Richter in einem ungerechten oder auch nur zweifelhaften Fall vor das Gericht Gottes laden, nötigt Gott nicht selten jene Richter, zu sterben und sich seinem Gericht zu stellen und Rechenschaft abzulegen — sogar innerhalb der von den Angeklagten bestimmten Frist.

So rief David, von vielfachem Unrecht und Gewalt durch Saul geplagt und beinahe erdrückt, indem er ihn vor Gott lud, aus: „Der Herr richte zwischen mir und dir, und der Herr räche mich an dir" usw. Und diese Berufung war nicht vergeblich, denn kurze Zeit später wurde Saul von den Philistern in der Schlacht besiegt und, von Pfeilen verwundet, durchbohrte er sich, damit er nicht lebend in ihre Hände falle, mit seinem eigenen Schwert.

Zweitens, noch offenkundiger ist die Berufung auf das göttliche Gericht durch den Priester Sacharja, als er auf Befehl des höchst undankbaren Königs Joasch im Vorhof des Tempels gesteinigt wurde: „Der Herr möge es sehen und einfordern." Denn dieser Appell blieb nicht ohne Wirkung. Kaum ein Jahr später wurden die königlichen Beamten, die diesem Frevel zugestimmt hatten, durch das Schwert der Syrer hingemordet, und der König selbst, von schweren Heimsuchungen getroffen und auf seinem Lager von seinen eigenen Leuten mit vielen Wunden durchbohrt, wurde mitsamt seinen Höflingen vor das göttliche Gericht gerissen, um über seine Taten Rechenschaft abzulegen.

Drittens setzten die sieben makkabäischen Brüder, die von Antiochus um ihrer väterlichen Gesetze willen mit aller Grausamkeit und Wildheit gemartert wurden, diesem unverblümt einen Termin vor Gott, indem sie sagten: „Der Herr, Gott, wird die Wahrheit ansehen" usw. „Du wirst die große Macht Gottes sehen, wie er dich und deinen Samen peinigen wird" usw. „Du wirst der Hand Gottes nicht entgehen" usw. Denn da er diese Berufungen vom Himmel her als wirksam gegen sich empfand, ging er durch eine offenkundige göttliche Strafe zugrunde.

Viertens beklagt sich nicht nur Paulus über Alexander den Schmied und sagt (2 Timotheus 4,14): „Der Herr wird ihm vergelten nach seinen Werken"; sondern auch die Seelen der seligen Märtyrer rufen zum selben Herrn gegen ihre Unterdrücker: „Wie lange, o Herr, richtest du nicht und rächst unser Blut nicht an denen, die auf der Erde wohnen?" (Offenbarung 6). Ihre Berufung wird nur aufgeschoben, nicht verworfen. Ja, sogar Christus selbst beruft sich gegen die Ungerechtigkeiten der Juden auf das Urteil des Vaters und spricht: „Ich suche nicht meine Ehre; es ist einer, der sie sucht und richtet." Von diesen heiligen und göttlichen Zeugnissen wollen wir nun zu gewichtigen und wahrhaft denkwürdigen Geschichten übergehen.

Fünftens also berichten Nauclerus und Fulgosius, daß Ferdinand, König von León und Kastilien, zwei Adlige aus der Familie Carvajal, die des Verrats gegen ihn verdächtigt, aber nicht angehört worden waren, durch ein voreiliges Urteil von einem sehr hohen Felsen stürzen ließ. Diese aber, als sie sahen, daß ihnen die Verteidigung abgeschnitten und der Tod vor Augen war, empfahlen ihre Sache Christus als dem gerechtesten Richter und luden König Ferdinand vor, innerhalb von dreißig Tagen vor seinem Richterstuhl zu erscheinen. Und ihre Berufung war nicht vergeblich, denn am dreißigsten Tag wurde er vom Tod getroffen und vor den göttlichen Richter gerufen.

Sechstens schreibt derselbe Fulgosius, daß ein neapolitanischer Ritter, der zusammen mit den übrigen Templern, seinen Mitbrüdern, zur Hinrichtung geschleppt wurde, als er vom Fenster aus Clemens V. und Philipp den Schönen, den König von Frankreich, erblickte, auf deren Anordnung er hingerichtet werden sollte, ausrief: „Da mir unter den Sterblichen niemand mehr übrig ist, an den ich appellieren könnte, appelliere ich an den gerechten Richter Christus, der uns erlöst hat, damit ihr innerhalb eines Jahres und eines Tages vor seinem Richterstuhl erscheinen müsst, wo ich meine Sache darlegen werde." Und innerhalb eines Jahres starben beide, um Gott Rechenschaft abzulegen.

Siebentens berichtet Johannes Pauli, daß Rudolph, Herzog von Österreich, einen Ritter verurteilte, in einen Sack gesteckt und ertränkt zu werden. Der Ritter aber rief, als er den Herzog erblickte, aus: „Herzog Rudolph, ich lade dich vor das schreckliche Gericht Gottes innerhalb eines Jahres." Jener erwiderte lachend: „Gut, geh voran; ich werde dann dort sein." Als die Frist verstrichen war, fiel er in ein Fieber, und der Vorladung gedenkend, sagte er zu seinen Dienern: „Die Zeit meines Todes ist gekommen; ich muss zum Gericht gehen", und starb sogleich.

Achtens berichtet Äneas Sylvius aus den Geschichten der armorikanischen Bretagne, daß Franz, ihr Herzog, seinen Bruder Ägidius, der fälschlich des Hochverrats angeklagt worden war, im Kerker töten ließ. Dieser bat kurz vor seinem Tod, als er einen Franziskanermönch erblickte, ihn beschwörend, seinem Bruder, dem Herzog, zu melden, daß er sich innerhalb von vierzig Tagen vor dem Gericht Gottes einzufinden habe. Der Franziskaner ging zum Herzog an die Grenzen der Normandie und verkündete ihm den Tod seines Bruders und dessen Berufung. Der Herzog, vor Schrecken ergriffen, begann sogleich zu kränkeln, und da die Krankheit von Tag zu Tag schlimmer wurde, verschied er am bestimmten Tag.


Vers 6: Wer Menschenblut vergießt

UND VON DER HAND DES MENSCHEN, VON DER HAND EINES JEDEN MANNES UND SEINES BRUDERS. — Delrio bemerkt, daß dem Mörder drei Bezeichnungen aufgeprägt werden, die seine Schuld erschweren. Erstens wird er „Mensch" [homo] genannt — einer, der seiner Menschlichkeit hätte eingedenk sein sollen. Zweitens wird er „Mann" [vir] genannt — einer, dem es geziemt hätte, seinen Zorn zu beherrschen und seine Stärke und Macht nicht zu missbrauchen. Drittens wird er „Bruder" genannt — einer, der mit seinem Bruder durch die engste Liebe hätte verbunden sein und ihn daher verteidigen, nicht töten sollen. Denn wir alle sind Brüder in Adam, und jeder innerhalb des gemeinsamen Stammvaters seines Stammes oder seiner Familie ist seinem Stammesgenossen ein Bruder — so wie die Juden (zu denen Mose hier besonders spricht) Brüder in Abraham waren.

6. WER MENSCHENBLUT VERGIESST, DESSEN BLUT SOLL DURCH MENSCHEN VERGOSSEN WERDEN. — „Soll vergossen werden", das heißt, es muss vergossen werden; es ist recht und gerecht, daß auch sein Blut vergossen werde — nämlich durch den Spruch und die Verurteilung der Richter, wie die chaldäische Paraphrase lautet. Denn Gott hat sowohl hier als auch in Exodus 21,12 und Matthäus 26,57, nach dem Gesetz der Vergeltung, das Todesurteil über die Mörder ausgesprochen, das von der Übung aller Völker angenommen worden ist. Man beachte dies gegen die Wiedertäufer, die den Obrigkeiten das Schwertrecht gegen die Schuldigen nehmen wollen.

Zweitens „soll vergossen werden", nämlich gewöhnlich erfüllt sich dies tatsächlich so, daß der Mörder in der Tat getötet wird — sei es durch einen Richter, sei es durch Streit, Räuber, einstürzende Gebäude, Brände oder ähnliche Zufälle. Denn Gott verpfändet hier, daß er der Rächer der Erschlagenen sein und die Mörder durch Vergeltung in mancherlei Unglücksfällen des Lebens bestrafen wird. Dass es so ist, bestätigt die Erfahrung, durch die wir sehen, wie Mörder, da die göttliche Rache sie verfolgt, durch bemerkenswerte Zufälle umkommen — nicht eines natürlichen, sondern fast immer eines gewaltsamen Todes. Bemerkenswerte Beispiele hierfür werde ich bei Deuteronomium 21,4 anführen.

Man beachte: Für „Menschenblut" steht im Hebräischen „dam haadam haadam", „das Blut des Menschen im Menschen"; wobei der Ausdruck „im Menschen" von verschiedenen Auslegern verschieden erklärt wird. Die Septuaginta übersetzen: „für das Blut des Menschen soll sein Blut vergossen werden." Zweitens sagt Oleaster, „im Menschen" bedeute „durch den Menschen". Drittens übersetzt Cajetan „gegen den Menschen", das heißt, wie er sagt, zur Verletzung und Beschimpfung des Menschen. Viertens sagt Abulensis am einfachsten und klarsten, „im Menschen" bedeute „innerhalb des Menschen" oder das im Menschen vorhandene Blut — so daß es ein Pleonasmus ist, den unser Übersetzer [der Vulgata-Übersetzer] dementsprechend übergangen und ausgelassen hat.

DENN NACH DEM BILDE GOTTES IST DER MENSCH GESCHAFFEN — als wollte Gott sagen: Wenn euch die gemeinsame Natur nicht bewegt, so bewege euch wenigstens mein Bild; denn der Mensch ist mein Bild. Sehet also zu, daß ihr nicht, indem ihr ihn tötet, das lebendige Bild des himmlischen Königs zerstört, sagt der hl. Chrysostomus; und so würdet ihr nicht so sehr dem Menschen als vielmehr Gott selbst Unrecht tun.

Anders erklärt es unser Salazar (zu Sprichwörter 1,16): „Durch den Menschen soll sein Blut vergossen werden", das heißt durch die öffentliche Obrigkeit; denn ihr allein ist es erlaubt, den Untertanen das Leben zu nehmen. Er fügt den Grund hinzu: „Denn nach dem Bilde Gottes ist der Mensch geschaffen", das heißt, der Mensch, dem die Obrigkeit anvertraut worden ist, ist ein ausdrückliches Bild und Abbild Gottes und handelt an seiner Stelle und stellt seine Person dar; und von daher leitet sich für ihn jene Macht und Vollmacht über das Leben der Untertanen ab, die sonst Gott allein zukommt — so daß er über die Bösen und Verbrecher das Todesurteil nicht anders fällen kann als Gott, dessen Person er trägt.


Vers 7: Seid fruchtbar und mehret euch

7. SEID FRUCHTBAR UND MEHRET EUCH. — Als wollte Gott sagen: Ihr seht, daß ich durch dieses Verbot des Mordes für die Fortpflanzung des Menschengeschlechts sorgen will; widmet euch daher dieser Aufgabe, besonders in dieser Zeit einer erneuerten Welt, bei so großem Mangel an Menschen, und seid fruchtbar und mehret euch. So Rupert, dessen allegorische Auslegung man in Buch IV, Kap. 34 nachlese.

GEHET ÜBER DIE ERDE. — Im Hebräischen „schirtsu baarets", das heißt: seid fruchtbar und mehret euch auf der Erde wie Fische, Frösche und andere Schwarmtiere (denn wunderbar ist ihre Fruchtbarkeit, ihr Brüten und ihre Vermehrung, und dies bedeutet das hebräische „scharats") — damit ihr so schnell wie möglich die ganze Erde durchziehet, euch zerstreuet und sie in Besitz nehmet und füllet.


Vers 9: Siehe, ich richte meinen Bund auf

9. SIEHE, ICH RICHTE AUF. — Im Hebräischen heißt es „mekim", „aufrichtend", das heißt „ich richte auf"; denn Gott richtet in diesem Augenblick tatsächlich diesen Bund auf und bekräftigt diese Verheißung, keine weitere Flut über die Erde zu bringen, mit Noach und der gesamten Menschheit; daher weist er kurz danach, in Vers 12, das Zeichen dieses Bundes zu, nämlich den Regenbogen. Man beachte, daß dieser Bund kein Bund im Sinne vertragschließender Parteien ist, in dem sich jede Seite gegenseitig zu bestimmten Vertragsbedingungen verpflichtet und bindet (denn in diesem Bund verpflichtet sich Noach nicht gegenüber Gott, sondern Gott allein verpflichtet sich gegenüber Noach); vielmehr ist dieser Bund eine bloße Verheißung Gottes, denn eine solche wird im Hebräischen zutreffend „berit" genannt.


Vers 11: Keine Flut soll hinfort mehr kommen

11. KEINE FLUT SOLL HINFORT MEHR KOMMEN — nämlich eine allgemeine; daher folgt „die Erde zu verderben", nämlich die gesamte Erde. Denn nach dieser allgemeinen Flut gab es eine besondere, aber berühmte Flut — die des Ogyges in Griechenland zur Zeit des Patriarchen Jakob; und danach die Flut des Deukalion in Thessalien zur Zeit des Mose. So Orosius, Eusebius und andere in ihren Chroniken.


Vers 12: Dies ist das Zeichen des Bundes

12. DIES IST DAS ZEICHEN DES BUNDES, DEN ICH GEBE ZWISCHEN MIR UND EUCH. — Gleichwie Gott hier in der Gegenwart den Bund mit Noach bekräftigt, so bringt und bestimmt er auch in der Gegenwart das Zeichen des Bundes hervor, nämlich den Regenbogen.

FÜR EWIGE GESCHLECHTER — durch alle Geschlechter hindurch, solange ein Geschlecht dem anderen nachfolgt, bis zur Vollendung aller Geschlechter dieses Zeitalters, das heißt bis zum Tag des Gerichts. Denn diese Geschlechter werden nicht schlechthin, sondern nur in bezüglichem Sinne „ewig" genannt — nämlich in Bezug auf Noach und seine Nachkommen, mit denen Gott hier diesen Bund schließt. Gott bedeutet also, daß dieser Bund immerwährend sein wird, das heißt, er wird so lange dauern, wie die Geschlechter fortbestehen, durch die die Nachkommen Noachs, mit denen dieser Bund geschlossen wird, fortgepflanzt werden. Daher kann das Hebräische ledorot olam übersetzt werden als „für die Dauer des Zeitalters", das heißt, solange dieses Zeitalter, diese Welt, dieses Leben auf Erden andauert.

Aus dieser Stelle ist daher jene Meinung gewisser Lehrer nicht zu verurteilen (ob sie wahr oder falsch ist, erörtere ich hier nicht), die dafürhalten, daß nach dem Tag des Gerichts eine allgemeine Flut kommen werde, durch die die ganze Erde wieder mit Wasser bedeckt werde, wie sie am Anfang der Welt bedeckt war. Denn diese Verheißung Gottes, keine weitere Flut zu bringen, erstreckt sich nur auf die Geschlechter dieses Zeitalters, das heißt bis zum Tag des Gerichts, nicht darüber hinaus.


Vers 13: Meinen Bogen setze ich in die Wolken

13. MEINEN BOGEN SETZE ICH IN DIE WOLKEN, UND ER SOLL EIN ZEICHEN DES BUNDES SEIN. — Dieser Bogen ist der Regenbogen, wie alle Kirchenväter lehren, außer dem hl. Ambrosius (Buch über die Arche und Noach, Kap. 27), der diesem Bogen nicht einen buchstäblichen, sondern nach seiner Gewohnheit einen moralischen Sinn zuweist.

Bemerke: Gott nennt den Bogen, das heißt den Regenbogen, den Seinen, weil der Regenbogen überaus schön ist und uns die Schönheit und Erhabenheit Gottes, seines Schöpfers, vergegenwärtigt. Daher sagt Jesus Sirach 43,12 von ihm: „Blicke auf den Regenbogen und preise den, der ihn gemacht hat: Überaus schön ist er in seinem Glanz, er hat den Himmel umspannt mit dem Kreis seiner Herrlichkeit, die Hände des Allerhöchsten haben ihn ausgespannt." Daher hielt Platon im Theaitetos dafür, daß der Regenbogen die Tochter des Thaumas, das heißt des Staunens, genannt werde — wegen der Bewunderung, die er hervorruft.

Bemerke zweitens: Gegen Alkuin und die Glosse existierte der Regenbogen schon vor Noach und der Sintflut. Denn seine natürliche Entstehung und Ursache ist die Spiegelung der Sonnenstrahlen in einer tauigen Wolke. Da es diese also vor der Sintflut ebenso gab wie jetzt, folgt daraus, daß auch der Regenbogen vor der Sintflut existierte.

Du wirst einwenden: Wie sagt Gott dann hier im Futur „Ich werde meinen Bogen setzen" und nicht „Ich habe gesetzt" im Vergangenheitstempus? Ich antworte: Im Hebräischen steht die Vergangenheitsform natatti, „ich habe gegeben, ich habe gesetzt", das heißt „ich gebe, ich setze und werde geben, werde setzen" den Regenbogen — nicht schlechthin, damit er existiere, sondern damit er ein Zeichen des Bundes sei, den Gott hier mit Noach schließt. Der Regenbogen existierte also vor der Sintflut als natürliches Zeichen tauiger Wolken und folglich kommenden Regens. Daher Ovid:

„Der Regenbogen empfängt Wasser und bringt den Wolken Nahrung."

Julius Scaliger (Exercitatio 80) lehrt, daß ein Morgenregenbogen Regen ankündigt, ein Abendregenbogen hingegen heiteres Wetter. Ferner berichtet Aristoteles (Tiergeschichte, Buch V, Kap. 22), daß der Regenbogen viel zur Entstehung des Manna oder Himmelhonigs beiträgt. Überdies berichtet Plinius (Buch XII, Kap. 24), daß Aspalathus und andere duftende Kräuter durch den Regenbogen wohlriechender werden: „Aspalathus", sagt er, „ist ein weißer Dorn von der Größe eines mäßigen Baumes, mit einer rosenartigen Blüte, dessen Wurzel für Salben gesucht wird. Man berichtet, daß in welchem Strauch auch immer der himmlische Bogen sich krümmt, dort derselbe Wohlgeruch wie beim Aspalathus entsteht; im Aspalathus selbst aber eine unbeschreibliche Süße." Derselbe Autor (Buch XVII, Kap. 5): „Wenn die Erde", sagt er, „die durch anhaltende Trockenheit ausgedörrt war, von Regen befeuchtet wird, und wo der himmlische Bogen seine Enden herabgelassen hat, dann sendet sie jenen ihren göttlichen Hauch aus, von der Sonne empfangen, mit dem keine Süße verglichen werden kann."

Nach der Sintflut aber und nach diesem Bund Gottes mit Noach wurde der Regenbogen von Gott als übernatürliches Zeichen dieses Paktes eingesetzt — daß es fortan keine weitere Sintflut geben werde.

Bemerke drittens: Es ist passend, daß dieses Zeichen, daß es keine Sintflut geben wird, der Regenbogen ist und in die Wolken gesetzt wird — denn aus den Wolken stiegen die Wasser der Sintflut herab, und aus ihnen konnte wiederum eine Flut befürchtet werden. Damit wir also dies nicht fürchten, setzt Gott in eben diese Wolken das entgegengesetzte Zeichen des Regenbogens. Der hl. Thomas (Quodlibet III, Art. 30) und Abulensis hier (Frage 7) fügen hinzu, daß der Regenbogen ein natürliches Zeichen dafür ist, daß nicht unmittelbar ein großer Wasserguß bevorstehe, der für eine Sintflut ausreichen würde, denn dafür müssen die Wolken zahlreich und dick sein, die sich in schweren Regen auflösen; solche Wolken aber sind mit dem Regenbogen unvereinbar, denn der Regenbogen entsteht in einer Wolke, die nicht dick und dicht, sondern tauig, durchscheinend und hohl ist, durch die Spiegelung der Strahlen der gegenüberstehenden Sonne.

Bemerke viertens: Der Verfasser der Historia Scholastica sagt zum Buch Genesis, Kapitel 35: „Die Heiligen berichten, daß vierzig Jahre vor dem Tag des Gerichts der himmlische Bogen nicht gesehen werden wird" — weil es dann nämlich äußerste Trockenheit geben werde, durch die die Welt auf den Weltenbrand vorbereitet werde, der um die Zeit des Jüngsten Gerichts stattfinden wird. Doch diese Überlieferung ist nichtig und falsch und wird den heiligen Vätern fälschlich zugeschrieben. Denn wenn es damals eine so große Trockenheit gäbe, würden Menschen, Tiere und Pflanzen daran zugrunde gehen — das Gegenteil davon lehrt uns Christus in Matthäus 24,38.

Sinnbildlich und mystisch sagt der hl. Ambrosius in seinem Buch über die Arche und Noach, Kapitel 27: Der Regenbogen, sagt er, ist die Milde Gottes, die gleichsam wie ein gespannter, aber pfeilloser Bogen durch die Widrigkeiten, die sie sendet, uns eher erschrecken als treffen will; damit wir unsere Laster bessern und so den Pfeilen der Vergeltung entgehen, gemäß Psalm 59,6 [60,6]: „Du hast denen, die dich fürchten, ein Zeichen gegeben, damit sie vor dem Angesicht des Bogens fliehen." Hierzu siehe den hl. Augustinus und den hl. Gregor (Buch XIX der Moralia, gegen Ende).

Die beiden Hörner des Regenbogens sind Barmherzigkeit und Wahrheit oder Gerechtigkeit; daher wird Christus als Richter auf einem Regenbogen sitzend dargestellt, denn er wird auf einer glorreichen Wolke sitzen, wie es der Regenbogen ist.


Vers 16: Ich werde den Regenbogen sehen und des Bundes gedenken

16. UND ICH WERDE IHN SEHEN (den Bogen, das heißt den Regenbogen), UND ICH WERDE DES BUNDES GEDENKEN. — Darum sollen auch wir umgekehrt, sooft wir den Regenbogen sehen, der Sintflut und der Katastrophe gedenken, die die Welt und die Sünder vernichtete; wir sollen des göttlichen Bundes gedenken und unserem Gott für diesen Pakt danken, ihm dankbar und gehorsam sein. Schließlich laßt uns sagen: Wenn der Regenbogen so schön und vielfarbig ist, wie schön und vielfältig ist dann Gott und das Haus Gottes?

Allegorisch ist der Regenbogen ein Zeichen erstens des Evangelischen Gesetzes, denn dieses bringt Gnade, Vergebung und Herrlichkeit. So Rupert, der jedoch irrig meint, dieser Sinn sei an dieser Stelle der Literalsinn. Zweitens, da der Regenbogen von wässriger und feuriger Farbe ist, ist er ein Zeichen der Taufe Christi, die durch Feuer und Wasser geschieht (Matthäus 3,11). So der hl. Gregor (Homilie 8 über Ezechiel). Drittens ist der Regenbogen das fleischgewordene Wort, in Fleisch verhüllt — oder vielmehr er ist das Fleisch des Wortes selbst. Erstens, weil wie die Sonne, die in einer Wolke scheint, den Regenbogen erzeugt, so das Wort, das im Fleisch scheint, Christus hervorbrachte. Zweitens, weil wie der Regenbogen zur Zeit Noachs ein Symbol des Friedens war, so auch die Menschwerdung Christi die Versöhnung der Welt war. Drittens: die beiden Hörner des Regenbogens sind die beiden Naturen Christi — die göttliche und die menschliche; und ihre verborgene und unsichtbare Sehne ist die geheimnisvolle hypostatische Union. Viertens: im Regenbogen gibt es eine dreifache Farbe, und so auch in Christus: denn Christus war himmelblau, das heißt himmlisch, durch sein beständiges Gebet; er war grün durch die Blüte der Gnaden und Tugenden; und er war rot durch sein Blut am Kreuz. Fünftens: von diesem Bogen wurden die verborgenen Pfeile der Liebe abgeschossen, von denen durchbohrt und verwundet die Braut sang: „Stärkt mich mit Blumen, umgebt mich mit Äpfeln, denn ich bin krank vor Liebe." Sechstens: dieser Regenbogen war regenbringend, denn zu Pfingsten gab er der Welt eine Fülle der Predigt und himmlischen Lehre, gleichsam wie einen Regen. So Ansbertus zu Offenbarung 4,3. Dem füge siebtens hinzu: Der Regenbogen, der ein Halbkreis ist, bedeutet Christus, der vom Himmel zur Erde herabsteigt und wiederum von der Erde zum Himmel zurückkehrt. Schließlich bedeutet er das Reich Christi, das in diesem Leben halb voll und unvollkommen ist, im Himmel aber wird dieser Kreis vollendet werden — das heißt das Reich Christi, das über alle in alle Ewigkeit herrscht.

Moralisch bedeuten die drei Farben des Regenbogens die Kraft des Reinigens, Erleuchtens und Vollkommenwerdens, an der die heiligen Lehrer von Gott und den Engeln teilhaben. Zweitens: die himmelblaue Farbe ist der Glaube; die grüne ist die Hoffnung; die rote ist die Liebe — die der Regenbogen, das heißt Gottes Barmherzigkeit, in die Menschen eingegossen hat, wie Viegas, Ribera, Pererius und andere zu Offenbarung 4,3 lehren.

Anagogisch ist der Regenbogen, der von wässriger und feuriger Farbe ist, sowohl ein Zeichen der vergangenen Sintflut als auch des zukünftigen Weltenbrandes. So der hl. Gregor (Homilie 8 über Ezechiel). Ferner bedeutet der Regenbogen, der die Gestalt eines Bogens hat und so den Anschein des Krieges bietet, das allgemeine Gericht, sagt Richard von St. Viktor zu Offenbarung Kapitel 4 — in dem die Gerechten grün sein werden durch ewige Herrlichkeit, die Gottlosen aber rot durch das Feuer der Hölle. Daher sah der hl. Johannes (Offenbarung 4,3) den Thron Gottes von einem Regenbogen umgeben, das heißt von Barmherzigkeit; denn der Regenbogen war zur Zeit Noachs ein Zeichen des Friedens, der Versöhnung und des Bundes zwischen Gott und den Menschen, und der Regenbogen war ein Zeichen, das heißt Friede, sagt Ticonius (Homilie 2 zur Apokalypse), die sich in Band IX des hl. Augustinus findet. Zweitens: der vielfarbige Regenbogen erfreut und ergießt verschiedene Regenschauer über die Erde; ebenso tut es Gottes Barmherzigkeit. Drittens: wie der Regenbogen ein Halbkreis ist, der nur in unserer Hemisphäre erscheint, so erscheint auch Gottes Barmherzigkeit nur in diesem Leben, die Gerechtigkeit aber im nächsten.


Vers 18: Ham ist der Vater Kanaans

18. UND HAM IST DER VATER KANAANS. — Mose erwähnt hier Kanaan, um den Weg zu bereiten für den Fluch über Kanaan, mit dem er um seines Vaters Ham willen von Noach in Vers 25 bestraft wurde. Der hl. Chrysostomus fügt zweitens hinzu, daß Ham allein, als Unmäßiger in der Arche während der Sintflut, Kanaan zeugte, und daher hier seiner Erwähnung geschieht. Doch alle anderen lehren das Gegenteil; ja die Heilige Schrift selbst lehrt, daß nur acht Seelen (nämlich Noach mit seinen drei Söhnen und den Frauen eines jeden) durch die Arche gerettet wurden (1 Petrus 3,20). Ferner lehrt Mose selbst, daß Kanaan nach der Sintflut geboren wurde (Kap. 10, V. 1 und 6).

Zur Zeit des Auszugs Noachs aus der Arche also, von der Mose hier spricht, war Kanaan noch nicht von Ham gezeugt und geboren; dennoch wird Ham der Vater Kanaans genannt, weil Kanaan aus ihm geboren werden sollte, und zur Zeit des Mose, der dies schreibt, war Kanaan mitsamt den Kanaanitern bereits geboren — die die Hebräer, Nachkommen Sems, unterwarfen und verwüsteten. Als wollte er sagen: Aus Ham wurde Kanaan geboren, gleichsam wie ein schlechtes Ei von einem schlechten Raben. Denn wie sollte Ham einen guten Sohn zeugen, der selbst einem guten Vater ein nichtswürdiger Sohn gewesen war, ein Entarteter an Natur und Erziehung? So der hl. Ambrosius und Theodoret. Daher wurde auch Hams Spott, mit dem er seinen Vater Noach verspottete, an seinem Sohn Kanaan bestraft, als dessen Nachkommen, die Kanaaniter, mit Knechtschaft und Verwüstung durch Josua und die Hebräer bestraft wurden, die Nachkommen Sems waren. So der hl. Ambrosius (Buch über die Arche und Noach, Kap. 28), wo er mystisch sagt: Ham, das heißt „Hitze", ist der Vater Kanaans, das heißt der „Verwirrung" oder vielmehr „Zermalmen" und „Zerbrechen"; denn wer heiß ist, wird beständig bewegt und verwirrt und verwirrt und zerbricht alles.


Vers 19: Von diesen hat sich das ganze Menschengeschlecht verbreitet

19. DIESE DREI SIND DIE SÖHNE NOACHS, UND VON IHNEN WARD DAS GANZE MENSCHENGESCHLECHT ÜBER DIE ERDE VERBREITET. — Es irren also jene, die mehr als drei Söhne Noachs zählen, wie Berosus, Annianus und die Chronik Deutschlands, die behaupten, Tuisco sei ein Sohn Noachs gewesen; ferner, daß Noach nach der Sintflut nicht dreißig weitere Söhne zeugte und sie von seiner Frau Titrea Titanen nannte. Aus dieser Stelle scheint daher, daß Noach nach der Sintflut, nun gebrochen und gealtert und damit er sich besser Gott widmen konnte, der Liebe überdrüssig, sich des ehelichen Umgangs enthielt und daher keine weiteren Nachkommen zeugte: denn von diesen dreien stammen alle Menschen ab. Cajetan und Torniellus vertreten das Gegenteil, nämlich daß Noach nach der Sintflut weitere Söhne zeugte, von denen ebenfalls Völker abstammten; doch werden hier nur diese drei genannt, weil jene die berühmteren Fürsten dieser Ausbreitung in Völker und die Häupter der wichtigsten Nationen waren. Doch was ich zuerst sagte, stimmt besser mit den Worten der Schrift überein, die kaum einen anderen Sinn zulassen; denn sie sagen klar: „Von diesen wurde das ganze Menschengeschlecht über die ganze Erde verbreitet."


Vers 20: Noach begann den Ackerbau und pflanzte einen Weinberg

20. NOACH, EIN MANN UND LANDMANN, BEGANN DAS LAND ZU BEBAUEN. — Im Hebräischen steht noach isch haadama, „Noach begann, ein Mann des Erdbodens zu sein", das heißt ein Landmann zu sein; er begann nach der Sintflut das nun ausgetrocknete Land zu bearbeiten und zu bestellen, als wollte er sagen: Noach kehrte zur Landwirtschaft zurück, die die Menschen vor der Sintflut nach Gottes Gebot betrieben hatten, Genesis II,15, und Kapitel III, Vers 17; und dies sorgfältiger als vor der Sintflut, weil die Sintflut mit ihrem Salz, ihrer Schärfe, ihrem Eindringen und ihrer Überflutung die ursprüngliche Fruchtbarkeit und Güte der Erde ausgesaugt und weggewaschen hatte. Daher glauben Pererius, Delrio und andere, daß Noach den Pflug erfand und, indem er ihn von Pferden und Ochsen ziehen ließ, die Erde mit der Pflugschar aufbrach, während die Menschen zuvor mit ihren eigenen Händen und Hacken die Erde umgruben und bebauten.

Siehe hier den Patriarchen Noach, wie er sich der Landwirtschaft widmet. Ebenso waren Sem, Jafet, Isaak, Jakob, Esau, Mose, Boas und Gideon Bauern; ja das ganze Volk Israel bestellte Felder, bis es einen König verlangte und Samuel auf Gottes Befehl ihnen sagte, daß der König ihre Felder, Weinberge, Ölgärten und das Beste davon nehmen und es seinen Knechten geben und auch ihre Ernten verzehnten werde, 1 Samuel VIII. Saul war ein Eselshirte, David ein Schafhirte; Elija rief Elischa vom Pflug und machte ihn zum Propheten. Wenn du die Leben der Päpste durchsuchst, wirst du viele Bauernsöhne finden, wie Silverius, Hadrian, Silvester usw. Kyrus, König von Persien, und die alten römischen Kaiser waren Bauern; daher die Namen Fabier, Lentuli, Pisonen, Cicerones, Vitellii, Porcii, Servii, Appii, Scrophae — Bauernnamen, die mit Triumphalwürde geehrt wurden. Höre Valerius Maximus: „Auch jene sehr reichen Männer, die vom Pflug geholt wurden, um Konsuln zu werden, beackerten zum Vergnügen den unfruchtbaren und heißesten Boden von Pupinia, und unkundig der Leckerbissen zerbrachen sie die gewaltigsten Schollen unter großem Schweiß. Ja, die die Gefahren des Staates zu Feldherrn machten, zwang die Enge der Familienverhältnisse, Ochsenknechte zu werden." Romulus und Remus, Diokletian, Justinus, Könige und Kaiser ebenso wie Hirten und Bauern. Die Arkadier, die sich als die ältesten aller Sterblichen rühmen, werden von den Geschichtsschreibern als Hirten und Bauern bezeugt; höre den Dichter: „Pan (Gott Arkadiens) hütet die Schafe und die Herren der Schafe." Die Griechen bekennen, daß Proteus und Apollon Hirten des Admetus, König von Thessalien, waren, zusammen mit Merkur und Argus. Die Phryger erkennen als Hirten Paris, Priamus, Anchises und andere an. Die Numidier, Georgier, Skythen und Nomaden bevorzugen diese Lebensweise und keine andere. Die Sorge der Könige war nicht nur mit der Ausübung der Landwirtschaft beschäftigt, sondern sie umfaßten sie auch in Büchern gleichsam wie eine Kunst — so Hieron, Mithridates, Philometor, Attalus, Archelaus; und Feldherren wie Xenophon, Syllanus, Cato, Plinius und Terentius Varro; Curius wurde von seinem Hof in den Senat gerufen, und andere Älteste ebenso. Die, welche kamen, um Attilius zur Herrschaft über Rom zu rufen, fanden ihn beim Säen. Und es war ihnen keine Schande, nach Ablegen des elfenbeinernen Zepters und nach errungenem Sieg und Frieden zum Pfluggriff zurückzukehren. Denn die Ausübung der Landwirtschaft wurde erstens von der Natur und von Gott eingesetzt; zweitens hat sie große Annehmlichkeit; drittens bewahrt sie die Gesundheit und stärkt den Leib; viertens beschafft sie Getreide und Früchte; fünftens ist sie nützlich zur Betrachtung des Himmels, der Gestirne, des Regens, der Bäume und anderer natürlicher Dinge; sechstens ist sie nützlich zur Betrachtung und Anbetung Gottes: daher die alten Feste — Cerealien, Floralien, Vinalien, Sementina, Agnalien, Palilien, Charistien usw.

UND ER PFLANZTE EINEN WEINBERG. — Man beachte, daß die Rebe schon vor der Sintflut existierte; denn woher hätte Noach sie sonst erhalten? Aber bis jetzt scheint die Rebe wild, unbearbeitet und hier und dort verstreut gewesen zu sein, und die Menschen preßten aus ihr keinen Wein, sondern aßen nur die Trauben. Noach aber bearbeitete die Rebe mit Geschick, pflanzte sie, ordnete sie zu Weinbergen an und war der erste, der aus Trauben Wein preßte; denn da er die Kraft des Weines nicht kannte, als einer nie zuvor gesehenen oder bekannten Sache, wurde er davon trunken. So sagt der hl. Hieronymus, Buch I Gegen Jovinian.

Der hl. Chrysostomus bemerkt, daß Noach aus der Rebe Wein preßte, um seinen eigenen und anderer Menschen Kummer, Mühsal und Schwäche nach der Sintflut zu lindern und zu stärken; denn der Wein stärkt und erfreut das Herz des Menschen. Und daher hält Berosus Annianus dafür, daß Noach derselbe ist wie Janus; und daß er Janus genannt wurde, das heißt „rebentragend" oder vielmehr „weintragend", vom hebräischen iain oder ien, das heißt „Wein": daher wird Janus auch als doppelgesichtig dargestellt, weil Noach sowohl das Zeitalter vor der Sintflut als auch jenes nach ihr sah. Daher Ovid, Fasti 1: „Doppelhäuptiger Janus, Ursprung des stillgleitenden Jahres, / du allein unter den Göttern, der du deinen eigenen Rücken siehst."

Treffend schildern die sinnbildlichen Taten der Römer symbolisch, daß Noach der Rebe und dem Wein das Blut von vier Tieren beigemischt habe, nämlich des Affen, des Löwen, des Schweines und des Lammes: weil der Wein trunken macht und manche Trinker zu Narren wie Affen macht; andere zu Streitsüchtigen und Grausamen wie Löwen; andere zu Lüsternen und Schmutzigen wie Schweinen; andere zu Sanften, Freundlichen und Frommen wie Lämmern.


Vers 21: Er trank Wein und wurde trunken

Diese Trunkenheit Noachs war keine Sünde, jedenfalls keine Todsünde; denn da er die Kraft des Weines nicht kannte und unerfahren war, trank er ihn zu reichlich. So sagen der hl. Chrysostomus und Theodoret. Daher schreiben Calvin und Luther diese Trunkenheit fälschlich der Unmäßigkeit Noachs zu, während sie der Unerfahrenheit zuzuschreiben war. Andere erklären es anders, als wollte man sagen: „er wurde berauscht", das heißt „er wurde erfreut". Daher schreibt der hl. Ambrosius, der Septuaginta folgend: „Er sagte nicht", schreibt er, „er trank Wein, noch daß der Gerechte den Wein austrank, sondern vom Wein, das heißt von seinem Trank, kostete er. Und so gibt es eine doppelte Art der Trunkenheit: eine, die dem Leib Taumeln bringt und seine Schritte straucheln läßt und die Sinne verwirrt; eine andere, die den Geist mit der Gnade der Tugend durchströmt und jede Schwäche abzuwenden scheint; von der Psalm 22 sagt: „Und mein berauschender Kelch, wie herrlich ist er!"

Siehe hier und bewundere die Enthaltsamkeit der Alten; denn alle vom Anbeginn der Welt bis zur Sintflut, 1600 Jahre lang, enthielten sich des Weines ebenso wie des Fleisches und waren daher sehr langlebig und weise; denn sie lebten bis zu 900 Jahren.

Dabei bemerke erstens: Die Enthaltsamkeit ist überaus nützlich: erstens für die Gesundheit und Langlebigkeit; denn sie verzehrt schädliche Säfte und reinigt und schärft die Lebensgeister; zweitens für die Keuschheit und Tugend; denn sie entzieht das überflüssige Blut, die Feuchtigkeit und die Geister, die die Sinneslust, den Zorn und andere Leidenschaften nähren und erregen.

Bemerke zweitens: Die Nüchternheit fördert von Natur aus die Erkenntnis, sowohl weil sie die Gesundheit bewahrt und das Leben verlängert; als auch weil sie den Kopf klar macht und die Lebensgeister frei und rein und zum Nachdenken und Betrachten geeignet macht; als auch weil die Seele (die eine einzige im Menschen ist und zugleich vegetativ, sensitiv und vernunftbegabt) von begrenzter Kraft und Tätigkeit ist, und daher, je weniger sie mit Speise und dem Kochen, Verdauen und Ausscheiden der Nahrung beschäftigt ist, desto mehr kann und pflegt sie sich dem Studium und der Betrachtung zu widmen und ihre ganze Kraft darauf zu richten. Daher Salomon, Prediger II: „Ich dachte", sagt er, „in meinem Herzen, mein Fleisch dem Wein zu entziehen, damit ich meine Seele zur Weisheit hinüberführe und die Torheit meide." Und Jesaja, Kapitel XXVIII: „Wen wird er Erkenntnis lehren, und wen wird er die Botschaft verstehen lassen? Die von der Milch Entwöhnten, die von der Brust Gerissenen."

So waren Enosch, Henoch, Methusalem und Noach, da sie enthaltsam lebten, überaus weise. Denn Noach war der Wiederhersteller, Lehrer und Lenker der ganzen Welt. So werden die Nasiräer und Rechabiter ebenso wegen ihrer Weisheit wie wegen ihrer Enthaltsamkeit gerühmt. So verdienten sich Mose und Elija durch ein vierzigtägiges Fasten die Weisheit und die Schau Gottes. So erlangten Judit, Ester und die Makkabäer jene Weisheit und Tapferkeit, durch die sie Holofernes, Haman und Antiochus stürzten. So wurde Johannes der Täufer durch Enthaltsamkeit gleichsam ein Engel. So führten Paulus, der erste Einsiedler, Antonius, Hilarion und so viele Schwärme von Anachoreten und Mönchen ein langes Leben, gleichsam wie irdische Engel, in Enthaltsamkeit, Betrachtung und Weisheit und lebten hundert und mehr Jahre. So fasteten die alten Zönobiten, wie der hl. Hieronymus bezeugt, beständig, tranken Wasser und aßen nur Brot mit Hülsenfrüchten und Gemüse.

Höre auch die Heiden. Xenophon berichtet, daß die alten Perser dem Brot nichts außer Kresse beifügten, und damals blühten sie in Weisheit und Kriegstugend und hielten die Herrschaft der Welt 200 Jahre lang, nämlich von Kyrus bis Darius, der durch Schwelgerei und Wein sein Reich mitsamt dem Leben verlor. Chaeredemus der Stoiker berichtet, daß die alten Priester Ägyptens sich stets des Fleisches, des Weines, der Eier und der Milch enthielten, und dies damit sie sich reiner, eindringlicher und schärfer den göttlichen Dingen widmen und die Glut der Sinneslust löschen konnten. Und dies waren die Weisen und Sterndeuter Ägyptens. Die Essener unter den Juden versagten sich Wein und Fleisch und widmeten sich ganz dem Gebet und dem Studium der Heiligen Schrift, über die Josephus, Philo und Plinius Wunderbares berichten; ja Porphyrius behauptet in seinem Buch Über die Enthaltsamkeit von tierischer Nahrung, daß die meisten von ihnen, vom göttlichen Geist inspiriert, zu Propheten wurden. Eubulus berichtet, daß es bei den Persern drei Arten von Magiern gab, von denen die ersten (die als die weisesten und beredtesten galten) außer Mehl und Gemüse nichts aßen. Bardesanes der Babylonier berichtet, daß die Gymnosophisten Indiens nur von Baumfrüchten, Reis und Mehl leben. Euripides sagt, daß auf Kreta die Propheten des Jupiter sich des Fleisches und aller gekochten Speisen enthielten. Sokrates pflegte die Tugendbeflissenen zur Enthaltsamkeit zu ermahnen und die Leckerbissen wie Sirenen zurückzuweisen; und daher sagte er auf die Frage, worin er sich von anderen Menschen unterscheide: „Die anderen leben, um zu essen; ich aber esse, um zu leben." Isäus der Assyrer antwortete, wie Philostratus bezeugt, auf die Frage, welches die köstlichsten Gastmähler seien: „Um solche Dinge habe ich mich zu kümmern aufgehört." Xenokrates sagte, im Tempel von Eleusis seien nur drei Gebote geblieben, nämlich: erstens, daß man die Götter verehren solle; zweitens, daß man die Eltern ehren solle; drittens, daß man sich des Fleisches enthalten solle. Plinius sagt, der Wein sei Schierling für den Menschen; und Seneca sagt, Trunkenheit sei freiwilliger Wahnsinn. Epikur, obwohl er der Schutzherr der Lust war, behauptet, daß für ein angenehmes und vergnügliches Leben eine mäßige Kost am meisten beitrage. Und in seinen Briefen bezeugt er, daß er gewöhnlich nur Wasser und Brot zu sich nahm. Über die Enthaltsamkeit des Pythagoras, Antisthenes, Diogenes und Apollonius von Tyana berichten Laertius, Plutarch und Philostratus Wunderbares. Mehr darüber siehe beim hl. Hieronymus, Buch II Gegen Jovinian, und bei Plutarch in seinen beiden Reden über den Fleischgenuß.

UND ER ENTBLÖSSTE SICH IN SEINEM ZELT — wie es Schlafende und Trunkene zu tun pflegen, die wegen der Hitze ihre Decken abwerfen und sich entblößen. So sagt Theodoret.


Vers 22: Als Ham, der Vater Kanaans, dies sah

Die Hebräer und Theodoret berichten, daß Kanaan hier erwähnt wird, weil Kanaan als Knabe, obwohl der Arglist fähig (denn er war vielleicht etwa 10 Jahre alt), zuerst seinen Großvater Noach entblößt sah und ihn verspottete und dann eben dies seinem Vater Ham berichtete, der die Frechheit des Knaben nicht zurückwies, sondern sie billigte und seinen Vater den Brüdern zum Spott darbot.

Hier bemerken der hl. Basilius und der hl. Ambrosius den Charakter der Bösen, die sich daran erfreuen, die Verfehlungen der Guten zu verbreiten. Berosus des Annius fügt hinzu (möge die Glaubwürdigkeit bei ihm selbst liegen), daß Ham ein Zauberer war und daher Zoroaster genannt wurde (dasselbe sagt Cassian, Collationes VIII,21), weil er aus dem Haß, mit dem er seinen frommen Vater verfolgte, ihn verspottete und ihn durch seine Zauberei fortan unfruchtbar machte; daß er die Menschen lehrte, mit ihren Müttern, mit Männern und mit Tieren Umgang zu haben, und deshalb von seinem Vater Noach vertrieben und verstoßen wurde.


Vers 23: Sie bedeckten die Blöße ihres Vaters

„Damit die väterliche Ehrfurcht nicht einmal durch den bloßen Anblick vermindert werde", sagt der hl. Ambrosius, Buch über Noach, Kapitel 31. Und er fügt aus Cicero, Buch I Über die Pflichten, hinzu: „Daher soll es auch in Rom eine alte Sitte gegeben haben, daß Söhne nicht mit ihren Eltern ins Bad gingen, besonders wenn sie erwachsen waren." So lehrt der hl. Gregor, Buch 25 der Moralia, Kapitel 22, daß die Sünden geistlicher Väter und Geistlicher tropologisch bedeckt werden sollen; und Konstantin der Große lehrte dies durch sein eigenes Beispiel auf dem Konzil von Nicäa, als er die Anklageschriften gegen gewisse Bischöfe, die ihm vorgelegt worden waren, verbrannte und wiederholt sagte: „Wenn er den Ehebruch eines Bischofs sähe, würde er jenes Vergehen mit seinem Feldherrnmantel bedecken, damit der Anblick des Verbrechens die, die es sähen, auf keine Weise verletze" — wie Theodoret, Buch I der Kirchengeschichte, berichtet.

Allegorisch sagt der hl. Augustinus, Buch XVI Vom Gottesstaat, Kapitel 2 und 7: Ham sind die Juden und Häretiker: diese verspotten Noach, das heißt Christus und die Christen.


Vers 24: Als er erfuhr, was sein jüngster Sohn ihm angetan hatte

Vom Wein — vom Schlaf, in den ihn die Kraft des Weines geworfen hatte.

ALS ER ERFUHR, WAS SEIN JÜNGSTER SOHN IHM ANGETAN HATTE. — Denn Noach sah, als er aufwachte, daß er mit einem Mantel bedeckt war, nicht seinem eigenen, sondern einem fremden, nämlich dem seiner Söhne Sem und Jafet; er fragte sie nach dem Grund; sie wagten es nicht, ihrem Vater, der nach jedem Einzelnen fragte, zu lügen, und offenbarten die ganze Sache und Hams Vergehen, das sie sonst im Schweigen verborgen hätten.

SEIN JÜNGSTER SOHN — nämlich Kanaan, sagt Theodoret, der ein „Sohn", das heißt Enkel Noachs war; daher verflucht Noach ihn sogleich. Doch alle anderen verstehen unter diesem Sohn Ham: denn es ist sein Vergehen und seine Gottlosigkeit, die hier bestraft wird. Der hl. Chrysostomus fügt auch seine Unmäßigkeit hinzu, daß er während der Sintflut in der Arche den ehelichen Umgang übte und Kanaan zeugte; worüber ich bei Vers 18 gesprochen habe.

Bemerke: Ham war der jüngere Sohn Noachs, nicht als sei er der jüngste von allen, wie einige wollen, sondern weil er jünger war als Sem: denn Ham war älter als Jafet; Ham war also der mittlere der Söhne Noachs, weshalb er bei Vers 18 und überall sonst in der Mitte steht. So sagen der hl. Augustinus, Buch XVI Vom Gottesstaat, Kapitel 1, und Eucherius.


Vers 25: Verflucht sei Kanaan

Ergänze „er wird sein", denn Noach sprach dies nicht so sehr in der Absicht zu verfluchen oder zu verwünschen, sondern sagte vielmehr durch prophetischen Geist prophetisch jene Dinge voraus, die den Nachkommen seiner Söhne widerfahren sollten; daher erklärt er und fügt hinzu: „Ein Knecht der Knechte wird er sein."

Bemerke: Unter Kanaan versteht Vatablus hier Ham selbst, nämlich den gottlosen Vater, benannt nach seinem gottlosesten Sohn; daher meinen auch Gennadius, Diodorus und Origenes, daß zur Zeit, als Noach dies sagte, Kanaan noch nicht geboren war. Doch das Gegenteil ist wahrscheinlicher, nämlich daß hier einfach Kanaan selbst angesprochen wird; den Grund von den Hebräern habe ich bei Vers 18 dargelegt. Daher sagt der hl. Ambrosius, Buch über Noach, Kapitel 30: „Sowohl der Vater", sagt er, „wird im Sohn getadelt, als auch der Sohn im Vater, da sie eine gemeinsame Genossenschaft der Torheit, Nichtswürdigkeit und Gottlosigkeit teilen. Und es konnte nicht sein, daß einer, der einem guten Vater ein nichtswürdiger Sohn gewesen war, entartet an Natur und Erziehung, einen guten Sohn zeuge."

Bemerke zweitens: Die anderen Söhne Hams, nämlich Kusch, Mizrajim und Put, werden hier von Noach nicht verflucht, sondern allein Kanaan; denn nur von den Kanaanitern, die Nachkommen Kanaans und ebenso gottlos wie er waren, wird berichtet, daß sie von den Nachkommen Sems, nämlich den Juden, vernichtet wurden; oder daß sie ihnen dienten, wie an den Gibeonitern ersichtlich ist, die unter den Kanaanitern durch List ihr Leben von den Hebräern erlangten, unter der Bedingung, daß sie ihnen als die niedrigsten Sklaven dienten; denn dies bedeutet „Knecht der Knechte". So sagt Rupert.

Man beachte, daß Mose dies alles um der Kanaaniter willen schrieb, die von den Juden vertrieben werden sollten; denn er bereitet hier den Weg für seine Geschichte des Feldzugs und der Reise der Hebräer nach Kanaan und gibt Anlaß und Ursache an, durch die es nach Gottes Willen geschah, daß die Juden selbst und durch Josua Kanaan besetzten, nämlich die Gottlosigkeit Hams und Kanaans, die die Kanaaniter nachahmten und deshalb aus Kanaan vertrieben wurden.

Hieraus wird drittens klar, daß Ham und Kanaan hier in ihren Nachkommen, nämlich den Kanaanitern, bestraft werden, die Nachahmer und Erben der Gottlosigkeit ihres Vaters waren. Siehe hier, wie unglücklich jene sind, die gottlose Eltern und Lehrer haben! Mit Recht dankte Platon der Natur oder Gott: erstens, daß er als Mensch geboren wurde; zweitens, daß er als Mann geboren wurde; drittens, daß er als Grieche geboren wurde; viertens, daß er als Athener geboren wurde; fünftens, daß er zur Zeit des Sokrates geboren wurde, von dem er unterwiesen werden konnte.

Moralisch sagt der hl. Ambrosius: „Vor der Erfindung des Weines blieb allen eine unerschütterte Freiheit; niemand verstand es, von einem Genossen seiner eigenen Natur Knechtsdienste zu verlangen: es gäbe heute keine Knechtschaft, wenn es keine Trunkenheit gegeben hätte."

„Knecht der Knechte" — das heißt der niedrigste und verachtetste Knecht. Man beachte, daß Knechtschaft die Strafe der Sünde ist; daher wurden Knechte (servi) sowohl gemacht als auch benannt vom lateinischen servare (bewahren), weil sie, im Krieg gefangen, obwohl sie als Feinde und Schädlinge getötet werden konnten, durch eine gewisse Milde am Leben bewahrt wurden als servi, das heißt zum Dienen. Ferner: wer nicht ein ehrfürchtiger Sohn sein wollte, wird bestraft, ein Sklave zu werden; denn es ist gerecht, daß derjenige durch knechtische Unterwerfung niedergedrückt werde, der sich nicht gescheut hat, die kindliche, süße und natürliche Unterwerfung oder Dienstbarkeit zu verletzen.

Calvin verspottet hier den Papst, daß er aus diesem Fluch Hams den Titel „Knecht der Knechte" angenommen habe. Doch er irrt; denn der Papst nennt sich nicht einfach „Knecht der Knechte", sondern, wie Rupert richtig bemerkt, mit dem Zusatz „Knecht der Knechte Gottes"; und dies tut er aus frommer Unterwerfung des Geistes; daher nahm der Pontifex diesen Namen nicht vom gottlosen Ham für sich an.


Vers 26: Gepriesen sei der Herr, der Gott Sems

Dies ist eine hebräische Metalepse; denn vom Nachfolgenden wird das Vorangehende verstanden, nämlich aus dem Lobpreis Gottes wird der Segen Sems selbst verstanden; denn durch diese Worte segnet Noach, wie er Ham verflucht, nicht nur Gott, sondern auch Sem und Jafet. Der Sinn ist also, als wollte er sagen: Möge Gott auf Sem und seine Nachkommen einen so großen Segen und eine solche Fülle häufen, sowohl an Feldfrucht als auch an Weisheit, Frömmigkeit, Religion, Gnade und Gottesverehrung, daß jeder, der sie sieht, Gott preise, der so freigebig gegenüber Sem und den Seinen ist, und sage: Gepriesen sei Gott, der stets Gott, Herr, Vater und Versorger Sems und seiner Nachkommen ist, der stets durch seine Wohltaten zeigt, daß er Gott, Hüter und Pfleger Sems und seines Volkes ist. So sagen Lipomanus, Cajetan und andere. Dieser Segen wurde an den Juden erfüllt, die von Sem abstammten. Lerne hier mit Noach, bei allen guten und glücklichen Begebenheiten in Lob und Preis Gottes auszubrechen.

Moralisch bemerkt Pererius mit Recht, Jesus Sirach III, daß neun Güter von Gott den guten Kindern verheißen werden, die ihre Eltern ehren. Das erste sind Reichtümer, sowohl zeitliche als auch geistliche: „Wie einer, der Schätze sammelt, so ist, wer seine Mutter ehrt." Das zweite, daß ein solcher Sohn in seinen eigenen Kindern gesegnet sein wird: „Wer seinen Vater ehrt, wird sich an seinen Kindern erfreuen." Das dritte, daß Gott seine Gebete erhören wird: „Am Tag seines Gebets wird er erhört werden." Das vierte, daß er ein langes Leben haben wird: „Wer seinen Vater ehrt, wird ein längeres Leben leben." Das fünfte, daß er eine beständige Familie und Nachkommenschaft haben wird: „Der Segen des Vaters festigt die Häuser der Kinder." Das sechste, daß er ruhmreich sein wird: „Aus der Ehre des Vaters kommt die Herrlichkeit des Sohnes" — entweder weil ein geehrter Vater seine Söhne ruhmreich macht, oder weil ein Sohn, der seinen Vater ehrt, sich vor allen Ruhm erwirbt. Das siebte, daß er in der Zeit der Bedrängnis von Gott daraus befreit werde: „Die dem Vater erwiesene Barmherzigkeit wird nicht vergessen werden, und am Tag der Bedrängnis wird sie deiner gedenken." Das achte, daß seine Sünden vergeben werden: „Wie Eis bei heiterm Wetter, so werden deine Sünden aufgelöst werden." Das neunte, daß er von Gott gesegnet, das heißt mit jeder Fülle des Guten überhäuft werde: „Ehre deinen Vater", sagt er, „damit ein Segen von Gott über dich komme und sein Segen bis zum letzten bleibe."


Vers 27: Gott breite Jafet aus

Im Hebräischen gibt es ein schönes Wortspiel aus der Etymologie des Namens Jafet, nämlich japht elohim leiaphet, als wollte man sagen: „Gott mache den Geweiteten weit." Der hl. Augustinus übersetzt es als „er erfreue"; Cajetan und Eugubinus, „er schmücke", oder „Gott mache Jafet selbst schön".

Bemerke: Jafet (den die Heiden Japetus nennen) leitet sich vom hebräischen pata ab, das heißt überreden, anlocken, verführen; in der Hiphil-Form aber (wie hier) bedeutet es erweitern, wie die Septuaginta, der Chaldäer, unser Übersetzer, Vatablus, Mercerus, Pagninus und andere hier übersetzen. Jafet bedeutet also nicht so sehr „schön" als vielmehr „erweitert". Vergeblich winden sich daher die Griechen, die den hebräischen Namen Jafet vom griechischen iaptein ableiten, was verwunden bedeutet, oder von iasthai, was heilen bedeutet, oder von isorrhopeein, was aussenden und fliegen bedeutet, als wollte man sagen: Gott sende Jafet aus und lasse ihn über die Weite der Erde fliegen. Nun ist der Sinn folgender, als wollte man sagen: Die Nachkommenschaft Jafets möge sich ausbreiten und überaus zahlreich sein, so daß sie die weitesten und ausgedehntesten Gebiete besetzt, ja sogar sich in das Los und die Wohnung der Nachkommen Sems ausbreitet. Daß dies tatsächlich geschah, ist aus dem folgenden Kapitel ersichtlich, und aus dem hl. Hieronymus in den Hebräischen Fragen, und aus Josephus, Buch I Altertümer VI. Aus diesen geht hervor, daß die Nachkommen Jafets Europa besetzten und den nördlichen Teil Asiens, der nach Westen neigt, vom Taurusgebirge und Amanus bis zum Tanais; die Nachkommen Hams aber den südlichen Teil Asiens besetzten, vom Amanus und Taurus, nämlich Ägypten und Teile Syriens, und ganz Afrika; während die Nachkommen Sems den östlichen Teil Asiens besetzten, vom Euphrat bis zum Indischen Ozean. Siehe Arias Montanus in seinem Apparatus, im Phaleg, oder Über die Ursprünge der ersten Völker.

Allegorisch, und ganz besonders, wird hier die Kirche der Heiden prophezeit, die erweitert und in Christus und dem Christentum mit den Juden vereinigt werden soll; denn von Jafet stammten die Heiden ab; von Sem aber stammten die Juden und Christus ab, die zuerst Gottes Tempel, Gottesdienst und Kirche hatten, in die Christus dann die Heiden hineinführte, aus beiden eine Kirche machend, und ihre Weite und ihr Haupt von Sem, das heißt von Jerusalem und den Juden, auf Jafet, das heißt auf Rom und die Heiden, übertrug. So sagen der hl. Hieronymus, Chrysostomus, Homilie 29, und Rupert, Buch IV, Kapitel 39; daher kannst du vom Hebräischen treffend übersetzen: „Gott locke, oder überrede Jafet (die von Jafet abstammenden Heiden) zu wohnen in den Zelten Sems, nämlich in der Kirche Christi, der von den Juden und Sem abstammt." Hier also ist eine klare Prophezeiung der Berufung der Heiden zu Christus. Denn das hebräische pata bedeutet eigentlich anlocken, liebkosen, überreden.

UND ER WOHNE IN DEN ZELTEN SEMS. — Einige, wie Theodoret, Lyra und Abulensis, ergänzen hier das Subjekt nicht mit Jafet, sondern mit Gott, als wollte man sagen: Gott möge in den Zelten Sems wohnen; und so geschah es: denn unter den Semiten, nämlich den Juden, wohnte Gott in der Stiftshütte und im Tempel. Ferner wurde aus den Semiten Christus als Gott geboren: denn aus ihnen ist das Wort Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Daher übersetzt der Chaldäer: „und die Gottheit wohne in den Zelten Sems." Denn das chaldäische sechina bedeutet „Ruhe", mit welchem Namen die Hebräer die Gegenwart der Gottheit bezeichnen, die in der Stiftshütte auf der Bundeslade im Sühnort wohnt und ruht. Daher wird auch der Heilige Geist, der in den Propheten und anderen Heiligen ruht, sechina genannt, sagt Elias Levita. Daher kannst du vom Chaldäischen auch so übersetzen: „Und der Heilige Geist, oder die Heiligkeit selbst, ruhe im Zelt Sems."

Zweitens, treffender und wahrheitsgemäßer, sollst du „er wohne" auf Jafet beziehen; denn Gott hat Sem schon zuvor gesegnet: hier also segnet er nicht Sem, sondern Jafet. Nun verstehen Delrio, Pererius und andere unter „den Zelten Sems" im Buchstabensinn die Kirche. Doch da all dies dem Buchstabensinn nach die Ausbreitung und Fortpflanzung der Nachkommen Jafets betrifft, sollst du hier eher im buchstäblichen, eigentlichen Sinne „Zelte" verstehen und durch sie im allegorischen Sinne (der dennoch hier über den Buchstabensinn vorherrscht und vom Heiligen Geist mehr beabsichtigt ist als der Buchstabensinn) die Kirche verstehen, in dem Sinne, den ich im vorangehenden Absatz dargelegt habe.


Vers 28: Noach lebte nach der Sintflut 350 Jahre

Da also Abraham, wie im nächsten Kapitel gezeigt wird, im Jahre 292 nach der Sintflut geboren wurde, folgt daraus, daß Abraham noch zu Lebzeiten Noachs geboren wurde und 58 Jahre mit ihm lebte. Noach sah also den Turm von Babel und sah, wie fast alle seine Nachkommen ihre Wege verderbten und dem Götzendienst verfielen: obwohl Noach selbst, wie Epiphanius bezeugt, seinen Söhnen einen Eid abverlangt hatte, den wahren Kult des wahren Gottes und die gegenseitige Eintracht zu bewahren. Noach sah also die Welt voll von Menschen, und zwar gottlosen: er sah es und seufzte.

Denn hier muß bemerkt werden, daß in diesen dreihundert Jahren nach der Sintflut eine erstaunliche Vermehrung der Menschheit stattfand. Philo berichtet im Buch der Biblischen Altertümer, daß Noach kurz vor seinem Tod alle seine Nachkommen zählte, die in den 350 Jahren, die er nach der Sintflut lebte, von ihm abstammten, und daß er die von ihm über Jafet abstammenden Söhne und Enkel auf hundertvierzigtausendzweihundertzwei fand, nicht gerechnet Frauen und Kinder. Von Ham zweihundertvierundvierzigtausendneunhundert. Von Sem zählt er weniger; doch es scheinen einige Zahlen der Nachkommen Sems in seiner Handschrift zu fehlen. Wenn alles zusammengerechnet wird, sah er leicht, daß die von ihm gezeugten Menschen an die neunhunderttausend und mehr betrugen. Welch ein gewaltiges Heer von Söhnen und Enkeln! Welch ein großer Patriarch war Noach! Doch jenes Buch ist von zweifelhafter Glaubwürdigkeit, sowohl weil Eusebius, Buch II der Kirchengeschichte, Kapitel 18, und der hl. Hieronymus, Buch Über berühmte Männer, und Bellarmin, Buch Über kirchliche Schriftsteller, wenn sie die Werke Philos aufzählen, dieses Buch nicht erwähnen; als auch weil der Stil des Buches von dem Philos verschieden ist; als auch weil jenes Buch von vielen apokryphen Erzählungen wimmelt. So sagt Sixtus von Siena, Buch IV der Bibliotheca unter Philo, und nach ihm unser Possevinus. Die Zahl aber, die ich daraus angeführt habe, ist glaubwürdig, ja sie scheint eher zu niedrig; denn, wie Diodor aus Ktesias berichtet, Buch III, hatte Ninus, der Gründer der assyrischen Monarchie (in dessen 43. Regierungsjahr Abraham geboren wurde, sagt Eusebius), in seinem Heer eine Million siebenhunderttausend Fußsoldaten und zweihunderttausend Reiter; dazu Sichelwagen in der Zahl von zehntausendsechshundert. Auf der anderen Seite stellte Zoroaster, König der Baktrier, gegen Ninus ein Heer von vierzigtausend auf. Siehe, in beiden Heeren zusammen waren damals zwei Millionen dreihunderttausend Mann, die alle Noach, der Vater aller, hätte sehen können; denn er lebte damals noch. Und dies ist nicht verwunderlich: denn zu jenen Zeiten hatten die Menschen viele Frauen und widmeten sich ganz der Fortpflanzung.

Ferner beachte hier, daß der Glaube und die Verehrung Gottes von Anfang der Welt 2108 Jahre lang durch die Hände von drei Männern fortgepflanzt und weitergegeben werden konnte, nämlich Adam, Methusalem und Sem; denn Adam sah Methusalem, dieser sah Sem, und Sem sah Jakob, der im Jahre der Welt 2108 geboren wurde, welches das Jahr 452 nach der Sintflut war. Denn Sem lebte 500 Jahre nach der Sintflut, wie aus Kapitel XI, Vers 11 hervorgeht; daher konnte Sem Jakob sehen. Schließlich berichten die Hebräer, daß Noach mit Sem aus Armenien in ihre alte Heimat zurückkehrte, das heißt in die Gegend bei Damaskus; und dort das Königreich und das Priestertum von Salem gründete und es seinem Sohn Sem übergab, der unter einem anderen Namen Melchisedek genannt wurde. Doch in Kapitel XIV werde ich zeigen, daß Sem nicht Melchisedek war.

Berosus des Annius fügt hinzu, Buch III, daß nachdem die Arche auf den Bergen Armeniens zur Ruhe kam, Noach dort wohnte und die Armenier die Landwirtschaft, die Sternkunde, die heiligen Riten und Zeremonien der Gottesverehrung und schließlich viele Geheimnisse der natürlichen Dinge lehrte; und von dort nach Italien reiste und dort den Menschen sowohl Frömmigkeit als auch Physik und Theologie lehrte (und daß er deshalb von den Italienern „Vater der Götter" und „Seele der Welt" genannt wurde) und schließlich dort starb. Doch dieser Berosus des Annius steht unter dem Verdacht, eine Fälschung zu sein.

Sinnbildlich sagt der hl. Ambrosius, Buch über Noach, Kapitel 32: „In den dreihundert Jahren Noachs", sagt er, „wird gewiß das Kreuz Christi bezeichnet (denn der Buchstabe Tau, der bei den Griechen für dreihundert steht, hat die Gestalt eines Kreuzes), durch dessen Vorbild der Gerechte von der Sintflut befreit wurde. In den fünfzig ist das Jubeljahr die Zahl der Vergebung, durch die der Heilige Geist vom Himmel gesandt wurde und den menschlichen Sündern Gnade eingoß. Nachdem also die vollkommene Zahl der Vergebung und Gnade vollendet war, vollendete der Gerechte den Lauf dieses Lebens."