Cornelius a Lapide
Inhaltsverzeichnis
Zusammenfassung des Kapitels
Erstens wird der Turm zu Babel erbaut. Zweitens werden ab Vers 7 die Sprachen geteilt und die Völker zerstreut. Drittens wird ab Vers 10 die Genealogie Sems bis Abraham nachgezeichnet, der aus Ur in Chaldäa nach Haran und Kanaan auswandert.
Vulgata-Text: Genesis 11,1-32
1. Es war aber die ganze Erde einer Sprache und derselben Worte. 2. Und als sie von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Land Schinar und ließen sich dort nieder. 3. Und einer sprach zum anderen: Kommt, lasst uns Ziegel machen und sie im Feuer brennen. Und sie hatten Ziegel statt Steine und Erdpech statt Mörtel. 4. Und sie sprachen: Kommt, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche; und lasst uns einen Namen machen, ehe wir in alle Länder zerstreut werden. 5. Der Herr aber stieg herab, um die Stadt und den Turm zu sehen, den die Söhne Adams erbauten, 6. und er sprach: Siehe, das Volk ist eines, und alle haben eine Sprache: und sie haben begonnen, dies zu tun, und werden von ihren Plänen nicht ablassen, bis sie sie ins Werk gesetzt haben. 7. Kommt also, lasst Uns hinabsteigen und dort ihre Sprache verwirren, damit keiner die Stimme seines Nächsten verstehe. 8. Und so zerstreute der Herr sie von jenem Ort in alle Länder, und sie hörten auf, die Stadt zu bauen. 9. Und deshalb wurde ihr Name Babel genannt, weil dort die Sprache der ganzen Erde verwirrt wurde: und von dort zerstreute der Herr sie über das Angesicht aller Gegenden. 10. Dies sind die Geschlechter Sems: Sem war hundert Jahre alt, als er Arpachschad zeugte, zwei Jahre nach der Sintflut. 11. Und Sem lebte, nachdem er Arpachschad gezeugt hatte, fünfhundert Jahre: und er zeugte Söhne und Töchter. 12. Arpachschad aber lebte fünfunddreißig Jahre und zeugte Schelach. 13. Und Arpachschad lebte, nachdem er Schelach gezeugt hatte, dreihundertdrei Jahre: und er zeugte Söhne und Töchter. 14. Auch Schelach lebte dreißig Jahre und zeugte Eber. 15. Und Schelach lebte, nachdem er Eber gezeugt hatte, vierhundertdrei Jahre: und er zeugte Söhne und Töchter. 16. Und Eber lebte vierunddreißig Jahre und zeugte Peleg. 17. Und Eber lebte, nachdem er Peleg gezeugt hatte, vierhundertdreißig Jahre: und er zeugte Söhne und Töchter. 18. Auch Peleg lebte dreißig Jahre und zeugte Regu. 19. Und Peleg lebte, nachdem er Regu gezeugt hatte, zweihundertneun Jahre: und er zeugte Söhne und Töchter. 20. Und Regu lebte zweiunddreißig Jahre und zeugte Serug. 21. Und Regu lebte, nachdem er Serug gezeugt hatte, zweihundertsieben Jahre: und er zeugte Söhne und Töchter. 22. Und Serug lebte dreißig Jahre und zeugte Nahor. 23. Und Serug lebte, nachdem er Nahor gezeugt hatte, zweihundert Jahre: und er zeugte Söhne und Töchter. 24. Und Nahor lebte neunundzwanzig Jahre und zeugte Terach. 25. Und Nahor lebte, nachdem er Terach gezeugt hatte, hundertneunzehn Jahre: und er zeugte Söhne und Töchter. 26. Und Terach lebte siebzig Jahre und zeugte Abram und Nahor und Haran. 27. Und dies sind die Geschlechter Terachs: Terach zeugte Abram, Nahor und Haran. Haran aber zeugte Lot. 28. Und Haran starb vor seinem Vater Terach im Land seiner Geburt, in Ur in Chaldäa. 29. Und Abram und Nahor nahmen sich Frauen: der Name der Frau Abrams war Sarai, und der Name der Frau Nahors war Milka, Tochter Harans, des Vaters der Milka und des Vaters der Jiska. 30. Und Sarai war unfruchtbar und hatte keine Kinder. 31. Und so nahm Terach seinen Sohn Abram und Lot, den Sohn Harans, seinen Enkel, und Sarai, seine Schwiegertochter, die Frau seines Sohnes Abram, und er führte sie aus Ur in Chaldäa heraus, um ins Land Kanaan zu ziehen; und sie kamen bis Haran und ließen sich dort nieder. 32. Und die Tage Terachs betrugen zweihundertfünf Jahre, und er starb in Haran.
Vers 1: Es war aber die ganze Erde einer Sprache
Das heißt einer Rede, nämlich der hebräischen; es ist eine Metonymie. Dass nämlich das Hebräische die erste und gemeinsame Sprache aller Menschen war, sowohl vor der Sintflut als auch danach bis zum Bau des Turmes zu Babel, ergibt sich klar aus den Etymologien und Bedeutungen der Namen Adam, Eva, Kain, Set, Babel, Peleg, Abraham, Isaak, Jakob und anderer, die die Heilige Schrift selbst in der Genesis überliefert: denn der Ursprung und die Bedeutung dieser Namen lässt sich aus keiner anderen als der hebräischen Sprache ableiten. Und dies ist die Auffassung des hl. Augustinus, Buch XVI von Der Gottesstaat, Kapitel 11, des Origenes, Chrysostomus, Diodorus, Hieronymus und der Übrigen, mit alleiniger Ausnahme Theodorets, der fälschlicherweise meint, die erste Sprache sei sein eigenes Syrisch gewesen (denn Theodoret war Syrer, da er in Antiochia in Syrien geboren war und später Bischof von Kyrrhos in Syrien wurde); das Hebräische aber habe erst später begonnen und sei zuerst von Gott an Mose übergeben worden. Es steht nämlich unter den Gelehrten fest, dass das Syrische ein Dialekt der hebräischen Sprache ist und aus deren Verderbnis hervorgegangen ist: gleichwie das Französische, Italienische und Spanische vom verderbten Latein abstammen.
Goropius Becanus behauptet, die erste Sprache der Welt sei das Kimbrische oder Flämische gewesen, und leitet von ihr alle Namen der Heiligen Schrift ab, wie Adam, Eva, Kain, Metuschelach usw. Adam, sagt er, wird gleichsam had dam genannt, das heißt „Hass auf den Damm“. Adam ist also dasselbe wie ein Damm, der den Wogen des Neides entgegengesetzt wird. Eva wird gleichsam eu vat genannt, das heißt „Gefäß des Zeitalters“, weil in Eva der Anfang aller Zeitalter empfangen wurde. Abel wird gleichsam hat belg genannt, das heißt „Hass auf den Krieg“, nämlich den, der ihm von seinem Bruder Kain angetan wurde. Kain wird gleichsam kaet ende genannt, das heißt „schlechtes Ende“. Metuschelach wird maet u salich genannt, das heißt „rette dich“, nämlich vor der herannahenden Sintflut. Henoch wird gleichsam eet noch genannt, das heißt „der Eid (Gottes mit den Menschen) besteht noch“, nämlich er dauert fort, usw. Doch entspricht dies nicht den Etymologien, die die Schrift angibt; denn jene weisen auf einen gänzlich anderen Sinn und einen anderen Ursprung hin. Daher zeigt Goropius in diesen so mühsam aus der flämischen Sprache herbeigeholten Etymologien nichts anderes als die Schärfe seines eigenen Geistes, die man sich gewünscht hätte, er hätte sie auf solidere und nützlichere Dinge angewandt. Daher urteilte ein Gelehrter, dieses Werk sei lediglich ein Spiel und Scherz des Geistes.
Vers 2: Und als sie von Osten aufbrachen
Von Armenien, das östlich von Babylon liegt, wo die Arche zur Ruhe gekommen war, als die Sintflut aufhörte: dort also scheint Noach mit den Seinen unmittelbar nach der Sintflut geblieben zu sein. So sagen Epiphanius am Anfang seines Buches Über die Häresien, Pererius und andere.
Noach folgten seine Enkel und Nachkommen: und dies bemerken Josephus und Platon im dritten Buch der Gesetze, dass sie aus Furcht vor der Sintflut zunächst auf Bergen wohnten, dann, als die Furcht allmählich schwand, in Täler und Ebenen hinabstiegen.
Sie fanden eine Ebene im Land Schinar. Man beachte: Alle damals lebenden Menschen (obwohl Cajetan dies leugnet) scheinen aus Armenien hervorgegangen und nach Schinar, das heißt nach Babylon, gekommen zu sein, in der Hoffnung auf größeren und besseren Boden und wegen dessen günstigerer Lage, da sie sich von dort leichter in alle Richtungen zerstreuen konnten, um ringsum einander nahe und benachbart zu bleiben. Daher meint Abulensis zu Recht, dass Noach, der damals noch lebte, beim Bau des Turmes zu Babel anwesend war und ihn vielleicht sogar unterstützte; denn einige erbauten ihn in guter Absicht, andere, und zwar weit mehr, in böser: denn alle Menschen waren damals in Babel; weshalb auch die Sprachen aller dort verwirrt und geteilt wurden: so denken auch Pererius, Delrio und andere.
Man beachte: Dieser Ort wurde nicht damals, sondern erst später von seinen Bewohnern Schinar genannt, wie er auch Babel nach dem Ereignis genannt wurde. Denn Schinar bedeutet auf Hebräisch dasselbe wie „Ausschlagen der Zähne“; weil die gezahnten, das heißt stolzen, Menschen, die Babel erbauten, dort ihrer Zähne, das heißt ihrer Sprache, beraubt wurden, sagt Rupert, und der hl. Gregor schreibend zum vierten Bußpsalm, beim vorletzten Vers: „Handle gnädig, o Herr, nach deinem guten Willen an Zion“; und er fügt eine tropologische Deutung hinzu: „In Schinar, sagt er, wohnen die Gezahnten, die ihre Nächsten mit den Bissen der Verleumdung zerfleischen: Gott schlägt ihnen die Zähne aus, wenn er ihre Taten und Worte zugleich verwirrt. Denn von ihm steht geschrieben: Du hast die Zähne der Sünder zerschlagen; und wiederum: Der Herr wird ihre Zähne in ihrem Munde zermalmen.“
Vers 3: Und sie hatten Ziegel statt Steine
Denn, wie Theodoret berichtet, herrschte in Babylon großer Mangel an Steinen. Einige fügen hinzu, sie hätten dies aus Furcht vor einer Feuerflut getan, durch die sie erkannt hatten, dass die Welt einst wieder verbrennen werde: denn Ziegel, wenn sie gründlich gebrannt sind, widerstehen dem Feuer am stärksten; Steine aber werden durch Feuer zu Kalk aufgelöst. Wenn sie dies dachten, dachten sie töricht; denn wie nichts der Wasserflut widerstehen konnte, so wird auch nichts der Feuerflut am Ende der Welt widerstehen können, die weit gewaltiger sein wird.
Vers 4: Ein Turm, dessen Spitze bis an den Himmel reiche
Ein Turm, der überaus hoch sein sollte: es ist eine Übertreibung. Über die Höhe dieses Turmes weiß der hl. Hieronymus in seinem Kommentar zu Jesaja, Kapitel 14, Wunderbares zu berichten, nämlich dass er eine Höhe von viertausend Schritten hatte, die eine große oder deutsche Meile ausmachen. Josephus fügt hinzu, dass die Anhänger Nimrods planten, diesen Turm so hoch zu bauen, dass die Sintflut, falls sie wiederkehre, ihn nicht erreichen könne. Man sehe die Torheit der Menschen! Die Überreste dieses Turmes überdauerten bis in die Zeiten des hl. Hieronymus und Theodorets, wie sie selbst bezeugen.
Man beachte, dass dieser Turm in der Stadt Babel selbst stand, wie der hebräische Text in Vers 9 anzeigt: obwohl andere meinen, er sei nicht in Babel gewesen, sondern in der benachbarten Stadt Chalanne.
Zweitens war der Urheber dieses Bauwerks nicht Noach, der noch lebte, sondern Nimrod. So sagen Josephus, Augustinus und andere.
Lasst uns einen Namen machen. Abulensis entschuldigt diese Erbauer von Babel von der Sünde, nicht nur von der Todsünde, sondern sogar von der lässlichen, erstens, weil sie diesen Turm nur als Wachtturm erbauten, sowohl als aktiven wie auch als passiven, damit er nämlich von ferne von allen ringsum Wohnenden gesehen werden könne, so dass zu festgesetzten Zeiten alle nach Babel zurückkehren und sich versammeln konnten, um sowohl private als auch öffentliche und gemeinsame Angelegenheiten zu verhandeln: aus welchem Grund auch heute noch Türme gebaut werden; zweitens, selbst angenommen, sie wollten durch diesen Turm ihren Namen verherrlichen, so war dies nicht böse; denn es ist erlaubt, Ruhm und Ehre zu suchen, sofern die Sache, aus der man den Ruhm sucht, nicht böse, sondern gut ist und der göttlichen Ehre keinen Abbruch tut. Überdies befand sich unter diesen Erbauern Noach, ein heiliger Mann, das Oberhaupt und der Vater aller, der nicht zugelassen hätte, dass dieser Turm zu einem bösen Zweck erbaut wurde: so sagt Abulensis.
Doch der hl. Augustinus, Chrysostomus, Josephus und andere urteilen zutreffender, dass diese Erbauer durch Eitelkeit und Hochmut sündigten; denn was anderes bedeutet ein so hoher und wahnsinniger Turm, der bis an den Himmel reicht, und dieses Bauwerk, damit sie nicht durch den Tod oder die Zerstreuung daran gehindert und an seiner Vollendung gehemmt werden?
Zweitens, wenn sie sagen: „Lasst uns einen Namen machen“ – was anderes zeigen sie damit an, als dass Ziel und Zweck ihres frevelhaften Strebens und Mühens ein ehrgeiziges Verlangen war, ihren Namen zu verewigen? Drittens, dass dieses Werk Gott missfiel und verhasst war, ist daraus klar, dass er selbst es verhinderte und die Erbauer mit der Dissonanz und Verschiedenheit der Sprachen bestrafte, so dass sie einander nicht mehr verstehen konnten. Der hl. Augustinus fügt viertens hinzu, Buch XVI von Der Gottesstaat, Kapitel 4, dass Nimrod Babel erbaute, damit es eine Festung seiner Tyrannei und Gottlosigkeit sei. Daher entstand aus diesem Bauwerk die Fabel von den Giganten, die Krieg gegen den Himmel führten, worüber ich in Kapitel 6, Vers 4 gesprochen habe, wie Alcimus Avitus lehrt und die Sibylle im dritten Buch andeutet.
Noach war bei diesem Bau anwesend, stand ihm aber nicht vor, weil er ihn nicht verhindern konnte: denn Nimrod mit seinen Anhängern hatte die Oberhand; wenn Noach ihn unterstützte, dann in guter Absicht und um ein größeres Übel zu vermeiden.
Man beachte jedoch, dass Gott diese Sünde und diesen Turmbau für eine Zeit und bis zu einer gewissen Höhe zuließ, weil er bei dieser Gelegenheit ein großes Gut zu bewirken beabsichtigte, nämlich die Menschen durch alle Provinzen zu zerstreuen, damit die ganze Welt von Menschen erfüllt und bebaut werde, was eine große Zierde der ganzen Welt wie auch ein Nutzen war.
In moralischer Hinsicht sagt der hl. Chrysostomus hier in Homilie 30, dass jene, die prächtige Häuser, Bäder und Säulenhallen erbauen zu dem Zweck, ihren Namen darin zu verewigen, diesen Erbauern Babels gleichen. Und er fügt hinzu: „Wenn du aber wahrhaft die ewige Erinnerung liebst, werde ich dir den Weg zeigen, nämlich wenn du dieses Geld in die Hände der Armen verteilst und Steine und prächtige Gebäude, Landhäuser und Bäder zurücklässt. Diese Erinnerung ist unsterblich, diese Erinnerung bringt dir unzählige Schätze, diese Erinnerung erleichtert dich von der Last der Sünden, diese Erinnerung verschafft dir großes Vertrauen bei Gott.“ Er beweist dies aus Psalm 111: „Er hat ausgestreut, er hat den Armen gegeben, seine Gerechtigkeit (das heißt sein Almosengeben) besteht in Ewigkeit. Siehst du ein Andenken, das sich durch alle Zeitalter erstreckt?“
Ehe wir zerstreut werden. So auch die Septuaginta. Daher bedeutet das Hebräische pen naphuts: „damit wir nicht zerstreut werden“, verstehe: bevor irgendein Denkmal zur Erinnerung an unseren Namen und Ruhm hinterlassen worden ist. Denn sie wussten, dass sie bald zerstreut werden würden, und so kommen sie zuvor und beschleunigen dieses Denkmal ihrer selbst und dieses Bauwerk, damit sie nicht durch den Tod oder die Zerstreuung daran gehindert und an seiner Vollendung gehemmt werden.
Vers 5: Der Herr aber stieg herab
Nicht indem er den Ort wechselte (denn er ist überall), sondern indem er aus der Nähe betrachtete, hinderte und strafte, sagt Cajetan. Denn die Schrift spricht von Gott in anthropopathischer Weise, als ob sie sagen wollte: Gott betrachtete und erwog genau, ernsthaft, langsam und bedächtig diesen Turm und den wahnsinnigen und unerträglichen Hochmut dieser ihn erbauenden Menschen, um ihn zu hindern und zu bestrafen, gerade als ob er vom Himmel in das Land Schinar herabgestiegen wäre, wie es ein Mensch oder ein Engel als Richter tun würde. So sagt der hl. Augustinus.
Daher bemerkt Delrio zu Recht im Anschluss an Philo und den hl. Chrysostomus, dass wenn die Heilige Schrift anzeigen will, dass Gott mit langsamen Schritten zum Gericht und zur Bestrafung voranschreitet, sie sagt, er steige herab, das heißt, er nähere sich uns, damit er die ganze Angelegenheit klarer erkenne und danach bedächtig die Schuldigen bestrafe. So stieg er nach Sodom herab, Genesis 18,21, und nach Judäa, Micha 1,3.
Die die Söhne Adams erbauten – die, von adama, das heißt Erde, entsprossen, da sie Erdgeborene sind, nun hochmütig durch ihr Bauwerk zum Himmel emporzusteigen trachten.
Vers 6: Sprache
Rede und Sprache, wie ich bei Vers 1 gesagt habe.
Vers 7: Kommt also, lasst Uns hinabsteigen und dort ihre Sprache verwirren
Dies sind die Worte Gottes, gleichsam beratschlagend und die wahnsinnige Machination und den Hochmut der Menschen verabscheuend. Einige meinen, Gott spreche hier zu den Engeln; denn die Engel hätten bei dieser Sprachverwirrung mitgeholfen. So der hl. Augustinus, Buch XVI von Der Gottesstaat, Kapitel 9, Philo, Cajetan und Pererius. Wahrer jedoch ist, dass Gott der Vater hier spricht, nicht etwa zu einem anderen Gott, wie Julian der Abtrünnige einwandte, sondern zu seinem Sohn und zum Heiligen Geist. Wie er es auch in Kapitel 1, Vers 26 und Kapitel 3, Vers 18 getan hat. Denn wie dort die Schöpfung nicht das Werk der Engel, sondern allein Gottes war, so war auch hier diese Sprachverwirrung sein Werk; denn es war nicht der Schutzengel eines jeden Volkes, der ihm seine Sprache eingab (wie Origenes in seinem Kommentar zu Numeri, Kapitel 11, meint), sondern Gott. Denn wie Gott allein durch seine Allmacht in den Geist eintreten kann, so kann auch er allein dem Geist die Gewohnheiten des Wissens und der Sprachen einpflanzen. So sagen der hl. Chrysostomus, Prokopius, Rabanus, Rupert und andere allgemein.
Daher ist die Kenntnis der Heiligen Schrift oder auch der hebräischen oder griechischen Sprache, die der Teufel gewissen Wiedertäufern eingibt, die zuvor ungebildet und unwissend waren, nachdem sie den Kelch getrunken und das Zeichen der Wiedertaufe empfangen haben, nicht habituell oder dauerhaft, sondern nur aktuell, als eine Art Einflüsterung und Eingebung: denn der Dämon steht ihnen bei und flüstert ihnen all dies ein, gleichwie wir, wenn andere öffentlich deklamieren, ihnen heimlich die Verse oder das, was vorgetragen werden soll, vorsagen; ja bisweilen sprechen nicht sie selbst, sondern der Dämon spricht durch sie, so dass sie Besessene zu sein scheinen und es in Wahrheit auch sind. Dass dem so ist, wird daraus klar, dass sie, sobald sie von der Häresie zum gesunden Glauben und zum rechten Verstand zurückkehren, vom Dämon verlassen, sofort all solches Wissen verlieren.
Lasst Uns verwirren. „Verwirren“ bedeutet hier nicht beschämen, sondern vermischen: gleichwie Wein „verwirrt“ wird, wenn Wasser mit ihm vermischt wird; und die Stimme der Nachtigall „verwirrt“ wird, wenn die schrillen Stimmen der Elstern und Dohlen mit ihr vermischt werden; denn dies bedeutet das hebräische Wort balal, aus dem durch Krasis bal entsteht; dann durch Verdoppelung des Buchstabens Beth in Onomatopoesie babel gebildet wird. Daher scheinen unsere Deutschen ihr Wort babbelen abgeleitet zu haben; und die Franzosen babiller.
So also vermischte Gott hier die Sprachen, so dass er an Stelle der einen hebräischen Sprache, die alle beherrschten, jeder Gruppe ihre eigene verschiedene Sprache eingab: so dass, wenn die Menschen sich unterhielten, der eine griechisch, der andere lateinisch, der dritte deutsch, der vierte slawisch usw. sprach: was in der Tat eine große Vermischung und Verwirrung der Sprachen und Stimmen war, worüber ich nochmals bei Vers 9 sprechen werde.
Man beachte erstens: Bei dieser Verwirrung schuf Gott nur die Muttersprachen und pflanzte sie den Menschen ein: denn aus ihnen sind alle anderen später hervorgegangen. So ist das Hebräische die Mutter und Erzeugerin des Syrischen, Chaldäischen, Arabischen; und das Lateinische des Italienischen, Walachischen, Französischen, Spanischen; das Griechische des Dorischen, Ionischen, Äolischen, Attischen; das Slawische des Polnischen, Böhmischen, Moskauischen; das Germanische des Schweizerischen, Sächsischen, Englischen, Schottischen; das Tartarische des Türkischen, Sarmatischen; das Abessinische des Äthiopischen, Sabäischen usw., sagt Genebrardus.
Man beachte zweitens, wie eitel die Gedanken der Menschen vor Gott sind; diese Erbauer meinten, von niemandem gehindert werden zu können: Gott verlacht diese törichte Selbstüberhebung und sagt in der Tat: Mit einem leichten Hauch werde ich dieses Werk zerstreuen, ich werde keine Belagerungsmaschinen verwenden; ich werde nur die Sprachen der Erbauer verwirren, so dass, wenn einer Ziegel verlangt, ein anderer Mörtel reicht; wenn einer eine Kelle erbittet, ein anderer ihm einen Korb gibt; und so werde ich alles mit Verwirrung erfüllen, so dass sie einander verspottend und wechselseitig aufeinander erzürnt sich trennen, und wie sie in der Sprache verwirrt sind, so auch im Geist verwirrt und beschämt davongehen und ein jeder in seine eigene Gegend zerstreut werde. Marius Victor beschreibt dies schön in Buch XXX zur Genesis.
Damit sie nicht verstehen – das heißt, damit sie einander nicht verstehen, nicht etwa einzelne Menschen (denn dann hätte es keinerlei menschliche Gemeinschaft mehr gegeben), sondern einzelne Verwandtschaftsgruppen. Denn es gab so viele Sprachen wie Familien oder Verwandtschaftsgruppen, nämlich 55, wie ich in Kapitel 10, Vers 32 gesagt habe; denn Gott wollte sie so trennen und über die Welt zerstreuen.
Man beachte, wie der Hochmut der Erbauer die Teilung der Sprachen verdiente, deren Einigung zu Pfingsten die Demut der Apostel verdiente, sagt der hl. Gregor, Homilie 30 über die Evangelien.
Lasst Uns hinabsteigen. Man wird einwenden: Bereits in Vers 5 war Gott herabgestiegen; also steigt er hier vergeblich nochmals herab. Der hl. Augustinus und Pererius antworten, dieser Vers sei eine Rekapitulation, und dieser Vers müsse vor Vers 6 gestellt werden. Aber das Wort „also“ unterstützt diese Auslegung nicht, da es nicht einem gehört, der rekapituliert, sondern einem, der folgert und fortfährt. Ich antworte daher, dass Gott in Vers 5 herabgestiegen war, aber nur in anfänglicher und unvollständiger Weise, um diesen Turm von ferne aus dem Himmel zu betrachten. Daher sagt Mose: „Der Herr stieg herab, um die Stadt und den Turm zu sehen“; hier aber stieg Gott weiter zum Land Schinar herab, nämlich um durch ein neues Wirken dort die Sprachen zu verwirren; denn er sagt: „Kommt, lasst Uns hinabsteigen“, nicht um zu sehen (denn wir hatten den Turm bereits gesehen), sondern „damit Wir ihre Sprache verwirren“.
Vers 8: Und so zerstreute Er sie
Denn als sie sahen, dass sie einander nicht verstehen konnten, zogen sie sich zurück, und jede Gruppe wurde in ihre eigenen Gegenden zerstreut, wie ich bereits erläutert habe. Diese Strafe der Sünde war daher dem Menschengeschlecht nützlich, „so dass eine rechtzeitige Zerstreuung einer bösen Versammlung der bewohnbaren Welt Einwohner gab“, sagt Prosper, Buch II, Über die Berufung der Völker, Kapitel 4; „und damit wir bedenken, dass der Hochmut zu Recht verurteilt wurde“, sagt Cassian, Konferenz IV, Kapitel 12, „durch den es geschah, dass der Mensch, der dem Menschen befahl, nicht verstanden wurde, er, der nicht verstehen wollte, um dem befehlenden Gott zu gehorchen“, sagt der hl. Augustinus, Buch XVI, Der Gottesstaat, Kapitel 4.
Vers 9: Der Name wurde Babel genannt, weil dort die Sprache der ganzen Erde verwirrt wurde
Das heißt die Sprache aller Menschen. Tropologisch sagt der hl. Augustinus in den Sentenzen, Sentenz 221: „Zwei Lieben“, sagt er, „bilden zwei Städte in der ganzen Welt: die Liebe zu Gott bildet Jerusalem, die Liebe zur Welt bildet Babylon; ein jeder prüfe sich also selbst, und er wird finden, welcher Stadt er Bürger ist.“
Sein – nämlich nicht des Turmes, sondern der Stadt, wie aus dem Hebräischen und der Septuaginta hervorgeht. Vom Turm also, bei dessen Erbauung die Erbauer durch die Teilung der Sprachen verwirrt wurden, erhielt die ganze Stadt den Namen Babel, und von der Stadt wurde die ganze Region Babylonien genannt, das heißt Verwirrung. Babel empfing seinen Namen also nicht von Belus, der der erste König und Gott in Babel war, sondern von der Wurzel balal, das heißt „er verwirrte“. Daher übersetzen die Septuaginta: und sein Name wurde Synchysis genannt, das heißt Verwirrung. Diese Stadt (wie ich oben gesagt habe) stellte Semiramis nach 400 Jahren in unglaublicher Größe und Pracht wieder her; den Turm aber erhöhte sie nicht weiter, sondern schloss ihn, wunderbar geschmückt, in den Tempel des Belus ein.
Weil dort die Sprache verwirrt wurde – das heißt, weil dort die Erbauer Babels vor Scham verwirrt wurden, da sie einander nicht mehr verstanden, sagt Pererius. Doch das hebräische Wort Balal, das „verwirren“ bedeutet, bezeichnet nicht das Beschämen, sondern das Vermischen.
Zweitens erklärt Philo im Buch Über die Verwirrung der Sprachen es so, als ob er sagen wollte: Die Gemeinschaft der Laster und Gottlosen wurde von Gott in Babel verwirrt, als sie nämlich durch Spaltung zerrissen wurde, damit sie nicht in ihrer geballten Kraft die Tugend und die guten Sitten zerstöre; denn man kann nicht sagen, die Sprachen seien verwirrt worden, sondern vielmehr völlig geteilt. Denn so sagt Philo: „Mose lehrt auf geheimnisvolle Weise, dass, gleichwie die Harmonie der Tugenden von Gott gefördert wird, so die Verwirrung der Sprachen bedeutet, dass der geballte Keil der Laster und Gottlosen geteilt wird, dass alle Laster stumm und taub werden, damit sie weder durch Reden noch durch gegenseitiges Übereinstimmen Schaden anrichten.“ Dies ist jedoch ein mystischer Sinn, durch den Philo den Literalsinn umzustürzen scheint.
Drittens nimmt Philastrius im Buch Über die Häresien, Kapitel 106, an, dass in Babel nicht die Sprachen selbst, sondern das Verständnis der Sprachen verwirrt und geteilt wurde; denn er selbst meint, dass vor dem Bau Babels die Sprachen der Menschen bereits geteilt gewesen seien, wie ich in Kapitel 10, Vers 31 gesagt habe.
Ich antworte aber: „Gott verwirrte“, hebräisch Balal, das heißt, er vermischte die Sprache der Menschen – das heißt, er teilte die eine Sprache aller Menschen in verschiedene auf und vermischte sie untereinander und unter den Menschen, so dass, wenn mehrere zugleich sprachen, nicht eine Stimme und Sprache gehört wurde, sondern die verschiedenen und verwirrten Stimmen und Sprachen vieler, in der Weise, wie ich bei Vers 7 beschrieben habe.
Dem füge hinzu: Die Elemente der Ursprache, nämlich die Buchstaben, blieben bei allen Völkern und Sprachen dieselben, wurden aber auf verschiedene Weise verbunden und umgestellt: was eben das Verwirren und Vermischen ist. Ebenso blieben viele Silben, ja sogar Wörter dieselben, bedeuten aber das eine in dieser Sprache und das andere in jener, wie sus bei den Lateinern Schwein, bei den Hebräern Pferd und bei den Flamen Schweigen bedeutet. Daher fügt Mose erklärend in Vers 7 hinzu: „Damit sie nicht verstehen“, das heißt begreifen, „ein jeder die Stimme seines Nächsten.“ Überdies sind in anderen Sprachen viele hebräische Wörter und Wendungen eingemischt, z. B. sac, das heißt saccus [Sack], und keren, das heißt cornu [Horn], von den Hebräern entlehnt, die die meisten Völker und Sprachen noch heute bewahren und verwenden. Postellus und Avenarius haben sehr viele solcher Beispiele gesammelt; letzterer leitet in seinem hebräischen Lexikon fast alle griechischen Wörter aus dem Hebräischen ab, durch eine gewisse Umstellung, Vertauschung und Vermischung von Buchstaben. Ebenso bemüht sich Adrianus Scrieckius in seinen Ursprüngen und in Europa Rediviva, klug und scharfsinnig zu zeigen, dass viele Wörter aus dem Keltischen oder Belgischen vom Hebräischen abgeleitet sind und in ihrer Wurzel oder ihren Stammbuchstaben übereinstimmen; und aus belgischen Etymologien fast aller Eigennamen der Völker in Europa versucht er zu beweisen, dass die keltische oder belgische Sprache lediglich ein Dialekt des Hebräischen sei und dass sie zuerst in Babel den Nachkommen Jafets verliehen wurde und dass daher die alten Griechen, Italiker, Spanier (die deshalb, sagt er, Keltiberer genannt werden), Gallier, Briten und alle Europäer sie verwendeten. Doch dies ist schwer zu glauben und noch schwerer zu beweisen, zumal die griechische und lateinische Sprache überaus vortrefflich, verfeinert und kunstvoll sind, ebenso wie uralt, wie aus den Schriften der Griechen und Römer hervorgeht, und daher scheinen sie in der Sprachverwirrung ebenso wie das Keltische gewissen Nachkommen Jafets von Gott verliehen worden zu sein. Aber welchen, wenn nicht denen, die Griechenland und Latium bewohnten? Diese sprachen also nicht keltisch, sondern griechisch und lateinisch. Ich würde glauben, dass die belgische Sprache uralt ist und eine der ersten, die von Gott in Babel verliehen wurden. Überdies, dass sie nicht wenige Wörter besitzt, die vom Hebräischen abgeleitet oder ihm ähnlich und verwandt sind. Aber dass sie sich vom Hebräischen nur im Dialekt unterscheide, wer würde sich das einreden, der die Dissonanz und Verschiedenheit beider geprüft hat? Denn das Belgische scheint sich vom Hebräischen ebenso sehr oder mehr zu unterscheiden, wie das Lateinische sich vom Griechischen oder Hebräischen unterscheidet.
Der hl. Augustinus bemerkt (Buch XVIII, Der Gottesstaat, Kapitel 39), zusammen mit Origenes, Hieronymus, Tostatus, Cajetan, Oleaster, Genebrardus und anderen allenthalben, dass in Eber allein und seinen Nachkommen zusammen mit dem wahren Glauben, der Religion und der Frömmigkeit die ursprüngliche hebräische Sprache verblieb. In allen übrigen also löschte Gott die erworbene Gewohnheit der hebräischen Sprache aus (so dass die Menschen sich nicht so sehr vorkamen, als hätten sie sie vergessen, sondern als hätten sie alle Erinnerung an die hebräische Sprache verloren, als hätten sie nie etwas von ihr gewusst oder gehört), und er pflanzte eine neue und höchst bereite Gewohnheit einer neuen Sprache ein, und zwar jeder Völkerschaft eine andere und eigene, nämlich einer anderen und eigenen Sprache. So Abulensis, Pererius und andere.
Daher meinen zweitens Epiphanius am Anfang seines Buches Gegen die Häresien und Suidas unter dem Wort Serug, dass diese Erbauer Babels auf Griechisch meropes genannt wurden, gleichsam „stimmengeteilt“: denn merizo bedeutet dasselbe wie „ich teile“, und ops bedeutet dasselbe wie „Stimme“: daher wurde auch von den Dichtern einer der Giganten, die versuchten, Jupiter vom Himmel zu stürzen, Merops genannt, von dem die Insel Kos den Namen Meropis erhalten haben soll: obwohl der Kommentator Homers meint, die Menschen würden meropes genannt, weil sie eine unterschiedene und gegliederte Sprache verwenden; oder, wie andere sagen, weil jeder Mensch, ebenso wie ein anderes Gesicht, so auch eine von jedem anderen verschiedene Stimme hat – zwei Dinge am Menschen, die Plinius bewundert.
Schließlich ereigneten sich diese Dinge um das Jahr 170 nach der Sintflut, wie ich in Kapitel 10, Vers 25 gesagt habe. Epiphanius und die Sibylle fügen hinzu, ebenso Abydenus (angeführt bei Josephus und Eusebius, Buch IX, Über die Vorbereitung auf das Evangelium, letztes Kapitel), dass Gott diesen Turm mit Stürmen und Winden niederwarf und die Erbauer selbst unter seinen Trümmern verschüttete.
Vers 10: Dies sind die Geschlechter Sems
Mose zeichnet nur die Genealogie Sems nach, und zwar nur in der direkten Linie zu Abraham, weil die übrigen Nachkommen Noachs trotz seines Widerstands sich von Gott zu den Götzen wandten; und weil aus Abraham die Juden (für die Mose dies schreibt) und Christus hervorgingen.
Sem war hundert Jahre alt. Sem wurde also nicht im Jahr 500, sondern im Jahr 502 Noachs geboren, wie ich in Kapitel 10, Vers 21 gesagt habe; denn da hier diese genaue Zahl ausgedrückt wird – nämlich dass Sem zwei Jahre nach der Sintflut hundert Jahre alt war –, die in Kapitel 5, Vers 32 nicht ausgedrückt wird, scheint Mose hier eher als in Kapitel 5 die Jahre Sems genau zu verzeichnen.
Vers 12: Arpachschad zeugte Schelach (Die Kenan-Frage)
So lesen der hebräische und chaldäische Text sowohl hier als auch in 1 Chronik 1,18 und 24. Die Septuaginta aber fügen sowohl hier als auch dort Kenan ein; denn sie lesen: „Arpachschad zeugte Kenan, und Kenan zeugte Schelach.“ Der hl. Lukas folgt der Septuaginta in Kapitel 3 seines Evangeliums, Vers 36, weshalb Lipomanus, Melchior Cano, Delrio und andere meinen, dieser Kenan müsse unbedingt eingefügt werden, und ihm müssten ebenso wie den anderen 30 Jahre zugewiesen werden, bevor er Schelach zeugte, und folglich müssten diese dreißig Jahre in die Chronologie eingefügt werden.
Man wird fragen, wem hier zu folgen sei – Mose, der Kenan auslässt, oder der Septuaginta-Version, die Kenan einfügt. Ich antworte, dass eher Mose als dem ursprünglichen Autographen zu folgen ist. Denn Mose zeichnet hier sowohl die Chronologie als auch die Geschichte der Welt nach: daher ließ er nicht die 30 Jahre aus, die nach der Septuaginta Kenan zugewiesen werden müssen; denn dies wäre ein gewaltiger Fehler und Irrtum in der Chronologie, ja in der Geschichte. Und so ist es beinahe ebenso gefährlich zu sagen, Mose sei hier verstümmelt, wie zu sagen, Lukas sei überflüssig; oder zu sagen, der Text der Heiligen Schrift sei hier verstümmelt, wie zu sagen, bei Lukas sei er bezüglich Kenans überschüssig: denn in gleichem Maße wird sowohl die Geschichte als auch die Chronologie verdorben und falsch gemacht.
Zweitens, weil die hebräischen, chaldäischen und lateinischen Bibeln beständig, sowohl hier als auch in 1 Chronik 1, Kenan auslassen; drittens, weil die Hebräer, Philo, Josephus und andere Alte Kenan auslassen; viertens, weil die Regel des hl. Augustinus, Buch XV, Der Gottesstaat, Kapitel 3, lautet: „Wenn eine Übersetzung mit dem Original nicht übereinstimmt, soll man eher jener Sprache vertrauen, aus der die Übersetzung durch Interpretation in eine andere gemacht wurde“; daher soll man eher dem hebräischen Mose vertrauen als der Septuaginta-Version.
Fünftens, dass sich ein Fehler in die Septuaginta-Version hier eingeschlichen hat, ist erstens daraus klar, weil sich ein offenkundiger Fehler bei den Zahlen bei ihnen eingeschlichen hat, und zwar gerade bei diesem Kenan: denn sie sagen, Kenan sei 130 Jahre alt gewesen, als er Schelach zeugte, obwohl niemand, auch unter denen, die Kenan annehmen, ihm mehr als 30 Jahre zuweist; zweitens, weil die von den Römern korrigierte und unter der Autorität Papst Sixtus' V. herausgegebene Septuaginta-Ausgabe Kenan in 1 Chronik 1 tilgt. Denn bei der Aufzählung der Geschlechterfolge von Arpachschad bis Abraham zeichnet sie sie so nach: „Arpachschad, Schelach, Eber, Peleg, Regu, Serug, Nahor, Terach, Abraham“; wo sie offenkundig mit der lateinischen Vulgata-Ausgabe in Vers 24 übereinstimmen. Wenn im Buch der Chronik in der Reihe der Genealogien Kenan bei der Septuaginta nach der römischen Korrektur getilgt werden muss, dann muss er bei ihnen ebenso in Genesis 11 getilgt werden. Denn dieselbe Geschlechterfolge ist an beiden Stellen niedergeschrieben. Dies ist fürwahr eine starke Vermutung und erweckt großen Verdacht, dass Kenan in die Septuaginta in der Genesis eingeschoben wurde.
Den Verdacht verstärkt der Umstand, dass bei der Septuaginta in der Genesis Kenan genau dieselben Zahlen der Zeugung und des Alters zugewiesen werden wie Schelach, während sie bei allen anderen stets variieren. Daher scheinen jene Zahlen von der Septuaginta allein Schelach zugewiesen worden zu sein und von jemandem, der Kenan einschob, bei ihm wiederholt worden zu sein.
Drittens, weil Epiphanius, Häresie 53, bei der Aufzählung der Geschlechterfolge von Abraham bis Sem nach der Septuaginta-Version Kenan auslässt; also war Kenan damals nicht in der Septuaginta, sondern schlich sich später ein. Dasselbe ergibt sich aus dem hl. Hieronymus, Fragen zur Genesis, wo er Kenan uneingeschränkt auslässt; denn er liest so: „Arpachschad zeugte Schelach, Schelach zeugte Eber.“ Wenn aber die Septuaginta damals Kenan enthalten hätte, hätte der hl. Hieronymus dies gewiss nicht verschwiegen; denn dort und anderswo vermerkt er sorgfältig, wo immer die Septuaginta vom Hebräischen abweicht. Also hatte sich zur Zeit des hl. Hieronymus und des Epiphanius Kenan noch nicht in die zuverlässigeren Handschriften der Septuaginta eingeschlichen.
Man wird fragen, wer dann Kenan in die Septuaginta und in Lukas einfügte? Ich antworte: Es ist wahrscheinlich, dass ein griechischer Leser der Septuaginta, der Kenan im hl. Lukas las (den Lukas aus den Archiven der hebräischen Nation übernommen zu haben scheint), als er ihn in der Genesis nicht fand, Kenan der Genesis hinzufügte; und dann taten andere Abschreiber dasselbe; so Pererius und andere. Dies sind wahrscheinliche und allgemein vertretene Ansichten.
Der hl. Augustinus, Buch XV, Der Gottesstaat, und Hieronymus, Tostatus, Cajetan, Oleaster, Genebrardus und andere lehren, dass es zweifelhaft sei, ob Kenan auch bei Lukas echt ist, und dass ihn vielmehr jemand dort hinzugefügt haben könnte, nachdem er ihn in der Genesis gefunden hatte.
Kurz, ich bin der Ansicht, dass die Chronologie hier in Übereinstimmung mit dem hebräischen Text festzulegen ist. Denn obwohl es höchst wahrscheinlich ist, dass sich hie und da einige Fehler in die Septuaginta-Version eingeschlichen haben, so ist es doch die beständige und alte Praxis der Kirche, dass die Autorität der Siebzig Übersetzer in historischen und chronologischen Dingen nicht gering geschätzt werden soll.
Zumal hier ein gewichtigeres Argument dazu nötigt und beinahe zwingt. Denn erstens behauptet Mose hier ausdrücklich und genau, dass Arpachschad im 35. Jahr seines Alters Schelach zeugte. Dies ist aber schlechterdings falsch, wenn wir Kenan aus der Septuaginta einfügen: denn nach ihnen wurde Kenan von Arpachschad in eben diesem seinem 35. Jahr gezeugt. Schelach aber wurde dreißig Jahre später von Kenan gezeugt, nicht von Arpachschad. Denn es erscheint hart und gezwungen, und als eine Unwahrheit in der Chronologie, was einige antworten – dass Schelach im 35. Jahr Arpachschads gezeugt worden sei, nicht in ihm selbst, sondern in seinem Vater Kenan.
Zweitens schreibt Mose hier sorgfältig und ausdrücklich, und er allein, die Geschichte, Genealogie und Chronologie der Welt: daher ist es unglaublich, dass er 30 Jahre von Kenans Leben ausgelassen hätte. Denn diese dreißig Jahre stören und verderben die gesamte Chronologie. Wer würde es wagen zu sagen, Mose habe die Chronologie um dreißig Jahre verstümmelt und folglich verdorben?
Drittens kann kein wahrscheinlicher Grund dafür angegeben werden, warum Mose Kenan ausgelassen haben soll; denn jener Grund, der von einigen angeführt wird – nämlich dass er die Generationen vor und nach der Sintflut auf zwei Zehnergruppen zurückführen wollte –, jener Grund, wie Pererius richtig sagt, lässt sich weder beweisen und ist leicht und nichtig, noch ist er von solchem Gewicht, dass Mose deswegen die Chronologie hätte stören und verwirren müssen.
Wenn wir daher die Zuverlässigkeit, Unversehrtheit und Chronologie sowohl des Mose als auch des Buches der Chronik und der Vulgata-Ausgabe verteidigen wollen, sind wir, wenn auch widerwillig, wie sie sagen, genötigt zu behaupten, dass Kenan sich in die Septuaginta eingeschlichen hat. Denn es ist besser und von geringerem Risiko und geringerer Gefahr, diesen Fehler den Abschreibern und Kopisten zuzuschreiben als den Siebzig selbst als höchst weisen Männern; gleichwie der hl. Augustinus, Buch XV von Der Gottesstaat, Kapitel XIII, den Fehler, der sich hier in den Zahlen bei der Septuaginta findet, denselben Kopisten zuschreibt, wo er auch behauptet, dass dies eine alte Verderbnis sei, begangen von den ältesten und ersten Abschreibern, die daher in alle nachfolgenden Exemplare der Septuaginta eindrang und von ihnen sofort in alle Exemplare des hl. Lukas.
Pererius neigt vor allen anderen zu dieser Ansicht. Ebenso auch Beda (wenn auch zaghaft), ferner Ado, Isidor, Abulensis, Lucidus, Eugubinus, Genebrardus, Jansenius und Cajetan lassen Kenan aus. Ja, auch die meisten Ausleger von Lukas 3,36 stimmen in der Sache zu. Denn bei der Erklärung jener Stelle über Schelach: „Der des Kenan war“, erklären sie so: „Der war“, nämlich nicht ein natürlicher Sohn, wie die übrigen bei Lukas, sondern entweder ein Bruder oder ein gesetzlicher Sohn oder sogar jener „Kenan“ selbst; welche Erklärungen, weil sie gezwungen sind, tatsächlich unsere Position stärken, da außer ihr keine andere solide Erklärung oder Versöhnung angegeben werden kann, die einen verständigen Mann befriedigen würde; und in Wirklichkeit entfernen sie Kenan aus der Reihe der Genealogie und Chronologie, was das Einzige ist, wofür wir hier eintreten und was wir erbitten. Denn es genügt uns, dass die Geschichte und die Jahresreihe der Welt des Mose als eines heiligen und göttlichen Historikers und Chronologen ganz und unversehrt bestehen bleibt, da wir außer ihr keine andere haben.
Man wird einwenden: Also muss Kenan aus dem Text der Septuaginta und des hl. Lukas getilgt werden, wie die Häretiker ihn tilgen, die sagen, er sei von den Siebzig erfunden worden. Ich antworte: Ich leugne die Folgerung, sowohl weil griechische und lateinische Handschriften überall Kenan enthalten – daher würde seine Tilgung viele verletzen. Aus diesem Grund sagen die Römer, die die Vulgata-Ausgabe auf Befehl Sixtus' V. und Klemens' VIII. korrigierten, in der Vorrede: „Bei dieser weit verbreiteten Lesart ist, gleichwie einiges absichtlich geändert wurde, so auch anderes, was der Änderung zu bedürfen schien, absichtlich unverändert gelassen worden, weil der hl. Hieronymus mehr als einmal riet, dass dies geschehen solle, um dem Volk keinen Anstoß zu geben“ usw. Daher ist es besser und genügt es, dass Gelehrte dies in ihren Kommentaren anmerken. Auch weil vielleicht ein anderes geheimes und göttliches Mysterium hier verborgen liegt, das Gott die Menschen nicht wissen lassen wollte, wie Beda andeutet.
Man beachte: Wie ich in Kapitel V gesagt habe, dass in der Genealogie von Adam bis Noach die Zahlen in der Septuaginta verdorben sind, so sind sie auch hier verdorben: denn hier fügen die Septuaginta sowohl Arpachschad als auch den anderen hundert Jahre hinzu, die das Hebräische und unsere Version nicht haben; daher folgt nach der so verdorbenen Septuaginta, dass von der Sintflut bis Abram 1.172 Jahre verflossen seien, während nach der hebräischen Wahrheit nur 292 verflossen sind.
Vers 13: Und Arpachschad lebte dreihundertdrei Jahre
So lesen die lateinischen, römischen und königlichen Bibeln und die griechische Septuaginta der Caraffa-Ausgabe. Doch die hebräischen, chaldäischen und die Septuaginta sowohl der Complutenser als auch der königlichen Ausgabe und viele alte lateinische Bibeln lesen 403, und dies stimmt besser mit der Lebensdauer jenes Zeitalters überein: denn Schelach und Eber, die Nachkommen Arpachschads waren, lebten 400 Jahre und mehr.
Man beachte: Vor der Sintflut lebten die Menschen 900 Jahre, bald nach der Sintflut nur noch 400, und dann 300; woraus klar wird, dass das lange Leben der früheren Menschen, nämlich bis zu 900 Jahren, ihnen nicht aus der Kraft der Natur und natürlicher Ursachen zuteil wurde, sondern vielmehr aus einer Gabe Gottes; denn nicht sofort in der ersten oder zweiten Generation konnte das menschliche Leben natürlicherweise auf 500 oder 600 Jahre abnehmen.
Vers 20: Serug
Epiphanius und Suidas machen ihn zum Erfinder der Bilder, das heißt der Anfertigung von Gemälden und Statuen, in denen Fürsten und andere berühmte Männer dargestellt, verehrt und angebetet werden konnten, als ob damals der Götzendienst begonnen hätte. Doch ich habe oben gesagt, dass der Urheber des Götzendienstes Nimrod oder Belus war. Serug war also nicht dessen Urheber, sondern dessen Verbreiter durch seine Bildhauerei und Malerei. Suidas irrt hier erneut, wenn er Serug unter die Nachkommen Jafets einreiht.
Vers 26: Und Terach lebte siebzig Jahre und zeugte Abram und Nahor und Haran
Man beachte: Terachs erster Sohn war Haran, der zweite Nahor, der dritte Abram; Abram war also der Jüngste. Dies ist klar: denn Abram hatte als Frau Sara, die die Tochter Harans war, und sie war nur zehn Jahre älter als Abram. Haran aber war, als er Sara zeugte, mindestens zwanzig Jahre alt: also war Haran mindestens zehn Jahre älter als Abram. Dennoch wird Abram hier vor seinen Brüdern genannt, obwohl er jünger war, weil Mose fortan allein dessen Geschlecht, Glauben und Taten verfolgen will.
Der Sinn ist also: Terach lebte 70 Jahre und hatte bis dahin bereits Haran und Nahor gezeugt; Abram selbst aber zeugte er genau im Jahr 70. So Pererius und andere. Daher denken einige irrtümlich, Abram sei im Jahr Terachs nicht 70, sondern 130 geboren; deren Argument werde ich in Kapitel XII, Vers 4 auflösen. Denn es wird hier mit ausdrücklichen Worten gesagt, dass Terach Abram zeugte, als er 70 Jahre alt war: und so führt Mose durch dieses 70. Jahr Terachs seine Chronologie fort, die andernfalls unsicher und zweifelhaft, ja falsch wäre, wenn Abram nicht im 70., sondern im 130. Jahr Terachs geboren worden wäre.
Man beachte zweitens: Abram wurde im Jahr 292 nach der Sintflut geboren; und da Noach 350 Jahre nach der Sintflut lebte, folgt daraus, dass Noach im 58. Lebensjahr Abrams starb. Abram sah also alle seine Vorfahren, neun an der Zahl, bis zurück zu Noach: nämlich er sah Terach, Nahor, Serug, Regu, Peleg, Eber, Schelach, Arpachschad, Sem und Noach.
Vers 28: Ur in Chaldäa
Und er führte sie aus Ur in Chaldäa heraus. „Ur“ war eine Stadt Chaldäas, die unter einem anderen Namen Kamirine hieß, nach dem Zeugnis des Eupolemus bei Eusebius, Buch IX, Vorbereitung auf das Evangelium IV. Überdies werden die Chaldäer vom hebräischen und chaldäischen Chasdim benannt, wobei der Buchstabe „s“ in „l“ verwandelt wird, gleichwie aus Odysseus Ulysses wurde. Chasdim im Plural hat im Singular Chassad, was einige Hebräer für eine Verkürzung von Arpachschad halten: denn die letzten drei Buchstaben sind in beiden Namen dieselben; denn die Hebräer zählen die Vokale nicht. Daher urteilen sie, die Chaldäer seien von Arpachschad, dem Sohn Sems, abstammend und nach ihm benannt. Andere meinen, die Chaldäer seien von Kesed, dem Sohn Nahors, des Bruders Abrams, hervorgegangen und nach ihm benannt, über den siehe Kapitel XXII, 21. Doch dieser Kesed lebte später.
Man beachte: Ur bedeutet hier „Feuer“; daher scheint diese Stadt Ur genannt worden zu sein, weil in ihr ein heiliges Feuer gehütet und verehrt wurde. So nämlich verehrten die Perser heiliges Feuer als Gottheit an Stätten, die der Geschichtsschreiber Prokopius in seinem Werk Perserkriege pyreia („Feuertempel“) nennt. In gleicher Weise berichtet der hl. Hieronymus, dass die Chaldäer das Feuer verehrten. So scheint Ur also vom Feuerkult benannt zu sein, gleichwie Heliopolis vom Sonnenkult benannt wurde. Vielleicht ist Ur dasselbe wie Uram, das Plinius, Buch VII, Kapitel XXIV, am Euphrat ansiedelt.
Daher übersetzt auch unser Übersetzer in 2 Esdras (Nehemia), Kapitel IX, 7, Ur, das im Hebräischen steht, als „Feuer“; denn er übersetzt: „Gott, der du Abraham erwählt und ihn aus dem Feuer (hebr. aus Ur) der Chaldäer herausgeführt hast.“ Wobei man beachte, dass Esdras offenkundig auf diese Stelle der Genesis anzuspielen scheint, als ob er sagen wollte: Gott, der du Abram aus der Stadt der Chaldäer herausgeführt hast, die auf Hebräisch Ur heißt, das heißt „Feuer“.
Daher kann zweitens „Feuer“ bei Esdras bildlich genommen werden, um Trübsal zu bezeichnen; denn davon ist in der Schrift das Feuer ein Symbol, wie aus Psalm 16,3; Psalm 65,12 hervorgeht. Denn Josephus, der hl. Augustinus, Buch XVI von Der Gottesstaat, XIII, und andere lehren, dass Abram viele Bedrängnisse von den Chaldäern erlitt, weil er sich weigerte, das Feuer anzubeten.
Zweitens kann „Feuer“ bei Esdras im eigentlichen Sinne genommen werden; denn die Überlieferung der Hebräer besagt, dass Abram aus eben diesem Grund buchstäblich ins Feuer geworfen wurde, wie Esdras sagt, von den Chaldäern, aber auf wunderbare Weise von Gott daraus befreit wurde: welche Überlieferung der hl. Hieronymus anfänglich zwar kritisiert, danach aber gutheißt, und ebenso, wie es scheint, die Kirche, die für die Sterbenden betet, Gott möge sie von der Bedrängnis des Todes und vom Feuer der Gehenna befreien, so wie er Abraham aus Ur, das heißt aus dem Feuer der Chaldäer, befreite.
Auch die Heilige Schrift deutet dasselbe an, wenn sie diese Herausführung und Befreiung Abrams aus Ur in Chaldäa als etwas Großes und Bewunderungswürdiges feiert. Es ist auch nicht verwunderlich, dass Josephus, Philo und Paulus (Hebräer 11) dies nicht erwähnen, wie Pererius einwendet, denn sie berichten fast nur das, was sich in der Heiligen Schrift findet, wie Josephus häufig über sich selbst bekennt. Auch Mose hat dies mit Schweigen übergangen, weil er alles in Kürze zusammenfasst, die Taten sowohl Adams als auch der anderen bis zur Berufung Abrams. Denn was findet man in der Genesis über die Taten Adams, Sets, des Enosch, Metuschelachs und anderer während der 1.656 Jahre vor der Sintflut? Man beachte jedoch, dass in diese Überlieferung einige fabelhafte Umstände von den Hebräern eingemischt werden, wie dass Haran, der Bruder Abrahams, in dasselbe Feuer geworfen und von ihm verzehrt wurde, weil er nicht von so großem Glauben war wie Abram; denn Mose deutet in Vers 28 hinreichend an, dass Haran eines natürlichen Todes starb. Ferner, dass Nimrod auf Drängen Terachs, des Vaters Abrahams (der ein Götzendiener war), Abraham ins Feuer warf. Denn Nimrod oder Belus starb vor Abram: denn Abram wurde im 43. Jahr des Ninus geboren, der seinem Vater Belus nach dessen Tod nachfolgte, wie ich in Kapitel X gesagt habe.
Drittens kann übersetzt werden: „aus Ur“, das heißt aus der „Lehre“ (des Irrtums und Götzendienstes) der Chaldäer; denn so übersetzt unser Übersetzer Urim als „Lehre“ in Exodus XXVIII, 31, und anderswo.
Vers 29: Milka, die Tochter Harans, des Vaters der Milka und des Vaters der Jiska
Abulensis und die meisten anderen meinen, diese Jiska sei Sara. Denn wie die erste Tochter Harans, nämlich Milka, mit ihrem Onkel Nahor verheiratet war, so war auch die zweite, nämlich Jiska oder Sara, mit ihrem Onkel Abram verheiratet, wie Mose in diesem Vers andeutet und deutlicher in Kapitel XX, Vers 12, wo Abram Sara seine Schwester nennt, das heißt seine Nichte über seinen Bruder Haran. Dass Sara nämlich nicht eine Nichte Abrahams über seinen Bruder Nahor war, deutet Mose hier hinreichend an, wenn er vermerkt, dass Abram und Nahor ihre Frauen zur gleichen Zeit nahmen.
Aus diesem Kapitel wird die Chronologie der Welt abgeleitet, nämlich dass vom Ende der Sintflut bis Abram 292 Jahre verflossen: dies ist klar, denn zwei Jahre nach der Sintflut zeugte Sem Arpachschad, Arpachschad als er 35 Jahre alt war zeugte Schelach, Schelach mit 30 zeugte Eber, Eber mit 34 zeugte Peleg, Peleg mit 30 zeugte Regu, Regu mit 32 zeugte Serug, Serug mit 30 zeugte Nahor, Nahor mit 29 zeugte Terach, Terach mit 70 zeugte Abram. Summe: 292 Jahre. Abram wurde also im Jahr 292 nach der Sintflut geboren, das war das Jahr der Welt 1949.
Vers 31: Und Terach nahm seinen Sohn Abram
Nämlich nachdem Abram von Gott aus Ur in Chaldäa berufen worden war, im folgenden Kapitel, Vers 1. Dies ist also eine Prolepsis oder Vorwegnahme: denn Mose wollte hier das Leben und den Tod Terachs zusammen nachzeichnen, bevor er mit den Taten Abrams begann, auch denen, die er vollbrachte, als sein Vater Terach noch lebte.
Man beachte: Einige meinen mit dem hl. Chrysostomus, dass Terach in Chaldäa anfänglich Götzen verehrte, aber von seinem Sohn Abram bekehrt wurde und sie aufgab, um den wahren Gott anzubeten. Sie beweisen dies aus Judit, Kapitel V, 8; doch jene Stelle behauptet eher das Gegenteil, nämlich dass er sich weigerte, seine angestammten Götzen zu verehren. Desgleichen beweisen sie es aus Josua XXIV, 2.
Aus dieser Stelle folgern sie auch, dass Abram anfänglich, bevor er von Gott berufen wurde, Götzen verehrte – so Philo in seinem Buch Über Abraham, die Hebräer, Genebrardus und Andreas Masius zu Josua XXIV. Die wahrere Ansicht ist aber erstens, dass Abram niemals Götzen verehrte. Erstens, weil in Josua XXIV, Vers 2 nicht Abram, sondern nur Terach und Nahor gesagt werden, fremden Göttern gedient zu haben. Zweitens, weil Abram in der Schrift als der Vater der Gläubigen und das Vorbild des Glaubens vor uns hingestellt wird; er war also niemals ungläubig. Drittens, weil so Josephus, Suidas, Pererius, Delrio und sehr viele andere urteilen.
Zweitens ist die wahrere Ansicht, dass Terach in Chaldäa keine Götzen verehrte, sondern zusammen mit Abram den wahren Gott anbetete und daher, als er von den Chaldäern bedrängt wurde, auf Drängen und Ruf Abrams von dort fortging und nach Kanaan auswanderte: da aber Terach nun von Erschöpfung und Alter aufgerieben war, hielt er erschöpft auf dem Weg inne, nämlich in der mesopotamischen Stadt Haran, die gemeinhin Karrä genannt wird, wo der römische Feldherr Marcus Crassus von den Parthern eine Niederlage erlitt.
Drittens ist die wahrere Ansicht, dass Terach in Mesopotamien, nämlich in Haran, in den Götzendienst fiel, sei es durch die Sitte jenes Volkes, sei es durch die Ankunft seines Sohnes Nahor, eines Götzendieners, aus Chaldäa, sei es durch den Fortgang und die Abwesenheit Abrams selbst, als dieser von Haran nach Kanaan weitergezogen war. Dies ergibt sich aus Josua XXIV, 2, wo es heißt: „Jenseits des Flusses wohnten eure Väter von Anfang an, Terach, der Vater Abrahams und Nahor, und sie dienten fremden Göttern.“ Jenseits des Flusses, nämlich des Euphrat in Mesopotamien, nicht aber in Chaldäa. So aus dem hl. Augustinus und Tostatus, Pererius.