Cornelius a Lapide
Inhaltsverzeichnis
Zusammenfassung des Kapitels
Abraham empfängt drei Engel mit Gastfreundschaft und einem Mahl. Zweitens versprechen diese Engel ihm, Vers 9, einen Sohn von Sara. Drittens, Vers 17, offenbaren sie ihm die bevorstehende Zerstörung Sodoms; woraufhin Abraham betet und für Sodom Fürbitte einlegt.
Vulgata-Text: Genesis 18,1-33
1. Und der Herr erschien ihm im Tal von Mamre, als er in der größten Hitze des Tages an der Tür seines Zeltes saß. 2. Und als er seine Augen erhob, erschienen ihm drei Männer, die nahe bei ihm standen; als er sie sah, lief er ihnen vom Eingang des Zeltes entgegen und verneigte sich zur Erde. 3. Und er sprach: Herr, wenn ich Gnade gefunden habe in Deinen Augen, gehe nicht an Deinem Knecht vorüber: 4. Ich will ein wenig Wasser bringen lassen, und man wasche euch die Füße, und ruhet unter dem Baum. 5. Und ich will einen Bissen Brot bringen, und stärket euer Herz; danach mögt ihr weitergehen: denn deshalb seid ihr bei eurem Knecht eingekehrt. Sie sprachen: Tue, wie du gesagt hast. 6. Abraham eilte in das Zelt zu Sara und sprach zu ihr: Eile, mische drei Maß feines Mehl, und mache Kuchen, unter der Asche gebacken. 7. Und er selbst lief zur Herde und nahm von dort ein sehr zartes und gutes Kalb und gab es einem Diener, der es eilends zubereitete. 8. Er nahm auch Butter und Milch und das Kalb, das er hatte zubereiten lassen, und setzte es ihnen vor; er aber stand neben ihnen unter dem Baum. 9. Und als sie gegessen hatten, sprachen sie zu ihm: Wo ist Sara, deine Frau? Er antwortete: Siehe, sie ist im Zelt. 10. Und Er sprach zu ihm: Ich werde zurückkehren und zu dir kommen um diese Zeit, wenn das Leben es erlaubt, und Sara, deine Frau, wird einen Sohn haben. Als Sara dies hinter der Tür des Zeltes hörte, lachte sie. 11. Sie waren aber beide alt und hochbetagt, und es hatte bei Sara aufgehört, was bei Frauen üblich ist. 12. Sie lachte heimlich und sprach: Nachdem ich alt geworden bin und mein Herr ein alter Mann ist, soll ich mich der Lust hingeben? 13. Und der Herr sprach zu Abraham: Warum hat Sara gelacht und gesagt: Soll ich, die eine alte Frau bin, wirklich ein Kind gebären? 14. Ist für Gott etwas schwer? Nach der Verabredung werde Ich zu dir zurückkehren um dieselbe Zeit, wenn das Leben es erlaubt, und Sara wird einen Sohn haben. 15. Sara leugnete es und sprach: Ich habe nicht gelacht, denn sie war von Furcht ergriffen. Der Herr aber sprach: Es ist nicht so, sondern du hast gelacht. 16. Als nun die Männer von dort aufgebrochen waren, richteten sie ihre Augen gegen Sodom; und Abraham ging mit ihnen und geleitete sie. 17. Und der Herr sprach: Kann Ich vor Abraham verbergen, was Ich zu tun gedenke: 18. da er doch zu einem großen und sehr mächtigen Volk werden soll, und in ihm alle Völker der Erde gesegnet werden sollen? 19. Denn Ich weiß, daß er seinen Söhnen und seinem Haus nach ihm gebieten wird, den Weg des Herrn zu bewahren und Recht und Gerechtigkeit zu üben: damit der Herr über Abraham alles bringe, was Er zu ihm gesprochen hat. 20. Und der Herr sprach: Das Geschrei von Sodom und Gomorra ist groß geworden, und ihre Sünde ist überaus schwer. 21. Ich will hinabsteigen und sehen, ob sie es nach dem Geschrei, das zu Mir gedrungen ist, wirklich getan haben; oder ob es nicht so ist, damit Ich es erfahre. 22. Und sie wandten sich von dort ab und gingen nach Sodom; Abraham aber stand noch vor dem Herrn. 23. Und er trat näher und sprach: Willst Du den Gerechten mit dem Gottlosen verderben? 24. Wenn fünfzig Gerechte in der Stadt wären, würden sie zusammen umkommen? Und wirst Du dem Ort nicht um der fünfzig Gerechten willen verschonen, wenn sie darin sind? 25. Fern sei es von Dir, solches zu tun und den Gerechten mit dem Gottlosen zu töten, und der Gerechte werde behandelt wie der Gottlose: das ist nicht Deine Art; Du, der die ganze Erde richtest, wirst dieses Urteil keineswegs vollziehen. 26. Und der Herr sprach zu ihm: Wenn Ich in Sodom fünfzig Gerechte inmitten der Stadt finde, werde Ich den ganzen Ort um ihretwillen verschonen. 27. Und Abraham antwortete und sprach: Da ich einmal begonnen habe, will ich zu meinem Herrn reden, obwohl ich nur Staub und Asche bin. 28. Und wenn fünf weniger als fünfzig Gerechte wären? Willst Du um der fünfundvierzig willen die ganze Stadt vernichten? Und Er sprach: Ich werde sie nicht vernichten, wenn Ich fünfundvierzig dort finde. 29. Und er sprach wiederum zu Ihm: Wenn aber vierzig dort gefunden würden, was wirst Du tun? Er sprach: Ich werde sie nicht schlagen um der vierzig willen. 30. Sei nicht zornig, Herr, ich bitte, wenn ich rede: Was, wenn dreißig dort gefunden würden? Er antwortete: Ich werde es nicht tun, wenn Ich dreißig dort finde. 31. Da ich einmal begonnen habe, sprach er, will ich zu meinem Herrn reden: Was, wenn zwanzig dort gefunden würden? Er sprach: Ich werde sie nicht vernichten um der zwanzig willen. 32. Ich bitte, sei nicht zornig, Herr, wenn ich noch einmal rede: Was, wenn zehn dort gefunden würden? Und Er sprach: Ich werde sie nicht vernichten um der zehn willen. 33. Und der Herr ging fort, nachdem Er aufgehört hatte, mit Abraham zu reden; und Abraham kehrte an seinen Ort zurück.
Vers 1: Der Herr erschien ihm
UND DER HERR ERSCHIEN IHM — in der Gestalt dreier Männer, wie folgt; denn die drei Männer (von denen der nächste Vers spricht) repräsentierten den Herrn, wie ich alsbald erklären werde. Zum Gedenken an diese Erscheinung der Engel vor Abraham bei der Eiche von Mamre pflegten Juden, Heiden und Christen jedes Jahr zur selben Zeit dort zusammenzukommen, und jeder feierte Feste und Opfer nach seinem eigenen Ritus. Aber Kaiser Konstantin ließ, nachdem er die gottlosen Bräuche der Juden und Heiden abgeschafft hatte, den Ort reinigen, und nachdem dort ein Tempel errichtet worden war, verfügte er, daß er allein dem christlichen Gottesdienst gewidmet und geweiht werde, wie Sozomenos berichtet, Buch 2, Kapitel 3.
ALS ER IN DER GRÖSSTEN HITZE DES TAGES SASS. — Hieraus geht hervor, daß Abraham gewöhnt war, gegen Mittag und zur Essenszeit an seiner Tür zu sitzen und nach Reisenden und Gästen Ausschau zu halten, die in der Hitze des Tages bei Herbergen einzukehren pflegen; als er daher das Netz seiner Gastfreundschaft auswarf, empfing er nicht nur Menschen, sondern auch Engel, ohne es zu wissen: denn dies ist es, was der Apostel sagt, Hebräer 13,2: „Vergesset nicht die Gastfreundschaft; denn durch sie haben einige, ohne es zu wissen, Engel als Gäste aufgenommen." Man sehe das dort besprochene Lob der Gastfreundschaft sowie den hl. Chrysostomus hier, Homilie 41; den hl. Ambrosius, Buch 1, Über Abraham, Kapitel 5; und den hl. Augustinus, Predigten 68 und 70 Über die Zeiten.
Man höre den hl. Ambrosius: „Woher weißt du," sagt er, „ob du nicht Gott aufnimmst, wenn du meinst, es sei ein Gast? Abraham nahm, als er Reisenden Gastfreundschaft gewährte, Gott und Seine Engel als Gäste auf; und wahrlich, wenn du einen Gast aufnimmst, nimmst du Gott auf. Denn so steht im Evangelium geschrieben, wie du liest, da der Herr Jesus spricht: Ich war fremd, und ihr habt Mich aufgenommen; denn was ihr einem der geringsten von diesen getan habt, das habt ihr Mir getan. Durch die Gastfreundschaft einer einzigen Stunde fand jene Witwe, die Elija aufnahm, mit einer geringen Menge an Nahrung beständigen Unterhalt für die ganze Zeit der Hungersnot und empfing einen wunderbaren Lohn, so daß das Mehl aus dem Krug nie versiegte. Auch Elischa vergalt durch die Gabe, einen toten Sohn zum Leben zu erwecken, die Schuld der Gastfreundschaft." Dies und mehr von Ambrosius.
Wiederum bemerkt der hl. Ambrosius hier: „Lerne," sagt er, „wie eifrig du sein sollst, damit du als erster den Gast willkommen heißt, damit nicht ein anderer dir zuvorkomme und dich des Reichtums einer guten Gabe beraube." Und der hl. Chrysostomus hier: „Er läuft," sagt er, „und der Greis fliegt; denn er sah die Beute, die er jagte: er rief nicht seine Diener; als wollte er sagen: Dies ist ein großer Schatz, ein großes Geschäft; ich selbst muß diese Ware einbringen, damit ein so großer Gewinn nicht entgleite." Und wiederum: „Siehe die Freigebigkeit Abrahams: er schlachtete ein Kalb und knetete Mehl. Höre auch seinen Eifer: er tut dies selbst und durch seine Frau; bedenke auch, wie frei er von Stolz ist: er verneigt sich und bittet. Wer Gäste aufnimmt, muß alle diese Eigenschaften haben: Eifer, Fröhlichkeit, Freigebigkeit. Männer sollen es hören, Frauen sollen es hören. Männer freilich, damit sie ihre Gefährtinnen unterweisen, daß, wenn geistlicher Gewinn entsteht, er nicht durch Diener bewerkstelligt werde, sondern sie selbst alles tun; Frauen hingegen, damit sie eilen, ihren Männern bei solch guten Werken mit eigenen Händen zu helfen; sie mögen die heilige Greisin nachahmen, die bereitwillig in so hohem Alter Mühe auf sich nahm und die Arbeit von Mägden verrichtete." In der Tat ist im Haus des Gerechten niemand müßig: jeder ist bestrebt, als erster bei der Gastfreundschaft oder jedem ähnlichen frommen Werk Hand anzulegen. In der Tat verteilte der hl. Karl Borromäus, obwohl er einen großen Haushalt hatte, einem jeden seine Aufgaben über den ganzen Tag so, Aufgaben sowohl nützlich als auch fromm, daß niemand auch nur eine Viertelstunde am Tag frei und unbeschäftigt war. Dies erzählten mir in Rom jene, die lange mit ihm gelebt hatten. Aus diesem Grund war sein ganzer Haushalt friedvoll, geordnet, heilig und fruchtbar wie Bienen. Fürsten und Prälaten mögen dies nachahmen; denn Müßiggang ruiniert Haushalte, besonders die höfischen. Und der hl. Hieronymus, Brief 26 an Pammachius: „Er selbst (Abraham) wusch ihnen die Füße, er selbst trug das gemästete Kalb auf seinen Schultern von der Herde, er stand als Diener da, während die Reisenden speisten, und setzte ihnen von Saras Händen zubereitete Speisen vor, obwohl er selbst fastete."
Vers 2: Drei Männer
DREI MÄNNER. — Das Konzil von Sirmium, Kanon 14, vertritt die Ansicht, der mittlere dieser drei sei der Sohn Gottes gewesen; aber dies war eine Versammlung der Arianer, wie Baronius ausführlich darlegt, unter dem Jahr Christi 357.
Man beachte daher erstens, daß diese drei Männer Engel waren, die sich einen menschlichen Leib aus Luft bildeten und annahmen, um mit Abraham zu sprechen. Denn Paulus, Hebräer, Kapitel 13, Vers 2, und Mose im folgenden Kapitel, Vers 1, nennen sie Engel. So der hl. Augustinus, Buch 16 des Gottesstaates, Kapitel 29, und andere überall. Die Hebräer und Lyranus meinen, einer dieser drei sei gesandt worden, die Geburt von Saras Kind zu verkünden; der zweite, Sodom zu zerstören; der dritte, Lot aus Sodom zu befreien. In Wirklichkeit aber wurden nicht einer, sondern zwei zusammen gesandt, sowohl um Sodom zu zerstören als auch um Lot daraus zu befreien, wie aus Kapitel 19, Vers 1, 10 und 16 hervorgeht. So Abulensis.
Zweitens: einer der drei, nämlich der mittlere, erschien glanzvoller als die anderen, weil er ein höherer Engel war; daher spricht er allein hier größtenteils und wird Herr genannt. Die Hebräer, nach Lyranus und Tostatus, meinen, dieser mittlere sei Michael gewesen, der Gabriel zur Rechten und Raphael zur Linken gehabt habe; diese beiden sandte er danach, um Sodom zu zerstören und Lot herauszuführen, wovon im folgenden Kapitel gehandelt wird. Daher redet Abraham diesen einen mittleren Engel an, als den glänzenderen der beiden anderen, hört auf ihn und betet ihn an. Woher allegorisch Eucherius, Buch 2 über die Genesis, Kapitel 27: „In den drei Männern," sagt er, „die zu Abraham kamen, wurde die Ankunft des Herrn Christus vorgebildet, begleitet von zwei Engeln, die die meisten für Mose und Elija halten; der eine der Gesetzgeber des alten Gesetzes, der durch ebendieses Gesetz die Ankunft des Herrn anzeigte; der andere, der am Ende der Welt kommen wird, die zweite Ankunft Christi anzukündigen und Sein Evangelium zu predigen."
Drittens: Abraham hielt bei seiner ersten Begegnung mit diesen dreien alle drei für Menschen, das heißt für gewöhnliche Gäste; denn der Apostel, Hebräer 13, sagt, daß er unwissentlich und ohne es zu bemerken Engel aufgenommen habe, weil er sie nämlich für Menschen hielt, nicht für Engel: daher wäscht er allen dreien die Füße wie Menschen und bereitet sorgfältig ein Mahl und alles andere, was Gäste brauchen. So der hl. Chrysostomus und Ambrosius.
Man wird einwenden: Wie wird dann hier gesagt, daß er sie angebetet habe? Ich antworte: „Er betete sie an," das heißt, sich auf den Boden werfend, erwies er ihnen die bürgerliche, bei den Orientalen übliche Ehrerbietung. In ähnlicher Weise verehrte er die Söhne Hets, Kapitel 23, Vers 7.
Man bemerke hier, mit welch großer nicht nur Liebe, sondern auch Ehrfurcht Abraham Gäste aufzunehmen pflegte. Von Abraham lernte Abt Apollonius diese Ehrfurcht, wie in den Lebensbeschreibungen der Väter berichtet wird: denn er selbst pflegte die von auswärts kommenden Brüder zu empfangen, sie zu verehren und sich bis zur Erde niederzuwerfen, und aufstehend küßte er sie, und er riet den Brüdern, ankommende Brüder wie den Herrn aufzunehmen: „Denn," pflegte er zu sagen, „unsere Überlieferung besagt, daß ankommende Brüder verehrt werden sollen, weil es gewiß ist, daß in ihrer Ankunft die Ankunft Christi gegenwärtig ist;" und er fügte das Beispiel Abrahams hinzu. Von dieser Überlieferung der Väter durchdrungen, schreibt der hl. Benedikt vor: „Allen Gästen, ob sie ankommen oder abreisen, soll mit geneigtem Haupt oder mit dem ganzen Leib auf der Erde niedergeworfen, Christus in ihnen angebetet werden, der auch in ihnen empfangen wird."
Viertens: Abraham erkannte im Umgang mit diesen dreien nach und nach aus ihrem Glanz, ihrer Rede, ihrer Majestät und anderen Zeichen sowie aus göttlicher Eingebung, daß sie nicht Menschen, sondern Engel waren, Gesandte Gottes, ja die Rolle und Person Gottes trugen, insbesondere der mittlere, der in der Person Gottes spricht und stets „Jahwe" genannt wird, was der Eigenname Gottes ist, dem Anbetung gebührt.
In ähnlicher Weise kann ein Gesandter eines Königs auf zweierlei Art geehrt werden: erstens als Gesandter; zweitens als der König, dessen Person er annimmt und repräsentiert, so daß man es betrachtet, als würde nicht so sehr der Gesandte als der König im Gesandten verehrt und geehrt, gleichwie Heilige in ihren Bildern dargestellt und verehrt werden: denn ein Gesandter ist das lebendige Bild seines Königs.
Fünftens: Diese drei bezeichneten sinnbildlich die Heilige Dreifaltigkeit, und der mittlere bezeichnete das göttliche Wesen, das den drei Personen gemeinsam ist. So der hl. Ambrosius, Eusebius und Cyrill; woher Abraham drei sah und einen anbetete, wie die Kirche singt.
Daraus folgt, daß Abraham diese Engel erstens mit Dulia verehrte, als Engel und Gesandte Gottes; zweitens, erkennend, daß sie Gott repräsentierten und die in ihnen dargestellte Heilige Dreifaltigkeit, verehrte er sie mit Latria, wie der hl. Augustinus lehrt; denn derjenige, der hier erscheint und mit Abraham spricht, wird stets „Jahwe" genannt, was der Eigenname Gottes ist, dem Latria gebührt.
Vers 4: Man wasche euch die Füße
MAN WASCHE EUCH DIE FÜSSE. — Gestattet, daß meine Diener, oder vielmehr ich selbst (wie der hl. Augustinus andeutet, Predigt 70 Über die Zeiten, und der hl. Hieronymus, Brief 26 an Pammachius) euch die Füße wasche. Abraham wandte sich vom mittleren, den er zuerst angesprochen hatte, zu den beiden seitlichen und richtete seine Rede an sie, wie wir es zu tun pflegen, wenn wir mit mehreren Personen zu tun haben.
Man beachte hier die Sitte Abrahams und der Alten, den Gästen die Füße zu waschen, sowohl um Schmutz als auch um Müdigkeit zu entfernen, worüber ich zu 1 Timotheus 5, Vers 10 gesprochen habe. Man sehe auch Wilhelm Hamer hier und ausführlich Jakob Gretser in seinem Werk Über die Fußwaschung.
Man möge hier fragen, welcher Art die Füße und welcher Art der Leib sind, den Engel annehmen, und auf welche Weise? Ich antworte: erstens können Engel sich keinen Leib substantiell, das heißt durch hypostatische Union, vereinen, weil dies allein der göttlichen Kraft zukommt; zweitens können Engel Leiber annehmen, indem sie sie sich akzidentell vereinen und sie bewegen, als ob sie lebendig wären. Drittens: obwohl Engel kürzlich verstorbene Leichname annehmen und sie bewegen können, als ob sie wirklich lebendig wären, wie es Dämonen zuweilen tun, bilden sie sich gewöhnlich einen Leib aus der umgebenden Luft, vermischt mit dichteren Ausdünstungen, teils dunkleren, teils helleren, so daß sie beide Arten so miteinander vermischen und verdichten, daß sie festen Leibern mit wahren Farben und Gestalten menschlicher Glieder gleichen, so daß die Wahrheit mit den Augen nicht erkannt werden kann. Dies geht daraus hervor, daß diese Leiber, wenn die Engel verschwinden, sich sogleich in Luft und Dampf auflösen. So Vasquez, Teil 1, Frage 184.
Daraus folgt erstens, daß in solchen Leibern keine wahren, sondern nur scheinbare Farben sind, wie wir sie in Wolken sehen; zweitens, daß ein Engel in einem solchen Leib keine vitalen Tätigkeiten ausüben kann, die allen Lebewesen gemeinsam sind, wie Sehen, Essen, Hören, Fühlen, Sprechen: denn damit diese vital sind, ist ein lebendiger und beseelter Leib erforderlich, und ein Engel kann einen Leib nicht beseelen, doch er kann diese Tätigkeiten so nachahmen, daß wir nicht erkennen können, daß sie falsch, vorgetäuscht oder bloß angedeutet sind. Drittens sind solche Leiber nicht wirklich dicht und fest wie andere Körper, sondern sie erscheinen so, weil der Engel Widerstand leistet.
Vasquez folgert daraus, daß solche Leiber keine wahre Weichheit oder Härte besitzen; und folglich zweitens, daß wir durch Berühren feststellen könnten, daß es keine wahren menschlichen Leiber sind, und er beweist dies aus Johannes 20: „Berührt Mich und seht, denn ein Geist hat nicht Fleisch und Bein, wie ihr seht, daß Ich habe." Aber diese Stelle ist nicht schlüssig, wie ich dort gesagt habe. Denn ebenso wie ein Engel die übrigen Eigenschaften eines Leibes zeigen kann, so kann er auch Weichheit und Härte des menschlichen Leibes, indem er in diesem oder jenem Teil mehr oder weniger Widerstand leistet, in einem solchen Leib so darstellen, daß er von einem Menschen nicht unterschieden werden kann; denn ebenso wie wir eine Hand, einen Arm, einen Finger bald steif, bald weich und biegsam machen können, je nachdem die Seele durch Nerven und Muskeln widerstehen will oder nicht will; und ebenso wie der Igel, oder das Gartenschweinchen, das wir gemeinhin Igel nennen, seine Stacheln wie Dornen ausstrecken oder einziehen kann: so kann es auch ein Engel. Daß dem so ist, ist klar: denn die Engel ließen sich berühren, als Abraham ihnen hier die Füße wusch, wie aus Vers 5 hervorgeht; und als sie die Hand Lots ergriffen und ihn aus Sodom herausführten, Kapitel 19, Vers 16.
Vers 5: Ein Bissen Brot
EIN BISSEN BROT. — Bescheiden lädt er sie nur zum Brot ein, während er ihnen ein prächtiges Mahl bereitet, wie aus dem Folgenden hervorgeht; dennoch einfach, nach der Sitte jenes Zeitalters; denn man liest hier nicht von Rebhühnern, Kapaunen, Hirschen usw. Ähnlich ist Kapitel 31, Vers 34, und anderswo.
So tadelte Platon den Luxus des Aristipp beim Fischkauf. Phokion, der seinen Sohn Phokus tadelte, weil er mehr Zukost als gewöhnlich eingekauft hatte, drohte ihm, wenn er mehr als die Natur erfordere äße oder sich vollstopfe, werde er die gebührende Strafe zahlen. Durch das Gesetz des Konsuls C. Fannius wurde bestimmt, daß bei den Römern kein Geflügel außer einem einzigen Huhn, das nicht gemästet sei, aufgetragen werde; und er setzte die Grenze für jedes häusliche Mahl auf zehn As fest: Macrobius und Gellius sind Zeugen dafür. Cicero lobte an Q. Crassus und Q. Scaevola nicht bloße Eleganz, sondern mit viel Sparsamkeit vermischte Eleganz: „Crassus," sagte er, „war der sparsamste unter den Eleganten, Scaevola der eleganteste unter den Sparsamen." M. Cato trank in seiner Prätur und seinem Konsulat denselben Wein wie seine Arbeiter: er kaufte Mahlzeitvorräte auf dem Markt für dreißig As und sagte, er tue dies um des Staates willen, damit sein Körper für den Militärdienst kräftig sei.
DESHALB — das heißt, damit ihr mich ehrt, indem ihr meine Gastfreundschaft annehmt; oder, wie andere erklären, als wollte er sagen: Gottes Vorsehung hat es so gefügt, daß ihr zur Mittagsstunde an mir vorbeikommt, damit ihr meine Gastfreundschaft erfahren möget, und so erfreuet ihr nicht so sehr euch selbst als mich, der an Gästen und Gastfreundschaft wunderbar Freude und Nahrung findet.
Vers 6: Drei Maß
DREI MASS. — „Satum," oder wie die Hebräer sagen, seah, ist eine Art Trockenmaß, gleich dem Bath, das für Flüssigkeiten ist; unser Übersetzer gibt es anderswo als modius wieder; da also drei Modii oder drei Sata ein Epha ausmachten, wie aus Rut 2,17 hervorgeht, gleichwie zehn Epha einen Kor ergaben, der dreißig Modii enthält, wie aus Ezechiel 45,11 hervorgeht, folgt daraus, daß ein Satum ein Drittel eines Epha und ein Dreißigstel eines Kor war.
Ferner enthielt dieser Modius oder das hebräische Satum drei attische Modii, wie sich aus Josephus, Buch 15 der Altertümer, Kapitel 11 ergibt. Einen italischen Modius und einen halben enthielt es jedoch, nach dem Zeugnis des hl. Hieronymus zu Matthäus, Kapitel 13, und des Josephus, Altertümer, Buch 9, Kapitel 4.
Unter der Asche gebackene Kuchen. — Diese sind breit und flach, ohne Sauerteig, sogleich außerhalb des Ofens unter der Asche gebacken: damit wir auf diese Weise sofort den Hunger der Gäste stillen können.
Man beachte: Die Hebräer pflegten von alters her, wie es die Sarazenen und fast alle Mauren noch tun, die den Hebräern in Sprache, Kleidung und Bräuchen ähnlich sind, täglich in einem irdenen Gefäß und einer Schale Mehl zu kneten und daraus jeden Tag Brot zu backen, entweder in Öfen oder auf einem Rost oder in einer bedeckten Pfanne, die ringsum mit Kohlen und Asche umgeben war: sowohl damit das Brot frischer sei, als auch damit es aus dem Stegreif bereitet und zur Hand sei — wenn Gäste eintrafen. Daher findet sich in der Schrift häufig die Erwähnung von unter der Asche gebackenem Brot, das die Hebräer ugga nennen, als wollten sie „angesengt" sagen.
Tropologisch handelt der hl. Gregor über die Pflicht Abrahams und Saras, das heißt des Geistes und des Fleisches in göttlichen Dingen und Verheißungen, in Buch 9 der Moralia, Kapitel 51: „Sara," sagt er, „die die Verheißungen Gottes hört, lacht, aber lachend wird sie getadelt, und getadelt wird sie alsbald fruchtbar gemacht: denn als die Sorge des Fleisches aufgehört hatte, auf sich selbst zu vertrauen, empfing sie wider alle Hoffnung aus der göttlichen Verheißung, was sie aus menschlicher Überlegung zu haben bezweifelt hatte; daher wird auch Isaak mit Recht ‚Lachen' genannt, denn wenn der Geist Zuversicht in die himmlische Hoffnung faßt, was bringt unser Herz anderes hervor als Freude? Es muß daher gesorgt werden, daß weder die Sorge des Fleisches die Grenzen der Notwendigkeit überschreite, noch sich bei dem, was sie mäßig ausübt, anmaße," usw.
Vers 8: Er stand neben ihnen
ER STAND NEBEN IHNEN — als einer, der diente und seine drei Gäste zum guten Speisen ermunterte. UNTER DEM BAUM. — Der hl. Augustinus, Predigt 66 Über die Zeiten: „Abraham," sagt er, „wohnte bei einem Baum, unter dem eine Art Unterstand errichtet worden war, eng zwar für einen Menschen, aber hinreichend für die göttliche Majestät. Denn andächtiger Glaube errichtete einen Gottes würdigen Palast, in dem die göttliche Majestät zu speisen hatte."
Vers 9: Als sie gegessen hatten
Und als sie gegessen hatten. — Dieses Essen der Engel war kein wirkliches und kein vitales, weil es nicht von einer den Leib informierenden Seele vollzogen wurde, sondern von einer einem von ihnen angenommenen Luftleib assistierenden; die Engel leiteten daher die Nahrung in das Innere des von ihnen angenommenen Leibes und lösten sie dort in Luft auf, gleichwie die Sonne Feuchtigkeit von der Erde in Dampf auflöst und verzehrt, ohne sie in sich zu verwandeln. So Theodoret. Man sehe, was zu Vers 4 gesagt wurde.
Anders verhält es sich mit Christus, der nach Seiner Auferstehung wahrhaft mit den Aposteln aß, aber in ähnlicher Weise wie diese Engel die von Ihm verzehrte Nahrung in Luft auflöste; denn ein verklärter Leib wird nicht durch Nahrung genährt. So der hl. Thomas, Teil 1, Frage 51, Artikel 2, Antwort 5.
Vers 10: Ich werde zu dir kommen
ER SPRACH ZU IHM (Abraham) — einer, der für drei sprach, nämlich der mittlere, glanzvoller als die anderen, der vornehmlich zu diesem Zweck gesandt war; denn die beiden anderen gingen danach nach Sodom, um es zu zerstören, wie aus Vers 22 hervorgeht.
ICH WERDE ZU DIR KOMMEN UM DIESE ZEIT — im folgenden Jahr, an eben diesem Tag und zu dieser Stunde, wie die Septuaginta überliefert; daher ist es gewiß, daß er zu Abraham zurückkehrte: denn er verspricht es hier, obwohl die Tatsache, daß er es wirklich erfüllte, im Folgenden nicht erzählt wird.
WENN DAS LEBEN ES ERLAUBT. — Solange ihr lebt und Sara wohlauf und froh ist; im Hebräischen heißt es: „nach dieser Zeit des Lebens," das heißt, wie der Chaldäer übersetzt, zu dieser Zeit, da ihr am Leben sein werdet; denn sie sprechen nicht von ihrem eigenen Leben (da sie Engel sind, über deren ewiges Leben kein Zweifel bestehen kann), sondern vom Leben und Wohlergehen Abrahams und Saras, und sie verbürgen hier beides einem jeden von ihnen zusammen mit Nachkommenschaft, als wollten sie sagen: Ihr werdet dann leben und einen Sohn haben.
Daher erklärt Abulensis nicht richtig „wenn das Leben es erlaubt" als bedeute es „wenn das Leben sowohl euch als auch mir erhalten bleibt," als ob der Engel zweifelhaft über sein eigenes Leben spräche wie ein Mensch, der über sein zukünftiges Leben ungewiß ist; denn der Engel verspricht hier gewiß, daß er zu Abraham und Sara zurückkehren werde, und verspricht ihnen gewiß Nachkommenschaft und verbürgt folglich beiden gewisses Leben; er schließt daher jeden Zweifel sowohl über Nachkommenschaft als auch über Leben aus.
Vers 11: Was bei Frauen üblich ist
Was bei Frauen üblich ist, hatte aufgehört — das heißt der Fluß der Menstruation, der zur Empfängnis notwendig ist.
Vers 12: Sie lachte heimlich
SIE LACHTE HEIMLICH. — Im Hebräischen, Chaldäischen und Griechischen heißt es: sie lachte bei sich selbst; sie lachte wie über etwas Unmögliches, nämlich daß eine alte und unfruchtbare Frau ein Kind gebären werde. So der hl. Augustinus hier, Quaestio 36. Denn das Lachen ist eine Art Widerlegung, sagt Platon im Gorgias. Daher tadelte auch der Engel ihr Lachen, als aus Zweifel oder Mißtrauen hervorgegangen, als er sagte: „Ist für Gott etwas schwer?" Der hl. Ambrosius jedoch meint, dieses Lachen Saras sei eher ein Hinweis auf ein zukünftiges Geheimnis gewesen als ein Zeichen des Unglaubens: „Denn sie lachte," sagt er, „noch nicht wissend, worüber sie lachte, nämlich daß sie in Isaak eine öffentliche Freude gebären werde." Aber was ich zuerst gesagt habe, ist wahrer.
Mein Herr — mein Gemahl Abraham. Nach dem Beispiel Saras sollen gute Ehefrauen ihre Ehemänner ehren und sie Herren nennen, wie der hl. Petrus ermahnt, 1 Petrus 3,5-6.
Vers 13: Der Herr sprach
Aber der Herr sprach — das heißt jener mittlere Engel, der den Herrn repräsentierte, wie ich zu Vers 2 gesagt habe. Durch dieses Wort zeigte der Engel, der Saras verborgenes Lachen enthüllte, daß er nicht ein Mensch, sondern ein Engel oder Gott sei. Daher übersetzt der Chaldäer für das, was folgt: „Ist für Gott etwas schwer?" mit: „Wird ein Wort vor dem Angesicht des Herrn verborgen sein?" denn das Hebräische pala kann auf beide Weisen wiedergegeben werden.
Vers 16: Die Männer
Die Männer — jene drei Engel, Vers 2.
Vers 17: Kann Ich verbergen
Der Herr — der mittlere Engel, der glanzvollere, der die Person Gottes repräsentierte.
KANN ICH VERBERGEN — Im Hebräischen hamecasse, „soll Ich verbergen?" Meine Liebe und Vertrautheit erlaubt Mir nicht, diese Meine Geheimnisse vor Meinem Freund Abraham zu verbergen, der Mir so lieb ist, zumal Ich weiß, daß er, sobald er Meinen Beschluß über die Zerstörung Sodoms erfahren hat, für sie beten wird. Ich will ihm also durch diese Offenbarung Stoff zur Liebe und zum Gebet geben und zugleich zeigen, wieviel Ich seinen Gebeten gewähre, und andererseits wollte Ich kundtun, wie groß die Verderbtheit und Verdorbenheit Sodoms war, in dem nicht einmal zehn Gerechte gefunden wurden, so daß Abraham es nicht wagte, weiter für sie zu bitten.
Vers 18: Da er doch werden soll
Da er doch werden soll. — Dies ist ein Argument vom Größeren her, als wollte Er sagen: Ich habe Abraham mit einer so ausgezeichneten Wohltat so großer Nachkommenschaft und Segnung geehrt; daher ist es recht, daß Ich ihm eine so geringe Wohltat, nämlich die Offenbarung Meines Geheimnisses, nicht versage.
SEHR MÄCHTIG. — Im Hebräischen atsum, das heißt „knochenstark," wie Aquila übersetzt, das heißt „stark" (wie Knochen), wie Symmachus übersetzt, das heißt „zahlreich," wie die Septuaginta übersetzt: denn die Stärke eines Volkes besteht besonders in seiner Zahl.
Vers 19: Denn Ich weiß
DENN ICH WEISS. — Dies ist der zweite Beweggrund, der Gott dazu veranlaßt, Abraham Seine Geheimnisse zu offenbaren, nämlich daß Er durch sie, das heißt durch die Bestrafung Sodoms, Abraham seine Nachkommen belehren lassen will, damit sie sich vor ihren Sünden hüten, um nicht in gleicher Weise bestraft zu werden.
DAMIT SIE RECHT UND GERECHTIGKEIT ÜBEN — das heißt, damit sie recht und gerecht leben: denn „Recht" bezeichnet das, was nach dem Urteil Gottes und der Weisen richtig, gerecht und heilig ist. So Vatablus.
DAMIT DER HERR ÜBER ABRAHAM BRINGE. — Dies kann aus dem Hebräischen auch als „über Abraham" übersetzt werden. Gott spricht hier von Sich in der dritten Person. Denn der Sinn ist: Damit Ich erfülle, was Ich Abraham verheißen habe, nämlich daß Ich jenes seinen Nachkommen schenke.
Vers 20: Das Geschrei von Sodom
DAS GESCHREI VON SODOM. — Dies ist eine Personifikation, als wollte Er sagen: Die Sünden Sodoms waren so ungeheuerlich und schamlos (denn dies bedeutet „Geschrei," sagt der hl. Augustinus), daß sie öffentlich und überall in aller Munde waren, und so drang ihr Ruf (wie Vatablus übersetzt) durch die Engel zum Himmel und gelangte zu Mir: ja ihre Sünden selbst stiegen gleichsam als Ankläger zum Himmel zu Mir empor und schreien wider sie.
Vers 21: Ich will hinabsteigen und sehen
„Ich will hinabsteigen und sehen." Gott stieg durch diese beiden Engel hinab, die ebenfalls Gott repräsentierten; die der dritte, nämlich der mittlere und glanzvollere Engel, nach Sodom sandte.
Aus dieser Stelle ermahnt das Erste Laterankonzil, Kapitel 8, die Richter, nicht leichtfertig Anklagen zu glauben, sondern sie langsam und reiflich nach der Art Gottes zu prüfen und zu untersuchen, bevor sie den Angeklagten verurteilen. Denn wie Seneca sagt, Buch II Über den Zorn: „Der Tag enthüllt die Wahrheit, und eine aufgeschobene Strafe kann noch vollzogen werden, eine bereits vollstreckte aber nicht zurückgerufen." Dasselbe hat jeder zu tun, damit er nicht leichtfertig Anklägern oder Verleumdern glaube. Denn es ist das Zeichen eines kleinen Geistes, schnell zu zürnen und Gerüchten zu glauben. Denn oft gibt Bosheit einem üblen Gerücht den Anfang und Leichtgläubigkeit den Zuwachs.
„Von Gott," sagt Philo in Über die Verwirrung der Sprachen, „wird gesagt, er steige herab um zu sehen, Er, der alle Dinge höchst klar voraussieht, bevor sie geschehen, damit uns gelehrt werde, daß kein Mensch glauben soll, er könne Vermutungen über abwesende, zukünftige und ungewisse Dinge anstellen; sondern er muß zuerst höchst sorgfältig vorausschauen, denn der sichere Zeuge des Sehens, nicht der trügerische des Hörens soll herangezogen werden." Und der hl. Gregor, Buch 19 der Moralia, Kapitel 23, das Wort Ijobs auslegend, Kapitel 29, Vers 16 — „Und die Sache, die ich nicht kannte, untersuchte ich aufs sorgfältigste" — sagt so: „Gott, dem alle Dinge nackt und offen sind, bestrafte die Übel der Sodomiter nicht vom Hörensagen, sondern von Augenschein." Daher ermahnt der hl. Chrysostomus die Prälaten, nicht allein aufgrund von Volksgerüchten etwas zu entscheiden: „Urteile nicht," sagt er, „nach deinem Verdacht, bevor du erfährst, ob die Sache wirklich so ist; noch beschuldige jemanden; sondern ahme vielmehr Gott nach, der in Genesis 18 sagt: Ich will hinabsteigen und sehen." Bekannt ist der Fehltritt Kaiser Theodosius' in seinem voreiligen Urteil und dem Massaker an den Thessalonikern, das er nach der Ermahnung des hl. Ambrosius hernach so tief bereute; und jener Davids bezüglich Mefiboschets, 2 Könige 16,4, verglichen mit 2 Könige 19,27.
Gott spricht und handelt hier nach der Weise unserer Richter, die eine Sache aus der Nähe untersuchen und den Gegenstand selbst in Augenschein nehmen, wie ich gesagt habe. Denn Gott kennt alle Dinge von Ewigkeit her, vor aller Erfahrung.
Man beachte: Gott nahm diese Erfahrung im folgenden Kapitel, Vers 5, als Er Sich durch diese beiden Engel den Sodomitern in der Erscheinung zweier Männer darbot, die sofort von ihnen zur Schändung begehrt wurden.
Man beachte zweitens, daß die Sünden Sodoms zahlreich waren, aber die hauptsächlichen waren Müßiggang, Völlerei, Hochmut, Ungastlichkeit, Grausamkeit, Verachtung Gottes, und aus diesen war eine so ungeheuerliche Wollust geboren, Ezechiel 16,49, wie ich zu Kapitel 13, Vers 13 gesagt habe.
Vers 22: Sie wandten sich ab
„Und sie wandten sich ab." Aus dieser Stelle und aus dem folgenden Kapitel, Vers 1, geht hervor, daß zwei Engel von Abraham nach Sodom aufbrachen, der dritte aber noch bei ihm blieb. Daher fügt Mose über ihn hinzu (sagt der Chaldäer) „vor dem Herrn"; denn Abraham betet zu Ihm bis zum Ende des Kapitels, daß Er Sodom verschone. Als daher das Gebet und das Gespräch beendet waren, ging jener dritte von Abraham fort und verschwand, wie aus Vers 33 hervorgeht.
Vers 25: Du, der die ganze Erde richtest
„Du, der die ganze Erde richtest" — der Du der gerechteste Richter bist, die Norm der Gerechtigkeit und der Richter der Richter der Erde.
Vers 26: Inmitten der Stadt
„Inmitten der Stadt" — in der Stadt selbst; denn dies bedeutet hier der Hebraismus. Unter dieser Stadt oder Metropole, nämlich Sodom, verstehe man die ganze Pentapolis; wenn daher Gott in der ganzen Pentapolis zehn Gerechte gefunden hätte, hätte Er der ganzen Pentapolis verschont. So sagt Abulensis. „Daraus," sagt der hl. Ambrosius, „lernen wir, welch große Mauer für sein Vaterland ein gerechter Mann ist, und wie wir heilige Männer nicht beneiden noch leichtfertig herabsetzen sollen. Denn ihr Glaube rettet uns, ihre Gerechtigkeit verteidigt uns vor der Vernichtung; auch Sodom hätte, wenn es zehn gerechte Männer gehabt hätte, dem Untergang entgehen können."
Vers 27: Da ich einmal begonnen habe
„Da ich einmal begonnen habe." Das Wort „beginnen" bedeutet in der Schrift häufig begehren, wünschen, eifrig sein, versuchen, sich anschicken, unternehmen; denn das hebräische Wort ist hoalti. Daher hat das Hebräische wörtlich: „Ich begehre oder bin eifrig, zum Herrn zu reden, obwohl ich Staub und Asche bin," das heißt das Wertloseste und Niedrigste. So sagt Vatablus.
Erkenne daher, o Mensch, o Fürst, besonders vor Gott im Gebet, daß du Staub und Asche bist: erkenne dich selbst. Der hl. Augustinus, Buch 13 des Gottesstaates, Kapitel 8, berichtet, daß Alkibiades, von höchstem Stande geboren, als er durch das Gespräch des Sokrates sich selbst erkannt und begriffen hatte, daß kein Unterschied zwischen ihm und irgendeinem gewöhnlichen Lastträger bestehe, weinte und darum bat, daß ihm Tugend mitgeteilt werde.
„Wisse," sagt der Verfasser des Buches Über den Geist und die Seele bei dem hl. Augustinus, Kapitel 51, „daß du ein Mensch bist, dessen Empfängnis Sünde ist, dessen Geburt Elend, dessen Leben Strafe, und der notwendig sterben muß; darum achte sorgfältig auf das, was du tust oder tun sollst." Und der hl. Bernhard in seinem Gedicht: „Worüber wird der Mensch stolz, dessen Empfängnis Sünde, dessen Geburt Strafe, dessen Leben Mühe ist, und der notwendig sterben muß?"
Der hl. Ägidius, der Gefährte des hl. Franziskus, sagt vortrefflich: „Die Demut," sagt er, „ist wie ein Blitz, der zwar trifft, aber keine Spur hinter sich läßt; so zerstreut die Demut wahrhaft jede Sünde und bewirkt doch, daß der Mensch in seinen eigenen Augen ein Nichts sei." Durch diese Demut wurde Abraham Gott lieb und Sein Freund; denn wie der hl. Ludwig, Bischof von Toulouse, zu sagen pflegte: „Nichts ist Gott so angenehm, als wenn wir, die durch das Verdienst unseres Lebens groß sind, in der Demut die Niedrigsten sind, da einer Gott um so kostbarer ist, je wertloser er in seinen eigenen Augen um Gottes willen ist."
Vers 32: Ich werde sie nicht vernichten um der zehn willen
„Ich werde sie nicht vernichten um der zehn willen." Hier flößte Gott Abraham Furcht und Scheu ein, damit er in seiner Bitte nicht weiter fortschreite bis zu vier, die in Wirklichkeit die einzigen Gerechten in Sodom waren, nämlich Lot, seine Frau und seine beiden Töchter, sagt der hl. Chrysostomus. Denn alle übrigen, gleichsam als Schuldige, wurden durch himmlisches Feuer in Sodom verzehrt. Gott tat dies, damit Er, wenn Er weniger anböte und Selbst ablehnte, Abraham nicht betrübe; denn Er hatte unwiderruflich beschlossen, diese vier Städte zu vernichten, da das Maß der Sünden Sodoms bereits voll war, ja überfloß.
Man wird einwenden: Warum ließ Gott Abraham wenigstens nicht zu acht oder fünf herabsteigen, damit er bitte, die Pentapolis um acht oder fünf Gerechter willen zu verschonen? Abulensis antwortet, daß es leicht sieben oder acht Gerechte in der Pentapolis hätte geben können; denn wenn es in Sodom vier Gerechte gab, hätte in jeder der übrigen Städte leicht einer gefunden werden können; und da jene Städte vier waren, hätte es insgesamt acht Gerechte in der Pentapolis gegeben.
Wenn man einwendet: Verbrannten dann diese vier Gerechten mit den Gottlosen in der Pentapolis? antwortet Abulensis: keineswegs, denn ebenso wie Lot mit seiner Frau und seinen Töchtern Sodom verließ, so verließen die übrigen vier Gerechten ihre Städte und die ganze Pentapolis, entweder auf Warnung der Engel oder durch göttliche Eingebung, vor ihrer Zerstörung. Aber dies ist bloße Vermutung und Wahrsagerei. Da daher alle Bewohner der Pentapolis, außer Lot mit seiner Familie und außer den Bewohnern der Stadt Segor, von himmlischem Feuer wie von einem plötzlichen Blitzschlag getroffen und verzehrt wurden, ist es klar, daß sie alle gleichermaßen gottlos waren.
Ich antworte daher, daß Abraham nicht unter zehn herabstieg, teils weil er im vorausgehenden Vers gesagt hatte, dies werde seine letzte Bitte sein; denn da er so viele Male durch Verringerung der Zahl herabgestiegen war, wagte er nicht, weiter herabzusteigen, damit er Gott nicht lästig fiele und in Ihm Überdruß oder Zorn erregte; teils weil Abraham fortlaufend von vierzig bis zehn, jeweils um zehn, herabgestiegen war. In gleicher Weise und Folgerichtigkeit hätte er daher von zehn auf eins oder null herabsteigen müssen. Und schließlich, weil er meinte, daß zehn Gerechte leicht in der Pentapolis zu finden wären.
Aber warum erwähnte Abraham seinen Neffen Lot nicht? Warum erbat er nicht, daß er von der gemeinsamen Vernichtung errettet werde? Hat Mose dies als etwas Offensichtliches übergangen? Oder vertraute Abraham, weil er wußte, daß Lot gerecht war, darauf, daß er errettet werde?
Der hl. Chrysostomus, Homilie 42, lehrt hier eine sittliche Lektion darüber, wie hoch die Gerechten geachtet werden sollen, auch wenn sie äußerlich wertlos und arm erscheinen, da um ihretwillen Gott gottlosen Städten und Provinzen verschont: denn sie sind die Fundamente und Säulen des Gemeinwesens. Ein solcher war David, von dem Gott zu Hiskija sprach: „Ich will diese Stadt beschützen und sie erretten um Meines Knechtes David willen," 4 Könige 19,34. Ein solcher war Elija, der nur einen Schafspelz hatte, und Ahab, in Purpur gekleidet, bedurfte des Schafspelzes jenes Mannes. Mit diesem Schafspelz verschloß er den Himmel und hielt den Regen zurück. Und die Zunge des Propheten war ein Zügel für den Himmel; der aber, der in Purpur gekleidet und mit einem Diadem gekrönt war, ging umher und suchte den Propheten. Daher sagt Paulus von ihm und seinesgleichen: „Sie gingen umher in Schafspelzen, in Ziegenfellen, Mangel leidend, bedrängt, mißhandelt — deren die Welt nicht wert war," Hebräer 11,37. „So daß nicht zu bezweifeln ist, daß die Welt noch durch ihre Verdienste besteht," sagt Rufinus, Vorrede zu Buch 2 der Lebensbeschreibungen der Väter.
Vers 33: Der Herr ging fort
„Und der Herr ging fort." Dieser eine Engel verschwand, als das Gespräch mit Abraham beendet war; die beiden anderen aber gingen weiter nach Sodom, wie aus dem folgenden Kapitel, Vers 1, hervorgeht.