Cornelius a Lapide

Genesis XXII


Inhaltsverzeichnis


Zusammenfassung des Kapitels

Abraham gehorcht dem Befehl Gottes, seinen Sohn zu opfern, wird aber von einem Engel aufgehalten. Zweitens empfängt er in Vers 15 einen reichen Lohn und Segen für seinen Gehorsam. Drittens wird in Vers 20 die Abstammung Nahors und Rebekkas verzeichnet, jener Frau, die die Gemahlin Isaaks werden sollte.


Vulgata-Text: Genesis 22,1-24

1. Nachdem dies geschehen war, prüfte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham, Abraham. Und er antwortete: Hier bin ich. 2. Er sprach zu ihm: Nimm deinen einziggeborenen Sohn, den du liebst, Isaak, und geh in das Land der Schauung, und dort opfere ihn als Brandopfer auf einem der Berge, den ich dir zeigen werde. 3. Abraham stand also des Nachts auf, sattelte seinen Esel und nahm zwei junge Knechte und seinen Sohn Isaak mit sich. Und als er Holz für das Brandopfer gespalten hatte, ging er zu dem Ort, den Gott ihm befohlen hatte. 4. Am dritten Tag aber erhob er seine Augen und sah den Ort von ferne. 5. Und er sprach zu seinen Knechten: Wartet hier mit dem Esel; ich und der Knabe werden eilends dorthin gehen, und nachdem wir angebetet haben, werden wir zu euch zurückkehren. 6. Er nahm auch das Holz für das Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak; er selbst aber trug in seinen Händen Feuer und ein Schwert. Und als die beiden miteinander gingen, 7. sprach Isaak zu seinem Vater: Mein Vater. Und er antwortete: Was willst du, mein Sohn? Siehe, sagte er, hier ist Feuer und Holz; wo aber ist das Opfertier für das Brandopfer? 8. Und Abraham sprach: Gott wird sich selbst ein Opfertier für das Brandopfer ersehen, mein Sohn. So gingen sie miteinander weiter, 9. und sie kamen an den Ort, den Gott ihm gezeigt hatte, wo er einen Altar baute und das Holz darauf ordnete; und als er seinen Sohn Isaak gebunden hatte, legte er ihn auf den Altar über den Holzstoß. 10. Und er streckte seine Hand aus und ergriff das Schwert, um seinen Sohn zu opfern. 11. Und siehe, ein Engel des Herrn rief vom Himmel und sprach: Abraham, Abraham. Und er antwortete: Hier bin ich. 12. Und er sprach zu ihm: Streck deine Hand nicht aus gegen den Knaben und tu ihm nichts; nun weiß ich, daß du Gott fürchtest und deinen einziggeborenen Sohn nicht verschont hast um Meinetwillen. 13. Abraham erhob seine Augen und sah hinter sich einen Widder, der sich mit seinen Hörnern im Dorngestrüpp verfangen hatte; er nahm ihn und opferte ihn als Brandopfer an Stelle seines Sohnes. 14. Und er nannte jenen Ort: Der Herr sieht. Daher sagt man bis auf den heutigen Tag: Auf dem Berge wird der Herr sehen. 15. Und der Engel des Herrn rief Abraham ein zweites Mal vom Himmel und sprach: 16. Bei Mir selbst habe Ich geschworen, spricht der Herr; weil du dies getan hast und deinen einziggeborenen Sohn nicht verschont hast um Meinetwillen, 17. werde Ich dich segnen und deine Nachkommen vermehren wie die Sterne des Himmels und wie den Sand am Ufer des Meeres; dein Same soll die Tore seiner Feinde besitzen, 18. und in deinem Samen werden alle Völker der Erde gesegnet werden, weil du Meiner Stimme gehorcht hast. 19. Abraham kehrte zu seinen Knechten zurück, und sie gingen zusammen nach Beerscheba, und er wohnte dort. 20. Nachdem dies geschehen war, wurde Abraham gemeldet, daß auch Milka Söhne geboren hatte, seinem Bruder Nahor: 21. Uz, den Erstgeborenen, und Buz, seinen Bruder, und Kemuel, den Vater der Syrer, 22. und Chesed und Haso und Pildas und Jidlaf, 23. und Betuel, von dem Rebekka geboren wurde: diese acht gebar Milka dem Nahor, Abrahams Bruder. 24. Und seine Nebenfrau mit Namen Reuma gebar Tebach und Gaham und Tahas und Maacha.


Vers 1: Gott prüfte Abraham

GOTT PRÜFTE ABRAHAM — indem Er ihm einen herausragenden Gegenstand und Stoff heroischer Tugend und des Gehorsams gab und vorlegte, zu dem Zweck: daß Er die in seiner Seele verborgene Tugend offenbare, schärfe, vollende und schließlich kröne. Der Teufel dagegen versucht, indem er Lockungen vorlegt, zu dem Zweck: den Menschen in Sünden und die Hölle zu ziehen; dieser Übel ist Gott nicht der Urheber, denn Er selbst versucht niemanden auf diese Weise und zu diesem Zweck.

Selbst Seneca erkannte dies, wenngleich dunkel, in seinem Buch Über die Vorsehung: „Gott", sagt er, „erzieht gute Männer streng, wie strenge Väter ihre Söhne, und spricht: Durch harte Mühen, Schmerzen und Verluste sollen sie Stärke sammeln; die Tugend erschlafft ohne Gegner; in dessen Gegenwart wird sie geschärft und bleibt inmitten von Widrigkeiten in ihrem Zustand und zieht alles, was geschieht, in ihre eigene Farbe, wie das Meer die Flüsse. Siehe ein Schauspiel, Gottes würdig: ein tapferer Mann im Kampf gegen widrige Geschicke — ein Anblick, Gottes würdig. Das Glück sucht sich wie ein Gladiator die Tapfersten als Ebenbürtige und geht an den übrigen verächtlich vorüber: es prüft das Feuer bei Mucius, die Armut bei Fabricius, die Verbannung bei Rutilius, die Folter bei Regulus, das Gift bei Sokrates, den Tod bei Cato." Weit mehr prüft unser Gott das Feuer bei Laurentius, die wilden Tiere bei Ignatius, die Steine bei Stephanus, die Folterbank bei Vinzenz, das Rad bei Katharina, das Schwert bei Dorothea.

Seneca fährt fort: „Am gefährlichsten ist das Übermaß des Wohlstands. Große Männer freuen sich manchmal an Widrigkeiten, nicht anders als tapfere Soldaten in Kriegen. Den Steuermann erkennst du im Sturm, den Soldaten in der Schlacht. Die Götter werden mit guten Männern dieselbe Methode anwenden wie Lehrer mit ihren Schülern, die von denen, bei denen die Hoffnung auf Gelehrsamkeit sicherer ist, mehr Mühe verlangen."

„Das ist die Absicht Gottes, die auch die eines weisen Mannes ist: zu zeigen, daß die Dinge, die die Menge begehrt, und die Dinge, die die Menge fürchtet, weder gut noch böse sind; darum legt Er sie den Guten wie den Bösen vor." Sie sind keine Übel, außer für den, der sie schlecht erträgt. „Was ist die Pflicht eines guten Mannes? Sich dem Schicksal (Gott) darzubieten: es ist ein großer Trost, mit dem Weltall mitgerissen zu werden. Gott hat alle Übel von ihm entfernt — nämlich die Schandtaten."

„Die Duldenden sind als Beispiel geboren. Gott steht jenseits des Leidens; sie stehen über dem Leiden. Gott spricht also zu ihnen: Ich habe euch feste Güter gegeben; und das Festeste von allem ist das, was Er geprüft hat." „Die Rechtschaffenen sollen sagen: Wir sind von Gott für würdig befunden worden, an denen Er erproben möge, wieviel die menschliche Natur ertragen könne. Die besten Soldaten werden zu den härtesten Aufgaben geschickt." Dies und mehr findet sich verstreut bei Seneca.

Die Hebräer merken an, daß Abraham zehnmal von Gott geprüft wurde: erstens, als ihm befohlen wurde, seine Heimat und Verwandtschaft zu verlassen und als Fremder in ein unbekanntes Land zu gehen; zweitens, als er wegen einer Hungersnot in Ägypten weilen mußte; drittens, als ihm seine Frau vom Pharao genommen wurde und er selbst sein Leben, seine Frau aber ihre Keuschheit in Gefahr brachte; viertens, als er wegen Streitigkeiten zwischen ihren Knechten gezwungen war, sich von Lot zu trennen, den er wie einen Sohn aufgezogen und geliebt hatte; fünftens, als er auf das tapferste gegen vier Könige kämpfte, um den gefangenen Lot zu befreien; sechstens, als er Hagar, die er zur Frau genommen und die bereits von ihm schwanger war, auf Saras Drängen aus seinem Haus verstieß; siebentens, als ihm als altem Mann die Beschneidung geboten wurde; achtens, als ihm seine Frau vom König Abimelech genommen wurde; neuntens, als er wiederum seine Frau Hagar und seinen Sohn Ismael aus dem Haus verstieß — zuerst auf Saras Antrieb, dann auf Gottes Gebot; zehntens, als ihm befohlen wurde, seinen Sohn Isaak zu opfern. Und weil diese letzte die schwerste von allen war, nennt Mose sie allein eine „Prüfung".

UND ER SPRACH ZU IHM — des Nachts, durch eine Vision, wie aus Vers 3 hervorgeht.

HIER BIN ICH. Im Hebräischen hinneni, „siehe, ich" — das heißt: als Diener bin ich bereit an Leib und Seele, Dir zu gehorchen und mich und all das Meine auf Deinen Wink hinzugeben. Was also verlangst Du von mir?


Vers 2: Nimm deinen Sohn

NIMM DEINEN SOHN. Die hebräischen Worte stechen und stacheln Abrahams Seele noch mehr, denn sie lauten: Nimm nun deinen Sohn, deinen einzigen, den du geliebt hast, Isaak. Und die Septuaginta: Nimm deinen Sohn, jenen deinen Geliebten, den du geliebt hast, jenen Isaak. So viele Worte hier stehen, so viele sind die Stachel, so viele die Prüfungen.

Erstens sagt Er „nimm" — nicht Ochsen, nicht Knechte, sondern „deinen Sohn". Zweitens, und zwar „deinen einzigen" — hättest du viele, könntest du leicht einen von vielen geben; nun aber hast du einen Einziggeborenen, und ihn verlange Ich, daß du ihn Mir opferst. Drittens, „den du liebst" — im Hebräischen „den du geliebt hast", das heißt beständig, bis jetzt ohne jede Unterbrechung oder Verminderung der Liebe: sowohl weil Isaak von süßestem Wesen war, höchst ehrerbietig und gehorsam seinem Vater gegenüber; als auch weil sein Vater ihn im Alter durch ein Wunder gezeugt hatte; und weil durch Isaak Abraham die größte Nachkommenschaft verheißen worden war und jeder Segen, ja Christus selbst, durch den er das ewige Leben erhoffte. Indem er also seinen Sohn darbrachte, brachte er zugleich alle seine Hoffnungen und alle ihm verheißenen Güter Gott dar. Viertens, „Isaak" — als wollte Er sagen: Gib Mir deinen Isaak, dein Lachen, deine Freude, deinen Liebling. Dieser Name traf und verwundete die Ohren und die Seele des Vaters auf wunderbare Weise, denn nun sollte er nicht Isaak, sondern Abel sein; nicht Benjamin, sondern Ben-Oni; nicht Lachen, sondern Trauer. Siehe Origenes, Homilie 8. Fünftens, „du sollst opfern" — Er sagt nicht: Du wirst ihn zum Opfern geben, sondern du sollst ihn mit deinen eigenen Händen schlachten, verbrennen und opfern. Sechstens, „Mir" (denn so ist es hier zu verstehen): Abraham wußte, daß Gott menschliche Opfer verabscheute; er wußte, daß in Isaak ihm aller Same und alle guten Dinge verheißen worden waren. Konnte er also nicht sagen: Wie denn, o Herr, befiehlst Du, aller dieser Dinge gleichsam vergessend oder sie bereuend, daß mein — und Dein — Isaak getötet und Dir geopfert werde? Siebentens, „als Brandopfer", so daß weder der Leib noch irgendein Teil des Leibes dem Vater verbleiben sollte, sondern der ganze Isaak zu Asche verwandelt und gleichsam vernichtet werde. Achtens, „nimm nun" — nicht morgen, nicht am Morgen, sondern jetzt, in dieser Nacht, in dieser Stunde.

Siehe, auf wie viele und wie große Weisen Abraham geprüft und erprobt wurde, und welch große Siegespalme des Gehorsams er davontrug! Siehe, mit welch erhabenem und standhaftem Geist er all dies hinunterschluckte und überwand — so daß du mit Recht von ihm sagen kannst, was König Pyrrhus von dem Römer Fabricius zu sagen pflegte: „Leichter ist es, die Sonne von ihrem Lauf abzulenken als Fabricius von seinem Vorsatz." Daher sieh seine Bereitschaft und Schnelligkeit: denn in derselben Nacht gehorchte er und brach auf, um Isaak zu opfern.

Das ganze Kapitel wird vortrefflich untersucht und gewogen vom hl. Augustinus, Predigt 72 Über die Zeiten, und vom hl. Ephräm, Über Abraham und Isaak.

Einziggeboren. Weil Isaak allein der Sohn der Verheißung war, durch ein Wunder gezeugt, einzigartig von Abraham geliebt und der Erbe und Fortpflanzer seines Stammes und seiner Familie; denn Ismael, der bereits aus Abrahams Haus verstoßen worden war, wurde nicht als Abrahams Sohn gerechnet, gleichsam als wäre er enterbt.

Die Mutter der Makkabäer ahmte vor Antiochus Abrahams Beispiel nach, sie, die ihre sieben Söhne in den Tod gab und zum Martyrium antrieb. Die heiligen Felicitas und Symphorosa taten dasselbe, und andere Mütter; und besonders jene Frau, die Prudentius in seinem Hymnus auf den hl. Romanus den Märtyrer erwähnt. Als sie sah, wie ihr kleiner Sohn in Antiochia vom Statthalter Asklepiades um des Glaubens an Christus willen mit Geißeln aufs grausamste geschlagen wurde, schaute sie standhaft ohne Tränen zu und tadelte sogar ihren kleinen Sohn, als er um einen Schluck Wasser bat, indem sie sprach: „Warte auf jenen Kelch, den die in Bethlehem erschlagenen Kinder einst tranken, der Milch und der Brust vergessend. Blick auf Isaak, der, als er den Altar und das Schwert für seine Opferung sah, freiwillig seinen Nacken darbot." Unterdessen riß der Henker die Haut mit dem Haar vom Scheitel. Die Mutter rief: „Ertrage es, mein Sohn; denn bald wirst du zu Dem kommen, der dein jetzt schmählich entblößtes Haupt mit einem königlichen Diadem bekleiden wird." Der Knabe freut sich, lacht über die Ruten und den Schmerz der Wunden; er wird verurteilt und mit Romanus zur Hinrichtung geführt. Sie kamen zum Ort des Todes: der Henker verlangt den Knaben, den die Mutter in ihren Armen herausträgt; sie gibt ihn ohne Verzug, außer einem Kuß. Und sie sprach: „Geh, mein süßestes Kind." Während der Henker ihm mit dem Schwert den Nacken durchschlägt, singt sie: „Kostbar in den Augen des Herrn ist der Tod Seiner Heiligen. Siehe Deinen Knecht und den Sohn Deiner Magd." Als sie dies gesagt hatte, fing sie das abgeschlagene Haupt des Knaben in ihrem ausgebreiteten Mantel auf und drückte es an ihre Brust. Romanus wurde darauf ins Feuer geworfen, aber ein Regensturm erhob sich und löschte es. Der Henker schnitt Romanus die Zunge heraus, aber er sprach dennoch.

IN DAS LAND DER SCHAUUNG. Im Hebräischen heißt es: Geh in das Land Morija, das später von Abraham Morija genannt wurde, Vers 14. Der Berg Morija ist der Berg Zion, auf dem Salomo den Tempel erbaute.

Man beachte: Morija kann erstens mit Oleaster von der Wurzel marar abgeleitet werden, das heißt „er war bitter", oder von mor, das heißt „Myrrhe": weil der Berg Morija reich an Myrrhe, Aloe und Zimt ist; oder vielmehr weil dieser Berg bitter war sowohl für den opfernden Abraham als auch für den zu opfernden Sohn. Daher sagt Pagninus und nach ihm unser Barradius, Band II, Buch III, Kapitel 11: Morija, sagt er, heißt so, gleichsam von mori, das heißt „meine Myrrhe", und iah, das heißt „Gott", als wollte man sagen: „Meine Myrrhe ist Gott." Zweitens kann Morija von der Wurzel iare abgeleitet werden, das heißt „er fürchtete", weil auf diesem Berg der Herr fortan verehrt und als gegenwärtig gefürchtet und angebetet werden sollte; daher übersetzt der Chaldäer: „Geh in das Land der göttlichen Verehrung." Drittens kann Morija von der Wurzel iara abgeleitet werden, das heißt „er lehrte", weil die Tora, das heißt das Gesetz und die Lehre, von Zion und Morija ausgehen sollte, Jesaja 2,3. Viertens und am besten leitet unser Übersetzer mit Symmachus Morija von der Wurzel raa ab, das heißt „er sah", und übersetzt es als das Land oder den Berg der Schauung.

Fünftens sagt Barradius an der genannten Stelle: Morija, sagt er, heißt so, gleichsam von more iah, das heißt „der lehrende Gott" oder „der regnende Gott".

Warum „das Land der Schauung"? Erstens, weil dieser Ort hoch und weithin sichtbar war, so daß er von ferne gesehen werden konnte. So Villalpando, Buch III Über den Tempel, Kapitel 5. Zweitens, weil auf Zion und Morija die Propheten ihre Visionen empfingen, und dort Christus als Mensch sichtbar erschien, Baruch 3, letzter Vers. Drittens und am besten, weil Gott diesen Berg Morija dem Abraham zeigte, Vers 4, und dort von ihm gesehen wurde, und Er selbst Abraham mit Seinen Augen und Seinem Blick anschaute, sowohl dem Seiner Barmherzigkeit, als Er die Opferung des Sohnes verbot, als auch dem Seiner Wohltätigkeit, als Er Abrahams großen Gehorsam aufs reichste belohnte: siehe Vers 14.

Man beachte zweitens, nach Diodor von Tarsus: Der Berg Morija war in mehrere Hügel und kleine Anhöhen geteilt. Im östlichen Teil des Berges Morija lag Zion, wo die Burg Davids stand; daneben, auf der Tenne des Jebusiters Ornan, die David gekauft hatte, errichtete Salomo den Tempel, wie aus 2 Chronik 3,1 hervorgeht. Ein anderer Teil Morijas blieb außerhalb der Stadt Jerusalem und wurde später Berg Kalvaria genannt, auf dem sowohl Isaak als auch Christus (durch Isaak vorgebildet) geopfert wurden, wie der hl. Hieronymus lehrt, und der hl. Augustinus, Buch XVI Über den Gottesstaat, Kapitel 32, wo er sagt: „Der Priester Hieronymus schrieb, daß er von den Ältesten der Juden aufs zuverlässigste erfahren habe, daß Isaak geopfert und Adam begraben wurde an eben dem Ort, wo Christus später gekreuzigt wurde." Ebenso Burchard in seiner Beschreibung des Heiligen Landes und Genebrard, Buch I der Chronographie.

Sie behaupten, daß in demselben Gebirgszug drei Hügel oder Anhöhen liegen, die manchmal mit dem einzigen Namen Zion bezeichnet werden, manchmal aber ihre eigenen besonderen Namen erhalten. Der erste ist Zion, der wegen seiner Höhe diesen Namen trägt: denn Zion bedeutet eine Warte. Der zweite ist Morija. Der dritte der Berg Kalvaria. Auf Zion befand sich die Davidstadt und die Burg; auf Morija der Tempel; auf dem Berg Kalvaria wurde Christus ans Kreuz geschlagen.

Einige Hebräer fügen hinzu, daß Abel und Kain auf Morija geopfert hätten und ebenso Noach sogleich nach der Sintflut; doch behaupten sie dies ohne Begründung und ohne Grundlage. Abraham also weihte und heiligte gleichsam durch sein Opfer hier den Berg Morija als den Tempel für seine Nachkommen und für Christus, und ebenso den Berg Kalvaria als den Altar Christi.

Man beachte drittens: Für Morija übersetzt Aquila katephane, das heißt „leuchtend": weil auf Morija der Tempel war, in dem das debir, das heißt das Orakel Gottes war, und das Gesetz, und der Heilige Geist, der die Menschen die Wahrheit lehrte, die Propheten erleuchtete und ihnen Orakel eingab. So der hl. Hieronymus.

Allegorisch war der Berg Kalvaria, wo Christus gekreuzigt wurde, der Berg Morija gemäß den fünf bereits gegebenen Etymologien: nämlich erstens wegen der Bitterkeit des Kreuzes. Zweitens wegen des Brandopfers, das Christus dort dem Vater darbrachte. Drittens, weil Er ebendort das evangelische Gesetz durch Seinen Tod besiegelte. Viertens war es das Land der Schauung, weil dort Christus am Kreuz Erde und Himmel ein bewundernswertes Schauspiel darbot. Fünftens, weil dort Gott uns vom Lehrstuhl des Kreuzes den Weg zum Himmel lehrte; denn, wie der hl. Augustinus sagt, Traktat 119 über Johannes: „Jenes Holz, an dem die Glieder des Sterbenden befestigt waren, war der Lehrstuhl des lehrenden Meisters." Ferner war der Berg Kalvaria Morija, das heißt der Regen Gottes, weil der Regen des Blutes Gottes auf ihn ausgegossen wurde. Schließlich war er Morija, das heißt leuchtend und erleuchtend, weil Christus alle Menschen mit den Strahlen Seines Kreuzes erleuchtete. Daher zog, als die Sonne eine andere Sonne erblickte, die von dem Kreuz her die Welt erleuchtete, sie zu Recht ihre Strahlen zurück.

Zweitens ist Morija die Kirche: erstens, weil die Kirche uns lehrt, das Kreuz Christi zu tragen, und uns durch die heiligen Sakramente gleichsam wie durch eine Art Myrrhe vor der Verderbtheit der Sünde bewahrt. Zweitens, weil in ihr die Gottesfurcht und Seine wahre Verehrung ist. Drittens, weil sie das Gesetz und das Wort Christi lehrt. Viertens ist sie das Land der Schauung, weil von ihr allein durch den wahren Glauben die unsichtbaren Dinge und die Dinge des Himmels geschaut werden. Ferner, weil sie in der ganzen Welt sichtbar ist; denn, wie Jesaja sagt, Kapitel 2, ist sie ein Berg auf dem Gipfel der Berge. Zudem hat sie Seher, das heißt Propheten. Fünftens hat sie den Heiligen Geist als ihren Lehrer, der sie alle Wahrheit lehrt. Ferner bewässert die Kirche durch das Wort Gottes und heilige Predigten die dürren Herzen der Menschen gleichsam wie mit himmlischem Regen. Schließlich ist sie ein erleuchtender Berg, weil, wie der Himmel die Sonne hat, so die Kirche Christus hat, der die ganze Welt erleuchtet.

Drittens ist Morija die selige Jungfrau, in deren Schoß der Tempel, das heißt die Menschheit Christi, erbaut wurde. Erstens, weil die selige Jungfrau im Leiden Christi ein Meer der Bitterkeit war. Zweitens, weil sie sowohl Christus als auch sich selbst Gott als immerwährendes Brandopfer darbrachte. Drittens, weil sie die Bundeslade war, die das Gesetz Gottes enthielt. Viertens war sie das Land der Schauung. Denn was ist sehenswerter als die jungfräuliche Gottesmutter? Ferner übersetzen die Septuaginta für Morija „erhabenes Land": so war nichts erhabener als Maria unterhalb Gottes. Fünftens, weil sie nach dem Tod Christi die Lehrerin der Apostel war. Ferner empfing sie wie das Vlies Gideons den himmlischen Tau der Gnade und den Regen des Heiligen Geistes aufs reichste. Schließlich ist Maria der Meeresstern und die mit der Sonne bekleidete Frau, die die ganze Welt erleuchtet.

Im sittlichen Sinne wurde im Land der Schauung Isaak als Vorbild Christi geopfert: möchte doch die christliche Seele ein Land nicht des Vergessens, sondern der Schauung sein! Möchte sie doch stets vor ihren tränennassen Augen ihren Isaak am Kreuze hängend haben! Möchte sie doch, wie Er sie mit Seinem Blut in Seine Hände eingeschrieben hat, so Ihn in ihr Herz mit immerwährender Erinnerung einschreiben! Jesaja 49: „Siehe, in Meine Hände habe Ich dich eingezeichnet." Möchte in diesem Land der Schauung der wahre Isaak stets geschaut werden, durch heilige Betrachtung! Möchte Er stets geopfert werden, durch heilige Beschauung! Dies verlangt Er, indem Er im Hohenlied 8 spricht: „Leg Mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm" — als wollte Er sagen: Wie ein Siegelring sein Bild dem Wachs einprägt, so möge der gekreuzigte Christus Sein Kreuz, Seine Schmerzen und Seine Liebe deinem Herzen einprägen, gemäß jenem Wort des hl. Augustinus, Über die heilige Jungfräulichkeit, Kapitel 55: „Ganz werde Er in eurem Herzen abgebildet, der für euch am Kreuze befestigt wurde."


Vers 3: Abraham stand des Nachts auf

ABRAHAM STAND DES NACHTS AUF. „Des Nachts", das heißt in aller Frühe, in der Dämmerung, vor Tagesanbruch. Denn im Hebräischen heißt es: Abraham machte sich früh am Morgen auf. Sara wird hier nicht erwähnt; daher scheint Abraham all dies ohne ihr Wissen getan zu haben (da sie ihren Isaak zu zärtlich liebte). So Josephus, der hl. Chrysostomus und Pererius. Der hl. Augustinus jedoch, Predigt 73, sowie Gregor von Nyssa und Prokop meinen, daß Sara von der Opferung ihres Sohnes wußte und ihr zustimmte.


Vers 4: Am dritten Tag

AM DRITTEN TAG. Abraham wohnte in Gerar, sagt der hl. Hieronymus; von dort nach Zion und Morija sind es drei Tagereisen. Unter Gerar verstehe man nicht die Stadt, sondern die Landschaft; denn, wie Abulensis richtig sagt, scheint Abraham damals in Beerscheba gewohnt zu haben, wie aus dem vorangehenden Kapitel, Vers 31, hervorgeht. Daher kehrte er auch nach der Opferung nach Beerscheba zurück, wie aus diesem Kapitel, Vers 19, hervorgeht. Denn obwohl es von Beerscheba nach Zion nur eine Tagereise ist, schritt Abraham dennoch, weil er mit den für das Opfer nötigen Dingen beladen war, so langsam voran, daß er erst am dritten Tag Zion und Morija erreichte; und in diesem Sinne sagte der hl. Hieronymus, es seien drei Tagereisen.

Diese dreitägige Frist steigerte Abrahams Prüfung: denn, wie Origenes sagt: „Drei Tage lang wandert Abraham, damit er auf dem ganzen Weg von Gedanken zerrissen werde — auf der einen Seite vom drängenden Gebot, auf der anderen vom widerstrebenden Vatergefühl für seinen Sohn: so daß sie auf diesem ganzen Weg einen Kampf auszufechten hätten — auf der einen Seite das Gefühl, auf der anderen der Glaube; auf der einen Seite die Liebe zu Gott, auf der anderen die Liebe zum Fleisch; auf der einen Seite die Gunst der gegenwärtigen Dinge, auf der anderen die Erwartung der zukünftigen. Abraham wird auch geboten, den Berg zu besteigen, das heißt die himmlischen Dinge, damit die Höhe des Ortes die Erhabenheit des Glaubens und des Gehorsams im Handeln bezeichne." Daher sagt auch Theodoret, daß Abraham in dieser Prüfung gleichsam in einer Art Todeskampf und Tod für drei Tage und Nächte war, wie Christus drei Tage lang: teils am Kreuz und im Leiden, teils im Tod, im Grab und in der Unterwelt.

ER SAH DEN ORT. An irgendeinem von Gott gegebenen Zeichen erkannte er, wo und auf welchem Hügel des Berges Morija er genau seinen Isaak opfern sollte.

Die Rabbiner, denen Abulensis folgt, berichten, daß dieses Zeichen eine Feuersäule war, die auf dem Gipfel des Berges Morija erschien, um den Hügel von Kalvaria.


Vers 5: Nachdem wir angebetet haben

Nachdem wir angebetet haben. Das heißt, nachdem wir das Opfer dargebracht haben. Es ist eine Metalepsis; denn die Anbetung ist gewöhnlich mit dem Opfer verbunden.

WIR WERDEN ZU EUCH ZURÜCKKEHREN. Melchior Cano, Buch II Über die theologischen Orte, Kapitel 4, meint, Abraham habe hier gelogen; denn er selbst beabsichtigte, seinen Isaak zu töten und zu opfern. Zweitens Cajetan: „Wir werden zurückkehren", das heißt nach dem gewöhnlichen Lauf der natürlichen Ursachen, denn übernatürliche Dinge sind ausgenommen. Drittens andere: „Wir werden zurückkehren", das heißt wenn das Leben es erlaubt, wenn Gott es will. Viertens Thomas der Engländer: „Wir werden zurückkehren", das heißt ich werde zurückkehren, nicht Isaak — der Plural stehe für den Singular.

Ich sage wahrlich: Abraham versicherte, daß er mit Isaak zurückkehren werde, weil er gewiß war und fest glaubte, daß Gott Isaak entweder vom Tod befreien oder ihn, einmal getötet und geopfert, auferwecken werde. Denn von Isaak erwartete er den gesegneten Samen und eine sehr große Nachkommenschaft: denn dies hatte ihm Gott verheißen, und dies ist es, was der Apostel sagt — daß Abraham gegen die Hoffnung (der Natur) auf Hoffnung (der Gnade und der göttlichen Verheißung) glaubte, in der Überzeugung, daß „Gott die Macht hat, auch von den Toten zu erwecken", Hebräer 11,19. So Origenes und der hl. Augustinus, Buch XVI Über den Gottesstaat, Kapitel 32, und andere. Siehe hier den blinden, aber erhabenen Glauben, die Hoffnung und den Gehorsam Abrahams, dem nichts schwer, nichts unmöglich, nichts unglaublich ist.


Vers 6: Er legte es auf Isaak

ER LEGTE ES AUF ISAAK — damit er ein Vorbild Christi sei, der das Kreuz trug. So Prosper, Teil I der Weissagungen, Kapitel 17 und 18.

Isaak war damals mindestens 25 Jahre alt, sagt Josephus; Abraham war 125, Sara 115. Die Hebräer berichten jedoch, daß Isaak 37 Jahre alt war. Aben Ezra und Burgensis irren, wenn sie sagen, Isaak sei erst 12 Jahre alt gewesen. Denn wie hätte ein zwölfjähriger Knabe drei Tage lang einen so großen Holzstoß tragen können, wie er nötig war, um ihn als Brandopfer zu verbrennen? Obwohl Abraham, um ihn ganz zu verbrennen und in Asche zu verwandeln, aus nahegelegenen Orten Holz hätte fällen und hinzufügen müssen.

FEUER UND EIN SCHWERT — das Schwert, um den Sohn zu schlachten, das Feuer, um ihn als Opfergabe und Brandopfer Gott zu verbrennen.

Im tropologischen Sinne ist das Schwert die Abtötung, das Feuer die Liebe, womit Abraham seinen Sohn opferte; und auch wir müssen unsere Neigungen, Leidenschaften, Schmerzen, Kreuze und alles, was unser ist, Gott opfern.


Vers 7: Wo ist das Opfertier?

WO IST DAS OPFERTIER? Dieses Gespräch mit seinem Sohn verwundete auf wunderbare Weise abermals Abrahams Seele und ließ die ihm von Gott zugefügte Wunde von neuem aufbrechen.


Vers 9: Und als er Isaak gebunden hatte

UND ALS ER ISAAK GEBUNDEN HATTE. Siehe, wie Josephus erzählt, daß Abraham zuerst seinem Sohn Gottes Willen bezüglich seiner Opferung eröffnete, und der Knabe freudig antwortete, er schulde sein Leben dem Gott, der es ihm gegeben, und wolle es gerne Dem zurückgeben, der es zurückfordere. Warum also band ihn der Vater? Ich antworte: erstens, damit er, falls er es wollte, nicht zurückschrecken könne. So gibt Isaak Gott aufs vollständigste sowohl seinen Willen als auch sein Vermögen. „Der Vater", sagt der hl. Ambrosius, „legt seinem Sohn die Fesseln mit eigenen Händen an, damit der Sohn nicht, indem er flieht und von der Gewalt des Feuers versengt wird, sich versündige." Zweitens, damit er in der Handlung der Schlachtung selbst keine natürliche, unwillkürliche und unkontrollierte Bewegung oder Gegenwehr mache, die dem Opfer unangemessen wäre. So Cajetan. Drittens, damit er ein Vorbild Christi sei, der mit Nägeln ans Kreuz geheftet wurde.

Im tropologischen Sinne binden und verpflichten sich so Ordensleute durch Gelübde an Gott und opfern Ihm ihren Willen und ihr Vermögen.


Vers 10: Er ergriff das Schwert

ER ERGRIFF DAS SCHWERT. Abraham hätte es vorgezogen, selbst zu sterben und geopfert zu werden, statt seinen Sohn zu opfern: denn Väter wünschen von Natur aus, daß ihre Söhne sie überleben, weil durch sie der Stamm und die Familie des Vaters fortgepflanzt wird, so daß sie durch den Tod eines Sohnes fühlen, daß nicht nur sie selbst, sondern auch die Hoffnung ihrer Nachkommenschaft stirbt und erlischt.

Was die Bitterkeit der Sache noch steigerte, war, daß er selbst seinem Sohn das Holz auf die Schultern legte, auf dem dieser verbrannt werden sollte; daß er in eigenen Händen das Feuer und das Schwert trug, mit dem er seinen Sohn schlachten sollte; daß er selbst den Altar errichtete, das Holz darauf legte und seinen an Händen und Füßen gebundenen Sohn darauf setzte; und mit großem Mut die Rechte erhebend, das Schwert auf den Nacken seines Sohnes richtete — und all dies mit heiteren und trockenen Augen: denn keine Tränen von ihm werden berichtet, kein Stöhnen, kein Abwenden des Gesichts.

So sagt der hl. Ambrosius nach Abrahams Beispiel, Buch I Über Abraham, Kapitel 8: „Wie viele Väter sind, nachdem ihre Söhne im Martyrium getötet worden waren, freudiger von ihren Gräbern zurückgekehrt?"

Den Gehorsam Abrahams ahmte auch der Abt Mutius nach, von dem bei Cassian, Buch IV, Kapitel 27 und 28 berichtet wird. Auf Befehl seines Oberen war er bereit, seinen eigenen achtjährigen Sohn in den Fluß zu werfen. „Sein Glaube und seine Hingabe", sagt Cassian, „war Gott so wohlgefällig, daß sie alsbald durch göttliches Zeugnis bestätigt wurde. Denn es wurde dem Oberen sogleich geoffenbart, daß er durch diesen Gehorsam das Werk des Erzvaters Abraham erfüllt habe."

Man bemerke hier, daß dieses Beispiel des Mutius mehr zu bewundern als nachzuahmen ist: denn es überschreitet die gewöhnlichen Gesetze des Gehorsams und der Klugheit. Ein Mensch kann sich selbst oder den Seinen den Tod nicht befehlen, wie es Gott kann, der der Herr über Leben und Tod ist; und folglich kann ein Untergebener einem Menschen, der solches befiehlt, nicht gehorchen. Daher übergab Mutius hier, gleichsam blind vor dem Eifer des Gehorsams, sein ganzes Urteil über die Beschaffenheit und den Ausgang der Tat seinem Oberen, den er als klugen und heiligen Mann kannte; und durch diese Tat und diesen Versuch wollte er nur den bereitwilligen Gehorsam und die Abtötung der väterlichen Zuneigung zu seinem Sprößling zeigen, indem er sie abwarf — aber er beabsichtigte nicht, das Kind zu ertränken. Denn er wußte, daß der Obere diese ganze Angelegenheit und ihn selbst samt seinem Kind in seiner Obhut hatte: noch zweifelte er daran, daß der Obere — nachdem sein Gehorsam und die Abtötung der väterlichen Zuneigung geprüft worden war — über die Zuneigung und alles andere so verfügen werde, daß nicht nur die Sünde, sowohl im Befehlen als auch im Gehorchen, ausgeschlossen, sondern auch für das Kind gesorgt werde. Denn der Obere konnte den Befehl auf dem Weg selbst widerrufen oder einige Männer im Fluß aufstellen, die das Hineinwerfen des Kindes verhinderten (wie er es tatsächlich tat), oder den Tod des Kindes auf andere Weise verhindern. Daher übergab Mutius diese ganze Sache der Klugheit und Vorsehung des Oberen, der ihm befahl. Denn die Klugheit wird nicht so sehr beim Gehorchenden als beim Befehlenden verlangt.

Man kann fragen, wessen Tugend größer war: die Abrahams, der opferte, oder Isaaks, der geopfert wurde? Der hl. Chrysostomus bestaunt die Tugend beider und weiß nicht, wen er vorziehen soll. Höre ihn in Homilie 48 zur Genesis: „O fromme Seele! O starker Geist! O unermeßliche Kraft des Gemütes! O Vernunft, die jede Regung der menschlichen Natur besiegt! Soll ich mehr den tapferen Geist des Erzvaters bewundern, oder einen so beständigen Gehorsam des Knaben — daß er weder widerstand noch die Tat übelnahm, sondern nachgab und dem gehorchte, was sein Vater tat, und wie ein Lamm sich schweigend auf den Altar legte, die Hand seines Vaters erwartend?"

Höre auch Zeno, Bischof von Verona, in der Katene des Lipomanus: „Wunderbar war die Prüfung des Erzvaters, die ihn entweder zum Frevler gemacht hätte, wenn er Gott verachtete, oder zum Grausamen, wenn er seinen Sohn tötete — hätte er nicht durch eine einzigartige und wahrhaft göttliche Geduld die Sache zwischen Religion und natürlicher Liebe so gemäßigt, daß er Gott in der Hoffnung nicht verweigerte, was er gegen alle Hoffnung von Gott empfangen hatte. Daher verachtete er Isaak, seinen süßesten Sohn, als ein noch süßeres Opfer für Gott, um ihn zu bewahren; er beschloß zu schlachten, um nicht zu schlachten; sicher, daß er durch eine Tat, deren Urheber Gott war, nicht mißfallen könne. O neues Schauspiel und wahrhaft Gottes würdig! Bei dem schwer zu bestimmen ist, ob der Priester oder das Opfer geduldiger ist. Weder des Schlagenden noch des Geschlagenwerdens Antlitz verändert die Farbe; keine Glieder zittern; die Augen sind weder niedergeschlagen noch wild: niemand bittet, niemand zittert; niemand entschuldigt sich, niemand ist bestürzt." Und dann, sie miteinander vergleichend und die Handlungen des einen den Handlungen des anderen gegenüberstellend: „Der eine zieht das Schwert, der andere entblößt den Nacken. Mit einem Gelübde, einer Hingabe — damit nichts unheilig sei — wird, was von dem einen vollzogen wird, vom anderen eifrig und geduldig mitgetragen. Der eine trägt das Holz, auf dem er verbrannt werden soll, der andere errichtet den Altar. Unter solcher Furcht — ich will nicht sagen der Menschlichkeit, sondern der Natur selbst — sind sie freudig. Allein das Gefühl weicht der Liebe, die Liebe der Religion: die Religion begünstigt beide; das Schwert steht staunend in der Mitte, von keinem Hindernis aufgehalten, da es dem schrecklichen Opfer Ruhm, nicht Schuld gebracht hat. Was ist das? Siehe, Grausamkeit geht über in Glauben, und Frevel geht über in ein Sakrament; der Vatermörder kehrt ohne Blut zurück, und der Geopferte lebt. Beide sind also ein Beispiel des Ruhmes und des Glanzes; beide sind Verehrung Gottes, ein bewundernswertes Zeugnis des Zeitalters. Glücklich wäre die Welt, wenn alle auf diese Weise Vatermörder würden."

Für Isaak sprechen also folgende Gründe: erstens, daß es eine Sache größerer Tapferkeit ist, den Tod für Gott zu erleiden, als ihn anderen zuzufügen: denn Märtyrer sind stärker als Soldaten. Isaak war hier wahrhaftig ein Märtyrer, weil er sich um eines Tugendaktes willen — nämlich um Gott zu gehorchen — dem sicheren Tod darbot. Denn sein Vater streckte das Schwert über ihn und hätte ihm den tödlichen Streich versetzt, hätte Gott ihn nicht abgewendet. So sind auch der hl. Johannes der Evangelist, Daniel und andere wahrhaft Märtyrer, weil sie siedendem Öl, Löwen und Ähnlichem ausgesetzt wurden, auch wenn sie davon nicht verletzt wurden, weil Gott sie beschützte. Denn von ihrer Seite und von seiten der Qual hätten sie natürlicherweise und notwendigerweise sterben müssen. Daß Gott sie durch ein Wunder am Leben erhielt, tut der Natur der Sache nichts ab, noch ihrer Tugend oder ihrem Martyrium.

Zweitens litt Abraham nur in der Seele; Isaak aber bot sich den Qualen des Leibes und der Seele und dem Tod dar. Drittens treffen vorhergesehene Schläge weniger hart: Abraham richtete auf der dreitägigen Reise seine Seele auf die Opferung seines Sohnes ein; Isaak aber wurde auf dem Altar selbst, an nichts weniger denkend, plötzlich von seinem Vater zur Opferung aufgefordert und bot sich sogleich freudig dar. Denn, wie Aristoteles lehrt, Nikomachische Ethik, Buch III, Kapitel 8, scheint es das Merkmal eines tapfereren Mannes zu sein, bei plötzlichem Schrecken unerschrocken zu sein als bei vorhergesehenem. Viertens war Isaak 25 Jahre alt, in der Blüte seines Alters, und hoffte noch, hundert Jahre zu leben und eine große Familie und Nachkommenschaft zu haben — all dies schnitt er ab, indem er sich aus Liebe zu Gott dem Tod darbot, und brach alle seine Hoffnungen ab. Aus diesem Grund ist der Tod für die Jugend am bittersten, während er für das Alter erträglicher ist. Fünftens ließ sich Isaak bereitwillig von seinem Vater binden, bestieg den Altar, bot seinen Nacken dar und erwartete mit größter Gewißheit den Schlag.

Ich sage wahrlich mit Pererius: Die Tugend Abrahams war größer als die Isaaks. Erstens, weil Abraham das Leben seines Sohnes Isaak mehr liebte als sein eigenes und mehr, als Isaak selbst sein eigenes Leben liebte; und dies aus folgenden Gründen: erstens, weil Isaak sein einziggeborener Sohn von seiner geliebten Gattin war; zweitens, weil Isaak sein liebevollster und gehorsamster Sohn war; drittens, weil er ihn im Alter durch ein großes Wunder gezeugt hatte; viertens, weil Isaak höchst unschuldig und höchst heilig war; fünftens, weil alle Verheißungen Gottes, die ihm gegeben worden waren, auf dem einzigen Leben Isaaks beruhten.

Zweitens, weil Abraham die ganzen drei Tage lang vom Gedanken und von der Planung der grauenvollsten Tat gequält wurde; Isaak aber nur einen Augenblick, als die eigentliche Opferung bevorstand. Und so war zwar hinsichtlich der Voraussicht Isaaks Prüfung geringer, aber hinsichtlich der Dauer war Abrahams Prüfung und Bedrängnis größer.

Drittens, weil Abraham die größten Anfechtungen bezüglich des Glaubens hatte, da die Verheißungen Gottes, die ihm gemacht worden waren, durch den Tod Isaaks gänzlich zunichtegemacht zu werden schienen. Ja, die Hebräer berichten, daß ihm damals ein Dämon in Engelsgestalt erschien und ihn mit den ernstesten Worten von der Opferung abzuschrecken versuchte, als von einer gottlosen und grausamsten Tat, die dem Willen Gottes zuwider sei. Und einige beziehen darauf jene Worte des Paulus im Hebräerbrief 11: „Im Glauben brachte Abraham seinen erstgeborenen Sohn Isaak dar, als er versucht wurde" — nämlich vom Teufel, sagen sie.

Viertens war es für den Vater schrecklicher, seinen Sohn zu töten, als für den Sohn, getötet zu werden: denn Isaak hätte, mit einem Schlag getroffen, den Tod in einem einzigen Augenblick hingenommen. Abraham aber hätte einen langen und vielfältigen Schmerz gehabt: erstens, indem er seinen Sohn schlachtete; zweitens, indem er ihn nach dem Opferritus Glied für Glied zerteilte; dann, indem er ihn verbrannte und in Asche verwandelte, ohne daß irgendwelche Überreste blieben; und schließlich, indem er sich für immer daran erinnerte, daß er einen solchen Sohn geopfert und verloren hatte. Daher lobt Gott selbst nicht Isaaks Gehorsam, sondern Abrahams, und verheißt um seinetwillen, Isaak zu segnen, in Kapitel 26, Vers 3: „Die göttliche Stimme", sagt der hl. Ambrosius, „hielt seine Hand zurück und kam dem Schlag seiner geschwungenen Rechten zuvor."

Siehe, wie Gott die Seinen bisweilen bis zum Äußersten und bis ans letzte Ende treibt oder treiben läßt, damit sie all ihre Hoffnung und ihren Willen auf Gott und auf Gottes Hilfe und Willen übertragen und verlegen; und dann im äußersten Augenblick der Not, an der Schwelle des Todes selbst, ist Er da und kommt ihnen zu Hilfe. Denn von diesem Glauben und dieser Hoffnung bis zum Ende beseelt, brachte Abraham Isaak dar, wie der Apostel im Hebräerbrief 11,19 sagt: „In der Überzeugung, daß Gott die Macht hat, auch von den Toten zu erwecken, woher er ihn auch im Gleichnis wiederempfing", so daß Isaak ein Gleichnis sei, eine Geschichte, ein denkwürdiges Beispiel für alle Zeitalter, das die Menschen aller Zeiten in Erinnerung behielten und feierten und sich zur Nachahmung vorsetzten, so daß wir, wenn Gott durch sich selbst oder durch seine Diener uns etwas befohlen hat, mag es noch so beschwerlich und schwierig sein, das Beispiel Isaaks vor Augen habend, zuversichtlich und großmütig uns selbst darbieten und die befohlene Aufgabe in Angriff nehmen mögen, gewiß, daß Gott zugegen sein wird, daß Er das Verworrene entwirren, das Beschwerliche überwinden und Schmach, Schwäche, Bedrängnisse, den Tod und alle Übel, die wir fürchten, zu unserem Besten, zu unserem Lob und zu unserer Ehre wenden wird, wie Er es bei Isaak getan hat. Daher ist das Andenken an diese Opferung in den ältesten Bildern aller Völker gefeiert worden. Zeuge ist Gregor von Nyssa, zitiert auf dem Zweiten Konzil von Nizäa, Sitzung 4, Kanon 2: „Ich habe", sagt er, „das Bild davon oft gesehen und konnte nicht ohne Tränen daran vorbeigehen, so wirkungsvoll und lebendig stellte es mir die Geschichte dieses Ereignisses vor Augen." Wenn du also versucht wirst, verachtet, leidend, geschwächt, betrübt, verleumdet, getötet, gefoltert, ja gehängt oder verbrannt, so ahme Isaak nach: es ist nur eine kurze Zeit; bedenke die Ewigkeit.

Mit diesem Gedanken gewappnet, haben großmütige Gläubige alle Liebe zu Eltern, zum Fleisch und zu sich selbst und sogar Folterqualen und den Tod überwunden. So sagten der Abt Liberatus, Bonifatius, Rusticus und andere, als sie von den Vandalen zum Arianismus gedrängt wurden: „Es ist besser, vorübergehende Strafen zu erdulden, als ewige Qualen zu erleiden." Der König befahl, sie auf ein Schiff zu setzen und auf dem Meer zu verbrennen; sie sangen zuversichtlich: „Ehre sei Gott in der Höhe: siehe, jetzt ist die angenehme Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils." Als das Feuer angezündet wurde, erlosch es wiederholt. Darauf befahl der König, von Scham und Wut ergriffen, sie mit Ruderstangen zu erschlagen. Zeuge ist Viktor von Utica, Buch IV Über die Verfolgung durch die Vandalen. Thomas Morus gab seiner Frau dieselbe Antwort; und so überwand er die Liebe zu ihr, wie Abraham die Liebe zu seinem Sohn überwand.

Ferner bemerke man hier, daß einer, der wahrhaft gehorsam ist, wie Isaak es war, nicht sterben kann. Climacus berichtet in Stufe 4 Über den Gehorsam, daß Achatius, wunderbar im Gehorsam geübt, als er nach dem Tod von einem gewissen Ältesten aus dem Grab gerufen und gefragt wurde, ob er gestorben sei, antwortete: „Ein Gehorsamer kann nicht sterben."


Vers 11: Abraham, Abraham

ABRAHAM, ABRAHAM. Der hl. Ambrosius gibt drei Gründe für diese Wiederholung, Buch I Über Abraham, Kapitel 8: „Die göttliche Stimme", sagt er, „hielt gleichsam seine Hand zurück und kam dem Schlag seiner geschwungenen Rechten zuvor. Er rief nicht nur einmal: erstens, damit er entweder nicht ganz höre oder es für eine zufällige Stimme halte; zweitens rief Er ihn auf dieselbe Weise zurück, wie Er ihm befohlen hatte, in Vers 1; drittens wiederholte Er den Ruf, gleichsam fürchtend, daß Er vom Eifer der Hingabe Abrahams überholt werde und ein einziger Ruf den Schwung des Zuschlagenden nicht aufhalten könne."


Vers 12: Streck deine Hand nicht aus

STRECK DEINE HAND NICHT AUS. „Ich habe dies nicht befohlen", sagt der hl. Chrysostomus, Homilie 47, „damit die Tat vollendet werde, und Ich will nicht, daß dein Knabe getötet werde, sondern daß dein Gehorsam allen offenbar werde. Tu ihm also nichts. Ich bin mit deiner Bereitschaft zufrieden, und dafür kröne und verkünde Ich dich." So verfährt Gott oft mit uns: Er befiehlt und verlangt eine schwierige Tat, aber wenn Er den bereitwilligen Gehorsam gesehen hat, hält Er, damit zufrieden, die Ausführung zurück. Daher sagt derselbe Chrysostomus, Homilie 49: „Der Erzvater wurde der Priester des Knaben, und in seinem Vorsatz machte er seine Rechte blutig und brachte das Opfer dar; aber durch die unaussprechliche Barmherzigkeit Gottes empfing er seinen Sohn gesund und wohlbehalten zurück und kehrte heim, und er wird für seine Bereitschaft gepriesen und mit einer leuchtenden Krone geschmückt, und er kämpfte den höchsten Kampf und bekundete in allem die Frömmigkeit seines Sinnes."

Nun habe Ich erkannt — das heißt, Ich habe dich erkennen lassen, sagt der hl. Augustinus, Quaestio 58, und Gregor, Buch XXVIII der Moralia, Kapitel 7.

Zweitens: „Nun habe Ich erkannt", das heißt, nun habe Ich durch jene Tat von dir es offenbar und offenkundig erkennbar gemacht. So Diodor und Pererius.

Drittens und am deutlichsten: „Nun habe Ich erkannt", nämlich durch Erfahrung, als wollte Er sagen: Nun habe Ich dich tatsächlich erprobt. Denn Gott spricht hier nach der Weise der Menschen, die, wenn sie etwas erprobt haben, meinen, es vollkommen erkannt zu haben.

DASS DU FÜRCHTEST — daß du Gott liebst, verehrst und ehrfürchtest und Ihm in allen Dingen gehorchst und Ihm zu gefallen trachtest; denn die Gottesfurcht umfaßt all dies, und so ist diese heilige kindliche Furcht nichts anderes als die Liebe, Verehrung und Ehre Gottes.


Vers 13: Ein Widder, im Dorngestrüpp verfangen

EIN WIDDER, IM DORNGESTRÜPP MIT SEINEN HÖRNERN VERFANGEN. Es war ein wirklicher Widder, von einem Engel von anderswo herbeigebracht, und er hatte sich im Dorngestrüpp verfangen, oder, wie es im Hebräischen heißt, in einem Dickicht, nämlich von Dornen und Zweigen, damit er Abraham nicht entkommen, sondern für den Opfernden bereit sei. Die Hebräer berichten, daß dies am ersten Tag des siebten Monats geschah, der Tischri genannt wird; und daß daher das Fest der Posaunen an diesem Tag von den Juden gefeiert wird, weil sie dann Widderhörner bliesen zum Gedenken an Isaaks Befreiung von der Opferung und den an seiner Stelle eingesetzten Widder.

Allegorisch: Wie der Widder für Isaak geopfert wurde, so wurde Christus für uns geopfert, sagt der hl. Augustinus, Buch XVI Über den Gottesstaat, Kapitel 32. Zweitens sagen der hl. Ambrosius und Cyrill, daß der Widder für Isaak, das heißt die Menschheit Christi für Seine Gottheit, geopfert wurde.

Anagogisch: Dem Isaak folgt der Widder nach, das heißt dem Leiden folgt die Auferstehung, der Schwachheit die Stärke, dem Tod die Unsterblichkeit, sagt Theodoret.

Ferner bedeutet dieser Widder, der mit seinen Hörnern im Dorngestrüpp hängt und schwebt, Christus, der am Kreuz hängt, sagt Ambrosius, der hinzufügt, daß Abraham hier den Tag der Opferung und des Leidens Christi sah. Und dies ist es, was Christus sagt in Johannes 8,56: „Abraham, euer Vater, frohlockte, daß er Meinen Tag sehen sollte; er sah ihn und freute sich." Und daher wurde dieser Ort „Der Herr wird sehen" oder „wird erscheinen" genannt, wie folgt. Die Septuaginta, die das hebräische Wort Sabec als Eigennamen eines bestimmten Baumes beibehält, übersetzt: „Und siehe, ein Widder, mit seinen Hörnern im Baum Sabec gefangen"; oder, wie Prokop aus der syrischen Übersetzung liest: „Und siehe, ein Widder, im Baum Sabec hängend", und er sagt, daß der Widder erschien, als ob er in dem Baum Sabec emporstieg, und nicht nur mit seinen Hörnern, sondern auch mit seinen Vorderbeinen in den Zweigen jenes Baumes ruhte, und daß dieses Bild Christus darstellte, der auf den Baum des Kreuzes emporstieg, an ihm hing, mit Nägeln daran befestigt war und sich daran klammerte. Der hl. Ambrosius erwägt dies ebenfalls ausführlich in Buch I Über den Erzvater Abraham, Kapitel 8, wo er zunächst so liest: „Und siehe, ein Widder, mit seinen Hörnern im Gestrüpp Sabec aufgehängt." Dann fügt er hinzu: „Wer wird bezeichnet, wenn nicht Jener, von dem geschrieben steht, Psalm 148: Er hat das Horn Seines Volkes erhöht? Unser Horn, Christus, wurde von der Erde erhoben und erhöht. Abraham sah Ihn in diesem Opfer, er blickte auf Sein Leiden; und daher spricht der Herr selbst von ihm: Abraham begehrte, Meinen Tag zu sehen; er sah ihn und freute sich." Daher heißt es in der Schrift: Abraham nannte den Namen jenes Ortes ‚Der Herr hat gesehen', so daß man bis heute sagt: ‚Auf dem Berge ist der Herr erschienen', das heißt, Er ist Abraham erschienen und offenbarte das zukünftige Leiden Seines Leibes, durch das Er die Welt erlöste; Er zeigte auch die Art des Leidens, als Er den an seinen Hörnern hängenden Widder zeigte. Jenes Gestrüpp war das Holz des Kreuzes." So Ambrosius. Auch der hl. Athanasius bemerkte im Buch der Fragen an Antiochus, Frage 96, daß es auch zum Geheimnis gehört, daß Sabec als „Nachlaß" oder „Vergebung" gedeutet wird, die Christus uns durch das Kreuz verdient hat: „Die Pflanze Sabec ist das ehrwürdige Kreuz. Bei den Hebräern scheint Sabec Nachlaß und Vergebung zu bedeuten; und der Widder, der an der Pflanze Sabec hing und den Abraham als Brandopfer für Isaak darbrachte, war ein Vorbild Christi, der für uns am Kreuz geopfert wurde."

Viele Gelehrte bemerken scharfsinnig, unter ihnen Leo de Castro, Buch 6 der Apologie, und zu Kapitel 29 des Jesaja, daß Christus, als Er am Kreuz sprach „Eli, Eli, lamma sabachthani", auf dieselbe Pflanze Sabec anspielte, um zu zeigen, daß Er jener Widder sei, der am Baum Sabec, das heißt am Kreuz, hing und schwebte, den der Herr einst Abraham unter dem Vorbild eines anderen, an der Pflanze Sabec hängenden Widders gezeigt hatte. Und daher gebrauchte Er eben jenes Wort „sabachthani" statt eines anderen, damit Er durch den Namen selbst den Gläubigen jene Pflanze Sabec ins Gedächtnis rufe, von der der andere Widder gehangen hatte, und zeige, daß Er zu jener Zeit jenes Vorbild aufs vollkommenste erfüllte. Denn das Wort „sabachthani" scheint vom Namen Sabec abgeleitet zu sein, obwohl es auch seine eigene syrische Wurzel sebac hat, das heißt „er verließ".


Vers 14: Der Herr sieht

UND ER NANNTE DEN NAMEN JENES ORTES: DER HERR SIEHT. Das heißt, Abraham gab diesem Ort, wo er seinen Sohn geopfert hatte, diesen Namen, nämlich adonai jireh, das heißt „Der Herr wird sehen" oder „sieht", und zwar aus der Tatsache, daß er seinem Sohn, als dieser nach dem Opfertier fragte, in Vers 8 geantwortet hatte: adonai jireh, das heißt „Der Herr wird sehen" oder „wird für das Opfertier sorgen". So Vatablus, Lipomanus, Oleaster, Pererius und andere. Aus dem Wort jireh, das heißt „er wird sehen", entstand der Name Morija, das heißt „Schauung"; daher wurde dieser Berg Morija genannt, das heißt „der Schauung", wie aus Vers 2 im Hebräischen hervorgeht. Morija ist also dasselbe wie adonai jireh, das heißt „Der Herr wird sehen".

Ferner wurde aus jireh und dem alten Namen Salem (denn so wurde Jerusalem früher genannt, wie aus Kapitel 14, Vers 18 hervorgeht) der Name Jerusalem gebildet; denn Morija lag in Jerusalem. So Andreas Masius zu Josua, Kapitel 10.

Zweitens sagt der hl. Augustinus, Buch XVI Über den Gottesstaat, Kapitel 32: Dieser Ort heißt „Gott sieht", das heißt, Gott ließ sich sehen, als Er dem Abraham durch den Engel erschien, in Vers 11.

Drittens sagen die Hebräer, der Chaldäer und Pererius: Dieser Berg heißt „Der Herr sieht", weil der Herr auf diesem Berg die Bedrängnis, den Gehorsam und das Opfer Abrahams sah und es annahm und für den bedrängten Abraham sorgte, durch den Engel, der Abrahams Schwert aufhielt, und durch den an Isaaks Stelle eingesetzten Widder.

Viertens heißt dieser Berg „Der Herr sieht", weil auf diesem Berg der Tempel erbaut werden sollte, in dem Gott die Gebete der Flehenden sehen und erhören würde. Daher meint der Chaldäer, daß Abraham hier durch sein Opfer diesen Berg Morija oder Zion für den Tempel bestimmte und voraussagte, daß er dort erbaut werden sollte. Denn so lautet es beim Chaldäer: „Und Abraham sprach vor dem Herrn: Hier werden Geschlechter Gott dienen; daher wurde an diesem Tage gesagt: Auf diesem Berg hat Abraham vor Gott geopfert."

DAHER SAGT MAN BIS AUF DEN HEUTIGEN TAG: AUF DEM BERGE WIRD DER HERR SEHEN — man verstehe: dies oder jenes wurde getan oder vollbracht. Denn wenn die Menschen berichten, daß etwas auf dem Berg Zion oder auf Morija geschah oder getan wurde, sagen sie, es sei geschehen auf dem Berg, dessen Name ist „Der Herr wird sehen", als wollte man sagen: Noch jetzt, zu dieser Zeit, da ich, Mose, dies schreibe, wird dieser Berg von da an „Der Herr sieht" oder „wird sehen" genannt, weil auf ihm Abraham Gott opferte und sprach: „Der Herr wird sehen" oder „wird sich selbst ein Opfertier ersehen, mein Sohn"; und weil auf ihm Gott von Abraham gesehen wurde, wie die Septuaginta übersetzt, als Er ihm durch den Engel erschien.

Zweitens: „Bis auf den heutigen Tag sagt man" usw., als wollte man sagen: Bis auf den heutigen Tag verwenden wir dieses Wort Abrahams „Der Herr wird sehen" und wird sorgen, als Sprichwort, wenn wir, in Bedrängnisse versetzt, auf Gottes Hilfe hoffen und sie anrufen. Denn wir hoffen, daß, wie auf diesem Berg Morija der Herr sowohl die Bedrängnis als auch die Frömmigkeit und den Gehorsam Abrahams und Isaaks sah und sich ihrer erbarmte, so auch Er uns und unsere Nachkommen, besonders wenn wir auf diesem selben Berg und Tempel Morija beten, in jeder Bedrängnis sehen, ansehen, erhören und befreien werde. So der hl. Hieronymus, Cajetan und Pererius.

Dasselbe Sprichwort sollen die Christen anwenden, damit sie sich in jeder Trübsal auf den Berg Morija begeben, das heißt auf den Berg des Tempels, auf den Berg der Hoffnung und des Gebets, und sprechen: Der Herr wird sehen und für all meine Not sorgen.

So bot sich der hl. Gordius, der Märtyrer, auf seine Hoffnung auf Gott vertrauend, freiwillig dem Statthalter und den Folterqualen dar. Dieser befiehlt, Geißeln, Räder, Foltergestelle und jede Art von Marterinstrumenten bereitzustellen. Gordius, seine Augen zum Himmel erhebend, sprach jenen Psalmvers: „Der Herr ist mein Helfer, ich werde nicht fürchten, was der Mensch mir antun kann, und ich werde keine Übel fürchten, denn Du bist bei mir." Dann forderte er freiwillig die Folterqualen gegen sich heraus und schalt jeden Aufschub, und schließlich warf er sich mit heiterem Antlitz bereitwillig in die Strafe des Feuers, sagt der hl. Basilius in seiner Predigt Über Gordius.

Man beachte: Für jireh, das heißt „er wird sehen", lesen die Hebräer bereits mit anderen Vokalzeichen jeraeh, das heißt „er wird gesehen werden", als wollten sie sagen: „Daher sagt man bis auf den heutigen Tag: Auf dem Berge wird der Herr gesehen werden", das heißt, Er wird erscheinen und zu Hilfe kommen. Aber der Sinn kommt auf dasselbe hinaus; denn wenn Gott uns sieht, wird Er gleichfalls von uns gesehen.

Doch der hl. Ambrosius, Eucherius, Vatablus und Lipomanus legen es so aus, als sei dies eine Prophezeiung über Christus, als wollte man sagen: „Auf dem Berge wird der Herr gesehen werden", das heißt, Christus der Herr wird auf diesem Berg und Tempel Zions erscheinen, wenn Er dort predigen wird, und auf dem Berg Kalvaria, wenn Er dort gekreuzigt werden wird. Daher übersetzen die Septuaginta auch: „Auf dem Berge wurde der Herr gesehen."


Vers 15: Der Engel rief Abraham ein zweites Mal

UND DER ENGEL DES HERRN RIEF ABRAHAM EIN ZWEITES MAL — weil er ihn das erste Mal gerufen hatte, als er ihm verbot, seinen Sohn zu opfern, in Vers 11. Unter diesem Engel versteht Origenes den Sohn Gottes: Der Sohn Gottes, sagt er, wurde, wie Er unter den Menschen in der Gestalt eines Menschen gefunden wurde, so hier unter den Engeln in der Gestalt eines Engels gefunden, nicht als hätte Er die Engelsnatur angenommen, sondern weil Er hier das Amt eines Engels übernahm, das darin besteht, Gottes Willen zu verkünden. Aber die Väter lehren gemeinhin das Gegenteil, nämlich daß dieser Engel ein Engel war, nicht der Sohn Gottes; denn es geht aus dem Folgenden hervor, daß er als Gesandter Gottes spricht und Gottes Worte verkündet, als wäre er ein Herold Gottes; also war er ein Engel, nicht der Sohn Gottes.


Vers 16: Weil du dies getan hast

WEIL DU DIES GETAN HAST. Daraus geht hervor, daß Abraham durch diesen seinen Gehorsam und die Opferung seines Sohnes unter anderem verdient hat, zumindest durch ein angemessenes Verdienst, daß Christus aus seinem Stamm und nicht aus einem anderen geboren werde, ja aus eben diesem Isaak; und folglich verdiente dasselbe auch Isaak. Denn dies ist der Lohn des Gehorsams, den Gott sogleich hinzufügt, indem Er spricht: „In deinem Samen werden alle Völker der Erde gesegnet werden." So Pererius.

Siehe, was es heißt, Gott zu gehorchen; siehe, wie wohlgefällig und wie groß ein Verdienst der Gehorsam vor Gott ist. Vortrefflich sagt der hl. Hieronymus (oder wer auch immer der Verfasser ist) in dem Brief Über die Beschneidung: „Als er seinen Einzigen auf Erden nicht verschonte, wird ihm geboten, die Sterne als seine Kinder im Himmel zu zählen." Warum der Same Abrahams mit Sternen verglichen wird, habe ich in Kapitel 15, Vers 5 behandelt.


Vers 17: Dein Same soll die Tore besitzen

DEIN SAME SOLL DIE TORE BESITZEN — nämlich die Städte der Kanaanäer unter Josua; der Philister, Ammoniter, Syrer usw. unter David und Salomo. Es ist eine Synekdoche; denn mit „Toren" meint er Städte; denn wer die Tore einnimmt, nimmt die Stadt ein. So nahm Christus die Tore der Hölle und die Hölle selbst ein und plünderte sie. Ebenso unterwarfen die Apostel und ihre Nachfolger Rom und fast alle Städte der Welt Christus, dem Glauben Christi und Seiner Kirche.


Vers 18: In deinem Samen werden alle Völker gesegnet

IN DEINEM SAMEN WERDEN ALLE VÖLKER GESEGNET — das heißt, in Christus, der aus dir geboren wird als dein Same, das heißt deine Nachkommenschaft, ja Gottes gesegnete Nachkommenschaft, werden alle Völker Gerechtigkeit, Gnade, Heil und Herrlichkeit erlangen. Siehe, was zu Galater 3,16 gesagt worden ist.


Vers 20: Auch Milka hatte Nahor Söhne geboren

DASS AUCH MILKA NAHOR SÖHNE GEBOREN HATTE. Hier wird die Genealogie Nahors eingeflochten, sowohl zugunsten Abrahams, dessen Bruder er war; als auch wegen Rebekka, die Abraham als Schwiegertochter für sich und als Gemahlin für seinen Sohn Isaak suchte, damit daraus die Abstammung, sowohl die mütterliche als auch die väterliche, Jakobs und der Jakobiten, das heißt aller Israeliten, klar feststehe.


Vers 24: Seine Nebenfrau

Aus dem Wort pilegesh (Nebenfrau) scheint kein Zweifel zu bestehen, daß das Konkubinat verbreitet war; und daß sie zur Nebenfrau gemacht wurde.