Cornelius a Lapide
Inhaltsverzeichnis
Zusammenfassung des Kapitels
Jakob flieht vor Esau und zieht nach Mesopotamien; auf dem Weg schlafend, sieht er Gott auf eine Leiter gelehnt, auf der Engel auf- und abstiegen, der ihn tröstet, und daraufhin nannte er den Ort Bethel; und schließlich legt er in Vers 20 ein Gelübde vor Gott ab.
Anmerkung: All dies geschah im 77. Lebensjahr Jakobs, wie ich am Anfang von Kapitel 27 gezeigt habe.
Vulgata-Text: Genesis 28,1-22
1. Isaak rief also Jakob, segnete ihn und gebot ihm und sprach: Nimm dir keine Frau aus dem Geschlecht Kanaans; 2. sondern geh und begib dich nach Mesopotamien in Syrien, zum Haus Béthuels, des Vaters deiner Mutter, und nimm dir von dort eine Frau unter den Töchtern Labans, deines Onkels. 3. Der allmächtige Gott aber segne dich und lasse dich wachsen und sich vermehren, damit du zu Scharen von Völkern werdest. 4. Und er gebe dir die Segnungen Abrahams, dir und deinem Samen nach dir, damit du das Land deiner Fremdlingschaft besitzest, das er deinem Großvater verheißen hat. 5. Und als Isaak ihn entlassen hatte, brach er auf und kam nach Mesopotamien in Syrien, zu Laban, dem Sohn des Syrers Béthuel, dem Bruder seiner Mutter Rebekka. 6. Als aber Esau sah, daß sein Vater Jakob gesegnet und ihn nach Mesopotamien in Syrien geschickt hatte, damit er sich von dort eine Frau nähme, und daß er ihm nach dem Segen geboten hatte und sprach: Du sollst dir keine Frau von den Töchtern Kanaans nehmen; 7. und daß Jakob, seinen Eltern gehorsam, nach Syrien gezogen war; 8. als er auch erkannte, daß sein Vater die Töchter Kanaans nicht gern sah, 9. ging er zu Ismael und nahm sich, zusätzlich zu denen, die er schon hatte, Machalat zur Frau, die Tochter Ismaels, des Sohnes Abrahams, die Schwester Nebajots. 10. Jakob brach also von Beerscheba auf und zog nach Haran. 11. Und als er an einen bestimmten Ort gekommen war und dort nach Sonnenuntergang rasten wollte, nahm er von den Steinen, die dort lagen, und legte sie unter sein Haupt und schlief an demselben Ort. 12. Und er sah im Traum eine Leiter, die auf der Erde stand, und deren Spitze den Himmel berührte; auch Engel Gottes, die auf ihr auf- und abstiegen, 13. und den Herrn, auf die Leiter gelehnt, der zu ihm sprach: Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham, und der Gott Isaaks. Das Land, auf dem du schläfst, will ich dir und deinem Samen geben. 14. Und dein Same soll sein wie der Staub der Erde: Du wirst dich ausbreiten nach Westen und nach Osten, nach Norden und nach Süden; und in dir und in deinem Samen werden alle Stämme der Erde gesegnet werden. 15. Und ich werde dein Hüter sein, wohin du auch gehst, und ich werde dich in dieses Land zurückführen; und ich werde dich nicht verlassen, bis ich alles erfüllt habe, was ich gesagt habe. 16. Und als Jakob aus dem Schlaf erwachte, sprach er: Wahrlich, der Herr ist an diesem Ort, und ich wußte es nicht. 17. Und voll Ehrfurcht sprach er: Wie furchtbar ist dieser Ort! Dies ist nichts anderes als das Haus Gottes und die Pforte des Himmels. 18. Jakob stand also am Morgen auf, nahm den Stein, den er unter sein Haupt gelegt hatte, und richtete ihn als Denkmal auf, indem er Öl darüber goß. 19. Und er nannte den Namen der Stadt Bethel, die zuvor Lus geheißen hatte. 20. Er legte auch ein Gelübde ab und sprach: Wenn Gott mit mir sein wird und mich auf dem Weg, den ich gehe, behüten wird und mir Brot zu essen und Kleidung zum Anziehen geben wird, 21. und ich wohlbehalten zum Haus meines Vaters zurückkehren werde: so soll der Herr mein Gott sein, 22. und dieser Stein, den ich als Denkmal aufgerichtet habe, soll Haus Gottes heißen; und von allem, was du mir geben wirst, will ich dir den Zehnten darbringen.
Vers 1: Er segnete ihn
1. ER SEGNETE IHN — er bestätigte den kurz zuvor erteilten Segen. So der hl. Augustinus.
Vers 2: Nach Mesopotamien
2. NACH MESOPOTAMIEN — nach Haran oder Karrä, einer Stadt Mesopotamiens, die von Beerscheba, wo Isaak und Jakob wohnten, etwa acht Tagereisen entfernt war.
DAS HAUS BÉTHUELS — das Béthuel gehört hatte, aber nach dessen Tod nun seinem Sohn gehörte, nämlich Laban, Jakobs Onkel.
Vers 3: Er lasse dich wachsen und sich vermehren
3. ER LASSE DICH WACHSEN UND SICH VERMEHREN, DAMIT DU ZU SCHAREN VON VÖLKERN WERDEST — er lasse dich mit zahlreicher Nachkommenschaft und einer großen Familie wachsen, so daß viele Stämme und Scharen von Völkern aus dir hervorgehen. Und tatsächlich waren die zwölf Stämme, die von Jakob abstammten, in der Tat volkreich.
Vers 4: Deinem Samen nach dir
4. DEINEM SAMEN NACH DIR. — Daher folgern der hl. Augustinus, Buch XVI von Vom Gottesstaat, Kapitel 38, und Rupert, daß die Verheißungen Gottes über den Besitz des Landes Kanaan, über zahlreiche Nachkommenschaft und Reichtum, über Christus, der aus ihm geboren werden sollte, usw., die an Abraham und Isaak ergangen waren, Jakob und seinen Nachkommen zugeeignet wurden; und aus diesem Grund gilt Esau als ausgeschlossen und fremd gegenüber dem Samen und der Familie Abrahams und Isaaks, und er wurde zum Vater und Gründer eines fremden Volkes, nämlich der Edomiter; daher waren Esau und die Edomiter folglich nicht an die Bedingung und Verpflichtung gebunden, die im Bund und Segen Abrahams eingeschlossen war, nämlich das Gesetz der Beschneidung; obwohl sie es freiwillig und aus eigenem Antrieb annahmen, wie aus Jeremia 9,25 und 26 hervorgeht.
Vers 5: Er kam nach Mesopotamien
5. ER KAM NACH MESOPOTAMIEN — auf jener Reise, die in Vers 10 ausführlicher erzählt wird. Es handelt sich also um eine Prolepsis; denn Mose wollte zugleich gleichsam in einer Zusammenfassung die Taten sowohl Esaus als auch Jakobs sowie Jakobs Flucht vor seinem Bruder und deren Ziel vor Augen stellen und einander gegenüberstellen, um sie dann im Folgenden wieder aufzugreifen und ausführlicher zu erzählen. Denn Mose beabsichtigt, die Taten Jakobs als des Vaters der zwölf Patriarchen und aller Israeliten ausführlich darzulegen; daher erwähnt er, um sich ganz diesen widmen zu können, die Taten Esaus, die sich zur selben Zeit ereigneten, beiläufig und faßt sie kurz zusammen.
Im moralischen Sinne lehrt der hl. Ambrosius in Buch II von Über Jakob und das glückliche Leben, daß Jakob selbst auf der Flucht und im Exil glücklich war. „War Jakob nicht glücklich,” sagt er, „selbst als er seine Heimat verließ? Ja, wahrlich glücklich, der die Härten des Exils auf sich nahm, um den Zorn seines Bruders zu besänftigen. Denn wenn derjenige glücklich ist, der die Sünde meidet, so kann gewiß nicht geleugnet werden, daß derjenige glücklich ist, der die Schuld eines anderen erleichtert und ein Verbrechen abwendet. Und so wich er einem vorbereiteten Brudermord durch freiwilliges Exil aus, und durch diese Tat suchte er sich selbst das Heil und schenkte seinem Bruder die Unschuld. Mit Recht also begleitete ihn überall die göttliche Gnade, so daß er selbst im Schlaf die Gabe des glücklichen Lebens erwarb; denn er schaute die Geheimnisse der zukünftigen Dinge und vernahm göttliche Orakel.”
Denn im Schlaf empfing er herrliche Tröstungen Gottes, Visionen, Segnungen und Verheißungen, gemäß dem Wort aus dem Hohenlied 5,2: „Ich schlafe, aber mein Herz wacht.” Daher vergleicht Klemens von Alexandrien, Buch II des Pädagogen, Kapitel 9, diejenigen, die nüchtern schlafen, mit den stets wachsamen Engeln, da sie die Ewigkeit des Lebens aus der Betrachtung ihres Wachens empfangen. Damit deutet er an, daß die Seele gleichsam stirbt, wenn sie von der Betrachtung abläßt, aber lebt und sich verewigt, wenn sie sich in beständiger Betrachtung übt.
Vers 8: Des Syrers
8. DES SYRERS — das heißt des Mesopotamiers. Siehe das zu Kapitel 25, Vers 20 Gesagte.
ALS ER AUCH ERKANNTE — das heißt: beobachtete und wahrnahm. So das Hebräische. „Erkannte” bedeutet hier also nicht dasselbe wie „erforschte”, sondern gleichsam: als er durch Beweis und Erfahrung gelernt und entdeckt hatte. Es scheint, daß Esau sich diese dritte Frau nehmen wollte, die seinen Eltern gefallen, oder ihnen wenigstens weniger mißfallen würde als die beiden früheren, die Kanaaniterinnen waren. Aber er wollte keine Frau aus dem Hause Nahors nehmen, obwohl er wußte, daß dies seinen Eltern angenehmer gewesen wäre; und dies aus einer gewissen Eigenwilligkeit, weil nämlich Jakob dorthin gegangen war und er nicht den Anschein erwecken wollte, seinem Bruder zu folgen und ihn nachzuahmen, zumal er selbst der Ältere war.
Vers 9: Er ging zu Ismael
9. ER GING ZU ISMAEL — das heißt zu den Ismaeliten; denn Ismael war bereits seit vierzehn Jahren tot. Diese Ereignisse geschahen nämlich, wie ich am Anfang von Kapitel 27 sagte, im 77. Jahr Jakobs; Ismael aber starb im Alter von 137 Jahren, was Isaaks Jahr 123 und Jakobs Jahr 63 war. So Tostatus.
Vers 11: Er nahm von den Steinen
11. ER NAHM VON DEN STEINEN. — Aus diesen Worten schließen Rabbi Nehemia im Midrasch Tehillim, zu Psalm 90: „Seinen Engeln hat er deinetwegen Befehl gegeben,” und das Buch Rabba an dieser Stelle, daß Jakob drei Steine nahm und daß diese in einen einzigen verwandelt wurden, von dem es in Vers 18 heißt: „Er nahm den Stein, den er unter sein Haupt gelegt hatte, und richtete ihn als Denkmal auf”; damit sollte das Geheimnis der Heiligsten Dreifaltigkeit bezeichnet werden, in der drei Personen in einem Wesen zusammenkommen, und deshalb habe Jakob in Vers 17 ausgerufen: „Wie wunderbar ist dieser Ort!” Doch dies scheint eine rabbinische Erdichtung und Fabel zu sein; denn der hl. Hieronymus sagt nichts dergleichen, noch irgendein alter oder neuer Ausleger. Was also gesagt wird: „Er nahm von den Steinen,” ist so zu verstehen: einen größeren und geeigneteren Stein, wie er selbst in Vers 18 erklärt, indem er sagt: „Er nahm den Stein, den er unter sein Haupt gelegt hatte.”
Vers 11: Er legte ihn unter sein Haupt (Moralisch)
ER LEGTE IHN UNTER SEIN HAUPT. — Im moralischen Sinne: Man beachte hier, daß Jakob sich ein hartes Bett und Kissen bereitet, nämlich einen Stein; denn ein hartes Lager, harte Kost und lauter Hartes ziemt den Höflingen des Himmels. „Sieh,” sagt der hl. Chrysostomus, „die Kraft des Jünglings, der Steine als Kissen benutzt; sieh seinen männlichen Geist: er schläft auf dem Boden.” Doch durch diesen Stein (der ein Vorbild Christi war) wird er erfrischt und gestärkt. Daher nennt der hl. Hieronymus zu Psalm 133 diesen Stein Jakobs den Stein der Hilfe: „Wer ein solches Kissen hatte,” sagt er, „an dem er die Glut der Verfolgung kühlte, der sieht eine Leiter, auf der er, wenn nötig, in den Himmel aufgenommen würde.” Christus also ist das Kissen der Mühseligen, auf dem sie lieblich ruhen und die Erquickungen des Himmels empfangen. Im Gegensatz dazu sind goldene und weiche Betten gleichsam Gräber des Schlafes, der Weichlichkeit, der Trägheit und der Verdrossenheit, während harte und steinerne Übungsstätten und Ringerplätze der Kraft und Tugend sind. Daher sagt der hl. Ambrosius, Buch II von Über Jakob: „Jakob,” sagt er, „war ein guter Arbeiter selbst im Schlaf, da er schlafend mehr mit Gott verhandelte als wachend.”
Vers 12: Und er sah im Traum
12. UND ER SAH IM TRAUM. — Es war also dies eine bildhafte und symbolische Vision.
EINE LEITER STAND. — Die Septuaginta liest: „Eine fest gegründete Leiter.” Alcazar meint in seinem Kommentar zur Apokalypse, Kapitel 4, Vers 1, daß Gott an dieser Leiter nicht im Himmel, sondern auf der Erde gestanden habe, an den untersten Stufen der Leiter, um sie zu halten und zu stützen; denn er sprach mit Jakob, der auf der Erde an der Leiter schlief, und war ihm daher nahe. Doch passender meinen Josephus und Cajetan, daß Gott im Himmel stand und sich auf die obersten Stufen der Leiter lehnte. Denn die Engel stiegen auf dieser Leiter zu Gott empor, um seine Befehle auf die Erde zu bringen; und es ist nicht verwunderlich, daß Gott vom Himmel aus zu Jakob auf der Erde sprach, denn diese Rede war, wie auch die Vision, nicht sinnlich, sondern bildhaft oder geistig, und eine solche kann zwischen weit Entfernten stattfinden und geschieht oft, nicht nur von Gott, sondern auch von Engeln.
Was bedeutet Jakobs Leiter im wörtlichen Sinne?
Man fragt erstens: Was bedeutet diese Leiter Jakobs im wörtlichen Sinne?
Philo und Origenes antworten, wie vom hl. Hieronymus im Brief 161 angeführt, daß diese Leiter die Metempsychose darstelle, das heißt die Wanderung der menschlichen Seele von einem Leib in einen anderen. Sie vertreten nämlich die Ansicht, daß die Seele eines jeden Menschen vor dem Leib existiert habe, und so oft sie damals sündigte und vom Himmel gleichsam zur Erde hinabstieg, so oft wechsle sie nun die Leiber, von einem in den anderen wandernd, bis sie durch diese, gleichsam durch gewisse Stufen der Buße (wie Stufen einer Leiter), wieder zum Himmel emporsteige.
Ferner ordnet Origenes beim Abstieg der Seele folgende Stufen zu: Zuerst, sagt er, wird die Seele in feinere Leiber herabgelassen; sodann, wenn sie weiter sündigt, in gröbere; und schließlich wird sie in irdische Leiber hinabgestoßen. Überdies schreibt Philo in seinem Buch Über die Pflanzung Noachs, daß durch diese Leiter der Abstieg der Seelen in die Leiber bei ihrer Geburt bezeichnet werde oder tatsächlich stattfinde.
Denn Origenes sagt, indem er diese Worte erklärt, daß Jakob eine Leiter sah, und schreibt: „Die Luft hat, gleich einer volkreichen Stadt, unsterbliche Bürger, nämlich Seelen, die an Zahl den Sternen gleich sind; einige von ihnen steigen herab, um an sterbliche Leiber gebunden zu werden,” usw. Daher erdichtete Origenes auch, daß die Seelen der Menschen Engel gewesen seien, die wegen im Himmel begangener Sünden herabgestoßen und durch diese Leiter Stufe für Stufe in verschiedene und immer niedrigere Leiber herabgestiegen seien.
Man höre den hl. Hieronymus in seinem Schreiben an Pammachius gegen die Irrtümer des Johannes von Jerusalem: „Origenes lehrt, daß durch die Leiter Jakobs die vernunftbegabten Geschöpfe stufenweise bis zur letzten Stufe herabsteigen, das heißt bis zum Fleisch und Blut, und daß es unmöglich sei, daß jemand von der Zahl hundert plötzlich auf die Zahl eins hinabgestürzt werde, ohne durch jede einzelne Zahl, gleichsam wie durch die Stufen einer Leiter, bis zur letzten zu gelangen, und daß sie ebenso viele Leiber wechseln, wie sie von Wohnstätten vom Himmel zur Erde gewechselt haben.” Er gibt ein Beispiel: „Stell dir jemanden im Range eines Tribunen vor, der durch eigenes Verschulden degradiert wird, durch jeden einzelnen Rang der Reiterei bis zum Titel des Rekruten herabgestuft — wird ein Tribun sofort zum Rekruten? Nein, sondern zuerst wird er Oberstabsoffizier, dann Senator, dann Zenturio, dann Truppenführer, dann Patrouillenoffizier, dann Reiter, dann Rekrut.” Doch dies sind die Wahngebilde des Pythagoras und des Origenes.
Die Leiter als Sinnbild der göttlichen Vorsehung
Ich sage also mit Theodoret, Aben Esra, den Hebräern und Pererius, daß diese Leiter erstens ein Sinnbild der göttlichen Vorsehung und Lenkung ist; daher lehnt Gott sich auf sie, als die erste Ursache und der erste Beweger aller Dinge, der die Zeit aus der Ewigkeit hervorgehen heißt und, selbst beständig bleibend, allem seine Bewegung verleiht.
Zweitens steigen die Engel auf und ab als Diener und Vollstrecker der göttlichen Vorsehung, denen Gott einem jeden einzeln seine Aufgaben zuweist.
Drittens reicht diese Leiter vom Himmel zur Erde, weil Gott das Niedere durch das Höhere lenkt und die Menschen durch die Engel regiert.
Viertens sind die zwei Seiten der Leiter Milde und Stärke; denn Gott, der die Welt durch seine Weisheit regiert, reicht machtvoll von einem Ende zum anderen und ordnet alles mit Milde.
Fünftens sind die verschiedenen Stufen der Leiter die verschiedenen Weisen der göttlichen Vorsehung und die verschiedenen Arten und Vollkommenheiten der Dinge, die daraus hervorgehen.
So beschreibt und stellt Homer in der Ilias, Buch 8, die göttliche Vorsehung durch eine goldene Kette dar, die Jupiter vom Himmel auf die Erde herabließ, durch die Jupiter alles umfaßt, bindet und zu sich zurückzieht.
Gottes drei Tröstungen für Jakob
Zweitens lehrt, eigentlicher und im Einzelnen, Diodor von Tarsus, daß die herabsteigenden Engel Jakobs glückliche Abreise nach Mesopotamien, die aufsteigenden aber seine glückliche Rückkehr nach Palästina bedeuten. Denn Gott wollte durch diese Vision Jakob trösten und ermutigen, der, seine Eltern verlassend und von seinem Bruder gehaßt, als Flüchtling, Verbannter und Einsamer, traurig und besorgt, hier rauh auf einem Felsen schlief, gleichsam sagend: Sei nicht traurig, fürchte dich nicht, o Jakob. Ich weiß, drei Dinge bedrücken und bekümmern dich: die Heimat, die Eltern, der Bruder; diesen stelle ich drei Dinge zu deinem Trost entgegen — die Leiter, Gott und die Engel.
Erstens hast du deine Heimat verlassen, und als Fremder ziehst du in ein fremdes Land: aber sieh die Leiter, die dir den Himmel öffnet, die dir den Weg zeigt, der dir in den Himmel bereitet ist; zweitens hast du deine Eltern verlassen und ziehst als Flüchtling zu Unbekannten in Mesopotamien: aber wisse, daß Gott diese deine Reise lenkt, dir beisteht, dich führt und beschützt, und der ebenso dich mit seiner Hilfe segnen und bereichern wird; drittens bist du deinem Bruder verhaßt und reisest allein: aber wisse, daß Engel deine Begleiter und Führer sind, die dich sicher nach Mesopotamien geleiten und dich unversehrt zu deinen Eltern nach Kanaan zurückbringen werden. Daß dies der wörtliche Sinn ist, geht aus dem Folgenden hervor, das erzählt, daß dies alles Jakob genau so widerfahren ist.
Moralisch: Gottes Fürsorge für die Seinen
Im moralischen Sinne: Man beachte hier, daß Gott für die Seinen sorgt, besonders für die in der Tugend Ausgezeichneten und Helden wie Jakob, mit solcher Fürsorge durch sich selbst und durch die Engel, als ob er sich ihnen ganz widmete und sich um nichts anderes in der ganzen Welt kümmerte, gemäß dem Hohenlied 2,16: „Mein Geliebter ist mein, und ich bin sein.” Wo der hl. Bernhard, Predigt 68 über das Hohelied, sagt: „Ist denn jene Majestät so auf diesen Einen gerichtet, auf der die Lenkung des Weltalls ruht, und wird die Sorge der Zeitalter auf die einzigen Geschäfte, oder vielmehr die Muße der Liebe übertragen? So ist es in der Tat. Denn alles ist um der Auserwählten willen.” Wir leugnen also die Vorsehung Gottes für die übrigen Geschöpfe nicht, doch die besondere Fürsorge Gottes beansprucht die Braut allein für sich.
Eine solche war die selige Jungfrau, die in dieser Leiter die höchste Stufe ist, auf die Gott sich lehnt, wie ich sogleich sagen werde. Daher lehrt der hl. Thomas, II-II, Frage 103, Artikel 4, Antwort auf Einwand 2, daß sie vor den anderen Heiligen mit Hyperdulie verehrt werden muß, weil sie, wie er sagt, durch ihre Mitwirkung den Grenzen der Gottheit am nächsten kam; denn bei der Menschwerdung Christi tat sie alles, wohin die Kraft der Natur sich erstrecken konnte, und als diese versagte, trat die Gottheit nach, um das eigentliche Wesen des Werkes dann allein zu vollenden.
Was bedeutet die Leiter im allegorischen Sinne?
Man fragt zweitens: Was bedeutet diese Leiter Jakobs im allegorischen Sinne?
Eustathius antwortet, daß diese Leiter das Kreuz Christi bedeute. So auch der hl. Augustinus, Predigt 79: Der Herr, sagt er, der sich auf die Leiter lehnt, ist Christus, der am Kreuz hängt; von dort nahm er sich eine Braut, das heißt, er verband die Kirche mit sich. Treffend; denn das Kreuz ist eine Leiter und ein Weg, auf dem Christus und alle Christen in den Himmel emporgestiegen sind und täglich emporsteigen.
So lesen wir im Martyrium der hl. Perpetua und der hl. Felicitas, am 7. März, deren Tapferkeit der hl. Augustinus in Psalm 47 und anderswo oft preist, daß sie ein Vorzeichen und ein Zeichen ihres Martyriums von Gott durch eine Leiter empfingen. Denn als sie im Kerker gefangen gehalten wurden, sah die hl. Perpetua in einer Vision eine goldene Leiter, die sich von der Erde zum Himmel erstreckte, an deren Stufen viele Schwerter befestigt waren, und zwar sehr scharfe, so daß es schien, niemand könne sie ohne schwere Verletzung ersteigen. Unten war ein schrecklicher Drache, der verhindern wollte, daß jemand emporstieg. Sodann sah sie Saturus (der einer ihrer vier Gefährten war, die alle zusammen mit ihr im Jahr des Herrn 205 mit dem Martyrium gekrönt wurden), wie er mit großem Mut die Leiter erstieg und die anderen ermahnte, ihm unerschrocken zu folgen und den Drachen nicht zu fürchten, da er sie nicht aufhalten könne. Dann erwachte sie und erzählte diese Vision ihren Gefährten; die alle Gott dankten. Denn sie verstanden, daß sie zum Martyrium berufen wurden; denn jene Leiter, die mit so vielen Messern und Schwertern geschärft war, war das Mittel, durch das Gott sie glorreich in den Himmel führen wollte, und der höllische Drache konnte ihren Weg und Aufstieg nicht hindern.
Die Leiter der Menschwerdung
Doch passender und eigentlicher meinen Diodor, Vatablus und Rupert, daß der Heilige Geist durch diese Leiter die Menschwerdung des Wortes darstellte, nämlich die Abstammung Christi, der aus Jakob geboren werden und durch verschiedene Stufen, das heißt Geschlechter und Vorfahren, herabsteigen sollte, von denen der letzte Josef mit der seligen Jungfrau ist und der höchste Adam, der unmittelbar und direkt von Gott erschaffen wurde.
Zweitens sind die zwei Seiten der Leiter Barmherzigkeit und Wahrheit, oder Gottes Treue bezüglich des verheißenen Messias; denn diese beiden veranlaßten das Wort, zu uns herabzusteigen und unser Fleisch anzunehmen.
Drittens berührt diese Leiter die Erde, weil das Wort auf Erden Fleisch geworden ist und sie durch seine Berührung der Menschwerdung gesegnet hat; und sie berührt den Himmel, weil Christus, der Fleisch geworden ist, der Sohn Gottes ist, das heißt Gottmensch: denn Christus hat das Himmlische mit dem Irdischen, das Niedrigste mit dem Höchsten und so Gott mit dem Menschen in sich verbunden. Daher spricht er selbst: „Niemand steigt in den Himmel hinauf, außer dem, der vom Himmel herabgestiegen ist”; er also ist unsere Leiter, durch die wir zu Gott emporsteigen: denn niemand kommt zum Vater außer durch Christus.
Viertens steigen die Engel herab, um dieses Geheimnis der Menschwerdung den Menschen zu verkünden; dieselben steigen empor, um die glühenden Sehnsüchte und Gebete der Patriarchen zu Gott hinaufzutragen. Daher nennt der selige Petrus Chrysologus, Predigt 3 Über die Verkündigung, die Menschwerdung das Geschäft aller Zeitalter, nämlich weil in ihr jedes Zeitalter sich abmühte und durch die Engel die Sache bei Gott eifrig betrieben wurde bezüglich dieses gemeinsamen Heilmittels für die Welt, bis im Hause der Jungfrau das himmlische Geschäft vollendet wurde.
Fünftens sind die Stufen dieser Leiter die verschiedenen Tugenden Christi, und besonders vier, nämlich: 1. Demut bei seiner Geburt; 2. Armut in der Krippe; 3. Nächstenliebe im Lauf seines Lebens; 4. Gehorsam in seinem Leiden: dies ist der Weg zum Himmel, wandelt auf ihm.
Schließlich wird die selige Jungfrau in ihren Litaneien die Leiter Jakobs genannt; und so nennt sie der hl. Bernhard (oder wer auch immer der Verfasser ist) in seiner Predigt über die selige Maria, Seite 394: „Sie,” sagt er, „ist die Leiter, der Dornbusch, die Tenne, der Stern, der Stab, das Vlies, das Brautgemach, die Pforte, der Garten, die Morgenröte. Denn sie ist die Leiter Jakobs, die zwölf Stufen hat zwischen zwei Seiten. Die rechte Seite ist die Verachtung seiner selbst bis zur Liebe Gottes; die linke ist die Verachtung der Welt bis zur Liebe des Reiches. Die Aufstiege dieser Leiter sind die zwölf Stufen der Demut. Die erste ist der Haß gegen die Sünde; die zweite die Flucht vor der Übertretung; die dritte die Furcht vor dem Haß; die vierte, in all diesen Dingen dem Schöpfer untertan zu sein; die fünfte, dem Oberen zu gehorchen; die sechste, dem Gleichgestellten zu gehorchen; die siebte, dem Niedrigeren zu dienen; die achte, sich selbst untertan zu sein; die neunte, beständig über sein Ende nachzusinnen; die zehnte, seine eigenen Werke stets zu fürchten; die elfte, seine Gedanken demütig zu bekennen; die zwölfte, in allem nach der Hand, dem Wink und dem Willen des Herrn bewegt zu werden. Über diese Stufen steigen die Engel empor, und sie erheben die Menschen. So werden im Herzen Aufstiege bereitet, durch allmählichen Fortschritt und schrittweises Emporsteigen. So erlangen sie im Hause des Vaters lichtvolle Wohnungen. Dies sind die zwölf Apostel, die in der Wüste den Fußspuren Jesu Christi folgen.”
Die Leiter der Vollkommenheit
Daher sagt zweitens der hl. Basilius zu Psalm 1: Die Leiter ist der Aufstieg zur Vollkommenheit; ihr Gipfel ist die Liebe; ihre Stufen sind die zehn Stufen der Entsagung, deren erste darin besteht, den irdischen Dingen zu entsagen, um mit den Aposteln zu sagen: „Siehe, wir haben alles verlassen”; die zweite, dasselbe zu vergessen, Psalm 44: „Höre, Tochter, usw., und vergiß dein Volk”; die dritte, dasselbe wie Unrat zu hassen und zu verabscheuen; die vierte, die Liebe zu Eltern und Verwandten abzulegen; die fünfte, seine eigene Seele um Christi willen zu hassen, so daß man sich um sein eigenes Leben überhaupt nicht sorgt, selbst wenn es das Todesurteil hat, sagt der hl. Basilius; die sechste, das eigene Urteil und den eigenen Willen zu verleugnen; die siebte, beständig seine Begierden abzutöten, um jenes Wort Christi zu erfüllen: „Er verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz täglich auf sich”; die achte, Christus nachzufolgen und von ihm zu lernen, denn er ist sanftmütig und demütig von Herzen; die neunte, beständig und wirksam die Nächsten zu lieben, selbst die Feinde; die zehnte, in der der Herr geschaut wurde, ist, Gott anzuhangen und mit ihm in einem Geist vereint zu sein. So Pererius.
Was bedeutet die Leiter im symbolischen Sinne?
Man fragt drittens: Was bedeutet diese Leiter im symbolischen Sinne?
Philo antwortet in seinem Buch Über die Träume: Die Leiter, sagt er, ist die Seele; ihr Fuß ist der Sinn und das Verlangen nach irdischen Dingen; ihr Haupt ist der reinste Geist, der durch die Stufen der Betrachtung zu Gott emporsteigt, gleichwie umgekehrt der besagte Fuß durch die Stufen der Begierden zur Erde und zu den irdischen Dingen hinabsteigt. Der Mensch achte also darauf, daß er nicht, dem Fuß folgend, hinabsteige, sondern vielmehr, auf sein Haupt blickend, emporsteige.
Zweitens sagt derselbe Philo: Die Leiter ist die Unbeständigkeit dieses Lebens, in dem die einen vom Höchsten zum Niedrigsten hinabgestürzt werden und die anderen vom Niedrigsten zum Höchsten erhoben werden, und dies nach Gottes Wink und Willen, der, sich auf diese Leiter lehnend, sie lenkt und steuert. So machte Pittakus, wie Aelian in Buch 2 berichtet, die Leiter zu einem Bild des Glücks und des Wechsels, des Glückes und des Unglückes; denn die Glücklichen steigen auf dem Rad des Schicksals empor, und die Unglücklichen steigen hinab. Doch dies sind philosophische Gedanken und gehören nicht zur Absicht des Heiligen Geistes an dieser Stelle.
Was bedeutet die Leiter im tropologischen Sinne?
Man fragt viertens: Was bedeutet diese Leiter Jakobs im tropologischen Sinne?
Tertullian antwortet am Ende von Buch III Gegen Markion: Diese Leiter ist der Weg, auf dem die Gerechten in ihrem Herzen Aufstiege zum Himmel bereiten. Dasselbe deutet der Heilige Geist an in Weisheit 10,10, wo er von diesem unserem Jakob und der Vision dieser himmlischen Leiter sprechend so sagt: „Diese (Weisheit) geleitete den Gerechten, der vor dem Zorn des Bruders floh, auf rechten Wegen und zeigte ihm das Reich Gottes.” Daher sagte Barlaam zu Josaphat: „Die Tugenden sind gleichsam gewisse Leitern zum Himmel,” wie der Damaszener in seiner Geschichte, Kapitel 20, bezeugt. Die zwei Seiten dieser Leiter sind Glaube und Werke; oder das Wort Gottes und die Sakramente; oder „ertrage und enthalte dich” — welche zwei Worte, wenn jemand sie befolgt, er ein höchst ruhiges und höchst heiliges Leben ohne Sünde führen wird, wie Epiktet zu sagen pflegte.
Die Stufen sind die Aufstiege verschiedener Gesetze und Tugenden; wiederum gehören diese Stufen den Anfängern, den Fortschreitenden und den Vollkommenen, mit denen Gott auf dem Gipfel sich vereint und an denen er sich erfreut und in denen er wohnt. Die Engel, die zu Gott emporsteigen, sagt der hl. Gregor, Buch V der Moralia, und nach ihm der hl. Thomas, II-II, Frage 181, letzter Artikel, bezeichnen das beschauliche Leben; die herabsteigenden aber, die sich den menschlichen Angelegenheiten zuwenden, bezeichnen das tätige Leben.
Daher deutet Alcazar treffend diese Engel als die Apostel und andere Prediger des Evangeliums, die die Weisheit, die sie in der Betrachtung aus Gott geschöpft haben, durch die Predigt über die Menschen ausgießen. Damit also ein Prediger recht predige, muß er zuerst durch die Betrachtung zu Gott im Himmel emporsteigen, um von ihm zu schöpfen, was er sagen soll. Jakob sah also in diesen Engeln eine Vorausdarstellung seiner Kinder und Nachkommen, nämlich der Herolde des Evangeliums, die aus Christus, seinem Nachkommen, geboren werden sollten und die die Menschen die Wissenschaft der Heiligen lehren sollten, die daher Gott dem Jakob gegeben und geoffenbart haben soll, Weisheit 10,10.
Die Leiter als Regel des Ordenslebens
Hierher gehört auch jene Erklärung des Zeno, Bischofs von Verona, der meint, daß diese Leiter die zwei Testamente bedeute, die durch gewisse Stufen der Befolgung den Menschen von der Erde zu Gott führen. Die herabsteigenden Engel sind Menschen, die vom Geistlichen zum Weltlichen abfallen und die, einst in Safrangewändern genährt, nun Unrat umarmen; die aufsteigenden aber sind gerechte Menschen, die in ihrem Herzen Aufstiege bereiten und suchen, was im Himmel ist, und nicht, was auf Erden ist.
Doch warum verharrt hier niemand? Der hl. Bernhard antwortet, Brief 253, weil es auf diesem Weg zwischen Fortschritt und Rückschritt keinen Mittelweg gibt; gleichwie auf einem Rad, das sich dreht, derjenige, der darauf sitzt, nicht stehenbleiben kann, sondern entweder aufsteigen oder absteigen muß. O Mönch, du meinst genug gearbeitet zu haben, du willst nicht mehr voranschreiten: du mußt notwendig zurückfallen; was du hier versäumst, wirst du in der ganzen Ewigkeit nicht wiedergutmachen können. Wie eine Ameise sammle also Verdienste in diesem Leben, damit du durch sie lebst und glorreich lebst in dem ewigen Leben, das dich erwartet; „was deine Hand zu tun vermag, das tue eifrig”; wie wirst du dich in der Ewigkeit über diese kurze, gut verbrachte Zeit freuen!
Schließlich sagt der hl. Bernhard in seiner Predigt über den Text „Siehe, wir haben alles verlassen”: Die Leiter, sagt er, ist die Ordensregel oder die Regel des Ordens, zum Beispiel diejenige, durch die der Liebling Gottes, Benedikt, in den Himmel emporstieg; die zwei Seiten sind Demut des Geistes und Strenge des Lebens; die Stufen sind die verschiedenen Regeln und Tugendakte. Denn die Leiter ist eng und bedeutet den engen Weg der Zucht, der zum Himmel führt. Denn, wie der hl. Augustinus in den Sentenzen, Sentenz 19, sagt: „Eng ist der Weg, der zum Leben führt, und doch läuft man auf ihm nur mit weitem Herzen; denn der Pfad der Tugenden, auf dem die Armen Christi wandeln, ist weit für die Hoffnung der Gläubigen, wenn er auch eng ist für die Eitelkeit der Ungläubigen.” Der hl. Antoninus in der Summa Theologica, Teil III, Titel 26, Kapitel 10, § 11: Das Gut des Ordenslebens, sagt er, wurde durch jene edle Leiter Jakobs bezeichnet, deren Stufen keine anderen sind als die des Lesens, der Betrachtung, der Abtötung und ähnlicher Übungen, aus denen das Ordensleben besteht. Auf dieser steigen die Engel empor, um diese Werke Gott darzubringen; und sie steigen herab, um wiederum den Ordensseelen die verschiedenen Gaben und Wohltaten des Bräutigams zu bringen. Und Gott lehnt sich auf sie, weil durch seine Gnade und seinen Beistand all unser Streben getragen wird, das, wenn er es hält, nicht fallen kann; und er selbst ist den Emporsteigenden die feste Stütze und den am Ziel Ankommenden der Lohn. Daher wird von ihr mit Recht gesagt: „Dies ist nichts anderes als das Haus Gottes und die Pforte des Himmels.”
So erkannte der hl. Romuald, wie in seiner Lebensbeschreibung berichtet wird, durch die Vision einer Leiter, die vom tiefsten Erdboden bis zum Himmel reichte und auf der er Mönche in weißen Gewändern auf- und absteigen sah, auf wunderbare Weise, daß die Vollkommenheit des Ordenslebens und sein Gewand damit bezeichnet wurden. Daher erbat und erhielt er denselben Ort von einem Edelmann, seinem Herrn, der Maldulus hieß, und erbaute dort das erste Kloster seines Ordens im Jahr des Herrn 1009, das seitdem Camaldoli genannt wurde, gleichsam „das Feld des Maldulus”; es liegt nahe bei Florenz am Apennin und blüht nun seit sechshundert Jahren im Reichtum heiliger Eremiten, das heißt irdischer Engel.
So berichtet der hl. Antoninus über den Tod des hl. Dominikus: Der Prior von Brescia, sagt er, sah in derselben Stunde, in der der hl. Dominikus starb, eine Öffnung im Himmel, durch die zwei strahlend weiße Leitern herabgelassen wurden: die selige Jungfrau hielt die eine, Christus die andere; und Engel stiegen auf und ab; und am oberen Ende jeder Leiter war ein Thron aufgestellt, und einer saß darauf, der einem Predigermönch glich (es war der hl. Dominikus), mit verschleiertem Angesicht, gleichsam zum Himmel schreitend; und Christus und seine Mutter zogen die Leitern mitsamt dem Thron und dem Sitzenden empor, und dann schloß sich die Öffnung. Durch diese Vision wurde der Weg bezeichnet, auf dem der hl. Dominikus in das himmlische Reich überging, nämlich daß ein sicheres Zeichen der Vorherbestimmung und ein sicherer Weg zum Himmel sowohl die Regel und das Ordensleben ist, die der hl. Dominikus und andere Ordensgründer auf Gottes Antrieb einrichteten, als auch die Wurzel und der Ursprung dieses Lebens, nämlich die ernsthafte Nachahmung, Verehrung und folglich die Hilfe und der Schutz der seligen Jungfrau. Daher wird die selige Jungfrau von den Vätern und in der Lauretanischen Litanei die Pforte und Leiter des Himmels genannt.
Was bedeutet die Leiter im anagogischen Sinne?
Man fragt fünftens: Was bedeutet diese Leiter im anagogischen Sinne? Ich antworte: Diese Leiter stellt die verschiedenen Sitze, Ränge und Chöre der Heiligen und Engel im Himmel dar. Die Engel steigen herab, wenn sie zur Bewachung der Menschen ausgesandt werden; sie steigen empor, wenn sie zurückkehren, und sie versetzen die Seelen der Gerechten auf die Stufen dieser Leiter, das heißt auf die Sitze der Engel, die gefallen und zu Dämonen geworden sind. Darauf spielt auch der Weise an, Kapitel 10, Vers 10, wie ich oben gesagt habe.
Daher ist den Heiligen, die in diesem Leben kämpfen, häufig ihr Platz im Himmel, ihre Krone gezeigt worden, wie dem hl. Stephanus, den vierzig Märtyrern, deren Gedächtnis am 9. März gefeiert wird, dem hl. Nikolaus von Tolentino, dem hl. Franziskus, dem hl. Vitalis. Denn als Vitalis von seinen Verfolgern gezwungen wurde, Christus zu verleugnen, bekannte er ihn nur um so kühner; daher wurde er mit jeder Art von Folter gequält, so daß an seinem Leib keine Stelle ohne Wunde war. Der Märtyrer aber, der seine Leiden mit tapferem Geist ertrug und glühendste Gebete emporschickte, sprach: „Herr Jesus Christus, mein Erlöser und mein Gott, befiehl, daß mein Geist aufgenommen werde; denn ich verlange nun, die Krone zu empfangen, die mir dein heiliger Engel gezeigt hat.” Nachdem er diese Worte gesprochen hatte, flog er zum Himmel empor; Zeugen sind der hl. Ambrosius und der hl. Hieronymus, Ermahnung an die Jungfrauen. Mit Recht sagt daher derselbe Hieronymus in seinem Brief an Julian, Band I: „Jakob sah,” sagt er, „die Leiter und den Herrn, der sich von oben auf sie lehnte, um den Müden die Hand zu reichen, um die Emporsteigenden durch seinen Anblick zur Mühe anzuspornen.”
Vers 13: Das Land, in dem du schläfst
13. DAS LAND, IN DEM DU SCHLÄFST -- das ganze Land Kanaan. WILL ICH DIR UND DEINEM SAMEN GEBEN. -- „Dir”, das heißt deinem Samen: denn das „und” ist hier exegetisch, also ein Erklärungszeichen, und bedeutet „das heißt”.
Vers 14: In dir werden alle Stämme gesegnet werden
14. IN DIR UND IN DEINEM SAMEN WERDEN ALLE STÄMME DER ERDE GESEGNET WERDEN. -- „In dir” gleichsam als im Ursprung und Stammvater; aber „in deinem Samen”, nämlich durch Christus, der aus dir geboren werden soll, werden sie zunächst und unmittelbar gesegnet, das heißt mit Gerechtigkeit, Gnade und Heil beschenkt werden -- alle Stämme der Erde, nämlich jene, die Christus annehmen, an ihn glauben und ihm gehorchen werden.
Vers 15: Sechs Segnungen, die Jakob verheißen wurden
15. BIS ICH VOLLENDET HABE -- das heißt, bis ich vollende. Man beachte hier sechs unermessliche Segnungen, die Gott seinem betrübten und bedrängten Diener Jakob verheißt. Die erste ist: „Das Land, in dem du schläfst, will ich dir geben”; die zweite: „Dein Same wird unzählbar sein wie der Staub der Erde”; die dritte: „In dir werden alle Stämme der Erde gesegnet werden”; die vierte: „Ich werde dein Hüter sein, wohin auch immer du gehst”; die fünfte: „Ich werde dich in dieses Land zurückführen”; die sechste: „Ich werde dich nicht verlassen, bis ich alles vollendet habe, was ich gesagt habe.”
Vers 17: Wie furchtbar ist dieser Ort
17. UND ERSCHAUERND -- von heiliger Furcht, Scheu und Ehrfurcht erfüllt. WIE FURCHTBAR! -- wie heilig, mit welcher Ehrfurcht, welchem Zittern und welcher Demut dieser Ort zu verehren ist, wegen der Gegenwart Gottes und der Engel, die auf der Leiter auf- und absteigen!
DIES IST NICHTS ANDERES ALS DAS HAUS GOTTES -- wo nämlich Gott auf der Leiter ruht und mit seinen auf- und absteigenden Engeln wohnt. Der Chaldäer übersetzt: Wie furchtbar ist dieser Ort! Er ist kein gewöhnlicher Ort, sondern ein Ort, an dem Wohlgefallen vor Gott herrscht, und diesem Ort gegenüber liegt das Tor des Himmels.
Man sehe hier, wie Gott seit der Zeit Jakobs und Abrahams bestimmte Orte durch seine Erscheinung, seine Wohltaten und seine Wunder ausgezeichnet und dort verehrt und angerufen werden wollte. Warum also erheben die Neuerer ihr Geschrei gegen die selige Jungfrau von Loreto, von Halle, von Aspricollis?
Tertullian meint in seinem Buch Über die Flucht, daß Jakob in dieser Vision Christus geschaut habe, der das Haus Gottes und zugleich das Tor ist, durch das wir in den Himmel eintreten, und daßer dies durch diese seine Worte verstanden und bezeichnet habe.
UND DAS TOR DES HIMMELS -- weil ich nämlich von dort die Engel hinausgehen sah, wenn sie auf der Leiter herabsteigen, und eintreten, wenn sie auf ihr zu Gott emporsteigen.
Allegorisch ist die Kirche Bethel, das heißt das Haus Gottes und das Tor des Himmels: weil in ihr wie in seinem eigenen Haus Gott durch seine Gegenwart wohnt, sowohl die geistliche als auch die wirkliche und leibliche im Sakrament der Eucharistie; und weil in der Kirche die Verdienste Christi sind (dessen Stammvater und Vorbild Jakob war), durch die das Tor des Himmels aufgeschlossen wurde.
So sagt Rupert. Siehe Kajetan. Wenn also dieser Ort und dieser Stein so ehrwürdig und furchtbar waren, was wird dann die Kirche der Christen sein, in der nicht ein Schatten, das heißt die Bundeslade, aufbewahrt wird, wie es im Zelt des Mose geschah, sondern der Allmächtige selbst, der Schöpfer aller Dinge, unter dem weißen Schleier des hochheiligen Sakramentes gleichsam wie in einer Wolke wahrhaft wohnt? Wahrhaftig sagt der hl. Chrysostomus, Homilie 36 über den 1. Korintherbrief: „Die Kirche”, so spricht er, „ist der Ort der Engel, der Ort der Erzengel, das Reich Gottes, der Himmel selbst; und wenn du es nicht glaubst, blicke auf diesen Tisch”, das heißt den Altar.
Vers 18: Er richtete ihn als Denkmal auf
18. ER RICHTETE IHN ALS DENKMAL AUF -- jenen Stein oder Felsen, auf dem er geschlafen hatte, hob Jakob empor und stellte ihn aufrecht, damit er ein Denkmal der Vision und Erscheinung sei, die ihm zuteilgeworden war.
Anmerkung: „Titel” (titulus) wird in vierfachem Sinne gebraucht und bezeichnet vier Dinge. Erstens ist ein Titel eine Aufschrift einer Sache, wie der Titel eines Buches, der Titel des Kreuzes; zweitens ist ein Titel eine Säule oder Pyramide, die als Siegeszeichen oder zum Gedenken an eine bemerkenswerte Tat errichtet wurde; drittens ist ein Titel ein Standbild, ein Bildnis oder ein Götzenbild, das zur Verehrung und Anbetung errichtet wurde, wie der in Levitikus 26,1 verbotene Titel; viertens ist ein Titel ein Stück Holz, ein Stein oder ein anderer Gegenstand, der als Gedenkzeichen und Hinweis auf ein Ereignis aufgestellt oder errichtet wurde, zum Beispiel die engelhafte Vision, die Jakob hier zuteilwurde. Denn Jakob richtete diesen Stein als Denkmal auf, damit er bei seiner Rückkehr aus Haran in seine Heimat am selben Ort diese Wohltat Gottes in Erinnerung rufen und verehren konnte, wie er es bekanntlich in Kapitel 35,5 getan hat.
Daher weihte er denselben Stein auch als Altar, wie im letzten Vers deutlich werden wird; weshalb dieses Denkmal nicht nur ein Gedenkzeichen, sondern auch einen Altar bedeutet. Und so nannten die frühen Christen nach dem Vorbild Jakobs ihre Kirchen „Titel” (tituli), nach dem Titel, das heißt dem Zeichen des Kreuzes, und nach dem Titel, das heißt dem Namen eines Heiligen, zu dessen Ehre sie betitelt, das heißt benannt, geweiht und unterschieden wurden -- wie der Titel der hl. Praxedis die Kirche der hl. Praxedis ist; der Titel des hl. Laurentius die Kirche des hl. Laurentius ist. Diese Redeweise ist häufig in den Lebensbeschreibungen der ersten Päpste. So sagt Jakob Gretser, Buch II, Über das Kreuz, Kapitel 7. Und von diesen Titeln nahmen die Kardinäle ihre Titel und Beinamen, wie Hieronymus Platus in seinem Buch Über die Würde der Kardinäle, Kapitel 2, lehrt.
Vers 18: Er goss Öl darüber
ER GOSS ÖL DARÜBER -- als Zeichen der Weihe, sagt Abulensis, weil Dinge, die geweiht werden, mit Öl gesalbt werden. Dieses Ausgießen von Öl war daher kein Trankopfer und kein Opfer; denn nirgends lesen wir, daßÖl allein Gott als Trankopfer oder Opfer dargebracht wurde. Und so brachte Jakob, als er am Morgen aus dieser göttlichen Vision erwachte, Öl aus der nahe gelegenen Stadt Lus herbei, die später von ihm Bethel genannt wurde, sagt Abulensis, und damit salbte er den Stein, auf dem ihm im Schlaf eine so wunderbare Vision widerfahren war, und indem er ihn salbte, weihte er ihn gleichsam Gott. Daher benutzte er ihn auch später als geweihten Altar und brachte auf ihm ein Opfer dar, wie aus Kapitel 35,7 hervorgeht.
So weiht und konsekriert die Kirche nach dem Vorbild Jakobs Altäre und Kirchen mit heiliger Salbung Gott, deren moralische Bedeutung man beim hl. Bernhard, Predigt Über die Kirchweihe, nachlesen kann. Ferner pflegten, wie Theodoret sagt, mit einer ähnlichen Salbung fromme Frauen die Reliquienschreine der Märtyrer zu salben, um sowohl deren Heiligkeit als auch ihre eigene Andacht ihnen gegenüber zu bezeugen. Daher ahmte auch der Teufel als Affe Gottes und der Heiligen diese Salbung in seinen eigenen heiligen Riten nach, als er seine Anhänger dazu überredete, Steine dem Terminus zu salben und zu weihen. So sagt der hl. Augustinus, Buch 16, Über den Gottesstaat, Kapitel 38.
Allegorisch meint der hl. Augustinus an derselben Stelle, daßhier Christus und das Chrisam der Christen bezeichnet werde: denn Christus ist der Eckstein der Kirche, Epheser 2,20, salbend und gesalbt mit dem Öl der Freude über seine Gefährten hinaus.
Tropologische Bedeutung des Öls
Tropologisch ist das Öl ein Sinnbild der Gnaden und Tugenden, aufgrund von acht Eigenschaften, Entsprechungen und Ähnlichkeiten, die es besitzt. Denn erstens hat das Öl die Kraft zu erleuchten: es ist nämlich die Nahrung und der Brennstoff des Lichtes und der Lampen; zweitens hat das Öl die Kraft, Speisen zu würzen, sowohl nützlich für die Gesundheit als auch angenehm für den Geschmack; drittens ist es die Eigenschaft des Öls, auf anderen Flüssigkeiten oben zu schwimmen; viertens, Wunden zu wärmen und Schmerzen zu lindern: denn daher verband jener Samariter bei Lukas, Kapitel 10, die Wunden dessen, den Räuber nach schwersten Schlägen halbtot zurückgelassen hatten, indem er Öl und Wein hineingoss; fünftens, das Antlitz zu erheitern und müde und erschlaffte Glieder zu erfrischen: daher jenes Wort aus Psalm 104: „Damit er sein Antlitz fröhlich mache mit Öl”; sechstens, Mühen zu erleichtern und Beschwernisse zu verringern, worauf jenes Wort aus Jesaja 10 sich bezieht: „Das Joch wird vermodern vor dem Angesicht des Öls”; siebtens, den Leib zu kräftigen und zu stärken und ihn tüchtig zu machen für Ringkampf und Wettstreit, wie es bei den Athleten üblich war; achtens, zu erweichen und zu bereichern, gemäß jenem Wort aus Psalm 23: „Du hast mein Haupt mit Öl gesalbt”; weshalb das Öl wegen seiner Weichheit und Fülle gewöhnlich ein Sinnbild der Barmherzigkeit ist. All dies lässt sich leicht auf die Gnade und die Tugenden anwenden.
Vers 19: Er nannte es Bethel
19. UND ER NANNTE DEN NAMEN DER STADT BETHEL, DIE VORHER LUS HIESS. -- Die Stadt, die zuvor Lus oder Luza hieß, wegen des Reichtums an Nuss- oder Mandelbäumen (denn luz bedeutet im Hebräischen „Nuss”), wie der hl. Hieronymus in seinen Hebräischen Fragen sagt, wurde von Jakob Bethel genannt, das heißt „Haus Gottes”, weil er in ihrer Nähe schlafend Gott auf der Leiter ruhend geschaut hatte.
Dieses Bethel ist nicht Jerusalem und nicht der Berg Morija, wie die Hebräer, Lyranus und Kajetan meinen; sondern, wie Abulensis, Adrichomius und andere richtig festhalten, ist es eine Stadt, die mehr als achtzehn Meilen von Jerusalem entfernt liegt, im Gebiet des Stammes Ephraim gelegen, nahe bei Sichem, in der, wie auch in Dan, gleichsam an den äußersten Grenzen seines Reiches, Jerobeam seine goldenen Kälber dem Volk zur Anbetung aufstellte, wobei er zu diesem Zweck das Beispiel Jakobs missbrauchte, der an derselben Stelle diesen Stein als Denkmal errichtet hatte; weshalb dieses Bethel von den Propheten durch Antiphrasis Beth-Aven genannt wird, das heißt „Haus des Götzenbildes” oder „der Ungerechtigkeit”, wie Theodotion es übersetzt, Hosea 4,5 und 10.
Manche meinen, es habe zwei Bethel gegeben, eines hier im Stamm Ephraim, das andere im Stamm Benjamin, nahe bei Ai, wovon Josua 18,22 spricht. Aber Andreas Masius widerlegt dies und beweist, daß es ein und dasselbe Bethel war, das im Gebiet von Lus lag, so daß es zwar von Lus selbst entfernt war, Lus selbst aber von Zeit zu Zeit Bethel genannt wurde. Was davon richtiger ist, werden wir bei Josua 18 und Richter 1 erörtern.
Vers 21: Der Herr wird mein Gott sein
21. DER HERR WIRD MIR GOTT SEIN. -- Der Herr war bereits und war von Geburt an Jakobs Gott gewesen. Der Sinn ist daher, als ob er sagte: Wenn Gott mir Nahrung, Kleidung und eine sichere Rückkehr in meine Heimat geschenkt haben wird, gelobe und verspreche ich ihm, daßich ihn fortan mit einer besonderen und größeren Verehrung verehren werde, als ich ihn zuvor verehrt habe, nämlich dass ich ihm den Zehnten geben werde, sowohl für Opfer als auch für jegliche andere Verehrung seiner; und daßich nach meiner Rückkehr aus Mesopotamien diesen Ort Gott als Altar und Tempel oder Kapelle weihen werde: denn so erklärt Jakob selbst dieses sein Gelübde im Folgenden, wie Kajetan richtig bemerkt.
Moralisch drängt Rupert auf die Worte Jakobs, Wenn Gott mit mir sein wird und mir Brot geben wird, und sagt: „Dies sprach er als ein Armer und wahrhaft als ein Bettler Gottes. Und es ist nicht verwunderlich, da der größte König David sagt: Ich aber bin ein Bettler und arm. Ein gutes Beispiel also ist uns Kindern von unseren Vätern gegeben worden, damit wir, wie reich wir auch sein mögen, alle als Bettler vor der Tür der göttlichen Gnade sprechen: Unser tägliches Brot gib uns heute usw., damit wir bekennen, daß es uns als Gabe von ihm zukommt, der allein imstande war, die notwendige Nahrung des Brotes nicht weniger einem König auf glänzendem Thron als einer Witwe, die an der Mühle sitzt, zu schaffen.” Ferner bittet Jakob um Brot, nicht um Fleisch, nicht um Rebhühner. Denn, wie Gregor von Nyssa in seinem Buch Über das Gebet lehrt: „Wir werden angewiesen, das zu suchen, was zur Erhaltung der Natur des Leibes genügt: Gib Brot, sagen wir zu Gott, nicht Luxus, nicht Leckereien, nicht goldenen Schmuck, nicht den Glanz der Edelsteine, nicht Äcker, nicht Statthalterschaften über Völker, nicht seidene Gewänder, nicht musikalische Darbietungen, noch irgendetwas, wodurch die Seele von der göttlichen und höheren Sorge abgezogen wird; sondern Brot.” Und weiter: „Gering ist, was du der Natur schuldest; warum häufst du Abgaben wider dich selbst? Der Bauch ist ein unaufhörlicher Eintreiber von Abgaben usw. Sprich zu dem, der Brot aus der Erde hervorbringt, sprich zu dem, der die Raben speist, der allem Fleisch Nahrung gibt, der seine Hand öffnet und alles Lebendige mit Segen erfüllt: Von dir habe ich das Leben, von dir möge mir auch der Unterhalt des Lebens zukommen. Du gib Brot, das heißt, daßich aus gerechter Arbeit Nahrung erlange. Denn wenn Gott die Gerechtigkeit ist, hat der nicht Brot von Gott, der aus betrügerisch und ungerecht erworbenem Gut seine Nahrung hat.”
Schließlich erwägt der hl. Chrysostomus in Homilie 54 das Wort „und mir Brot geben wird.” Denn Jakob nahm tatsächlich das Gebet vorweg, das Christus später lehrte und einsetzte, indem er sprach: „Unser tägliches Brot gib uns heute”; die Nahrung des Tages, sagt er: lasst uns also nichts Zeitliches von ihm erbitten. Denn es ist überaus unwürdig, von einem so Freigebigen und an so großer Macht Hervorragenden solches zu erbitten, was sich im gegenwärtigen Leben auflöst und großem Wechsel unterworfen ist. Von dieser Art sind alle menschlichen Dinge, ob du von Reichtümern sprichst oder von Macht oder von menschlichem Ruhm. Sondern lasst uns um das bitten, was immer bleibt, was genügt und keinem Wechsel unterworfen ist.
Vers 22: Dieser Stein wird das Haus Gottes genannt werden
22. DIESER STEIN, DEN ICH AUFGERICHTET HABE, WIRD DAS HAUS GOTTES GENANNT WERDEN. -- Es ist eine Metonymie: denn das Enthaltene wird für den Ort gesetzt, als wollte er sagen: Der Ort, an dem dieser Stein steht, wird durch meine Zuwendung, Bestimmung und gleichsam Weihe heilig sein und genannt werden, und ein Haus oder eine Wohnstätte Gottes, und auf diesem Stein wie auf einem Altar werde ich Gott opfern. So sagen der Chaldäer, Kajetan, Lipomanus und andere. Dass dies der Sinn ist, ergibt sich aus Kapitel 35,7; denn dort erfüllt Jakob dieses sein Gelübde nach seiner Rückkehr aus Haran und bringt auf diesem Stein wie auf einem Altar Gott ein Opfer dar.
ICH WERDE DIR DEN ZEHNTEN DARBRINGEN. -- Daraus wird gegen Calvin deutlich, daß ein Werk fromm und religiös gelobt werden kann, auch eines, das nicht von Gott geboten ist; denn von solcher Art ist die Entrichtung des Zehnten, die Jakob hier gelobt.