Cornelius a Lapide

Genesis XXX


Inhaltsverzeichnis


Synopsis des Kapitels

Sieben weitere Kinder werden Jakob geboren: weshalb er in Vers 25 daran denkt, in seine Heimat zurückzukehren; doch wird er von seinem Schwiegervater durch einen neuen Vertrag und Lohn zurückgehalten, wobei er seinen betrügerischen Schwiegervater in Vers 37 durch eine gerechte List mittels des Schälens von Ruten überlistet: und so bereichert er sich.


Vulgata-Text: Genesis 30,1-43

1. Als nun Rachel sah, daß sie unfruchtbar war, beneidete sie ihre Schwester und sprach zu ihrem Mann: Gib mir Kinder, sonst sterbe ich. 2. Jakob antwortete ihr zornig: Bin ich denn an Gottes Stelle, der dir die Frucht deines Leibes versagt hat? 3. Sie aber sprach: Ich habe meine Magd Bilha: geh zu ihr ein, damit sie auf meinen Knien gebäre und ich durch sie Kinder habe. 4. Und sie gab ihm Bilha zur Ehe: die, 5. als ihr Mann zu ihr eingegangen war, empfing und einen Sohn gebar. 6. Und Rachel sprach: Der Herr hat zu meinen Gunsten gerichtet und meine Stimme erhört, indem er mir einen Sohn gab, und darum nannte sie seinen Namen Dan. 7. Und Bilha empfing abermals und gebar einen zweiten Sohn, 8. über den Rachel sprach: Gott hat mich mit meiner Schwester verglichen, und ich habe obsiegt: und sie nannte ihn Naftali. 9. Als Lea merkte, daß sie aufgehört hatte zu gebären, gab sie ihre Magd Silpa ihrem Mann. 10. Und als diese nach der Empfängnis einen Sohn gebar, 11. sprach sie: Glückselig! und darum nannte sie seinen Namen Gad. 12. Auch Silpa gebar einen zweiten Sohn. 13. Und Lea sprach: Dies dient meiner Seligkeit: denn die Frauen werden mich selig preisen; darum nannte sie ihn Ascher. 14. Und Ruben ging zur Zeit der Weizenernte auf das Feld hinaus und fand Alraunen, die er seiner Mutter Lea brachte. Und Rachel sprach: Gib mir von den Alraunen deines Sohnes. 15. Sie antwortete: Scheint es dir eine Kleinigkeit, daß du mir den Mann weggenommen hast, wenn du nicht auch noch die Alraunen meines Sohnes nimmst? Rachel sprach: Er soll diese Nacht bei dir schlafen als Gegenleistung für die Alraunen deines Sohnes. 16. Und als Jakob am Abend vom Feld zurückkehrte, ging Lea ihm entgegen. Und sie sprach: Du sollst zu mir eingehen, denn ich habe dich um die Alraunen meines Sohnes gedungen. Und er schlief mit ihr in jener Nacht. 17. Und Gott erhörte ihre Gebete: und sie empfing und gebar einen fünften Sohn, 18. und sprach: Gott hat mir meinen Lohn gegeben, weil ich meine Magd meinem Mann gab, und sie nannte seinen Namen Issachar. 19. Und Lea empfing abermals und gebar einen sechsten Sohn, 20. und sprach: Gott hat mich mit einer guten Mitgift ausgestattet: auch diesmal wird mein Mann bei mir bleiben, weil ich ihm sechs Söhne geboren habe: und darum nannte sie seinen Namen Sebulon. 21. Nach ihm gebar sie eine Tochter namens Dina. 22. Der Herr gedachte auch Rachels, erhörte sie und öffnete ihren Mutterschoß. 23. Und sie empfing und gebar einen Sohn und sprach: Gott hat meine Schmach hinweggenommen. 24. Und sie nannte seinen Namen Josef und sprach: Der Herr füge mir einen weiteren Sohn hinzu. 25. Und als Josef geboren war, sprach Jakob zu seinem Schwiegervater: Laß mich ziehen, damit ich in meine Heimat und in mein Land zurückkehre. 26. Gib mir meine Frauen und meine Kinder, für die ich dir gedient habe, damit ich gehe: du kennst den Dienst, mit dem ich dir gedient habe. 27. Laban sprach zu ihm: Möge ich Gnade finden in deinen Augen: ich habe durch Erfahrung gelernt, daß Gott mich um deinetwillen gesegnet hat: 28. bestimme deinen Lohn, und ich werde ihn dir geben. 29. Doch er erwiderte: Du weißt, wie ich dir gedient habe, und wie groß dein Besitz in meinen Händen geworden ist. 30. Du hattest wenig, bevor ich zu dir kam, und nun bist du reich geworden: und der Herr hat dich bei meinem Eintritt gesegnet. Es ist also gerecht, daß ich irgendwann auch für meinen eigenen Haushalt sorge. 31. Und Laban sprach: Was soll ich dir geben? Er aber sprach: Ich will nichts; doch wenn du tust, was ich erbitte, will ich wieder deine Herden weiden und hüten. 32. Geh durch alle deine Herden, sondere alle gefleckten und gesprenkelten Schafe aus: und was dunkel, gefleckt und bunt ist, sowohl unter den Schafen als auch unter den Ziegen, soll mein Lohn sein. 33. Und meine Gerechtigkeit wird morgen für mich antworten, wenn die Zeit unserer Vereinbarung vor dich kommt: und alles, was nicht gefleckt, gesprenkelt und dunkel ist, sowohl unter den Schafen als auch unter den Ziegen, wird mich des Diebstahls überführen. 34. Und Laban sprach: Mir gefällt, was du erbittest. 35. Und an jenem Tag sonderte er die Ziegenböcke und Schafe, die Böcke und Widder aus, die gefleckt und gesprenkelt waren: die ganze einfarbige Herde aber, das heißt mit weißem und schwarzem Vlies, übergab er in die Hände seiner Söhne. 36. Und er legte eine Entfernung von drei Tagereisen zwischen sich und seinen Schwiegersohn, der den Rest seiner Herden weidete. 37. Da nahm Jakob grüne Ruten von Pappel, Mandel und Platane und schälte sie teilweise: und wo die Rinde abgezogen war, erschien Weiße an den geschälten Stellen: die aber, die unversehrt blieben, blieben grün: und auf diese Weise wurde die Farbe bunt. 38. Und er legte sie in die Rinnen, wo das Wasser ausgegossen wurde: damit die Herden, wenn sie zum Trinken kamen, die Ruten vor Augen hätten und beim Anblick derselben empfingen. 39. Und es geschah, daß in der Hitze der Begattung die Schafe auf die Ruten blickten und gefleckte und gesprenkelte Junge warfen, mit verschiedenen Farben gesprenkelt. 40. Und Jakob teilte die Herde und legte die Ruten in die Rinnen vor die Augen der Widder: was aber ganz weiß und schwarz war, gehörte Laban: das übrige aber Jakob, wobei die Herden getrennt gehalten wurden. 41. Sooft daher die früh brünstigen Schafe sich paarten, legte Jakob die Ruten in die Wasserrinnen vor die Augen der Widder und Schafe, damit sie beim Anblick derselben empfingen. 42. Wenn aber die spät brünstigen sich paarten und die letzte Empfängnis stattfand, legte er sie nicht hinein. Und so wurden die späten Jungen Labans und die frühen Jakobs. 43. Und der Mann wurde über die Maßen reich und hatte viele Herden, Mägde und Knechte, Kamele und Esel.


Vers 1: Sie beneidete ihre Schwester

1. SIE BENEIDETE IHRE SCHWESTER. — Unter Brüdern und Schwestern entsteht leicht Neid, wenn einer dem anderen vorgezogen wird oder ihn übertrifft. Zudem war Rachel noch nicht heilig, ja noch nicht einmal gläubig; denn sie verehrte noch Götzenbilder, wie ich in Kapitel 31, Vers 19 darlegen werde.

GIB MIR KINDER. — Die Hebräer meinen, Rachel spiele auf Rebekka und Isaak an, Genesis Kapitel 25, Vers 21, als wolle sie sagen: Bewirke es, o Jakob, und erlange durch deine Gebete, daß ich fruchtbar werde, so wie dein Vater durch sein Beten deiner Mutter Rebekka Nachkommen erwirkte, nämlich dich und Esau.


Vers 2: Bin ich denn an Gottes Stelle?

2. BIN ICH DENN AN GOTTES STELLE? — Bin ich etwa Gott, oder übe ich Gottes Stelle und Amt aus? Als wolle er sagen: Bitte Gott, nicht mich, um Kinder. So die chaldäische Paraphrase. Schön und sinnbildlich erklärt Richard von Sankt Viktor im Buch Benjamin minor diese Mägde folgendermaßen: „Eine jede,“ sagt er, „nahm ihre Magd — Lea nahm Silpa, Rachel nahm Bilha — das heißt, die Zuneigung nahm die Sinnlichkeit, die Vernunft nahm die Einbildungskraft. Die Sinnlichkeit dient der Zuneigung, die Einbildungskraft ist die Magd der Vernunft. Und eine jede von ihnen wird als ihrer Herrin so notwendig erkannt, daß ohne sie die ganze Welt ihnen nichts verleihen zu können scheint. Denn ohne Einbildungskraft würde die Vernunft nichts wissen; ohne Sinnlichkeit würde die Zuneigung nichts schmecken. Die Einbildungskraft also eilt (gleichsam als Magd) hin und her zwischen Herrin und Knecht, zwischen Vernunft und Sinn: und was sie äußerlich durch den Sinn des Fleisches aufgenommen hat, das stellt sie innerlich zum Dienste der Vernunft dar. Aber auch die Sinnlichkeit ist eifrig und besorgt um häufigen Dienst, und ist selbst immer und überall bereit, ihrer Herrin Lea aufzuwarten. Sie ist es, die gewöhnlich die Speisen der fleischlichen Vergnügungen würzt und auftischt, und zu deren Genuß vor der rechten Zeit einlädt, und über das Maß hinaus reizt,“ usw.

Die Rabbinen lehren, daß Gott sich vier Schlüssel vorbehalten hat. Erstens den Schlüssel des Regens, damit er ihn nach Belieben aus seinen Schatzkammern sende und ausgieße, Deuteronomium 28,12. Zweitens den Schlüssel des Lebens, das heißt der Zeugung, wie an dieser Stelle offenbar ist. Drittens den Schlüssel der Nahrung, zur Vertreibung der Hungersnot, Psalm 145,16. Viertens den Schlüssel der Gräber, das heißt der Auferstehung, Ezechiel 37,12.


Vers 3: Daß sie auf meinen Knien gebäre

3. DASS SIE AUF MEINEN KNIEN GEBÄRE — das heißt, damit ich den von ihr, meiner Magd, geborenen Sohn als meinen eigenen empfange, wie es Mütter zu tun pflegen, ihre Kinder auf die Knie zu setzen, Jesaja 66,12. Hieraus wird deutlich, daß weder Jakob, indem er die Mägde zu Frauen nahm, noch seine Frauen, indem sie ihm jene anboten und gaben, aus Wollust sündigten; sondern sie taten dies aus dem Verlangen nach reicher Nachkommenschaft, die der Segen jener Zeit war, Abraham und seinen Nachkommen verheißen. Jakob erbat und empfing also nur eine Frau, nämlich Rachel: doch als ihm Lea untergeschoben wurde, war er gezwungen, auch diese zu ehelichen: eine dritte, nämlich ihre Magd, fügt Rachel hier hinzu, da sie unfruchtbar war, damit sie sich wenigstens Kinder von ihr adoptiere; in gleicher Weise fügt Lea eine vierte hinzu, da sie selbst aufgehört hatte zu gebären, Vers 9. So der hl. Augustinus.


Vers 6: Der Herr hat zu meinen Gunsten gerichtet (Dan)

6. DER HERR HAT ZU MEINEN GUNSTEN GERICHTET — als wolle sie sagen: Ich befand mich gleichsam in einem Streit und Wettbewerb mit meiner Schwester: denn ich wetteiferte mit ihr um Nachkommenschaft und Fruchtbarkeit, und bis jetzt war ich, weil unfruchtbar, ihr unterlegen; nun aber habe ich sie übertroffen, und Gott hat die Sache zu meinen Gunsten entschieden, so daß ich nicht mehr als unfruchtbar, sondern als fruchtbar und kinderreich gelte, gleich meiner Schwester. Daher nannte sie ihren Sohn Dan, das heißt Gericht oder Rechtsstreit, das heißt einer, der zu meinen Gunsten von Gott entschieden wurde.


Vers 8: Gott hat mich mit meiner Schwester verglichen (Naftali)

8. GOTT HAT MICH MIT MEINER SCHWESTER VERGLICHEN. — Im Hebräischen heißt es naphtule Elohim niphtalti, was der Chaldäer wiedergibt als: Gott hat mich verglichen, und ich bin verglichen worden; die Septuaginta: Gott hat mich aufgenommen, und ich bin verglichen worden. Wörtlich aber würdest du übersetzen: Mit Ringkämpfen Gottes (das heißt großen und schwierigen: denn was groß ist, wird „Gottes“ genannt) habe ich listig gerungen, und ich habe obsiegt. Es ist eine Metapher, genommen von Ringern, die durch Verschlingung der Glieder, bald in diese, bald in jene Richtung, einer den anderen verdreht, um ihn umzuwerfen und niederzuwerfen; was eher eine Sache der List und Verschlagenheit ist als der Stärke und Kraft. Denn die Wurzel patal bedeutet verdrehen, und zwar listig, wie Ringer es schlau und hinterlistig zu tun pflegen: daher heißt petil ein gedrehter Faden, und niphtal heißt betrügerisch und hinterlistig. Rachel sagt also: Ich habe mit Lea gleichsam um die Fruchtbarkeit und den Ruhm der Nachkommenschaft gestritten und gerungen, und ich habe sie, die nicht mehr gebiert, nun listig besiegt, indem ich meinem Mann einfallsreich und schlau meine fruchtbare Magd an meiner unfruchtbaren Stelle beigesellte: daher nannte sie ihren Sohn Naftali, gleichsam als wollte sie sagen, einen der ringt, der wetteifert, und zwar schlau und listig. Daher deutet Josefus Naftali als „kunstvoll,“ das heißt verschlagen und listig; Oleaster übersetzt es als „umhüllt,“ was auf dasselbe hinausläuft: denn listige Menschen pflegen ihre Ränke zu verhüllen und zu verbergen.


Vers 11: Glückselig (Gad)

11. GLÜCKSELIG. — Im Hebräischen heißt es bagad, was auf zweierlei Weise gelesen und übersetzt werden kann: Erstens, getrennt als ba gad, das heißt eine Schar oder ein Heer ist gekommen, als wolle sie sagen: Ich habe nun so viele Söhne geboren, daß ich aus ihnen eine Schlachtreihe aufstellen kann: so der Chaldäer und Aquila. Zweitens, zusammengeschrieben, wie die hebräischen Handschriften allgemein lesen: begad, das heißt Glück, glücklich, glückselig. So die Septuaginta und unser Übersetzer. Daher übersetzt auch Rabbi Salomon: Ein guter Stern ist erschienen, oder ein guter Planet, als wolle sie sagen: Ein günstigeres Gestirn hat mir geleuchtet, und, wie Seneca sagt, ein Geschenk der einflußreichen Fortuna.

Anmerkung: Das hebräische Wort Gad bedeutet eigentlich einen Gegürteten oder Gerüsteten, nämlich einen Soldaten oder ein Heer: daher bedeutet es Mars, den Gott und Schutzherrn des Krieges; von da bedeutet es weiter Glück. Denn die Heiden glaubten, Mars verleihe den Soldaten gutes Glück, Sieg und Beute: und so übersetzen für Gad, das im Hebräischen steht, unser Übersetzer, Pagninus und die Hebräer es als Glück, Jesaja 65,11. Daher nennen auch die Araber, laut Aben Esra, Gad Gott: ebenso wie die Kimbern und Germanen Gott „God“ nannten, vom hebräischen Gad, wie es scheint (obwohl Goropius meint, „God“ sei gleichsam „goet“ gesagt, das heißt gut): denn sie waren kriegerisch; und daher verehrten sie als Gott Mars und Fortuna, das heißt Gad. So nannte also Lea diesen Sohn Gad, das heißt gutes Glück, sagt Theodoret und der hl. Augustinus, vielleicht deshalb, weil sie im Hause ihres Vaters Laban, der ein Heide und Götzendiener war, oft Gad, das heißt Fortuna, nennen und vielleicht verehren gesehen hatte. Denn viele Heiden verehrten Fortuna als Gottheit.


Vers 13: Dies dient meiner Seligkeit (Ascher)

13. DIES DIENT MEINER SELIGKEIT. — Denn ich bin nun mit einem sechsten Sohn gesegnet; nun gebe ich meinem Mann nicht nur von mir selbst, sondern auch von meiner Magd Silpa Nachkommen, ebenso wie meine Schwester Rachel von Bilha, und daher werde ich von allen wegen meiner vielen Kinder selig gepriesen werden: daher nannte sie ihren Sohn Ascher, das heißt selig. Hierauf spielte die selige Jungfrau Gottesmutter an, als sie sang: „Selig werden mich preisen alle Geschlechter.“ Denn was der Dichter über Livia sang, die Gemahlin des Kaisers Augustus, die die Mutter des Drusus und Tiberius Caesar war:

„Auch ist keine Mutter glücklicher als die deine, die durch ihre zwei Geburten so viele Segnungen gab;“

das trifft weit wahrhaftiger auf die eine Geburt der seligen Jungfrau zu.


Vers 14: Ruben fand Alraunen

14. UND RUBEN GING HINAUS. — Ruben war damals fünf Jahre alt: denn alle diese zwölf Kinder, mit Ausnahme Benjamins, wurden Jakob von vier Frauen während des zweiten Jahrsiebts der Knechtschaft geboren, das heißt sieben Jahre nach der Hochzeit Rachels und Leas. Denn der letzte, Josef, wurde am Ende dieses Jahrsiebts geboren, Vers 25. Da also Lea in den ersten vier Jahren dieses Jahrsiebts Jakob vier Söhne gebar, nämlich zuerst Ruben, zweitens Simeon, drittens Levi, viertens Juda, nach dem sie aufhörte zu gebären, folgt daraus, daß Ruben bereits fünf Jahre alt war. Denn danach gebar Lea wiederum im sechsten Jahr Issachar und im siebten und letzten Geburtsjahr Sebulon.

ALRAUNEN. — Im Hebräischen heißt es dodim, das heißt Brüste, worunter neuere Ausleger Lilien verstehen. Doch weit besser und zutreffender gibt es unser Übersetzer als Alraunen wieder; denn Alraunen haben das Aussehen von Brüsten. Zweitens sind sie wohlriechend und schön. Drittens bewirken sie Schlaf; daher werden sie denen gegeben, die von Chirurgen geschnitten werden sollen, damit sie den Schmerz des Schnittes nicht empfinden. Viertens wird ihnen von vielen die Kraft eines Liebestrankes zugeschrieben, sagen Dioskurides und Theophrast. Fünftens fördern sie die Fruchtbarkeit: denn sie regen die Menstruation an und reinigen und bereiten so den Mutterschoß für die Empfängnis, sagt Aristoteles, Buch 2 Über die Zeugung der Tiere, und Epiphanius im Philologus, Kapitel 4.

Man wird einwenden: Die Alraune ist sehr kalt; daher hindert sie die Empfängnis. So der hl. Augustinus, Buch 22 Gegen Faustus, Kapitel 56, wo er meint, die Alraunen seien von Rachel nicht zur Empfängnis gesucht worden, sondern wegen der Seltenheit der Frucht und der Lieblichkeit des Duftes. Levinus Lemnius antwortet in seinem Buch Über die Kräuter der Heiligen Schrift, Kapitel 11, daß die Alraune, weil sie äußerst kalt ist, in kalten Gegenden und kalten Mutterschößen Unfruchtbarkeit verursacht; in heißen und glühenden Gegenden aber, wie es Judäa und Mesopotamien sind, wo Jakob und Rachel lebten, bewirkt sie Fruchtbarkeit, weil sie die Hitze und Trockenheit des Mutterschoßes mäßigt und befeuchtet. Mehr hierzu findet sich bei Dioskurides, Buch 6, Kapitel 6, und Mattioli an derselben Stelle.

Aus diesen Gründen also suchte Rachel diese Alraune und kaufte sie von Lea, doch vergeblich und ohne Erfolg: denn, wie aus dem Folgenden hervorgeht, blieb sie noch drei Jahre lang unfruchtbar, wonach sie nicht durch die Alraunen, sondern durch Gottes Kraft, sei es natürliche oder übernatürliche, fruchtbar gemacht wurde und Josef gebar.

Tropologisch sagt der hl. Kyrill, Buch 11: Die Alraune, sagt er — das heißt durch den Schlaf und den Tod des Kreuzes — hat Christus die Kirche erquickt, geheilt und fruchtbar gemacht. Wiederum ist die wohlriechende Alraune ein Sinnbild des guten Rufes, sagt der hl. Augustinus oben; denn dieser soll von einem jeden gesucht und gepflegt werden.

Philo sagt, die Alraune treibe ihre Wurzeln unter der Erde aus, ähnlich einem menschlichen Leichnam: daher wird diese Wurzel von Pythagoras anthropomorphon und von Columella Halbmensch genannt. Vielleicht gab es auch zu Rachels Zeiten Betrüger, ähnlich den unsrigen, die aus der Alraunenwurzel (obwohl Mattioli meint, daß sie dies nicht aus der Alraune, sondern aus der Zaunrübe tun), die das Aussehen menschlicher Schenkel und Füße hat, Figürchen schnitzen, in die sie Hirsesamen in feinste Schnitte einsetzen und so kleine Würzelchen wie Menschenhaar herauswachsen lassen, und diese dann teuer verkaufen, als seien jene unter der Erde beseelte Wesen gewesen, die sie unter Lebensgefahr unter dem Galgen herausgezogen hätten und die seltene und verborgene Kräfte besäßen — zum Beispiel die Kraft, Unfruchtbare fruchtbar zu machen; so daß Rachel aus diesem Glauben heraus sie so eifrig suchte.


Vers 16: Du sollst zu mir eingehen (Issachar)

16. DU SOLLST ZU MIR EINGEHEN. — Jakob pflegte um des Friedens und der Billigkeit willen die Nächte unter seinen einzelnen Frauen aufzuteilen; und da diese Nacht Rachel gehörte, trat sie ihr Recht an Lea ab um den Preis der Alraunen: denn um diesen Preis schien Lea ihren Mann von ihrer Schwester für jene Nacht zu erkaufen, nach alter Sitte, worüber ich in Kapitel 29, Vers 18 gesprochen habe. So der hl. Augustinus. Und daher nannte sie ihren Sprößling Issachar, gleichsam jes sachar, das heißt es gibt einen Lohn, nämlich meiner Alraunen, die ich Rachel verkauft habe, oder vielmehr den Lohn meiner Liebe und Großmut, durch die ich meine Magd meinem Mann gab, wie Lea selbst sagt. Überdies ist Issachar eigentlich und einfach dasselbe wie sachar, das heißt Lohn. Denn das vorangestellte Jod bei Eigennamen ist gewöhnlich ein heemantisches oder namenbildendes Element, wie bei Ismael, Isaak, Jakob, Jehova usw. deutlich wird. So die Septuaginta, der hl. Hieronymus und Josefus.


Vers 20: Sebulon

20. SEBULON. — Sebulon bedeutet dasselbe wie Wohnstätte oder einer, der zusammenwohnt, als wolle sie sagen: Wegen so vieler Kinder von mir wird mein Mann mich lieben und freudig und beständig bei mir wohnen.


Vers 23: Gott hat meine Schmach hinweggenommen

23. MEINE SCHMACH — meine Unfruchtbarkeit, die damals eine Schande und Unehre war.


Vers 24: Der Herr gebe mir hinzu (Josef)

24. DER HERR GEBE MIR HINZU. — Rachel wünscht sich, daß ihr ein zweiter Sohn hinzugefügt werde; daher nennt sie aus diesem Wunsch und Verlangen ihren Sohn Josef; Josef bedeutet also dasselbe wie hinzufügend oder zunehmend, wie aus Kapitel 49, Vers 22 hervorgeht.

Der hl. Kyrill liefert in Buch 11 die Allegorie dieser elf Namen der Patriarchen. Die Allegorie dieses gesamten Kapitels findet sich beim hl. Augustinus, Buch 22 Gegen Faustus, Kapitel 46 und folgende.


Allegorie und Symbolik der zwölf Namen

Symbolisch nimmt Richard von Sankt Viktor in seinem Buch Über die zwölf Patriarchen sie als zwölf fromme Gemütsbewegungen und Tugenden der Seele. Höre ihn:

„Die Furcht, die der Anfang der Weisheit ist, ist die erste Frucht der Tugenden. Wer einen solchen Sohn zu haben wünscht, soll auf die Übel achten, die er getan hat, nicht nur sorgfältig, sondern auch häufig. Aus solcher Betrachtung wird die Furcht geboren, nämlich jener Sohn, der mit Recht Ruben genannt wird, das heißt Sohn der Schau. Darum ruft seine Mutter bei seiner Geburt mit Recht aus: Gott hat meine Erniedrigung gesehen; denn dann beginnt man wahrhaft zu sehen und gesehen zu werden: Gott zu sehen durch den Blick der Furcht, von Gott gesehen zu werden durch den Blick der Frömmigkeit.

„Wenn der erste Sohn geboren ist, folgt der zweite, denn auf große Furcht muß notwendig Schmerz folgen. Aber ein zerknirschtes und gedemütigtes Herz wird Gott nicht verschmähen, sondern es um seiner Güte willen erhören; und deshalb wird ein solcher Sohn Simeon genannt, das heißt Erhörung.

„Doch welchen Trost, frage ich, kann es für den Büßenden und wahrhaft Trauernden geben, außer der einen Hoffnung auf Vergebung? Dies ist jener dritte der Söhne Jakobs, der deshalb Levi genannt wird, das heißt hinzugefügt. Nicht ‚gegeben', sondern ‚hinzugefügt' nennt das göttliche Wort diesen Sohn, damit niemand vor der Furcht und der gebührenden Reue-Trauer auf die Hoffnung der Vergebung vermesse.

„Aber wie nach täglich wachsender Furcht notwendig der Schmerz entstand, so entsteht ebenso nach dem Aufkeimen der Hoffnung die Liebe. Dies ist also jener Sohn, der an vierter Stelle geboren wird und in der Heiligen Schrift Juda genannt wird, das heißt bekennend. Denn was wir lieben, das loben wir mit dem Munde und bekennen es mit dem Herzen.

„Diesen folgen Dan und Naftali, Söhne von Rachels Magd; und weil wir durch das Amt Dans die verlockenden Gedanken anklagen, verurteilen und züchtigen, nennen wir ihn mit Recht Dan, das heißt Gericht. Daher steht geschrieben: Dan wird sein Volk richten. Wenn er also sein Volk wohl bewacht, wenn er sein Gericht sorgfältig ausübt, wird es geschehen, daß in den übrigen Stämmen selten etwas gefunden wird, das verurteilt werden müßte.

„Naftali aber stellt das Bild der ewigen Güter vor die Augen des Geistes; und weil er die erkannte Natur der sichtbaren Dinge in ein geistliches Verständnis umzuwandeln pflegt, wird er mit Recht Naftali genannt, das heißt Umkehr.

„Als Lea sah, daß ihre Schwester Rachel sich über angenommene Nachkommenschaft freute, wurde auch sie angetrieben, ihre Magd ihrem Mann zu geben; von ihr wurden Gad und Ascher geboren, nämlich die Strenge der Enthaltsamkeit und die Kraft der Zucht. Gad wird daher zuerst geboren, weil es wichtiger ist, daß wir zuerst in den eigenen Gütern mäßig sind, und dann stark im Ertragen der fremden Übel. Durch Gad werden die inneren aufsteigenden Übel unterdrückt; durch Ascher werden die von außen angreifenden Übel abgewehrt; daher heißt es: Gad, zum Kampf gerüstet, wird vor ihm streiten.

„Dies sind Gad und Ascher, die die falsche Freude vertreiben und die wahre Freude einführen, und deshalb kommt nach ihrer Geburt Issachar, der als Lohn gedeutet wird. Denn welchen anderen Lohn suchen wir für so viele und so große Mühen als die wahre Freude?

„Nach Issachar wird Sebulon geboren, der als Wohnstätte der Stärke gedeutet wird; denn durch das Kosten der inneren Freude wird der Haß auf die Laster erzeugt und die Kraft wahrer Tapferkeit erworben. Dies ist Sebulon, der durch sein Zürnen den Zorn Gottes zu besänftigen pflegt, der, indem er fromm gegen die menschlichen Laster wütet, ihnen gleichsam nicht verschonend, besser verschont.“ Er beweist dies sodann mit den Beispielen des Mose, des Pinhas und des Elija.

Doch wie schwierig ist es, alle diese Kinder Jakobs — Tugenden, sage ich, der Seele — ohne Unterscheidungsgabe zu bewahren! Dies läßt sich daraus schließen, daß „wir ohne sie weder die Güter der Seele erwerben noch die bereits erworbenen bewahren können. Dies also ist jener Josef, der zwar spät geboren wird, aber vom Vater mehr als die übrigen geliebt wird: der nicht nur mit den wachsenden Tugenden zu wachsen versteht, mit den Fortschreitenden fortzuschreiten; sondern auch aus den Mängeln seiner Brüder zum Fortschritt zu streben und aus den Verlusten anderer die Gewinne der Klugheit zu erwerben. Deshalb wird er von seinem Vater mit Recht Josef genannt, das heißt Zuwachs und zunehmender Sohn; ihn beten Sonne, Mond und Sterne an, das heißt Vater, Mutter und Brüder, weil alle Tugenden die Unterscheidungsgabe als ihre Herrin und Führerin ehren.“

Benjamin beschließt den Zug der Brüder, für seine Mutter ein wahrer Ben-Oni, das heißt Sohn des Schmerzes: denn bei seiner Geburt stirbt sie, vor der Angst des häufigen Gebärens und der Unermeßlichkeit des Schmerzes beim Gebären. Was aber ist der Tod Rachels, wenn nicht das Versagen des Geistes in der Kontemplation? War nicht Rachel damals gestorben, und hatte nicht jeder Sinn menschlicher Vernunft im Apostel versagt, als er sprach: Ob im Leib oder außer dem Leib, ich weiß es nicht; Gott weiß es. Niemand meine also, daß er durch Schlußfolgerung zur Klarheit jenes göttlichen Lichtes vordringen könne; niemand glaube, daß er es durch menschliche Vernunftüberlegung begreifen könne. Rachel muß sterben, damit der ekstatische Benjamin geboren werde.“


Vers 25: Laß mich gehen

25. ALS ABER JOSEPH GEBOREN WAR, SPRACH JAKOB ZU SEINEM SCHWIEGERVATER: LASS MICH GEHEN — denn ich habe nun die vierzehn Jahre der Knechtschaft vollendet, zu denen ich mich dir für Rachel und Lea verpflichtet habe, Kapitel 29, Verse 18 und 27.

Daraus geht hervor, daß Josef am Ende des zweiten Siebenjahreszeitraums geboren wurde, das heißt, als das vierzehnte Jahr der Ankunft und des Dienstes Jakobs in Mesopotamien vollendet war, nämlich im Hause Labans. Da er sich nämlich Laban auf 14 Dienstjahre verpflichtet hatte, konnte er seine Freiheit und Entlassung nicht eher erbitten, als bis jene Jahre vollendet waren; da er also hier, als Josef geboren wird, sogleich seine Entlassung erbittet, folgt daraus, daß bei Josefs Geburt die 14 Jahre bereits vollendet waren; dennoch blieb Jakob noch weitere sechs Jahre bei Laban. Denn, wie im Folgenden berichtet wird, schloß er bald ein neues Abkommen mit Laban, so daß er, wie er bisher 14 Jahre für Rachel und Lea gedient hatte, fortan für einen gewissen Anteil an der Herde dienen solle: und so diente er nach Josefs Geburt dem Laban noch weitere sechs Jahre, insgesamt also 20 Jahre, wie aus Kapitel 31, Vers 41 hervorgeht.

Ferner wurde Josef im einundneunzigsten Lebensjahr seines Vaters Jakob geboren. Dies geht daraus hervor, daß Jakob, als er nach Ägypten hinabzog und im Alter von 130 Jahren vor dem Pharao stand, Genesis 47,9, Josef damals 39 Jahre alt war; denn Josef war 30 Jahre alt, als er vom Pharao zum Herrscher über Ägypten gemacht wurde, Genesis Kapitel 41, Vers 46; von welcher Zeit an sogleich sieben Jahre des Überflusses folgten, wie von Josef vorausgesagt; und danach sieben Jahre der Hungersnot, in deren zweitem Jahr Jakob nach Ägypten hinabzog, Kapitel 45, Verse 6 und folgende. Jakob zog also im neunten Jahr nach Josefs Erhebung zur Macht nach Ägypten hinab, als Josef 39 Jahre alt war und Jakob 130 Jahre alt. Ziehe nun 39 Lebensjahre Josefs von den 130 Lebensjahren Jakobs ab, und du erhältst 91 als das Jahr Jakobs, in dem Josef geboren wurde. Aus diesen beiden nun dargelegten und bewiesenen Punkten folgt offenkundig, daß Jakob den Segen von Esau erhalten hatte und deshalb im Alter von 77 Jahren nach Mesopotamien geflohen war (wie ich am Anfang von Kapitel 27 sagte), denn nach 14 Jahren der Ankunft und des Dienstes im Hause Labans, nämlich in seinem 91. Lebensjahr, wurde ihm Josef geboren.


Vers 27: Ich habe durch Erfahrung gelernt

27. ICH HABE DURCH ERFAHRUNG GELERNT, DASS GOTT MICH UM DEINETWILLEN GESEGNET HAT — gleichsam als wolle er sagen: Du bist glücklich, und ich bin glücklich durch dich; du hast dein Glück mit dir in mein Haus gebracht.

Merke: Die Erfahrung lehrt, daß manche Menschen glücklich sind, so daß alles, was sie tun, wohlgelingt, ja sie sogar die Häuser und deren Bewohner ihrerseits glücklich machen: daher werden sie „guten Fußes“ genannt, und von den Karthagern „Namphaniones“, wie der hl. Augustinus sagt, Brief 44; andere hingegen sind unglücklich, so daß ihnen fast alles mißlingt, selbst wenn es von ihnen aufs klügste vorausbedacht und angeordnet wurde. Daher wird im Krieg und bei der Wahl eines Feldherrn besonders geprüft, ob der zu Wählende glücklich oder unglücklich ist.

So war Alexander im Krieg glücklich, der in zwölf Jahren die Welt unterwarf. So glücklich war Polykrates, der Tyrann der Samier. So glücklich war Julius Cäsar, selbst wenn er mit höchster Verwegenheit die größten Unternehmungen angriff, und so, auf dieses sein Glück vertrauend, alle Gefahren überwand; daher sagte er, als er von Makedonien nach Brundisium in der gefährlichsten Jahreszeit segelte, zum erschrockenen Steuermann: „Fürchte dich nicht; du fährst den glücklichen Cäsar.“

Ebenso war in diesem Jahrhundert Kaiser Karl V. glücklich und deshalb den Türken furchtbar, so sehr, daß seine Soldaten unter Karl unbesiegbar waren; nachdem sie aber später von Franz, dem König von Frankreich, angeworben wurden, wechselten sie mit dem Anführer auch ihr Glück, sagt Paulus Jovius. Ebenso glücklich war Heinrich IV., König von Frankreich, in der Erlangung und Regierung des Königreiches, bis zu seinem Tode. Schließlich lehrt Plutarch in seinem Buch Über das Glück der Römer, daß das Glück nicht weniger als die Tugend die Römer zu einer solchen Höhe der Herrschaft emporgehoben hat.

Du wirst fragen: Was ist die Ursache dieser Ungleichheit? Die blinden Heiden hielten die Ursache für Fortuna, eine blinde Göttin, die nicht nach Verdienst, sondern zufällig auch den Gottlosen und Unwürdigen Glück, den Frommen und Würdigen aber oft Unglück zuhauchte; die Nativitätsastrologen schrieben es dem Schicksal eines jeden zu. Sterndeuter weisen es den Sternen und dem Horoskop zu. Das einfache Volk meint, diese Dinge geschähen durch Zufall. Wir setzen hier nämlich die menschliche Betriebsamkeit und Klugheit beiseite, die oft die Ursache eines glücklichen Ausgangs ist.

Ich sage aber, daß Gott die Ursache ist, warum manche glücklich und andere unglücklich sind. Denn Gott ist der Herr über alles, der jedem Einzelnen zuteilt, wie Er will. Und so, wie Er dem einen Begabung, Reichtum, Gesundheit, Schönheit, Stärke und andere Naturgaben verleiht, während Er den anderen dumm, arm, kränklich, häßlich und schwach macht: so macht Er ebenso durch seine besondere Vorsehung den einen glücklich und den anderen unglücklich und lenkt und ordnet die Zweitursachen zu diesem Zweck. Dies ist es, was der Psalmist sagt, Psalm 30,26: „In deinen Händen sind meine Lose.“ Und der Weise, Sprüche 16,33: „Die Lose werden in den Schoß geworfen, aber sie werden vom Herrn gelenkt.“ Und Sirach 33,11: Der Herr „hat sie (die Menschen) getrennt und ihre Wege verändert; einige von ihnen hat er gesegnet und erhöht, einige von ihnen hat er geheiligt und an sich gezogen, und einige von ihnen hat er verflucht und erniedrigt, wie den Ton des Töpfers in seiner Hand, ihn zu formen und zu gestalten: alle seine Wege sind nach seiner Anordnung.“ Obwohl also diese Wirkungen in Bezug auf die Zweitursachen oft zufällig und vom Zufall abhängig sind, von denen sie nicht vorhergesehen wurden, sondern jenseits ihrer Absicht und Ursächlichkeit gleichsam nebenbei und zufällig eintreten: so sind sie dennoch in Bezug auf Gott nicht zufällig, sondern vorhergesehen, vorgesorgt und in sich geordnet. Daher urteilte der hl. Augustinus, Buch 1 der Retractationes, Kapitel 1, daß der Name des Zufalls vom Munde eines Christen verworfen werden müsse, nämlich im Sinne der Heiden: denn sonst ist Gott, wie Er die Natur ist, die die Natur hervorbringt (wenn ich so mit gewissen Philosophen sprechen darf), so auch das Glück, das das Glück hervorbringt, das heißt, Er selbst ist der Urheber allen Glücks, ebenso wie aller Natur; daher erkennen wir aus diesen Geschehnissen und folgern, daß es einen Geist gibt, der über allem waltet, der all dies regiert — daß es Vorsehung gibt, daß es Gott gibt. Denn wie sollten manche beständig in all ihren Angelegenheiten glücklich sein und andere unglücklich, wenn nicht Gott beständig jenen Glück und diesen Unglück zuhaucht? wie Albertus Hero richtig aufzeigt, Buch 4 Über die Vorsehung, Kapitel 7.

Der Grund, warum Gott die Menschen in dieser Angelegenheit so ungleich macht, ist: erstens, um zu zeigen, daß Er der unumschränkte Herr über alles ist. Zweitens, damit es im Universum ungleiche Stufen und Geschicke unter den Menschen gebe: denn dies gehört zur Vielfalt und Schönheit des Universums. Drittens, damit die Menschen aus diesen Dingen Gott erkennen und von keinem anderen als von Gott erbitten mögen. Daher versprach Gott den Juden, wenn sie das Gesetz hielten, dieses Glück in irdischen Gütern, damit das ungebildete Volk durch diese Hoffnung zu Gottes Gesetz und Anbetung geführt werde; wiederum machte Er die Patriarchen wohlhabend, damit die Heiden, angezogen durch die Hoffnung auf solches Wohlergehen, denselben Gott anerkennen und anbeten möchten. Viertens, damit die Glücklichen ihr gutes Geschick zur Ehre Gottes und zur Hilfe anderer gebrauchen; die Unglücklichen aber in ihrem Unglück den Stoff für Tugend, Bescheidenheit und Geduld finden mögen. Und aus diesem Grunde macht Gott den größeren Teil der Menschheit weder gänzlich glücklich noch gänzlich unglücklich, sondern in manchen Dingen glücklich und in anderen unglücklich; und Er verwebt und temperiert ihr Leben aus Glück und Unglück mit wunderbarer Vielfalt. Fünftens, damit die Gläubigen, wenn sie sehen, daß die Frommen zuweilen unglücklich und die Gottlosen glücklich sind, erkennen, daß alle irdischen Dinge gleichgültig sind, und lernen, dieses irdische Glück zu verachten und nach dem wahren, himmlischen und ewigen Glück zu streben, zu dem Christus uns durch Wort und Beispiel führt. Denn, wie der hl. Augustinus in Über die wahre Religion, Kapitel 10, sagt: „Das ganze Leben Christi war eine Schule der Sitten.“ Denn Christus lehrte, daß alle Güter der Welt, die Er verachtete, zu verachten sind; Er zeigte, daß alle Übel, die Er erduldete, zu erdulden sind — damit weder in jenen das Glück gesucht noch in diesen das Unglück gefürchtet werde.

Merke hier, daß, obwohl unter den Christen viele gute und fromme Menschen von Natur aus unglücklich sind, alle dennoch übernatürlich glücklich sind und sein werden, weil Gott sie durch dieses Unglück zur Verachtung der Welt, zur wahren Weisheit, zum Ruhm der Geduld und Tapferkeit und schließlich zum ewigen Glück hinführt. So also „wirken für die, die Gott lieben, alle Dinge,“ auch die Widerwärtigkeiten, „zum Guten zusammen;“ und: „Selig der Mann, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen, usw. Alles, was er tut, wird gelingen.“ Und deshalb erfahren wir in frommen und übernatürlichen Angelegenheiten, daß heilige Männer, besonders jene, die sich ganz Gott anvertrauen und beständig um seine Führung bitten, in ihren Werken, über das Verdienst der Tugend und der Arbeit hinaus, im allgemeinen glückliche Ausgänge haben.

Daher ist es ein kluger Rat, daß wir, die wir lehren, predigen, Beichte hören, Seelen bekehren wollen usw., uns in allem mit Gott verbinden und beten, daß Er selbst unseren Geist, unsere Hand, unsere Füße und alle unsere Wege und Handlungen lenke, und daß wir sprechen: „Blicke auf deine Diener, o Herr, und der Glanz des Herrn, unseres Gottes, sei über uns, und lenke das Werk unserer Hände über uns.“ So lenkte und segnete Gott hier Abraham, Isaak und Jakob.


Vers 30: Bei meinem Eintritt

30. BEI MEINEM EINTRITT — bei meiner Gegenwart, das heißt um meinetwillen, wie der Chaldäer es wiedergibt. Sieh, welch großes Gedeihen gerechte und heilige Männer den Häusern ihrer Herren bringen, selbst der Gottlosen.


Vers 32: Geh umher — Sondere alle Schafe aus

32. GEH UMHER. — Treibe deine Schafe und Ziegen im Kreis zusammen, damit wir sie alle gemeinsam mustern und die einfarbigen von den vielfarbigen sondern. Daher heißt es im Hebräischen eebor, das heißt „ich werde hindurchgehen“ und „ich werde mit dir alle Herden mustern.“

SONDERE ALLE SCHAFE AUS. — Beachte, daß von dieser Stelle bis zum Ende des Kapitels der hebräische Text verwickelt und weitschweifig ist, den unser Übersetzer [die Vulgata] daher klar und kurz, gleichsam zusammenfassend wiedergab, mehr den Sinn als Wort für Wort übersetzend. Beachte daher zweitens, daß hier bis zum Ende des Kapitels nicht zwei Bundesvereinbarungen, wie einige wollen, sondern nur eine einzige Bundesvereinbarung zwischen Jakob und Laban berichtet wird; denn der Zusammenhang des Bundes und seines Ausgangs sowie die geschichtliche Abfolge des gesamten Kapitels erfordern dies. Die Bundesvereinbarung war also folgende: daß alle künftig zu gebärenden Nachkommen der Schafe und Ziegen Labans, die Jakob zu weiden verpflichtet war, wenn sie einfarbig wären — das heißt ganz weiß oder ganz schwarz —, an Laban gehen sollten; wenn sie aber gefleckt und verschiedenfarbig oder dunkel, das heißt schwärzlich, teils weiß und teils schwarz geboren würden, sollten sie an Jakob gehen. So sagen der hl. Hieronymus, Lipomanus und Pererius. Und aus diesem Grunde übergab Laban nur die einfarbigen Schafe und Ziegen an Jakob zum Weiden, in der Meinung, daß aus ihnen nur ebenso einfarbige Nachkommen geboren würden und so alle ihm zufallen würden, während Jakob nichts oder sehr wenig erhalten würde, und dies nur zufällig und nebenbei. Die übrigen Schafe und Ziegen verschiedener Farbe aber nahm er von Jakob weg und sonderte sie ab, und behielt sich sowohl jene Tiere als auch alle ihre Nachkommen, seien sie einfarbig oder vielfarbig, vor.

DUNKEL, GEFLECKT UND BUNT. — „Dunkel“ bedeutet dämmerig oder schwärzlich, worin Weiße mit Schwärze gemischt ist, so daß es teils weiß und teils schwarz erscheint. „Gefleckt“, im Hebräischen talu, ist das, was große weiße oder schwarze Flecken hat. „Bunt“ oder mit gesprenkeltem Vlies, im Hebräischen nakud, das heißt „getüpfelt“, ist das, was mit kleinen weißen oder schwarzen Flecken, gleichsam mit Punkten, gezeichnet und betupft ist.

SOWOHL UNTER DEN SCHAFEN ALS AUCH UNTER DEN ZIEGEN. — Einige meinen aus dem Hebräischen, daß Laban zwischen Schafen und Ziegen folgendermaßen unterschied: daß unter den Schafen nur die rein weißen an Laban gehen sollten, die dunklen und bunten aber an Jakob; unter den Ziegen dagegen die bunten und gefleckten an Jakob, die dunklen und weißen an Laban gehören sollten. Aber das Gegenteil erfordert unser Übersetzer [die Vulgata], nämlich daß sowohl unter den Schafen als auch unter den Ziegen die einfarbigen an Laban und die vielfarbigen an Jakob gingen; denn dieselbe Regelung galt für Ziegen und Schafe gleichermaßen.


Vers 33: Meine Gerechtigkeit wird für mich antworten

33. UND MEINE GERECHTIGKEIT WIRD MORGEN FÜR MICH ANTWORTEN — gleichsam als wolle er sagen: Die Natur begünstigt dich in der Sache des Viehs, so daß Weiße aus Weißen, Schwarze aus Schwarzen geboren werden; aber die Gerechtigkeit wird mit mir sein, für mich antworten, das heißt mich belohnen. Denn Gott wird, wie ich fest vertraue, auf meine Niedrigkeit schauen und meine Arbeit mit gerechtem Lohn vergelten und vergüten, den du mir durch eine ungerechte Vereinbarung abzuwenden versuchst — nämlich dadurch, daß aus deinen einfarbigen Tieren vielfarbige für mich geboren werden. So sagt der hl. Hieronymus.

So heißt es bei Jesaja 59,12: „Unsere Sünden haben uns geantwortet“ — gleichsam als hätten unsere Sünden, gleichsam von Gott dem Richter befragt, die Wahrheit bekannt — nämlich daß wir sie begangen haben; und daher haben sie bezeugt, daß wir der Strafe schuldig sind, und uns zu ihr verurteilt. Und so wurde jene Strafe über uns verhängt, und sie verkündet uns als Sünder. Und Hosea 5,5: „Die Hoffart Israels wird ihm ins Angesicht antworten (bezeugen, schreien, anklagen)“ — das heißt öffentlich, offen, ohne Ehrfurcht vor ihrem Urheber zu zeigen. Daraus geht hervor, daß sowohl die guten als auch die bösen Taten der Menschen Zeugen ihrer Heiligkeit oder Schlechtigkeit sind und vor Gott dem Richter offen ihr Zeugnis ablegen — ja, wenn sie ungeheuerlich sind, zum Himmel schreien. Dies also ist der Trost des Gerechten, dies der Trost des Märtyrers, so daß er mit dem hl. Laurentius sprechen kann: „Du hast mich mit Feuer geprüft, und es wurde keine Ungerechtigkeit in mir gefunden.“ Und daraus erwächst eine unglaubliche Freude und Seelengröße, so daß er alles Leid und alle Qualen verachtet und verlacht.

Höre den Geist unseres Märtyrers Ogilvie, der in diesem Jahr 1615 in Schottland als erster für den rechtgläubigen Glauben den Tod erlitt. Als die Henker ihn acht volle Tage lang durch beständiges Stechen mit Griffeln, Nadeln und Stecknadeln zum ununterbrochenen Wachsein gezwungen hatten und ihm Beinschrauben und die bittersten Strafen androhten, antwortete der Streiter Christi: „Vortreffliche Henker, ich achte euch alle in dieser Sache für nichts; verfahrt nach eurer häretischen Bosheit — ich kümmere mich nicht um euch; ich habe niemanden gebeten, ich werde niemals bitten, ich habe euch stets verachtet. Ich kann und will für diese Sache gern mehr leiden, als ihr zusammen mit allen anderen mir zufügen könnt. Hört auf, mir solches anzudrohen; drängt es wahnsinnigen Weibern auf. Solches entflammt mich, es bestürzt mich nicht: ich verlache es nicht anders als das Geschnatter von ebenso vielen Gänsen.“ Er sprach es und tat es; ja, er drängte sie und forderte von ihnen die Erfüllung ihrer Drohung — nämlich daß sie die angedrohten Qualen zufügen sollten. Denen, die sich wunderten, sagte er: „Ich rühme mich der Sache, und ich triumphiere bei solcher Strafe; wir vermögen alles in Dem, der uns stärkt.“

MORGEN — in der künftigen Zeit. WENN DIE VEREINBARTE ZEIT GEKOMMEN SEIN WIRD — wenn nach deiner Vereinbarung und Abmachung am Ende des Jahres die Nachkommen geteilt werden sollen, so daß die vielfarbigen mir und die einfarbigen dir zufallen.

SIE WERDEN MICH DES DIEBSTAHLS ÜBERFÜHREN — wenn du nämlich einfarbige Nachkommen oder andere als vielfarbige in meiner Herde, meiner eigenen Herde, entgegen der mit dir geschlossenen Bundesvereinbarung findest. Gleichsam als wolle er sagen: Ich werde dir die einfarbigen treulich übergeben; die vielfarbigen werde ich für mich behalten; ich werde von den einfarbigen nichts heimlich stehlen oder verbergen.


Vers 35: Und er sonderte ab

35. UND ER SONDERTE AB. — Einige meinen aus den unmittelbar folgenden Worten, daß dies eine andere, zweite Bundesvereinbarung zwischen Laban und Jakob gewesen sei: denn als er gesehen hatte, daß die erste Vereinbarung für Jakob günstig ausgegangen war und alle Nachkommen vielfarbig geboren waren, glauben sie, er habe deshalb nun die Vereinbarung geändert und das Gegenteil gewollt — nämlich daß die vielfarbigen ihm zufallen sollten und die einfarbigen dem Jakob. Doch dies ist nicht wahrscheinlich, denn der Zusammenhang der Erzählung selbst zeigt an, daß hier nur die Ausführung der ersten Vereinbarung berichtet wird.

ER ÜBERGAB ABER DIE GANZE EINFARBIGE HERDE IN DIE HÄNDE SEINER SÖHNE. — Abulensis, Lyranus, Lipomanus und Cajetan meinen, daß unser Text hier verdorben sei und durch Einfügung der Verneinung „nicht“ verbessert werden müsse — als ob Laban seinen Söhnen nicht die einfarbigen, das heißt die vielfarbigen, zum Weiden übergeben habe und die einfarbigen dem Jakob, damit aus ihnen ebenso einfarbige Nachkommen, die nicht an Jakob, sondern an ihn selbst gehen sollten, geboren würden; denn dies scheint der hebräische Text zu bedeuten. Doch der hebräische Text ist verwickelt und kann in entgegengesetzter Weise übersetzt werden, und so kann man ihn mit unserem Übersetzer [der Vulgata] richtig so wiedergeben: „Alles, worin Weiße war, und alles Schwarze unter den Lämmern (das heißt alle einfarbigen Lämmer) übergab er in die Hände seiner Söhne.“

Zweitens entschuldigt Pererius unseren Übersetzer, indem er sagt, hier liege eine Hysterologie vor — gleichsam als sage er: Laban übergab die einfarbigen seinen Söhnen, nicht jetzt, sondern nach der Geburt der Schafe, die am Ende des Kapitels berichtet wird. Doch auch dies scheint gezwungen und verdreht.

Ich sage daher, daß Laban die einfarbigen Schafe seinen Söhnen zum Weiden übergab, denen nämlich Jakob beistand und die er beaufsichtigte. Denn im vorhergehenden Vers hatte er seine gesamte Herde Jakob anvertraut, dem er nach Brauch seine eigenen Söhne als Hirten und Wächter beigab, damit Jakob nicht in betrügerischer Weise gegen die Vereinbarung heimlich einfarbige Schafe entwende. So nennt im folgenden Kapitel, Vers 43, derselbe Laban Jakobs Haushalt den seinen. Laban übergab also dem Jakob zusammen mit seinen übrigen Söhnen die einfarbigen Schafe und Ziegen, in der Hoffnung, daß daraus für ihn ebenso einfarbige Nachkommen geboren würden. Die vielfarbigen Schafe aber sonderte er ab und behielt sie sich mit seinen Knechten zum Weiden vor, damit Jakob, wenn er sie weidete, nicht nach den Bestimmungen der Vereinbarung alle vielfarbigen Nachkommen, die, wie es schien, aus ihnen geboren werden würden, für sich beanspruche.

VON SCHWARZEM VLIES. — Das hebräische chum bedeutet hier „schwarz“, denn es wird laban, das heißt „weiß“, entgegengesetzt. Aber in Vers 32 bedeutet chum „dunkel“ oder „schwärzlich“, weil es mit „gefleckt“ und „bunt“ verbunden ist.


Vers 36: Ein Abstand von drei Tagereisen

36. EIN ABSTAND VON DREI TAGEREISEN — damit seine eigenen vielfarbigen Schafe sich nicht, sei es durch den Anblick oder durch Paarung, mit den einfarbigen vermischen konnten, die Jakob weidete, und so vielfarbige Nachkommen erzeugt würden, die nicht ihm, sondern Jakob zufallen würden. So sagt Lipomanus.


Vers 37: Jakob nahm grüne Pappelruten

37. JAKOB NAHM ALSO GRÜNE PAPPELRUTEN — Beachte den Fleiß und die List Jakobs, die er, von Engeln in Träumen belehrt, wie aus dem folgenden Kapitel, Vers 11, hervorgeht, der Gewalt und menschlichen Klugheit Labans entgegensetzte.

Du wirst einwenden: Jakob hat durch diesen Kunstgriff, gleichsam durch Betrug, den mit Laban eingegangenen Vertrag verfälscht; und so hat er auf hinterlistige und ungerechte Weise Labans Eigentum erworben. Denn der Vertrag — daß die einfarbigen Nachkommen an Laban und die vielfarbigen an Jakob gehen sollten — war nach der gemeinsamen Absicht der Vertragsparteien so zu verstehen, daß er für diejenigen galt, die auf natürliche Weise und zufällig, nicht aber durch Kunst und Betrug geboren würden.

Ich antworte: Es ist wahr, daß dieser Vertrag gewöhnlich so verstanden werden würde und zu Recht, und daß er so von Jakob und Laban verstanden wurde. Jakob bediente sich daher dieses Kunstgriffs unter einem anderen Rechtstitel — nämlich erstens dem Titel der Entschädigung. Denn er wurde von Laban, einem habgierigen und ungerechten Mann, gewaltsam unterdrückt und konnte den gerechten Lohn für seine Arbeit auf keine andere Weise als durch diesen Kunstgriff erlangen. Denn Laban hatte Jakob vor allem ein schweres Unrecht zugefügt, indem er die unattraktive Lea, die Jakob mißfiel, der ihm versprochenen Rachel unterschob und Jakob zwang, ihm für sie weitere sieben Jahre zu dienen. Sodann sonderte er ungerechterweise, nach der Vereinbarung mit Jakob über die Herden, (Vers 35) die einfarbigen Schafe von den vielfarbigen, indem er Jakob nur die einfarbigen übergab, aus denen natürlicherweise alle einfarbigen Nachkommen für ihn selbst und keine vielfarbigen für Jakob geboren würden. Da also Jakob keinen Richter hatte, an den er sich wenden konnte, sprach er sich notgedrungen selbst Recht und forderte das Seine durch diesen Kunstgriff zurück, um auf diese Weise den ihm geschuldeten Lohn zu erlangen.

Zweitens tat Jakob dies auf Gottes Weisung (durch einen Engel), wie ich gesagt habe; daher gab Gott ihm diese Herden Labans, die durch diesen Kunstgriff geboren werden sollten — wie Gott, indem Er den Hebräern befahl, Ägypten auszuplündern, ihnen eben dadurch die Güter der Ägypter gab (Exodus 12).

Du wirst fragen, ob dieser Kunstgriff und diese List natürlich war, oder ob sie ihre Wirkung durch die übernatürliche Mitwirkung Gottes erzielte. Ich antworte, daß er natürlich war; denn bei der Paarung pflegt die Kraft der Einbildung am größten zu sein, weil die Seele dann all ihre Kraft aufbietet, so sehr, daß einige weiße Mütter aus dem Bild und der Einbildung eines Äthiopiers einen Äthiopier geboren haben. Höre Plinius, Buch 7, Kapitel 12: „Die Berechnung der Ähnlichkeiten,“ sagt er, „liegt im Geiste, in dem viele zufällige Dinge Einfluß zu haben geglaubt werden — Sehen, Hören, Erinnerung und die im Augenblick der Empfängnis aufgenommenen Bilder. Sogar ein Gedanke eines der beiden Elternteile, der plötzlich durch den Geist fliegt, soll eine Ähnlichkeit formen oder eine Mischung hervorbringen; und deshalb gibt es mehr Unterschiede unter den Menschen als unter den übrigen Lebewesen, weil die Schnelligkeit der Gedanken, die Behendigkeit des Geistes und die Mannigfaltigkeit der Begabung vielförmige Merkmale einprägt — während bei den übrigen Tieren der Geist unbewegt und bei allen gleich ist, bei jedem innerhalb seiner eigenen Art.“

Galen berichtet in dem Buch, das er Über Theriak an Piso geschrieben hat, daß eine gewisse Frau durch den Anblick eines überaus schönen Gemäldes ein schönes Kind von einem häßlichen Ehemann empfangen habe — „indem, wie ich glaube, der Anblick der Natur das Bild übermittelte.“ Der hl. Hieronymus sagt hier in seinen Hebräischen Überlieferungen: „Quintilian argumentiert in jener Streitfrage, in der eine Frau angeklagt wurde, weil sie einen Äthiopier geboren hatte, zu ihrer Verteidigung, daß dies die von uns beschriebene Natur der Empfängnis sei. Und es findet sich geschrieben in den Büchern des Hippokrates, daß es eine gewisse Frau gab, die wegen Verdachts des Ehebruchs bestraft werden sollte, weil sie ein überaus schönes Kind geboren hatte, das keinem der beiden Eltern noch der Familie ähnlich war — hätte nicht der besagte Arzt die Frage gelöst, indem er riet, nachzuforschen, ob sich etwa ein solches Gemälde im Schlafgemach jener Frau befunden habe. Als es gefunden wurde, wurde die Frau von Strafe und Verdacht befreit.“

Dasselbe berichtet der hl. Augustinus in seiner Quaestio 93 zu dieser Stelle, und auch in Buch 18 des Gottesstaates, Kapitel 5, schreibt er, daß ein Dämon etwas Ähnliches bei der Gestaltung des Apis-Stieres tat, den die Ägypter verehrten; denn der neue mußte dem vorherigen, der gestorben war, ähnlich sein und mit weißen Flecken gezeichnet. Isidor sagt ebenfalls in Buch 12 seiner Etymologien, Kapitel 1, gegen Ende: „Dasselbe soll bei den Stutenherden geschehen — daß man edle Hengste den Stuten zur Zeit der Empfängnis vor Augen stellt, damit sie solche empfangen und ihnen ähnliche Nachkommen erzeugen können. Denn auch Taubenzüchter setzen die schönsten Tauben an dieselben Stellen, wo die anderen sich aufhalten, damit diese, durch den Anblick gefesselt, ähnliche Nachkommen erzeugen. Daher kommt es, daß manche schwangere Frauen davon abhalten, die häßlichsten Tiergesichter zu betrachten, wie Paviane und Affen, damit sie nicht, deren Anblick begegnend, ähnliche Nachkommen zur Welt bringen. Denn die Seele überträgt im Geschlechtsakt innere Formen nach innen, und gesättigt von deren Eindrücken, zieht sie deren Abbilder in ihre eigene Beschaffenheit.“

Während also diese Schafe Jakobs tranken und zugleich die Böcke die Weibchen besprangen, erzeugte das direkte Bild der geschälten und vielfarbigen Ruten, die im Wasser lagen, vermischt mit dem Spiegelbild — oder Schatten — der besteigenden Böcke im Wasser, gleichsam ein einziges buntes Bild für die Weibchen, als sähen sie ihre Böcke schön mit grünen und weißen Flecken bunt gescheckt. Daher prägten sie durch die Kraft ihrer Einbildung dieselben Farben den Nachkommen auf, die sie gerade empfingen. Dasselbe taten die Böcke — nämlich sie prägten eine ähnliche Kraft und vielfarbige Form ihrem Samen ein, aus dem ähnlichen kombinierten Bild der Ruten mit dem Schatten der Weibchen, durch Anblick und Einbildung. So sagen der hl. Hieronymus, Augustinus (Quaestio 93), Abulensis, und am vorzüglichsten Franciscus Valles in seiner Heiligen Philosophie, Kapitel 11.

Man könnte zweitens vermuten, daß Pappel-, Mandel- und Platanenruten, wenn sie ins Wasser gelegt werden, eine gewisse innere Kraft besitzen, Dunkelheit und dunkle Flecken hervorzubringen; denn eine solche Kraft in vielen Gewässern schreiben Aristoteles (Tiergeschichte, Buch 3, Kapitel 12), Ovid (letztes Buch der Metamorphosen), Solinus und andere zu.

Schließlich half die Heiligkeit und das Gebet Jakobs bei dieser Sache gewaltig; denn die Engel, die Jakob begünstigten, lenkten die Einbildungskraft der Schafe aufs mächtigste und regten sie zu dieser vielfarbigen Vorstellung von den Ruten an, wie aus dem folgenden Kapitel, Vers 12, hervorgeht. Auch Gott, der Jakob segnen und bereichern wollte, prägte durch diese Vorstellung, durch seine besondere Mitwirkung, die verschiedenen Farben kräftig und reichlich den Nachkommen im Augenblick ihrer Empfängnis ein. Daher glauben der hl. Kyrill, Chrysostomus und Theodoret, daß diese Dinge Jakob nicht so sehr auf natürlichem Wege als durch Gottes Gabe und Vorsehung zugekommen seien, und Jakob selbst bekennt dies im folgenden Kapitel, Verse 7, 8 und 9.

Du wirst einwenden: Warum wurden keine grünen Nachkommen von den grünen Ruten erzeugt und geboren? Ich antworte: weil es bei keinem Vierfüßler ein solches Verhältnis und eine solche Mischung der Säfte gibt, wie sie für die Grünheit nötig ist. Anstelle der grünen Farbe wurde daher in den Nachkommen eine schwärzliche oder dunkle Farbe erzeugt, sagt Tostatus, wozu der Schatten und die Dunkelheit der Gewässer nicht wenig beitrugen — Gewässer, die das Grün beschatteten und verdunkelten, so daß es nicht grün, sondern düster und schwärzlich erschien.

Im tropologischen Sinne sind diese bunten Ruten die Heiligen Schriften und die verschiedenen Beispiele der verschiedenen Heiligen, welche, indem wir sie betrachten, wir ihnen ähnliche Nachkommenschaft an Tugenden und heldenhaften Werken hervorbringen und bewirken. So sagen der hl. Ambrosius (Über Jakob, Buch 2, Kapitel 4 und 6) und der hl. Gregor (Moralia, Buch 21, Kapitel 1).

ZUM TEIL — Denn ein Teil der Rute, mit seiner Rinde bekleidet, erschien grün, während der geschälte und entblößte Teil weiß erschien.


Vers 39: In der Hitze der Paarung selbst

39. DASS IN DER HITZE SELBST — weil durch die Hitze die Einbildungskraft am stärksten erregt wird, blüht und wirkt. Daher lehren die Naturphilosophen, daß das Gehirn erfordere: erstens Trockenheit um des Verstandes willen — denn „eine trockene Seele ist die weiseste“; zweitens Feuchtigkeit um des Gedächtnisses willen — denn Feuchtigkeit nimmt ein eingeprägtes Bild leicht auf, weshalb junge Menschen, weil ihr Gehirn feucht ist, leicht alles erlernen und dem Gedächtnis einprägen; drittens Wärme um der Einbildungskraft willen — weshalb wir bei unseren Studien erfahren, daß, wenn Kopf und Körper warm sind, die Vorstellungen der Phantasie blühen und fließen; wenn aber der Kopf kalt ist, sie abgestumpft werden, erstarren und erlahmen. Im Gegenteil bestehen die Klugheit und das lautere Urteil in der Kühle, wie Aristoteles lehrt (Abschnitt 14, Problem 8), und aus diesem Grunde zeichnen sich die Alten durch Klugheit und Urteilskraft aus.


Vers 41: Zur ersten Jahreszeit

41. ZUR ERSTEN JAHRESZEIT. — Wie in der Lombardei, so gebären auch in Mesopotamien und Syrien die Schafe zweimal jährlich; oder zumindest empfingen einige im Frühling, andere im Herbst. Die erste Jahreszeit ist also der Frühling; die spätere ist der Herbst. Jakob stellte also im Frühling, wenn sowohl die Luft als auch die Tiere in voller Kraft stehen, die vielfarbigen Ruten auf, damit vielfarbige Nachkommen für ihn geboren würden, und diese waren, weil im Frühling geboren, besser, reichlicher und kräftiger. Im Herbst aber stellte er sie nicht auf; und so wurden dann einfarbige und schwächere für Laban geboren. Denn diesen Anteil gewährte er Laban — teils damit Laban keinen Betrug argwöhne und die List entdecke, teils aus eigener Billigkeit und Güte. Valles vermutet, daß beide Paarungszeiten, die frühe und die späte, auf denselben Tag fielen. Doch weit besser und wahrheitsgemäßer teilen der hl. Hieronymus und andere lateinische Schriftsteller, ebenso wie die Hebräer, sie in Frühling und Herbst ein und verteilen sie dorthin.