Cornelius a Lapide

Genesis XXXI


Inhaltsverzeichnis


Synopsis des Kapitels

Jakob flieht heimlich mit seiner ganzen Familie von Haran nach Kanaan; Laban verfolgt ihn. Daher streiten sie ab Vers 26 auf beiden Seiten; und schließlich schließt er ab Vers 44 einen Bund mit Jakob in Gilead.


Vulgata-Text: Genesis 31,1-55

1. Nachdem er nun die Worte der Söhne Labans gehört hatte, die sagten: Jakob hat alles genommen, was unserem Vater gehörte, und aus dessen Vermögen ist er reich und berühmt geworden: 2. bemerkte er auch das Gesicht Labans, daß es ihm nicht zugewandt war wie gestern und vorgestern, 3. zumal der Herr zu ihm sagte: Kehre zurück in das Land deiner Väter und zu deiner Verwandtschaft, und Ich werde mit dir sein. 4. Er sandte hin und rief Rahel und Lea auf das Feld, wo er die Herden weidete, 5. und sprach zu ihnen: Ich sehe das Gesicht eures Vaters, daß es mir nicht zugewandt ist wie gestern und vorgestern; aber der Gott meines Vaters ist mit mir gewesen. 6. Und ihr selbst wißt, daß ich eurem Vater mit all meinen Kräften gedient habe. 7. Aber euer Vater hat mich auch betrogen und meinen Lohn zehnmal geändert; und dennoch ließ Gott nicht zu, daß er mir schadete. 8. Wenn er zuweilen sagte: Die gefleckten sollen dein Lohn sein, brachten alle Schafe gefleckte Junge zur Welt. Wenn er aber im Gegenteil sagte: Die weißen sollst du als Lohn nehmen, brachten alle Herden weiße zur Welt. 9. Und Gott nahm die Habe eures Vaters und gab sie mir. 10. Denn nachdem die Zeit der Empfängnis der Schafe gekommen war, erhob ich meine Augen und sah im Traum die Männchen, die die Weibchen bestiegen, gefleckt und gesprenkelt und von verschiedenen Farben. 11. Und der Engel Gottes sprach zu mir im Traum: Jakob! Und ich antwortete: Hier bin ich. 12. Er sprach: Erhebe deine Augen und sieh alle Männchen, die die Weibchen besteigen, gefleckt, gesprenkelt und bespritzt. Denn Ich habe alles gesehen, was Laban dir angetan hat. 13. Ich bin der Gott von Bethel, wo du den Stein gesalbt und Mir ein Gelübde abgelegt hast. Nun also erhebe dich und ziehe aus diesem Land, und kehre zurück in das Land deiner Geburt. 14. Und Rahel und Lea antworteten: Haben wir noch etwas übrig vom Vermögen und der Erbschaft des Hauses unseres Vaters? 15. Hat er uns nicht wie Fremde behandelt, und uns verkauft, und unseren Preis verzehrt? 16. Aber Gott hat die Reichtümer unseres Vaters genommen und sie uns und unseren Kindern gegeben; darum tue alles, was Gott dir befohlen hat. 17. Da erhob sich Jakob, und nachdem er seine Kinder und Frauen auf Kamele gesetzt hatte, zog er davon. 18. Und er nahm seine ganze Habe und seine Herden und alles, was er in Mesopotamien erworben hatte, und zog zu Isaak, seinem Vater, in das Land Kanaan. 19. Zu jener Zeit war Laban gegangen, um seine Schafe zu scheren, und Rahel stahl die Götzenbilder ihres Vaters. 20. Und Jakob wollte seinem Schwiegervater nicht gestehen, daß er fliehe. 21. Und als er aufgebrochen war, sowohl er selbst als auch alles, was ihm gehörte, und den Strom überquert hatte und gegen den Berg Gilead zog, 22. wurde Laban am dritten Tag gemeldet, daß Jakob geflohen sei. 23. Der nahm seine Verwandten mit sich, verfolgte ihn sieben Tage lang und holte ihn auf dem Berg Gilead ein. 24. Und er sah im Traum Gott zu ihm sagen: Hüte dich, daß du nichts Hartes gegen Jakob sprichst. 25. Und schon hatte Jakob sein Zelt auf dem Berg aufgeschlagen; und als Laban ihn mit seinen Verwandten eingeholt hatte, schlug er sein Zelt auf demselben Berg Gilead auf 26. und sprach zu Jakob: Warum hast du so gehandelt, daß du heimlich meine Töchter weggetrieben hast, als wären sie mit dem Schwert erbeutete Gefangene? 27. Warum wolltest du ohne mein Wissen fliehen und mir nichts sagen, damit ich dich mit Freude und Liedern und Pauken und Harfen geleiten könnte? 28. Du hast mir nicht erlaubt, meine Söhne und Töchter zu küssen: du hast töricht gehandelt; und nun freilich 29. hat meine Hand die Macht, dir Böses zu vergelten; aber der Gott deines Vaters hat gestern zu mir gesagt: Hüte dich, daß du nichts Hartes gegen Jakob sprichst. 30. Zugegeben, du wolltest zu den Deinen gehen, und du sehntest dich nach dem Haus deines Vaters: aber warum hast du meine Götter gestohlen? 31. Jakob antwortete: Weil ich ohne dein Wissen aufgebrochen bin, fürchtete ich, du würdest mir deine Töchter gewaltsam wegnehmen. 32. Was aber deinen Vorwurf des Diebstahls gegen mich betrifft — bei wem auch immer du deine Götter findest, der soll vor unseren Verwandten getötet werden. Durchsuche alles von deinem, was du bei mir findest, und nimm es weg. Als er dies sagte, wußte er nicht, daß Rahel die Götzenbilder gestohlen hatte. 33. So trat Laban in das Zelt Jakobs und Leas und beider Mägde, fand aber nichts. Und als er in das Zelt Rahels getreten war, 34. verbarg sie schnell die Götzenbilder unter den Satteldecken des Kamels und setzte sich darauf; und als er das ganze Zelt durchsuchte und nichts fand, 35. sprach sie: Mein Herr zürne nicht, daß ich nicht vor dir aufstehen kann, denn die Gewohnheit der Frauen ist jetzt über mich gekommen. So wurde der Eifer des Suchenden vereitelt. 36. Und Jakob, vor Zorn anschwellend, sprach mit Vorwurf: Um welcher Schuld willen, und um welcher Sünde willen hast du mich so hitzig verfolgt, 37. und meine ganze Habe durchsucht? Was hast du von allen Besitztümern deines Hauses gefunden? Lege es hier vor meine Verwandten und deine Verwandten, und sie mögen zwischen mir und dir richten. 38. Bin ich deshalb zwanzig Jahre bei dir gewesen? Deine Schafe und Ziegen waren nicht unfruchtbar; die Widder deiner Herde habe ich nicht gegessen; 39. noch zeigte ich dir, was von Tieren gerissen ward — ich habe jeden Verlust ersetzt; was durch Diebstahl verlorenging, fordertest du von mir; 40. bei Tag und Nacht wurde ich von Hitze und Frost versengt, und der Schlaf floh von meinen Augen. 41. Und so habe ich dir zwanzig Jahre in deinem Haus gedient, vierzehn für deine Töchter und sechs für deine Herden; du hast auch meinen Lohn zehnmal geändert. 42. Wenn nicht der Gott meines Vaters Abraham und die Furcht Isaaks mit mir gewesen wäre, hättest du mich vielleicht jetzt leer weggeschickt; Gott hat mein Elend und die Arbeit meiner Hände angesehen und dich gestern zurechtgewiesen. 43. Laban antwortete ihm: Die Töchter sind mein und die Söhne, und deine Herden, und alles, was du siehst, ist mein: was kann ich meinen eigenen Töchtern und Enkeln tun? 44. Komm also, laß uns einen Bund schließen, damit er ein Zeugnis sei zwischen mir und dir. 45. Da nahm Jakob einen Stein und richtete ihn als Denkmal auf. 46. Und er sprach zu seinen Verwandten: Sammelt Steine. Und sie sammelten sie und machten einen Hügel, und sie aßen darauf; 47. den Laban den Hügel des Zeugen nannte, und Jakob den Haufen des Zeugnisses, jeder nach der Eigenart seiner Sprache. 48. Und Laban sprach: Dieser Hügel soll heute ein Zeuge zwischen mir und dir sein, und deshalb wurde sein Name Gilead genannt, das heißt der Hügel des Zeugen. 49. Der Herr schaue auf uns und richte zwischen uns, wenn wir voneinander geschieden sein werden. 50. Wenn du meine Töchter bedrängst, oder wenn du andere Frauen über sie hinaus einführst, so ist kein Zeuge unseres Bundes außer Gott, der gegenwärtig ist und zuschaut. 51. Und er sprach abermals zu Jakob: Siehe diesen Hügel und den Stein, den ich zwischen mir und dir aufgerichtet habe; 52. er soll ein Zeuge sein: dieser Hügel, sage ich, und dieser Stein mögen zum Zeugnis sein, ob ich über ihn hinübergehe, um zu dir zu kommen, oder du an ihm vorübergehst und Böses gegen mich planst. 53. Der Gott Abrahams und der Gott Nahors, Er richte zwischen uns — der Gott ihres Vaters. So schwor Jakob bei der Furcht seines Vaters Isaak. 54. Und nachdem er Opfer auf dem Berg dargebracht hatte, rief er seine Verwandten zum Brotessen. Und als sie gegessen hatten, blieben sie dort. 55. Aber Laban erhob sich in der Nacht, küßte seine Söhne und Töchter und segnete sie, und kehrte an seinen Ort zurück.


Vers 1: Er nahm

1. ER NAHM. — Im Hebräischen לקח lacach, das heißt „er empfing“ oder „er stahl.“ Dies ist eine Verleumdung: denn aus Neid beschuldigen sie Jakob des Diebstahls und nennen Diebstahl, was sein gerechter Lohn und die ihm von Gott gegebenen Reichtümer waren.


Vers 3: Und Ich werde mit dir sein

3. UND ICH WERDE MIT DIR SEIN. — „Was könnte dem fehlen,“ sagt der hl. Ambrosius, „dem die Fülle aller Dinge gegenwärtig ist“ — ja der Ozean selbst, nämlich Gott?


Vers 7: Er änderte meinen Lohn zehnmal

7. ER ÄNDERTE MEINEN LOHN ZEHNMAL. — „Zehn,“ das heißt viele Male, so daß eine bestimmte Zahl für eine unbestimmte gesetzt wird; denn die Zehn bezeichnet Vielheit und Vollkommenheit. So sagen Origenes, Eusebius, Diodorus und Prokopius. So handeln oft die Reichen mit den Armen, daß sie weder ihre Vereinbarungen noch ihre Versprechen einhalten, außer insofern es ihren eigenen Interessen dient; daher sagt Terenz: „Ich kenne diese eure Worte: Ich will, ich will nicht; ich will nicht, ich will — was eben noch gültig war, soll nichtig sein.“

Zweitens, im eigentlichen und genauen Sinne änderte Laban die Vereinbarung und den Lohn Jakobs zehnmal; denn Jakob wirft Laban dasselbe in Vers 41 vor. Denn wie Vers 41 zeigt, diente Jakob dem Laban 20 Jahre — nämlich 14 Jahre für jede Frau und 6 Jahre für die Herden und Schafe. Nun warfen die Schafe zweimal im Jahr, und jedes Mal wurde Jakob nach der Vereinbarung durch eine besondere Vorsehung Gottes bereichert. Als Laban dies sah, widerrief und änderte er die Vereinbarung jedes Mal; daher änderte er in fünf Jahren den Pakt zehnmal, weshalb Jakob im sechsten Jahr, dieser Änderung überdrüssig, floh. Die Septuaginta gibt anstelle von „zehnmal“ deka amnon wieder, „zehn Lämmer,“ das heißt zehnmal, als Lämmer geboren wurden, sagen einige; denn so sagt Vergil: „Dereinst, wenn ich meine Reiche sehe, werde ich die Ähren bestaunen,“ wobei er durch die Ähren die Ernten und durch die Ernten die Jahre bezeichnet. So sagt der hl. Augustinus, Frage 95.

Wahrscheinlicher aber ist, daß die Septuaginta hier verdorben ist und anstelle von deka amnon deka mnon wiederherzustellen ist, das heißt „zehn Minen“; denn die Septuaginta scheint das hebräische monim beibehalten und als Minen erklären zu wollen. So sagt Eugubinus, als wollte man sagen: „Mit zehn, das heißt vielen, Minen Gold — mit einer großen Summe — hat euer Vater mich betrogen, indem er meinen Lohn änderte und umkehrte.“

Tropologisch steht Laban für die Welt; die Welt bedrängt Jakob, das heißt die Gläubigen, die sie zuvor in der Hoffnung auf eigenen Vorteil geliebt und gefördert hatte, weil sie sich hernach in dieser Hoffnung getäuscht sieht.


Vers 8: Die gefleckten Schafe

8. Im Hebräischen scheinen עקדים, Schafe, deren ganzer Körper gefleckt war, den נקדים gegenübergestellt zu werden, Schafen, deren Beine, ja nur die Knöchel der Füße, gefleckt waren.


Vers 12: Sieh alle gefleckten Männchen

12. SIEH ALLE GEFLECKTEN MÄNNCHEN. — Durch diese Vision und dieses Sinnbild zeigte der Engel an, daß Jakob vielfarbige Nachkommenschaft geboren werden würde, und zugleich lehrte er ihn, wie es scheint, die Methode, dies durch geschälte Ruten zu bewirken, obwohl die Schrift dies hier nicht ausdrückt und sich mit der Erzählung des ganzen Sachverhalts begnügt, die sie im vorhergehenden Kapitel gab.

DENN ICH HABE ALLES GESEHEN, WAS LABAN DIR ANGETAN HAT. — „Hier lernen wir,“ sagt der hl. Chrysostomus, Homilie 57, „daß, wenn uns Unrecht zugefügt wird und wir sanftmütig, mild und geduldig sind, wir größere und reichlichere göttliche Hilfe genießen. Laßt uns daher nicht gegen jene kämpfen, die uns unterdrücken und verleumden wollen; sondern laßt es uns edelmütig ertragen, in dem Wissen, daß der Herr aller Dinge uns nicht verachten wird, sofern wir nur Seine Güte anerkennen. Denn ‚Mein ist die Rache,‘ spricht Er, ‚und Ich werde vergelten.‘“


Vers 13: Der Gott von Bethel

13. DER GOTT VON BETHEL — der dir auf der Leiter angelehnt in Bethel erschien, Kapitel 28.

UND DU HAST EIN GELÜBDE ABGELEGT. — Gott erinnert an Jakobs Gelübde, um zu zeigen, daß es Ihm wohlgefällig war und daß Er um dessentwillen Jakob gesegnet und reich gemacht hatte; und um ihn daran zu erinnern, sein Gelübde fortzusetzen und zu erfüllen.


Vers 14: Haben wir noch etwas?

14. HABEN WIR NOCH ETWAS? — Hat uns unser Vater nicht praktisch enterbt? Erstens, indem er uns ohne Mitgift dir zur Frau gab. Zweitens, indem er den ganzen Preis für sich nahm, für den du uns als Frauen erworben hast, nämlich die Arbeit deiner 14 Jahre Dienstbarkeit, so daß er uns weniger als ein Vater mit zugewiesener Mitgift verheiratet, als vielmehr wie ein Sklavenhändler verkauft zu haben scheint.


Vers 17: Nachdem er die Kinder aufgesetzt hatte

17. NACHDEM ER DIE KINDER AUFGESETZT HATTE. — Denn sie waren noch jung: der älteste, Ruben, war 13 Jahre alt; der jüngste, Josef, war sechs Jahre alt.

Tropologisch lerne hieraus, daß, wenn Neid aufkommt, der Gerechte ihm ausweichen soll: denn es ist besser für ihn, ohne Streit fortzugehen, als im Zank zu verbleiben, sagt Ambrosius, Buch 2 Über Jakob, Kapitel 5. Wiederum läßt Gott die Seinen hier durch Widrigkeiten, Verleumdungen und Verbannung behelligen, damit sie sich nach der himmlischen Heimat sehnen, sagt Rupertus: denn die Übel, die uns hier bedrängen, zwingen uns, zu Gott zu gehen.


Vers 18: Auf dem Weg zu Isaak, seinem Vater

18. AUF DEM WEG ZU ISAAK, SEINEM VATER. — Jakob war dorthin unterwegs, aber auf der Reise verbrachte er nahezu ein Jahrzehnt, indem er in Sichem und in Bethel wohnte. So sagt Abulensis.


Vers 19: Sie stahl die Götzenbilder

19. SIE STAHL DIE GÖTZENBILDER. — Man fragt, warum Rahel dies tat? Erstens antwortet Aben Esra, daß sie die Götzenbilder ihres Vaters stahl, damit ihr Vater, indem er sie befragte oder durch ihre Betrachtung wahrsagte, nicht erkennen könnte, auf welchem Weg Jakob und seine Familie aufgebrochen und geflohen waren, so daß er sie nicht verfolgen konnte.

Zweitens meinen der hl. Basilius (zu Beginn seines Kommentars zu den Sprichwörtern), Nazianz (Rede 2 Über das Pascha), Theodoret und Pererius, daß sie dies tat, um ihrem Vater den Anlaß zum Götzendienst zu nehmen.

Drittens, und wahrscheinlicher, meinen der hl. Chrysostomus (Homilie 57), Gennadius, Rupertus, Cajetan und Oleaster, daß sie die Götzenbilder nicht so sehr als die ihres Vaters, sondern als ihre eigenen Hausgötter mitnahm, weil sie ihnen ergeben war und von ihnen eine glückliche Reise und alles Gute erhoffte; denn ihr Vater Laban und sein Haushalt, und folglich auch Rahel, verehrten neben dem wahren Gott auch Götzenbilder nach der Sitte ihres Volkes, wie aus Kapitel 35, Vers 2, hervorgeht, wo schließlich Jakob diese Götzenbilder abschaffte.

Viertens stahl Rahel diese Götzenbilder, weil sie kostbar waren, nämlich aus Gold gefertigt; und so stahl sie Gold — das heißt, sie nahm es heimlich an sich — aber gerechterweise, als ihre Mitgift und als ihrem Mann geschuldeten Lohn. So sagt Pererius.

GÖTZENBILDER. — Im Hebräischen steht תרפים Teraphim, was menschliche Statuen bedeutet, oder Statuen in menschlicher Gestalt, wie aus 1 Samuel 19,13 hervorgeht; daher übersetzt Aquila es morphomata, das heißt „Gestaltungen“; der Chaldäer übersetzt es „Bilder.“

Zweitens wurde der Name Teraphim durch Gebrauch jenen Statuen zugeeignet, die durch die Wirkung von Dämonen Orakelsprüche gaben, wie aus Richter 18,18 hervorgeht; daher übersetzen die Übersetzer es allgemein als „Götzenbilder.“ So die Septuaginta, unser Übersetzer und andere, ja sogar Calvin selbst. Daher sagt derselbe Calvin töricht: „Teraphim sind Bilder, wie die Papisten sie haben“ — denn die Papisten haben und verehren keine Bilder als Götzen oder als Götter, wie Laban diese Teraphim hatte und verehrte, wie aus Vers 30 hervorgeht. Über die Teraphim werde ich mehr zu Richter 18 sagen.


Vers 20: Er wollte nicht gestehen

20. UND ER WOLLTE NICHT GESTEHEN. — Im Hebräischen heißt es: „Jakob stahl das Herz Labans“: das Herz, das heißt die Reichtümer, die gleichsam das Herz Labans waren und die er wie sein eigenes Herz liebte, sagt Lipomanus.

Ich sage jedoch, es ist ein Hebraismus: „Er stahl das Herz Labans,“ das heißt, ohne Labans Wissen und Bewußtsein floh er heimlich und verborgen, als hätte er das Herz, das heißt das Wissen und Bewußtsein Labans, mit sich genommen. Daher übersetzt der Chaldäer es „er verbarg“; die Septuaginta „er versteckte.“ So sagt Seneca im Agamemnon: „Bruder, ich werde dein Antlitz mit einem Gewand stehlen“ — „ich werde stehlen,“ das heißt „ich werde verbergen.“

Cajetan fügt hinzu, daß Laban in seinem Herzen beschlossen hatte, Jakob nicht zu erlauben, die Reichtümer, die er in Haran erworben hatte, von dort mitzunehmen. Daher sagt Jakob in Vers 42 zu ihm: „Vielleicht hättest du mich leer weggeschickt“; und weil Jakob, indem er heimlich aufbrach, diesen Plan Labans zunichte machte, wird deshalb gesagt, er habe sein Herz gestohlen, in dem jener Plan verborgen lag, und es heimlich mit sich genommen: dies ist eine Metonymie.


Vers 21: Den Strom überquert habend

21. DEN STROM ÜBERQUERT HABEND — nämlich den Euphrat, der Haran und Mesopotamien umgibt. Jakob tat dies nicht durch ein Wunder, wie die Juden vorgeben, sondern mit einem gewöhnlichen Boot.


Vers 23: Auf dem Berg Gilead

23. AUF DEM BERG GILEAD — der hernach in Vers 48 Gilead genannt wurde. Dies ist eine Prolepsis. Über Gilead siehe Adrichomius in seinem Terra Sancta.


Vers 25: Verwandte

25. VERWANDTE — mit einer starken Schar von Verwandten, Knechten und Mitbürgern.


Vers 26: Warum hast du so gehandelt?

26. ER SPRACH (Laban) ZU JAKOB: WARUM HAST DU SO GEHANDELT? — Sieh hier abermals in den Worten Labans das Wesen der Welt. Denn erstens, obgleich er wußte, daß er durch seine eigene Treulosigkeit dem Gerechten Anlaß zur Flucht gegeben hatte, verbirgt er dies dennoch und wirft alle Schuld auf den Gerechten; und wo er um Verzeihung für seine Schuld bitten und sich mit dem Gerechten versöhnen sollte, klagt er ihn stattdessen an. So verbirgt die Welt ihre eigenen Sünden und wirft alle Schuld auf die Frommen. So beschuldigt Ahab den Elija, Israel zu verwirren, obwohl der gottlose König selbst durch seine Sünden die Ursache der Übel war. Zweitens gibt Laban vor, ein Freund zu sein, während er ein Gegner war: „Damit ich dich begleiten könnte,“ sagt er, „mit Freude und Liedern,“ usw. So spricht die Welt eines und denkt ein anderes: wehe den Doppelherzigen! Drittens offenbart er seine eigene Gottlosigkeit und Torheit, wenn er sagt: „Warum hast du meine Götter gestohlen?“ Es ist Gottlosigkeit, daß er Götzen verehrt; es ist Torheit, daß er sie Götter nennt, wenn sie sich nicht einmal vor Dieben schützen können. Viertens sagt er: „Du hast töricht gehandelt“; so erscheint der Welt alles töricht, was die Frommen tun. Der Gerechte handelte nicht töricht, als er, bedrängt, die Heimat suchte, sondern die Welt handelt töricht, indem sie die himmlische Heimat verachtet. Fünftens ist es Anmaßung, wenn er sagt: „Meine Hand hat die Macht, dir Böses zu vergelten“; so verläßt sich die Welt stets auf ihre Macht, obgleich sie weiß, daß sie gegen Gott nichts vermag. „Ihre Anmaßung,“ sagt Jesaja (Kapitel 16), „ist größer als ihre Kraft.“ Zuletzt aber wird er, ob er will oder nicht, gezwungen, die Wahrheit zu bekennen, nämlich daß er vom Herrn zurückgehalten und gehemmt wird. Daher zeigt der hl. Chrysostomus (Homilie 57) an vielen Beispielen, wie sehr Gott für Jakob und andere Gerechte sorgt, so daß Er nicht nur wilde Menschen zähmt, sondern sogar die wilden Tiere selbst bändigt und zahm macht, damit sie ihnen nicht schaden: „Denn die Hand Gottes,“ sagt er, „ist mächtiger als alle Dinge; sie stärkt uns auf jeder Seite und macht uns unbesiegbar. Dies wurde auch an diesem Gerechten offenbar. Denn der mit solcher Wut Jakob ergreifen und Strafe für seine Flucht von ihm fordern wollte, spricht nicht nur nichts Hartes gegen ihn, sondern redet ihn freundlich an, wie ein Vater seinen Sohn, und sagt: ‚Was hast du getan? Warum bist du heimlich weggegangen?‘ Sieh, welch große Verwandlung! Sieh, wie der, der wie ein wildes Tier tobte, nun die Sanftmut der Schafe nachahmt.“

OHNE MEIN WISSEN. — Im Hebräischen heißt es wieder „du hast mein Herz gestohlen,“ worüber ich zu Vers 20 gesprochen habe.

WIE MIT DEM SCHWERT ERBEUTETE GEFANGENE — als wären sie im Krieg erbeutet und daher Sklavinnen oder Mägde.


Vers 28: Meine Söhne

28. MEINE SÖHNE — das heißt Enkel von seinen Töchtern.


Vers 32: Durchsuche alles von deinem, was du bei mir findest

32. DURCHSUCHE ALLES VON DEINEM, WAS DU BEI MIR FINDEST, UND NIMM ES WEG. — Im mystischen Sinne sagt der hl. Ambrosius (Buch 2 Über Jakob, Kapitel 5): „Laban kam zu ihm — das heißt ‚der Geweißte,‘ nämlich Satan (denn auch Satan verwandelt sich in einen Engel des Lichts) — und begann zurückzufordern, was ihm gehörte. Jakob antwortete: ‚Ich habe nichts von deinem. Suche, ob du irgendwelche deiner Laster und Verbrechen erkennst; ich habe keinen deiner Betrügereien mitgenommen, noch habe ich Anteil an irgendeiner deiner Listen: ich bin vor all dem Deinen wie vor einer Seuche geflohen.‘ Und Laban suchte und fand nichts von dem Seinen. Wie selig der Mensch, bei dem der Feind nichts findet, was er sein eigen nennen könnte, bei dem der Teufel nichts entdeckt, was er als das Seine erkennen könnte! Dies schien unmöglich bei einem Menschen, aber er trug das Vorbild Dessen, der im Evangelium sagte: ‚Der Fürst dieser Welt kommt, und in Mir wird er nichts finden.‘ Denn alles, was dem Teufel gehört, ist nichts, da es keinen Bestand und keine Substanz haben kann.“


Vers 34: Unter den Satteldecken

34. UNTER DEN SATTELDECKEN — unter dem Packsattel. Rahel saß auf dem Kamelsattel, auf dem sie gewöhnlich ritt und der für die Nacht in ihr Zelt gestellt worden war, wie auf einer Art Sitz oder bequemerer Lagerstätte. Denn diese Sättel sind gewöhnlich mit Kissen und anderem Zubehör ausgestattet. Überdies waren die Statuen der Hausgötter klein (vgl. Vergil, Äneis 2,716), so daß sie leicht in einem solchen Kamelsattel verborgen werden konnten.


Vers 35: Nach der Gewohnheit der Frauen

35. NACH DER GEWOHNHEIT DER FRAUEN — als wollte sie sagen: Ich leide am monatlichen Blutfluß und kann daher wegen meiner Schwäche nicht aufstehen.


Vers 36: Und vor Zorn anschwellend

36. UND ANSCHWELLEND — vor gerechtem Zorn und Empörung, Jakob, der sonst sanftmütigste aller Menschen: denn verletzte Geduld wird zum Grimm.


Vers 39: Noch zeigte ich dir, was von Tieren gerissen ward

39. NOCH ZEIGTE ICH DIR, WAS VON TIEREN GERISSEN WARD. — Das Hirtenrecht besagt, daß, wenn Vieh ohne Schuld des Hirten von wilden Tieren getötet wird, der Hirt nach Vorzeigung eines verbleibenden Teils an den Eigentümer von der Haftung befreit wird; denn jede Sache geht auf Kosten ihres Eigentümers zugrunde, sofern nicht die Schuld des Hüters hinzutritt. Aber der harte und ungerechte Laban hielt dieses Recht nicht ein, der wollte, daß Jakob nicht nur die Schuld, sondern auch den Verlust durch Zufall tragen sollte. Denn dies ist es, was Jakob ihm vorwirft, wenn er sagt: „Was durch Diebstahl verlorenging, fordertest du von mir.“ Im übrigen ist der Hirt nach Hirtenrecht verpflichtet, ein vom Wolf, Bären usw. gerissenes Schaf zu retten und das Schaf zu schützen, wenn er kann; und wenn er nachlässig ist, ist er zum Ersatz des gerissenen Schafes verpflichtet. So tötete David beim Schafehüten einen Löwen und einen Bären, die sie angriffen (1 Samuel 17,34). Viel mehr wird Gott Seelen von Hirten einfordern, die Sorge für sie tragen, wenn sie durch ihre Nachlässigkeit zulassen, daß sie vom Teufel geraubt und ins Verderben gerissen werden, wie Ezechiel in Kapitel 3, Vers 17, und im ganzen Kapitel 34 lehrt. Dasselbe Urteil gilt für Fürsten und Obrigkeiten, die verpflichtet sind, das Wohl, die Personen und das Vermögen ihrer Untertanen zu schützen. Es ist daher ihre Pflicht, ständige Wache zum Schutz und zur Behütung ihres Volkes zu halten. „Die Sorge des Fürsten“ (sagt Seneca) „wacht über das Wohl jedes Einzelnen.“ Ein solcher war Cäsar, von dem derselbe Seneca sagt (im Buch Über die Kürze des Lebens): „Sein Fleiß schützte die Häuser aller, seine Mühe sicherte die Muße aller, sein Eifer verschaffte die Vergnügungen aller, seine Beschäftigung gewährleistete die Erholung aller.“ Auch Platon will, daß die Fürsten solche seien, in Buch 7 der Gesetze.


Vers 40: Von Hitze und Frost wurde ich versengt

40. VON HITZE UND FROST WURDE ICH VERSENGT. — Einige lesen fälschlich „ich wurde verbrannt“: denn wie die Hitze, so verbrennt auch die Kälte, das heißt, sie sticht, quält, dörrt aus, und, wie das Hebräische es ausdrückt, אכלני achalani, das heißt „sie fraß mich auf und verzehrte mich, sie schadete mir.“ Hieronymus Magius gibt die physikalische Ursache an in Buch 1 der Miscellanea, Kapitel 17. So sagt der Dichter: „Schnee auf den Bergen verbrannte.“ Und Tacitus, Annalen Buch 15: „Die Glieder vieler wurden durch die Gewalt der Kälte verbrannt.“ Der hl. Basilius (Homilie über die 40 Märtyrer): „Durch die Kälte,“ sagt er, „wurden sie gänzlich versengt.“ Und Jesus Sirach, über den Nordwind sprechend (Kapitel 43,23): „Er wird die Wüste versengen und das Grüne auslöschen,“ das heißt „wie ein Feuer.“ Daher wird auch pruina [Reif] von perurendo [Durchbrennen] abgeleitet, weil er Kräuter und Feldfrüchte verbrennt, sagt Festus. Wie brennend die Tageshitze im Orient ist, so streng und gefährlich ist die nächtliche Kälte, die gewöhnlich vor der Morgendämmerung entsteht, wenn der Tau fällt: eine Tatsache, die von allen bezeugt wird, die in jene Gegenden gereist sind.

UND DER SCHLAF FLOH. — Es ist die Pflicht eines guten Hirten, wachsam zu sein und nachts über die Herde zu wachen. Wie wachsam muß denn ein Bischof und Hirte sein, der die Schafe Gottes weidet! sagt der hl. Damasus, Brief 4. Jakob ist daher das Urbild eines guten Verwalters, den Aristoteles in der Ökonomik so beschreibt: „Es geziemt sich, daß der Herr vor dem Knecht aufsteht und nach ihm zu Bett geht; und daß er das Haus niemals unbewacht läßt — so wie man eine Stadt nicht unbewacht lassen würde, wenn es nötig ist —, weder bei Tag noch bei Nacht; und daß er vor der Morgendämmerung aufsteht, was für die Gesundheit, die Sorge für den Haushalt und das Studium der Philosophie am zuträglichsten ist.“ Ebenso geben Cato (Über die Landwirtschaft, Kapitel 5) und Cicero (Über die Weissagung, Buch 2) dem Gutsverwalter diese Vorschrift: „Er sei der erste, der vom Lager aufsteht, der letzte, der sich zur Ruhe begibt.“ Xenophon berichtet in der Ökonomik, daß ein gewisser Fremder, als er gefragt wurde, was ein Pferd tüchtig und lebhaft mache, antwortete: „Das Auge des Herrn.“ Agesilaos, König der Lakedämonier, verstand es, seinen Schlaf zu beherrschen, und benutzte, wie Xenophon sagt, den Schlaf nicht als Herrn, sondern als Untergebenen in seinen Geschäften. So wachten die Hirten, denen zuerst von einem Engel die Geburt Christi verkündet wurde. So sagt Paulus zu Timotheus: „Du aber, sei wachsam, arbeite in allen Dingen.“ So vergleichen die Heiden den guten Hirten mit Argus, der ein ganz und gar mit Augen bedeckter Hirte war, ja ringsum mit Augen gefüllt. Homer singt in der Ilias Buch 2, daß Jupiter, der Gott der Götter, während Götter und Menschen schliefen, schlaflos war und darüber nachsann, wie er Achilles erhöhen könnte. So singt über den wahren Gott David in Psalm 121: „Siehe, Er schlummert nicht noch schläft, der Israel behütet.“ Der König der Perser hatte einen Kammerherrn, der, den König am Morgen weckend, sprach: „Steh auf, o König, und besorge die Dinge, die Mesoromasdes“ — dein Gott — „wollte, daß du besorgst“; Plutarch ist der Zeuge, in seinem Buch Über die Erziehung der Fürsten. Recht also sagt Homer an der genannten Stelle: „Es geziemt sich nicht, daß ein Ratgeber die ganze Nacht hindurch schläft, dem Völker anvertraut sind und so viele Angelegenheiten zu besorgen sind.“

Wenn daher „das Leben der Sterblichen ein Wachen ist,“ wie viel mehr muß dann das Leben der Fürsten und Prälaten ein Wachen sein. So betete der hl. Dominikus bei Nacht wachend und ging durch alle Zellen und Räume seiner Brüder. Fürwahr, Reinlichkeit geziemt den Frauen, Arbeit den Männern. Daher wird Jakob mit Recht vom hl. Gregor (Homilie 15 über Ezechiel) als Vorbild der Arbeit aufgestellt, und er sagt, daß Jakob dadurch den Sieg im Ringkampf mit dem Engel in Kapitel 32 verdient habe. „Wie ist mühsame Stärke zu erlangen?“ sagt er. „Man rufe sich Jakob ins Gedächtnis, der, nachdem er gelernt hatte, einem Menschen tapfer zu dienen, auch zu solcher Tugend geführt wurde, daß er vom ringenden Engel nicht überwunden werden konnte.“


Vers 41: Zehnmal

41. ZEHNMAL. — Josephus behauptet, Laban habe die Vereinbarungen gebrochen und die besseren bereits geborenen Nachkommen weggenommen, die Jakob laut Pakt zustanden; aber er irrt, denn in diesem Fall hätte Jakob nicht so wohlhabend werden können. Daher urteilen Origenes, Eusebius und der hl. Hieronymus richtiger, daß Laban den Pakt zehnmal für die Zukunft änderte, indem er für sich solche Nachkommen beanspruchte, wie er sah, daß sie bereits geboren worden und Jakob zugefallen waren.


Vers 42: Die Furcht Isaaks

42. WENN NICHT DER GOTT MEINES VATERS ABRAHAM UND DIE FURCHT ISAAKS MIT MIR GEWESEN WÄRE. — Man fragt: Was ist die „Furcht Isaaks“? Erstens antworten Aben Esra und Cajetan, es sei die Furcht und Ehrfurcht, mit der Isaak Gott fürchtete, verehrte und ehrte — als wollte man sagen: Durch das Verdienst der Furcht, das heißt der Frömmigkeit, Ehrfurcht und Andacht Isaaks, mit der er zu Gott für seinen Sohn Jakob betete, wurde Jakob von Laban befreit und gesegnet. Diese Furcht der Heiligen ist also ein Akt der Religion und Ehrfurcht und entspringt der Liebe zu Gott; ja sie ist ein Akt der Liebe, bald geboten, bald hervorgerufen; denn weil die Heiligen Gott über alles lieben, fürchten sie daher über alles, Ihn zu beleidigen, und verehren und ehren Ihn über alles.

Zweitens meinen andere, diese Furcht sei die Ehrerbietung gewesen, mit der Jakob seinen Vater Isaak ehrte und ihn fürchtete und ehrte: denn durch diese Ehrerbietung und kindliche Frömmigkeit gegenüber seinem Vater Isaak verdiente Jakob vor Gott, von Ihm befreit und beschützt zu werden.

Drittens, und im eigentlichen Sinne, wird Gott, der der Gott Abrahams war, die Furcht Isaaks genannt — als wollte man sagen: Gott, den Abraham verehrte, und den Isaak als die höchste Gottheit und höchste Majestät fürchtete und ehrte. So nennt Jesaja (Kapitel 8, Vers 13) Gott den Schrecken und die Furcht Israels, den die Israeliten mit Furcht und Schrecken verehrten und ehrten.

„Furcht“ wird hier also metonymisch genommen für den Gegenstand der Furcht, nämlich für Gott. So nannten die Heiden Jupiter die Furcht der Menschen, den die Menschen als Zeugen, Richter und Rächer fürchteten, „dessen Gottheit sie zu beschwören und zu täuschen sich scheuten.“ Denn so schwor Jakob in Vers 53 bei der Furcht seines Vaters Isaak, ebenso wie Laban beim Gott Abrahams und beim Gott Nahors schwor. So wird Gott in den Psalmen „meine Hoffnung,“ „meine Geduld“ genannt, das heißt derjenige, auf den ich hoffe, um dessentwillen ich leide. So sagen Theodoret, der Chaldäer und der hl. Augustinus.

ER WIES DICH GESTERN ZURECHT — als Er dir erschien und dich warnte, mir nichts Hartes zu sagen oder anzutun, Vers 29.


Vers 43: Was kann ich tun?

43. WAS KANN ICH TUN? — als wollte er sagen: Väterliche Liebe und Zuneigung erlauben es mir nicht, meinen Töchtern und Enkeln zu schaden. Denn so lautet der hebräische Text; aber unser Übersetzer gibt es wieder als „Söhne und Enkel,“ wo „und“ „das heißt“ bedeutet: denn Laban nennt seine Enkel Söhne, weil er kurz zuvor zu Jakob gesagt hatte: „Die Söhne und Herden und alles, was du siehst, sind mein,“ nämlich weil sie von mir als ihrem Großvater und ersten Besitzer abstammen.


Vers 44: Damit es ein Zeugnis sei

44. DAMIT ES EIN ZEUGNIS SEI — ein Denkmal des zwischen uns geschlossenen Bundes.


Vers 45: Als Denkmal

45. ALS DENKMAL — als Zeichen und Monument. Zum Wort „Denkmal“ siehe, was zu Kapitel 28,18 gesagt wurde.


Vers 46: Einen Hügel

46. EINEN HÜGEL — einen langen, breiten und flachen Haufen: denn sie aßen darauf wie auf einem Tisch.


Vers 47: Den Hügel des Zeugen

47. DEN LABAN DEN HÜGEL DES ZEUGEN NANNTE, UND JAKOB DEN HAUFEN DES ZEUGNISSES, JEDER NACH DER EIGENART SEINER SPRACHE. — Jakob und Laban gaben diesem Hügel dem Sinn und der Sache nach denselben Namen, doch verschieden nach Klang und Sprache. Denn Laban, der Syrer, nannte ihn auf Syrisch יגר שהדותא Jegar Sahaduta, das heißt „der Haufen oder Hügel des Zeugnisses“; Jakob aber, der Hebräer, nannte ihn auf Hebräisch גלעד Galed, das heißt „der Hügel des Zeugen“; denn gal bedeutet „Hügel“ und ed bedeutet „Zeuge.“ Nun ist der Sache nach „der Hügel des Zeugnisses“ dasselbe wie „der Hügel des Zeugen“: denn ein Stein kann nur auf die Weise ein Zeuge sein, daß er aufgerichtet und als Zeugnis von etwas aufgestellt wird. Vielleicht sind auch durch Nachlässigkeit der Abschreiber die Namen hier vertauscht worden, so daß „Zeuge“ anstelle von „Zeugnis“ gesetzt wurde und umgekehrt; denn eigentlich und genau nannte Laban diesen Hügel Jegar Sahaduta, das heißt „den Hügel des Zeugnisses“; Jakob aber nannte ihn Galed, das heißt „den Haufen oder Hügel des Zeugen.“ Weil also dieser Hügel als Zeugnis des zwischen Jakob und Laban geschlossenen Bundes errichtet wurde, wurde er daher Gilead genannt, das heißt „der Hügel des Zeugen,“ und von ihm wurde der Berg selbst, die Stadt und die ganze Gegend Gilead oder Gileaditis genannt.


Vers 48: Sein Name wurde Gilead genannt

48. SEIN NAME WURDE GILEAD GENANNT, DAS HEISST DER HÜGEL DES ZEUGEN. — Im Hebräischen steht nur „Gilead,“ aber unser Übersetzer erklärt den hebräischen Namen Gilead, indem er hinzufügt „das heißt der Hügel des Zeugen.“ Das Hebräische fügt hinzu „und Mizpa,“ das heißt „und der Wachtturm,“ weil Laban sagte: „Der Herr schaue auf uns und richte zwischen uns.“ Zwei Namen wurden also diesem Hügel gegeben: erstens Galed, das heißt „der Hügel des Zeugen“; zweitens Mizpa, das heißt „der Wachtturm,“ oder wie die Septuaginta übersetzt, he horasis, das heißt „die Schau“ — als wollte Laban sagen: Ich werde fortan nicht in der Lage sein, über dich und deine Angelegenheiten zu wachen, o Jakob; denn ich werde weggehen und mich von dir trennen. Fürchte darum Gott, der der Wächter dieses unseres Bundes und Eides ist, um zu richten und zu rächen, wenn einer von uns beiden ihn bricht, nämlich: „Der Wächter steht droben, der an allen unseren Tagen unsere Taten beobachtet, vom ersten Licht bis zum Abend.“ Dies ist unser Mizpa.


Vers 51: Der Stein, den ich aufgerichtet habe

51. DER STEIN, DEN ICH AUFGERICHTET HABE — auf der einen Seite des besagten Hügels, die Mesopotamien zugewandt war, richtete Laban seinen Stein auf; auf der anderen Seite, die Kanaan zugewandt war, richtete Jakob einen anderen, seinen eigenen Stein auf: so daß diese beiden Steine gleichsam Säulen und Grenzmarken wären, die keine der beiden Seiten überschreiten durfte, um der anderen zu schaden.


Vers 53: Der Gott Abrahams und der Gott Nahors

53. DER GOTT ABRAHAMS UND DER GOTT NAHORS, ER RICHTE ZWISCHEN UNS, UND DER GOTT IHRES VATERS — nämlich der Gott Terachs, der der Vater Abrahams und Nahors war.

Anmerkung: Laban verehrte zusammen mit dem wahren Gott Abrahams die Götzenbilder seines Vaters Nahor. Daher fügt er auch die Götter des gemeinsamen Urgroßvaters, nämlich Terachs, hinzu, als beiden Seiten väterlich und ererbt. Denn Terach verehrte in Chaldäa mit Abraham den wahren Gott, in Haran aber verehrte er mit Nahor die Götzenbilder, wie ich am Ende von Kapitel 11 gesagt habe. Aber Jakob weist diese zurück und schwört nur bei der Furcht Isaaks, das heißt bei Gott, den Isaak und Abraham fürchteten und verehrten. Siehe, was zu Vers 42 gesagt wurde.

Anmerkung: So wie es Jakob erlaubt war, von Laban anzunehmen, so ist es jedem Gläubigen erlaubt, von einem Ungläubigen einen Eid anzunehmen, ja ihn im Notfall einzufordern, auch wenn er weiß, daß der Ungläubige bei falschen Göttern schwören wird: gerade so wie es im Notfall erlaubt ist, ein Darlehen von jemandem zu erbitten, von dem man weiß, daß er es nur unter der Bedingung eines Zinses geben wird. Denn wie man in diesem Fall nur das Darlehen einfordert und den Zins bloß zuläßt und duldet, so fordert man auch im anderen Fall nur den Eid ein und duldet und gestattet nur, daß er bei falschen Göttern geschieht, und dies aus gerechtem Grund, nämlich der Notwendigkeit.


Vers 54: Nachdem Opfer dargebracht worden waren

54. UND NACHDEM OPFER DARGEBRACHT WORDEN WAREN — Friedensopfer, dargebracht für den Frieden, die Versöhnung und den Bund, der mit Laban, seinem Schwiegervater, geschlossen worden war, damit Gott aus denselben ihn bewahre, festige und für immer erhalte.

55. BEI NACHT — das heißt am frühen Morgen. Er bereitete ein Festmahl. Mit diesen Opfern also dankte Jakob Gott für den geschlossenen Frieden und bat zugleich, daß Gott ihn bewahre, festige und für immer erhalte.

AN SEINEN ORT — das heißt nach Haran.