Cornelius a Lapide

Genesis XXXII


Inhaltsverzeichnis


Zusammenfassung des Kapitels

Jakob sah zwei Engelsscharen, die ihm von Gott zum Schutz gesandt waren. Zweitens sendet er ab Vers 3, seinen Bruder fürchtend, Geschenke zu ihm. Drittens wird er ab Vers 24, im Ringkampf mit einem Engel obsiegend, Israel genannt.


Vulgata-Text: Genesis 32,1-32

1. Auch Jakob zog die Reise weiter, die er begonnen hatte, und die Engel Gottes begegneten ihm. 2. Als er sie sah, sprach er: „Dies sind die Lager Gottes,” und er nannte den Namen jenes Ortes Machanaim, das heißt „Lager.” 3. Und er sandte Boten vor sich her zu seinem Bruder Esau in das Land Seïr, in die Gegend von Edom, 4. und er befahl ihnen und sprach: „So sollt ihr zu meinem Herrn Esau sprechen: So spricht dein Bruder Jakob: Bei Laban habe ich als Fremdling geweilt und bin bis zum heutigen Tag geblieben. 5. Ich habe Rinder und Esel und Schafe und Knechte und Mägde, und nun sende ich eine Gesandtschaft zu meinem Herrn, daß ich Gnade finde vor deinen Augen.” 6. Und die Boten kehrten zu Jakob zurück und sprachen: „Wir kamen zu deinem Bruder Esau, und siehe, er eilt dir entgegen mit vierhundert Mann.” 7. Jakob fürchtete sich sehr, und in seinem Schrecken teilte er das Volk, das bei ihm war, und die Herden und Schafe und Rinder und Kamele in zwei Scharen, 8. indem er sprach: „Wenn Esau zu der einen Schar kommt und sie schlägt, so wird die andere Schar, die übrig ist, gerettet werden.” 9. Und Jakob sprach: „O Gott meines Vaters Abraham und Gott meines Vaters Isaak, o Herr, der du zu mir gesagt hast: ‚Kehre zurück in dein Land und an den Ort deiner Geburt, und ich will dir Gutes tun,' 10. ich bin zu gering all deiner Erbarmungen und deiner Treue, die du deinem Knecht erwiesen hast. Mit meinem Stab habe ich diesen Jordan überschritten, und nun kehre ich mit zwei Scharen zurück. 11. Errette mich aus der Hand meines Bruders Esau, denn ich fürchte ihn sehr, daß er nicht komme und die Mutter mit den Kindern schlage. 12. Du hast gesprochen, daß du mir Gutes tun und meine Nachkommen vermehren wollest wie den Sand des Meeres, der vor seiner Menge nicht gezählt werden kann.” 13. Und als er dort jene Nacht geschlafen hatte, sonderte er von dem, was er hatte, Geschenke für seinen Bruder Esau ab: 14. zweihundert Ziegen, zwanzig Böcke, zweihundert Mutterschafe und zwanzig Widder, 15. dreißig säugende Kamele mit ihren Jungen, vierzig Kühe, zwanzig Stiere, zwanzig Eselinnen und zehn ihrer Fohlen. 16. Und er sandte sie durch die Hände seiner Knechte, jede Herde gesondert, und sprach zu seinen Knechten: „Geht vor mir her, und es sei ein Abstand zwischen Herde und Herde.” 17. Und er befahl dem ersten und sprach: „Wenn dir mein Bruder Esau begegnet und dich fragt: ‚Wessen bist du?' oder ‚Wohin gehst du?' oder ‚Wem gehören diese, die du treibst?' 18. so sollst du antworten: ‚Sie gehören deinem Knecht Jakob; er hat sie als Geschenk meinem Herrn Esau gesandt; und siehe, er kommt auch hinter uns.'” 19. Ebenso gab er dem zweiten und dem dritten und allen, die den Herden folgten, Anweisungen und sprach: „Dieselben Worte sollt ihr zu Esau sprechen, wenn ihr ihn findet. 20. Und ihr sollt hinzufügen: ‚Auch dein Knecht Jakob folgt unserem Weg'; denn er sprach: ‚Ich will ihn mit den Geschenken, die vorausgehen, besänftigen, und danach will ich ihn sehen; vielleicht wird er mir gnädig sein.'” 21. So gingen die Geschenke vor ihm her, er selbst aber blieb jene Nacht im Lager. 22. Und als er früh aufgestanden war, nahm er seine zwei Frauen und seine zwei Mägde mit seinen elf Söhnen und überschritt die Furt Jakobs. 23. Und als er alles, was ihm gehörte, hinübergebracht hatte, 24. blieb er allein; und siehe, ein Mann rang mit ihm bis zum Morgen. 25. Und als er sah, daß er ihn nicht überwinden konnte, berührte er die Sehne seiner Hüfte, und sogleich erschlaffte sie. 26. Und er sprach zu ihm: „Laß mich los, denn die Morgenröte steigt auf.” Er antwortete: „Ich lasse dich nicht los, es sei denn, du segnest mich.” 27. Da sprach er: „Wie ist dein Name?” Er antwortete: „Jakob.” 28. Er aber sprach: „Dein Name soll nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel, denn wenn du gegen Gott stark gewesen bist, um wieviel mehr wirst du gegen Menschen obsiegen?” 29. Jakob fragte ihn: „Sage mir, mit welchem Namen du heißt?” Er antwortete: „Warum fragst du nach meinem Namen?” Und er segnete ihn an demselben Ort. 30. Und Jakob nannte den Namen jenes Ortes Pnuël und sprach: „Ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen, und meine Seele ist errettet worden.” 31. Und alsbald ging die Sonne über ihm auf, nachdem er Pnuël überschritten hatte; aber er hinkte an seinem Fuß. 32. Aus diesem Grunde essen die Kinder Israels die Sehne, die an Jakobs Hüfte erschlafft war, nicht, bis auf den heutigen Tag, weil er die Sehne seiner Hüfte berührt hat und sie erstarrt ist.


Vers 1: Die Engel Gottes

Jakob sah hier zwei Engelsscharen; denn dieser Ort hieß auf Hebräisch Machanaim, was ein Dualnomen ist und zwei Lager oder zwei Schlachtreihen bedeutet. Daher wurde auch die später dort erbaute Stadt Machanaim genannt. Die eine Schar gehörte nämlich dem Engel, der Hüter und Vorsteher von Mesopotamien war: er hatte mit den ihm untergebenen und unterstellten Engeln, gleichsam in einer aufgestellten Schlachtreihe, Jakob von Mesopotamien bis hierher begleitet und sicher geleitet, nämlich bis an die Grenzen Kanaans. Dort begegnete ihm der Engel, der Vorsteher von Kanaan war, und empfing ihn mit seiner eigenen Schar ihm unterstellter Engel, um ihn sicher durch Kanaan zu seinem Vater zu führen und ihn vor Esau und anderen ihm Feindgesinnten zu schützen und zu bewahren. Denn gleichwie Fürsten einen fremden Fürsten durch ihre Gebiete geleiten, indem sie militärische Wachen stellen, und ihn dem benachbarten Fürsten und dessen Wachen zur weiteren Begleitung übergeben, so handeln hier ebenso die Engel mit Jakob. Siehe die Vorsehung und Fürsorge Gottes und seiner Engel gegenüber den Seinen. Siehe auch, wie groß, wie vertraut und wie teuer Jakob Gott und den Engeln war. Siehe drittens, wie nach der Versuchung und dem von Laban eingeflößten Schrecken der Trost der Engel folgt; so wird von Christus in Matthäus 4 gesagt: „Da verließ ihn der Teufel; und siehe, Engel kamen hinzu und dienten ihm.” Siehe viertens, wie auf die geringere Versuchung durch Laban eine größere folgt, nämlich die Furcht vor dem feindseligen Esau, und wie die Engel hier Jakob gegen ihn stärken.

Aus dem Gesagten geht hervor, daß dies eine außerordentliche Beschützung durch Engel war: denn nicht allein Jakobs Schutzengel, sondern zwei Engelsscharen mit zwei Anführern erschienen Jakob.

Diodorus von Tarsus meint, daß der Engel, der die zweite Schar befehligte und Kanaans Vorsteher war, der hl. Michael gewesen sei; denn er war von Gott als Fürst der Nachkommen Jakobs eingesetzt, nämlich des Volkes Gottes, das heißt aller Israeliten, wie aus Daniel 10, letzter Vers, und Daniel 12,1 hervorgeht.

Wie daher Elischa in 4 Könige 6,17, von Feinden umringt, die Engelsscharen sah, die ihm zu Hilfe und Schutz kamen, so wird auch Jakob hier durch den Schutz der Engel gegen Esau und andere Feinde umgeben, damit er lerne, weder Esau noch irgendeinen Menschen zu fürchten. So sagt Abulensis. Hier erfüllte sich jenes Wort aus Psalm 33,8: „Der Engel des Herrn wird sich rings um jene lagern, die ihn fürchten.”

So lesen wir in den Viten der Väter vom Abt Moses, daß er, als er sehr vom Geist der Unzucht angefochten wurde, zum Abt Isidor ging, der ihn in den oberen Teil des Hauses führte, wo er im Westen eine riesige Schar von Dämonen sah, die untereinander stritten, und im Osten ein glänzendes Heer von Engeln erblickte; da sprach Isidor: „Jene, die du im Westen gesehen hast — sie sind es, die auch die Gerechten angreifen; jene aber im Osten — dies sind jene, die der Herr der Heerscharen seinen Dienern zu Hilfe sendet. Erkenne also, daß mehr mit uns sind —”

Im tropologischen Sinne bemerkt der hl. Augustinus, daß wir nach Jakobs Beispiel Gott so vertrauen sollen, daß wir dennoch die menschlichen Schutzmaßnahmen und Ratschläge nicht vernachlässigen; denn dies zu tun hieße Gott versuchen. Daher lehrte uns der hl. Ignatius, unser Vater, alle Hoffnung auf die Ausführung der Dinge so in Gott zu setzen, daß wir, uns selbst und unseren eigenen Kräften gänzlich mißtrauend, uns mit großem Vertrauen ganz auf Gott und Gottes Vorsehung werfen; und dennoch in der tatsächlichen Ausführung alle natürlichen Mittel und menschlichen Hilfsmittel eifrig anzuwenden, als ob wir uns allein auf diese stützten und als ob die ganze Sache durch sie allein bewerkstelligt werden müßte; denn beides lehrt und fordert die christliche Klugheit und Frömmigkeit.


Vers 3: Zu Esau in das Land Seïr

Zu seinem Bruder Esau in das Land Seïr, das auch Edom oder Idumäa genannt wird. Man beachte: Während Jakob in Haran weilte, gab Gott seinem Bruder Esau — der darüber empört war, daß der Wille der Eltern Jakob mehr zugeneigt und ihm selbst und seinen Frauen gegenüber kühler war — den Gedanken und die Neigung ein, Kanaan zu verlassen und die Berge von Edom als seinen Wohnsitz zu wählen, damit auf diese Weise Kanaan Jakob und seinen Nachkommen zufiele. Jakob hatte in Haran durch eine Nachricht von seiner Mutter, wie es scheint (denn sie hatte dies in Kapitel 27,45 versprochen), erfahren, daß Esau nach Edom ausgewandert war; daher kehrte er sicher aus Haran zu seinen Eltern nach Kanaan zurück.

Man beachte zweitens die Prolepsis: denn dieses Land wurde nicht vorher, sondern erst nach der Ansiedlung Esaus — von Esau selbst — Seïr und Edom oder Idumäa genannt, wie ich zu Kapitel 25, Vers 25 und 30, dargelegt habe.


Vers 5: Ich habe Rinder

Ich habe Rinder — das heißt gleichsam: Ich werde dir wegen Armut nicht zur Last fallen und den Reichtum unserer Eltern nicht schmälern, denn Gott hat mir Reichtum im Überfluß geschenkt.


Vers 6: Mit vierhundert Mann

Mit vierhundert Mann. Um so seinem Bruder seine Macht zu zeigen, ihn mit diesem Aufzug um so mehr zu ehren und ihm ein sicheres Geleit für die Reise zu geben. Es scheint daher, daß Esau durch die von Jakob gesandten Boten, die ihn so demütig und höflich grüßten, besänftigt worden war und seinen früheren Haß in Liebe verwandelt hatte, da Gott sein Herz änderte und es zugunsten Jakobs neigte.


Vers 7: Zwei Scharen

Zwei Scharen. Die erste Schar bestand aus den Herden mit ihren Hirten, in ihrer Ordnung passend aufgeteilt; die zweite bestand aus den Frauen mit ihren Kindern, die drei Gruppen hatte: die erste von Silpa und Bilha mit ihren Nachkommen, die zweite von Lea mit den ihren, die dritte von Rahel und Josef, wie aus dem nächsten Kapitel, Vers 2, hervorgeht. Rahel und Josef bildeten also keine dritte Schar, sondern beschlossen die zweite, da sie Jakob am liebsten waren.


Vers 8: Wird gerettet werden

Wird gerettet werden — das heißt, sie wird sich durch Flucht retten können.


Vers 10: Ich bin zu gering

Ich bin zu gering — das heißt, ich bin zu unbedeutend, zu niedrig, zu unwürdig, als daß ich auch nur die geringste deiner Gnaden oder Erbarmungen, die mir erwiesen wurden, verdient hätte oder sie auch jetzt verdiente. Denn das Fundament wahrer Tugend ist die Demut; und es gibt keinen so großen Ruhm, den der Hochmut nicht verdunkeln könnte.

Man beachte: Jakob dankt hier Gott für die vergangenen ihm erwiesenen Wohltaten in solcher Weise, daß er sich der zukünftigen würdig macht und Gott durch seine Demut und Dankbarkeit dazu bewegt, sie zu gewähren. Er lehrt uns hier die Art wirksamen Betens: denn er beginnt mit Ehrfurcht und Lobpreis Gottes und beruft sich auf die Verdienste der Väter, indem er spricht: „Gott meines Vaters Abraham” usw. Zweitens erinnert er Gott an seine Verheißungen: „Herr, der du zu mir gesagt hast: ‚Kehre zurück.'” Drittens demütigt er sich und bekennt seine Schwachheit: „Ich bin zu gering all deiner Erbarmungen.” Viertens gedenkt er der empfangenen Wohltaten und dankt: „Mit meinem Stab habe ich diesen Jordan überschritten, und nun kehre ich mit zwei Scharen zurück.” Fünftens betet er: „Errette mich aus der Hand meines Bruders Esau.” Sechstens bittet er nicht nur für sich, sondern auch für andere: „Daß er nicht die Mutter mit den Kindern schlage” — er fürchtete vor allem, daß, wenn der gesegnete Same vernichtet würde, Christus nicht kommen werde.

Treue — das heißt Zuverlässigkeit, gleichsam: Ich, obwohl unwürdig, habe dich bis jetzt stets als treu in den mir gegebenen Verheißungen erfahren; daher vertraue ich und bete, daß ich dasselbe in Zukunft erfahre und daß du mich nun vor Esau beschützest.

Mit meinem Stab — das heißt, mit meinem Stab, gleichsam: Allein, auf meinen Stab oder Hirtenstab gestützt, mittellos, wie ein Hirt ohne Herde, ja eine Herde zum Hüten suchend, ging ich von meiner Heimat nach Haran; nun kehre ich durch Gottes Gabe mit zwei Scharen von Kindern, Dienern und Vieh zurück. So sagt Josephus.


Vers 15: Säugende Kamele

Säugende Kamele — das heißt solche, die kürzlich geworfen hatten und ihre Jungen säugten.


Vers 16: Es sei ein Abstand zwischen Herde und Herde

Es sei ein Abstand zwischen Herde und Herde. Damit Esau sich an der Zahl, Vielfalt und Pracht der ihm gesandten Geschenke länger erfreue und dadurch besänftigt werde; denn auf diese Weise würden sie ihm zahlreicher und prächtiger erscheinen.


Vers 20: Vielleicht

Vielleicht — das heißt gewiß; denn das Wort „vielleicht” ist hier nicht das eines Zweifelnden, sondern eines Bejahenden und Fortfahrenden, wie tacha bei Homer. So sagt auch Christus in Johannes 8,19: „Wenn ihr mich kenntet, würdet ihr vielleicht (gewiß) auch meinen Vater kennen.”


Vers 21: Er selbst aber blieb jene Nacht im Lager

Er selbst aber blieb jene Nacht im Lager — sowohl um nachzuprüfen, ob nicht etwas durch Vergeßlichkeit zurückgelassen worden war; als auch um Rat zu fassen und zu erwägen, auf welche Weise er seinen Bruder besänftigen könne; vor allem aber, damit er in jener Nacht allein ruhig und inbrünstig zu Gott flehe, Er möge diese ganze Angelegenheit mit seinem Bruder und seine Reise lenken; daher begegnete ihm nach dem Gebet der ringende Engel. Und schließlich, damit er nach Sorgen und Mühen dem Schlaf und der notwendigen Ruhe etwas gönne. Daher übersetzen die Septuaginta: „er selbst aber schlief im Lager.” Das Hebräische ist לין lan, das heißt „er verbrachte die Nacht,” was bedeutet, daß er die Nacht entweder schlafend oder wachend und arbeitend zubrachte.

Im moralischen Sinne sagt der hl. Ambrosius, Buch 2, Über Jakob, Kapitel 6: „Die vollkommene Tugend besitzt die Ruhe und Beständigkeit des Friedens. Daher hat der Herr diese seine Gabe den Vollkommeneren vorbehalten, als er sprach: ‚Meinen Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch.' Denn es ist den Vollkommenen eigen, sich nicht leicht von Weltlichem bewegen zu lassen, nicht durch Furcht beunruhigt zu werden, nicht durch Argwohn aufgestört zu werden, nicht durch Schrecken erschüttert zu werden, nicht durch Schmerz gequält zu werden; sondern wie an einem weiten Ufer gegen die aufsteigenden Wellen der weltlichen Stürme das unerschütterliche Gemüt in einem treuen Posten zu besänftigen. Umgekehrt wird der Gottlose mehr durch seine eigenen Argwohnungen geplagt als die meisten Menschen durch die Schläge anderer, und die Striemen der Wunden in seiner Seele sind größer als jene am Leib derer, die von anderen geschlagen werden.”


Vers 22: Und als er früh aufgestanden war

Und als er früh aufgestanden war — vor der Morgenröte, während es noch Nacht war, wie die hebräischen und griechischen Texte sagen; denn in der Nacht, nachdem er sein Hab und Gut und seine Familie über die Furt Jakobs geschickt hatte, rang Jakob mit dem Engel bis zum Morgen.


Vers 24: Ein Mann rang mit ihm

Ein Mann rang mit ihm. Man fragt: Wer war dieser Mann? Theodoret, Justin, Tertullian, Hilarius, Ambrosius, Kyrill und andere, die Pererius anführt, scheinen zu sagen, es sei der Sohn Gottes gewesen, nämlich das Wort, das Fleisch werden sollte, und dies wird dadurch bewiesen, daß Jakob selbst ihn in Vers 30 Gott nennt.

Ich sage aber erstens: Dieser Mann war ein Engel. Dies geht klar aus Hosea 12,3 hervor, wo dieser Mann ausdrücklich Engel genannt wird. Zweitens, weil der hl. Dionysius, Himmlische Hierarchie, Kapitel 4; der hl. Hieronymus, Josephus, Eusebius, Rupert und der hl. Augustinus, Buch 16 von Der Gottesstaat, Kapitel 39, lehren, daß er ein Engel war, und hinzufügen, daß Gott im Alten Testament niemals durch sich selbst, sondern stets durch Engel erschienen ist; denn jene berühmteste Erscheinung Gottes, der das Gesetz am Sinai gab, geschah durch Engel, wie aus Galater 3,19 hervorgeht.

Man wendet ein: Dieser Mann wird in Vers 30 Gott genannt. Ich antworte: Er war seiner Person nach ein Engel, wird aber in stellvertretender und bevollmächtigter Weise Gott genannt, gleichwie ein Vizekönig König genannt wird; weil er nämlich Gott, das heißt den Sohn Gottes, der Fleisch werden sollte, darstellte und an seiner Stelle und mit seiner Vollmacht handelte. Und dies allein meinen Theodoret, Justin und die anderen angeführten Väter, die diesen Mann den Sohn Gottes nennen.

Man wendet zweitens ein: Das Konzil von Sirmium, Kanon 14, definiert, daß dieser Mann der Sohn Gottes war; denn es lautet so: „Wenn jemand sagt, daß nicht der Sohn, sondern ein Mensch gegen Jakob gerungen habe, oder daß es der ungeborene Gott oder sein Vater gewesen sei, der sei mit dem Anathema belegt.” Ich antworte: Dieses Konzil will nur sagen, daß dieser Engel Gott darstellt — nicht den Vater, sondern den Sohn. Überdies war dies ein Konzil der Arianer und daher von geringer, ja verdächtiger Autorität und Glaubwürdigkeit.

Ich sage zweitens: Dieser Engel war kein böser, der in der Gestalt Esaus erschien und Jakob besiegen wollte, wie die Juden nach Lyra vorgeben, sondern ein guter. Dies geht daraus hervor, daß Jakob von ihm einen Segen erbat. Ferner wurde der Ort von ihm Pnuël genannt, das heißt „Erscheinung oder Angesicht Gottes,” und Jakob selbst wurde Israel genannt, das heißt „der gegen Gott Obsiegende.” Es war also dieser Engel ein guter, ein Typus des aus Jakob zu gebärenden Christus. So sagen die Väter und Ausleger. Was daher der hl. Hieronymus in seinem Kommentar zum Epheserbrief, Kapitel 6, Vers 12, sagt — daß dieser Engel ein Dämon gewesen sei, mit dem wir, wie der Apostel sagt, fortwährend zu ringen haben —, das trägt er nach seiner Gewohnheit nicht aus eigener Meinung, sondern aus der des Origenes vor. Denn Origenes vertrat im 3. Buch des Periarchon die Ansicht, daß dieser Engel der Teufel war.

Ich sage drittens: Dieser Engel war nicht der Schutzengel Esaus, der im Namen Esaus Jakob am Eintritt ins Heilige Land hindern wollte, um ihn auf diese Weise zur Rückgabe des Erstgeburtsrechts an Esau zu zwingen, wie Franciscus Georgius erdachte, Band 1, Abschnitt 3, Problem 234. Vielmehr war dieser Engel der Schutzengel Jakobs selbst. Dies geht daraus hervor, daß er Jakobs, nicht Esaus Sache vertrat und Jakob selbst segnete, zum Nachteil Esaus. Ferner, wer würde glauben, daß ein guter Engel gegen Gottes Willen die ungerechte Sache Esaus aufnehmen und verfechten wollte? Schließlich geht dies aus dem hervor, was Jakob in Vers 29 sagt: „Ich habe den Herrn von Angesicht zu Angesicht gesehen, und meine Seele ist errettet worden.” Dieser Engel war also nicht Esaus, sondern Jakobs Hüter und Retter.

Er rang. Hier wird zweitens gefragt: Warum rang der Engel mit Jakob? Ich antworte: Damit er durch diesen Ringkampf, indem er sich von Jakob besiegen ließ, ihm die Hoffnung gebe, daß er auf gleiche Weise, ja viel mehr noch, seinen Bruder Esau, den er fürchtete, besänftigen, besiegen und überwinden werde. Denn dies ist es, was der Engel in Vers 28 sagt: „Denn wenn du gegen Gott stark gewesen bist, um wieviel mehr wirst du gegen Menschen obsiegen?” So sagen die griechischen und lateinischen Väter. Obwohl daher der hl. Thomas und Rupert diesen Ringkampf als einen eingebildeten bezeichnen, ist es wahrheitsgemäßer, daß er wirklich und leiblich war in einem vom Engel angenommenen Leib, wie die Väter allgemein lehren. Denn als der Engel, der Jakob erschien und ihn tröstete, von ihm weichen wollte, bat und hielt Jakob, der fürchtete, allein zu bleiben, da Esau nahte, mit einer gewissen heiligen Kühnheit den Engel fest, und der Engel ließ sich während der langen Verzögerung und des Ringkampfes der ganzen Nacht von ihm halten, um ihm auf diese Weise Mut einzuflößen und die Furcht vor Esau zu vertreiben.

Im symbolischen Sinne bildete dieser Ringkampf den Zustand der Israeliten bis zur Ankunft Christi vor, der so beschaffen war, daß Gott wegen ihrer Sünden oft von ihnen weichen wollte und längst gewichen wäre, hätten nicht Jakob und ihm Ähnliche — wie Mose, David, Elija, Jesaja und andere — ihn zurückgehalten. Zweitens deutete dieser Ringkampf auf das christliche Leben voraus, das nichts anderes ist als ein Kampf und, wie der hl. Ijob sagt, ein Kriegsdienst auf Erden, in dem wir bisweilen besiegt werden, aber bewaffnet und edel ringend wie Jakob am Ende siegen. Denn der Geist des Philosophen (und des christlichen Streiters) wird durch das, was er erlitten hat, edler, und wie glühendes Eisen durch Besprengung mit kaltem Wasser gehärtet wird, so wird er selbst durch Gefahren gehärtet, wie der hl. Gregor von Nazianz sagt, Rede 23, zum Lobe Herons.

Man beachte: Für „er rang” steht im Hebräischen יאבק yeabec, was die Septuaginta mit epaiaie übersetzen, das heißt „er rang wie ein Ringer in der Ringschule.”

Zweitens übersetzen Aquila und Symmachus es mit ekonise, das heißt „er wand und warf sich mit ihm umher,” wie Ringer sich gegenseitig zu werfen und zu verdrehen pflegen, wenn einer den anderen festhält und der andere sich zu befreien und zu entkommen sucht; daraus geht hervor, daß dieser Ringkampf ein wirklicher und eigentlicher war. Ebenso wird das griechische Wort pale, das heißt „Ringkampf,” hergeleitet geglaubt von pelou, das heißt „vom Schlamm,” mit dem sich die Ringer durch das Herumwälzen bespritzen; obwohl Plutarch es von palin, das heißt „wieder,” andere von paleuein, das heißt „durch List und Hinterhalt niederwerfen,” andere von plesiazein, das heißt „sich nähern,” andere von palaistos, das heißt „von den vier zusammengefügten Fingern,” ableiten wollen.

Drittens bedeutet das hebräische yeabec eigentlich „er wurde in Staub gehüllt,” das heißt, er stieg in den Staub und Sand hinab, wie Vatablus übersetzt. Denn die Wurzel אבק abac bedeutet „Staub,” weil Ringer durch häufiges Aufstampfen der Füße und durch schnelle und heftige Bewegung Staub aufwirbeln, wie bei Vergil jener Stier, „der den Sand mit den Hufen aufwirft.”

Martin Roa fügt hinzu, Buch 6, Singularia, letztes Kapitel, daß im Wort „in Staub gehüllt werden” eine Anspielung auf die Sitte der Ringschule der Griechen und Römer liegt, in welcher die Ringer einander mit Staub besprengten, damit sie einander leichter und fester halten konnten, wenn sie sich packten.

Viertens übersetzen andere yeabec mit „er rang, indem er sich wand und seinen Gegner mit Gewalt niederzuwerfen und umzustürzen suchte,” es als eine Metapher vom Wind nehmend; denn gleichwie ein starker Wind Staub, ja sogar Menschen herumwirbelt und umwirft, so streben auch die Ringer dasselbe zu tun; denn die Wurzel אבק abac bedeutet „Staub,” der, vom Wind aufgewirbelt, heftig umhergetrieben, geschüttelt und zerstreut wird. Aber diese Metapher ist entfernter und weiter hergeholt; denn abac bedeutet jeden Staub schlechthin und einfach. Hierauf spielt der Weise an, Kapitel 10,10, wo er von Jakob spricht und sagt: „Er gab ihm einen harten Kampf, damit er siege”; im Griechischen steht ethlatesen, gleichsam: Gott stellte Jakob einen harten Wettkampf und zugleich die Preise und Belohnungen des Wettkampfes vor Augen, als er ihn der Habgier Labans, dem Zorn Esaus und anderen Feinden aussetzte; und besonders als er einen Engel gegen ihn aufstellte und er, mit ihm ringend und ihn besiegend, Israel genannt wurde, das heißt „der über Gott Herrschende.”

Man beachte die Wendung „bis zum Morgen.” Denn hier lehrt Jakob durch sein eigenes Beispiel, daß man nicht die ganze Nacht dem Schlaf geben soll, sondern einen Teil dem Gebet; denn mit Recht klagt Klemens von Alexandrien, Buch 2, Paidagogos, Kapitel 9, daß der Schlaf wie ein Zöllner die Hälfte des Lebens mit uns teile. Deshalb sagt Jeremia, Klagelieder 2,19: „Steh auf in der Nacht und gieße dein Herz wie Wasser aus vor dem Herrn.” Denn in der Nacht, sagt der hl. Chrysostomus: „Sieht die reinere und leichtere Seele Erhabenes, die Reigen der Sterne, die tiefe Stille” usw. Stille und „Einsamkeit,” sagt Gregor von Nazianz, Rede 2, „ist die Mutter des göttlichen Aufstiegs,” das heißt des Gebets, das aus einem Menschen einen Gott macht; was er kurz darauf seine Burg nennt, in die er sich, von Verfolgungen oder Versuchungen bedrängt, zurückzuziehen pflegte.

Im mystischen Sinne sagt der hl. Ambrosius, Buch 2, Über Jakob, Kapitel 6: „Was heißt es, mit Gott zu ringen, als den Kampf der Tugend aufzunehmen und sich mit einem Höheren zu messen und ein besserer Nachahmer Gottes zu werden als alle anderen? Und weil sein Glaube und seine Hingabe unbesiegbar waren, offenbarte ihm der Herr verborgene Geheimnisse.”


Vers 25: Er berührte die Sehne seiner Hüfte

Der (Mann, nämlich der Engel), als er sah, daß er ihn (Jakob) nicht überwinden konnte. Daraus scheint hervorzugehen, daß Gott, als Jakob im Ringkampf verharrte, dem Engel seinen Beistand und folglich die Kraft zum Widerstehen entzog, damit er von Jakob gehalten und besiegt werde.

Er berührte. Auf Hebräisch נגע yigga, das heißt, er schlug, er verletzte, er verrenkte.

Die Sehne der Hüfte. Im Hebräischen steht כף caph, was den Wirbel oder die Gelenkpfanne bezeichnet, das heißt die Höhlung des Knochens, in der der obere Teil des Oberschenkels verborgen ist, was im Griechischen ischios genannt wird. Ferner bedeutet caph jenen gerundeten und gekrümmten Kopf des Oberschenkelknochens, der in die Hüftpfanne eingesetzt ist; und so wird es hier genommen. Denn der Oberschenkelknochen selbst, der in die Pfanne oder Hüfte eingesetzt ist, wurde hier von seiner Stelle bewegt, nicht aber die Pfanne oder Hüfte selbst — das heißt: der Oberschenkel, das Hüftgelenk Jakobs selbst wurde verrenkt, weil der Engel die Sehne, das heißt die Flechse, die den Oberschenkel oder das Hüftgelenk mit seiner Pfanne oder seinem Wirbel, nämlich dem oberen Knochen, verbindet, löste und verrenkte, wie unser Übersetzer dem Sinn nach sehr gut wiedergibt.

Man beachte: Diese Flechse verletzte und verrenkte der Engel als das nächstliegende innerlich durch einen heftigen Schlag und Stoß, in der Weise, wie Ringer, um zu entkommen, ihren Gegner zu berühren, zu stoßen und ihm einen Schlag zu versetzen pflegen, wo und wie immer sie können. Und dies geschah, damit Jakob erkenne, daß sein Ringkampf mit dem Engel ein wirklicher gewesen war und daß er den Engel nicht durch seine eigene Kraft, sondern durch Gottes Kraft besiegt hatte; denn der Engel, der Jakobs Hüfte verrenken konnte, hätte sicherlich auch all seine anderen Glieder verrenken und Jakob gänzlich zermalmen können, hätte Gott es nicht verhindert. So sagt Theodoret.

Sie erschlaffte. Auf Hebräisch תקע teka, das heißt, sie wurde gelöst, verrenkt und über das gebührende Maß hinaus gedehnt, so daß Jakob hinkte. Die Septuaginta und unser Übersetzer geben es mit „sie erschlaffte” wieder, weil die Sehne, von ihrem Ort bewegt und verrenkt, gleichsam schlaff, taub und nutzlos wurde; daher wird im letzten Vers gesagt, sie sei erstarrt.


Vers 26: Laß mich los, denn die Morgenröte steigt auf

Laß mich los, denn die Morgenröte steigt nun auf. Der Engel bat um seine Entlassung, weil er sich bei anbrechendem Tag in dem angenommenen Leib Jakob nicht deutlich zeigen wollte, sagt Oleaster, und noch viel weniger den Dienern Jakobs, die bald zu ihm kommen sollten, sagt der hl. Thomas. Denn göttliche und geistliche Dinge, wie ein Engel es ist, sind verborgen und über das Begreifen der Menschen erhaben und fliehen daher die Augen der Menschen.

Ich lasse dich nicht los, es sei denn, du segnest mich. Dies sagte Jakob mit inniger Zuneigung und Sehnsucht; daher sagt Hosea, Kapitel 12,3, daß Jakob unter Tränen diesen Segen erbat und ihn deshalb erlangte, zusammen mit dem neuen Namen Israel, den der Engel ihm gab.

Ich lasse dich nicht los, es sei denn, du segnest mich. Josephus sagt, daß Jakob den Engel bat, er möge sein Schicksal von ihm erfahren dürfen, und daß er erreichte, was er wünschte und erbat. Aber man verstehe dies nicht so, als ob Jakob einfach wissen wollte, was ihm in Zukunft widerfahren werde, sondern daß der Engel ihm Glück wünschen und die gegenwärtigen Übel vertreiben möge, die er von dem herannahenden Esau fürchtete.


Vers 28: Dein Name soll Israel sein

Dein Name soll nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel — das heißt gleichsam: Du sollst nicht nur Jakob, sondern auch Israel genannt werden; denn danach wurde er noch immer auch Jakob genannt. Siehe Kanon 17.

Israel. Man fragt, was Israel bedeutet? Erstens erklärt der hl. Hieronymus Israel, als ob man sagte ישר אל yeshar el, das heißt „der Aufrechte Gottes”; aber der Einwand dagegen ist, daß yeshar mit hartem Schin geschrieben wird, Israel aber mit weichem Sin.

Zweitens meinen der hl. Augustinus, Buch 16 des Gottesstaates, Kapitel 39, Philo, Gregor von Nazianz, Hilarius, Eusebius und Prosper, daß Israel gesagt sei als ob איש ראה אל roe el, das heißt „ein Mann, der Gott sieht”; aber in gleicher Weise wird dieses mit Schin geschrieben, Israel aber mit Sin.

Drittens also und wahrhaftig wird Israel von שרה sara el gesagt, das heißt „er hat über Gott geherrscht”: denn davon wird sar „Herr” und „Fürst” genannt, und sara bedeutet dasselbe wie „Herrin.” Israel bedeutet also dasselbe wie „herrschend” oder „der über Gott herrschen wird.” Denn ישרה yisra in Israel kann als Futur aufgefaßt werden, obwohl sonst in Eigennamen Jod gewöhnlich nicht als Futurzeichen, sondern als heemantisches Präfix hinzugefügt wird. Daß dies die Etymologie von Israel ist, geht aus den Worten des Engels hervor; denn er sagt: „Du sollst Israel genannt werden,” weil שרית sarita, das heißt „du hast obgesiegt und über Gott geherrscht.” So die Septuaginta, Theodotion, Symmachus, der hl. Hieronymus und Aquila, der übersetzt: „du hast mit Gott geherrscht,” das heißt gegen Gott, weil du über Gott selbst geherrscht hast. Er nennt den Engel Gott, weil er Gott darstellt und Gottes Gesandter ist. „Israel bedeutet dasselbe wie ‚Fürst mit Gott,' gleichsam: Wie ich ein Fürst bin, so sollst auch du, der du mit mir ringen konntest, ein Fürst genannt werden. Wenn du aber mit mir, der ich Gott bin, kämpfen konntest, um wieviel mehr mit Menschen, das heißt mit Esau? Den du daher nicht fürchten mußt,” sagt der hl. Hieronymus in den Hebräischen Überlieferungen.

Dies also ist der Segen, den der Engel dem fragenden Jakob gibt: daß er nämlich fortan Israel heißen soll und es in Wirklichkeit auch sein wird, damit er wisse, daß er, der Gott — das heißt den Engel, Gottes Stellvertreter und Boten — so edel im Ringkampf überwunden hat, um vieles mehr Esau und alle seine Feinde überwinden wird. Gleichsam: Fürchte nicht deinen Bruder Esau, o Jakob; denn durch deine eindringlichen Gebete hast du vor Gott — obwohl er gleichsam widerstand und rang — erreicht, daß du gegen Esau und alle deine Feinde ungebrochenen Mutes, unbesiegbar und siegreich seist. Denn dies ist der hier Jakob gegebene Segen, sagt der hl. Thomas und Cajetan.

Man beachte: Einige meinen, daß der Name Israel hier Jakob nur verheißen, tatsächlich aber erst in Kapitel 35,10 verliehen worden sei. Aber wahrheitsgemäßer ist, daß er ihm hier, anläßlich eines so denkwürdigen Ringkampfes und Sieges, tatsächlich verliehen und in Kapitel 35,10 erneuert und bestätigt wurde.

Man beachte zweitens: Dieser Ringkampf und dieser Name Israel widerfuhren Jakob im 97. Lebensjahr; denn in seinem 91. Jahr wurde Josef geboren, und danach blieb Jakob noch in Haran und diente für die Herden sechs Jahre lang, wie ich zu Kapitel 30,25 dargelegt habe. Im siebten Jahr aber, nämlich dem 97. Lebensjahr, als er floh und nach Kanaan kam, führte er diesen Ringkampf durch und empfing darin den Namen Israel.

Im allegorischen Sinne meint Alcazar zu Apokalypse 11, Anmerkung 1, daß hier der Kampf Esaus mit Jakob bezeichnet werde, das heißt der Synagoge mit der Kirche, nämlich die Verfolgung der Juden gegen die ersten Christen; denn diese standen mit ihrem Vater Jakob in dieser Prüfung stark und trugen daher den Sieg davon und wurden von Gott gesegnet. Wobei Alcazar mit Recht bemerkt, daß sich Gott den Geprüften und Bedrängten gnädig und vertraut erweist: erstens, indem er die Kräfte mäßigt, mit denen er Jakob und die Gläubigen durch die Juden und andere Feinde übt und anficht; zweitens, indem er demselben Jakob und den Gläubigen die Standhaftigkeit gewährt, durch die sie in diesem Kampf beharrlich bestehen mögen.

Im tropologischen Sinne ist dieser Ringkampf das Gebet, in dem wir mit Jakob Gott von Angesicht zu Angesicht sehen und unsere Seele gerettet wird. Ferner herrschen wir durch das Gebet als Israel über Gott und folglich über alle Ängste, Leidenschaften, Verwirrungen und Feinde. Daher nimmt der Oberschenkel — das heißt die Eigenliebe, das Vertrauen auf die eigene Kraft und die Begierde, die im Oberschenkel stark ist —, von Gottes Macht berührt, ab, wird verrenkt und erschlafft. Und dann hinken wir auf einem Fuß, während der andere gesund bleibt: weil es notwendig ist, daß, wenn die Liebe zur Welt geschwächt wird, der Mensch in der Liebe zu Gott erstarke, sagt der hl. Gregor, Homilie 14 über Ezechiel und am Anfang von Psalm 6 der Buße.

Lerne also, o Soldat Christi, von dieser Stelle und von Jakob, in jeder Versuchung, Bedrängnis und Verfolgung durch das Gebet zu Gott zu fliehen; denn wenn du durch das Gebet Gott überredest und über Gott obsiegst, wirst du auch über deine Feinde obsiegen, und Gott wird sie dir entweder freundlich oder untertänig machen. Denn so tat er es für Israel, nämlich Jakob. Dieses Geheimnis des Siegens und den Ratschlag, alles zu erlangen, haben die heiligen Männer, die Gott verbunden sind und Mächtiges in Gott wirken, gekannt und angewendet — und wenden es noch immer an. „Alles,” sagt Paulus, „vermag ich in dem, der mich stärkt.” Denn Gott hält die Herzen aller Menschen und Könige, auch der wildesten, in seiner Hand und lenkt und verwandelt sie auf seinen Wink, wohin es ihm gefällt.


Vers 29: Sage mir, mit welchem Namen du heißt

Sage mir, mit welchem Namen du heißt. Jakob fragt nach dem Namen des Engels, um ihn dadurch als seinen Segner und Wohltäter zu verkünden, zu feiern und in jeder Widerwärtigkeit anzurufen.

Warum fragst du nach meinem Namen? Einige fügen hinzu: „der wunderbar ist.” Daher meint Alcazar zu Apokalypse 11,1, daß der Name dieses Engels „Wunderbar” gewesen sei, sowohl weil er durch diesen Namen andeutete, daß in diesem Ringkampf der wunderbare Ratschluß Gottes bezüglich der Verfolgungen und Siege der Kirche vorgebildet werde, als auch weil er ein Typus Christi war, der „Wunderbar” genannt wird in Jesaja 9,6. Dasselbe lehren einige Rabbiner. Man höre den Arzt Fernel, Buch 1, Über die verborgenen Ursachen der Dinge, Kapitel 11: „Aus schriftlichen Aufzeichnungen haben wir erfahren, daß der Schutzengel unseres Stammvaters Raziel hieß, der Abrahams Zachiel, der Isaaks Raphael, der Jakobs Peliel (das heißt ‚Wunderbarer Gottes'), der des Mose Metratton; durch diese Vermittler empfingen sie sehr vieles von Gott.” Aber dies sind entweder Vermutungen oder Erfindungen der Kabbalisten; denn die Worte „der wunderbar ist” sind an dieser Stelle zu tilgen, wie sie die hebräischen, griechischen und lateinischen römischen Ausgaben tilgen; sie finden sich jedoch in Richter 13,18, von wo sie von irgendeinem Halbwisser an diese Stelle übertragen worden zu sein scheinen.

Der Engel wollte Jakob seinen Namen nicht offenbaren, damit seine Nachkommen ihn nicht anbeteten oder abergläubisch verehrten — denn die Juden neigten sehr zum Götzendienst und Aberglauben; und weil die Engel reine Geister und Intelligenzen sind, die keine gesprochenen Namen haben; und weil dieser Engel das Wort darstellte, das Fleisch werden sollte, dessen Name vor der Menschwerdung still und verborgen war.


Vers 30: Er segnete ihn — Pnuël

Und er segnete ihn. Stillschweigend und tatsächlich hatte der Engel Jakob in Vers 28 gesegnet, indem er ihn Israel nannte, wie ich sagte; hier aber segnete er ihn ausdrücklich, indem er über ihm das Kreuzzeichen oder ein ähnliches Zeichen machte und sprach: Gott segne dich und gebe dir den Abraham und seinem Samen verheißenen Segen.

Und er nannte den Namen jenes Ortes Pnuël. „Pnuël,” oder wie es auf Hebräisch heißt, Pniël, bedeutet dasselbe wie „Angesicht Gottes”; denn pane bedeutet „Angesicht,” und el bezeichnet Gott. Hier wurde später eine Stadt erbaut, die ebenfalls Pniël genannt wurde und die der heidnische Strabo, Buch 16, „Angesicht Gottes” nennt. Der hl. Chrysostomus, Homilie 58, liest nach der Septuaginta: „Jakob nannte den Namen dieses Ortes ‚Erscheinung Gottes.'” Denn damals nahm Gott die Gestalt eines Menschen an, und hernach die Wahrheit und Natur des Menschen selbst: „Uns vorbedeutend,” sagt er, „daß er die menschliche Natur annehmen werde. Aber damals, da es der Anfang und die ersten Stufen waren, erschien er einem jeden von ihnen in einer Gestalt, wie er durch Hosea, Kapitel 12, sagt: ‚Ich habe Gesichte vervielfacht, und in den Händen der Propheten wurde ich verähnlicht.' Als aber der Herr geruhte, die menschliche Gestalt anzunehmen, legte er nicht nur scheinbares Fleisch an, sondern wahres Fleisch.”

ER SPRACH: ICH HABE DEN HERRN VON ANGESICHT ZU ANGESICHT GESEHEN — das heißt, ich habe Gott in einer leiblichen Erscheinung gesehen, mir vom Engel dargestellt; denn es ist gewiß, daß Jakob in dieser nächtlichen und dunklen Erscheinung nicht das göttliche Wesen sah, ja nicht einmal Gott im eigentlichen Sinne, sondern einen Gott darstellenden Engel in einem angenommenen Leib.

Zweitens und besser: „Ich habe den Herrn von Angesicht zu Angesicht gesehen,” das heißt, ich habe im Nahkampf mit dem Gott darstellenden Engel gerungen und gekämpft, Hand gegen Hand, Fuß gegen Fuß, Seite gegen Seite mich verbindend und einlassend. Denn so sagte König Amazja zu Joasch: „Laßt uns einander sehen,” das heißt, laßt uns im Nahkampf fechten, 4 Könige 14,8. So sah Joschija den Pharao, als er im Kampf vom Pharao getötet wurde, 4 Könige 22,30.

UND MEINE SEELE IST ERRETTET WORDEN. Denn wie der hl. Kyrill und Cajetan sagen, gab es einen alten Glauben, daß derjenige, der einen Engel gesehen habe, sterben müsse. Daher sprach Manoach, als er den Engel gesehen hatte: „Wir werden sterben, denn wir haben den Herrn gesehen,” Richter 13,22. Daher beglückwünscht sich Jakob, daß er Gott gesehen hat und dennoch am Leben ist.

Zweitens und klarer, der hl. Chrysostomus und Lipomanus: das heißt, durch diese vertraute Schau Gottes, durch die Wohlgesinntheit und Freundschaft durch seinen Engel, den ich sah und mit dem ich rang, bin ich von der Furcht vor meinem Bruder und von jeder anderen Gewissensbeklemmung und Angst befreit worden. Lade übersetzt bei Hosea, Kapitel 12: „Ich wurde gestärkt”; denn von da an fürchtete Jakob seinen Bruder nicht mehr, sondern ging mutig und zuversichtlich ihm entgegen.

Daher lehren Cassian und andere Kenner der geistlichen Dinge, daß es ein Zeichen eines guten Engels ist, wenn der Erscheinende zuerst den Menschen mit Furcht schlägt, ihn aber bald tröstet, die Traurigkeit und alle Nebel des Geistes abwischt, ihn stärkt und ihn heiter und fröhlich zurückläßt: der Teufel tut das genaue Gegenteil. So erschien der Engel Josua in schrecklicher Gestalt, nämlich ein bloßes Schwert haltend, tröstete ihn aber bald und ermutigte ihn, indem er sprach: „Ich bin der Anführer des Heeres des Herrn, und nun bin ich gekommen,” Josua 5,13. So wurde Gideon, als er den Engel sah, von Furcht geschlagen und meinte sterben zu müssen, hörte aber bald: „Friede sei mit dir, fürchte dich nicht, du wirst nicht sterben,” Richter 6,22. So stürzte Daniel, als er einen Engel von majestätischer Gestalt sah, niedergeschlagen zusammen und wurde ohnmächtig; aber bald wurde er von demselben Engel aufgerichtet und gestärkt, Daniel 10,8 und folgende. So erstaunten die Frauen, die zum Grab Christi kamen und den Engel mit blitzartigem Aussehen sahen; aber bald hörten sie von ihm: „Fürchtet euch nicht, ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten; er ist auferstanden, er ist nicht hier,” Markus, letztes Kapitel, Vers 5.


Vers 31: Er hinkte

ER HINKTE — vom Schlag auf die Sehne, dem Schmerz und der Verrenkung. Gennadius in der Catena meint, daß Jakob hernach lahm geblieben sei, und die Hebräer berichten, daß er von seinem Hinken schließlich geheilt worden sei, als er nach Sichem oder Sychar kam, das daher Salem, das heißt „vollkommen,” genannt wurde, Genesis 33,18, weil Jakob dort begonnen habe, vollkommen zu gehen.

Aber Abulensis urteilt richtiger, daß Jakob vom Engel, der ihn berührt und geschlagen hatte, sogleich geheilt wurde, bevor er am nächsten Tag zu Esau gelangte: denn warum sollte er lahm und kraftlos bleiben, zumal vor seinem Bruder, über den er nach der Verheißung des Engels obsiegen sollte?


Vers 32: Die Kinder Israels essen die Sehne nicht

DIE KINDER ISRAELS ESSEN DIE SEHNE NICHT. Unter „Sehne” verstehe man den Muskel, durch den der Oberschenkel bewegt und zusammengezogen wird; denn die Sehne wird gewöhnlich von vielen Völkern, auch von Heiden, nicht gegessen. So sagt Vatablus.

Im allegorischen Sinne bezeichnen die Sehne und das Fleisch Jakobs den fleischlichen Sinn des alten Gesetzes, der durch den Ringkampf des Engels, das heißt Christi, mit Jakob, das heißt den Juden, gelöst und verrenkt werden sollte. Daher begann das Judentum zu hinken; denn ein Teil von ihm, nämlich das wahre Israel, ging nach oben zu Christus, durch den Stab (von dem in Vers 10 die Rede ist), das heißt das Kreuz, sagt der hl. Augustinus: und dieser Teil wurde von Christus gesegnet; der andere Teil, der nicht an Christus glauben wollte, ging nach unten, der Gnade und Herrlichkeit beraubt; daher essen die wahren Kinder Israels nicht die Sehne des Buchstabens und des fleischlichen Verständnisses des Gesetzes, das tötet. So der hl. Thomas und der hl. Augustinus, Predigt 80 Über die Zeiten.