Cornelius a Lapide
Inhaltsverzeichnis
Synopsis des Kapitels
Dina wird von Sichem ergriffen und geschändet. Daher gehen die Söhne Jakobs in Vers 13 ein hinterlistiges Bündnis mit ihm ein, indem sie fordern, daß er und sein Volk sich beschneiden lassen, und er so Dina heirate. Daraufhin greifen in Vers 25 Simeon und Levi die an der Beschneidung leidenden Sichemiten an und metzeln sie nieder. Dies ist die vierte Prüfung und das vierte Kreuz Jakobs.
Vulgata-Text: Genesis 34,1-31
1. Dina aber, die Tochter Leas, ging aus, um die Frauen jener Gegend zu sehen. 2. Als Sichem, der Sohn Hamors, des Hiwiters, des Fürsten jenes Landes, sie erblickte, verliebte er sich in sie, ergriff sie und schlief mit ihr, die Jungfrau mit Gewalt schändend. 3. Und seine Seele hing an ihr, und er besänftigte ihre Traurigkeit mit Liebkosungen. 4. Und zu seinem Vater Hamor gehend sprach er: Nimm mir dieses Mädchen zur Frau. 5. Als Jakob dies hörte — seine Söhne waren abwesend und mit dem Hüten der Herden beschäftigt — schwieg er, bis sie zurückkehrten. 6. Als aber Hamor, der Vater Sichems, hinausgegangen war, um mit Jakob zu sprechen, 7. siehe, da kamen seine Söhne vom Feld: und als sie hörten, was geschehen war, wurden sie überaus zornig, weil er eine schändliche Tat in Israel begangen hatte, und indem er die Tochter Jakobs geschändet hatte, ein unerlaubtes Werk verübt hatte. 8. Und so sprach Hamor zu ihnen: Die Seele meines Sohnes Sichem hängt an eurer Tochter: gebt sie ihm zur Frau: 9. und laßt uns gegenseitig Ehen eingehen: gebt uns eure Töchter, und nehmt unsere Töchter. 10. Und wohnt bei uns; das Land steht euch zur Verfügung: bebaut es, handelt darin und besitzt es. 11. Auch Sichem sprach zu ihrem Vater und zu ihren Brüdern: Laßt mich Gnade finden vor euren Augen, und was immer ihr bestimmt, werde ich geben: 12. Erhöht die Mitgift und fordert Geschenke, und ich werde gerne geben, was ihr verlangt: nur gebt mir dieses Mädchen zur Frau. 13. Die Söhne Jakobs antworteten Sichem und seinem Vater mit Hinterlist, wütend wegen der Schändung ihrer Schwester: 14. Wir können nicht tun, was ihr verlangt, noch unsere Schwester einem unbeschnittenen Mann geben: 15. aber hierin können wir einen Bund schließen, wenn ihr bereit seid, uns gleich zu werden, und jeder Mannsperson unter euch beschnitten wird; 16. dann werden wir einander unsere Töchter geben und nehmen; und wir werden bei euch wohnen und ein Volk werden; 17. wenn ihr euch aber nicht beschneiden lassen wollt, werden wir unsere Tochter nehmen und fortziehen. 18. Ihr Angebot gefiel Hamor und seinem Sohn Sichem: 19. und der junge Mann zögerte nicht, sogleich zu erfüllen, was gefordert wurde: denn er liebte das Mädchen sehr, und er selbst war angesehen im ganzen Hause seines Vaters. 20. Und sie traten in das Tor der Stadt ein und sprachen zum Volk: 21. Diese Männer sind friedfertig und wollen bei uns wohnen: sie sollen im Land handeln und es bebauen, das ja geräumig und weit ist und Bewohner braucht; wir wollen ihre Töchter zu Frauen nehmen und ihnen die unsrigen geben. 22. Eines ist es, wodurch ein so großes Gut aufgeschoben wird: wenn wir unsere Mannspersonen beschneiden und den Brauch jenes Volkes nachahmen. 23. Und ihr Besitz und ihre Herden und alles, was sie haben, wird unser sein: laßt uns nur hierin einwilligen, und zusammen wohnend werden wir ein Volk bilden. 24. Und alle stimmten zu, indem alle Mannspersonen beschnitten wurden. 25. Und siehe, am dritten Tag, als der Schmerz der Wunden am heftigsten war, ergriffen zwei Söhne Jakobs, Simeon und Levi, Brüder Dinas, ihre Schwerter und drangen kühn in die Stadt ein: und nachdem sie alle Männer getötet hatten, 26. erschlugen sie ebenso Hamor und Sichem, und nahmen ihre Schwester Dina aus dem Hause Sichems mit. 27. Und als sie hinausgegangen waren, stürzten sich die übrigen Söhne Jakobs auf die Erschlagenen und plünderten die Stadt zur Rache für die Schändung. 28. Ihre Schafe und Herden und Esel und alles, was in den Häusern und auf den Feldern war, verwüsteten sie; 29. und ihre Kleinen und Frauen führten sie als Gefangene fort. 30. Als dies kühn vollbracht war, sprach Jakob zu Simeon und Levi: Ihr habt mich in Unruhe gestürzt und mich den Kanaanitern und Perisitern, den Bewohnern dieses Landes, verhaßt gemacht. Wir sind wenige: sie werden sich versammeln und mich schlagen, und ich werde vernichtet werden, ich und mein Haus. 31. Sie antworteten: Hätte man unsere Schwester wie eine Dirne mißbrauchen lassen sollen?
Vers 1: Der Anlaß von Dinas Fall
1. DINA GING HINAUS — Der Anlaß von Dinas Fall war dieses Hinausgehen. Denn es ist Sache der Frauen, sich zu Hause zu halten und sich dort mit Spinnen, Weben und Stickerei zu beschäftigen. Die Alten taten dies, und aus diesem Grunde begleitete bei Hochzeiten, wenn die Braut in feierlichem Zug vom Haus des Vaters zum Haus des Bräutigams geführt wurde, sogleich eine geschmückte Spindel mit Faden und Wolle die Braut bei den Römern, wie Brissonius aus Plutarch und Plinius in Über den Hochzeitsbrauch lehrt. Ferner weist Plinius, Buch 8, Kapitel 48, die Ursache und den Ursprung dieses Brauches zu, wenn er sagt: „M. Varro bezeugt, daß die Wolle mit Spindel und Faden der Tanaquil, die auch Caecilia genannt wurde, im Tempel des Sangus überdauerte, und die wellenförmige Königstoga, die von ihr im Tempel der Fortuna gefertigt wurde und die Servius Tullius getragen hatte; und daher kam es, daß eine geschmückte Spindel mit Faden und Wolle die Bräute begleitete.“ Dina, die müßig die Spindel beiseite legte, ging hinaus und richtete sich selbst und die Sichemiten zugrunde. Über die Klausur der Frauen habe ich bei Titus 2,5 gesprochen.
Treffend sang Martial über Laevina, keusch und streng, aber umherschweifend: „Während sie sich bald dem Lukriner See, bald dem Averner See anvertraut, usw. Fiel sie in Flammen, und einem Jüngling folgend, den Gatten verlassend, kam sie als Penelope und ging als Helena.“
Sittliche Lehre über die Flucht vor Männern
In sittlicher Hinsicht mögen Jungfrauen hier lernen, wie sehr sie die Blicke der Männer fliehen sollen, so daß sie weder gesehen zu werden noch zu sehen begehren. Sophronius berichtet in der Geistlichen Wiese, Kapitel 179, von einer Jungfrau, die vor einem Verehrer floh, um ihn nicht zu verführen, sich in die Wüste zurückzog und dort 17 Jahre lebte; die für diese Flucht ein doppeltes Vorrecht von Gott empfing: erstens, daß sie, während sie alle sehen konnte, selbst von niemandem gesehen wurde; zweitens, daß, obwohl sie nur wenig Vorräte mit in die Wüste genommen hatte und beständig davon aß, diese dennoch nicht abnahmen.
Derselbe Verfasser berichtet in Kapitel 60 ein bemerkenswertes Beispiel einer Nonne, die vor einem Verehrer floh; als sie ihn durch Boten hatte fragen lassen, warum er sie so verfolge und was er an ihr am meisten bewundere, und er geantwortet hatte, daß er von ihren Augen gefesselt sei: riß sie sich sogleich die eigenen Augen aus und schickte sie ihm, damit er sich an ihnen sättige. Über diese Tat bestürzt, wandelte der Jüngling sein Begehren in Reue und Zerknirschung, und den Verlockungen entsagend, umarmte er das klösterliche Leben. Willst du neuere Beispiele? Höre.
Der hl. Ägidius, einer der ersten Gefährten des hl. Franziskus, fragte die Brüder in einer Versammlung: Was tut ihr gegen die Versuchungen des Fleisches? Rufinus antwortete: Ich empfehle mich Gott und der seligen Jungfrau und werfe mich flehend auf die Erde nieder. Juniperus aber sprach: Wenn ich solche Gedanken verspüre, sage ich sogleich: Fort, fort, denn die Herberge ist besetzt. Zu ihm sagte Ägidius: Ich stimme dir zu; denn es ist am besten zu fliehen: die Keuschheit ist nämlich ein klarer Spiegel, der durch einen bloßen Blick und Hauch getrübt wird.
Aus demselben Orden pflegte Bruder Roger, ein heiliger Mann, keine Frau ins Angesicht zu blicken, nicht einmal seine Mutter, und sie eine alte Frau. Gefragt warum, antwortete er: „Denn wenn ein Mensch tut, was in seiner Macht steht, tut Gott seinerseits, was die Seine ist, und bewahrt den Menschen vor dem Fall; wenn sich aber ein Mensch der Gefahr aussetzt, zumal in einer so schlüpfrigen Sache, überläßt Gott ihn seinen eigenen Kräften, mit denen er nicht lange widerstehen kann.“ Denn wie der Magnet das Eisen anzieht, so zieht seine Agnes den Mann an.
Der hl. Xaverius pflegte zu sagen, daß man sich Frauen mit größerer Gefahr für Keuschheit oder Ruf als mit Nutzen nähere. Daher jene kluge und strenge Regel unserer Gesellschaft, daß es uns nicht erlaubt ist, Frauen auch aus Gründen der Frömmigkeit zu besuchen, ausgenommen die Kranken und Sterbenden, und dies nur mit einem Begleiter, der Zeuge alles Geschehenden sein kann.
Schließlich höre, was eine Dirne den hl. Ephräm lehrte: Er ging aus der Wüste in die Stadt, um aus Begegnungen eine fromme Unterweisung zu schöpfen: eine Dirne begegnete ihm, die ihn unverwandt anstarrte; als Ephräm nach dem Grund fragte, antwortete die Dirne: Was Wunder, wenn ich dich ansehe, da doch die Frau aus dem Manne gemacht wurde? Du aber hefte deine Augen auf deine Mutter, das heißt die Erde, aus der du gebildet wurdest. Mehr siehe bei Numeri 25, am Ende.
Weise sprach daher der hl. Martin: „Eine Frau halte sich im Schutz der Mauern, deren erste Tugend und krönender Sieg es ist, nicht gesehen zu werden,“ wie Sulpitius berichtet, Dialog 2.
Dinas Alter zur Zeit ihrer Entführung
DINA. — Dina war ungefähr fünfzehn Jahre alt, als sie ergriffen wurde. Dies ergibt sich daraus, daß Dina fast zur gleichen Zeit wie Joseph geboren wurde, wie aus Genesis 30,21 und 24 hervorgeht. Joseph aber, der kurz danach verkauft wurde, war sechzehn Jahre alt, wie aus Kapitel 37, Vers 2 hervorgeht.
Ferner ergibt sich dies daraus, daß Simeon und Levi damals etwa zwanzig Jahre alt waren, wie ich gleich sagen werde: sie waren aber fünf Jahre älter als Dina und Joseph. Daher geschah diese Entführung Dinas und die Zerstörung Sichems etwa neun Jahre nach dem Aufbruch Jakobs aus Haran und seiner Ankunft in Kanaan, als Jakob in seinem 106. Lebensjahr stand, nämlich ein Jahr vor dem Tod Rachels und der Geburt Benjamins, worüber siehe das nächste Kapitel, Vers 18.
Die Frauen zu sehen
DIE FRAUEN ZU SEHEN. — Im Hebräischen banot, das heißt Töchter, nämlich gleichaltrige Jungfrauen aus jener Gegend, die sich damals in großer Zahl und geschmückt zu einem feierlichen Fest versammelt hatten, wenn wir Josephus glauben; dies war die Neugier Dinas, die sie mit ihrer Entführung und einer so schändlichen Schändung büßte. Denn, wie Tertullian sagt: „Die öffentliche Zurschaustellung einer tugendhaften Jungfrau ist das Erleiden der Schändung.“
Dasselbe sehen wir leider täglich: Jungfrauen, die mit jungen Männern zum Spazierengehen ausgehen, gehen als Penelopen aus und kehren als Helenen zurück; gehen als Jungfrauen aus und kehren als Frauen zurück, ja als Dirnen.
Vers 2: Fürst des Landes
2. FÜRST DES LANDES, — Sohn des Fürsten Hamor.
Vers 5: Seine Seele hing an ihr
5. SEINE SEELE HING AN IHR, — er liebte sie heftig und verzweifelt: denn die Seele eines Liebenden ist mehr dort, wo sie liebt, als dort, wo sie belebt.
Vers 7: In Israel
7. IN ISRAEL, — gegen Israel, den Vater Dinas.
Vers 11: Zu ihrem Vater und zu ihren Brüdern
11. ZU IHREM VATER (das heißt Dinas, nämlich zu Jakob) UND ZU IHREN BRÜDERN, — nämlich zu Ruben, Simeon, Levi und den anderen Brüdern Dinas.
Vers 12: Erhöht die Mitgift
12. ERHÖHT DIE MITGIFT, — als wolle er sagen: Ich verlange nicht, daß Dina als Braut eine Mitgift bringe, sondern ich selbst werde sie ausstatten, so viel ihr wollt, und zwar als Wiedergutmachung für die Beleidigung, die ihr und euch durch meine Entführung zugefügt wurde.
Vers 13: Mit Hinterlist
13. MIT HINTERLIST, — weil sie Frieden vortäuschen, während sie das Gemetzel an den Sichemiten planen. Der hl. Thomas fragt (q. 105, a. 3), ob es erlaubt sei, Kriegslisten, das heißt Täuschungen im Krieg zu gebrauchen? Und er antwortet, daß es erlaubt sei, sofern es nicht gegen die Gerechtigkeit und ein gegebenes Treuegelöbnis geschehe.
Vers 15: Hierin können wir einen Bund schließen
15. Aber hierin können wir einen Bund schließen. — Nicht daß sie ihre eigene Beschneidung befürworteten, sondern sie erlegten sie den Sichemiten auf, um sie auf diese Weise zu schwächen.
Vers 17: Wenn ihr euch nicht beschneiden lassen wollt
17. Wenn ihr euch aber nicht beschneiden lassen wollt. — Nicht daß die Söhne Jakobs wirklich wollten, daß die Sichemiten ihrer Religion angehörten, sondern sie forderten die Beschneidung, um sie zu schwächen und so leichter niederzumetzeln.
Vers 19: Er zögerte nicht
19. ER ZÖGERTE NICHT — Man bemerke die Glut und Heftigkeit der Liebe Sichems, der keinerlei Verzögerung ertragen konnte.
Vers 21: Diese Männer sind friedfertig
21. DIESE MÄNNER SIND FRIEDFERTIG. — Daraus ist ersichtlich, daß Hamor und die Sichemiten sich nicht aus Liebe zur jüdischen Frömmigkeit und Religion beschneiden ließen, sondern in der Hoffnung auf Gewinn und Eheverbindungen mit den Israeliten.
SIE SOLLEN ES BEBAUEN. — Durch den Betrieb von Ackerbau und Viehzucht.
Vers 23: Wird unser sein
23. WIRD UNSER SEIN, — durch gegenseitige Ehen und Handel.
Vers 25: Am dritten Tag
25. AM DRITTEN TAG, ALS DER SCHMERZ DER WUNDEN AM HEFTIGSTEN WAR. — Josephus sagt fälschlicherweise, daß die Sichemiten von Simeon und Levi hinterlistig angegriffen wurden, während sie Festgelage und Wein genossen.
Zweitens leugnet Calvin zu Unrecht, daß am dritten Tag der Schmerz der Wunden am heftigsten sei: denn das Gegenteil lehrt nicht Simeon und Levi, aus deren Sicht und Verständnis Calvin meint, daß dies gesagt werde, sondern Mose selbst, und die Heilige Schrift selbst hier: denn dies sind ihre Worte.
Hippokrates lehrt dasselbe in seinem Buch Über die Knochenbrüche, und der Grund ist, daß am ersten Tag nur die Trennung in der Wunde selbst empfunden wird, die kaum andauert; am zweiten Tag fließt Schleim zur Stelle der Wunde, der ein sanfter und milder Saft ist; am dritten Tag fließt Galle dorthin, die scharf und heiß den Schmerz erregt: sodann folgen, wenn das Blut herbeiströmt, Entzündung, Fieber usw., die kaum im Zeitraum von 24 Stunden nachlassen. So sagt Franciscus Valesius, Heilige Philosophie, Kapitel 13.
Simeon und Levi
SIMEON UND LEVI, — als Anführer mit einer Schar von Knechten; denn die übrigen Brüder nahmen an diesem Gemetzel nicht teil, sondern stürzten sich nach dessen Vollzug auf die Beute, wie aus Vers 27 hervorgeht. Simeon war damals etwa 21 Jahre alt, Levi 20; so sagen der hl. Chrysostomus, Abulensis, Kajetan und Pererius, und dies ergibt sich aus dem bei Vers 1 Gesagten.
Ob die Söhne Jakobs gesündigt haben
Man mag fragen, ob diese Söhne Jakobs sündigten, als sie dieses Gemetzel an den Sichemiten verübten? Einige entschuldigen sie mit der Begründung, daß sie die ihnen und ihrer Schwester zugefügte Beleidigung mit gerechtem Krieg und Kriegslist rächten. Da sie nämlich Fremde waren, die gleichsam ein eigenes Gemeinwesen bildeten, und Hamor und Sichem als Fürsten ihres Volkes nicht vor ein höheres Gericht ziehen konnten, scheinen sie das Recht zum Krieg gegen sie gehabt zu haben, da sie auf keine andere Weise als durch Krieg und Waffen die ihnen zugefügte Beleidigung wiedergutmachen konnten; und in diesem Krieg, da sie wenige waren, bedienten sie sich der List als Kriegsstrategie und sagten: „Ob List oder Tapferkeit, wer fragt danach beim Feind?“ Ich antworte jedoch, daß sie sündigten, weil sie entgegen den mit den Sichemiten geschlossenen Verträgen, Vers 15, diese angriffen und niedermachten.
Sie sündigten daher erstens durch eine hinterlistige und verderbliche Lüge, wie aus Vers 13 hervorgeht. Zweitens durch Treulosigkeit: denn sie hatten die Beleidigung bereits verziehen, da sie gerechte Genugtuung empfangen und ihr Wort für ein Bündnis, ja sogar für eine Eheverbindung gegeben hatten. Drittens durch Unklugheit und Ungehorsam, weil sie als von Zorn entbrannte Jünglinge eine so schwierige und gefährliche Sache ohne den Rat und die Vollmacht ihres Vaters unternahmen, von dem sie wußten, daß er mit diesem Plan gänzlich unzufrieden sein würde. Daher sündigten sie auch durch die Ungerechtigkeit des Krieges: denn sie führten diesen Krieg gegen die Sichemiten auf private Vollmacht, nicht auf öffentliche; denn diese lag bei Jakob als dem Haupt und Fürsten der Familie, und nicht bei diesen beiden seinen Söhnen. Viertens durch Sakrileg: denn sie mißbrauchten die Beschneidung für ihre Hinterlist und ungerechte Niedermetzelung. Fünftens durch Grausamkeit, weil sie am dritten Tag mit Schmerzen geplagte und beinahe sterbende Männer angriffen. Sechstens durch Übermaß der Rache: denn sie töteten nicht nur Sichem, sondern alle Männer der Stadt, unter denen viele unschuldig waren; sie nahmen die Kinder und Frauen gefangen; sie plünderten alle Felder und Herden und zerstörten sogar die Mauern der Stadt, wie in Genesis 49,6 hinreichend angedeutet wird. Siebtens durch Tollkühnheit und Gottlosigkeit, weil sie ihren Vater Jakob und seine ganze Familie dem Haß, der Tötung und der Plünderung durch die Kanaaniter aussetzten. So sagen der hl. Thomas, Kajetan, Pererius, ja Jakob selbst in Genesis 49,5, wo er also spricht: „Simeon und Levi, Werkzeuge der Ungerechtigkeit führen Krieg, in ihren Rat komme meine Seele nicht, denn in ihrem Zorn haben sie einen Mann getötet, und in ihrem Eigenwillen haben sie eine Mauer untergraben: verflucht sei ihr Zorn, denn er ist hartnäckig; und ihre Empörung, denn sie ist grausam.“
Erklärung des Lobes Simeons bei Judit
Man wird einwenden: Judit scheint in Kapitel 9, Vers 2 diese Tat und den Eifer Simeons und Levis zu loben; denn sie sagt: „O Gott meines Vaters Simeon, der du ihm das Schwert gegeben hast zur Verteidigung (im Griechischen ekdikisin, das heißt Rache) an den Fremdlingen, die Schänder waren in ihrer Befleckung und die Hüfte der Jungfrau entblößten zu ihrer Schande, und du gabst ihre Frauen zur Beute und ihre Töchter in die Gefangenschaft und die Beute zur Verteilung unter deine Knechte, die mit deinem Eifer geeifert haben.“
Ich antworte: Judit lobt hier nicht die Gerechtigkeit Simeons, sondern Gottes, durch die er zuließ, daß die unreinen Sichemiten geschlachtet wurden, wobei er dazu die Kühnheit und Stärke ebenso wie das Verbrechen und die Treulosigkeit Simeons und Levis gebrauchte. Denn so heißt es, daß Gott den Kanaanitern, Türken und Heiden das Schwert gibt, wenn er ihre Stärke und Waffen gebraucht, um die Sünden der Gläubigen zu bestrafen. So heißt es bei Jesaja Kapitel 10: „Die Rute meines Zornes ist Assyrien.“ So pflegte Attila zu sagen, er sei die Geißel Gottes. In derselben Weise also gab Gott Simeon und Levi das Schwert, das heißt die Kraft, zur Rache der Entführung Dinas, aber nicht zur Ausführung auf solche Art und mit solcher Treulosigkeit: denn so mißbrauchten sie es: denn obwohl sie es aus Eifer taten, wie Judit sagt, war jener Eifer doch gegen die Gerechtigkeit, weil er gegen die geschlossenen Verträge gerichtet war; dennoch ließ Gott dies alles zu und lenkte es zur Bestrafung der Schändung durch ihren Fürsten.
Es heißt daher, daß er Simeon das Schwert der Rache gegeben habe, aus zwei Gründen: erstens, weil er ihm den Mut, die Kraft und die Waffen gab, die er jedoch treulos mißbrauchte; zweitens, weil er diese Treulosigkeit zuließ und sie durch seinen Ratschluß auf die Rache für die Schändung hinlenkte.
Ferner deutet Judit mit diesen Worten an, daß das Volk seinen Fürsten bei diesem Verbrechen begünstigte und ihn bei der Entführung und Festhaltung Dinas unterstützte, förderte und lobte; und daß daher nach dem gerechten Urteil Gottes alle in dieses Unheil verwickelt wurden.
Drittens bemerke man hier die göttliche Vergeltung für Wollust und Schändung, die Judit mit Recht auf sich selbst und auf ihre eigene Tat anwendet, durch die sie Holofernes enthauptete.
Viertens sagt Judit, daß Gott alle Beute der Sichemiten seinen Knechten, nämlich Simeon und Levi, gegeben habe, weil sie Eifer für die Keuschheit hatten, insofern dieser Eifer ein Eifer für die Keuschheit war, nicht aber insofern er maßlos, ungerecht und mit Treulosigkeit und anderen Verbrechen vermischt war. So baute Gott den Hebammen der Ägypter, die die Kinder der Hebräer durch eine Lüge bewahrten, Häuser, nicht wegen der Lüge, sondern wegen der frommen Gesinnung und der den Kindern erwiesenen Wohltat: denn in ein und demselben Werk ist stets etwas Gutes, das Gott belohnt; und etwas Böses, das er haßt und verabscheut.
Alle Männer
ALLE MÄNNER. — Denn die meisten von ihnen hatten ihrem Fürsten, dem Entführer, zugestimmt und ihm bei der Entführung geholfen.
Vergeltung für Schändung in der Geschichte
Man bemerke, daß Schändung und Entführung fast niemals ohne großes Blutvergießen oder Krieg vollzogen wurden. Die Zerstörung Trojas bezeugt dies, wegen der entführten Helena. Das Blutbad an Amnon, verübt von seinem Bruder Absalom, bezeugt dies, wegen der geschändeten Tamar. Das Blutbad am ganzen Stamm Benjamin bezeugt dies, wegen der mißbrauchten Frau des Leviten, Richter Kapitel 20. Schließlich bezeugen unsere Sichemiten hier dasselbe. Daher warnt der hl. Chrysostomus weise die Eltern und Lehrer und gibt ihnen klugen Rat, Homilie 59: „Laßt uns,“ sagt er, „die Triebe unserer Kinder zügeln und für ihre Keuschheit sorgen, usw.; in Kenntnis des Feuers im Ofen, bevor sie in Üppigkeit verstrickt werden, laßt uns bestrebt sein, sie nach dem Gesetz Gottes in der Ehe zu verbinden.“ Und gegen Ende: „Darum bitte ich, daß unseren Kindern eine Hand gereicht werde, damit wir nicht einmal die Strafen für das büßen, was sie gesündigt haben, wie Eli,“ 1 Könige 4.
Vers 26: Dina mitnehmend
26. DINA MITNEHMEND: — Rupert berichtet nach Philo, daß Dina später heiratete und die Ehefrau Ijobs war, über die man bei Ijob 1 nachlese. Denn Ijob wurde kurz nach Dina geboren, wie aus dem nächsten Kapitel, Vers 36 hervorgehen wird. Doch ist dies kaum wahrscheinlich; und dergleichen findet sich weder bei Philo noch bei anderen alten Schriftstellern.
Tropologisch: Dina als die neugierige Seele
Tropologisch sagt Philo in Über die Auswanderung Abrahams: Dina ist die neugierige Seele, die von der rohen Natur zu den sinnlichen Dingen hingerissen wird, die gefährlich sind; daher wird sie geschändet und verliert die Reinheit des Geistes und wird fleischlich und eselhaft: denn Sichem, der Schänder, ist der Sohn Hamors, das heißt des Esels; aber Levi und Simeon erschlagen ihn, das heißt die Klugheit und Tapferkeit des Geistes, und so stellen sie der Seele ihre Unversehrtheit wieder her.
Vers 29: Sie führten die Frauen als Gefangene fort
29. SIE FÜHRTEN DIE FRAUEN ALS GEFANGENE FORT. — Da Jakob dieses Blutbad als treulos und tollkühn mißbilligt, Vers 30, besteht kein Zweifel, daß er sogleich befahl, alle Gefangenen freizulassen und die geplünderten Güter, die noch vorhanden waren, zurückzugeben.
Vers 30: Ihr habt mich in Unruhe gestürzt
30. IHR HABT MICH IN UNRUHE GESTÜRZT. — Ihr habt meinen Geist mit Furcht und Angst in Unruhe versetzt, weil ihr mich besorgt und ängstlich gemacht habt: denn ich fürchte sehr, daß die Kanaaniter, die Rache für ihre Sichemiten suchend, sich gegen mich und euch erheben. Zweitens habt ihr meinen Ruf in Unruhe gestürzt, weil ihr ihn mit einem so schändlichen Blutbad befleckt habt und weil ihr mich den Kanaanitern verhaßt (im Hebräischen „stinkend“) gemacht habt. Drittens habt ihr den Frieden meiner Familie in Unruhe gestürzt, weil ihr sie der Todesgefahr und gegenseitiger Plünderung ausgesetzt habt, bei den benachbarten Philistern ringsum.
Über die Strafe des Verrats: Historische Beispiele
Man bemerke: Verrat stört, wie auch der Meineid, die Gemeinschaft mit Gott und die menschliche Gesellschaft aufs schwerste, und daher pflegen sowohl Gott als auch die Menschen ihn zu verfolgen und zu rächen. So wurde Zedekia, der den mit Nebukadnezar geschlossenen Vertrag verletzte, von ihm gefangen, seines Reiches beraubt und geblendet. So wurde Saul, der die Gibeoniter entgegen dem ihnen gegebenen Eid bedrückte, zur Ursache einer allgemeinen Hungersnot und des Untergangs seines eigenen Volkes, 2 Könige 21.
Agathokles, der Tyrann von Syrakus, brach den seinen Feinden gegebenen Eid, und nachdem er die Gefangenen getötet hatte, sagte er lachend zu seinen Freunden: „Nun, da wir gespeist haben, laßt uns schwören; laßt uns die Gewissensbedenken des Eides herauswürgen;“ doch büßte er diesen Verrat schwer.
Tissaphernes, der persische Feldherr, brach den aus Furcht mit Agesilaos geschlossenen Vertrag und erklärte ihm den Krieg; was Agesilaos freudig aufgriff und den Gesandten sagte, daß er Tissaphernes sehr dankbar sei, weil dieser durch seinen Meineid sich sowohl Götter als auch Menschen zu Feinden gemacht, der Gegenseite aber wohlwollend gestimmt habe, wie Plutarch in den Lakonika bezeugt.
Alexander der Große überfiel gewisse ihm feindlich gesinnte Inder, entgegen dem gegebenen Wort, auf dem Marsch: daher haftete ein Makel an ihm, und ein kurzes und trauriges Ende, wie alle wissen: Plutarch ist der Zeuge in seinem Leben Alexanders.
Der karthagische Senat billigte nicht nur die Zerstörung von Sagunt durch Hannibal entgegen dem Vertrag, den Hasdrubal mit den Römern geschlossen hatte, sondern verteidigte sie sogar im römischen Senat. Doch diese Spitzfindigkeit und Treulosigkeit wurde durch die Zerstörung Karthagos gerächt.
Theodatus, König der Goten, von allen Seiten vom Krieg bedrängt, sandte Gesandte zum Kaiser Justinian, um Frieden zu erbitten, und bot ihm die gesamte Herrschaft über die Gallier und Italiker an: doch danach, ermutigt durch den Tod des Mundus, des Feldherrn Justinians, brach er sein Wort, ergriff die Waffen; doch er fiel durch sie und wurde von seinen eigenen Leuten im dritten Jahr seiner Herrschaft getötet. So berichten Prokop und Blondus.
Aistulf, König der Langobarden, trug entgegen einem gegebenen Gelöbnis Waffen gegen Papst Gregor III.; der Papst ließ eine Friedensformel am Feldzeichen des Kreuzes, das dem Heer vorangetragen wurde, aufhängen, wobei alle Gott gegen den treulosen Mann anriefen: worauf Aistulf, von Pippin unterworfen, schließlich elend umkam.
Karl von Burgund, kühn und unbesiegbar, ließ in Lothringen 250 Schweizer, die er hinterlistig getäuscht hatte, am Galgen hinrichten, und tötete bald darauf weitere 300 bei Grandson im Jahre des Herrn 1476; doch drei Tage später griffen die Schweizer Karl an und schlugen ihn in die Flucht, und im folgenden Jahr besiegten und töteten sie ihn endgültig.
Daher sagt Valerius Maximus zu Recht, Buch 9, Kapitel 6: „Verrat bringt dem Menschengeschlecht ebenso viel Schaden, wie Treue Nutzen bringt. Er empfange daher nicht weniger Tadel, als jene Lob erhält.“ Und Tacitus, Buch 1 der Annalen: „Verräter sind sogar denen verhaßt, denen sie sich vorzugsweise anbieten:“ denn sie lieben die Tat, nicht den Täter. Augustus sagt glänzend, wie Plutarch in den Apophthegmen berichtet: „Ich liebe den Verrat, aber billige die Verräter nicht.“ Noch schärfer sagte Philipp von Makedonien, wie Stobäus, Predigt 52, berichtet, daß er die Verrätereien liebe, nicht die Verräter.