Cornelius a Lapide
Inhaltsverzeichnis
Synopsis des Kapitels
Jakob reinigt seine Familie von Götzen, errichtet Gott einen Altar und wird von Gott abermals Israel genannt. Zweitens stirbt in Vers 16 Rahel bei der Geburt Benonis, den der Vater Benjamin nennt. Drittens stirbt in Vers 27 Isaak.
Vulgata-Text: Genesis 35,1-29
1. Unterdessen sprach Gott zu Jakob: Steh auf und zieh hinauf nach Bethel, wohne dort und mache einen Altar dem Gott, der dir erschien, als du vor deinem Bruder Esau flohst. 2. Jakob aber rief sein ganzes Haus zusammen und sprach: Werft die fremden Götter weg, die in eurer Mitte sind, und reinigt euch und wechselt eure Kleider. 3. Steht auf und laßt uns nach Bethel hinaufziehen, damit wir dort einen Altar dem Gott errichten, der mich am Tage meiner Bedrängnis erhört hat und der Gefährte meiner Reise gewesen ist. 4. So gaben sie ihm alle fremden Götter, die sie hatten, und die Ohrringe, die an ihren Ohren waren; und er vergrub sie unter der Terebinthe, die hinter der Stadt Sichem steht. 5. Und als sie aufgebrochen waren, fiel der Schrecken Gottes auf alle Städte ringsum, und sie wagten nicht, die Abziehenden zu verfolgen. 6. So kam Jakob nach Lus, das im Lande Kanaan liegt und Bethel zubenannt ist: er und das ganze Volk mit ihm. 7. Und er baute dort einen Altar und nannte den Namen jenes Ortes Haus Gottes: denn dort war ihm Gott erschienen, als er vor seinem Bruder floh. 8. Zur selben Zeit starb Debora, die Amme der Rebekka, und wurde am Fuße von Bethel unter einer Eiche begraben; und der Name jenes Ortes wurde Eiche des Weinens genannt. 9. Und Gott erschien Jakob abermals, nachdem er aus Mesopotamien in Syrien zurückgekehrt war, und segnete ihn, 10. indem Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel soll dein Name sein. Und Er nannte ihn Israel, 11. und sprach zu ihm: Ich bin der allmächtige Gott, wachse und vermehre dich: Völker und Scharen von Völkern werden von dir kommen, Könige werden aus deinen Lenden hervorgehen. 12. Und das Land, das Ich Abraham und Isaak gegeben habe, werde Ich dir und deinem Samen nach dir geben. 13. Und Er schied von ihm. 14. Er aber richtete ein steinernes Denkmal auf an dem Ort, wo Gott zu ihm gesprochen hatte: er goß Trankopfer darauf und goß Öl aus; 15. und er nannte den Namen jenes Ortes Bethel. 16. Von dort aufbrechend kam er zur Frühlingszeit in das Land, das nach Efrata führt; und als Rahel in den Wehen lag, 17. begann sie wegen der Schwere der Geburt in Gefahr zu geraten. Und die Hebamme sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, denn auch diesen Sohn wirst du haben. 18. Als aber ihre Seele vor Schmerz entwich und der Tod schon nahte, nannte sie den Namen ihres Sohnes Benoni, das heißt Sohn meines Schmerzes; der Vater aber nannte ihn Benjamin, das heißt Sohn der Rechten. 19. So starb Rahel und wurde begraben am Weg, der nach Efrata führt, das ist Betlehem. 20. Und Jakob errichtete ein Denkmal über ihrem Grab: Dies ist das Denkmal des Grabes Rahels bis auf den heutigen Tag. 21. Von dort aufbrechend schlug er sein Zelt jenseits des Herdenturmes auf. 22. Und als er in jener Gegend wohnte, ging Ruben hin und schlief mit Bilha, der Nebenfrau seines Vaters: was jenem keineswegs verborgen blieb. Und die Söhne Jakobs waren zwölf. 23. Die Söhne Leas: der Erstgeborene Ruben, und Simeon und Levi und Juda und Issachar und Sebulon. 24. Die Söhne Rahels: Josef und Benjamin. 25. Die Söhne Bilhas, der Magd Rahels: Dan und Naftali. 26. Die Söhne Silpas, der Magd Leas: Gad und Ascher. Dies sind die Söhne Jakobs, die ihm in Mesopotamien in Syrien geboren wurden. 27. Und er kam auch zu seinem Vater Isaak nach Mamre, in die Stadt Arbee: das ist Hebron, wo Abraham und Isaak als Fremdlinge gelebt hatten. 28. Und die Tage Isaaks wurden vollendet: hundertundachtzig Jahre. 29. Und vom Alter aufgezehrt starb er und wurde zu seinem Volke versammelt, alt und voll der Tage; und Esau und Jakob, seine Söhne, begruben ihn.
Vers 1: Unterdessen
1. UNTERDESSEN. — Während der betrübte und bange Jakob einen Angriff der Kanaaniter wegen der Ermordung der Sichemiten fürchtet und erwartet, nimmt ihm Gott alsbald diese Furcht und tröstet und stärkt ihn. So sagt der hl. Chrysostomus.
Und mache einen Altar
UND MACHE EINEN ALTAR — aus dem Stein, den du gesalbt und als Denkmal aufgerichtet hast, Kapitel 28, Vers 18.
Vers 2: Werft die fremden Götter weg
2. WERFT DIE FREMDEN GÖTTER WEG. — Im eigentlichen Sinne gibt es keine fremden Götter: denn allein der Gott der Gläubigen ist wahrhaft Gott; dennoch werden sie fremde Götter genannt, das heißt andere als der wahre Gott; oder vielmehr, wie es im Hebräischen heißt, elohe nechar, das heißt Götter der Fremden, die nämlich Fremdlinge verehren, also die götzendienerischen und heidnischen Völker. Daraus wird deutlich, daß es in Jakobs Familie Götzen und Götzendiener gab. Und was Wunder? Er hatte nämlich zwanzig Jahre lang im Hause des Götzendieners Laban gewohnt und von dort Frauen und Diener weggeführt, weshalb auch Rahel bei der Flucht die Götzenbilder ihres Vaters gestohlen hatte, Kapitel 31, Vers 19; vielleicht hatten auch aus der jüngsten Beute der Sichemiten Jakobs Diener deren Götzenbilder mitgenommen, wie Prokopius meint. Nun hatte Jakob neun Jahre lang seit seinem Weggang aus Haran in Kanaan gewohnt, oder vielmehr als Fremdling gelebt, und hatte weder die Muße noch die Gelegenheit gehabt, seine Familie von Götzen und Götzendienst zu reinigen: er ergreift nun diese Gelegenheit aufgrund der Furcht vor den Kanaanitern, von der alle erschüttert waren wegen des in Sichem verübten Gemetzels: denn die Furcht lehrt die Menschen, Gott anzuerkennen und zu Ihm zu fliehen. Herrscher und Prediger mögen hier von Jakob lernen, bei einer öffentlichen Heimsuchung, einem Unglück und einer Furcht die Gelegenheit zu ergreifen, durch fromme Gesetze und Ermahnungen den Staat und das Volk von seinen Lastern zu reinigen, damit sie durch diese Furcht und dieses Unglück von Gott befreit werden.
Reinigt euch und wechselt eure Kleider
REINIGT EUCH UND WECHSELT EURE KLEIDER — das heißt eure Gewänder. Zieht Bußgewänder oder ein härenes Kleid als Zeichen der Buße an. Zweitens und besser, das heißt: Anstatt der gewöhnlichen und schmutzigen Kleider zieht reine und festliche an, damit ihr durch sie die Reinheit und Erneuerung eurer Seelen bekennt und euch für das bevorstehende Opfer und Fest vorbereitet und aufrichtet, um in reiner und anständiger Kleidung daran teilzunehmen: wie es die Gläubigen jetzt an Sonn- und Feiertagen tun. Denn dies bedeutet die Septuaginta mit „reinigt euch”. Dieses reine und neue Gewand war also ein Symbol der Buße, der Reue und der Religion, durch das sie erklärten, daß sie nach Wegwerfen der Götzen den einen Gott verehren und ein neues und frommes Leben in der Anbetung des einen Gottes beginnen wollten. So befiehlt Gott in Exodus 19,10 den Hebräern, die zu Pfingsten das Gesetz auf dem Sinai empfangen sollten, das gewöhnliche Gewand mit einem reinen und festlichen zu tauschen.
Tropologischer Sinn: Eltern und die Erziehung der Kinder
Den tropologischen Sinn sehe man bei Rupert und beim hl. Chrysostomus, Homilie 59, wo er am Beispiel Jakobs lehrt, daß Eltern sich eher um die fromme Erziehung ihrer Kinder bemühen sollten, als Reichtümer für sie anzuhäufen. „Warum”, sagt er, „häufst du dir diese Lasten von Dornen auf und merkst nicht, daß du deinen Kindern Stoff zur Bosheit hinterläßt? Weißt du nicht, daß der Herr größere Sorge für dein Kind trägt? Oder weißt du nicht, daß die Jugend von sich aus zum Verderben neigt, und wenn sie dann auch noch Überfluß an Reichtümern empfängt, um so mehr zum Bösen stürzt? Gleichwie das Feuer, wenn es Nahrung findet, mit stärkeren Flammen emporlodert, so entzündet auch der Stoff des Geldes, wenn er auf einen jungen Menschen trifft, einen solchen Feuerofen, daß Zügellosigkeit und Unmäßigkeit die ganze Seele des Jünglings in Brand setzen.”
Vers 4: Er vergrub sie
ER VERGRUB SIE. — Nachdem er sie zuvor zerbrochen oder eingeschmolzen hatte, wie es Mose tat, Exodus 32,20, und Hiskija, 4 Könige 18,4. Jakob hätte das Material, nämlich Gold, Silber und Bronze, zu einem anderen, auch heiligen Zweck verwenden können (obgleich Abulensis dies bestreitet); aber er wollte nicht, damit keine Spur des Götzendienstes zurückbleibe und er seinen Hausgenossen den Abscheu davor einpräge, und alle lernten, Götzenbilder als verfluchte Dinge zu verabscheuen.
Vers 4: Unter der Terebinthe
Unter der Terebinthe. — Das hebräische Wort ela bedeutet sowohl Eiche als auch Terebinthe. Andreas Masius meint zu Josua, letztes Kapitel, Vers 26, dies sei die ela, das heißt die Eiche oder Terebinthe von More, das heißt die berühmte, unter der Abraham zuerst einen Altar für Gott errichtete, Genesis 12,6, und bei der Abimelech zum König geweiht wurde, Richter Kapitel 9,6; und deshalb habe Jakob die Götzenbilder seiner Hausgenossen darunter begraben, als unter einem seit den Zeiten der Väter und Vorfahren heiligen Baum. Diese ela von Sichem wurde also durch die Frömmigkeit der Väter viele Jahre hindurch bewahrt und sogar geheiligt. Denn auch Josua bekräftigte bei ihr einen Bund zwischen Gott und dem Volk, Josua, letztes Kapitel, Vers 26.
Vers 5: Der Schrecken Gottes fiel auf alle
5. Der Schrecken Gottes fiel auf alle. — Gott sandte diesen heiligen und gleichsam panischen Schrecken auf die Kanaaniter, damit sie es nicht wagten, den scheinbar fliehenden Jakob bei seinem Abzug aus Sichem anzugreifen und das Gemetzel an den Sichemiten zu rächen. Sieh, sagt der hl. Chrysostomus, was die Gottesfurcht Isaaks und Jakobs verdient, durch die er selbst Gott fürchtete, nämlich daß Gott ihn seinerseits allen furchtbar macht. „Denn wenn Gott uns wohlgesinnt ist, werden alle Schrecknisse aus unserer Mitte hinweggenommen. Denn wie Er dem Gerechten Zuversicht gab, so gab Er ihnen Furcht”, so daß sie, obwohl zahlreich und verbündet, es nicht wagten, die wenigen und Schwachen anzugreifen. Denselben göttlichen Schutz erfahren fromme Menschen oft auf ihren Reisen, wenn sie auf Räuber oder Wegelagerer treffen.
Vers 3: Er war der Gefährte meiner Reise
3. Er war der Gefährte meiner Reise — und Führer und Begleiter des Weges: ein Führer auf dem Hinweg nach Haran und ein Rückführer auf dem Rückweg nach Kanaan.
Vers 4: Ohrringe
4. OHRRINGE — mit denen die Götzen nach Art der Menschen an ihren Ohren geschmückt waren. Daher nennt sie zweitens Augustinus Phylakterien der Götter. Dasselbe lehrt der hl. Chrysostomus, Homilie 35 zur Genesis, sowie Lyranus und beide Glossen. Etwas anders meint Gaspar Sanchez zu Jesaja Kapitel 44, Nummer 20, daß diese Ohrringe nicht an den Ohren der Götzen, sondern an denen der Diener hingen, aber daß sie eingravierten Bilder oder Zeichen der Götzen trugen, die sie zuvor verehrt hatten, und daß sie daher zusammen mit den Götzen von Jakob vergraben wurden. Denn so trugen die Heiden Bilder ihrer Götter an Ringen, Armreifen, Edelsteinen oder vom Hals herabhängenden Plaketten, weshalb dies später Pythagoras verbot, wie auch Klemens von Alexandrien, Buch III des Pädagogus, Kapitel 11. So sagt Hosea Kapitel 2: „Sie soll ihre Buhlschaften von der Mitte ihrer Brüste entfernen”, weil sie zwischen den Brüsten und über dem Herzen eine Plakette oder ein Medaillon trug, auf dem ihre Buhlschaften, das heißt Götzenbilder, eingraviert waren. Umgekehrt befiehlt der Bräutigam der Braut im Hohelied 8: „Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm”, damit nämlich die Braut ihr Herz und ihren Arm mit dem Bild ihres Bräutigams zeichne, eingraviert freilich auf die Tafel des Herzens oder auf die Armreifen der Arme. Daher trugen fromme Juden das Gesetz Gottes und die Abzeichen ihres Bekenntnisses an Ringen, Medaillons und Halsketten, nach jenem Wort der Sprüche 7: „Binde sie an deine Finger, schreibe sie auf die Tafeln deines Herzens.”
Vers 6: Das ganze Volk
6. Das ganze Volk — das heißt seine große und zahlreiche Familie.
Vers 7: Er nannte den Namen jenes Ortes Haus Gottes
7. ER NANNTE DEN NAMEN JENES ORTES HAUS GOTTES. — Dieser Ort war zuvor von Jakob Bethel genannt worden, Kapitel 28, Vers 29; hier also wiederholt und bestätigt er den von ihm gegebenen Namen des Ortes und überträgt ihn zugleich auf den ebendort kürzlich von ihm erbauten Altar. Er benannte also den Altar und schrieb darauf einen hebräischen Namen gleichsam als Inschrift: El Bethel, das heißt der starke Gott von Bethel; das bedeutet ein dem Gott von Bethel geweihter Altar, oder Gott, der in Bethel wie in Seinem eigenen Haus wohnt und der ihm dort als der Mächtigste erschien und ihn durch Seine Kraft gegen Esau, die Sichemiten und alle Feinde und Schrecknisse stärkte. Man sehe, was zu Kapitel 28, Vers 19 gesagt wurde.
Vers 8: Debora
8. Debora. — Dies war die Amme der Rebekka, der Mutter Jakobs, die mit ihr von Haran nach Kanaan zu Isaak gekommen war. Die Hebräer berichten, daß diese Debora von Rebekka nach Haran zurückgeschickt wurde, um Jakob von dort zurückzurufen, und daß sie auf der Reise starb, als sie mit Jakob zurückkehrte, wie hier berichtet wird.
Am Fuße von Bethel
AM FUSSE VON BETHEL. — Bethel lag also auf einem Berg.
Die Eiche des Weinens
Die Eiche des Weinens — weil Jakob dort mit seinem Haushalt den Tod Deboras beweinte.
Vers 9: Und Gott erschien Jakob abermals
9. UND GOTT ERSCHIEN JAKOB ABERMALS. — Kurz zuvor war Er ihm erschienen und hatte ihm befohlen, nach Bethel zu gehen; nun, da er in Bethel ankam, erscheint Er ihm dort abermals. So die Septuaginta. „Dies ist die dritte Erscheinung”, sagt Hugo Cardinalis, „in der der Herr Jakob erschien. Denn zuerst erschien Er ihm, als er vor Esau floh, auf die Leiter gestützt. Zweitens ihm, als er aus Mesopotamien zurückkehrte, im Ringkampf. Drittens hier in Bethel. Darin wird die dreifache Erscheinung Christi angedeutet. Denn Er erscheint den in der Beschauung Schlafenden; Er erscheint auch den in der Bedrängnis Kämpfenden; Er erscheint schließlich den in der ewigen Glückseligkeit Lebenden. Vom ersten sagt der hl. Bernhard: Christus will gesehen, nicht sehen; wie ein tapferer Feldherr will Er, daß das Angesicht seines ergebenen Soldaten zu Seinen Wunden erhoben werde: der Soldat wird seine eigenen Wunden nicht fühlen, solange er auf die Wunden Christi blickt. Das heißt, Christus auf die Leiter gestützt zu sehen, weshalb der Apostel sagt, Hebräer Kapitel 12: Laßt uns aufblicken zum Urheber des Glaubens und Vollender, Jesus, der für die vor Ihm liegende Freude das Kreuz erduldet hat, der Schmach nicht achtend. Vom zweiten sagt derselbe hl. Bernhard: Der Geliebte hat mit dir ausgeharrt; halte auch du mit dem Geliebten aus. Deine Sünden haben Ihn nicht besiegt; so sollen auch Seine Geißeln dich nicht besiegen, und du wirst den Segen erlangen. Vom dritten heißt es, 1 Korinther 13: Jetzt sehen wir durch einen Spiegel, dunkel, dann aber von Angesicht zu Angesicht; und Psalm 16: Ich werde gesättigt werden, wenn Deine Herrlichkeit erscheint.”
Und Er segnete ihn
Und Er segnete ihn — indem Er ihn Israel nannte und ihm neue Verheißungen, neuen Mut, neue Kraft und neue Gnadengaben verlieh.
Vers 10: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel
10. DU SOLLST NICHT MEHR JAKOB HEISSEN, SONDERN ISRAEL. — Man wird fragen, warum hier der Name Israel Jakob abermals gegeben wird. Cajetan antwortet, daß der Name Israel hier mit einer anderen Bedeutung wiederholt werde, wegen einer neuen Wohltat, die Jakob hier verheißen wird, nämlich daß seine Nachkommen Israel sein würden, das heißt Fürsten bei Gott, wie Aquila, Symmachus und Theodotion übersetzen, was bedeutet, daß sie ihr Königtum und ihre Herrschaft behalten würden, solange sie selbst Israel blieben, das heißt solange Gott über sie herrsche; als wollte er sagen: Du sollst „Israel” heißen, das heißt Gott herrscht: denn Ich verheße dir und deinen Nachkommen, daß, solange sie Mich in ihren Herzen durch wahren Glauben, Religion und Frömmigkeit herrschen lassen, sie ebenso lange Israel sein werden, das heißt Fürsten bei Gott, weil sie von Gott ihre Herrschaft, ihr Fürstentum und ihr Königreich erlangen werden; wenn sie aber die Herrschaft Gottes von sich abwerfen und sich nicht Gott unterwerfen wollen, dann werden sie ebenso ihr irdisches Fürstentum und Königreich verlieren.
Aus den Worten selbst aber ist klar, daß der Name Israel hier Jakob nicht in einem anderen Sinn gegeben wird, sondern in demselben Sinn, in dem er ihm in Kapitel 32, Vers 28 gegeben wurde, und so lehren es die Ausleger gewöhnlich; und obwohl einige meinen, daß der Name dort nur verheißen, hier aber tatsächlich Jakob verliehen wurde: so ist es doch wahrer, daß er dort verliehen, hier aber um eines neuen Grundes und einer neuen Ursache willen wiederholt und bestätigt wurde.
Ich sage also: So wie Jakob in Kapitel 32 wegen Esau besorgt war, so wird er hier, besorgt wegen der Sichemiten und Kanaaniter, daß sie das Gemetzel an ihrem Volk rächen und ihn angreifen könnten, von Gott gestärkt, damit er sich nicht fürchte, und er wird und heißt Israel, das heißt der über Esau, die Sichemiten und alle seine Feinde durch Gott und bei Gott Herrschende. Wiederum wird er Israel genannt als der künftige Herr des ganzen Landes, nämlich Kanaans, und als Vater von Völkern und Königen, wie aus Vers 11 und 12 hervorgeht; und demnach kann die frühere Auslegung Cajetans zugelassen werden. „Daher bedeutet das, was Er sagt: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, gleichsam: Von nun an wirst du nicht bloß Jakob sein, das heißt der Überlister Esaus, sondern Israel, das heißt der über alle durch Gott und bei Gott Herrschende, so daß du eher Israel als Jakob heißen solltest.”
Ebenso gibt Jakob dem Ort wegen dieser neuen zweiten Schau und Erscheinung Gottes zum zweiten Mal denselben Namen und nennt ihn Bethel, das heißt Haus Gottes. Daher „glaubt Abulensis, daß er jene beiden Namen, Jakob und Israel, Ringer und Seher Gottes, wegen seiner Standhaftigkeit und seiner Siege erlangt hat: denn wie ein zweiter Herkules rang er mit sehr vielen Mühen — mit den Drohungen seines Bruders, mit dem Undank Labans; wiederum mit der Furcht vor seinem Bruder, mit dem Engel die ganze Nacht hindurch, mit den Aufständen seiner Kinder bei Sichem, mit der Tötung Josefs, die, wie er meinte, ein höchst grausames Tier verübt hatte, mit der Bitterkeit der Hungersnot, mit dem Kummer über die Wegnahme Benjamins für die Versorgung, um anderes zu übergehen. Wahrhaft Jakob, wahrhaft ein Ringer; aber nichtsdestoweniger wahrhaft Israel, wahrhaft einer, der Gott sieht: denn siebenmal sah er Gott oder einen Engel. Erstens, als Er ihm auf der Leiter erschien, Genesis 28. Zweitens in Mesopotamien, als Er ihm die Zucht der Herden zeigte, Genesis 30. Drittens, als Gott ihm befahl, aus Mesopotamien aufzubrechen, Genesis Kapitel 31. Viertens, als er die Lager der Engel sah, die zu seiner Verteidigung bereitstanden, Genesis 32. Fünftens, als er unter der Gestalt eines Mannes den Ringkämpfer erfuhr. Sechstens, als nach dem Gemetzel an den Sichemiten Gott ihm befahl, nach Bethel zu gehen und dort zu opfern, Genesis 35. Siebtens, als Er ihm abermals den Namen Israel gab, Genesis 35. Überdies waren solche Visionen mit besonderen Gnadenerweisen verbunden, durch die Gott die seinen Mühen beigemischte Bitterkeit wunderbar milderte: und so kam es, daß derselbe Mann zugleich Jakob und Israel war, gleichsam eine Art Waage zwischen Kämpfen und Visionen Gottes”, sagt Fernandus, Vision 2.
Tropologischer Sinn: Jakob und Israel
Drittens sagen der hl. Thomas, Lyranus und Abulensis: Jakob wird hier Israel genannt, weil Gott hier Jakob so erhöhte, daß er, der bis zu diesem Zeitpunkt Jakob gewesen war, das heißt der Überlister, und ein tätiges und ringendes Leben geführt hatte, gegen Feinde und Laster kämpfend, nun ein beschauliches Leben führen und Israel sein sollte, das heißt einer, der Gott schaut, oder einer, der mit Gott herrscht, oder einer, der stark ist bei Gott, so daß nichts ihn von Gott und der Beschauung Gottes abziehen konnte, und er dadurch unbesiegbar und Sieger über alle sichtbaren und unsichtbaren Feinde würde. Dieser Sinn ist wahr und fromm, aber tropologisch.
Anagogischer Sinn: Hl. Augustinus
Viertens sagt der hl. Augustinus, Frage 114: Jakob, das heißt der Überlister, bezeichnet die Kämpfe und Mühen des gegenwärtigen Lebens; Israel aber, das heißt einer, der Gott schaut, bezeichnet den Lohn der künftigen Seligkeit und die Schau Gottes. Doch auch dies ist ebenso sinnbildlich und anagogisch.
Vers 11: Ich bin der allmächtige Gott
11. Ich bin der allmächtige Gott — der das zu vollbringen vermag, was Ich verheße, und es auch vollbringt: im Hebräischen steht Schaddai, worüber ich in Kapitel 17, Vers 1 gesprochen habe; als wollte Er sagen: Dir, o Jakob, zeige Ich Mich als Schaddai, das heißt als einen, der eine Brust trägt, damit du daraus Wachstum und Vermehrung schöpfest: wachse also und vermehre dich. Gott wiederholt hier die Verheißungen, die wir in den Kapiteln 28, 31 und 32 gehört haben, damit Jakob nicht wegen des von seinen Söhnen verübten Gemetzels an den Sichemiten meine, Gott habe sie widerrufen, besonders drei Verheißungen, über die Zweifel bestehen konnte. Denn erstens bedrückte es Jakob, daß er und sein Haushalt wenige waren und dennoch so viele Widersacher hatten; dagegen hört er: „Wachse und vermehre dich: Völker und Scharen von Völkern werden von dir kommen.” Zweitens bedrückte ihn, daß seine Söhne ihn bei den benachbarten Völkern verhaßt gemacht hatten; dagegen wird ihm gesagt: „Könige werden aus deinen Lenden hervorgehen” — du wirst also nicht gehaßt oder verachtet werden. Drittens fürchtete er, daß die benachbarten Völker sich zusammenscharen und ihn aus dem Land vertreiben könnten; dagegen hört er: „Dieses Land werde Ich dir geben.” Wahrhaft also konnte Jakob sagen: „Nach der Menge meiner Schmerzen haben Deine Tröstungen meine Seele erfreut.” So sieh, daß alles dem Gerechten unterworfen wird, damit er seinerseits Gott unterworfen sei.
Völker und Scharen von Völkern werden von dir kommen
VÖLKER UND SCHAREN VON VÖLKERN WERDEN VON DIR KOMMEN. — Denn die zwölf Stämme, die sich von dir ausbreiten werden, werden so anwachsen, daß sie vielen Völkern und Nationen gleich sein werden.
Vers 12: Dir und deinem Samen
12. DIR UND DEINEM SAMEN. — Das „und” ist erklärend, das heißt „nämlich”; denn Gott gab Kanaan nicht Jakob selbst, sondern seinem Samen, das heißt seinen Nachkommen, unter Josua.
Vers 14: Er richtete ein Denkmal auf
14. ER RICHTETE EIN DENKMAL AUF — das zugleich als Denkmal diente, das heißt als Erinnerungsmal an diese Erscheinung und göttliche Verheißung, und zugleich als Altar; weshalb Jakob darauf opfert und Trankopfer ausgießt, das heißt er gießt zu Ehren Gottes Libationen aus, nämlich mehrere Maß Wein.
Und goß Öl aus
UND GOSS ÖL AUS — zur Weihe des Altars. Man sehe, was zu Kapitel 28, Vers 18 gesagt wurde.
Vers 16: Zur Frühlingszeit
16. Zur Frühlingszeit. — Im Hebräischen steht kibrat, das R. Menachem durch Metathese für dasselbe hält wie ke rah, das heißt „gleichsam eine große Entfernung”, was bedeutet: Als noch eine große und weite Strecke nach Efrata verblieb. Zweitens meint R. Salomo, kibrat sei ein Maßname, der eine Meile oder eine Wegstunde bedeute, also: Als noch eine Wegstunde bis Efrata verblieb. Drittens leitet unser Übersetzer kibrat am treffendsten von bara ab, das heißt nähren oder Korn hervorbringen (denn davon bedeutet bar Dinkel oder Korn), mit dem dienenden kaph, das „gemäß” oder „nahe” bedeutet, also: Nahe der Zeit, da die Erde Nahrung und Feldfrüchte hervorbringt und erzeugt, was der hl. Hieronymus bald die Zeit des Grünens, bald die Frühlingszeit, bald die auserwählte Zeit nennt, indem er kibrat nicht von bara, sondern von bur ableitet, was „auswählen” bedeutet.
Die Zeit von Rahels Tod
Mose bemerkt, daß es zur Zeit von Rahels Tod Frühling war, um anzudeuten, daß es wegen der wärmeren Frühlingsluft nicht möglich war, Rahels Leichnam nach Hebron zu bringen, damit er nicht verwese, um dort im Grab Abrahams und Saras beigesetzt zu werden.
Rahels Alter bei ihrem Tod
Die Hebräer berichten, daß Rahel im Alter von 36 Jahren starb; da Rahel aber im heiratsfähigen Alter war, als Jakob zum ersten Mal am Brunnen in Haran zu ihr kam, und Jakob zwanzig Jahre in Haran blieb und nach seiner Rückkehr aus Haran etwa zehn Jahre mit ihr in Kanaan bis zu diesem Zeitpunkt lebte: daraus ergibt sich, daß Rahel bei ihrem Tod fast fünfzig Jahre alt war.
Vers 18: Benjamin
18. Benjamin. — Die sterbende Rahel nannte ihren Sohn Benoni, das heißt Sohn des Schmerzes; aber der Vater Jakob nannte ihn Benjamin, und dies nach dem Tod der Mutter, um zu zeigen, daß er ihren Tod mit Gleichmut ertrug, und um diesen Sohn und seine Brüder durch diese Hoffnung und diesen Namen ebenfalls dazu aufzurichten, daß er Benjamin sein werde, das heißt Sohn der Rechten, also glücklich und stark, auch wenn er im Alter des Vaters geboren wurde: denn die Rechte ist ein Sinnbild der Stärke und des Glücks. So nennen die Hebräer eine Frau oder einen Mann „der Rechten” oder „der Tugend”, die tatkräftig, tüchtig und stark sind.
Kinder, die beim Tod der Mutter geboren werden
Es war die Meinung der Alten, daß Kinder, die nach der Tötung der Mutter ans Licht kamen, glücklich sein würden, und ein solcher war Scipio Africanus und Julius Cäsar, der erste der Cäsaren, der seinen Namen Cäsar, wie man sagt, vom Aufschneiden des Mutterleibes erhalten habe (obwohl andere ihn von seinem dichten Haar und wieder andere anderswoher ableiten): und ein solcher war auch Benjamin.
Die Stärke der Nachkommen Benjamins
Wie stark die Nachkommen Benjamins waren, ergibt sich aus dem Krieg, den sie allein gegen alle anderen Stämme führten, Richter 20,46.
Benjamin, dem Vater am teuersten
Zweitens wurde er Benjamin genannt, das heißt Sohn der Rechten, weil er dem Vater am teuersten war: denn Eltern lieben besonders die jüngsten Kinder, die sie zuletzt und im Alter zeugten, und sie setzen sie auf ihre Knie oder an ihre rechte Hand.
Das Alter Benjamins
Benjamin wurde im 107. Lebensjahr Jakobs geboren; er war also sechzehn Jahre jünger als Josef: denn Josef wurde im 91. Lebensjahr Jakobs geboren, und folglich wurde im selben Jahr, in dem Benjamin geboren wurde, Josef verkauft, nämlich im 16. Jahr seines Alters, worüber mehr bei Vers 28.
Allegorischer Sinn: Benjamin und Christus
Im allegorischen Sinne ist Rahel die Synagoge, Benjamin ist Christus und die Apostel, und besonders der hl. Paulus, der von Benjamin abstammte, sagt Cyrill: denn als er Christ und Apostel wurde, beneidete und betrauerte ihn seine Mutter, die Synagoge; aber der himmlische Vater machte ihn zu Benjamin, damit er sich höchst machtvoll alle Feinde unterwerfe und daß er sterbend zu Seiner Rechten im Himmel sitze. So sagt Rupert.
Vers 19: Der Weg nach Efrata, das ist Betlehem
19. DER WEG, DER (von der Hauptstadt Jerusalem) NACH EFRATA FÜHRT, DAS IST BETLEHEM. — Diese Stadt hieß zuerst Efrata, nach Efrat, der Frau Kalebs, 1 Chronik 2,24, die die Hebräer für Mirjam halten, die Schwester des Mose, aber zu Unrecht. Diese Stadt wurde später Betlehem genannt, das heißt Haus des Brotes, wegen der Fruchtbarkeit, die dort herrschte, nach der Hungersnot, die zur Zeit Elimelechs eintrat, wie sich im Buch Rut findet, sagt Lyranus. Ebenso bedeutet Efrata im Hebräischen fruchtbar, ertragreich, von der Wurzel para, das heißt es brachte Frucht; denn dies ist ein fruchtbarer Ort.
Der hl. Hieronymus und die hl. Paula in Betlehem
Wie Rahel Benjamin gebar, so gebar die selige Jungfrau Christus in Betlehem, weil Christus das Brot und die Wonne der Menschen und Engel ist. Christus, sage ich, als ihren Benoni, das heißt den Mann der Schmerzen, gebar sie in äußerster Niedrigkeit und Armut; ihn machte daher der himmlische Vater zu Seinem Benjamin. So sagt der hl. Hieronymus, der aus diesem Grund mit der hl. Paula nach Betlehem übersiedelte. Man höre ihn im Epitaph der hl. Paula: „Paula pflegte zu schwören, daß sie in Betlehem mit den Augen des Glaubens das in Windeln gewickelte Kind sehen könne, den im Futtertrog weinenden Herrn, die anbetenden Weisen, den leuchtenden Stern, die jungfräuliche Mutter, den sorgsamen Nährvater, die bei Nacht kommenden Hirten, und mit Tränen, die mit Freude gemischt waren, pflegte sie zu sagen: Sei gegrüßt, Betlehem, Haus des Brotes, in dem jenes Brot geboren wurde, das vom Himmel herabkam. Sei gegrüßt, Efrata, fruchtbarste Gegend, deren Fruchtbarkeit Gott ist. Siehe, wir haben davon gehört in Efrata, wir haben es gefunden auf den Feldern des Waldes; dies ist meine Ruhestätte, denn es ist des Herrn Heimat: hier werde ich wohnen, denn der Erlöser hat sie erwählt.”
Vers 20: Und Jakob errichtete ein Denkmal
20. UND JAKOB ERRICHTETE EIN DENKMAL. — Brocard berichtet, daß dieses Denkmal oder Erinnerungszeichen Rahels eine höchst kunstvolle Pyramide war, an deren Fuß zwölf sehr große Steine angeordnet waren, nach der Zahl der zwölf Söhne Israels. Man sehe hier den uralten Brauch, Denkmäler und Inschriften zum Andenken an die Verstorbenen bei ihren Gräbern zu errichten, unter denen das erste, das wir in der Schrift finden, dieses der Rahel ist. So errichtete Simon Makkabäus ein prächtiges Denkmal über dem Grab seines Vaters und seiner Brüder, 1 Makkabäer 13,30. Der hl. Hieronymus schreibt, daß er am Mausoleum des Königs David zu beten pflegte, in seinem Brief an Marcella; worüber auch der hl. Petrus sagt: „Und sein Grab ist bei uns”, Apostelgeschichte 2,29.
Vers 21: Jenseits des Herdenturmes
21. JENSEITS DES HERDENTURMES. — Die Hebräer meinen, dieser Ort sei Jerusalem und Zion oder der Ort des Tempels gewesen, weil Jerusalem von Micha, Kapitel 4, Vers 8 als Herdenturm bezeichnet wird. Aber Micha nennt es so in übertragenem Sinne, rätselhaft und gleichnishaft: denn der Turm von Eder, das heißt der Herde, ist nur tausend Schritte von Betlehem entfernt; Jerusalem hingegen sechstausend Schritte von Betlehem. Der Herdenturm ist also ein Ort, der überaus reich an Weiden ist, wo es dementsprechend eine Fülle von Herden gab, gelegen zwischen Hebron und Betlehem, wo auch Jakob seine Herde weidete. So sagt der hl. Hieronymus im Epitaph der hl. Paula, Eucherius und Rupert. Daher meinen der hl. Hieronymus, Tostatus, Adrichomius und andere, daß bei diesem Turm der Engel den Hirten erschien, die über ihre Herde wachten, und ihnen die Geburt Christi verkündete. Daher erbaute die hl. Helena, die Mutter Konstantins des Großen, bei diesem Turm eine bedeutende Kirche unter dem Namen der Heiligen Engel.
Vers 22: Ruben schlief mit Bilha
22. Ruben schlief mit Bilha. — Deswegen entkleidete der Vater Jakob Ruben seines Erstgeburtsrechts und verfluchte ihn auf dem Sterbebett, Genesis 49,4. Und Jakob entsagte fortan Bilha und näherte sich ihr nicht mehr, da sie durch diesen Inzest verunreinigt worden war: ebenso wie David sich der Nebenfrauen enthielt, die Absalom geschändet hatte, 2 Könige 16,22. Dies war das sechste Kreuz und die sechste Bedrängnis Jakobs: denn die fünfte war der Tod Rahels gewesen, Vers 19.
Vers 26: Die ihm in Mesopotamien geboren wurden
26. DIE IHM IN MESOPOTAMIEN GEBOREN WURDEN. — Das heißt, elf wurden in Haran geboren, aber einer, Benjamin, ist ausgenommen: denn er wurde in Kanaan, nahe Betlehem, geboren. So der hl. Augustinus, Frage 117. Weniger zutreffend schließen daher der hl. Cyrill, Chrysostomus und Prokopius aus dieser Stelle, daß Benjamin in Haran empfangen, aber in Kanaan geboren wurde: denn Benjamin wurde zehn Jahre nach Jakobs Abschied aus Haran und seiner Niederlassung in Kanaan geboren. Mose zählt hier die Nachkommen Israels als den erwählten Samen auf, um sie den Nachkommen Esaus als dem verworfenen gegenüberzustellen, die er im folgenden Kapitel aufzählt.
Vers 27: Die Stadt Arbee
27. DIE STADT ARBEE — in Kirjat-Arba oder Hebron. Wie er dort gewohnt hatte, so starb und wurde auch Isaak dort begraben. Im tropologischen Sinne schreibt der hl. Ambrosius an Irenäus, Über das Opfer Ägyptens: „Laßt uns den Wegen des hl. Jakob folgen, damit wir zu jenen Leiden, zu jenen Begegnungen gelangen; laßt uns gelangen zur Geduld” (er spielt auf Jakobs Mutter Rebekka an, deren Namen er als Geduld deutet), „der Mutter der Gläubigen, und zum Vater Isaak, das heißt einem, der der Freude fähig ist, überfließend von Fröhlichkeit; denn wo Geduld ist, da ist Fröhlichkeit”, als wollte er sagen: So wie Rebekka und Isaak verbunden sind, so Geduld und Freude, so daß die Freude wie ein treuer Ehemann die Geduld, gleichsam seine Gattin, niemals verläßt.
Chronologie des Lebens Jakobs
Drittens überlebte Jakob seinen Vater Isaak um 27 Jahre: denn Isaak starb, als Jakob im 120. Lebensjahr stand. Jakob aber starb im 147. Lebensjahr. Man beachte hier beiläufig die klimakterischen Jahre im Leben Jakobs, nämlich das 77. seines Exils in Haran, das 84. seiner Ehen mit Rahel und Lea, das 91. der Geburt Josefs und das 147. seines Todes. Denn alle diese Jahre sind Siebener, das heißt siebente Jahre, von denen die Ärzte behaupten, daß sie dem Menschen große Veränderung bringen, wie sie hier Jakob brachten.
Jakob ging, vor Esau fliehend, im 77. Lebensjahr nach Mesopotamien. Er blieb dort zwanzig Jahre; dann kehrte er im 97. Lebensjahr nach Kanaan zurück. Dort lebte er zehn Jahre als Fremdling, und zwar getrennt von seinem Vater Isaak, weil beide wohlhabend waren und eine Fülle von Herden besaßen, für die die Weiden eines einzigen Ortes nicht ausgereicht hätten; dennoch besuchte Jakob seinen Vater von Zeit zu Zeit, sowohl persönlich als auch durch Diener, Boten und Briefe. Nach zehn Jahren, nämlich im 107. Lebensjahr Jakobs, in welchem Jahr Rahel starb und Benjamin geboren wurde, kam Jakob nach Hebron zu seinem Vater Isaak, der nun vom Alter geschwächt war, mit der Absicht, dauerhaft bei ihm zu bleiben: er blieb dreizehn Jahre bei seinem Vater, danach starb Isaak im Alter von 180 Jahren, was das 120. Lebensjahr Jakobs und das 26. Josefs war.
Das Hysteron Proteron des Todes Isaaks
Ferner wurde im selben Jahr, in dem Rahel starb, im selben Jahr, in dem Benjamin geboren wurde, das das 107. Jakobs war, Josef im Alter von sechzehn Jahren von seinen Brüdern verkauft und nach Ägypten verschleppt. Als also Isaak starb, im 180. Lebensjahr, befand sich Josef in Ägypten im 13. Jahr seiner Knechtschaft, im 29. seines Alters, was das 527. Jahr nach der Sintflut war und das 2228. seit Erschaffung der Welt. Dies ist also ein Hysteron Proteron: denn der Tod Isaaks wird hier vor dem berichtet, was chronologisch nach dem Verkauf Josefs hätte stehen sollen, gegen Ende des 40. Kapitels der Genesis. So sagen Abulensis, Pererius und andere.
Vers 28: Die Tage Isaaks wurden vollendet
Vers 28. UND DIE TAGE ISAAKS WURDEN VOLLENDET, HUNDERTUNDACHTZIG JAHRE.
Vers 29: Vom Alter aufgezehrt
Vers 29. Und vom Alter aufgezehrt, als die natürliche Wärme erlosch und die grundlegende Feuchtigkeit vertrocknete, die die natürliche Wärme nährt und erhält, wie die Flamme einer Lampe durch Öl genährt wird. Er wurde zu seinem Volke versammelt, das heißt zu den Vätern im Limbus. Man sehe, was zu Kapitel 25, Vers 8 gesagt wurde. Isaak lebte 180 Jahre; wir leben 60 oder 70. Die Menschen klagen, daß das Leben kurz sei, weil alle für andere leben, wenige für sich selbst: der Grund ist, daß sie leben, als würden sie ewig leben. Sie mögen wenigstens jenen Spruch Senecas bedenken: Die Lebenszeit ist entweder, oder sie war, oder sie wird sein; was wir tun, ist kurz; was wir tun werden, ist ungewiß; was wir getan haben, ist gewiß. Warum also geben wir uns aus dieser kleinen und flüchtigen Zeitspanne nicht mit ganzer Seele dem hin, was unermeßlich, was ewig ist? Welcher Ort erwartet deine Seele nach dem Leben, welches Los erwartet dich, wohin wird die Natur, oder vielmehr Gott, dich nach dem Tode stellen?