Cornelius a Lapide

Genesis XXXVII


Inhaltsverzeichnis


Zusammenfassung des Kapitels

Josef erzählt seine Träume; seine Brüder beneiden ihn und sinnen auf seinen Tod, doch Ruben befreit ihn. Dann, ab Vers 26, verkaufen sie Josef auf Judas Überredung hin an die Midianiter, und diese verkaufen ihn an Potiphar in Ägypten.


Vulgata-Text: Genesis 37,1-36

1. Jakob aber wohnte im Lande Kanaan, in dem sein Vater als Fremdling gelebt hatte. 2. Und dies sind die Nachkommen desselben: Josef, als er sechzehn Jahre alt war, weidete die Herde mit seinen Brüdern, noch ein Knabe; und er war bei den Söhnen der Bilha und Silpa, den Frauen seines Vaters; und er verklagte seine Brüder bei ihrem Vater wegen eines sehr schweren Vergehens. 3. Israel aber liebte Josef mehr als alle seine Söhne, weil er ihn in seinem Alter gezeugt hatte; und er machte ihm einen bunten Rock. 4. Als aber seine Brüder sahen, dass er vom Vater mehr als alle Söhne geliebt wurde, hassten sie ihn und konnten nicht friedlich mit ihm reden. 5. Es geschah auch, dass er seinen Brüdern einen Traum erzählte, den er gehabt hatte, was den Keim zu noch größerem Hass legte. 6. Und er sprach zu ihnen: Hört meinen Traum, den ich geträumt habe: 7. Ich meinte, wir bänden Garben auf dem Feld, und meine Garbe richtete sich gleichsam auf und stand da, und eure Garben stellten sich ringsum auf und verneigten sich vor meiner Garbe. 8. Seine Brüder antworteten: Willst du etwa unser König sein? Oder sollen wir deiner Herrschaft unterworfen werden? Diese Sache der Träume und Worte also nährte den Neid und den Hass. 9. Er sah auch einen anderen Traum, den er seinen Brüdern erzählte und sprach: Ich sah im Traum gleichsam die Sonne und den Mond und elf Sterne, die mich anbeteten. 10. Und als er dies seinem Vater und seinen Brüdern erzählt hatte, tadelte ihn sein Vater und sprach: Was soll dieser Traum bedeuten, den du geträumt hast? Sollen ich und deine Mutter und deine Brüder dich auf der Erde anbeten? 11. Seine Brüder also beneideten ihn; aber sein Vater behielt die Sache schweigend im Herzen. 12. Und als seine Brüder sich in Sichem aufhielten und die Herden ihres Vaters weideten, 13. sprach Israel zu ihm: Deine Brüder weiden die Schafe in Sichem; komm, ich will dich zu ihnen senden. Und er antwortete: 14. Ich bin bereit. Er sprach zu ihm: Geh und sieh, ob alles wohl steht mit deinen Brüdern und dem Vieh, und berichte mir, was geschieht. Ausgesandt aus dem Tal von Hebron, kam er nach Sichem; 15. und ein Mann fand ihn umherirrend auf dem Feld und fragte ihn, was er suche. 16. Er aber antwortete: Ich suche meine Brüder; sage mir, wo sie ihre Herden weiden. 17. Und der Mann sprach zu ihm: Sie sind von diesem Ort aufgebrochen; denn ich hörte sie sagen: Lasst uns nach Dotan gehen. So ging Josef seinen Brüdern nach und fand sie in Dotan. 18. Und als sie ihn von ferne sahen, ehe er zu ihnen kam, schmiedeten sie den Plan, ihn zu töten; 19. und sie sprachen zueinander: Seht, der Träumer kommt; 20. kommt, lasst uns ihn töten und in eine alte Grube werfen, und wir werden sagen: Ein wildes Tier hat ihn verschlungen; und dann wird sich zeigen, was ihm seine Träume nützen. 21. Als aber Ruben dies hörte, bemühte er sich, ihn aus ihren Händen zu befreien, und sprach: 22. Tötet ihn nicht, vergießt nicht sein Blut; sondern werft ihn in diese Zisterne, die in der Wüste ist, und haltet eure Hände unschuldig; dies aber sagte er, weil er ihn aus ihren Händen reißen und seinem Vater zurückgeben wollte. 23. Sobald er also zu seinen Brüdern kam, zogen sie ihm seinen langen bunten Rock aus; 24. und warfen ihn in eine alte Zisterne, die kein Wasser hatte. 25. Und als sie sich setzten, um Brot zu essen, sahen sie ismaelitische Reisende von Gilead kommen, und ihre Kamele trugen Gewürze und Balsam und Myrrhe nach Ägypten. 26. Da sprach Juda zu seinen Brüdern: Was nützt es uns, wenn wir unseren Bruder töten und sein Blut verbergen? 27. Es ist besser, dass er an die Ismaeliter verkauft werde und unsere Hände nicht befleckt werden; denn er ist unser Bruder und unser Fleisch. Seine Brüder stimmten seinen Worten zu. 28. Und als die midianitischen Kaufleute vorbeikamen, zogen sie ihn aus der Grube und verkauften ihn an die Ismaeliter für zwanzig Silberstücke; und sie führten ihn nach Ägypten.

29. Und Ruben kehrte zur Zisterne zurück und fand den Knaben nicht; 30. und er zerriss seine Kleider, ging zu seinen Brüdern und sprach: Der Knabe ist nicht da, und wohin soll ich gehen? 31. Und sie nahmen seinen Rock und tauchten ihn in das Blut eines Ziegenbocks, den sie geschlachtet hatten; 32. sie sandten Leute, um ihn zum Vater zu bringen und zu sagen: Dies haben wir gefunden; sieh, ob es der Rock deines Sohnes ist oder nicht. 33. Und der Vater erkannte ihn und sprach: Es ist der Rock meines Sohnes; ein wildes Tier hat ihn gefressen, ein Raubtier hat Josef verschlungen. 34. Und er zerriss seine Kleider und legte ein Bußgewand an und trauerte lange Zeit um seinen Sohn. 35. Und alle seine Kinder versammelten sich, um den Schmerz des Vaters zu lindern, aber er wollte keinen Trost annehmen, sondern sprach: Trauernd werde ich zu meinem Sohn in die Unterwelt hinabsteigen. Und als er im Weinen beharrte, 36. verkauften die Midianiter Josef in Ägypten an Potiphar, einen Kämmerer des Pharao, den Obersten der Leibwache.


Vers 2: Josef mit sechzehn Jahren; Er klagte seine Brüder an

2. DIES SIND DIE NACHKOMMEN desselben, das heißt Jakobs, als wollte er sagen: Im Folgenden werde ich die Nachkommen Jakobs schildern, ihre Schicksale, Begebenheiten und Taten, besonders die Josefs, wie ich es für Esau im vorigen Kapitel getan habe. Denn hier beginnt die Geschichte Josefs, des Unschuldigsten, Keuschesten und Geduldigsten. Siehe den hl. Ambrosius, Buch Über Josef.

Josef, als er sechzehn Jahre alt war. Die Hebräer, Chaldäer, die Septuaginta und Josephus haben siebzehn, nämlich Josef hatte sein 16. Lebensjahr vollendet und sein 17. begonnen. Daher sagt Philo: Er war etwa 17 Jahre alt. Daher lautet der hebräische Text: „Josef war ein Sohn von 17 Jahren.“ Denn das hebräische ben, das heißt ‚Sohn‘, bezeichnet den Anfang und gleichsam den Aufbau jener Sache, von der Wurzel banah, das heißt ‚er baute‘, wie aus Exodus II,5 hervorgeht, als wollte man sagen: Josef wurde noch aufgebaut von seinem siebzehnten Jahr an, oder er stand in seinem siebzehnten Jahr.

Diese Dinge geschahen Josef also kurz nach dem Tod seiner Mutter Rahel und der Geburt Benjamins, nämlich im selben oder im folgenden Jahr, als Jakob 107 Jahre alt war, das heißt im Jahr der Welt 2216. Merke: Josef ertrug von diesem 16. bis zu seinem 30. Lebensjahr, volle dreizehn Jahre lang, harte und elende Knechtschaft; in seinem 30. Jahr aber wurde er zum Regenten erhoben, und in diesem Amt lebte er glücklich und ruhmreich, als Fürst Ägyptens, 80 Jahre lang bis zu seinem Tod; denn er starb im Alter von 110 Jahren. Und so war Josef ein ausdrückliches Vorbild Christi, der litt und auferstand. Siehe den hl. Chrysostomus, Homilie 61 und folgende, und den hl. Ambrosius, Buch Über Josef: „Lernet“, sagt Ambrosius, „in Abraham die unermüdliche Hingabe des Glaubens; in Isaak die Reinheit eines aufrichtigen Herzens; in Jakob die Ausdauer in den Mühen; in Josef den Spiegel der Keuschheit“; füge auch hinzu: der Geduld und Standhaftigkeit im Ertragen von Hass, Verfolgungen, Verleumdungen, Knechtschaft, Kerker usw.

NOCH EIN KNABE, sowohl dem Alter nach als auch an Sitten und Unschuld.

ER WAR BEI DEN SÖHNEN DER BILHA UND SILPA. Es scheint, dass Jakob seine Herde in zwei Teile geteilt hatte: die eine gab er den sechs Söhnen der Lea zum Weiden, die andere vertraute er den Söhnen der Mägde Bilha und Silpa an, zu denen er Josef gesellte; weil diese es leicht ertrugen, dass Josef ihnen vorgezogen wurde, was die Söhne der Lea nicht ertrugen. Denn wie zwischen Rahel und Lea Rivalität herrschte, so auch unter ihren Söhnen; denn die Söhne der Lea meinten, besonders nach Rahels Tod, dass ihnen als den älteren Söhnen, geboren von der älteren Mutter, die noch lebte, das Erstgeburtsrecht zustehe.

UND ER VERKLAGTE. So lesen der hebräische, chaldäische Text, Aquila, Symmachus und Theodotion. Aber die Septuaginta in der römischen Ausgabe hat katenengkan, das heißt ‚sie verklagten‘, nämlich die Brüder verklagten Josef selbst; und so lesen Theodoret, der hl. Chrysostomus, Diodor und Kyrill. Aber es ist zu verbessern in katenengken, das heißt ‚er verklagte‘; denn so liest die Septuaginta in der königlichen Ausgabe, und die hebräischen Texte verlangen dies, ebenso wie der Zusammenhang der Erzählung selbst.

Merke: Josef beobachtete, da er unschuldig und heilig war, die Ordnung der brüderlichen Zurechtweisung, welche die natürliche Vernunft selbst vorschreibt, nämlich dass der Nächste zuerst unter vier Augen über seine Sünde ermahnt werden soll, bevor die Angelegenheit einem Vorgesetzten vorgetragen wird. Josef ermahnte also zuerst seine Brüder; als er aber sah, dass seine Ermahnung von ihnen missachtet wurde, meldete er sie dem Vater. So sagt Abulensis.

SEINE BRÜDER, besonders die Söhne der Bilha und Silpa, sagt der hl. Kyrill, insofern er mit ihnen lebte und die Schafe weidete.

WEGEN EINES SEHR SCHWEREN VERGEHENS, wider die Natur, nämlich die Sünde entweder der Sodomie, wie Rupert meint; oder der Unzucht mit den Schafen, die sie weideten, wie der hl. Thomas, Abulensis und Hugo von St. Viktor meinen — was deshalb, weil es schändlich, abscheulich und ehrlos war, Mose hier nicht benennen wollte; denn dies ist eine Sünde, die verschwiegen, die ob ihrer Ungeheuerlichkeit mit Schweigen bedeckt werden muss. Das Hebräische hat dibba raa, das heißt ‚üble Nachrede‘ oder ‚übler Ruf‘; woraus hervorgeht, dass diese Sünde der Brüder Josefs unaussprechlich, ehrlos und öffentlich bekannt war.

Andere, wie Pererius, verstehen unter ‚sehr schwerem Vergehen‘ Streitigkeiten und gegenseitigen Hass; wieder andere verstehen darunter Murren gegen den Vater, weil er den jüngeren Josef ihnen vorzog. Aber diese Dinge sind kein dibba, das heißt keine Schande, keine schändliche, schmutzige und unaussprechliche Sache. Einige Juden meinen, Josef habe nur Ruben wegen seines Beischlafs mit Bilha angeklagt. Aber das widerspricht dem, was hier gesagt wird, dass er nämlich nicht einen Bruder, sondern Brüder anklagte, als hätte er mehrere von ihnen angeklagt. So sagt Abulensis.


Vers 3: Der bunte Rock

3. UND WEIL ER IHN IN SEINEM ALTER GEZEUGT HATTE. Im Hebräischen steht, weil er der Sohn des Alters war, das heißt ausgestattet mit greisenhafter Bescheidenheit, Klugheit und Sitte, sagen Theodoret, Josephus und Burgensis; daher übersetzt der Chaldäer: weil er ihm ein weiser Sohn war. Aber unser Übersetzer gibt es besser und genauer wieder: „weil er ihn in seinem Alter gezeugt hatte.“ Denn obwohl Jakob innerhalb der zweiten sieben Jahre seiner Dienstzeit alle seine Söhne zeugte, auch Josef, mit alleiniger Ausnahme Benjamins, so war Josef doch der letzte und geringste von allen, außer Benjamin, der in diesem sechzehnten Jahr Josefs erst ein Kleinkind von einem Jahr war. Josef wird also der Sohn des Alters genannt, nicht schlechthin, sondern im Verhältnis zu den übrigen Söhnen Jakobs, die alle vor Josef gezeugt wurden, so dass Josef im Vergleich zu ihnen der Sohn des Alters war, das heißt der zuletzt, in der letzten Zeugungsperiode des Vaters, Gezeugte.

Philo bemerkt in seinem Buch Über Abraham, dass Eltern Kinder, die im Alter gezeugt wurden, mehr als ihre anderen Kinder zu lieben pflegen, weil solche die letzten Früchte der Eltern sind, nach denen sie keine weiteren erhoffen. Zweitens, weil solche Kinder Zeichen eines guten und kräftigen Alters der Eltern sind. Höre Philo: „Spät geborene Kinder“, sagt er, „lieben die Eltern leidenschaftlicher, entweder weil sie lange ersehnt wurden, oder weil ihre erschöpfte Natur danach keinen Nachwuchs mehr erhofft, oder weil sie sich am meisten freuen, im Alter noch zeugungskräftig zu sein.“ Füge auch hinzu, dass Josef seinem Vater und Großvater ähnlich war; denn wie Jakob von der unfruchtbaren Rebekka geboren wurde und Isaak von der unfruchtbaren Sara, so ging Josef aus der unfruchtbaren Rahel und dem betagten Jakob hervor, sagt Rupert. Cajetan fügt hinzu, dass durch solche Kinder, als wahrscheinlich länger lebende, der Name und das Andenken der Eltern bewahrt werden kann.

Außer dieser Ursache der Liebe gab es auch eine andere, und zwar die hauptsächliche, nämlich die Unschuld des Lebens und des Charakters Josefs. So sagt der hl. Chrysostomus, Homilie 61. Überdies trug zu dieser Liebe der betagte Zustand und die Zuneigung des Vaters auch physisch nicht wenig bei. Da nämlich Greise von kalter Natur, reif, weise, keusch und wohlgeordnet sind, zeugen und erziehen sie daher auch solche Kinder. Ein deutliches Beispiel findet sich in der berühmten Familie der Anitier (die später Frangipani genannt wurde), die von einer alten Frau (anus) ihren Ursprung und Namen erhielt. Denn Anitius, ihr Stammvater und Gründer, wurde so genannt, weil er von einer betagten Mutter, das heißt einer Greisin, gezeugt worden war. Denn diese Familie brachte der Welt den hl. Paulinus, Bischof von Nola, den hl. Benedikt, die hl. Scholastika, den hl. Placidus, Severinus Boethius, die hl. Sylvia, den hl. Gregor den Großen, den hl. Thomas von Aquin und sehr viele andere hervor, die sich durch Keuschheit, Weisheit und jede Tugend auszeichneten, wie Franciscus Zazzera nach Panvini in seiner Abhandlung Über die Familie der Anitier lehrt; der dennoch hinzufügt, dass einige meinen, die Anitier seien griechischen Ursprungs und Namens gewesen und gleichsam anikios, das heißt ‚unbesiegt‘, genannt worden. Ein weit deutlicheres Beispiel liegt in der seligen Jungfrau: Denn Gott fügte es passend, dass sie von betagten und heiligen Eltern, Anna und Joachim, geboren und erzogen würde, weil Er sie dazu bestimmte, die Vorkämpferin der Demut, der Glanz der Jungfräulichkeit, die Sonne der Weisheit und Heiligkeit zu sein, und sie über die Engel, Cherubim und Seraphim zu erheben.

UND ER MACHTE IHM EINEN BUNTEN ROCK. Im Hebräischen passim, das heißt buntgewirkt aus Stücken und Fäden verschiedener Farben. So die Septuaginta. Denn wie trimitos ein dreifädiges, das heißt ein Gewand aus drei Fäden ist, so ist polymitos ein vielfädiges, das heißt ein Gewand aus vielen Fäden. Aquila übersetzt es als ‚bis zu den Knöcheln reichend‘; Symmachus als ‚mit Ärmeln versehen‘.

Sinnbildlich ist dieser bunte Rock die Buntheit der Tugenden, sagt Rupert. „Mit Recht also machte er ihm einen bunten Rock, womit er anzeigte, dass er durch das Gewand verschiedener Tugenden seinen Brüdern vorzuziehen sei“, sagt der hl. Ambrosius; und, wie Philo in seinem Buch Über Josef, oder Über den Staatsmann sagt, ist diese vielbunte Toga die vielfältige Klugheit eines Fürsten. Denn ein Fürst, wie Josef einer wurde, muss vielfarbig sein, weil er im Frieden anders sein muss als im Krieg, anders gegenüber Feinden als gegenüber Freunden usw., und daher muss er polytropos (vielseitig) sein, wie Homer es von Odysseus besingt, der sich nach der Natur der Dinge und Personen in alle Formen und Gestalten wenden und anpassen konnte.

Der hl. Gregor aber, in Moralia Buch I, letztes Kapitel, der mit Aquila diesen Rock als bis zu den Knöcheln reichend versteht, sagt: Der knöchellange Leibrock ist die Beharrlichkeit, die sich bis zu den Knöcheln erstreckt, das heißt bis zum Ende des Lebens.

Man beachte hier: Die Ursache des Hasses und Neides der Brüder gegen Josef war erstens, dass Josef vom Vater mehr geliebt wurde; zweitens, dass er sie beim Vater eines Vergehens angeklagt hatte; drittens Josefs Träume; viertens sein bunter Rock, der beständig die Augen der Brüder traf. Denn dieser Rock war den Brüdern ein Schmerz für die Augen und kam Josef und seinen Vater teuer zu stehen. Denn mit ihm zogen ihn seine Brüder aus, sannen auf seinen Tod und verkauften ihn schließlich an die Ismaeliter.

Mögen die Eltern aus diesem Beispiel lernen, ihre Kinder gleichermaßen zu lieben, zu kleiden und zu erziehen und ihre Gaben und Güter, soweit möglich, gleichmäßig zu verteilen, damit sie nicht, wenn sie eines dem anderen vorziehen, das eine kleinmütig machen und das andere hochmütig werden lassen, und so ewigen Neid und Streit zwischen ihnen und folglich sich selbst ewigen Kummer und Trauer bereiten. Denn der Hass unter Brüdern und Freunden pflegt äußerst bitter zu sein, wofür Aristoteles in Politik Buch VII, Kapitel VII den Grund angibt: sowohl weil jeder Wandel von einem Gegensatz zum anderen fortschreitet, und daher die höchste Liebe sich in den höchsten Hass verwandelt; als auch weil eine Kränkung durch einen Bruder oder Freund bitterer erscheint, denn von denen, von denen sie meinen, dass ihnen eine Wohltat geschuldet werde, fühlen sie sich nicht nur ihrer beraubt, sondern darüber hinaus verletzt, und das empfinden die Menschen als bitter.


Vers 4: Der Hass der Brüder — Über den Neid

4. SIE HASSTEN IHN. Dies ist eine bemerkenswerte moralische Stelle über den Neid. Daher beachte man hier die Eigenschaften und Heilmittel des Neides. Erstens ist der Neid der Augenentzündung ähnlich, die von sehr glänzenden und leuchtenden Dingen verletzt und geschädigt wird; denn so wird der Neid durch die Güter, die Tugend und den Ruhm anderer verbittert und verzehrt sich. Daher antwortete Aristoteles, als er gefragt wurde, „was der Neid sei“: „Er ist der Widersacher der Glücklichen.“ Zweitens: Je mehr Tugend und Ruhm wachsen, desto mehr wächst auch der Neid. Daher pflegte Themistokles als junger Mann bekümmert zu sagen, dass er noch keine glänzende Tat vollbracht habe: Weil, sagte er, mir noch niemand neidet. Drittens: Der Neid schadet niemandem außer sich selbst. Denn wie der Rost das Eisen zerfrisst, so zermürbt und verzehrt der Neid den Neidischen; und wie die Viper den Leib ihrer Mutter zernagen und aufsprengen soll, um geboren zu werden, so zernagt und zersprengt der Neid den Geist des Neidischen. Daher Horaz: Die Tyrannen Siziliens erfanden keine größere Qual als den Neid.

Willst du ein Bild und eine Gestalt des Neides? Treffend schildert Ovid den Neid in Metamorphosen Buch II: Blässe sitzt auf ihrem Gesicht und Magerkeit am ganzen Leib; ihr Blick ist niemals gerade; ihre Zähne sind vom Rost verfärbt; ihre Brust grünt von Galle; ihre Zunge ist mit Gift durchtränkt. Kein Lachen ist da, außer das, welches der Schmerz anderer erzeugt; sie genießt keinen Schlaf, aufgescheucht von wachen Sorgen; aber sie sieht die unwillkommenen Erfolge der Menschen und verzehrt sich beim Anblick, und sie nagt an anderen, während sie selbst zernagt wird; sie ist ihre eigene Strafe.

Daher sagte Anacharsis, der Neid sei die Säge der Seele; und Sokrates, er sei das Geschwür der Seele. Daher urteilte auch Euagoras, die Neidischen seien unglücklicher als andere Menschen und doppelt so elend: weil die anderen nur von ihren eigenen Übeln gequält werden, die Neidischen aber darüber hinaus von den Gütern anderer gepeinigt werden. Viertens: Der Neid macht den Beneideten gewöhnlich noch berühmter und glücklicher: So waren Josefs Brüder, indem sie ihn aus Neid verkauften, die Ursache dafür, dass er in Ägypten erhöht wurde. Fünftens lehrt der hl. Gregor in Moralia Buch V zu jener Stelle aus Jakobus Kapitel 5: „Der Neid tötet den Kleinen“, dass der Neidische von kleinlichem Geist, engem Herzen und niedrigem und verächtlichem Charakter ist; denn indem er anderen neidet, zeigt er sich selbst als geringer und ihnen unterlegen und offenbart seine eigene Kleinheit und Armut: denn was er beneidet, das besitzt er selbst nicht und begehrt es heftig. Sechstens: Der Neid frisst auch den Leib auf und verzehrt ihn. Daher sagt der Weise in Sprüche XIV: „Das Leben des Fleisches ist die Gesundheit des Herzens; Fäulnis der Gebeine aber ist der Neid.“

Höre den hl. Ambrosius, Buch Über Josef, Kapitel II: „Mehr wird für einen Sohn gewonnen, dem die Liebe seiner Brüder gewonnen wird. Dies ist die glänzendere Freigebigkeit der Eltern, dies das reichere Erbe der Kinder. Gleiche Gunst verbinde jene Kinder, die die gleiche Natur verbunden hat. Die Frömmigkeit kennt keinen Geldgewinn, wo es Verlust an Frömmigkeit gibt. Was wunderst du dich, wenn wegen eines Ackers oder Hauses Streitigkeiten unter Brüdern entstehen, da doch wegen eines Rockes der Neid unter den Söhnen des heiligen Jakob entbrannte?“ Dennoch entschuldigt er Jakob, „weil er jenen mehr liebte, in dem er die größeren Zeichen der Tugend voraussah, so dass der Vater nicht so sehr den Sohn, als vielmehr der Prophet das Geheimnis bevorzugt zu haben scheint; und mit Recht machte er ihm einen bunten Rock, womit er anzeigte, dass er durch das Gewand verschiedener Tugenden seinen Brüdern vorzuziehen sei.“

Siebtens lehrt der hl. Basilius in seiner Predigt Über den Neid, dass das wirksamste Heilmittel gegen den Neid die Verachtung des Ruhmes und aller zeitlichen Güter als vergänglicher und hinfälliger ist, sowie die Liebe und das Verlangen nach den ewigen Gütern. Hierüber siehe den hl. Gregor, Moralia Buch V, am Ende. So pflegte auch Krates von Theben zu sagen, sein Vaterland sei die Verachtung des Ruhmes und die Armut, über die das Schicksal keine Macht ausüben könne. Er sagte auch, er sei Bürger und Schüler des Diogenes des Kynikers, der keinen Nachstellungen des Neides ausgesetzt war. Denn Reichtum und Ehren ziehen gewöhnlich den Neid der Menschen an. So berichtet Laertius über ihn in Buch VI. Gregor von Nazianz sagt auch wahrhaftig in seinen Jambischen Distichen: „Mit Christi Zustimmung vermag die Bosheit nichts; ohne Christi Zustimmung vermag die Mühe nichts.“ Achtens pflegte Cato der Ältere zu sagen, dass diejenigen, die ihr Glück maßvoll und nüchtern gebrauchten, am wenigsten vom Neid angegriffen würden. Denn die Menschen, sagte er, beneiden nicht uns, sondern die Güter, die uns umgeben; umgekehrt ziehen sich diejenigen, die ihre Güter anmaßend gebrauchen, den Neid auf sich. Zeuge dafür ist Plutarch in seinen Römischen Sprüchen. Der hl. Gregor von Nazianz wich, als die Kirche durch seine Rivalen und Verleumder beunruhigt wurde, und sprach: „Fern sei es, dass meinetwegen irgendein Zwist unter Gottes Priestern entstehe. Wenn jener Sturm meinetwegen ist, so nehmt mich und werft mich ins Meer.“ So antwortete auch Kleobulos, als er von jemandem gefragt wurde, wovor man sich am meisten hüten solle: Vor dem Neid der Freunde und der Hinterlist der Feinde.

Siehe auch die vierzehn Eigenschaften des Neides bei Pererius an dieser Stelle, Nummer 30 und folgende. Unser Vincentius Regius weist acht Heilmittel gegen den Neid zu in Buch IV der Evangelischen Untersuchungen, Kapitel XVI.


Vers 6: Josefs erster Traum

6. HÖRT MEINEN TRAUM. Dieser Traum war, wie der Ausgang zeigte, kein natürlicher, sondern von Gott gesandter, durch den Gott zukünftige Ereignisse sowohl Josef als auch seinen Brüdern ankündigte und bedeutete.


Vers 7: Der Traum von den Garben

7. ICH MEINTE, WIR BÄNDEN GARBEN, von Korn und Getreide. Durch dieses Sinnbild wurde treffend die Reise der Brüder nach Ägypten vorausgedeutet, um in der Zeit der Hungersnot Getreide zu kaufen. Ferner bedeutete es, dass die Garben der Brüder sich vor Josefs Garbe verneigten, deutlich, dass die Brüder Josef in Ägypten anbeten würden. So sagt Theodoret, Frage XCIII.

Im übertragenen Sinn ist diese Garbe Josefs Christus, den alle Lesungen des Gesetzes und der Propheten, alle Heiligen und Engel umgeben und anbeten, sagt Rupert. Und der hl. Ambrosius, Buch Über Josef, Kapitel II, sagt: „Darin wurde freilich die zukünftige Auferstehung des Herrn Jesus offenbart, den, als sie ihn in Galiläa sahen, die elf Jünger anbeteten; und alle Heiligen werden, wenn sie auferstanden sein werden, ihn anbeten und die Früchte guter Werke darbringen, wie geschrieben steht: Sie werden kommen mit Jubel und ihre Garben tragen.


Vers 9: Die Sonne, der Mond und die elf Sterne

9. DIE SONNE UND DER MOND UND ELF STERNE, DIE MICH ANBETETEN. Hier wird die vorherige Vision von Gott durch ein anderes Sinnbild und einen anderen Traum bestätigt. Die Sonne bedeutet den Vater, der Mond die Mutter, nämlich Bilha, die als Magd Rahels nach deren Tod Josef gleichsam eine Mutter war, sagen Lyra und Abulensis; die elf Sterne bedeuten die elf Brüder, die Josef in Ägypten anbeten würden.

Die Garben aber schienen Josef anzubeten, indem sie sich vor ihm neigten und ihre Ähren vor ihm beugten und niederwarfen. So schienen auch Sonne, Mond und Sterne sich aus der Höhe zu seinen Füßen herabzusenken und ihn zu verehren; vielleicht erschienen sie sogar mit einem menschlichen Antlitz bekleidet (wie die Maler sie darstellen), und sie beugten und warfen es vor Josef zu Boden.

Lerne hier, dass Väter und Herrscher (wie Jakob es war) in ihrer Familie und im Gemeinwesen das sein sollen, was die Sonne im Weltall ist. Ähnlich war, was wir von Äsop, jenem großen Fabeldichter, in seiner Lebensbeschreibung lesen, dass er nämlich wie ein königlicher Gesandter prächtig von Nektanebo, dem König von Ägypten, empfangen wurde. Der König nämlich, in einen königlichen Kriegsmantel gekleidet, mit einem juwelenbesetzten Diadem auf dem Haupt, umgeben von einem Kreis von Vornehmen, saß auf einem erhabenen Thron. Der König fragte ihn dann: Womit vergleichst du mich und die mich Umgebenden? Der Fabeldichter antwortete: Dich vergleiche ich mit der Frühlingssonne, und diese mit kostbaren Ähren. Über diese Antwort war der König so erfreut, dass er den Mann mit Bewunderung und Geschenken ehrte. Siehe, was ich zu Jesaja Kapitel XLV, Vers 1 sagen werde. Ein vortrefflicher Spiegel einer Familie ist also eine solche, in der der Vater wie die Sonne, die Mutter wie der Mond und die Kinder wie Sterne durch den Glanz ihres Wesens sind. Daher beweist der hl. Ambrosius, Buch Über Josef, Kapitel II, dass das Jesuskind von Josef und Maria angebetet wurde, aus Psalm CXLVIII,3: „Lobt ihn, Sonne und Mond.“ Der Sonne gleich, sagt er, ist Josef; die Stelle des Mondes nimmt Maria ein. Denn wie die Sonne die Erde erwärmt, so erwärmt und pflegt der Vater die Familie. Wie der Mond sein Licht von der Sonne borgt, so empfängt die Ehefrau ihre Würde und Vollmacht von ihrem Mann. Ferner ist der Mond bald voll, bald leer: so ist auch der Schoß der Mutter bald voll, bald leer; drittens herrscht der Mond über das Feuchte und die Kinder, so ist auch die Mutter ganz mit der Erziehung und Lenkung der Kinder beschäftigt; viertens regiert der Mond die Nacht, die Sonne den Tag: so verwaltet der Mann die Geschäfte draußen, die Frau daheim. Diesen größeren Leuchten in der Familie folgen die kleineren der funkelnden Sterne in der Vielzahl der Kinder, über die Gott zu Abraham sprach: „Blicke zum Himmel empor und zähle die Sterne, wenn du kannst; so zahlreich wird dein Geschlecht sein.“ So sagt Fernandez am Ende von Vision 3. Im allegorischen Sinn trägt Josef hier das Vorbild Christi. Höre den hl. Ambrosius an der bereits angeführten Stelle: „Wer“, sagt er, „ist jener, den Eltern und Brüder auf Erden anbeteten, wenn nicht Christus Jesus, als Maria und Josef mit den Jüngern ihn anbeteten und bekannten, dass der wahre Gott in jenem Leibe war, von dem allein gesagt wurde: Lobt ihn, Sonne und Mond; lobt ihn, alle Sterne und Licht.


Vers 10: Sein Vater tadelte ihn

10. SEIN VATER TADELTE IHN, nicht weil er beleidigt war oder weil er diesen Traum verachtete (denn er selbst, der vermutete, dass dieser Traum von Gott stammte und Zukünftiges verhieß, behielt die Sache schweigend im Herzen), sondern damit er durch diesen Tadel Josef vom Neid seiner Brüder befreie und ihn in Bescheidenheit halte.


Vers 11: Sein Vater behielt die Sache im Herzen

11. SEIN VATER ABER BEHIELT DIE SACHE SCHWEIGEND IM HERZEN. Jakob war der Betrachtung ergeben, ebenso wie sein Vater Isaak, der hinauszugehen pflegte, um auf dem Feld nachzusinnen, Genesis XXIV; und daher war er in allen seinen Werken umsichtig, wohlgeordnet und heilig.

Höre den hl. Bernhard, Buch I Über die Betrachtung, Kapitel VII: „Die Betrachtung“, sagt er, „reinigt den Geist; dann lenkt sie die Neigungen, leitet die Handlungen, berichtigt die Ausschreitungen, ordnet die Sitten, macht das Leben ehrbar und geordnet; schließlich verleiht sie die Kenntnis sowohl der göttlichen als auch der menschlichen Dinge. Sie ist es, die das Verworrene entwirrt, das Klaffende schließt, das Zerstreute sammelt, die Geheimnisse erforscht, die Wahrheit aufspürt, das Wahrscheinliche prüft und das Vorgetäuschte und Verfälschte entlarvt. Sie ist es, die das zu Tuende im Voraus anordnet und das Getane überdenkt, so dass nichts im Geist zurückbleibt, das entweder unverbessert oder der Verbesserung bedürftig ist. Sie ist es schließlich, die im Glück das Unglück vorausahnt und im Unglück es kaum empfindet: wovon das eine zur Tapferkeit gehört, das andere zur Klugheit.“

Im allegorischen Sinn sagt der hl. Ambrosius, Buch Über Josef, Kapitel II: Josef, von seinem Vater zu seinen Brüdern gesandt, die die Schafe weideten, ist Christus, vom Vater ins Fleisch gesandt, damit Er uns rette und besonders die Juden als seine Brüder. Daher spricht Er selbst: „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.“


Vers 13: Jakob sendet Josef zu seinen Brüdern

13. KOMM, ICH WILL DICH SENDEN. Hieraus geht hervor, dass Jakob Josef von seinen Brüdern und den Herden zurückgerufen hatte, damit durch seine Abwesenheit der Neid der Brüder einschlafe. Nach einiger Zeit, im Glauben, er sei abgeklungen, schickt er Josef wieder zu ihnen zurück, damit er zwischen ihnen und dem Vater ein Bote sei und so wieder das Wohlwollen der Brüder für sich gewinne. Überdies wollte der Vater nicht, dass er untätig zu Hause sitze. Denn die Tugend wird durch Tätigkeit genährt; im Müßiggang welkt sie dahin.


Vers 14: Aus dem Tal von Hebron

14. AUSGESANDT AUS DEM TAL VON HEBRON. Hieraus geht hervor, dass Jakob ebenso wie Isaak und Abraham in Hebron gewohnt hatte und von dort Josef zu seinen Brüdern sandte.


Vers 19 — „Der Träumer“

DER TRÄUMER. Im Hebräischen baal hachalomot, das heißt ‚Herr der Träume‘, das heißt einer, der Träume hat und besitzt; zweitens einer, der geschickt ist, Träume zu erdichten; drittens ein Herr und Fürst, aber im Traum, als wollte man sagen: Josef wird unser Herr und Fürst sein, nicht in Wirklichkeit, sondern im Traum; er träumt davon, unser Fürst zu werden; so sei er denn Fürst, aber durch seine Träume; nennen und machen wir ihn zum Fürsten und König der Träume.

Im allegorischen Sinn sagt der hl. Ambrosius, Buch Über Josef, Kapitel III: „Dies wurde über Josef geschrieben, aber in Christus erfüllt, als die Juden in seiner Passion sagten: Wenn er der König Israels ist, so steige er jetzt vom Kreuz herab.


Vers 22: Ruben rettet Josef; Die Zisterne

22. TÖTET NICHT SEINE SEELE — das heißt sein Leben, dessen Ursache die Seele ist. Dies ist eine Metonymie. Daher folgerten die Sadduzäer zu Unrecht aus diesem Ausdruck, dass die Seele sterblich sei und getötet werden und sterben könne. Andere verstehen unter ‚Seele‘ das Fleisch oder den Leib und führen eine ähnliche Stelle in Levitikus 21, Vers 1 und 11 an. Aber dort wird nicht lebendiges Fleisch, sondern ein Leichnam ‚Seele‘ genannt, durch Antiphrase.

WERFT IHN IN DIE ZISTERNE. Ruben sagte dies, um Josef vom Tod zu retten; denn er gedachte, ihn heimlich aus der Zisterne herauszuziehen und zum Vater zurückzubringen, damit er durch diese Tat der Barmherzigkeit gegen den dem Vater so teuren Bruder die Gunst wiedergewänne, die er durch seinen Beischlaf mit der Nebenfrau des Vaters verloren hatte.

Im allegorischen Sinn wird Josef in die Zisterne geworfen, das heißt, Christus stieg in die Unterwelt hinab; von dort herausgezogen wird er an die Ismaeliter verkauft, weil Christus bei seiner Auferstehung von allen Heidenvölkern durch den Handel des Glaubens erworben wird, sagt Eucherius, Buch III, Kapitel 37.


Vers 24: Josef wird in die Zisterne geworfen

UND SIE WARFEN IHN HINEIN. Josephus fügt hinzu, dass Josef an einem Seil von Ruben hinabgelassen wurde. Was tat Josef hier? Er war wie ein Schaf unter Wölfen — er weinte, er seufzte, er betete. Höre die Brüder selbst in Kapitel 42: „Mit Recht“, sagen sie, „erleiden wir dies, weil wir gegen unseren Bruder gesündigt haben, als wir die Angst seiner Seele sahen, da er uns anflehte, und wir nicht hörten.“ Der hl. Ephräm beschreibt dieses Flehen Josefs an seine Brüder auf ergreifende Weise in seiner Abhandlung Über das Lob Josefs.


Vers 25: Die ismaelitischen Kaufleute

HARZ. Harz ist die Bezeichnung für eine zähe Flüssigkeit, die aus einem Baum fließt und an ihm haftet; die am meisten geschätzte Art ist diejenige, die vom Terebinthenbaum fließt und Terpentin genannt wird.

MYRRHENTRÄNEN. Stakte ist eine Träne der Myrrhe, die von der Myrrhe fließt und tropft; daher wird sie Stakte genannt, das heißt ‚tropfend‘, vom griechischen stazein, das heißt ‚tropfen‘.


Vers 26: Juda schlägt den Verkauf vor

DA SPRACH JUDA. Juda fürchtete, dass Josef in der Zisterne schließlich von seinen Brüdern getötet werden könnte, und überredete sie deshalb, ihn zu verkaufen. Severianus bemerkt, dass es passend war, dass der Urheber des Verkaufs Josefs Juda war, weil Christus, dessen Vorbild Josef war, durch Judas verkauft werden sollte; aber dieser Juda verkaufte Josef in guter Absicht und mit gutem Vorsatz, während jener Judas Christus in böser und frevlerischer Absicht verkaufte.

AN DIE ISMAELITER. Kurz zuvor nannte Mose diese Kaufleute Midianiter, entweder weil sie in Midian wohnten, obwohl sie Nachkommen Ismaels waren, oder vielmehr weil sie teils Ismaeliter und teils Midianiter waren. Denn so pflegen flämische und französische Kaufleute gemeinsam zu den Messen zu reisen. So sagen Cajetan und Pererius.

FÜR ZWANZIG SILBERSTÜCKE. Verstehe: Schekel. So der Chaldäer, das heißt 20 brabantische Gulden. So sagen Pererius, Maldonatus und andere; obwohl einige, wie Ribera und Suárez, meinen, ein Silberstück sei ein halber Schekel, so dass Josef für 10 brabantische Gulden verkauft wurde. Origenes, der hl. Augustinus und Beda lesen ‚dreißig Silberstücke‘, weil Christus für denselben Betrag verkauft wurde. Aber der hebräische, chaldäische, griechische Text und Josephus lesen einhellig ‚zwanzig Silberstücke‘. Nämlich, wie der hl. Hieronymus sagt, es war nicht schicklich, dass der Knecht für ebenso viel verkauft werde wie der Herr — das heißt Josef für ebenso viel wie Christus. Oder vielmehr, Christus wurde, weil er ein Mann war, für weniger verkauft als Josef, der ein Knabe war; denn ein Mann wird billiger für 30 Gulden gekauft als ein Knabe für 20. Überdies wurde Christus für das Kreuz erkauft, Josef aber nur für die Knechtschaft; daher war der Verkauf Christi schmählicher und erniedrigender als der Josefs.


Vers 28: Josef für zwanzig Silberstücke verkauft

28. SIE VERKAUFTEN IHN. Der hl. Basilius bemerkt in seiner Predigt Über den Neid, dass die Neidischen gerade durch die Mittel, mit denen sie den Ruhm anderer zu verdunkeln versuchen, ihn umso heller erstrahlen lassen. „Darum“, sagt der hl. Gregor, Moralia Buch VI, Kapitel 12, „wurde Josef von seinen Brüdern verkauft, damit sie ihn nicht anbeten müssten; aber er wurde gerade deshalb angebetet, weil er verkauft wurde. So wird der göttliche Ratschluss, während man ihn meidet, erfüllt; so wird die menschliche Weisheit, während sie widerstrebt, überwältigt.“ Hat nicht jener Heilige wahr gesprochen? „Die Verfolger sind Goldschmiede, die uns die Kronen sowohl des gegenwärtigen als auch des ewigen Reiches schmieden.“

Seinen Brüdern und der Welt erschien Josef also elend und unglücklich; in Wirklichkeit aber war er es nicht. Denn eben durch diese Tat beginnt Gott seine Garbe aufzurichten und die Garben seiner Brüder niederzuwerfen. Denn Gott beginnt zu erhöhen, wenn Er erniedrigt; und je mehr Er jemanden zu erhöhen beabsichtigt, desto tiefer erniedrigt Er ihn. So tat Er es mit Josef und besonders mit Christus. Das Brautgemach der Tugend und des Ruhmes ist daher die Widerwärtigkeit und Erniedrigung.


Vers 30: Rubens Verzweiflung

DER KNABE IST NICHT DA, UND WOHIN SOLL ICH GEHEN? Als wollte er sagen: Da Josef, der Liebste unseres Vaters, umgekommen oder getötet worden ist, sei es von euch, sei es von wilden Tieren, was soll ich tun? Wohin soll ich mich wenden? Wohin soll ich gehen? Denn ich wage es nicht, vor unserem Vater zu erscheinen. Denn unser Vater wird von mir als dem ältesten Sohn seinen Josef fordern, und da ich ihn nicht vorführen kann, werde ich unserem Vater unermesslichen Kummer und mir selbst großen Anstoß bereiten. Da ich also unseren Vater bereits durch meinen Beischlaf schwer beleidigt habe und da ich weiß, dass dieser Verlust Josefs ihn noch mehr gegen mich aufbringen wird, wage ich es nicht, vor sein Angesicht zu treten: Wohin also soll ich gehen?


Vers 31: Der blutige Leibrock

UND SIE NAHMEN SEINEN LEIBROCK UND TAUCHTEN IHN IN DAS BLUT EINES ZIEGENBOCKS, DEN SIE GESCHLACHTET HATTEN. Im allegorischen Sinn sagt der hl. Ambrosius in seinem Buch Über Josef, Kapitel 3: „Auch dies, dass sie seinen Leibrock mit dem Blut eines Ziegenbocks besprengten, scheint zu bedeuten, dass sie, indem sie ihn mit falschen Zeugnissen angriffen, denjenigen, der die Sünden aller vergibt, in den Hass der Sünde brachten. Für uns ist er das Lamm, für jene der Bock. Für uns wurde das Lamm Gottes geschlachtet, das die Sünde der Welt hinwegnahm; für jene der Bock, dessen Irrtümer er verschärfte und dessen Vergehen er anhäufte.“


Vers 34: Jakob zerreißt seine Kleider; Über das Bußgewand

UND ER ZERRISS SEINE KLEIDER. Dies war ein alter Brauch, in der Trauer die Kleider zu zerreißen; und dies war ein Zeichen der Klage, denn das Zerreißen der Kleider bedeutete ein vor Schmerz zerrissenes Herz. Dies war die siebte Trübsal Jakobs.

ER LEGTE EIN BUSSGEWAND AN. Der erste, der in der Trauer ein Bußkleid oder ein härenes Gewand angelegt haben soll, war Jakob an dieser Stelle; von da an ahmten seine Nachkommen, nämlich die Israeliten, denselben Brauch in der Trauer nach. Daher war auch das Gewand der büßenden Christen von alters her das Bußkleid, wie Tertullian in seinem Buch Über die Buße bezeugt. Mit dem Patriarchen Jakob als ihrem Bannerträger mögen sich also die Träger des Bußgewandes rühmen und ihn den weichlichen Neuerern entgegenhalten, die alles Raue verabscheuen, nie ein Bußgewand angezogen und vielleicht nie eines gesehen haben.

So bezähmte der hl. Hilarion, wie der hl. Hieronymus bezeugt, seinen Leib mit einem rauen Bußgewand aus Palmblättern. So trug der hl. Simeon Stylites, der 80 Jahre lang ununterbrochen auf einer Säule stand, ein Bußgewand, wie Theodoret bezeugt. So wappneten sich Eremiten, Mönche, Asketen und Büßer mit Bußkleidern, wie Palladius, Theodoret, Klimakus und andere bezeugen.

Aber höre von Frauen — ja von Herzoginnen und Königinnen. Die hl. Margarete, Tochter des Königs von Ungarn, kasteite ihren Leib mit einem Bußgewand. Dasselbe tat die hl. Hedwig, Herzogin von Polen. Die hl. Klara, eine edle Jungfrau, trug 28 Jahre lang ein raues Bußgewand aus Schweinsleder, mit scharfen Borsten und Haaren, die zum Fleisch hin gewendet waren und es stachen. Die hl. Radegunde, Königin der Franken, tauschte ihren Purpur gegen ein Bußgewand. Und um andere zu übergehen, die unser Gretser in Buch I Über die Zucht, letztes Kapitel, anführt, höre ein denkwürdiges Beispiel, das ein alter Autor über die hl. Kunigunde in ihrer Lebensbeschreibung berichtet.

Kunigunde war die Gemahlin Kaiser Heinrichs, und sie blieb in der Ehe Jungfrau. Um ihrem Gatten ihre Jungfräulichkeit zu beweisen, schritt sie mit bloßen Füßen unversehrt über glühendes Eisen. Nachdem ihr Gemahl, der Kaiser, gestorben war, wurde sie aus einer Kaiserin eine Nonne, legte ein Bußgewand an und wollte stets darin schlafen — ja sogar darin sterben. Als sie in ihrem Todeskampf sah, dass für sie königliche Trauerfeierlichkeiten vorbereitet und goldene Tücher über die Bahre gebreitet wurden, wandte sie ihr bleiches Antlitz — das man zuvor freudig gesehen hätte wie für einen kommenden Bräutigam — diesen Dingen zu und wies sie mit der Hand ab. „Dieses Gewand“, sprach sie, „ist nicht das meine; nehmt es fort. Es gehört einer anderen. Mit diesen wurde ich einem irdischen Bräutigam verbunden; mit jenen einem himmlischen. Nackt bin ich aus dem Leib meiner Mutter hervorgegangen, und nackt werde ich dorthin zurückkehren. Hüllt in diese das wertlose Stück meines armseligen Fleisches, und legt meinen armen Leib an seinen eigenen kleinen Platz neben dem Grab meines Bruders und des Herrn Kaisers Heinrich, den ich jetzt sehe, wie er mich ruft.“ Und nachdem sie dies gesagt hatte, gab sie ihren jungfräulichen Geist Christus, ihrem Bräutigam, zurück.

So lesen wir von Cäcilia: „Mit einem Bußgewand bezähmte Cäcilia ihre Glieder und flehte Gott unter Seufzen an“, indem sie jenen Vers Davids sprach: „Lass mein Herz untadelig sein in deinen Satzungen, damit ich nicht zuschanden werde.“ Und so verdiente sie den Anblick und Schutz eines Engels, die Bekehrung ihres Gatten, die glänzende Krone des Martyriums und die Unversehrtheit und Unverdorbenheit ihres Leibes bis auf den heutigen Tag.

Schließlich lag der hl. Martin im Sterben auf Asche und Bußgewand und sprach: „Es geziemt sich nicht für einen Christen, anders als auf Asche zu sterben“, wie Sulpicius bezeugt. In Nachahmung dessen verordnete der hl. Karl Borromäus, dass seine Geistlichen sich im Tod mit Bußgewand und Asche bedecken sollten, und ging ihnen mit seinem eigenen Beispiel voran; denn sterbend lag er auf dem Bußgewand, das er als Gesunder häufig trug, und auf zuvor gesegneter Asche, wie seine Lebensbeschreibung berichtet, Buch VII, Kapitel 12.


Vers 35 — Trauer und die Unsterblichkeit der Seele

TRAUERND UM SEINEN SOHN LANGE ZEIT — nämlich 23 Jahre lang, das heißt von Josefs 16. Lebensjahr, in dem er verkauft wurde, bis zu seinem 39. Lebensjahr, als seine Brüder während der Hungersnot zu ihm nach Ägypten kamen und zusammen mit ihrem Vater ihn anbeteten. Aber allmählich wurde das Empfinden dieser Trauer in Jakob gemindert. Denn „eine Wunde der Seele, wie groß sie auch sei, wird durch die Zeit gelindert.“ Daher lehrt die Zeit die Kunst des Vergessens (die Themistokles mehr als die Kunst des Erinnerns zu erlernen wünschte).

ICH WERDE ZU MEINEM SOHN TRAUERND IN DIE UNTERWELT HINABSTEIGEN. Für ‚Unterwelt‘ übersetzen einige ‚Grab‘. So Calvin, Eugubinus, Vatablus, Pagninus und sogar Lipomanus. Aber das hebräische sheol bedeutet eigentlich die Unterwelt, nicht das Grab, und so übersetzten es die Septuaginta ebenso wie unser Übersetzer [die Vulgata]. Und die Vernunft selbst beweist, dass es so übersetzt werden muss. Denn Jakob glaubte, Josef sei von wilden Tieren verschlungen worden und sei daher unbegraben. Daher dachte oder wünschte er nicht, zu ihm ins Grab hinabzusteigen, sondern in die Unterwelt — das heißt in den Limbus der Väter.

Überdies wird die Seele nicht im Grab festgehalten, sondern im Limbus. Und Jakob wünschte die Seele des toten Josef als fortlebend zu sehen. Der Sinn ist also, als wollte er sagen: „Ich, meine Söhne, werde keinen Trost annehmen, bis ich Josef sehe, den ich, da er nun tot ist, nicht sehen werde, bis nach meinem Tod meine Seele der seinen im Limbus vereint wird. Denn ich bin fest überzeugt, dass die Seele des unschuldigen Josef zu den Seelen unserer Vorväter in den Schoß Abrahams gelangt ist, der, wie ich hoffe, auch mir vorbehalten ist.“ Hieraus geht hervor, dass Jakob aus der Unterweisung und Überlieferung seiner Vorfahren an die Unsterblichkeit der Seele glaubte; ferner, dass die Seelen der Gerechten, die vor Christus starben, in den Limbus der Väter hinabstiegen, wo der Schoß Abrahams war.

Dasselbe erkannten auch die heidnischen Philosophen und sahen es gleichsam durch einen Schatten. Aelian berichtet in Buch XIII, dass Kerkidas von Megalopolis, der krank war, auf die Frage, ob er gern aus dem Leben scheiden würde, antwortete: „Warum nicht? Ich erfreue mich an der Trennung der Seele vom Leib, da ich zu jenen Gefilden aufsteigen werde, wo ich unter den Philosophen Pythagoras, unter den Dichtern Homer, unter den Musikern Olympos und andere in jeder Wissenschaft herausragendste Männer sehen werde.“

Sokrates sprach, bevor er den Giftbecher trank: „Wie hoch schätzt ihr es, im nächsten Leben mit Orpheus, Musäus, Homer und Hesiod zu verkehren? Welch große Freude werde ich genießen, wenn ich Palamedes, Ajax und andere durch ungerechte Urteile Verurteilte antreffe? Wahrlich, oft möchte ich aus dem Leben scheiden, wenn es möglich wäre, um die Dinge zu finden, von denen ich spreche.“

Cato tötete sich selbst, als er Platons Buch Über die Unsterblichkeit der Seele las, um dieses unsterbliche Leben zu erlangen.

Kyros sprach bei Xenophon im Sterben zu seinen Söhnen: „Glaubt nicht, meine Söhne, dass ich, wenn ich aus diesem Leben geschieden bin, nirgends oder nichts sein werde. Denn auch als ich bei euch weilte, saht ihr meine Seele nicht, aber ihr erkanntet, dass dieser Leib ihre Wohnung war. Glaubt, dass sie dieselbe ist, auch wenn sie jetzt vom Leib getrennt wird.“

Cicero lässt in Buch VI Über den Staat den bereits aus dem Leben geschiedenen Scipio Africanus so sprechen: „Wisset dies: Für alle, die ihr Vaterland bewahrt, unterstützt und vergrößert haben, ist ein bestimmter und festgesetzter Ort im Himmel bereitet, wo sie ewiges Leben genießen mögen.“ Und auf die Frage, ob er selbst und andere, die für tot gehalten wurden, lebten: „Ja wahrlich“, sagte er, „diese sind es, die leben, die aus den Fesseln des Leibes wie aus einem Kerker entflohen sind. Was ihr aber euer Leben nennt, das ist der Tod.“

Ihre Beweisführungen waren die folgenden. Erstens: Der Geist des Menschen begreift, betrachtet und begehrt Himmlisches und Unsterbliches; daher ist er himmlisch und unsterblich. Zweitens: Der Geist hat in diesem Leben keine Sättigung und keinen Ruhepunkt, in dem er rasten kann; daher wird er ihn im nächsten Leben haben — sonst wäre er unglücklicher als die übrigen Geschöpfe. Drittens: Alles, was vergänglich ist, ist entweder ein Körper oder ein Akzidens. Denn diese können, weil sie Gegensätzliches haben, zugrunde gehen. Die menschliche Seele aber ist weder körperlich noch ein Akzidens; daher ist sie unvergänglich. Anders verhält es sich mit den Seelen der Tiere, denn diese hängen gänzlich vom Leib ab und müssen daher als körperlich und vergänglich betrachtet werden.

Möge nun der Christ mit Tobias sprechen: „Wir sind Kinder der Heiligen und erwarten jenes Leben, das Gott denen geben wird, die ihren Glauben an ihn niemals ändern.“


Vers 36: Potiphar, der Oberste der Leibwache

36. DEM KÄMMERER — das heißt dem Hüter des königlichen Schlafgemachs. Merke: Den Kämmerern, als zum Geschlechtsakt Unfähigen, wurde ehemals die Aufsicht über die Königin und ihre Dienerinnen und das königliche Schlafgemach anvertraut. Daher waren die Kämmerer die vertrautesten und nächsten Diener des Königs und der Königin. Aus diesem Grund wurden Kämmerer als Hofbeamte bezeichnet, auch wenn sie nicht wirklich Eunuchen — das heißt Verschnittene — waren. Daher übersetzt der Chaldäer hier ‚Eunuch‘ mit rabba, das heißt Fürst, Satrap. Denn Potiphar war hier im eigentlichen Sinne kein Eunuch, da er eine Frau hatte. So sagen Prokopius, Gennadius, Abulensis und Lyra. Ebenso werden in Kapitel 40, Vers 1, der Mundschenk und der Bäcker des Pharao Eunuchen genannt, das heißt Diener des Königs. Denn in alter Zeit waren die Höfe der Könige voll von Eunuchen, und die Könige verwendeten sie zu jedem Dienst, wie am Hof des Kaisers Konstantius am deutlichsten zu sehen ist; denn Eunuchen füllten und regierten jenen Hof.

DEM OBERSTEN DER LEIBWACHE — dem Befehlshaber der königlichen Garde. Im Hebräischen heißt es sar hattabbachim, das heißt ‚Oberster der Schlachtenden‘ oder ‚derer, die töten‘, nämlich der Soldaten. Die Septuaginta übersetzt archimageiros, was zwar der hl. Ambrosius als ‚Oberster der Köche‘ wiedergibt, hier aber treffender als ‚Oberster der Schlachtenden‘ oder ‚Metzger‘ übersetzt wird. Denn mageiron bedeutet, wie der hl. Hieronymus bezeugt, ‚töten‘. Daher wurden die Köche mageiroi genannt, weil sie zuerst das zu kochende Vieh und Geflügel schlachten, von dem Wort machis, das nach Phavorinus dasselbe ist wie machaera [ein Schwert]. Ein solcher sar hattabbachim und archimagirus war Nebusaradan, denn er war der Heerführer, den Nebukadnezar mit dem Krieg und der Zerstörung Jerusalems beauftragte (2 Könige, letztes Kapitel, Vers 11).


Moralische Schlussfolgerung

Aus diesem Kapitel lerne im sittlichen Sinn, wie viele Verfolgungen und Widerwärtigkeiten Gott Josef und aufrechte Menschen durchmachen lässt, um sie in Geduld, Sanftmut und dadurch in Reinheit der Seele zu vollenden. Denn Josef erlangte durch diese Geduld jene wunderbare Keuschheit. Allerwahrstes ist jener Spruch des Kassian, Unterredungen Buch XII, Kapitel 7: „So viel einer in Sanftmut und Geduld des Herzens voranschreitet, so viel wird er in Reinheit des Leibes voranschreiten. Denn es steht geschrieben: Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Land (ihres eigenen Leibes) besitzen; denn die Leidenschaften des Leibes werden nicht nachlassen, wenn nicht zuvor die Regungen der Seele bezähmt worden sind.“ Daher sagt auch ein Heiliger: „Der gütige Mensch genießt beständige Gesundheit an Leib, Seele und Geist: Er freut sich in der Schmähung, preist Gott im Unglück, besänftigt die Zornigen, triumphiert unter dem Joch der Demut und beherrscht alle Leidenschaften“ — besonders den Zorn und die Lust.

Schließlich sagt der hl. Chrysostomus, Homilie 61: „Groß“, sagt er, „ist die Kraft der Tugend, und groß die Schwäche der Bosheit.“ Er veranschaulicht dies am Ende durch die Geduld, die Josef beständig bewies: „Damit er so, gleich einem tapfer kämpfenden Athleten, mit der Krone des Königreichs gekrönt werde und der Ausgang der Träume sich erfülle, auf dass diejenigen, die ihn verkauft hatten, erführen, dass sie keinen Vorteil aus ihrer Bosheit gewannen. Denn die Tugend hat so große Kraft, dass sie herrlicher wird, wenn sie angegriffen wird. Nichts ist stärker als sie, nichts mächtiger; wer sie aber besitzt, hat die göttliche Gnade und empfängt von ihr einen Schutz: er ist stärker als alle, unbesiegbar und kann nicht gefangen werden, nicht nur durch die Nachstellungen der Menschen, sondern auch durch die Machenschaften der Dämonen. Dies wissend, lasst uns nicht davor fliehen, Leid zu empfangen, sondern davor, Leid zuzufügen; denn dies ist wahrhaft das Leidempfangen. Denn wer seinen Nächsten zu quälen versucht, schadet jenem nichts, häuft sich aber selbst ewige Qualen auf.“ Denn auch die Brüder brachten durch die Verfolgung Josefs ihm Ruhm und sich selbst Schande, wie derselbe Autor in Homilie 63 und folgenden lehrt.