Cornelius a Lapide

Genesis XXXVIII


Inhaltsverzeichnis


Zusammenfassung des Kapitels

Juda zeugt Er und Onan, die Gott wegen ihres widernatürlichen Lasters und des Rückzugs im ehelichen Akt tötet. Zweitens empfängt Tamar, Vers 16, durch List von Juda und gebiert Perez und Serach.


Vulgata-Text: Genesis 38,1–30

1. Zu jener Zeit ging Juda von seinen Brüdern hinab und wandte sich zu einem Manne von Adullam namens Hiram. 2. Und er sah dort die Tochter eines kanaanäischen Mannes namens Schua, und nachdem er sie zur Frau genommen hatte, ging er zu ihr ein. 3. Sie empfing und gebar einen Sohn, und sie nannte seinen Namen Er. 4. Und als sie abermals empfing, nannte sie den Sohn, der geboren wurde, Onan. 5. Auch einen dritten Sohn gebar sie, den sie Schela nannte. Als dieser geboren war, hörte sie auf, weiter zu gebären. 6. Und Juda gab seinem Erstgeborenen Er eine Frau namens Tamar. 7. Und Er, der Erstgeborene Judas, war schlecht in den Augen des Herrn und wurde von Ihm getötet. 8. Daher sprach Juda zu seinem Sohn Onan: Geh ein zur Frau deines Bruders und verbinde dich mit ihr, damit du deinem Bruder Nachkommen erweckst. 9. Er aber, wissend, daß die Kinder nicht seine eigenen sein würden, vergoß, wenn er zur Frau seines Bruders einging, seinen Samen auf die Erde, damit keine Kinder im Namen seines Bruders geboren würden. 10. Und deshalb schlug ihn der Herr, weil er eine verabscheuungswürdige Tat beging. 11. Darum sprach Juda zu seiner Schwiegertochter Tamar: Bleibe als Witwe im Hause deines Vaters, bis mein Sohn Schela herangewachsen ist — denn er fürchtete, auch dieser möchte sterben, wie seine Brüder. Sie ging weg und wohnte im Hause ihres Vaters. 12. Und nachdem viele Tage vergangen waren, starb die Tochter des Schua, Judas Frau. Nach seiner Trauer, als er Trost empfangen hatte, ging er hinauf zu den Scherern seiner Schafe, er und sein Hirt Hira, der Adullamiter, nach Timna. 13. Und es wurde Tamar berichtet, daß ihr Schwiegervater nach Timna hinaufgehe, um seine Schafe zu scheren. 14. Sie legte ihre Witwenkleider ab, nahm einen Schleier, und nachdem sie ihr Gewand gewechselt hatte, setzte sie sich an die Wegkreuzung auf der Straße, die nach Timna führt, weil Schela herangewachsen war und sie ihm nicht zur Frau gegeben worden war. 15. Als Juda sie sah, hielt er sie für eine Buhlerin, denn sie hatte ihr Gesicht verhüllt, damit sie nicht erkannt würde. 16. Und er ging zu ihr und sprach: Laß mich bei dir liegen — denn er wußte nicht, daß sie seine Schwiegertochter war. Sie antwortete: Was wirst du mir geben, um meines Umgangs zu genießen? 17. Er sprach: Ich werde dir ein Ziegenböcklein von den Herden schicken. Und sie erwiderte: Ich will gewähren, was du wünschest, wenn du mir ein Pfand gibst, bis du sendest, was du versprichst. 18. Juda sprach: Was willst du als Pfand erhalten? Sie antwortete: Deinen Ring, deinen Armreif und den Stab, den du in der Hand hältst. Von einem einzigen Beischlaf empfing die Frau, 19. und sie stand auf und ging davon; sie legte das Gewand ab, das sie angelegt hatte, und kleidete sich wieder in ihre Witwenkleider. 20. Und Juda sandte das Ziegenböcklein durch seinen Hirten, den Adullamiter, um das Pfand zurückzuerlangen, das er der Frau gegeben hatte; als er sie aber nicht finden konnte, 21. fragte er die Männer des Ortes: Wo ist die Frau, die an der Wegkreuzung saß? Sie alle antworteten: Es hat an diesem Ort keine Buhlerin gegeben. 22. Er kehrte zu Juda zurück und sprach: Ich habe sie nicht gefunden; zudem sagten mir die Männer des Ortes, daß dort niemals eine Dirne gesessen habe. 23. Juda sprach: Sie mag behalten, was sie hat; gewiß kann sie uns der Lüge nicht bezichtigen. Ich habe das Ziegenböcklein geschickt, das ich versprochen hatte, und du hast sie nicht gefunden. 24. Und siehe, nach drei Monaten wurde Juda berichtet: Tamar, deine Schwiegertochter, hat Unzucht getrieben, und ihr Leib scheint zu schwellen. Juda sprach: Führt sie heraus, daß sie verbrannt werde. 25. Als sie zur Strafe geführt wurde, sandte sie zu ihrem Schwiegervater und sprach: Von dem Manne, dem diese Dinge gehören, habe ich empfangen. Erkenne, wessen Ring, Armreif und Stab dies sind. 26. Er erkannte die Gaben und sprach: Sie ist gerechter als ich, weil ich sie meinem Sohn Schela nicht gegeben habe. Dennoch erkannte er sie nicht mehr. 27. Und als die Zeit der Entbindung da war, erschienen Zwillinge in ihrem Schoß; und im Akt der Geburt selbst streckte einer seine Hand heraus, an welche die Hebamme einen scharlachroten Faden band und sprach: 28. Dieser wird zuerst herauskommen. 29. Doch als er seine Hand zurückzog, kam der andere heraus, und die Frau sprach: Warum wurde die Mauer deinetwegen durchbrochen? Und darum nannte sie seinen Namen Perez. 30. Danach kam sein Bruder heraus, an dessen Hand der scharlachrote Faden war; und sie nannte ihn Serach.


Vers 1: Zu jener Zeit

Mose beschreibt hier die Genealogie Judas und nicht die der anderen Brüder, weil aus Juda durch Tamar Christus geboren werden sollte. Zweitens, damit die Juden die Heiden nicht verachteten, da der Stamm Juda, der der vornehmste war, durch die Mutter Tamar von Kanaanäern abstammte. So sagt Gennadius.

Nämlich im 16. Lebensjahr Josefs, kurz nach dessen Verkauf, nahm Juda eine Frau. Juda war daher damals 19 Jahre alt, denn er war drei Jahre älter als Josef, da er im 88. Jahr seines Vaters Jakob geboren wurde und Josef im 91., wie ich in Kapitel 30 gesagt habe. Hieraus folgt, daß Hezron und Hamul, die Enkel Judas durch Tamar und Perez, nicht in Kanaan vor Jakobs Abstieg nach Ägypten geboren worden sein können, der 23 Jahre nach dem Verkauf Josefs stattfand, das heißt in Josefs 39. Lebensjahr; vielmehr wurden sie nach Jakobs Abstieg geboren, als er in Ägypten lebte. So sagt Abulensis, obgleich der hl. Augustinus, Quaestio 128, die gegenteilige Ansicht vertritt, weil er meint, Juda habe nicht im selben Jahr, in dem Josef verkauft wurde, geheiratet, sondern zwei oder drei Jahre zuvor.

Doch die erstere Ansicht ist die wahrhaftigere. Denn selbst wenn man dem hl. Augustinus zugesteht, daß Er drei Jahre vor dem Verkauf Josefs dem Juda geboren wurde, so konnte Er die Tamar dennoch nicht vor seinem sechzehnten Lebensjahr heiraten, wonach Tamar den Onan heiratete; dann wartete sie einige Jahre auf die Reife Schelas; und schließlich, indem sie sich Juda hingab, gebar sie Perez. Und Perez war mindestens sechzehn Jahre alt, als er Hezron und Hamul zeugte. All dies erfordert nicht 23 oder 26, sondern mindestens 34 Jahre, vor deren Ablauf Jakob längst — nämlich neun Jahre zuvor — von Kanaan nach Ägypten hinabgezogen war.

Denn die jüdische Behauptung, Perez habe Hezron im neunten Lebensjahr gezeugt, ist unglaubwürdig und unmöglich.


Vers 2: Und er sah

2. UND ER SAH — das heißt, er begehrte.

SCHUA. Dies ist nicht der Name der Tochter, sondern ihres Vaters, des Schwiegervaters Judas, wie aus dem Hebräischen hervorgeht.


Vers 3: Sie nannte seinen Namen Er

3. SIE NANNTE SEINEN NAMEN ER. Im Hebräischen steht das Verb im Maskulinum, vaiicra, das heißt „und er nannte“ — nämlich der Vater Juda. Doch bei den anderen beiden Söhnen steht das Verb im Femininum, vatticra, das heißt „und sie nannte“ — nämlich die Mutter, Judas Frau. Hieraus geht hervor, daß der Vater seinem Erstgeborenen Er den Namen gab, während die Mutter die beiden danach Geborenen benannte. So nannte Rahel ihren jüngeren Sohn Benoni, doch der Vater änderte den Namen und nannte ihn Benjamin.


Vers 5: Sie hörte auf, weiter zu gebären

5. SIE HÖRTE AUF, WEITER ZU GEBÄREN. Im Hebräischen heißt es vehaia biczib, was die Septuaginta, der Chaldäer und Vatablus übersetzen als „er war in Chesib, als sie ihn gebar“, als sei Chesib der Eigenname einer Stadt in Palästina. Doch richtiger, wie der hl. Hieronymus in seinen Fragen zur Genesis bezeugt, faßte unser Übersetzer [die Vulgata] Kesib nicht als Eigennamen, sondern als Gattungsnamen auf, in welcher Bedeutung es Falschheit oder Aufhören bedeutet — gleichsam sagend: Sie war in einem Aufhören des Gebärens, Empfängnis und Geburt versagten ihr, sie hörte auf zu gebären. Daher übersetzt auch Aquila: „Ihr Gebären hörte auf.“ Die nachfolgenden Worte fordern diese Bedeutung, denn sie zeigen klar an, daß dies ihr letzter Sohn war.


Vers 7: Er war auch schlecht

7. ER WAR AUCH SCHLECHT. Sowohl Juden als auch Christen stimmen darin überein, daß Er ebenso wie Onan durch die Sünde des widernatürlichen Lasters und des Rückzugs sündigte, welches gegen die Natur der Zeugung und der Ehe ist, denn es zerstört die Nachkommenschaft und die Empfängnis in ihrem Keim. Daher wird diese Sünde von den Juden mit dem Mord verglichen, und von der Schrift, Vers 10, wird sie verabscheuungswürdig genannt. Er sündigte also nicht durch Grausamkeit, wie der hl. Augustinus im 22. Buch Gegen Faustus, Kapitel 48, meint, sondern durch Wollust — nämlich indem er sich im ehelichen Akt zurückzog, um seinen Samen außerhalb des natürlichen Gefäßes seiner Frau zu vergießen. Dies tat er aus ungezügelter Wollust, damit das Kindergebären und die Erziehung der Kinder nichts von der Schönheit seiner Frau und folglich von seinem geschlechtlichen Vergnügen schmälere. Onan, Ers Bruder, sündigte mit derselben Sünde, aber aus einem anderen Beweggrund, und zwar aus einem schwereren und verbrecherischeren, nämlich aus Neid, damit er, wenn er den ehelichen Akt vollzöge, Söhne nicht für sich selbst, sondern für seinen Bruder zeugen würde. Schön ist, daß „Er“ im Hebräischen durch Metathese zu ra wird, das heißt böse, verdorben: Denn wer von seinem Vater Er, das heißt wachsam, genannt worden war, wurde durch die Sünde in ra, das heißt verdorben, verwandelt. „Onan“ bedeutet im Hebräischen dasselbe wie Ungerechtigkeit und Schmerz; denn letzterer begleitet und folgt ersterer untrennbar, wie ein Sohn seiner Mutter.

„Und er wurde von Ihm getötet.“ — Sowohl Er als auch Onan wurden von Gott wegen der Sünde des Onanismus getötet, durch einen bösen Engel, wie es scheint, nämlich durch Asmodäus. Denn er tötete die wollüstigen Gatten der Sara, Tobit 3,7. Ferner, sagt Abulensis, tötete Gott sie, indem er eine schreckliche Plage über sie sandte, so daß offenkundig war, daß sie nicht eines natürlichen Todes gestorben waren, sondern von Gott hinweggenommen worden waren, als Strafe für ihre Missetaten.

Die Beichtväter mögen diese göttliche Vergeltung gegen die Zuchtlosen und gegen Ehegatten, die sich vom ehelichen Akt zurückziehen, zur Kenntnis nehmen und sie ihren Büßern einschärfen. Denn wenn in jenem so rohen, ungebildeten und verwilderten Zeitalter Gott den Er und Onan so bestrafte, wie wird Er dann im Licht und Gesetz des Evangeliums Christen bestrafen, die sich beflecken? Die hl. Christina die Wundertätige sah im Geiste, daß die Welt voll und überschwemmt war von dieser Sünde der Befleckung und daß Gott deshalb der ganzen Welt die schwersten Plagen androhte; um diese abzuwenden, quälte sie sich selbst auf wunderbare und schreckliche Weisen und mit Bußen. Johannes Benedikt in der Summa der Fälle, zum sechsten Gebot des Dekalogs, überliefert nach Konrad Cling etwas Bemerkenswertes über diese Sünde (man lasse ihnen die Glaubwürdigkeit), sei es durch Offenbarung oder Erfahrung empfangen: nämlich daß diejenigen, die in dieser Sünde der Befleckung so viele Jahre verharren, wie Christus lebte, das heißt dreiunddreißig, unheilbar seien und von nahezu hoffnungsloser Rettung, es sei denn die wunderbare, seltene und außerordentliche Gnade Gottes komme ihnen zu Hilfe und bekehre sie. Wer also in diese Sünde gefallen ist, der sehe zu, daß er sogleich durch Buße von ihr aufstehe, damit er nicht eine Gewohnheit annehme, zu der die Natur von sich aus am meisten geneigt ist, die er hernach nicht mehr ablegen kann, und so sich die unentwirrbaren Stricke der Wollust knüpft und flicht, die ihn in den Abgrund hinabziehen und ihn unlösbar an das Feuer der Hölle binden.


Vers 9: Daß ihm keine Söhne geboren würden

9. „Daß ihm keine Söhne geboren würden.“ — Man beachte: Vor dem Gesetz des Deuteronomium 25,5 war es bei den Patriarchen Brauch, daß ein Bruder die Frau seines ohne Kinder verstorbenen Bruders heiraten und ihm Nachkommen, das heißt Nachkommenschaft, erwecken sollte, damit sein Name und seine Familie nicht untergingen; und zwar so, daß der Erstgeborene, den er mit der Frau seines Bruders zeugen würde, nicht unter seinem eigenen, sondern unter dem Namen des Bruders gerechnet würde, während die übrigen danach Geborenen als seine eigenen gelten und mit seinem eigenen Namen bezeichnet würden. Der von Onan zu zeugende Erstgeborene sollte also der Sohn Ers heißen, die übrigen aber sollten Söhne Onans genannt werden. Doch der neidische und gottlose Onan löschte, damit sein Bruder nicht leuchte, sich selbst die Lampe aus, als er seinen Samen auf die Erde ergoß und vergeudete.

Man beachte zweitens die Enallage: „Söhne“, das heißt einen Sohn, nämlich den Erstgeborenen, wie ich gesagt habe, und falls dieser stürbe, den Zweitgeborenen, der an die Stelle des Erstgeborenen treten würde.

Man beachte drittens, daß gewisse gesetzliche Bräuche schon vor Mose in Gebrauch waren: Denn von solcher Art ist diese Adoption und Arrogation von Söhnen; desgleichen waren es die Beobachtung des Sabbats, die Unterscheidung zwischen reinen und unreinen Tieren, die Beschneidung und gewisse andere Dinge, welche die Patriarchen vor Mose und dem Gesetz auf Gottes Eingebung oder Gebot hin hielten.


Vers 11: Bleibe als Witwe

11. „Bleibe als Witwe.“ — Hieraus und aus Vers 8 ergibt sich, daß zu jener Zeit eine Frau, die in eine bestimmte Familie eingeheiratet hatte, fortan gleichsam an diese gebunden war, so daß sie, wenn ihr Gatte starb, einen anderen derselben Familie heiraten sollte, der dem verstorbenen Bruder Nachkommen erwecken würde; wenn aber ein solcher nicht vorhanden war oder sich nicht anbot, dann konnte sie einen Gatten aus einer anderen Familie nehmen. Aus diesem Brauch also hielt sich Tamar an die Familie Judas und ging nicht von ihr zu einer anderen über.

„Denn er fürchtete.“ — Im Hebräischen heißt es: „denn er sprach“ (man verstehe: Ich werde meinen dritten Sohn Schela der Tamar nicht zum Gatten geben), damit nicht auch dieser sterbe, gleichwie seine beiden älteren Brüder, die Gatten Tamars gewesen waren, in ihrer Ehe mit ihr gestorben waren. Hieraus wird deutlich, daß Juda unter diesem Vorwand und durch List Tamar von sich und seiner Familie wegschicken wollte, die ihr bereits durch eine doppelte Ehe eingegliedert worden war, indem er sagte, sein Sohn Schela sei noch zu jung, und so durch das Spinnen von Verzögerungen Tamar hinhielt; denn er fürchtete, daß Tamar, sei es wegen ihrer Sünden oder ihres Unglücks, die Ursache oder zumindest der Anlaß des Todes ihrer Gatten sei: denn dasselbe wurde Sara, der Frau des Tobias, aus einem ähnlichen Verdacht vorgeworfen, Tobit 3,9.

Tamar durchschaute diese List Judas, denn sie suchte Nachkommen aus keiner anderen Quelle als aus dem Geschlecht Judas und Abrahams, das von Gott gesegnet war; und als sie sah, daß Schela, der ihr als Gatte versprochene, nun herangewachsen und reif, ihr verweigert wurde, übertraf sie durch eine bemerkenswerte List die Täuschung Judas und wandte sie gegen Judas eigenes Haupt.


Vers 14: Sie nahm den Schleier

14. „Sie nahm den Schleier“ — sie hüllte sich in einen Mantel, um nicht erkannt zu werden. Das Theristrum war ein Sommerschleier, sagt Suidas, so benannt nach dem Griechischen für Sommer und die Hitze, die er abwehrte. Hebräische Frauen bedeckten einst (wie es italienische Frauen noch heute tun) ihr Haupt und ihren ganzen Leib mit einem seidenen Mantel oder Schleier, wie ich zu Ezechiel 16,40 erläutert habe; und dies teils aus Sittsamkeit, teils zum Schmuck (denn das Theristrum wird hier den Kleidern der Witwenschaft und Trauer entgegengesetzt) und teils um die Hitze abzuwehren.

„Sie setzte sich an die Wegkreuzung.“ — Im Hebräischen heißt es, sie saß bepetach enaim, was die Septuaginta übersetzen als „sie setzte sich an die Tore von Enan“. Doch man beachte: Die Hebräer nennen eine Wegkreuzung petach enaim, das heißt eine Öffnung, und, wie der Chaldäer übersetzt, eine Teilung zweier Augen, weil wir an einer Wegkreuzung gewöhnlich unsere Augen in zwei Richtungen wenden, nämlich auf zwei Wege. So sitzen an Wegkreuzungen die Buhlerinnen, um die von beiden Seiten Vorübergehenden zu erjagen und einzufangen: daher setzte sich Tamar an die Wegkreuzung, um Juda einzufangen.


Vers 16: Und er ging zu ihr ein

16. „Und er ging zu ihr ein.“ — Juda sündigte hier durch einfache Unzucht, denn er erkannte seine eigene Schwiegertochter nicht; und die Frau Judas war bereits gestorben, wie aus Vers 12 hervorgeht, und daher war Juda nun Witwer und frei; Tamar aber sündigte sowohl durch Unzucht als auch durch eine Art Ehebruch (denn sie war Schela, dem Sohn Judas, verlobt, wie aus Vers 11 hervorgeht) und durch Inzest, weil sie mit Juda, ihrem Schwiegervater, verkehrte. Daher irrt Franziskus Georgius in Abschnitt IV, Problem 265, wo er behauptet, Tamar habe nicht gesündigt, weil sie dies um eines Geheimnisses willen tat. Schwerwiegender irrt er in Problem 267, ebenso wie Rabbi Moses im 3. Buch des Führers, Kapitel 50, wenn sie die Unzucht Judas mit Tamar damit entschuldigen, daß vor dem Gesetz des Mose die Hurerei nicht verboten und daher erlaubt gewesen sei. Denn es ist gewiß, daß die einfache Unzucht eine Sünde gegen das Naturgesetz ist und daher zu allen Zeiten, auch vor dem Gesetz des Mose, verboten und unerlaubt war, wie der hl. Hieronymus, der hl. Augustinus (22. Buch Gegen Faustus), der hl. Thomas, Lyra, Abulensis und andere allgemein lehren.

Man wird einwenden: Der hl. Chrysostomus und Theodoret entschuldigen hier Tamar und Juda. Ich antworte: Sie entschuldigen nicht die Tat, sondern die Absicht hinter der Tat bei Tamar, weil Tamar nicht Wollust beabsichtigte, wie Juda, sondern Nachkommenschaft. Zweitens entschuldigen sie diese Tat gewissermaßen, insofern sie sie auf Gottes Fügung zurückführen, das heißt auf seine Zulassung und Anordnung. Denn Gott ließ diese Sünde und diese Unzucht Judas zu, damit aus ihr Perez geboren würde und aus Perez Christus: Er ordnete sie also auf Christus hin.

So erhebt der hl. Ambrosius den Verkauf Josefs als geschehen im Typus des Verkaufs Christi, obwohl es gewiß ist, daß er an sich eine schwere Sünde war: denn Gott weiß alle Sünden und Übel der Menschen auf ein gutes Ziel hin zu ordnen und zu lenken, weshalb Er stets aus Übeln etwas Gutes hervorbringt.

Daher ist es müßig, was Rabbi Simeon Jochai sagt, Tamar habe auf Gottes Eingebung hin Unzucht getrieben, um aus Juda den Messias zu empfangen — ebenso wie Hosea auf Gottes Eingebung und Geheiß eine Buhlerin heiratete und mit ihr Söhne zeugte, die darum Söhne der Unzucht genannt werden. Doch dies sagt die Schrift ausdrücklich über Hosea, während sie über Tamar nichts dergleichen sagt. Ferner wurde diese Buhlerin auf Gottes Geheiß die Frau Hoseas; es steht aber fest, daß Tamar nicht Judas Frau wurde, ja daß Juda sich fortan ihrer enthielt, wie aus Vers 26 hervorgeht.


Vers 18: Und den Stab

18. „Und den Stab“ — einen Wanderstab, wie ihn Jakob auf dem Weg benutzte, Kapitel 32, Vers 10.


Vers 23: Sie mag es behalten

23. „Sie mag es für sich behalten, gewiß kann sie uns der Falschheit nicht bezichtigen.“ — Im Hebräischen heißt es: „Sie mag es für sich behalten (meinen Ring, meinen Armreif und meinen Stab), damit wir nicht etwa beschämt werden: Denn wenn wir sie aufsuchen und diese unsere Dinge von ihr zurückfordern, wird sie, es übelnehmend, meine Unzucht öffentlich machen und mich so mit großer Verwirrung und Schande bedecken; besonders wenn sie meinen Ring vorzeigt. Denn die Leute werden über meine Leichtfertigkeit, Zügellosigkeit und Schändlichkeit lachen, daß ich meinen Siegelring einer Buhlerin gegeben habe, und daß sie, indem sie diesen Ring besitzt und behält, mich so betrogen hat, daß sie Briefe, welche sie will, in meinem Namen fälschen und mit meinem Siegel versiegeln kann. Ferner, wenn ich den Ring zurückfordere, wird sie, um ihn zu behalten, damit prahlen, daß ich ihr den vereinbarten Preis nicht gezahlt habe. Und so wird sie mich öffentlich des Betrugs und der Falschheit bezichtigen und mich beschämen, obwohl zu Unrecht: denn ich habe ihr das Ziegenböcklein geschickt, das ich versprochen hatte.“ Denn all dies ist in dieser knappen Rede Judas nach hebräischer Weise mitzuverstehen und zu ergänzen. Daher übersetzt unser Übersetzer, mehr auf den Sinn und die Absicht Judas als auf seine Worte achtend, klar: „Gewiß kann sie uns der Falschheit nicht bezichtigen: ich habe das Ziegenböcklein geschickt, das ich versprochen hatte.“


Vers 24: Führt sie heraus, daß sie verbrannt werde

24. „Führt sie heraus, daß sie verbrannt werde.“ — Dies sagt Juda, so der hl. Thomas, gleichsam als wolle er Tamar in einem öffentlichen Verfahren anklagen und den Richter drängen, sie zum Feuertod zu verurteilen. Zweitens und wahrscheinlicher spricht Juda hier als Richter das Urteil der Verbrennung gegen Tamar aus: weshalb es sogleich vollstreckt wurde; denn es folgt: „Und als sie zur Strafe geführt wurde.“ Denn Juda war ein Hausvater, der nach dem Brauch jenes alten Zeitalters der Richter seiner Familie war; oder vielmehr war Juda als der tatkräftigste der Brüder von seinem Vater Jakob als eine Art Magistrat über die gesamte Familie eingesetzt worden, die zahlreich war, nämlich alle Hebräer; denn seit der Zeit Abrahams hatten sie ihr eigenes Gemeinwesen, unterschieden vom Gemeinwesen der Kanaanäer, in welchem der Patriarch und Fürst Jakob war. Denn sie waren von Gott erwählte und von den anderen Völkern abgesonderte Fremdlinge und waren gleichsam ein wanderndes Gemeinwesen, bis sie unter Josua ihre Wohnsitze in Kanaan gründeten. Juda forderte also als Magistrat, daß seine Schwiegertochter Tamar zum Scheiterhaufen geführt werde, wegen des Verbrechens des sicheren und öffentlichen Ehebruchs: denn sie war Schela, dem Sohn Judas, verlobt und hatte diese Verlobung durch den Beischlaf mit Juda verletzt; und daher war sie eine Ehebrecherin.

Hieraus wird deutlich, daß die Strafe des Ehebruchs in jenem alten Zeitalter der Tod war, und zwar der Tod durch Feuer; ebenso wie kurz darauf Gott durch Mose gebot, die Ehebrecher durch Steinigung zu töten, Levitikus 20,10. Ebenso bestimmte Er für ehebrecherische Frauen die Fluchwasser, die ihren Leib zerreißen sollten, Numeri 5,27. Die Ägypter schlugen Ehebrecher mit Ruten bis zu tausend Streichen; den Ehebrecherinnen schnitten sie die Nasen ab, zu ewiger Schmach. Zeuge ist Diodor, 1. Buch, Kapitel 6.

Bei den Arabern, Parthern und anderen Völkern war die Strafe für Ehebrecher stets die Todesstrafe, was die meisten Philosophen überliefert haben, die den Ehebruch für ein schwerwiegenderes Verbrechen als den Meineid hielten. Zeuge ist Alexander ab Alexandro, 4. Buch, Kapitel 1.

Die Kumäer stellten eine Ehebrecherin auf dem Forum allen zur Verspottung aus; dann fuhren sie sie auf einem Esel durch die ganze Stadt, damit sie ihr ganzes Leben lang ehrlos sei, und sie wurde daher asellaris (Eselsreiterin) genannt, weil sie einen Esel geritten hatte; Zeuge ist Plutarch in den Problemata. König Tenes von Tenedos erließ ein Gesetz gegen Ehebrecher, daß der Leib eines jeden mit dem Beil zerhauen werden solle, und er gab ein Beispiel dieses Gesetzes an seinem eigenen Sohn. Platon verurteilt im 9. Buch der Gesetze den Unzüchtigen zur Todesstrafe; er behauptet, daß ein Ehebrecher vom Gatten straflos getötet werden dürfe. Solon erlaubte demjenigen, der einen Ehebrecher ertappte, ihn zu töten, wie Plutarch in seinem Leben Solons bezeugt.

Gegen Ehebrecher erließen Julius Cäsar, Augustus, Tiberius, Domitian, Severus und Aurelian strenge Strafen; Aurelian ersann für einen Ehebrecher folgende Strafe: Die Wipfel zweier Bäume wurden herabgebogen und an seine Füße gebunden, und dann losgelassen, so daß er zerstückelt auf beiden Seiten hing. Zeuge ist Coelius, 10. Buch, Kapitel 6.

Opilius Macrinus verbrannte Ehebrecher durch Feuer, wie Alexander ab Alexandro oben bezeugt.

Die Sachsen, noch als Heiden, zwangen eine Ehebrecherin, sich zu erhängen, und über dem Scheiterhaufen ihrer Verbrennung und Einäscherung hängten sie den Ehebrecher auf; Zeuge ist der hl. Bonifatius, zitiert bei Wilhelm von Malmesbury, 1. Buch, Kapitel 64, Über die Engländer.

Auch Mohammed bestimmte, daß ein Ehebrecher öffentlich mit hundert Hieben ausgepeitscht werde.

Die Brasilianer töten Ehebrecherinnen oder verkaufen sie als Sklavinnen; Zeuge ist Osorius, 2. Buch der Taten Emmanuels.

Man beachte: Juda fällt hier sein Urteil aus Zorn übereilt; denn er verurteilt Tamar, ohne sie angehört zu haben; ferner verurteilt er nicht nur Tamar, sondern auch ihre unschuldige Leibesfrucht. Denn er befahl, die schwangere Tamar mit der bereits drei Monate alten, beseelten Leibesfrucht zu verbrennen, und so die Frucht an Leib und Seele zu töten, was gegen alles Natur- und Völkerrecht ist. So sagt Cajetan. Denn was manche so auslegen: „Führt sie heraus“ bedeute, sagen sie, nicht unmittelbar zum Scheiterhaufen, sondern ins Gefängnis, um sie dort aufzubewahren, bis sie geboren habe, und sie dann erst zu verbrennen, stimmt nicht hinreichend mit dem Text überein, der sagt: „Führt sie heraus“, nicht um eingekerkert zu werden, sondern „daß sie verbrannt werde“. Daher wurde Tamar sogleich zum Feuer geschleppt. Denn Mose fügt sofort hinzu: „Und als sie zur Strafe geführt wurde.“ Denn nach diesem gebiert Tamar erst in Vers 27.


Vers 26: Sie ist gerechter als ich

26. „Sie ist gerechter als ich.“ — Er sagt nicht „sie ist heiliger als ich“ oder „keuscher“, sondern „gerechter“; denn Tamar sündigte schwerer als Juda: Denn er sündigte allein durch Unzucht, sie aber durch Unzucht, Ehebruch und Inzest. Dennoch war sie gerechter, das heißt, billiger und gerechter handelte Tamar mit Juda, als Juda mit Tamar: denn Juda hielt seine Versprechen und Vereinbarungen mit ihr nicht ein, indem er ihr die versprochene Ehe mit Schela verweigerte; und so reizte und trieb er sie, diese List gegen Juda zu ersinnen, durch die sie die Nachkommenschaft, die sie von Schela erhoffte, da Juda sie ungerechterweise daran hinderte, von Juda selbst einforderte. Denn da Tamar, bereits an die Familie Judas und Abrahams gebunden, sehnlichst Nachkommenschaft aus ihr wünschte und ihr der eigene Schela verweigert wurde, hatte sie keinen anderen Weg, ihren berechtigten Wunsch zu erfüllen, als auf kluge Weise, wenngleich durch ein Vergehen, Nachkommenschaft von Juda selbst zu suchen: Tamar war also vor Gott sündiger, vor Juda aber gerechter.

„Weil ich sie dem Schela nicht gegeben habe.“ — Man verstehe: Deshalb tat sie dies, um mir diesen Streich zu versetzen.

„Dennoch erkannte er sie nicht mehr.“ — Tamar blieb also von da an ehelos, zufrieden mit der von Juda empfangenen Nachkommenschaft, sagt Theodoret; denn Schela konnte und wollte sie, die durch diesen Inzest mit seinem Vater befleckt war, nicht zur Frau nehmen, sondern heiratete eine andere, wie aus Numeri 26,19 hervorgeht; von der er verschiedene Söhne zeugte, und unter ihnen einen, der die Sonne stillstehen ließ, wie in 1 Chronik 4,22 gesagt wird, worüber man dort nachsehe.


Vers 27: Sie erschienen

27. „Sie erschienen.“ — Die Hebamme, die ihre Hand an den Mutterleib legte, nahm wahr, daß sich zwei darin bewegten und gleichsam darum stritten, wer zuerst herauskommen sollte.


Vers 28: Dieser wird zuerst herauskommen

28. „Dieser wird zuerst herauskommen.“ — Im Hebräischen: „Dieser kam zuerst heraus“, gleichsam sagend: Dieser ist der Erstgeborene, weil er zuerst seine Hand herausstreckte; daher werde ich ihn mit einem scharlachroten Faden oder einer Schnur binden und kennzeichnen, damit, wenn ein Zweifel oder eine Ungewißheit aufkommt, man am Faden erkennen kann, daß dieser zuerst seine Hand herausstreckte und der Erstgeborene ist.


Vers 29: Als er seine Hand zurückzog

29. „Als er seine Hand zurückzog.“ — Der hl. Chrysostomus lehrt, daß all dies unter Gottes Lenkung und Anordnung geschah; nämlich wollte Gott, daß nicht Serach, sondern Perez zuerst geboren werde und der Erstgeborene sei, weil Gott wollte, daß aus Perez Christus der Herr geboren werde.

„Und die Frau sprach“ — die Hebamme, verdrossen darüber, daß sie getäuscht worden war; auch fürchtend, daß dieser gewaltsame Kampf und Durchbruch der Mutter oder den Zwillingen schaden könnte, sprach:

„Warum wurde die Mauer deinetwegen durchbrochen?“ — Im Hebräischen heißt es: „Warum hast du einen Riß auf dich gerissen“ oder „eine Mauer“, das heißt, warum hast du die Membran, die dich bedeckte, zerrissen, um vor deinem Bruder hervorzukommen? Das heißt, warum bist du, nachdem du die Eihäute zerrissen hast, zuerst herausgekommen und deinem Bruder zuvorgekommen?

Denn Zwillinge haben dieselben Nachgeburtshäute. Man höre Fernelius, 7. Buch der Physiologie, Kapitel 12: „Zwillinge, die desselben Geschlechts sind, sind in dieselben Nachgeburtshäute gehüllt, nur durch eine einfache Membran (die man Amnion, das heißt Lammhaut, nennt) getrennt; jeder hat jedoch seine eigene Nabelschnur und seine eigenen Venen und Arterien; die aber verschiedenen Geschlechts sind, erhielten auch verschiedene Nachgeburtshäute, und diese völlig getrennt.“ Dasselbe lehrt Rodrigo a Castro, 3. Buch Über die Natur der Frauen, Kapitel 13, und dasselbe bekennen unsere Ärzte durch Erfahrung gefunden zu haben.

Man beachte: Dies sind die Worte der Hebamme, die es, wie ich sagte, mit Verdruß trug, daß der Austritt aus dem Mutterleib und das Erstgeburtsrecht des Serach von Perez entrissen worden war. Man beachte: Für „Mauer“ (maceria) steht im Hebräischen Perez, das heißt ein Riß, auch eine Mauer oder Hecke (wie die Septuaginta übersetzen), die durchbrochen wird; diese Mauer ist die Membran, durch die, gleichsam wie durch eine Mauer, das Kind im Schoß der Mutter eingeschlossen und umhüllt ist und durch deren Durchbrechen es hervorkommt. Diese Membran heißt Nachgeburt (secundinae), weil sie dem zur Geburt kommenden Kind folgt und aus dem Mutterleib ausgestoßen wird. Daher wurde das Kind Perez genannt, das heißt Teilung oder Teiler oder Brecher, weil er zuerst die Nachgeburtshäute, gleichsam eine ihm im Weg stehende Mauer, brach und teilte, um als erster geboren zu werden. „Von Perez“, sagt der hl. Hieronymus, „empfing er aus der Tatsache, daß er die kleine Membran der Nachgeburt teilte, den Namen der Teilung; weshalb auch die Pharisäer, die sich als vermeintlich Gerechte vom Volk abgesondert hatten, Pharisäer, das heißt die Abgesonderten, genannt wurden.“ Daher auch jene Inschrift an Belschazzar, Daniel 5,28: „Mene, Tekel, Peres“, das heißt: „Gezählt, gewogen und geteilt ist dein Reich“ und den Persern und Medern gegeben. So sagt der hl. Hieronymus.

Man beachte zweitens: Perez wurde als der Erstgeborene Judas betrachtet und besaß die Rechte der Erstgeburt; daher wird die Linie Judas durch Perez gezogen, und David und alle Könige und Christus selbst, dem Juda verheißen, Genesis 49,10, stammten von ihm durch Perez ab.

Man wird einwenden: Schela, der eheliche Sohn Judas, war älter als Perez, denn er wurde unmittelbar nach Er und Onan geboren; als diese also starben, fiel ihm das Erstgeburtsrecht zu, zumal da Schela Söhne hinterließ, die in 1 Chronik 4,21 genannt werden. Ich antworte: Er war der Erstgeborene Judas, und als er starb, hätte Onan und dann Schela dessen Witwe Tamar heiraten und ihrem Bruder Er Nachkommen erwecken und den Erstgeborenen unter dessen Namen rechnen sollen, indem man ihn nämlich den Sohn Ers nannte, wie ich bei Vers 9 gesagt habe. Da aber Schela dies nicht tat, sondern Juda durch die Zeugung des Perez mit Tamar, wird daher Perez als der Erstgeborene gerechnet, als der Sohn Tamars, der Frau Ers, des Erstgeborenen, und folglich als Nachfolger an die Stelle Ers, des Erstgeborenen, nach dem Brauch und Gesetz jenes Zeitalters. Aus diesem Grunde wird hier ausführlich die Zeugung und Geburt des Perez vor Serach erzählt, denn wenn Serach vor Perez geboren worden wäre, wäre er der Erstgeborene Judas gewesen: daher stritt er im Mutterleib mit Perez, um zuerst geboren zu werden.

Hier sehen wir wiederum den Grund, warum Tamar so brennend Nachkommen von Schela suchte und, als dieser ihr verweigert wurde, von Juda; weil sie nämlich wünschte, daß aus ihr der erstgeborene Erbe und Fürst der edlsten Familie Judas geboren werde. Denn obgleich das Gesetz über das Erwecken von Nachkommen für den verstorbenen Bruder nur die Brüder nannte und verpflichtete, nicht die Väter, weil die Verbindung einer Schwiegertochter mit einem Vater, das heißt dem Schwiegervater, verboten war: so war es dennoch so, daß, wenn ein Vater der kinderlosen und verwitweten Schwiegertochter seinen Sohn verweigerte, den ihr von Rechts wegen schuldigen, und sie daher ihr Recht, wenngleich durch ein Vergehen, vom Vater, das heißt vom Schwiegervater, einforderte, wie es Tamar hier tat, dann die aus ihr zuerst geborene Nachkommenschaft als erstgeboren galt, weil durch eine Rechtsfiktion und Auslegung der Vater als derjenige angesehen wurde, der es getan und der Schwiegertochter sowie seinem verstorbenen Erstgeborenen das geschuldete Recht durch sich selbst erstattet hatte, was er durch seinen überlebenden Sohn hätte tun und erstatten sollen. Denn da die Rechtsregel lautet: „Was jemand durch einen anderen tut, das scheint er durch sich selbst zu tun“, so muß erst recht, was er durch einen anderen zu tun verpflichtet ist, wenn er es durch sich selbst tut, als tatsächlich getan gelten. Einige fügen hinzu, daß die Linie Schelas in seinen Nachkommen erloschen zu sein scheine, denn nirgendwo sonst wird sie erwähnt; die Linie des Perez aber dauerte bis zu Christus. Als also die Linie Schelas erloschen war, fiel das Erstgeburtsrecht mit vollem Recht an die Linie des Perez als die nächste. Doch dies ist unsicher und genügt nicht. Denn schon von Anfang an, als die Linie Schelas noch bestand, waren Amminadab, der der zweite nach Perez war (denn Perez zeugte Hezron, dieser zeugte Ram, dieser Amminadab, und dessen Sohn Nachschon), Fürsten im Stamm Juda als dessen Erstgeborene, wie aus Numeri 1,7 hervorgeht.


Vers 30: Serach

30. „Serach.“ — „Serach“ bedeutet im Hebräischen dasselbe wie Aufgehen, weil dieser Sohn, da er zuerst seine Hand herausgestreckt hatte, auch natürlicherweise als erster hätte aufgehen und geboren werden sollen. Er wurde, sagt der hl. Hieronymus, „Serach“ genannt, das heißt Aufgehen, entweder weil er zuerst erschien oder weil sehr viele Gerechte von ihm abstammten, wie aus 1 Chronik, Kapitel 2 und folgenden, hervorgeht.

Allegorisch steht Serach, der zuerst seine Hand herausstreckte, für den Juden, der zuerst das Gesetz empfing, aber seine mit dem scharlachroten Faden gebundene Hand zurückzog, weil er sein vom Blut Christi beflecktes Gewissen von Gott und vom Heil abwandte: daher wurde ihm Perez vorgezogen, das heißt das heidnische Volk, das zuerst zum Licht des Glaubens kam und Gott geboren wurde und die Mauer der Feindschaft zwischen Gott und den Menschen durch das Blut Christi niederriß. So sagen Rupert und Cyrill. Doch im Gegenteil deuten der hl. Chrysostomus, Irenäus und Theodoret Serach auf die heidnischen Christen und Perez auf die Juden.


Moralische Betrachtung: Über den Ursprung des Adels

In moralischer Hinsicht betrachte man hier, wie der Ursprung der vornehmsten Familien beschaffen ist und was Adel wirklich ist. Denn siehe, aus diesem Inzest Judas mit Tamar stammten David, Salomon und alle Könige von Juda ab, und Christus der Herr selbst: denn Er stammte von Juda durch Perez und Tamar ab. Denn alle ehelichen Söhne Judas hatten entweder keine Nachkommen, wie Er und Onan, oder wenige und gewöhnliche, wie Schela, wie aus 1 Chronik 4,21 hervorgeht. Ebenso gibt es keinen König oder Fürsten, der, wenn er seine Vorfahren zweitausend Jahre zurückverfolgte, nicht unter ihnen viele uneheliche Kinder, viele Bauern oder Schuster oder noch geringere Leute fände; ja, sehr viele wurden aus niederster Herkunft zum Königtum erhoben. So stieg Saul von den Eseln, David von den Schafen zum Königtum auf. Jephta wurde vom Räuber zum Fürsten, Arsaces vom Räuber zum König der Parther, Gyges vom Hirten zum König der Lyder. Darius Hystaspis war Kyros' Köcherträger. Valentinian I., der Kaiser, hatte einen Vater, der Seile drehte. Tamerlan wurde vom Ochsenhirten zum König der Tataren. Agathokles, Tyrann von Syrakus, hatte einen Töpfer zum Vater. Tullus Hostilius wurde vom Hirten zum König der Römer. Aurelian und Diokletian waren von niederer Herkunft. Maximinus war ein Schafhirt. Maximus Puppienus hatte einen Schmied zum Vater. Justin I., der Kaiser, war zuerst Schweinehirt, zweitens Ochsenhirt, drittens Zimmermann, viertens Soldat und sodann Kaiser. Mohammed, der Urheber des Islam und des Korans, war ein Kameltreiber. Osman, der erste Fürst der Türken, wurde von bäuerlichen Eltern geboren, dessen Nachkommen noch immer die Kaiser der Türken sind. Die Sultane von Ägypten mußten nach der Einrichtung des Volkes und des Reiches zuerst Sklaven sein, bevor sie zu dieser Ehre aufsteigen konnten. Kurzum, aller Adel hatte einen unedlen Anfang: und die im Adel ihrer Vorfahren sich rühmen, rühmen sich nicht ihrer eigenen, sondern einer fremden Tugend. Und auch dies ist daher Eitelkeit.

Und mit Recht sagte Iphikrates zu einem, der ihm niedere Geburt vorwarf: „Mein Geschlecht beginnt mit mir, deines endet mit dir.“ So Plutarch in den Apophthegmata. Dieselbe Antwort gab Cicero seinen Widersachern: „Ich“, sprach er, „habe meine Vorfahren durch meine Tugend erleuchtet.“