Cornelius a Lapide

Genesis XXXIX


Inhaltsverzeichnis


Synopsis des Kapitels

Die Keuschheit Josefs wird von seiner Herrin auf die Probe gestellt: er läßt ihr seinen Mantel, flieht und wird deshalb durch die falsche Anklage seiner Herrin in den Kerker geworfen.


Vulgata-Text: Genesis 39,1-23

1. Josef also wurde nach Ägypten hinabgeführt, und Potifar, ein Hofbeamter des Pharao, der Heeresoberste, ein Ägypter, kaufte ihn aus der Hand der Ismaeliter, von denen er dorthin gebracht worden war. 2. Und der Herr war mit ihm, und er war ein Mann, dem in allen Dingen alles gelang; und er wohnte im Hause seines Herrn, 3. der sehr wohl wußte, daß der Herr mit ihm war und daß alles, was er tat, durch Ihn in seiner Hand gelenkt wurde. 4. Und Josef fand Gnade vor seinem Herrn und diente ihm; und über alles gesetzt, verwaltete er das ihm anvertraute Haus und alles, was ihm übergeben worden war. 5. Und der Herr segnete das Haus des Ägypters um Josefs willen und mehrte sein ganzes Gut, sowohl in den Häusern als auch auf den Feldern. 6. Noch wußte er irgend etwas anderes, außer dem Brot, das er aß. Josef aber war schön von Angesicht und anmutig von Gestalt. 7. Und nach vielen Tagen warf seine Herrin ihre Augen auf Josef und sprach: Lege dich zu mir. 8. Er aber, der keineswegs der schändlichen Tat zustimmte, sprach zu ihr: Siehe, mein Herr, der mir alles übergeben hat, weiß nicht, was er in seinem Hause hat; 9. und es gibt nichts, was nicht in meiner Gewalt wäre oder was er mir nicht übergeben hätte, außer dir, die du seine Frau bist: wie sollte ich also dieses Übel tun und gegen meinen Gott sündigen? 10. Mit solchen Worten belästigte die Frau den jungen Mann Tag für Tag, und er weigerte sich der Befleckung. 11. Es geschah aber eines Tages, daß Josef in das Haus trat, um ohne Zeugen ein Werk zu verrichten; 12. und sie erfaßte den Saum seines Gewandes und sprach: Lege dich zu mir. Er aber ließ seinen Mantel in ihrer Hand, floh und ging hinaus. 13. Und als die Frau das Gewand in ihren Händen sah und daß sie verschmäht war, 14. rief sie die Männer ihres Hauses zu sich und sprach zu ihnen: Seht, er hat einen hebräischen Mann hereingeführt, um uns zu verspotten; er kam zu mir, um sich zu mir zu legen, und als ich aufschrie 15. und er meine Stimme hörte, ließ er den Mantel, den ich hielt, und floh hinaus. 16. Als Beweis ihrer Treue behielt sie daher den Mantel und zeigte ihn ihrem Mann, als er nach Hause zurückkehrte, 17. und sprach: Der hebräische Knecht, den du hereingeführt hast, kam zu mir, um mich zu verspotten; 18. und als er mich aufschreien hörte, ließ er den Mantel, den ich hielt, und floh hinaus. 19. Als sein Herr dies hörte und den Worten seiner Frau allzu leichtgläubig glaubte, wurde er überaus zornig; 20. und er übergab Josef dem Kerker, wo die Gefangenen des Königs verwahrt wurden, und dort war er eingeschlossen. 21. Aber der Herr war mit Josef, und da Er sich seiner erbarmte, gab Er ihm Gnade vor dem obersten Kerkermeister, 22. der alle Gefangenen, die in Gewahrsam gehalten wurden, in seine Hand übergab; und was immer geschah, stand unter ihm. 23. Und er wußte nichts, da ihm alles anvertraut war; denn der Herr war mit ihm und lenkte alle seine Werke.


Vers 1: Josef also

Hier kehrt Mose zur Geschichte Josefs zurück, die im vorhergehenden Kapitel durch die Geschichte der Genealogie Judas unterbrochen worden war; denn Mose verfolgt die Taten Josefs und Judas mehr als die der anderen Brüder, weil Juda und Josef das Erstgeburtsrecht Rubens unter sich teilten, von dem dieser selbst wegen Unzucht ausgeschlossen wurde, wie in Kapitel XLIX, Vers 3 und 4 ersichtlich werden wird.

UND POTIFAR KAUFTE IHN. — Die Hebräer erzählen, sagt der hl. Hieronymus, daß Potifar Josef wegen seiner außergewöhnlichen Schönheit zu einem schändlichen Zweck gekauft habe, und daß deshalb durch Gottes Strafe seine Mannesteile verdorrten, so daß er ein Eunuch wurde, und aus diesem Grunde als Priester von Heliopolis erwählt wurde; und daß seine Tochter Asenat war, die Josef später zur Frau nahm. Der hl. Hieronymus scheint diese Überlieferung zu billigen, und Rupert folgt ihr. Aber andere halten sie gewöhnlich, und nicht ohne Grund, für eine Fabel, die von den Juden auf ihre gewohnte Weise erdichtet wurde.


Vers 2: Und der Herr war mit ihm

Und der Herr war mit ihm, — indem Er ihn und alle seine Handlungen in allem lenkte und gedeihen ließ und ihn allen liebenswert und angenehm machte. So der hl. Chrysostomus. Daher folgt: „Und er war ein Mann (nicht dem Alter nach, denn er war ein Jüngling von 17 Jahren, sondern an Klugheit und Würde), dem in allen Dingen alles gelang.” Wie glücklich und gesegnet ist der, dessen jede Handlung Gott lenkt!

Beachte, daß Josef Gott auch in Ägypten fand: denn der fromme und heilige Mann findet Gott, wo immer er sich befindet, gemäß jenem Wort des Psalms CXXXVIII: „Wenn ich in den Himmel aufsteige, so bist Du dort.” Siehe die Treue Gottes, der die Seinen im Unglück niemals verläßt, wie es die Welt tut.

Siehe wiederum, wie jede Erde dem tapferen Mann Heimat ist. Stilpo, der von Demetrius zu Megara gefangengenommen und gefragt wurde, ob er etwas verloren habe, antwortete: „Der Krieg nimmt von der Tugend keine Beute.” Und Bias, als seine Heimat erobert war, sprach auf der Flucht: „All das Meine trage ich bei mir.” Dasselbe empfand und tat hier Josef. Der hl. Chrysostomus fügt in der 62. Homilie hinzu, daß Josef in so vielen und so großen Nöten nicht den Mut verlor, noch an seinem Traum und an Gottes Verheißung seiner Erhöhung zweifelte, noch viel weniger meinte, er sei von Gott verlassen; sondern „er ertrug alles, sagt er, tapfer und sanftmütig, ein besseres Los von Gott erhoffend, und zweifelte nicht, daß er auf diesem Wege erhöht werden würde. Denn dies ist Gottes Art, sagt er, die durch Tugend hervorragenden Männer nicht von Versuchungen und Gefahren zu befreien, sondern in eben diesen Seine Macht zu offenbaren, damit ihnen die Versuchungen selbst zum Anlaß großer Freude werden. Deshalb spricht auch der selige David: ‚In Trübsal hast Du mich erweitert’; er sagt nicht: ‚Du hast mich befreit’, sondern: ‚Du hast mich erweitert’, das heißt, mich selbst. Höre den hl. Ambrosius, im Buch Über Josef, Kapitel IV: ‚Jede Sünde, sagt er, ist knechtisch; die Unschuld ist frei. Wie aber ist der nicht ein Sklave, der der Wollust unterworfen ist? Er nimmt alle Ängste auf sich, er lauert den Träumen der einzelnen auf: um die Begierde des einen zu befriedigen, wird er zum Sklaven aller.’” Und bald darauf: „Scheint es dir nicht, daß dieser in der Knechtschaft herrscht, während jener in der Freiheit dient? Josef war ein Sklave, Pharao war ein König: die Knechtschaft des ersteren war gesegneter als die Königsherrschaft des letzteren. Ja, ganz Ägypten wäre an Hunger zugrunde gegangen, hätte es nicht sein Königreich dem Rat eines Sklaven unterworfen. Daher haben die ursprünglichen Sklaven Grund, sich zu rühmen: auch Josef war ein Sklave; sie haben jemanden, den sie nachahmen können, damit sie lernen, daß sie ihren Stand ändern können, aber nicht ihren Charakter; daß es Freiheit auch unter den Hausknechten und Beständigkeit auch in der Knechtschaft gibt.”


Vers 6: Noch wußte er irgend etwas anderes, außer dem Brot, das er aß

Nicht Potifar, sondern Josef, sagt Hieronymus Prado zu Ezechiel, Kapitel XIX, Vers 39, gleichsam als wollte er sagen: Josef eignete sich oder beanspruchte für sich schlechterdings nichts von einem so reichen Vermögen, das ihm von seinem Herrn anvertraut worden war, außer dem notwendigen Lebensunterhalt; so daß „wissen” hier dasselbe bedeutet wie sich für sich beanspruchen, als das Seine anerkennen, sich zurechnen, als ob Josef hier wegen einer gewissen seltenen Selbstbeherrschung oder Enthaltsamkeit gelobt würde.

Doch da in Vers 13 dasselbe gesagt wird, nicht von Josef, sondern vom Kerkermeister, nämlich daß er nichts von seinen eigenen Angelegenheiten wußte, sondern alles Josef anvertraut hatte: daher ist es besser, auch hier denselben Ausdruck in derselben Weise zu verstehen, gleichsam als wollte er sagen: Potifar vertraute alle seine Güter so sehr Josef an, daß er sich um nichts erkundigte, nichts wußte, für nichts sorgte, außer nur, daß er sich zu Tisch setzte und jene Dinge genoß, die Josef verwaltete und besorgte. So Philo und der hl. Ambrosius.


Vers 7: Nach vielen Tagen

Nach vielen Tagen, — etwa im elften Jahr seiner Gefangenschaft und Knechtschaft in Ägypten, als er schon 27 Jahre alt war. Denn im Alter von 17 Jahren wurde Josef nach Ägypten gebracht, und im Alter von 30 Jahren wurde er aus dem Kerker befreit, in dem er drei Jahre lang wegen dieser falschen Anklage seiner Herrin gewesen war, wie ich in Kapitel XL, Vers 4, zeigen werde; er wurde also im Alter von 27 Jahren in den Kerker geworfen.

SEINE HERRIN WARF IHRE AUGEN AUF JOSEF. — Kein Wunder, denn die Augen sind die Führer in der Liebe. Wer also keusch sein will, der ahme Ijob nach, der in Kapitel XXXI spricht: „Ich schloß einen Bund mit meinen Augen, daß ich nicht einmal an eine Jungfrau dächte.” Wiederum mögen junge Männer hier lernen, sagt der hl. Ambrosius, sich vor den Augen der Frauen zu hüten: denn selbst jene werden geliebt, die nicht geliebt werden wollen.


Vers 9: Wie also kann ich dieses Übel tun?

WIE ALSO KANN ICH DIESES ÜBEL TUN? — so daß ich so undankbar, treulos und ungerecht gegen meinen Herrn wäre, der mir so wohlgesinnt ist?

UND GEGEN MEINEN GOTT SÜNDIGEN, — den ich als allgegenwärtig erschaue und verehre, den ich als einen Vater liebe und als einen Rächer fürchte.

Pererius bemerkt hier fromm, daß es drei Bande gibt, durch die sich heilige Männer am kräftigsten gebunden fühlen, nicht gegen Gott sündigen zu können. Das erste ist die Ehrfurcht vor der göttlichen Majestät, die überall gegenwärtig ist und alles sieht. Denn heilige Männer, die immer im Angesicht Gottes wandeln, scheinen sich selbst nichts anderes tun zu können als keusch und heilig, und daher hüten sie sich auf das gewissenhafteste vor allem, was Ihm mißfällt, damit sie die gegenwärtige Gottheit in keiner Sache beleidigen. Das Gegenteil tun die Gottlosen, von denen in Psalm IX gesagt wird: „Gott ist nicht vor seinen Augen, seine Wege sind allezeit befleckt, Deine Urteile sind von seinem Angesicht entfernt.” Solche waren jene Ältesten, die Susanna nachstellten, von denen in Daniel XIII, 9 gesagt wird: „Sie verkehrten ihren Sinn und wandten ihre Augen ab, damit sie nicht zum Himmel schauten noch gerechter Gerichte gedächten.”

Das zweite ist die Erinnerung an das Wohlwollen und die Wohltaten Gottes gegen einen selbst. Und dies ist es, was der Herr in Hosea XI sagt: „Mit den Stricken Adams (das heißt, mit denen, durch die die Menschen gewöhnlich gezogen werden, nämlich Liebe und Güte) werde Ich sie ziehen mit den Banden der Liebe.” Wer hielte es nicht für unmöglich, gegen Gott zu sündigen, wenn er ernstlich Gottes so viele und so große Wohltaten gegen sich bedächte, vergangene, gegenwärtige und zukünftige, die Er den Seinen verheißen hat? Und daß Gott Derjenige ist, in dem wir leben, uns bewegen und sind, dessen Gabe alles Gute ist, das wir an Leib und Seele haben? Schließlich, wenn er bedenkt, daß Gott in Sich selbst der Beste, der Schönste, der Süßeste, der höchst Liebenswerte ist und Sich uns jetzt als solcher erweist und im Himmel noch mehr erweisen wird, wenn wir Ihm beständig anhangen. Siehe den hl. Augustinus, Predigt 83 Über die Zeiten, wo er, über unseren Josef sprechend, aus dem hl. Ambrosius diesen goldenen Ausspruch anführt: „Der Liebhaber des allerliebsten Gottes wird nicht durch die Liebe einer Frau besiegt; die Jugend, die einen keuschen Sinn anstachelt, bewegt ihn nicht, noch die Autorität einer Liebenden: wahrlich ein großer Mann, der verkauft, zu dienen damals nicht wußte, der geliebt nicht wiederliebte, der gebeten nicht nachgab, der ergriffen floh.”

Das dritte Band ist die Furcht Gottes, die aus der Betrachtung des strengsten Gerichts und der Rache hervorgeht, die Gott sowohl in diesem Leben oft ausübt als auch am Tag des Gerichts gewißlich und strengstens ausüben wird, wo Er keine Sünde, auch nicht die geringste, ungestraft lassen wird. Daher sagt David in Psalm CXVIII: „Durchbohre mein Fleisch mit Deiner Furcht: denn ich habe Deine Gerichte gefürchtet.”

Daher sagt der hl. Basilius zu jener Stelle des Psalms XXXIII: „Kommt, ihr Kinder, hört auf mich, die Furcht des Herrn will ich euch lehren: Wenn, sagt er, das Verlangen zu sündigen dich überfällt, so wollte ich, daß du an jenes schreckliche Gericht Christi denkst, in dem der Richter auf hohem Throne sitzen wird; und Seine ganze Schöpfung wird dabeistehen, zitternd vor Seiner glorreichen Gegenwart: auch wir müssen alle einzeln vorgeführt werden, um Rechenschaft zu geben über das, was wir im Leben getan haben. Dann werden denen, die Böses verübt haben, gewisse schreckliche und häßliche Engel beistehen, mit feurigen Angesichtern und Feuer atmend gegen die Menschen, nämlich die Gottlosen. Zu diesen Dingen bedenke den tiefen Abgrund und die unentwirrbare Finsternis und das Feuer, dem Helligkeit fehlt, das die Kraft zu brennen besitzt, aber des Lichts beraubt ist; dann das Geschlecht der Würmer, das Gift einflößt und das Fleisch verschlingt, unersättlich hungernd und niemals Sättigung fühlend und durch ihr bloßes Nagen unerträgliche Schmerzen zufügt. Endlich, was von allem am schwersten ist, jene Schande und ewige Verwirrung. Fürchte dies, und mit dieser Furcht als Zügel halte deine Seele vom Verlangen der Sünden zurück.” So der hl. Basilius.

Die keusche Susanna ahmte den keuschen Josef nach, als sie, zum Verbrechen aufgefordert, sprach: „Mir ist von allen Seiten Bedrängnis; aber besser ist es mir, ohne die Tat in eure Hände zu fallen, als vor dem Herrn zu sündigen.” So widerstanden alle Heiligen der Sünde bis zum Tode. Paulus in Römer VIII: „Wer wird uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst usw. Ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben” usw. Ruffinus sagte dem Kaiser Theodosius, er werde dafür sorgen, daß Ambrosius die ihm auferlegten Bande lockere. Darauf antwortete Theodosius: „Ich kenne die Beständigkeit des Ambrosius, und daß er durch keinen Schrecken königlicher Majestät das Gesetz Gottes übertreten wird.” Der Kaiserin Eudoxia, die dem hl. Chrysostomus drohte, sagten seine Leute: „Vergeblich erschreckst du jenen Mann; er fürchtet nichts als die Sünde.” Der hl. Ludwig, König von Frankreich, lernte als Knabe von seiner Mutter Blanka, „lieber dem Tode entgegenzugehen, als in eine Todsünde einzuwilligen.” Tobias sprach zu seinem Sohn: „Hüte dich, daß du niemals in die Sünde einwilligst; du wirst viele gute Dinge haben, wenn du Gott fürchtest.” Der hl. Edmund, Erzbischof von Canterbury: „Lieber wollte ich in einen lodernden Scheiterhaufen springen, als wissentlich irgendeine Sünde gegen Gott begehen.” Der Weise: „Fliehe die Sünde wie das Antlitz einer Schlange.” Der hl. Anselm: „Wenn ich leiblich auf der einen Seite den Schrecken der Sünde und auf der anderen den Schmerz der Hölle sähe und notwendig in eines von beiden gestürzt werden müßte, so würde ich die Hölle der Sünde vorziehen.” So zogen die Makkabäer, so zogen die Märtyrer Qualen der Sünde vor.

Höre auch die Heiden: Aristoteles, Ethik III: „Es ist besser zu sterben, als etwas gegen das Gut der Tugend zu tun.” Seneca: „Selbst wenn ich wüßte, daß die Menschen es nicht erfahren und Gott vergeben würde, so wollte ich dennoch nicht sündigen, wegen der Schändlichkeit der Sünde.” Denn was ist die Sünde? Sie ist ein Leichnam, sie ist Aussatz, sie ist ein höchst widerlicher Abwassergraben; sie ist eine Mißgeburt der vernünftigen Natur; sie ist eine Beleidigung und Verletzung der göttlichen Majestät; sie ist die Schuld des ewigen Feuers; sie ist Gottesmord, sie ist Christusmord. Papinian, der Rechtsgelehrte, zog es, obgleich ein Heide, vor zu sterben, statt den Vatermord des Kaisers Caracalla zu verteidigen, der seinen Bruder Geta getötet hatte: Spartian in seinem Leben Caracallas ist Zeuge. Der Knabe Demokles sprang im Bade, um dem wollüstigen Anschlag des Königs Demetrius zu entgehen, in kochendes Wasser: lieber wollte er sterben, als sich befleckt zu sehen: Plutarch in seinem Leben des Demetrius ist Zeuge.


Vers 10: Mit solchen Worten sprach sie Tag für Tag zu ihm

Beachte hier die unbesiegte Beständigkeit Josefs. Denn selbst mächtige Bäume fallen, wenn sie mit großen und wiederholten Schlägen getroffen werden; selbst die härtesten Felsen werden von den kleinsten Wassertropfen, die unaufhörlich fallen, ausgehöhlt: um wieviel mehr kann ein Mensch, dessen Fleisch nicht ehern ist, wie Ijob sagt, noch seine Stärke die Stärke von Steinen ist, durch die Größe und Beharrlichkeit der Versuchungen überwunden werden. Dennoch gab Josef nicht nach, weder der Schwäche der menschlichen Natur, noch der Neigung des jugendlichen Alters zur Wollust, noch der beharrlichen Zudringlichkeit seiner Herrin, noch den Reichtümern und Verheißungen, die sie ihm anbot, noch den Drohungen und schwersten Gefahren, denen er sich aussetzte, wenn er die Tat verweigerte. Lerne hier, daß keine Versuchung, wie groß sie auch sei, unüberwindlich ist, und daß du unentschuldbar sein wirst, wenn du dich von ihr überwinden läßt, da du jede, ebenso wie Josef, durch die Gnade Gottes überwinden kannst und mußt, besonders wenn du der Ewigkeit und der ewigen Herrlichkeit oder Hölle stets eingedenk bist: kämpfe für die Ewigkeit.

DER BEFLECKUNG, — das heißt, dem Ehebruch.


Vers 12: Er floh

12. Der Saum, — der Rand oder das äußerste Ende seines Gewandes. Josephus fügt hinzu, daß sie eine Krankheit vortäuschte und Josef an einem feierlichen Festtag verführen wollte, als die Hausgenossen aus dem Hause abwesend waren. Aber Josephus scheint diese Einzelheiten, wie auch andere, aus eigener Erfindung über die Wahrheit hinaus hinzugefügt zu haben; denn wenn es so wäre, wie rief dann die Frau in Vers 13, als Josef entkommen war, und wie rief sie die Hausgenossen herbei?

Er floh. — Josef hätte, als junger Mann in der Blüte seines Alters, der Frau sein Gewand mit Gewalt entreißen können, aber er wollte es nicht: und zwar erstens aus Ehrfurcht, damit er seiner Herrin keine Gewalt antue. Zweitens, weil das unmittelbarste Heilmittel gegen die Versuchungen der Wollust nicht das Ringen ist, sondern die Flucht. Daher sagt der Apostel: „Fliehet die Unzucht.” Siehe über diese Flucht und über das Meiden der Vertraulichkeit mit Frauen den hl. Augustinus, Predigt 230 Über die Zeiten, wo er unter anderem sagt: „Josef floh, um seiner unzüchtigen Herrin zu entrinnen; ergreife also gegen den Ansturm der Wollust die Flucht, wenn du den Sieg erlangen willst; und es sei dir nicht schändlich zu fliehen, wenn du die Palme der Keuschheit zu erlangen wünschst. Unter allen Kämpfen der Christen sind allein die Kämpfe der Keuschheit die härteren, wo der Streit täglich ist und der Sieg selten: hier also können den Christen die täglichen Martyrien nicht fehlen. Denn wenn Keuschheit, Wahrheit und Gerechtigkeit Christus sind; und wenn derjenige, der ihnen nachstellt, ein Verfolger ist, dann wird derjenige, der sie sowohl in anderen verteidigen als auch in sich selbst bewahren will, ein Märtyrer sein.” Mit Recht sagt daher der hl. Bernhard in den Kürzeren Sinnsprüchen: „Sparsamkeit im Überfluß, Freigebigkeit in der Armut, Keuschheit in der Jugend, ist Martyrium ohne Blut.”

Drittens floh Josef, damit er weder die Frau berühre noch von ihr berührt werde: denn selbst die Berührung einer Frau ist, wie ansteckend und giftig, vom Mann zu meiden, nicht weniger als der Biß des tollwütigsten Hundes, sagt der hl. Hieronymus, Buch I Gegen Jovinian.

Beachte hier: Ahme und ergreife mit Josef den doppelten Schild der Keuschheit. Der erste ist die Erinnerung an den gegenwärtigen Gott, Seine Liebe und Furcht, wenn du nämlich sowohl Gottes Gegenwart, Gottes Gericht, Gottes Rache und die Hölle bedenkst; und auch Gottes Güte, Schönheit und Wonnen, die jede leibliche Schönheit und Lust unermeßlich übertreffen, wovon ich zu Vers 9 gesprochen habe. Der zweite ist die Flucht vor Gelegenheiten und Versuchungen und besonders vor Frauen. Denn so floh Josef und ließ seinen Mantel zurück.

Aber was, wenn die Flucht nicht möglich ist? Höre, was die hl. Euphrasia, die Märtyrerin, tat, die, zum Bordell verurteilt, weil sie sich weigerte, den Götzen zu opfern, als sie von einem bösen Jüngling angegriffen wurde, ihn durch diese List hintergehend, sowohl ihre Schamhaftigkeit bewahrte als auch das Martyrium erlangte. Wenn, sagte sie, du mich verschonst, werde ich dich einen Trank lehren, mit dem du, einmal gesalbt, im Kampfe durch keine Waffe und kein Schwert verletzt werden kannst. Er versprach es, wenn sie es erweisen würde; dann sagte sie: Versuche es an mir; und indem sie ihren Hals mit Wachs und Öl vermischt salbte, sagte sie: Schlage so kräftig wie du kannst. Der Jüngling tat es und schlug ihr mit einem Schlag den Kopf ab. In dieser List wirst du ebenso die Klugheit der Jungfrau wie ihre Beständigkeit bewundern: der Zeuge ist Nikephoros, Kirchengeschichte, Buch VII, Kapitel XIII. Denn sie hatte damals kein anderes Heilmittel, ihre Keuschheit zu bewahren, als diese fromme Täuschung, zu der der Jüngling sie zwang, indem er nach ihrer Schamhaftigkeit lechzte, die zu bewahren sie den Tod vorzog; daher täuschte sie den Jüngling mit Recht, der folglich als der Urheber ihres Todes angesehen werden muß, sowohl physisch als auch moralisch. Sie ist also eine Märtyrerin, keine Selbstmörderin.

Beachte zweitens, mit Rupert, die heroischen Tugenden Josefs: erstens die Mäßigung und Enthaltsamkeit; denn obgleich er ein junger Mann von 27 Jahren war, und zudem schön, heimlich geliebt und angesprochen von seiner Herrin, die ihm Großes versprach, erwiderte er ihre Liebe nicht, sondern blieb beständig in seiner Keuschheit. Zweitens Gerechtigkeit und Treue; denn er verabscheute das Bett seines Herrn. Drittens Klugheit; denn als er ergriffen wurde, floh er. Viertens Tapferkeit; denn er fürchtete weder die Wutanfälle seiner wahnsinnigen Liebhaberin, noch den Kerker, noch den Tod selbst, und verachtete sie um seiner Keuschheit willen. Fünftens Beständigkeit; denn täglich von seiner Herrin bedrängt, widerstand er und blieb fest wie ein Diamant.

Daher sagt der hl. Chrysostomus, daß er die Tat Josefs mehr bewundere als die drei hebräischen Jünglinge, die im babylonischen Ofen unversehrt blieben. Denn wie jene, so blieb auch Josef inmitten der Flammen unversehrt, nicht verbrannt, sondern strahlte reiner, unversehrter, kräftiger und herrlicher hervor: so daß die Akklamation, die dem hl. Dominikus (nicht dem Gründer des Ordens, sondern einem anderen desselben Ordens) mit Recht zugerufen wurde, als er in einer ähnlichen Versuchung Sieger war, auch Josef von den Dämonen zugerufen werden könnte: „Du hast gesiegt, du hast gesiegt; denn du warst im Feuer und bist nicht verbrannt.” Daher bewundert auch der hl. Ambrosius, wie Josef so über die Begierde und alle Dinge herrscht. Höre ihn, im Buch Über Josef, Kapitel V: „Groß war der Mann Josef, der, obgleich verkauft, eine knechtische Gesinnung nicht kannte, der geliebt nicht wiederliebte, der gebeten nicht nachgab, der ergriffen floh. Als er von der Frau seines Herrn angegangen wurde, konnte er an seinem Gewand festgehalten werden, aber an seiner Seele konnte er nicht erfaßt werden: ja, nicht einmal ihre Worte duldete er länger; denn er hielt es für eine Ansteckung, wenn er länger verweilte, damit nicht durch die Hände der Ehebrecherin die Anreize der Wollust auf ihn übergingen. Und so zog er sein Gewand aus und schüttelte die Anklage ab. Er war der Herr, der die Fackeln der Liebenden nicht empfing, der die Bande der Verführerin nicht fühlte, den kein Schrecken des Todes erschreckte, der lieber frei vom Verbrechen sterben wollte, als die Gesellschaft verbrecherischer Macht zu wählen.” Und der hl. Gregor, Homilie 15 über Ezechiel: „Wir bemühen uns, die Verlockung des Fleisches zu überwinden. Man erinnere sich an Josef, der, als seine Herrin ihn versuchte, sich bemühte, die Enthaltsamkeit des Fleisches selbst unter Lebensgefahr zu bewahren. Daher kam es, daß er, weil er wußte, wie er seine eigenen Glieder wohl zu regieren habe, über ganz Ägypten gesetzt wurde, um es zu regieren.”

Allegorisch: Josef, sagt Rupert, ist Christus, die ägyptische Frau ist die Synagoge, die fleischlich den Messias liebt, Sein irdisches und fleischliches Reich erwartend; aber Christus, indem Er ihr Sein Gewand, das heißt, die Zeremonien des Gesetzes, überließ, floh zu den Heiden, von denen Er im Geist und in der Wahrheit angebetet wird.

Symbolisch sagt Philo: Josef ist ein Fürst oder König; Potifar, sein Herr, ist das Volk, in dem das eigentliche Recht der Königsherrschaft liegt; die Frau ist die Begierde und Wollust, von der das Volk oft geleitet wird: Josef, das heißt der wahre Fürst, widersteht dieser beständig, wenn er das öffentliche Wohl aufrichtig liebt und verteidigt.

Ebenso tropologisch: der Herr ist die Vernunft, die Frau ist die Begierde: Josef widersteht dieser, das heißt, der enthaltsame und beständige Geist.


Vers 13: Und als die Frau sah

Beachte hier die wendige List, Schamlosigkeit und Bosheit der Frau, nämlich: „Eine Frau liebt entweder, oder sie haßt,” es gibt keinen Mittelweg. Zweitens ihre Verderbtheit, Kühnheit und ihre Täuschungen, durch die sie ihr eigenes Verbrechen auf Josef wendet. Drittens ihre Wutanfälle, durch die sie dem, den sie zuvor geliebt hatte, den Tod bereitet, nämlich: Eine Frau ist am grausamsten, / wenn die Scham dem Haß die Sporen gibt.


Vers 19: Zu leichtgläubig

Denn er gab Josef keine Gelegenheit, sich zu rechtfertigen, noch untersuchte er die Sache; sondern verurteilte sogleich den Unschuldigen. Zweitens bemerkte der eifersüchtige Mann nicht, daß eben dieses Gewand ein Beweis der von der Frau ausgehenden Gewalt und der Unschuld und Ehrfurcht Josefs war. Denn wenn er (wie Philo weise sagt) hätte Gewalt gegen seine Herrin anwenden wollen, so hätte er leicht, da er stärker war als eine Frau, sein Gewand behalten und sogar das ihre ihr entreißen können.


Vers 20: Und er übergab Josef dem Kerker

„Sie demütigten, sagt David im Psalm CIV, seine Füße in Fesseln, Eisen durchbohrte seine Seele;” aber bald darauf, da Gott ihn lenkte, wurde Josef unter den Gefangenen frei, ja sogar ihr Oberster. Josef, sagt Josephus, tröstete sich im Kerker mit dem Gedanken, daß Gott mächtiger sei als die, die ihn fesselten. Denn er wußte, daß Gott sich um ihn und seine Unschuld sorgte; und er zweifelte nicht, daß Gott ihn aus diesen Banden mit Herrlichkeit, sei es gegenwärtiger oder zukünftiger, befreien werde. Daher „erlitt er gerne, sagt der hl. Ambrosius, dieses Martyrium des Kerkers und des Todes um der Keuschheit willen.” Denn Josef, der wegen einer falschen Anklage des Ehebruchs eingekerkert worden war, schwebte in gewisser Gefahr des Martyriums und des Todes.

Allegorisch ist Josef Christus, der unschuldig von Juda und den Juden übergeben wurde und in den Kerker des Todes eingeschlossen war, aber unter den Toten gleichsam von Gott dem Vater frei gemacht wurde und Macht und Herrschaft über alle Gefesselten und somit über die Hölle selbst empfing. So Prosper und Rupert. Höre den hl. Ambrosius, im Buch Über Josef, Kapitel VI: „Betrachte nun jenen wahren Hebräer (Christus), jenen Ausleger nicht eines Traumes, sondern der Wahrheit und einer herrlichen Vision, der aus jener Fülle der Gottheit, aus der Überfülle der himmlischen Gnade in dieses leibliche Gefängnis gekommen war; den die Verlockung dieser Welt nicht verändern konnte, usw.; schließlich, von einer gewissen ehebrecherischen Hand der Synagoge an dem Gewand Seines Leibes ergriffen, legte Er das Fleisch ab und stieg frei vom Tode auf. Die Buhlerin verleumdete Ihn, als sie Ihn nicht mehr sehen konnte: der Kerker erschreckte Ihn nicht, die Unterwelt hielt Ihn nicht; ja, dorthin, wohin Er gleichsam wie zur Bestrafung hinabgestiegen war, von dort befreite Er andere; wo sie selbst durch die Bande des Todes gebunden waren, dort löste Er selbst die Bande der Toten.”

Ferner versinnbildete unser Patriarch Josef hier durch seine Keuschheit, Unschuld, Geduld und Gnade Josef, den Bräutigam der seligen Jungfrau, dessen Würde und Heiligkeit über den meisten anderen Heiligen schon daraus ersichtlich ist, daß er der Nährvater Christi und der Jungfrau war, und daß er der Vater Christi genannt und geglaubt wurde. Denn, wie der hl. Bernhard sagt, Homilie 2 über das Missus est: „Jener Josef, aus brüderlichem Neid verkauft und nach Ägypten gebracht, hat die Verkaufung Christi vorgebildet: dieser Josef, der den Neid des Herodes floh, trug Christus nach Ägypten. Jener bewahrte seinem Herrn die Treue und weigerte sich, mit seiner Herrin Umgang zu haben: dieser, seine Herrin, die Mutter seines Herrn, als Jungfrau anerkennend, und selbst enthaltsam, bewahrte sie treu. Jenem war Einsicht in die Geheimnisse der Träume gegeben: diesem war es gegeben, der himmlischen Sakramente bewußt und teilhaftig zu werden. Jener bewahrte Getreide, nicht für sich, sondern für das ganze Volk: dieser empfing das lebendige Brot vom Himmel, um es zu bewahren, sowohl für sich selbst als auch für die ganze Welt.”


Vers 23: Und er wußte nichts

Nicht Josef, sondern der Kerkermeister, der die Gefangenen und alles im Kerker Josef anvertraut hatte. Siehe, was zu Vers 6 gesagt wurde. Treffend sagt der hl. Chrysostomus (oder wer auch immer der Verfasser ist: denn der Stil deutet auf einen lateinischen Verfasser hin), in der Homilie Über den verkauften Josef, Band 1: „Der heiligste Josef betritt den Gewahrsam, mehr als Besucher denn als Gefangener; als Fürsorger, nicht als Mitschuldiger; als Arzt, nicht als Kranker. So wird er zum Aufseher aller, zum Verwalter für den Trost der Angeklagten. Freue dich, o Unschuld, und frohlocke; freue dich, sage ich, denn überall bist du unversehrt, überall sicher. Wenn du versucht wirst, gehst du voran; wenn du erniedrigt wirst, wirst du erhöht; wenn du kämpfst, siegst du; wenn du getötet wirst, wirst du gekrönt. Du in der Knechtschaft bist frei, in der Gefahr sicher, im Gewahrsam fröhlich. Die Mächtigen ehren dich, die Fürsten blicken zu dir auf, die Großen suchen dich. Die Guten gehorchen dir, die Bösen beneiden dich, die Nebenbuhler sind eifersüchtig, die Feinde unterliegen. Noch kannst du je aufhören, siegreich zu sein, selbst wenn dir unter den Menschen ein gerechter Richter fehlen sollte.”