Cornelius a Lapide

Genesis XL


Inhaltsverzeichnis


Zusammenfassung des Kapitels

Josef deutet die Träume des Mundschenken und des Bäckers: der Ausgang bestätigt die Deutung.


Text der Vulgata: Genesis 40,1-23

1. Nach diesen Begebenheiten geschah es, daß zwei Verschnittene, der Mundschenk des Königs von Ägypten und der Bäcker, sich gegen ihren Herrn verfehlten. 2. Und Pharao, zornig wider sie (denn der eine war Oberster über die Mundschenken, der andere über die Bäcker), 3. sandte sie in den Kerker des Obersten der Leibwache, in welchem auch Josef gefangen war. 4. Aber der Kerkermeister übergab sie dem Josef, welcher ihnen auch diente. Eine Zeitlang war vergangen, und sie wurden in Gewahrsam gehalten. 5. Und beide hatten in derselben Nacht einen Traum, jeder einer ihm zukommenden Deutung gemäß: 6. und als Josef am Morgen zu ihnen hineintrat und sie traurig sah, 7. fragte er sie und sprach: Warum ist euer Angesicht heute trauriger als sonst? 8. Sie antworteten: Wir haben einen Traum gehabt, und es ist niemand, der ihn uns deute. Und Josef sprach zu ihnen: Gehört nicht die Deutung Gott? Erzählt mir, was ihr gesehen habt. 9. Der oberste Mundschenk erzählte zuerst seinen Traum: Ich sah vor mir einen Weinstock, 10. an dem drei Reben waren, die nach und nach zu Knospen wuchsen, und nach den Blüten zu reifenden Trauben: 11. und der Becher des Pharao war in meiner Hand: so nahm ich die Trauben und preßte sie in den Becher, den ich hielt, und reichte dem Pharao den Becher. 12. Josef antwortete: Dies ist die Deutung des Traumes: Die drei Reben sind drei noch kommende Tage, 13. nach welchen Pharao sich deines Dienstes erinnern und dich wieder in deine frühere Stellung einsetzen wird: und du wirst ihm den Becher nach deinem Amte reichen, wie du es vorher zu tun pflegtest. 14. Nur gedenke meiner, wenn es dir wohlgeht, und erweise mir Barmherzigkeit, daß du bei Pharao vorbringest, mich aus diesem Kerker herauszuführen: 15. denn ich bin heimlich entführt worden aus dem Lande der Hebräer, und bin hier unschuldig in die Grube geworfen worden. 16. Als der oberste Bäcker sah, daß er den Traum weise gedeutet hatte, sprach er: Auch ich habe einen Traum gehabt, daß ich drei Körbe mit Mehl auf meinem Haupte trug: 17. und in einem Korbe, der zu oberst war, trug ich allerlei Speisen, die nach Bäckerkunst bereitet sind, und die Vögel fraßen daraus. 18. Josef antwortete: Dies ist die Deutung des Traumes: Die drei Körbe sind drei noch kommende Tage; 19. nach welchen Pharao dir dein Haupt nehmen und dich an ein Kreuz hängen wird, und die Vögel werden dein Fleisch zerreißen. 20. Der dritte Tag danach war Pharaos Geburtstag; und als er ein großes Gastmahl für seine Knechte bereitete, gedachte er beim Mahle des obersten Mundschenken und des obersten Bäckers. 21. Und er setzte den einen wieder in seine Stellung ein, daß er ihm den Becher reiche: 22. den anderen hängte er an einen Galgen, damit die Wahrheit des Deuters erwiesen würde. 23. Dennoch, als das Glück ihm folgte, vergaß der oberste Mundschenk seines Deuters.


Vers 1: Zwei Verschnittene

1. „Zwei Verschnittene” — das heißt, zwei königliche Diener und Amtsträger, auch wenn sie in Wirklichkeit keine Eunuchen waren. Siehe, was zu Kap. 39, Vers 4 gesagt wurde.


Vers 2: Denn der Eine

2. „Denn der eine” — gleichsam gesagt: Pharao war zornig über sie, weil die Sünde dieser Männer, als Amtsträger, ihren Untergebenen zum Ärgernis und schlechten Beispiel werden konnte. Der hebräische Text hat das Wörtlein „denn” nicht.


Vers 3: Des Obersten der Leibwache

3. „Des Obersten der Leibwache” — das ist Potifar, der Herr Josefs gewesen war, Kap. 39, Vers 20. „Gefangen” — das heißt, als Gefangener: denn von Fesseln war er schon frei, wie aus dem vorhergehenden Kapitel, Vers 22, hervorgeht.


Vers 4: Eine Zeitlang — Josefs dreijährige Gefangenschaft

4. „Eine Zeitlang” — nämlich ein Jahr, denn dies bedeutet das hebräische in yamim, das heißt „Tage” im Plural, wie Francisco Ribera zu Amos 4, Nr. 8, wohl beweist. Nach diesem Jahr der Träume blieb Josef noch zwei weitere Jahre im Kerker, wie aus dem folgenden Kapitel, Vers 1, hervorgeht; er erduldete also eine dreijährige Gefangenschaft. Auch hierin war Josef ein Vorbild Christi; denn wie Josef nach drei Jahren Kerker zur Herrschaft erhoben wurde, so ist Christus nach drei Tagen des Leidens und Todes glorreich auferstanden. Dasselbe Triduum der Auferstehung Christi wird durch die drei Tage der Wiedereinsetzung des Mundschenken des Pharao, Vers 13, bezeichnet. So nach Isidor bei Lipomanus.


Vers 8: Gehört nicht die Deutung Gott?

8. „Gehört nicht die Deutung Gott?” — gleichsam gesagt: Gott wird euch durch mich euren Traum deuten; darum erzählt ihn mir: und wenn ihr seht, daß er wahrhaftig so eintrifft, wie ich ihn gedeutet haben werde, dann wißt, daß ich kein eitler Mutmaßer bin, sondern durch Gottes Gabe ein wahrer Deuter der Träume, und folglich daß ich ein wahrer Verehrer und Freund des wahren Gottes bin: denn Gott offenbart diese seine Geheimnisse anderen nicht.


Ob es erlaubt sei, aus Träumen zu weissagen

Man mag fragen: ist es erlaubt, aus Träumen Zukünftiges zu weissagen? Merke: Dreifach sind die Träume: denn einige kommen von Gott; einige vom Teufel; einige von der Natur. Wiederum ist diese dritte Art, die aus der Natur entsteht, zweifach: denn einige entstehen aus den Gedanken des Tages oder aus einer heftigen Neigung zu einer Sache. Daher gilt: wie „der Schiffer von den Winden, der Pflüger von den Ochsen spricht”, so träumt er auch von denselben Dingen. Denn es gibt Träume aus dem Tagesdenken, gleichsam wie letzte Bewegungen einer Saite, die zu schwingen aufgehört hat, welche aus dem Anstoß hervorgehen und noch eine Zeitlang andauern, nachdem dieser aufgehört hat, wie hl. Gregor von Nyssa in seiner Abhandlung Über die Erschaffung des Menschen, Kapitel 40, sagt. Gewisse natürliche Träume aber entstehen aus dem Temperament und dem vorherrschenden Humor. So träumen die Cholerischen von Mord, Schlägen und Feuer; die Phlegmatischen von Wassern, Abgründen, Erstickungen und langsamer Flucht vor schädlichen Dingen — denn träges Phlegma bringt dies hervor; die Sanguinischen von Musik, Gastmählern, Wiesen, Vögeln und Flug; die Melancholischen von dunklen und traurigen Dingen, von Tod, von Gräbern, von Äthiopiern und Dämonen.

Ich sage erstens: aus natürlichen Träumen ist es erlaubt, natürlich zu weissagen, das heißt, über das Temperament, die Gesundheit, die Neigungen und die drohenden Krankheiten eines Menschen Vermutungen anzustellen. So haben Hippokrates und Galen Bücher geschrieben über die Vorzeichen, die aus Träumen zu ziehen sind. Und der Grund ist, weil die Wirkungen von Natur aus ihre Ursache anzeigen: diese Träume aber sind die Wirkungen eines bestimmten Temperaments und eines bestimmten im Körper vorherrschenden Humors.

Ich sage zweitens: aus Träumen, die von Gott oder von einem Engel gesandt sind, ist es erlaubt zu weissagen; aber nur für denjenigen, der ihre Bedeutung von Gott oder einem Engel empfangen hat. So weissagen Josef hier und Daniel in den Kapiteln 4 und 5 aus Träumen.

Ich sage drittens: die übrigen Träume und die aus ihnen gezogenen Weissagungen sind entweder teuflisch oder abergläubisch oder eitel, trügerisch und nichtig: daher ist die Weissagung aus solchen Träumen verboten, Deuteronomium 18,10.

Merke: Weil göttliche Träume selten sind und von teuflischen oder eitlen kaum unterschieden werden können, ist es das Sicherste, alle Träume jedweder Art zu verachten, es sei denn, daß Gott anderes offenbart; und er pflegt dies teils zu offenbaren, indem er die Träumenden selbst erleuchtet, damit sie wissen, daß ihnen der Traum von Gott gesandt ist, und sie anspornt, die Deutung des Traumes zu erforschen und zu erfragen, wie er es bei diesen Eunuchen tat, ebenso bei Nebukadnezzar, Daniel 5, und bei Pharao hier in Kapitel 41; teils indem er die Deutung der Träume seinen Freunden und heiligen Männern eingibt, wie er sie hier Josef eingab und Daniel in den Kapiteln 4 und 5. Siehe die Conimbricenses zum Buch des Aristoteles Über die Weissagung durch Träume.


Vers 12: Dies ist die Deutung des Traumes

12. „Josef antwortete: Dies ist die Deutung des Traumes.” — Der Mundschenk sah hier in seinem Traum symbolisch, daß seine eigene Stellung, nämlich sein Amt als Mundschenk, ihm wiedergegeben wurde, damit Gott eben dadurch andeute, daß die Stellungen, die Würden, ja das Leben selbst und alle menschlichen Dinge nichts als ein Traum seien, und daß alle Hoffnungen der Menschen nichts als Träume der Wachenden seien, wie Platon zu sagen pflegte: dies lehrt der Deuter Josef, das heißt, ein weiser und kluger Mann, sagt Philon — und darum lenkt er alle seine Handlungen und alle seine Angelegenheiten nach der Vorschrift der Tugend.

„Drei Reben” — drei Schößlinge des Weinstocks. „Drei noch kommende Tage” — „sind”, das heißt, bedeuten. Denn wie das Sein eines Bildes darin besteht, darzustellen, so besteht das Sein eines Traumes, eines Sinnbildes oder einer prophetischen Vision darin, abwesende oder zukünftige Dinge vorauszudeuten und zu bezeichnen. So der hl. Augustinus.


Vers 15: Aus dem Lande der Hebräer

15. „Aus dem Lande der Hebräer” — aus dem Lande Kanaan, in dem Jakob und seine Söhne, die Hebräer, wohnten.


Vers 16: Daß er den Traum weise gedeutet hatte

16. „Daß er weise” (das heißt, passend, treffend, einleuchtend) „den Traum gedeutet hatte” — denn die Wahrheit der Deutung stand noch nicht fest, welche später durch das tatsächliche Ereignis in Vers 21 bestätigt wurde.


Vers 17: Allerlei Speisen, bereitet nach Bäckerkunst

17. „Allerlei Speisen, die nach Bäckerkunst bereitet sind” — und folglich Kuchen, Fleischpasteten und Teigwaren mit Fleisch, auf welche die fleischfressenden Vögel herbeiflogen und sie zerrissen und verschlangen. So Josephus. Denn diese Speisen und Vögel deuteten an, daß das Fleisch des Träumers auf gleiche Weise am Kreuze von Vögeln würde zerrissen und verschlungen werden.


Vers 19: Nach welchen — wird er dir dein Haupt nehmen

19. „Nach welchen” — das heißt: angefangen; denn eben am dritten Tag wurde der Bäcker aufgehängt, und dies deuteten die Vögel aus dem dritten Korbe an, indem sie das Fleisch zerrissen und fraßen. So Josephus.

„Er wird dir dein Haupt nehmen” — nicht indem er dich durch das Schwert enthauptet, wie Philon meint, sondern indem er dich mit dem Strick erhängt und so dich und dein Haupt tötet. Daher folgt: „Und er wird dich aufhängen”; denn wer einem Menschen das Leben nimmt, der nimmt auch sein Haupt, weil im Haupt der Mensch vor allem lebt und gedeiht, und dieses Leben und diese Kraft dem Haupt wie dem Menschen durch den Strick und den Tod ebenso genommen wird wie durch das Schwert.

„Und die Vögel werden dein Fleisch zerreißen.” — Hieraus ist klar, daß die Leichname der Gehängten schon damals, wie auch jetzt, am Galgen belassen wurden, damit sie dort entweder verwesten oder von Sonne und Winden ausgetrocknet und verzehrt oder von Vögeln zerrissen würden. Daher jener Spruch: „Ich habe keinen Diebstahl begangen; du wirst am Kreuze keine Raben füttern.” Den Juden aber war geboten, Deuteronomium 21, Vers 23, die Gehängten am selben Tag abzunehmen und zu begraben.

Tropologisch sagen Prosper und Rupert: diese beiden Verschnittenen, von denen der eine in seine Stellung wieder eingesetzt, der andere aufgehängt wurde, bezeichnen zwei Ordnungen von Menschen, nämlich die aus Gnade Erwählten und die aus Gerechtigkeit Verworfenen oder zu Verdammenden. Wiederum ist Josef zwischen den beiden Verschnittenen Christus, der zwischen den beiden Schächern gekreuzigt wurde, dem einen den Himmel verheißend, den anderen der Hölle überlassend. Denn Christus hat die Träume und Visionen eröffnet: sowohl weil er die Weissagungen erfüllte; als auch weil er den Menschen die verborgenen Ratschlüsse, Urteile und Verheißungen Gottes aufschloß; als auch weil er den Aposteln Verständnis gab, damit sie die Weissagungen und die gesamte Heilige Schrift verstünden.


Vers 22: Damit die Wahrheit des Deuters erwiesen würde

22. „Damit die Wahrheit des Deuters erwiesen würde.” — Das Wörtlein „damit” bezeichnet hier nicht den von Pharao beabsichtigten Zweck, wie offenkundig ist, sondern den Ausgang oder die Folge, gleichsam gesagt: Und so geschah es, daß Josefs Weissagung und Traumdeutung wahr befunden und durch das tatsächliche Ereignis selbst bestätigt wurde.

Eine ähnliche Weissagung war die des hl. Athanasius, der, als er Alexandria betrat und eine Krähe, durch die Luft fliegend, krächzte, von den Heiden spottweise gefragt, was die Krähe sage, antwortete: „Sie ruft ‚cras' [morgen]; und das bedeutet, daß morgen, der Festtag, den ihr feiert, euch traurig sein wird.” Und so geschah es, wie Nicephorus bezeugt, Buch 9, Kapitel 35. Ebenso jener Christ, der von Julian dem Apostaten mit Hohn gefragt wurde: „Was macht euer galiläischer Zimmermann?” und antwortete: „Er zimmert dir einen Sarg” — nämlich eine Bahre — und in Wahrheit: denn kurz darauf wurde Julian durch eine Waffe getötet, die nicht von einem Menschen, sondern von Christus stammte. In gleicher Weise weissagte der Einsiedler Isaak dem arianischen Kaiser Valens, der gegen die Goten zog, Niederlage und Tod, wie Nicephorus bezeugt, Buch 11, Kapitel 50.