Cornelius a Lapide

Genesis XLIV


Inhaltsverzeichnis


Synopsis des Kapitels

Josef befiehlt, daß sein Becher heimlich in den Sack Benjamins gelegt werde. Daraufhin fordert er Benjamin wegen des vermeintlichen Diebstahls als seinen Sklaven; Juda bietet sich in Vers 18 an seiner Statt in die Sklaverei an.


Vulgata-Text: Genesis 44,1–34

1. Und Josef befahl dem Verwalter seines Hauses und sprach: „Füllt ihre Säcke mit Getreide, so viel sie fassen können, und legt jedem sein Geld oben in seinen Sack. 2. Und meinen silbernen Becher und den Preis, den er für den Weizen bezahlt hat, lege in die Öffnung des Sackes des Jüngsten.“ Und es geschah also. 3. Und als der Morgen anbrach, wurden sie mit ihren Eseln entlassen. 4. Und als sie nun die Stadt verlassen hatten und ein kurzes Stück weitergezogen waren, da sprach Josef, nachdem er den Verwalter seines Hauses gerufen hatte: „Steh auf und verfolge die Männer; und wenn du sie eingeholt hast, sprich: Warum habt ihr Gutes mit Bösem vergolten? 5. Der Becher, den ihr gestohlen habt, ist derjenige, aus dem mein Herr trinkt und in dem er zu wahrsagen pflegt. Ihr habt eine höchst verwerfliche Tat begangen.“ 6. Er tat, wie ihm befohlen war. Und nachdem er sie eingeholt hatte, sprach er der Reihe nach. 7. Sie antworteten: „Warum spricht unser Herr so, als hätten deine Knechte ein solches Verbrechen begangen? 8. Das Geld, das wir oben in unseren Säcken gefunden haben, haben wir dir aus dem Lande Kanaan zurückgebracht; und wie sollte es glaubhaft sein, daß wir Gold oder Silber aus dem Hause deines Herrn gestohlen hätten? 9. Bei welchem deiner Knechte auch immer das, was du suchst, gefunden wird, der soll sterben, und wir werden die Knechte unseres Herrn sein.“ 10. Er sagte zu ihnen: „Es geschehe nach eurem Urteil: Bei wem es gefunden wird, der soll mein Sklave sein, ihr aber sollt unschuldig bleiben.“ 11. Da ließen sie eilends ihre Säcke auf den Boden hinab, und jeder öffnete den seinen. 12. Und als er sie durchsuchte, vom Ältesten angefangen bis zum Jüngsten, fand er den Becher im Sack Benjamins. 13. Sie aber zerrissen ihre Kleider, beluden ihre Esel aufs neue und kehrten in die Stadt zurück. 14. Und Juda trat als erster mit seinen Brüdern bei Josef ein (denn er hatte den Ort noch nicht verlassen), und sie fielen alle zugleich vor ihm zu Boden. 15. Und er sprach zu ihnen: „Warum habt ihr so handeln wollen? Wißt ihr nicht, daß niemand mir gleich ist in der Kunst des Wahrsagens?“ 16. Und Juda sprach zu ihm: „Was sollen wir meinem Herrn antworten? Oder was sollen wir sagen, oder was können wir mit Recht vorbringen? Gott hat die Ungerechtigkeit deiner Knechte aufgedeckt. Siehe, wir sind alle Knechte meines Herrn, sowohl wir als auch der, bei dem der Becher gefunden wurde.“ 17. Josef antwortete: „Fern sei es von mir, daß ich so handelte. Wer den Becher gestohlen hat, der sei mein Sklave; ihr aber zieht frei zu eurem Vater.“ 18. Da trat Juda näher heran und sprach freimütig: „Ich bitte dich, mein Herr, laß deinen Knecht ein Wort in deinen Ohren reden, und zürne deinem Diener nicht; denn du bist der Nächste nach dem Pharao, 19. mein Herr. Du hast zuerst deine Knechte gefragt: ‚Habt ihr einen Vater oder einen Bruder?‘ 20. Und wir antworteten dir, mein Herr: ‚Wir haben einen bejahrten Vater und einen jungen Knaben, der ihm in seinem Alter geboren wurde; sein leiblicher Bruder ist tot, und er allein ist von seiner Mutter übrig, und sein Vater liebt ihn zärtlich.‘ 21. Und du sagtest zu deinen Knechten: ‚Bringt ihn zu mir, und ich werde meine Augen auf ihn richten.‘ 22. Wir legten meinem Herrn dar: ‚Der Knabe kann seinen Vater nicht verlassen; denn wenn er ihn verließe, würde er sterben.‘ 23. Und du sprachst zu deinen Knechten: ‚Wenn euer jüngster Bruder nicht mit euch kommt, werdet ihr mein Angesicht nicht mehr sehen.‘ 24. Als wir also zu deinem Knecht, unserem Vater, hinaufgezogen waren, erzählten wir ihm alles, was mein Herr gesagt hatte. 25. Und unser Vater sprach: ‚Kehrt zurück und kauft uns ein wenig Weizen.‘ 26. Und wir sagten: ‚Wir können nicht gehen; wenn unser jüngster Bruder mit uns geht, werden wir zusammen aufbrechen; andernfalls wagen wir es in seiner Abwesenheit nicht, das Angesicht des Mannes zu sehen.‘ 27. Darauf antwortete er: ‚Ihr wißt, daß meine Frau mir zwei Söhne geboren hat. 28. Der eine ist fortgegangen, und ihr sagtet: Ein wildes Tier hat ihn zerrissen; und er ist seitdem nicht mehr erschienen. 29. Wenn ihr auch diesen noch mitnehmt und ihm unterwegs etwas zustößt, werdet ihr meine grauen Haare mit Kummer in die Grube hinabbringen.‘ 30. Wenn ich nun zu deinem Knecht, unserem Vater, ginge und der Knabe nicht bei uns wäre (da sein Leben am Leben des Knaben hängt), 31. und er sähe, daß er nicht bei uns ist, so würde er sterben, und deine Knechte würden seine grauen Haare mit Kummer in die Grube hinabbringen. 32. Laß mich vielmehr dein Knecht sein, denn ich habe den Knaben in meine Obhut genommen und mich verbürgt, indem ich sprach: ‚Wenn ich ihn nicht zurückbringe, will ich allzeit schuldig sein der Sünde gegen meinen Vater.‘ 33. Ich will daher an der Stelle des Knaben als dein Knecht im Dienst meines Herrn bleiben, und der Knabe soll mit seinen Brüdern hinaufziehen. 34. Denn ich kann nicht ohne den Knaben zu meinem Vater zurückkehren, damit ich nicht Zeuge des Unglücks werde, das meinen Vater überwältigen wird.“


Vers 2: Der Becher in Benjamins Sack

„Den Becher usw. lege in die Öffnung des Sackes des Jüngsten“ — nämlich Benjamins. Josef tat dies, um auf diese Weise die Herzen seiner Brüder zu prüfen: ob sie Benjamin als den Sohn Rachels beneideten und als denjenigen, der im Gastmahl fünfmal größere Anteile erhalten hatte; so daß er ihn, wenn er diesen Neid durch das Schweigen und die Vernachlässigung Benjamins seitens der Brüder wahrnähme, bei sich behalten würde, damit die Brüder unterwegs nicht etwas gegen ihn unternähmen, wie sie es einst gegen Josef selbst getan hatten. Wenn sie aber brüderliche Liebe durch ihre Sorge und ihr Bemühen um seine Befreiung zeigten, so würde er ihn mit ihnen ziehen lassen. So Philon, Josephus, der hl. Chrysostomus und Theodoret.


Vers 5: Der gestohlene Becher; Über die Wahrsagerei

„Der Becher, den ihr gestohlen habt.“ Merke: Josef konnte seine Brüder mit Recht dadurch bestrafen, daß er ihnen diese Furcht und diesen Schrecken einflößte, wegen des gegen ihn begangenen Verbrechens, damit sie, durch diese Heimsuchung zur Besinnung gebracht, ihre Sünde anerkennen würden, wie sie es tatsächlich taten, sagt der hl. Augustinus. Benjamin aber konnte er nicht auf diese Weise heimsuchen. Daher war die Anklage des Becherdiebstahls gegen ihn eine leichte und läßliche Verleumdung; sie wurde jedoch zu Benjamins eigenem Besten ersonnen, wie ich in Vers 2 gesagt habe, und sie war von kurzer Dauer, die er bald vergalt, indem er sich mit größter Freude und mit größten Wohltaten zu erkennen gab. Es lag hier auch eine Lüge vor; denn Josef sprach diese Dinge nicht auf dem Weg der Prüfung und der Befragung, wie er es in Kapitel 42, Vers 9, getan hatte, sondern auf dem Weg der unumwundenen Behauptung. Doch war dies eine scherzhafte Lüge, keine schädliche.

Wenn daher der hl. Augustinus, Quaestio 125, sich bemüht, Josef von der Lüge freizusprechen, so ist dies auf eine ernste und schädliche Lüge zu beziehen.

Sinnbildlich: Wie Josef mit Benjamin spielte, den er anfangs gleichsam festnehmen und als Dieb binden zu wollen vorgab, nachher aber zeigte, daß alles im Scherz geschehen war, und ihn umarmend den übrigen Brüdern vorzog: so handelt Gott mit den Demütigen. Er läßt zu, daß sie verachtet, bedrängt und geplagt werden; wenn sie aber dies demütig und geduldig ertragen, so wird er ihnen gnädig sein und sie erhöhen, so daß sie um so herrlicher werden, je niedriger sie waren. Das Spiel Gottes also ist die Demut.

„In dem er zu wahrsagen pflegt.“ Die Septuaginta gibt wieder: „in dem er durch Augurium weissagt.“ Falsch übersetzt daher Rabbi Kimchi: „für den er Auguren befragte.“

Julius Sirenius berichtet (Buch IX Über das Schicksal, Kapitel 18), daß die Ägypter und Assyrer Becken (und ebenso Becher, wie es scheint) mit Wasser zu füllen pflegten, sodann mit gewissen Worten einen Dämon herbeizurufen, und daß dann der Dämon durch ein Zischen aus den Wassern Antworten über die Dinge gab, über die er befragt wurde. Ferner drückte der Dämon zuweilen im Wasser die Gestalt oder das Bild der gesuchten Sache oder des gesuchten Urhebers aus, gerade wie unsere Wahrsager heute durch ihre Beschwörungen im Wasser den Urheber eines Diebstahls darstellen und sichtbar machen.

Du wirst sagen: hat sich Josef also als einen solchen Auguren, das heißt, als Zauberer und Wahrsager, bekannt? Calvin bejaht dies und behauptet daher, daß Josef durch eine schwere Verstellung gegen die Religion gesündigt habe. Aber wer würde dies von Josef glauben, der ein überaus frommer und heiligster Prophet war? Der hl. Augustinus antwortet daher, daß Josef hier nicht im Ernst, sondern scherzend spricht; denn so scheint er auch in Vers 45 zu sprechen. Zweitens sagt Theodoret, Josef spreche fragend, nicht behauptend. Drittens sagt der hl. Thomas, Josef spreche nicht aus seiner eigenen Meinung, sondern aus der Meinung der Ägypter, die wahrhaftig meinten, Josef sei ein Augur. Aber diese Erklärungen befriedigen diesen Vers und seinen Zusammenhang nicht.

Ich sage daher, daß für „wahrsagen“ das Hebräische nachas steht, was bedeutet: vorahnen und weissagen, sei es durch Augurium oder durch natürlichen Scharfsinn, also: mutmaßen, erforschen und ausspähen. Daher übersetzen das Chaldäische und Aben-Esra es mit „prüfen“. Josef also erforschte und ergründete mit diesem Becher, indem er ihn mit Wein gefüllt seinen Gästen darreichte, auf natürliche Weise die Mäßigkeit, Klugheit und die verborgenen Dinge des Herzens seiner Gäste (denn im Weine ist die Wahrheit), und hier ergründete er, welche Gesinnung ein jeder seiner Brüder gegenüber Benjamin hatte, wie ich in Vers 2 gesagt habe. Er ließ jedoch zu, daß seine Brüder getäuscht wurden, damit sie glaubten, er sei wahrhaftig und eigentlich ein Augur, und deshalb gebrauchte er ein zweideutiges Wort.

So gebraucht Plinius „Augurium“ für „Mutmaßung“ in Buch VII, im Brief an Cornelius Tacitus, wenn er sagt: „Ich ahne, und meine Ahnung trügt mich nicht, daß deine Geschichtswerke unsterblich sein werden.“ So nennt Aristoteles in den Problemen 9, Abschnitt 33, das Niesen „ein heiliges Vorzeichen für die Gesundheit des Kopfes“, weil es nämlich ein Zeichen dafür ist, daß der Kopf wohl ist, fähig, die überflüssigen und schädlichen Säfte zu verdauen und auszuscheiden; denn wenn die Wärme des Kopfes den fremden, rohen und blähenden Saft und Hauch überwindet und austreibt, dann pflegt ein Niesen ausgelöst zu werden.


Vers 15: Niemand ist mir gleich im Wahrsagen

„Daß niemand mir gleich ist in der Kunst des Wahrsagens.“ „Des Wahrsagens“, das heißt, des Weissagens und Mutmaßens; denn das Hebräische ist nachas, wie ich in Vers 5 gesagt habe. Gleichsam als wollte er sagen: Da der Pharao und ganz Ägypten mich als Auguren, das heißt, als Propheten und Wahrsager anerkennen und ehren, wie kommt es, daß ihr allein meintet, euch vor mir und meiner Wahrsagekunst in diesem Diebstahl verbergen zu können?


Vers 16: Gott hat die Sünde aufgedeckt

„Gott hat die Sünde deiner Knechte aufgedeckt.“ Einige verstehen dies mit dem hl. Augustinus als die Sünde des Verkaufs Josefs; gleichsam als wollten sie sagen: Weil wir Josef in die Sklaverei verkauft haben, sind wir nun mit Recht der Sklaverei unterworfen. Dies konnte Juda in seinem Herzen empfinden, aber äußerlich spricht er zu Josef nicht von dieser Sünde, sondern von der Sünde des Becherdiebstahls — denn dessen beschuldigte Josef sie, und auf dieselbe Anklage antwortete Juda, indem er sie anerkannte. Es scheint also, daß Juda dachte und den Verdacht hegte, Benjamin habe den Becher wirklich gestohlen, besonders da Benjamin, als er ertappt wurde, schwieg und sich nicht verteidigte. Oder zumindest zog es Juda in einer zweideutigen und unklaren Lage vor, die Sünde dem Bruder zuzuschreiben und demütig um Verzeihung zu bitten und so Josefs Zorn zu besänftigen, anstatt ihn weiter zu reizen, indem er Benjamin entschuldigte und die Schuld entweder ausdrücklich oder stillschweigend auf Josef und seine Diener zurückwarf und sie des Betrugs, der List und der Verleumdung bezichtigte. Denn aus der Tatsache, daß der Becher in Benjamins Sack gefunden worden war, ergab sich eine Vermutung des Diebstahls gegen Benjamin. So Abulensis. Mit Recht sagt der hl. Augustinus, Sentenz 118: „Das Bekenntnis im Bösen ist besser als das stolze Rühmen im Guten.“

Als daher ein Einsiedler gefragt wurde, welches der sicherste Weg sei, den er zum Himmel gefunden habe, antwortete er: „Wenn ein Mensch sich stets selbst anklagt.“ Der selige Dorotheus ist Zeuge, Unterweisung 7. So pflegten die hl. Katharina von Siena und andere demütige und erlauchte Heilige bei allen Übeln, die sie selbst, ihre Nächsten oder den Gemeinwesen trafen, zu sagen: „Durch meine Schuld ist dieses Übel geschehen.“


Vers 20: Seine Mutter hat nur ihn allein

„Seine Mutter hat nur ihn allein“ — er allein ist von seiner Mutter übriggeblieben; im Hebräischen: „er ist allein von seiner Mutter übrig“, was auch von einer Verstorbenen gesagt werden kann; denn Rachel, die Mutter Benjamins, war bereits gestorben.


Vers 21: Ich werde meine Augen auf ihn richten

„Ich werde meine Augen auf ihn richten“ — ich werde ihn wohlwollend anblicken, ihm gnädig sein, ihn begünstigen und hegen; daher übersetzt die Septuaginta: „ich werde für ihn Sorge tragen.“


Vers 30: Sein Leben hängt am Leben des Knaben

„Sein Leben“ — das Leben des Vaters hängt am Leben des Sohnes; denn wenn der Sohn stürbe oder weggenommen würde, so stürbe der Vater vor Kummer.


Vers 32: Ich will an seiner Statt dein Knecht sein

„Ich will wahrhaftig“ — laß mich dein persönlicher Knecht sein, denn ich werde dir an Kraft und Erfahrung nützlicher sein als der Knabe Benjamin.