Cornelius a Lapide

Genesis XLV


Inhaltsverzeichnis


Zusammenfassung des Kapitels

Josef offenbart sich seinen Brüdern und sendet sie, in Vers 17, mit Geschenken zu ihrem Vater zurück, damit sie ihn zu sich bringen; Jakob, in Vers 26, kann sich vor Freude kaum fassen.


Text der Vulgata: Genesis 45,1–28

1. Josef vermochte sich nicht länger zu beherrschen vor so vielen, die umherstanden — daher befahl er, daß alle hinausgingen und daß kein Fremder bei der gegenseitigen Wiedererkennung zugegen sei. 2. Und er erhob seine Stimme unter Weinen, das die Ägypter hörten und das ganze Haus des Pharao. 3. Und er sprach zu seinen Brüdern: „Ich bin Josef; lebt mein Vater noch?“ Seine Brüder konnten ihm nicht antworten, von übergroßem Schrecken erfaßt. 4. Und er sprach sanft zu ihnen: „Tretet näher zu mir.“ Und als sie nahe herangekommen waren: „Ich bin“, sprach er, „Josef, euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft habt. 5. Fürchtet euch nicht, und es soll euch nicht hart erscheinen, daß ihr mich in diese Gegenden verkauft habt; denn zu eurer Rettung hat mich Gott vor euch nach Ägypten gesandt. 6. Denn zwei Jahre sind es, seit die Hungersnot im Lande begonnen hat, und fünf Jahre bleiben noch, in denen weder gepflügt noch geerntet werden kann. 7. Und Gott hat mich vorausgesandt, damit ihr auf der Erde erhalten bleibt und Nahrung zum Leben haben möget. 8. Nicht durch euren Ratschluß, sondern durch den Willen Gottes bin ich hierher gesandt worden, der mich gleichsam zum Vater des Pharao gemacht hat und zum Herrn seines ganzen Hauses und zum Fürsten im ganzen Land Ägypten. 9. Eilt und zieht hinauf zu meinem Vater und sprecht zu ihm: ‚So läßt dein Sohn Josef sagen: Gott hat mich zum Herrn über das ganze Land Ägypten gemacht; komm herab zu mir, säume nicht, 10. und du sollst im Lande Gosen wohnen und wirst nahe bei mir sein, du und deine Söhne und die Söhne deiner Söhne, deine Schafe und deine Rinder und alles, was du besitzt. 11. Und dort werde ich dich ernähren (denn es bleiben noch fünf Jahre der Hungersnot), damit nicht auch du zugrunde gehst und dein Haus und alles, was du besitzt. 12. Siehe, eure Augen und die Augen meines Bruders Benjamin sehen, daß es mein Mund ist, der zu euch redet. 13. Erzählt meinem Vater von all meiner Herrlichkeit und von allem, was ihr in Ägypten gesehen habt; eilt und bringt ihn zu mir.‘“ 14. Und er fiel seinem Bruder Benjamin um den Hals und weinte, und auch Benjamin weinte gleichermaßen an seinem Halse. 15. Und Josef küßte alle seine Brüder und weinte über jeden einzelnen; danach wagten sie, mit ihm zu sprechen. 16. Und es wurde gehört und durch die öffentliche Rede am Hof des Königs verbreitet: ‚Die Brüder Josefs sind gekommen‘, und Pharao und sein ganzer Hofstaat freuten sich. 17. Und er befahl Josef, seinen Brüdern aufzutragen, sprechend: ‚Beladet eure Tiere und zieht in das Land Kanaan, 18. und nehmt von dort euren Vater und eure Verwandtschaft und kommt zu mir; und ich werde euch alle Güter Ägyptens geben, damit ihr das Mark des Landes eßt. 19. Befiehl ihnen auch, Wagen aus dem Lande Ägypten zu nehmen für die Beförderung ihrer Kleinen und ihrer Frauen; und sage: Nehmt euren Vater und kommt in größter Eile. 20. Und laßt nichts von eurem Hausrat zurück, denn alle Reichtümer Ägyptens werden euch gehören.‘ 21. Und die Söhne Israels taten, wie ihnen geboten war. Und Josef gab ihnen Wagen nach dem Befehl des Pharao und Vorrat für die Reise. 22. Er ließ auch für jeden einzelnen zwei Festgewänder hervorbringen; dem Benjamin aber gab er dreihundert Silberstücke samt fünf der besten Gewänder. 23. Und er sandte seinem Vater ebensoviel Geld und Kleider, dazu zehn Esel beladen mit allen Reichtümern Ägyptens und ebenso viele Eselinnen, die Weizen und Brot für die Reise trugen. 24. So entließ er seine Brüder, und als sie aufbrachen, sprach er: „Zankt nicht unterwegs.“ 25. Und sie zogen hinauf aus Ägypten und kamen in das Land Kanaan zu ihrem Vater Jakob, 26. und sie verkündeten ihm und sprachen: Josef, dein Sohn, lebt, und er herrscht über das ganze Land Ägypten. Als Jakob dies hörte, wie einer, der aus tiefem Schlaf erwacht, glaubte er ihnen dennoch nicht. 27. Sie hingegen berichteten den ganzen Hergang der Sache. Und als er die Wagen gesehen hatte und alles, was er gesandt hatte, lebte sein Geist wieder auf, 28. und er sprach: Es ist mir genug, wenn mein Sohn Josef noch lebt: Ich will ziehen und ihn sehen, bevor ich sterbe.


Vers 3: „Ich bin Josef“

„Ich bin Josef.“ Diese unerwartete Stimme, wie ein Blitzschlag, sagt Rupertus, erschütterte die Brüder und machte sie bestürzt, sprachlos und beinahe außer sich; denn von der furchterregenden Macht Josefs erwarteten sie nichts anderes als den ihrem Verbrechen gebührenden Tod.


Allegorische Auslegung (hl. Ambrosius)

Allegorisch sagt der hl. Ambrosius in seinem Buch Über Josef, Kapitel 12: „Was anderes rief Er damals aus, als ‚Ich bin Jesus‘, da Er zu Pilatus sprach: ‚Du sagst es, denn ich bin König. Kommt zu Mir, denn Ich bin zu euch herangetreten, damit Ich durch die Annahme des Fleisches Mich eurer Natur zum Teilhaber mache.‘“ Und noch viel mehr zeigte Er Sich nach Seiner Auferstehung Seinen Jüngern und sprach: „Fürchtet euch nicht, Ich bin es. Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden.“ So spricht der hl. Ambrosius. Siehe auch Hugo den Kardinal.


Die Liebe Josefs

Beachte hier die Liebe Josefs, der, bis in den Tod hinein verletzt, sein Unrecht zuerst durch Vergessen und Schweigen rächte; sodann durch Liebkosungen, Umarmungen, Küsse, Tränen und Seufzer; schließlich durch die wohltätige und immerwährende Ernährung seiner Brüder. „Er küßte daher jeden einzelnen und weinte über jeden einzelnen und benetzte die Hälse der Zitternden mit strömenden Tränen und wusch so den Haß der Brüder mit den Tränen der Liebe hinweg“, sagt der hl. Augustinus, Predigt 83 Über die Zeiten. Lerne von Josef, daß der wirksamste Liebestrank dieser ist: „Damit du geliebt werdest, liebe.“ In Wahrheit sagt der hl. Chrysostomus, Homilie 13 an das Volk: „Willst du gelobt werden? Lobe einen anderen. Willst du geliebt werden? Liebe. Willst du die ersten Plätze erlangen? Überlaß sie zuvor einem anderen.“

Mit diesem Liebestrank prägte der hl. Gregor von Nazianz seine katholischen Konstantinopolitaner; denn als sie, von den Arianern unter dem arianischen Kaiser Valens geplagt und bedrängt und nach dessen Tod unter dem rechtgläubigen Kaiser Theodosius daran dachten, ihnen Gleiches mit Gleichem zu vergelten und sie mit gleichen Bedrängnissen heimzusuchen, sprach Nazianzenus zu ihnen diese Worte: „Nicht dies, meine Herde, verlangt Christus von uns, noch lehrt uns das Evangelium so. Jetzt wird uns die Gelegenheit geboten, jene zu bekehren, die durch den Irrtum verführt wurden. Sie sollen, belehrt, ihre Vergehen anerkennen, sich vor dem Herrn niederwerfen, ihre Gottlosigkeit bekennen und sich unserer Herde einfügen. Dies sei meine Rache, daß jene, die uns Unrecht zugefügt haben, das Heil erlangen und das als vortrefflich bekennen, was sie früher verfolgten. Seid sanftmütigen Geistes, meine Kinder. Wer ein mildes und geduldiges Gemüt hat, zeichnet sich durch Klugheit aus. Erweist Wohltaten denen, die euch haßerfüllt verfolgen, und vergebt ihnen ihre Vergehen gänzlich. Wenn aber der Geist heftig entbrennt und sich vom Zorn nicht zurückhalten läßt, so gewährt wenigstens dies Zweitbeste: daß ihr diese Dinge Christus anvertraut und für das künftige Gericht aufbewahrt. ‚Denn mein ist die Rache, Ich will vergelten, spricht der Herr.‘“ Mit diesen Worten besänftigte er das Volk und gewann es für seine Meinung, wie Gregor der Presbyter im Leben Gregors von Nazianz berichtet.

So weigerte sich der hl. Martinus, dem Presbyter Brictio, seinem Verleumder, das Amt zu entziehen, indem er sprach: „Wenn Christus den Judas ertragen hat, warum sollte ich nicht Brictio ertragen?“ Severus Sulpicius ist der Zeuge im Dialog 3.

Mit diesem Liebestrank bekehrten die Märtyrer oft ihre Henker, als sie jene, die von Gott gestraft worden waren, durch ihre Gebete wieder zur Gesundheit brachten, wie aus dem Leben der hl. Agnes ersichtlich ist, die den Sohn des Präfekten, der sie angegriffen hatte, auferweckte; aus dem Leben der hll. Johannes und Paulus, die den Sohn des Präfekten Terentianus vom Dämon befreiten; aus dem Leben der hll. Laurentius und Pergentinus, die ihre erstarrten Henker durch Gebet wieder zu Kräften brachten; aus dem Leben des hl. Sabinus, der den Statthalter Venustianus heilte, der mit Augenschmerzen geschlagen war; aus dem Leben der hl. Potamiena, der hl. Christina, der hl. Anatolia, der hl. Eugenia, der Daria und sehr vieler anderer.


Vers 5: „Gott hat mich gesandt“

Beachte zweitens mit dem hl. Chrysostomus: Josef mindert hier die Sünde seiner Brüder, nicht durch das Schicksal oder die homerische Ate, das heißt die Göttin, von der die Heiden glaubten, sie bringe Übel und Schädliches, sondern durch die Vorsehung Gottes, der ihr Verbrechen auf die Herrlichkeit Josefs und auf ihr eigenes und das öffentliche Wohl hinordnete. Daher tröstet und ermahnt Josef sie, nicht zu trauern oder sich deshalb gegenseitig zu betrüben, da er selbst nicht trauert, sondern sich freut; daher spricht er:

5. „Gott hat mich gesandt“, gleichsam als wollte er sagen: Gott hat mich durch euer Verbrechen, durch das ihr mich verkauft habt, hierher gesandt und geleitet, damit ich eurer und anderer Hungersnot vorsorge; daher ist nicht so sehr eure Ungerechtigkeit gegen mich zu verurteilen, als vielmehr die Vorsehung und Barmherzigkeit der göttlichen Weisheit zu verkünden. So spricht der hl. Chrysostomus.


Vers 6: Die Hungersnot und der Nil

6. „Wird nicht gepflügt werden können“, außer nur auf wenigen Feldern, die am Nil liegen; denn die übrigen werden unfruchtbar sein, weil der Nil, der für Ägypten gleichsam Regen ist, nicht wie gewöhnlich über die Ufer treten noch die Felder befruchten wird.


Chronologische Anmerkung

„Denn es sind nunmehr zwei Jahre.“ Hieraus erhellt, daß dies geschah und daß die Brüder und ihr Vater Jakob im zweiten Jahr der Hungersnot nach Ägypten hinabzogen, als Jakob 130 Jahre alt war und Josef 39; denn im Alter von 30 Jahren wurde Josef zur Fürstenwürde erhoben: dann folgten sieben Jahre der Fruchtbarkeit und zwei der Hungersnot; er war also in diesem zweiten Jahr der Hungersnot 39 Jahre alt und folglich im 91. Jahr Jakobs geboren; denn ziehe 39 von 130 ab, so erhältst du 91, wie ich oben gesagt habe. Dies ist die Grundlage und der Schlüssel der Chronologie dieser Zeit: daher muß es häufig wiederholt werden.


Vers 8: Wille Gottes und menschliches Handeln

8. „Nicht durch euren Ratschluß, sondern durch den Willen Gottes bin ich hierher gesandt worden.“ „Durch den Willen“, das heißt, der meine Erhöhung vorherbestimmt und meinen Verkauf nur zugelassen hat, damit ich durch ihn erhöht würde: so Suárez und andere allgemein. Daher sagt er nicht: „Ihr habt mich gesandt“, weil ihr im Senden gesündigt habt; sondern: „Ich wurde gesandt“, weil Gott der Urheber des Leidens ist, ebenso wie meiner Geduld, mit der ich euer Verbrechen auf mich nahm und ertrug; jedoch ist Er nicht der Urheber eurer Handlung: denn diese war Sünde. So sagt Petrus über Christus in der Apostelgeschichte, Kapitel 2, Vers 23: „Diesen, der nach dem bestimmten Ratschluß und Vorauswissen Gottes dahingegeben war, habt ihr durch die Hände der Gottlosen ans Kreuz geschlagen und getötet.“ Denn Gott hatte das Leiden Christi beschlossen, nicht aber die Kreuzigung durch die Juden.

Denn, wie die Theologen sagen: „Die Handlung (der Juden) mißfiel, aber das Leiden (Christi) war Gott wohlgefällig.“


Vers 8: „Vater des Pharao“

„Der mich gleichsam zum Vater des Pharao gemacht hat.“ „Vater“, das heißt Lenker, Ratgeber, Gebieter. Denn Josef verwaltete alle Angelegenheiten des Pharao durch seinen Rat und seine Klugheit so, als wäre er dessen Vater gewesen. So sagt Vatablus. Ferner versorgte er das Getreide und die Vorräte für den ganzen Hof, ja für das ganze Reich des Pharao, als wäre er das Familienoberhaupt des ganzen Reiches gewesen. So nennt der König von Tyrus seinen vertrautesten Ratgeber, nämlich Hiram, seinen Vater, in 2 Chronik 11,13. Und Haman wird in Ester 13,6 der Vater des Artaxerxes genannt. Daher war „Vater des Königs“ ein Titel der Ehre und der höchsten Würde an den Höfen der Könige von Tyrus, Ägypten und Persien, ebenso wie es bei den Spaniern, Italienern und Franzosen den Haushofmeister gibt, den sie Mayordomo nennen, der die Vorräte und anderen Bedürfnisse des Hofes verwaltet, so wie ein Familienvater sein Haus verwaltet. So sagt Pineda, Buch 5, Über Salomon, Seite 197.

Schön sagt der hl. Chrysostomus in Homilie 64 in der Person Josefs: „Jene Knechtschaft hat mir diese Herrschaft erworben, jener Verkauf hat mich zu dieser Herrlichkeit erhoben; jene Drangsal war mir der Anlaß zu dieser Ehre; jener Neid hat mir diesen Ruhm hervorgebracht. Dies wollen wir nicht nur hören, sondern auch nachahmen und so jene trösten, die uns bedrängt haben, indem wir ihnen nicht anrechnen, was sie gegen uns verübt haben, und alles mit großem Wohlwollen ertragen, wie jener bewundernswerte Mann.“


Vers 9: Josefs Botschaft an Jakob

9. „Er läßt sagen“, das heißt, er gibt zu verstehen, verkündet, ersucht: denn Josef konnte seinem Vater nicht im eigentlichen Sinne befehlen und wollte es auch nicht.


Vers 11: „Damit nicht auch du zugrunde gehst“

11. „Damit nicht auch du zugrunde gehst.“ Auf hebräisch heißt es: pen tivvaresh, damit du nicht verarmst, das heißt, damit du nicht in Not und Hunger leidest und so zugrunde gehst. So der Chaldäer und Vatablus.


Vers 18: „Das Mark des Landes“

18. „Das Mark des Landes.“ Auf hebräisch heißt es: das Fett des Landes, das heißt die Feldfrüchte und die besten und reichsten Früchte des Landes.


Vers 22: „Zwei Festgewänder“

22. „Zwei Festgewänder.“ Auf hebräisch heißt es: Wechselkleider; also mindestens zwei, damit sie nämlich eines nach dem anderen von Zeit zu Zeit austauschen konnten. Denn die Mehrzahl umfaßt bei den Hebräern den Dual.

Beachte: Wechselkleider werden von den Hebräern schön und vortrefflich genannt, wie wir sie an Festtagen anlegen, wenn wir die billigeren Alltagskleider mit ehrenvolleren Festkleidern vertauschen: daher hat unser Übersetzer es mit „Festgewänder“ wiedergegeben.


Dreihundert Silberstücke

„Dreihundert Silberstücke.“ Dreihundert brabantische Gulden; denn der Silberschekel oder Stater galt und wog vier spanische Realen. Siehe hierzu weiter bei Exodus 30,43.


Vers 24: „Zankt nicht unterwegs“

24. „Zankt nicht unterwegs.“ Auf hebräisch heißt es: streitet nicht, nämlich indem einer dem anderen das gegen mich begangene Verbrechen vorwirft und ihn darob schmäht. So wie es kurz zuvor Ruben zu tun begonnen hatte, als er sprach: „Habe ich euch nicht gesagt: Versündigt euch nicht an dem Knaben? Und ihr habt nicht auf mich gehört. Siehe, sein Blut wird gefordert,“ Kapitel 42, Vers 22. So spricht der hl. Chrysostomus.

In moralischer Hinsicht sagt der hl. Ambrosius in seinem Buch Über Josef, Kapitel 13: „Er lehrt, daß die Zwietracht besonders auf der Reise zu meiden ist, wo die Gemeinschaft des Reisens selbst unverletzlich sein und die Gefährtenschaft der Gnade haben soll.“


Vers 26: „Wie einer, der aus tiefem Schlaf erwacht“

26. „Wie einer, der aus tiefem Schlaf erwacht.“ Bestürzt und betäubt, so daß er weder sprechen noch eine so große Sache verstehen oder begreifen konnte: denn so sind jene, die plötzlich erwachen; auf hebräisch heißt es: sein Herz erlahmte, das heißt, er empfing einen so großen Trost, daß vor Freude und Staunen sein Herz beinahe aussetzte, sein Lebensgeist erlosch, und er so beinahe in eine Ohnmacht fiel.


Vers 27: „Sein Geist lebte wieder auf“

27. „Sein Geist lebte wieder auf.“ Gleich der Flamme einer Lampe, die, im Erlöschen begriffen, wenn das Öl zur Neige geht, wieder auflebt, wenn Öl nachgegossen wird, sagt der hl. Chrysostomus. Daher liest er nach der Septuaginta: „Der Greis wurde wieder entflammt (das heißt, sagt er, ‚aus einem Greis wurde er jung‘), der Hochbetagte blickte auf das Land.“ In gleicher Weise kam Jakob, dessen Herz zuvor durch das Staunen über eine so unerwartete und unglaubliche Sache und die überaus erfreuliche Botschaft erlahmt war, Vers 26, nun, als er die Wagen und die ganze ihm von Josef gesandte Ausrüstung sah, wieder zu sich, glaubte der so erfreulichen Botschaft von Josefs Überleben und lebte so gleichsam wieder auf. Der Chaldäer übersetzt: Der Heilige Geist ruhte auf Jakob, ihrem Vater; denn, wie die Hebräer erklären, bleibt der Heilige Geist nicht in Menschen, die traurig, betrübt und melancholisch und daher stumpf und träge sind, sondern in den Munteren, Freudigen, Rüstigen, Tatkräftigen und Regsamen, wie Jakob nun wurde: und darum empfing er den prophetischen Geist, wie aus dem folgenden Kapitel, Vers 4, ersichtlich ist, dessen er bis dahin in seiner Trauer beraubt gewesen war. So sagen sie, soweit ihr Zeugnis gilt.


Vers 28: „Es ist mir genug“

28. „Es ist mir genug.“ Auf hebräisch: es ist mir viel, gleichsam als wollte er sagen: Ich freue mich überaus; diese so erfreuliche Botschaft übertrifft meine Wünsche und Hoffnungen; es gibt nichts weiter, was ich begehren oder wünschen könnte. „Nun hat jener junge Mann meinen Geist aufgerichtet und die Schwäche des Alters verscheucht und meine Vernunft gestärkt“, sagt der hl. Chrysostomus, Homilie 65.