Cornelius a Lapide
Inhaltsverzeichnis
Zusammenfassung des Kapitels
Josef stellt seinen Vater und seine Brüder dem Pharao vor, der ihnen das Land Goschen gibt. Zweitens, in Vers 15, verkaufen die Ägypter während der Hungersnot ihr Vieh und ihre Felder an Josef und den Pharao für Getreide. Drittens, in Vers 27, nimmt Jakob, sterbend, Josef den Eid ab, ihn in Kanaan zu begraben.
Text der Vulgata: Genesis 47,1–31
1. Und Josef ging hinein und berichtete dem Pharao und sprach: Mein Vater und meine Brüder, ihre Schafe und Rinder und alles, was sie besitzen, sind aus dem Lande Kanaan gekommen; und siehe, sie haben sich im Lande Goschen niedergelassen. 2. Er stellte auch fünf Männer aus den geringsten seiner Brüder vor den König; 3. den er fragte: Was ist euer Gewerbe? Sie antworteten: Deine Knechte sind Hirten von Schafen, wir und unsere Väter. 4. Wir sind gekommen, in deinem Lande als Fremdlinge zu wohnen, weil es keine Weide gibt für die Herden deiner Knechte, da die Hungersnot im Lande Kanaan schwer lastet; und wir bitten, daß du uns, deinen Knechten, gebietest, im Lande Goschen zu wohnen. 5. Der König sprach daher zu Josef: Dein Vater und deine Brüder sind zu dir gekommen. 6. Das Land Ägypten liegt vor dir; laß sie am besten Orte wohnen, und gib ihnen das Land Goschen. Und wenn du weißt, daß tüchtige Männer unter ihnen sind, so setze sie als Aufseher über mein Vieh. 7. Hierauf führte Josef seinen Vater zum König hinein und stellte ihn vor ihn, und dieser, ihn segnend, 8. wurde von ihm gefragt: Wie viele sind die Tage der Jahre deines Lebens? 9. Er antwortete: Die Tage meiner Pilgerschaft sind hundertdreißig Jahre, wenige und böse, und sie haben die Tage meiner Väter in der Zeit ihrer Pilgerschaft nicht erreicht. 10. Und nachdem er den König gesegnet hatte, ging er hinaus. 11. Josef aber gab seinem Vater und seinen Brüdern einen Besitz in Ägypten, am besten Orte des Landes, Ramses, wie der Pharao befohlen hatte. 12. Und er ernährte sie und das ganze Haus seines Vaters, indem er jedem Speise zuwies. 13. Denn in der ganzen Welt fehlte es an Brot, und die Hungersnot bedrückte das Land, besonders Ägypten und Kanaan. 14. Von diesen sammelte er alles Geld aus dem Verkauf des Getreides und brachte es in die Schatzkammer des Königs. 15. Und als den Käufern das Geld ausgegangen war, kam ganz Ägypten zu Josef und sprach: Gib uns Brot; warum sollen wir vor dir sterben, da uns das Geld ausgegangen ist? 16. Dem antwortete er: Bringt euer Vieh, und ich will euch Nahrung dafür geben, wenn ihr kein Geld habt. 17. Als sie dieses gebracht hatten, gab er ihnen Nahrung im Tausch für ihre Pferde und Schafe und Rinder und Esel; und er erhielt sie in jenem Jahre im Austausch für ihr Vieh. 18. Sie kamen auch im zweiten Jahr und sprachen zu ihm: Wir wollen es vor unserm Herrn nicht verbergen, daß, da unser Geld ausgegangen ist, auch unser Vieh dahin ist; und es ist dir nicht verborgen, daß wir außer unsern Leibern und unserm Lande nichts haben. 19. Warum sollen wir also vor deinen Augen sterben? Wir selbst und unser Land werden dein sein; kaufe uns in königliche Knechtschaft, und stelle Saat bereit, damit das Land nicht zur Wüste werde aus Mangel an Bebauern. 20. Josef kaufte daher das ganze Land Ägypten, da ein jeder sein Besitztum verkaufte wegen der Schwere der Hungersnot. Und er unterwarf es dem Pharao, 21. und alle seine Völker von den äußersten Grenzen Ägyptens bis zu seinen fernsten Enden, 22. ausgenommen das Land der Priester, welches ihnen vom König gegeben worden war; denen auch ein festgesetztes Maß an Speise aus den öffentlichen Speichern verabreicht wurde, und darum wurden sie nicht gezwungen, ihre Besitztümer zu verkaufen. 23. Josef sprach daher zu den Völkern: Siehe, wie ihr seht, besitzt der Pharao euch und euer Land; nehmt Saat und besäet die Felder, 24. damit ihr Ernten haben könnt. Den fünften Teil werdet ihr dem König geben; die vier übrigen Teile überlasse ich euch zur Aussaat und zur Nahrung für eure Familien und Kinder. 25. Sie antworteten: Unser Heil liegt in deiner Hand; möge unser Herr uns nur ansehen, und wir werden dem König mit Freude dienen. 26. Von jener Zeit an bis auf den heutigen Tag wird im ganzen Lande Ägypten der fünfte Teil den Königen gezahlt, und es ward gleichsam zu einem Gesetz, ausgenommen das Priesterland, welches von dieser Bedingung frei war. 27. So wohnte Israel in Ägypten, nämlich im Lande Goschen, und besaß es, und wuchs und vermehrte sich sehr. 28. Und er lebte darin siebzehn Jahre, und alle Tage seines Lebens waren hundertsiebenundvierzig Jahre. 29. Und als er den Tag seines Todes sich nahen sah, rief er seinen Sohn Josef und sprach zu ihm: Wenn ich Gnade in deinen Augen gefunden habe, so lege deine Hand unter meine Hüfte, und du sollst mir Barmherzigkeit und Treue erweisen, daß du mich nicht in Ägypten begrabest; 30. sondern ich will bei meinen Vätern schlafen, und du sollst mich aus diesem Lande hinausführen und in das Grab meiner Vorfahren legen. Dem antwortete Josef: Ich will tun, wie du befohlen hast. 31. Und er sprach: So schwöre mir. Und als er geschworen hatte, betete Israel Gott an, zum Haupte seines Bettes gewandt.
Vers 2: Fünf Brüder vor dem König
„Er stellte auch fünf Männer aus den geringsten seiner Brüder.” Im Hebräischen lautet es: „vom äußersten Ende seiner Brüder nahm er fünf Männer”, gleichsam als wollte man sagen: Josef hat unter seinen Brüdern nicht sorgfältig ausgewählt und diesen oder jenen aus der Mitte der Brüder bezeichnet, sondern die fünf genommen, die am Ende standen und am leichtesten zur Hand waren. So Vatablus. Zweitens deuten Lyranus, Abulensis und Thomas der Engländer „die geringsten” als die vortrefflichsten. Drittens verstehen die Hebräer, Oleaster, Hamerus und Pererius unter „den geringsten” die weniger ansehnlichen und im Aussehen niedrigeren; denn diese zeigte Josef dem Pharao, nicht aber die schöneren und anmutigeren, damit der Pharao sie nicht für seinen Hof oder sein Heer aushebe, was Josef nicht wollte, damit seine Brüder nicht in den Glauben und die Sitten der Ägypter getaucht würden. Der erste Sinn ist der einfachste und entspricht am besten der hebräischen Wendung.
Vers 4: Keine Weide für die Herden
„Es gibt keine Weide für die Herden.” Wenn es so in Kanaan war, warum nicht auch in Ägypten? Denn dies war eine allgemeine und weitverbreitete Dürre und Unfruchtbarkeit. Abulensis antwortet, daß der Fall Kanaans und Ägyptens verschieden sei, weil Ägypten durch viele Kanäle bewässert wird, die aus dem Nil abgeleitet sind, was Kanaan entbehrt. Der hl. Augustinus fügt in der Frage 160 hinzu, daß die Sümpfe Ägyptens von sich aus hinreichend feucht seien, so daß, je weniger der Nil überflutet, desto mehr jene Sümpfe an Gras überströmen; je mehr aber der Nil überflutet, desto weniger Gras sie hervorbringen.
Vers 6: Das Land Ägypten liegt vor dir
„Liegt vor dir”, gleichsam als wollte er sagen: Ich biete dir ganz Ägypten an; wähle, welchen Teil du für deinen Vater willst. „Setze sie als Aufseher über mein Vieh.” Philo und Josephus bezeugen, daß dies tatsächlich so geschehen sei.
Vers 7: Der König wird gesegnet
„Ihn segnend”, das heißt, den Pharao grüßend und ihm Gutes wünschend, indem er etwa sprach: „Der König lebe ewig; möge Gott dich bewahren und segnen.” Etwas Ähnliches kommt in Vers 10 vor. Siehe über diesen Ausdruck Martin de Roa, Buch 1 seiner Singularia, Kapitel 9.
Vers 9: Die Tage meiner Pilgerschaft
„Die Tage der Pilgerschaft meines Lebens”, weil Jakob häufig seinen Wohnsitz wechselte. Denn von Kanaan zog er nach Mesopotamien, und von dort zurückkehrend wanderte er wieder durch Kanaan, so daß sein ganzes Leben eine fortwährende Pilgerschaft gewesen zu sein scheint. Der hl. Augustinus und der hl. Hieronymus bemerken, daß die Gerechten in diesem Leben Pilger sind, weil sie den Himmel zur Heimat haben; umgekehrt werden die Sünder Bewohner der Erde genannt und sind es auch. Siehe die Bemerkungen zu Hebräer 11,13 und hier Kapitel 12,1 am Ende.
„Hundertdreißig Jahre.” In diesem 130. Jahre Jakobs war Josef 39 Jahre alt, Ruben 46, Simeon 45, Levi 44, Juda 43, wie aus dem in den Kapiteln 29 und 30 Gesagten hervorgeht. Hieraus zeigt sich wiederum, daß dieser Abstieg Jakobs nach Ägypten 215 Jahre nach der Berufung Abrahams aus Chaldäa nach Kanaan stattfand: denn als Abraham dorthin berufen wurde, war er 75 Jahre alt; im hundertsten Jahre Abrahams wurde Isaak geboren; Isaak zeugte in seinem sechzigsten Jahre Jakob; Jakob war beim Abstieg nach Ägypten 130 Jahre alt. Wenn du also zu diesen 130 Jahren Jakobs die 25 Jahre Abrahams bis zur Geburt Isaaks und die 60 Jahre Isaaks bis zur Geburt Jakobs hinzufügst, erhältst du die soeben genannten 215 Jahre.
„Wenige.” Im Hebräischen: „sie sind wenige”, nämlich wenn sie mit den weit zahlreicheren Jahren Isaaks, Abrahams, Terachs und meiner übrigen Vorfahren verglichen werden.
Moralisch lerne hier, wie kurz doch alle Länge dieses Lebens ist. Denn wir alle werden unter diesem Gesetz ins Leben geboren, daß wir, nachdem wir eine kurze Weile darin verweilt haben, sogleich scheiden müssen, und jener Ausspruch Davids zu Ittai mag hier Anwendung finden: „Gestern bist du gekommen, und heute wirst du gezwungen, mit uns hinauszuziehen.” Der hl. Augustinus fragt: Was ist das Leben anderes als ein Lauf zum Tode? Und der hl. Gregor von Nazianz: „Dieses Leben, das ich lebe, gleicht dem schnellsten Strom, der aufwärts entspringend stets in die Tiefe fließt.” Wiederum sagt er: „Von einem Grabe eile ich zu einem anderen Grabe”, das heißt, vom Schoß meiner Mutter strebe ich dem Grabe zu; ja selbst Seneca sagt im 59. Brief, daß jeden Tag irgendein Teil des Lebens hinweggenommen werde, und selbst wenn wir wachsen, nehme das Leben ab; diesen Tag, den wir leben, teilen wir mit dem Tode; sobald wir ins Leben eintreten, beginnen wir alsbald, durch eine andere Tür hinauszugehen. Gehet nun hin, ihr Sterblichen, häufet Reichtümer, Ehren, Güter an — morgen werdet ihr sterben.
„Böse”, das heißt, elend, mühevoll, voller Drangsal. So spricht Christus: „Es ist genug, daß ein jeder Tag seine eigene Plage habe”, das heißt, sein eigenes Elend. Denn, um anderes zu übergehen, mußte Jakob erstens wegen des Zornes seines Bruders Esau, der ihm nach dem Leben trachtete, sein Vaterland allein und als armer Mann verlassen und nach Haran fliehen. Zweitens diente er in Haran zwanzig Jahre lang dem Laban aufs härteste, Genesis 31. Drittens wurde er von großer Furcht ergriffen und mühte sich sehr ab, den ihm mit 400 Männern entgegenkommenden Esau zu besänftigen, Genesis 32. Viertens wurde er durch die Schändung Dinas und das von seinen Söhnen an Sichem verübte Blutbad betrübt, und fürchtete, er werde von den anstürmenden Kanaanitern überwältigt, Genesis 34. Fünftens traf ihn der Tod Rahels. Sechstens betrübte ihn die Blutschande Rubens mit seinem Weibe Bilha, Genesis 35. Siebentens quälte ihn Josef, verkauft und 23 Jahre lang verloren, auf wunderbare Weise. Achtens verwundeten Simeon, der im Kerker festgehalten wurde, und Benjamin, der nach Ägypten fortgeführt wurde, seine Seele. Neuntens mußte er wegen der Not der Hungersnot, bereits greisenhaft, aus Kanaan, das ihm und seinen Nachkommen verheißen war, nach Ägypten ziehen, das ihm und seinen Vätern verhaßt war, und er trauerte.
Vers 10: Er segnete den König und ging hinaus
„Nachdem er den König gesegnet hatte”, das heißt, nachdem er den König gegrüßt und ihm Lebewohl gesagt hatte; denn „segnen” heißt hier grüßen und Lebewohl sagen, wie ich zu Vers 7 gesagt habe. So segnete Joab, das heißt, sagte Lebewohl dem David, 2 Könige 14,21. So gebietet in 4 Könige 4,29 Elischa dem Gehasi, unterwegs niemanden zu grüßen, wo das Hebräische hat: „niemandem zu segnen”; denn wenn wir beim Abschied „Lebewohl” sagen, so segnen wir gleichsam durch eben diese Tat, indem wir gute Gesundheit wünschen, den andern; denn „segnen” heißt Gutes wünschen oder Gutes und Glückliches erbitten.
Vers 11: Ramses
„Ramses.” In jener Gegend von Goschen, in welcher die Israeliten später eine Stadt erbauten, die sie Ramses nannten. So der hl. Hieronymus.
Vers 13: Die ganze Welt hatte kein Brot
„Die ganze Welt.” Ein großer Teil der Welt, nämlich der ganze Osten, der gleichsam die Welt Kanaans und Ägyptens ist, indem er sie umgibt und umschließt. Es ist eine Hyperbel. Im Hebräischen heißt es „vom ganzen Land”, was Vatablus zu Unrecht auf das Land Ägypten allein beschränkt.
Vers 14: In die Schatzkammer des Königs
„Er brachte es in die Schatzkammer”, wobei er nichts davon für sich zurückbehielt, sagt Philo. Sieh, wie fremd Josef der Veruntreuung unserer Zeit war und wie er nicht seinen eigenen Vorteilen, sondern dem Gemeinwohl ergeben war.
Vers 15: Gib uns Brot
„Brot”, das heißt, Getreide, aus dem wir Brot backen.
Vers 18: Das zweite Jahr
„Das zweite Jahr”, nach dem Herbeibringen und Verkaufen des Viehes, welches das vierte oder fünfte Jahr seit Beginn der Hungersnot war.
Vers 19: Kaufe uns in die Knechtschaft
„Kaufe uns in die Knechtschaft.” Denn wegen der Hungersnot war es erlaubt, nicht nur sich selbst, sondern auch die eigenen Kinder in die Knechtschaft zu verkaufen.
Vers 22: Die Befreiung der Priester
„Stelle Saat bereit.” Also konnte zu jener Zeit noch etwas gesät werden, nämlich auf den dem Nil anliegenden Feldern.
„Ausgenommen das Land der Priester.” Beachte: Diese Steuerbefreiung wurde seinen Götzenpriestern vom Pharao gewährt, wie der Hebräer, der Chaldäer und die Septuaginta ausdrücken, nicht von Josef, einem Verehrer des einen wahren Gottes, wie Theodoret behauptet; es sei denn, du sagtest, Josef habe sie ihnen gewährt, nicht insofern sie Priester der Götzen waren, sondern insofern sie Philosophen und Meister der Weisheit und der Astrologie waren; und darum enthielten sie sich ihr ganzes Leben lang des Fleisches, des Weines, der Eier, der Milch, der Ehe und aller weltlichen Geschäfte, wie der hl. Hieronymus im ersten Buch Gegen Jovinian sagt. Vielleicht lehrte Josef sie auch die wahre Verehrung des einen Gottes, wie es der Psalmist andeutet, Psalm 104,22. Beachte diese Stelle hinsichtlich der Steuerfreiheit der wahren Priester Christi: denn wenn der Pharao dies seinen heidnischen Priestern gewährte, wie sollte ein christlicher König und Fürst es nicht den Priestern Christi gewähren? Denn deren Ehre oder Verachtung gehört Gott selbst an, und was ihnen erwiesen wird, wird Gott erwiesen, der reichlich dafür vergelten und die Fürsten belohnen wird, sagt der hl. Chrysostomus, Homilie 65.
Tropologisch sagt Origenes: Die Priester Gottes lieben es, ihren Teil im Himmel zu empfangen und die irdischen Dinge zu verwerfen; die Priester des Pharao aber haben ihren Teil auf Erden.
Vers 23: Nehmt Saat und säet
„Josef sprach daher”, im siebten und letzten Jahre der Unfruchtbarkeit, damit sie für das folgende Jahr säen möchten, wenn die Fruchtbarkeit zurückkehren würde; so Philo, der auch hinzufügt, daß Josef Aufseher einsetzte, die darauf achten sollten, daß jener Teil zur Aussaat verwendet würde, damit niemand ihn als Speise verzehre.
Vers 25: Unser Heil liegt in deiner Hand
„Unser Heil liegt in deiner Hand.” Im Hebräischen heißt es: „du hast uns das Leben gegeben” (du hast unser Leben durch deine Speise erhalten), „mögen wir Gnade finden in den Augen unseres Herrn” (in deinen Augen, o Josef), „daß wir Knechte des Pharao sein mögen.” Gleichsam als wollten sie sagen: Du bist der Urheber und Erhalter unseres Lebens; du hast uns ins Leben zurückgeführt; zum Dank daher für diese Speise und dieses Heil bieten wir uns dir und dem Pharao als Knechte an; ja, wir werden es sogar als eine große Wohltat betrachten, wenn du uns in die Knechtschaft aufnimmst und folglich in deine Obhut und Fürsorge, du sowohl als auch der Pharao, der durch dich uns in dieser Hungersnot so vorsorglich und gütig versorgt hat, daß es besser ist, ihm zu dienen, von ihm regiert zu werden und von ihm abzuhängen, als unsere eigene Freiheit zu genießen, uns selbst zu regieren und für uns und das Unsrige zu sorgen; damit wir nicht wiederum in eine Hungersnot oder in ein ähnliches Unglück fallen.
Vers 26: Der fünfte Teil den Königen
„Es ward gleichsam zu einem Gesetz.” Diese königliche Abgabe, die von Josef eingesetzt wurde, erlangte die Kraft eines ewigen Gesetzes. So der Hebräer, der Chaldäer und der Grieche, gleichsam als wollten sie sagen: Josef führte einen Brauch ein, der auch heute noch als Gesetz fortbesteht, daß ein fünfter Teil der Ernte den Königen Ägyptens gezahlt wird. Sieh, wie gerecht und milde Josef mit seinen Untertanen verfährt; heute fehlt es nicht an Tyrannen, die ohne Rechtsgrund mehr als die Hälfte fordern und erpressen. Überdies hat Gott dies so eingerichtet, um die Wohltat des Pharao zu belohnen, die dieser dem gerechten greisen Jakob und seinen Söhnen erwiesen hatte.
Moralisch mögen die Räte und Beamten der Fürsten von Josef lernen, daß sie nicht ihren eigenen Vorteilen, sondern denen des Gemeinwesens und ihrer Fürsten ergeben sein müssen. Denn Josef, obgleich er der Fürst Ägyptens war, weigerte sich, sich zu bereichern oder seinen Vater und seine Brüder zu hohen Ämtern zu erheben, obwohl er dies leicht und ohne Mißgunst hätte tun können und der Pharao es auch wünschte; und dies, um zu zeigen, wie treu er das Gemeinwesen verwaltete und wie fremd er der Habsucht und der privaten Selbst- und Familienliebe war. Er wollte daher, daß sie in demselben Beruf und Stand blieben, an den sie gewöhnt waren, und Schafhirten seien und ihren Lebensunterhalt durch eigene Arbeit und Sorge erwerben sollten. Die Prälaten unserer Zeit mögen dieses Beispiel betrachten, jene, die, wenn sie aus niedrigem Stand in einen hohen erhoben werden, ihre Neffen und Verwandten mit sich hinaufheben wollen, so daß sie mehr private als öffentliche Geschäfte zu führen scheinen, und die Reichtümer der Kirche nicht als Kircheneigentum, sondern als ihr eigenes verwalten und sie zum Gebrauch und wahrlich zum Luxus ihrer selbst und ihrer Familie umwenden. Welche Rechenschaft werden diese Christus dem Herrn über ihre Verwaltung am letzten und großen Tage der Welt ablegen!
Ein solcher war unter den Römern Marcus Attilius Regulus, der, obwohl er den höchsten Staatsgeschäften vorgestanden hatte, dennoch so arm blieb, daß er sich, seine Frau und seine Kinder auf einem kleinen Landgut erhielt, das von einem einzigen Knecht bebaut wurde; auf die Nachricht von dessen Tod schrieb Regulus an den Senat um einen Nachfolger, da mit dem Tode des Knechtes seine Angelegenheiten verlassen seien und seine eigene Anwesenheit notwendig sei. Man berichtet, daß Publius Scipio Africanus der Jüngere in den 54 Jahren, die er lebte, nichts gekauft, nichts verkauft, nichts gebaut habe; und in einem großen Nachlaß nur 33 Pfund Silber und zwei Pfund Gold hinterließ, obwohl Karthago unter seinem Befehl erobert worden war und die Soldaten von ihm allein unter allen Feldherrn bereichert worden waren. So Aelian, Buch 11. Aristides, Sohn des Lysimachus, der viele hervorragende Taten zu Hause und im Kriege vollbracht und den Griechen den Tribut auferlegt hatte, hinterließ nach seinem Tode nicht genug, um die Kosten seines Begräbnisses zu decken. So Aelian an derselben Stelle. Ein solcher war der selige Thomas More, wie aus seinem Leben von Stapleton hervorgeht. Dem Epaminondas sandte Artaxerxes ein großes Gewicht an Gold, um ihn für seine Seite zu gewinnen; er aber sprach zu den Gesandten: „Es bedarf des Geldes nicht; denn wenn der König das will, was meinen Thebanern nützlich ist, so bin ich bereit, es unentgeltlich zu tun; wenn aber das Gegenteil, so hat er nicht genug Gold, denn ich weigere mich, die Reichtümer der ganzen Welt im Austausch für die Liebe zu meinem Vaterland anzunehmen. Euch, die ihr mich versucht habt, ohne mich zu kennen, und mich euch ähnlich glaubtet, darüber wundere ich mich nicht und verzeihe euch. Geht aber schnell hinweg, damit ihr nicht andere verderbt, da ihr mich nicht verderben konntet; sonst werde ich euch dem Richter übergeben.” Probus ist der Zeuge in seinem Leben. Derselbe Epaminondas lud, als Gesandte Geschenke brachten, um ihn zu bestechen, sie zum Essen ein; ein ärmlicher Tisch wurde gedeckt und saurer Wein; dann sprach Epaminondas: „Geht, und berichtet eurem Herrn von meinen Mahlzeiten, durch die er mich, da ich mit ihnen zufrieden bin, nicht leicht mit seinen Geschenken zum Verrat verführen wird.”
Vers 27: Israel wohnte in Ägypten
„Israel”, das heißt, Jakob.
Vers 28: Die Zeitrechnung des Lebens Jakobs
„Hundertsiebenundvierzig.” Beachte: Dies ist die Zeittafel des Lebens Jakobs. Erstens wurde Jakob im Jahre der Welt 2109 geboren, 432 Jahre nach der Sintflut. Zweitens blieb Jakob im Hause seines Vaters bis zu seinem 77. Jahre, in welchem er Esau die Erstgeburt entriß; und darum floh er, aus Furcht vor dessen Nachstellungen, nach Haran. Drittens empfing er in Haran, nach den sieben Jahren, die er dem Laban diente, seine Frauen Lea und Rahel. Von Lea zeugte er Ruben in seinem 84. Jahre, Simeon in seinem 85., Levi im 86., Juda im 87., Josef im 91. Viertens diente Jakob, nachdem er Josef und alle seine Kinder außer Benjamin gezeugt hatte, dem Laban weitere sechs Jahre um der Herden willen, so daß er insgesamt 20 Jahre in Haran war und diente; als diese in seinem 97. Jahre vollendet waren, kehrte er nach Kanaan zurück. Fünftens zeugte Jakob in seinem 107. Jahre Benjamin, bei dessen Geburt Rahel starb. Sechstens ereignete sich um das 88. Jahr Jakobs die berühmte Flut des Ogyges, durch welche das Land Attika so verwüstet wurde, daß es 199 Jahre lang bis zu Kekrops ohne König und fast öde war; worüber siehe Eusebius, Buch 10 der Vorbereitung, letztes Kapitel, und den hl. Augustinus, Buch 18 des Gottesstaates, Kapitel 18, wo der hl. Augustinus auch ein anderes Wunderzeichen derselben Zeit hinzufügt, nämlich daß der Stern Venus seine Farbe, Größe, Gestalt und Bahn geändert habe. Siebentens wurde Josef in seinem 16. Jahre verkauft, im 107. Jahre Jakobs. Denn der Vater betrauerte ihn 23 Jahre lang als tot, nämlich bis zu seinem 130. Jahre, als er, durch Josef zusammen mit seinen Söhnen gerufen, aus Kanaan nach Ägypten hinabzog. Achtens starb Isaak, als Jakob in seinem 120. Jahre war. Neuntens starb Jakob in seinem 146. Jahre, als Josef 56 Jahre alt war, nämlich im Jahre der Welt 2256. Zehntens ging der Tod Jakobs dem Auszug der Hebräer aus Ägypten um 197 Jahre und der Geburt Moses um 118 Jahre voraus. Schließlich wurde, während Jakob in Ägypten lebte, der heilige Ijob geboren, ein Spiegel der Geduld.
Vers 29: Lege deine Hand unter meine Hüfte
„Lege deine Hand unter meine Hüfte.” Ich habe diesen Schwurritus in Kapitel 24, Vers 2 besprochen.
„Du sollst mir Barmherzigkeit und Treue erweisen.” „Barmherzigkeit” bezeichnet die Gnade und eine unentgeltliche Gunst; „Treue” bezeichnet die Zuverlässigkeit und das getreue Gewähren und Vollziehen der Gunst, gleichsam als wollte er sagen: Du wirst mir diese Gnade gewähren, daß du mich nicht hier, sondern in Kanaan begräbst, und du wirst es treu und wahrhaftig ausführen.
Verse 29–30: Begräbnis in Kanaan
„Daß du mich nicht in Ägypten begrabest, sondern ich bei meinen Vätern schlafen möge.” Josef wünschte dasselbe für sich selbst und befahl, es nach seinem Tode zu tun, Kapitel 50, Vers 21. Der Grund dieses Wunsches war erstens, weil Jakob im heiligen Lande begraben sein wollte, in welchem allein der Gottesdienst sein sollte, unter seinen heiligen Vorfahren, nämlich mit Isaak und Abraham, in Hebron. Sieh, welch große Sorge die Alten für ihr Begräbnis hatten, und wie wünschenswert es ist, unter den Heiligen begraben zu werden. Zweitens wollte Jakob in Kanaan begraben sein, um die Herzen seiner Nachkommen von den Reichtümern und Lastern Ägyptens zu lösen und ihnen eine feste Hoffnung auf die Rückkehr und Befreiung aus Ägypten und auf den Empfang des verheißenen Landes, nämlich Kanaans, zu geben. So Theodoret, der hl. Chrysostomus, Rupert. Drittens wollte er dies, damit unter seinen Nachkommen, die in Kanaan wohnen würden, diese Gräber seiner selbst und der Väter lebendige Denkmäler und zugleich Antriebe ihres Glaubens, ihrer Frömmigkeit und ihrer Tugend seien. Viertens wußte Jakob, daß Christus in Kanaan geboren werden, sterben und auferstehen würde; daher wollte er dort begraben sein, damit er mit Christus auferstehe. So Lyranus, Abulensis und andere. Daher wird, wie Abulensis sagt, von allen Katholiken geglaubt, daß unter den anderen, die mit Christus am Ostertage auferstanden, auch Jakob auferstand.
Der hl. Augustinus fügt tropologisch hinzu, daß Jakob die Vergebung der Sünden, sowohl seiner eigenen als auch derjenigen des ganzen Menschengeschlechtes, durch den in Kanaan zu erleidenden Tod Christi begehrte; daher wollte er dort begraben sein. Aus einem ähnlichen Grunde wollten der hl. Hieronymus, die hl. Paula und viele andere Heilige in Kanaan leben und sterben, nämlich in Bethlehem. Schließlich wollten die Patriarchen in Kanaan begraben sein, um an den Gebeten und Opfern teilzuhaben, die dort dargebracht wurden; denn sie glaubten an das Dasein des Fegefeuers.
Anagogisch sagt Rupert: Jakob gab, als Toter, den Lebenden ein Beispiel, daß sie in Hoffnung auf das himmlische Vaterland das Unterpfand des ewigen Erbes lieben sollten, gleichsam als wollte er sagen: Jakob wollte in Kanaan begraben sein, damit seine Nachkommen den Himmel ersehnten, dessen Vorbild Kanaan war.
„In dem Grab meiner Vorfahren”, in der doppelten Höhle von Hebron, worüber siehe Kapitel 23,17. Daher pflegten die Gläubigen seit alten Zeiten unter den Gläubigen und den Heiligen an heiligen Orten begraben zu werden. Höre den hl. Dionysius, Kirchliche Hierarchie, Kapitel 7: „Wenn dies geschehen ist”, sagt er, „legt der Bischof den Leib an den würdigsten Ort, bei anderen heiligen Leibern seines Standes.” Und der hl. Klemens von Rom, Buch 6 der Apostolischen Konstitutionen, Kapitel 30: „Versammelt euch”, sagt er, „auf den Friedhöfen, indem ihr die heiligen Bücher in ihnen lest und Psalmen für die Entschlafenen singt.” Daß diese gewöhnlich von Priestern geweiht wurden, lehrt der hl. Gregor von Tours, Über die Herrlichkeit der Bekenner, Kapitel 106. Sie werden koimeterion genannt, das heißt, Schlafstätten, weil in der Heiligen Schrift gesagt wird, daß die Gläubigen nach dem Tode in ihnen schlafen, um am letzten Tag des Gerichtes auferweckt zu werden, wie der hl. Augustinus bezeugt, Brief 122. Der hl. Cyprian, Buch 1, Brief 4, tadelt einen gewissen Martialis, weil er seine Söhne nach der Art der fremden Völker „in entweihten Gräbern” beigesetzt habe. Durch eben diese Tatsache deutet er an, daß es schon damals heilige Begräbnisstätten für die Christen gab. Daß die Gläubigen oft in den Kirchen begraben wurden, bezeugen der hl. Ambrosius, Buch 1 Über Abraham, Kapitel 3; der hl. Hieronymus, im Leben der hl. Paula und der Fabiola; der hl. Augustinus, im Buch Über die Sorge für die Toten, Kapitel 1.
Vers 31: Er betete Gott an, zum Haupt seines Bettes gewandt
„So schwöre.” Jakob mißtraut nicht dem Wort Josefs, sondern verlangt einen Eid, damit Josef diesen als Vorwand vor dem Pharao benutzen könne, falls dieser den Leib Jakobs in Ägypten zurückbehalten wollte. So Rupert. Abulensis fügt hinzu: Jakob wußte, sagt er, daß Josef, wenn er ihn nicht so streng gebunden hätte, beabsichtigte, ihm in Ägypten ein kostbares und denkwürdiges Grabmal zu errichten. Daher verlangt er einen Eid von ihm, damit er, sich durch diesen gebunden fühlend, jenen Plan gänzlich aufgebe und ihn bescheiden im angestammten Grabe der Väter in Kanaan begrabe. Sieh hier und ahme nach die Bescheidenheit Jakobs und seine Liebe zur Einfachheit.
„Zum Haupt seines Bettes gewandt.” So übersetzen auch Aquila und Symmachus. Nun wandte sich Jakob zum Haupt des Bettes in die Richtung Josefs, weil dieses nach Osten gerichtet war, wohin sich diejenigen, die anbeten, zu wenden pflegen, und weshalb die Altäre nach Osten hin gebaut werden; oder, wie Lyranus meint, weil dieses Haupt des Bettes dem verheißenen Lande zugewandt war, wohin sich die Anbeter wenden, wenn sie außerhalb desselben sind, wie aus Daniel 6,10 und 3 Könige 8,44 hervorgeht. So auch Ribera zu Kapitel 11 des Hebräerbriefes, Abulensis und andere hier.
Du wirst sagen: Wie übersetzen dann die Septuaginta und aus ihnen der hl. Paulus: „Jakob betete die Spitze seines Stabes an”, das heißt, das Zepter Josefs? Ich antworte: Dies kam daher, daß das hebräische Wort mittah, wenn du es als mitta liest, ein Bett bedeutet; wenn du aber mit anderen Vokalzeichen matte liest, dann bedeutet es einen Stab. Es kann hier auf beide Weisen gelesen werden, und sowohl diese Lesart als auch Übersetzung sind kanonisch. Jakob tat daher beides: nämlich, nachdem er seinen Wunsch erlangt hatte und über das ihm von Josef gegebene Versprechen, ihn in Kanaan bei seinen Vätern zu begraben, freudig war, dankte er ihm und „betete an”, das heißt, er verneigte sich und erwies Ehrfurcht und verehrte das Zepter, das heißt, die königliche Macht Josefs, die ihm vom Pharao, oder vielmehr von Gott, gegeben war.
Zweitens und in echterem Sinn betete Jakob, indem er Gott dankte, Ihn an und pries Ihn, weil Er Josef diese Macht und auch diese Absicht gegeben hatte, ihn in Kanaan zu begraben; daher wandte er sich zum Haupt des Bettes, entweder weil dieses Haupt nach Osten gerichtet war, oder weil es dem Lande Kanaan zugewandt war, wie ich gesagt habe. Ich habe diesen Gegenstand ausführlicher bei Hebräer 11,21 behandelt.
Sieh hier den Traum Josefs erfüllt, Kapitel 37, Vers 9, daß sein Vater und seine Mutter ihn anbeten würden. Du wirst sagen: Rahel, seine Mutter, war längst gestorben, nämlich bevor Josef von seinen Brüdern verkauft wurde, wie aus Kapitel 35, Vers 19 hervorgeht. Daher konnte sie ihn nicht anbeten. Der hl. Chrysostomus antwortet, daß eine Frau im bürgerlichen Sinne mit ihrem Manne als eine Person gerechnet wird, nach jener Stelle in Genesis 2: „Die zwei werden ein Fleisch sein.” Wenn daher der Mann anbetet, so wird auch die Frau als eine gerechnet, die den Sohn anbetet. „Denn wenn der Vater dies tat”, sagt er, „um wieviel mehr hätte sie es getan, wäre sie nicht aus diesem Leben entrissen worden.” Füge hinzu, daß Rahel Bilha an ihre Stelle gesetzt hatte, die Josef anbetete, wie ich zu Kapitel 37, Vers 9 gesagt habe.